Liebesträume - Gisa Pauly - E-Book

Liebesträume E-Book

Gisa Pauly

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Beschreibung

Klaviermusik klingt durch die Nacht – doch der Platz am Fügel ist leer, die 'Liebesträume' erklingen vom Tonband. Warum? Wo ist Hartwig Schramm, der täglich gewissenhaft die 'Liebesträume' übt? Das fragt sich Hauptkommissar Ingo Schell, der den Mord an Hartwigs Frau zu untersuchen hat, und das fragt sich auch seine Frau Romy, die gerade eine Privat-Detektei eröffnete: 'Romy Schell – diskret und schnell!'. Wagemutig mischt sie sich in die polizeilichen Ermittlungen ein, natürlich gegen den Wunsch ihres Mannes, aber unterstützt von dem attraktiven Rechtsanwalt Maximilian Schneider. Und ihre Untersuchungen bringen ein unglaubliches Geheimnis an den Tag …

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ASCHENDORFFCRIMETIME

GISA PAULY

LIEBESTRÄUME

KRIMINALROMAN

Aschendorffs EPUB-Edition

Vollständige Ebook-Ausgabe des im Aschendorff Verlag GmbH & Co. KG erschienenen Werkes

Originalausgabe

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Speicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Copyright © 2004/2012 Aschendorff Verlag GmbH & Co. KG, Münster

ISBN der Ebook-Ausgabe: 978-3-402-19667-0

ISBN der Druckaugabe: 978-3-402-03443-9

Sie finden uns im Internet unter

www.aschendorff-buchverlag.de

Inhalt

 

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„Verdammt, Leo! Mir reicht’s!“

Ich war so wütend, dass ich beinahe mit dem Fuß aufgestampft, mir die Haare gerauft hätte oder mich zu Reaktionen hätte hinreißen lassen, die für ein paar Minuten zwar Erleichterung verschaffen, aber dann für lebenslange Reue sorgen. Schrecklich, wenn man für die Wut kein Ventil findet, weil eine Ohrfeige sinnlos ist und beleidigtes Schweigen nichts bringt.

„Du bist wie alle Männer, Leo! Launisch und unberechenbar! Warum nur halte ich es seit so vielen Jahren mit dir aus? Ich muss verrückt sein, dass ich mich noch nicht von dir getrennt habe! Wo es doch mit dir nur Ärger gibt! Immer, wenn es darauf ankommt, tust du nicht das, was man von dir erwartet. Das, wofür du schließlich da bist!“

Nun konnte ich doch nicht anders. Ich trat Leo mit voller Wucht in die Seite. Aber was brachte es mir ein? Eine verschrammte Schuhspitze und einen schmerzenden Zeh. Leo selbst blieb stehen, wie er stand, so, als ginge ihn das alles nichts an. Es war zum Auswachsen! Wie kam ich jetzt pünktlich nach Amelsbüren?

„Man sollte dich auf dem Schrottplatz abgeben“, knurrte ich Leo an. „Vielleicht kämst du dann zur Besinnung. Anscheinend werdet ihr Männer ja erst vernünftig, wenn ihr merkt, dass es ernst wird. Statt vor vier Wochen noch dreihundert Euro für eine Reparatur zu bezahlen, hätte ich einen Kredit für deinen Nachfolger aufnehmen sollen.“

Aber ich spürte, dass meine Wut allmählich schlapp und müde wurde. Ein letzter Fausthieb auf die Motorhaube, dann ließ ich von Leo ab. Es hatte ja doch alles keinen Sinn. Leo war nicht besser als jeder andere Mann: Je mehr man sich aufregte, desto weniger erreichte man.

Ich war die Weseler Straße stadtauswärts gefahren. Am Schloss und am Aasee vorbei, dann durch den Ludgerikreisverkehr in die Hammer Straße. Schon in der Nähe des Preußenstadions war es mit Leos Laune bergab gegangen. Er nahm das Gas nicht mehr richtig an, wurde langsamer, bockte einige Male, wog mich dann aber wieder für ein paar Kilometer in Sicherheit. Doch als ich in Hiltrup rechts abbog in Richtung Amelsbüren, wurde mir klar, dass an diesem Tag mit Leo nicht zu spaßen war. Wenn Ingo sich ähnlich verhielt, konnte ich immer davon ausgehen, dass er mal wieder bis zum Halse in einem Flirt steckte und mir die Schuld dafür geben wollte, in Versuchung geraten zu sein. Aber Leo war leider nicht so leicht zu durchschauen wie ein Ehemann. Dass mein uraltes Cabrio sich in einen flotten BMW verliebt hatte, war ziemlich unwahrscheinlich. Dennoch verhielt Leo sich so wie ein gemeiner Kerl, der die Ängste und Schwächen seiner Ehefrau genau kennt: Er ließ mich ausgerechnet in dem Augenblick im Stich, als die Bebauung geendet hatte und alle Autofahrer aufs Gas traten, weil sie von nun an siebzig Stundenkilometer statt nur fünfzig fahren durften. Wer war dann schon bereit, den Fuß wieder auf die Bremse zu setzen und an den Straßenrand zu fahren, um einer hilflosen Frau zu helfen?

Ich entschloss mich, Leos Motorhaube zu öffnen, damit kein vorüberbrausender Autofahrer sein schlechtes Gewissen damit besänftigen konnte, dass ich wohl nur zum Zeitvertreib neben meinem Cabrio stand oder um die Autos zu zählen, die zwischen Hiltrup und Amelsbüren hin und her fuhren. Ohne dadurch klüger zu werden, betrachtete ich Leos Innenleben. Wie lange musste ich noch warten? Normalerweise konnte doch kein Mann widerstehen, wenn er die Chance hatte, eine Frau von seinen technischen Fähigkeiten zu überzeugen. Wenn es um Autos, Computer und defekte Glühbirnen ging, genoss jeder Mann seine Überlegenheit! Das wussten die Frauen schon, als es noch um Pferdewagen, Kaminholz und Weidezäune ging. Und sicherlich setzten sie schon damals ihre weiblichen Reize ein, um nicht selbst die Pferde anspannen, zur Axt greifen oder bei Nacht und Nebel den Zaun instandsetzen zu müssen, damit die Rinderherde dort blieb, wo sie hingehörte. Nein, so etwas war Männersache! Genauso wie das Flottmachen eines bockenden alten Autos.

Aber was war nun mit den weiblichen Reizen? Diese Sache sollte man vielleicht ernster nehmen, wenn man einen Wagen in Leos Alter fuhr. Ich hatte mich zwar ordentlich angezogen, denn ich wollte bei dem Rechtsanwalt, der mir mein Erbe aushändigen würde, einen guten Eindruck machen. Aber weibliche Reize? Meine Jeans konnten mit keinem Minirock konkurrieren, wo eine verführerische Lockenmähne einen Mann um den Verstand brachte, gab es bei mir nur einen raspelkurzen Haarschnitt und meine Oberweite war nicht der Rede wert. Ein tiefer Ausschnitt hätte also sowieso nichts gebracht.

Seufzend beugte ich mich über Leos stummen Motorblock, obwohl ich wusste, dass mir jeder Hinweis auf einen Defekt verborgen bleiben würde. Ob ich doch den Rat meines Sohnes beherzigen und mir ein Handy zulegen sollte? Dann könnte ich in Notlagen wie dieser Hilfe herbeitelefonieren und außerdem den Rechtsanwalt Maximilian Schneider anrufen, um ihm zu erklären, warum ich nicht pünktlich sein konnte. Aber andererseits wusste ich natürlich, dass sich das Handy, zu dem Christopher mir seit langem riet, häufiger in seiner Schultasche als in meinem Auto aufhalten würde. Und wenn ich an die horrenden Kosten dachte, glaubte ich trotz allem, dass ich bisher richtig entschieden hatte. Eine Frau, die von ihrem Mann verlassen worden war und mit einem geringen, noch dazu widerwillig gezahlten Unterhalt auskommen musste, sollte sich vor leichtsinnigen Anschaffungen hüten. Erst recht dann, wenn sie ein unzuverlässiges Auto besaß.

Erleichtert richtete ich mich auf. Endlich die Geräusche, auf die ich lange gewartet hatte! Quietschende Bremsen, ein ersterbender Motor, eine Autotür, die ins Schloss fiel. Mein Retter! Schnell schminkte ich mir einen Hauch Hilflosigkeit auf und überpuderte sie mit einem vagen Versprechen – dann blickte ich um die Motorhaube herum. Fest entschlossen, selbst den Glöckner von Notre Dame attraktiv zu finden, sofern er Kenntnisse im Kfz-Wesen und jede Menge Hilfsbereitschaft besaß.

Die Person, die sich auf Leo zubewegte und ihn mit Kennermiene betrachtete, war wirklich äußerst attraktiv. Sie hatte blonde Locken wie ein Engel, trug einen teuflisch kurzen Rock und ein T-Shirt, dessen Ausschnitt sowohl im Himmel als auch in der Hölle für Aufsehen gesorgt hätte. Kurzum – ein sensationeller Anblick!

Aber ich war trotzdem enttäuscht. „Wirklich nett, dass Sie anhalten“, begrüßte ich die Superfrau. „Angenehme Gesellschaft beim Warten auf einen Kfz-Mechaniker ist nicht zu verachten. Und zwei Frauen locken vielleicht schneller einen an als eine einzige.“ Vor allem, wenn sie so atemberaubende Beine hat, setzte ich in Gedanken hinzu.

Der blonde Engel lächelte nur und nickte zu Leo hinüber: „Was macht der alte Herr?“

Ich gab ihr einen Pluspunkt, weil sie immerhin unverzüglich Leos Geschlecht erkannt hatte, und antwortete: „Nichts! So was kommt bei Leo öfter vor. Man kennt das ja. Männer sind unberechenbar.“

Sie nickte, als wüsste sie genau, wovon ich sprach, und sagte: „Aber wir lassen uns doch von ihnen nichts mehr gefallen, oder?“

Dieser Satz gefiel mir. Obgleich er mich nicht davon überzeugte, dass diese Einstellung etwas an meiner Misere ändern konnte. Aber als die Frau mit einer Miene die Fahrertür öffnete, die ich sonst nur auf männlichen Gesichtern sah, schwante mir etwas. Hier hatte ich anscheinend ein weibliches Wesen vor mir, das mir mehr imponierte als Jennifer Lopez, Hillary Clinton und Katharina Witt zusammen. Eine Frau, die etwas von Technik verstand, und sich sogar vorstellen konnte, was in Leos kompliziertem Innenleben vor sich ging.

„Wie viele Jahre hat er denn schon auf dem Buckel?“, fragte sie aus der geöffneten Tür.

„Ich habe Leo vor fünfzehn Jahren von meiner Tante geschenkt bekommen. Und ich glaube, da war er auch schon kein junger Hüpfer mehr.“

Sie lächelte, als hätte sie nichts anderes erwartet. „Wahrscheinlich ist nur der Luftfilter verschmutzt. Oder die Benzinpumpe. Das löst sich oft von selber wieder auf, wenn man ein bisschen Geduld hat. Wie lange stehen Sie schon hier?“

„Mindestens fünf Minuten“, gab ich grimmig zurück und dachte an die vielen flotten Flitzer, die an mir vorbeigerauscht waren.

„Na, dann wollen wir’s mal versuchen.“ Ihre schlanken Finger mit den kunstvoll manikürten Nägeln drehten den Zündschlüssel, Leo verschluckte sich vor lauter Überraschung, aber dann brummte er so freudig los wie schon lange nicht mehr. Und in mir kroch trotz meiner Erleichterung bereits wieder der Zorn hoch. Es war schon bemerkenswert, was Männer zustande brachten, wenn sie einer fremden Frau imponieren wollten!

„Na, also!“ Schon stand sie wieder auf der Straße, während Leo immer noch aufgeweckt brummte. Sie griff in die Tasche ihres Minirocks und zog eine Visitenkarte hervor. „Mein Name ist Nora Biene. Ich habe mich gerade selbstständig gemacht und kann Aufträge gut gebrauchen. Sollten Sie also mal wieder in Schwierigkeiten sein – Anruf genügt. Die ‚Fleißigen Bienen‘ kommen sofort. Egal, ob Sie Probleme mit dem Auto, dem Haus, dem Garten oder einem Babysitter haben.“

Sie warf die blonden Locken zurück, während sie wieder zu ihrem Auto ging. In der offenen Fahrertür drehte sie sich noch einmal um. „Die ‚Fleißigen Bienen‘ putzen Ihnen auch das Haus, mähen Ihnen den Rasen oder kaufen für Sie ein! Alles kein Problem!“

Damit schwang sie sich hinters Steuer und gab Gas, während ich Leo skeptisch anblickte, der nach wie vor beschwingt vibrierte. So, als sei er ein Neuwagen auf Probefahrt! „Die ‚Fleißige Biene‘ hat dir wohl gefallen, was?“, fragte ich, während ich einstieg, vorsichtig den Gang einlegte und startete. Ich mochte Leos Artigkeit noch nicht trauen. Erst, als ich den Kanal überquerte und nach Amelsbüren hineinfuhr, dachte ich wieder freundlicher über ihn. „Vielleicht sollte ich wirklich mehr Rücksicht auf dich nehmen, Leo. Du bist ein alter Herr und man muss dir deine Zipperlein wohl nachsehen.“

2

Das Haus, in dem die Rechtsanwaltskanzlei untergebracht war, duckte sich in den Schatten des Kirchturms von St. Sebastian. Viele grundsolide Häuschen waren es, die sich um die Kirche versammelt hatten, einige neu errichtet in den 60er Jahren, mit adretten Vorgärten, üppigen Blumenfenstern und blitzsauberen Wolkenstores hinter den Scheiben. Andere waren wesentlich älter, hatten im Laufe der Zeit viele Funktionen aufgezwungen bekommen, bis sie am Ende zu kleinen Wohn-, Geschäfts- oder Bürohäusern geworden waren, ohne ihren landwirtschaftlichen Ursprung verhehlen zu können.

Für Leo fand sich ein Plätzchen an der Kirche, das eigentlich für Besucher des Restaurants ‚Davert Jagdhaus‘ vorgesehen war. Dann bog ich in die ‚Alte Furt‘ ein und steuerte auf die Haustür zu, neben der das Schild prangte: Maximilian Schneider jun., Rechtsanwalt. Warum mochte Tante Almut ausgerechnet einen Amelsbürener Rechtsanwalt, noch dazu einen Junior, mit der Übermittlung ihres Erbes beauftragt haben?

Die Haustür ließ sich aufdrücken, ich stand in einem gelb verputzten Treppenhaus, das aussah, als hätten die Anstreicher es gerade erst verlassen. Der Farbgeruch hing noch in der Luft und die Folie, die Lichtschalter und Wandlampen geschützt hatte, war noch nicht entfernt worden. Am Pfosten der Holztreppe, die in die erste Etage führte, hing ein Schild: Frisch gestrichen!

Der Haustür gegenüber gab es eine breite, wuchtige Tür aus dunklem Holz, darauf ein blitzender Türknauf. Die Klingel, die daneben angebracht war, hätte zu Reklamationen beim Anstreicher Anlass geben können. Denn der hatte hier die schützende Folie vergessen und damit der Klingel zu einer dauerhaften zartgelben Verzierung verholfen, die sicherlich nicht bestellt worden war.

Ich betätigte den Klingelknopf, das Surren des Türöffners ertönte augenblicklich. Schon, als ich über die Schwelle trat, bedrängte mich die Sorge, mich in Perfektion und Diensteifer zu verheddern. Und die Chefsekretärin, der ich im nächsten Augenblick gegenüberstand, bestätigte mich auf der Stelle. Zum zweiten Mal innerhalb von einer einzigen Stunde wurde ich von Minderwertigkeitsgefühlen gequält. Obwohl diese Sekretärin ein anderes Kaliber war als Nora Biene. Weit von jedem Sexappeal entfernt, bestand ihre außergewöhnliche Ausstrahlung aus nichts als Vollkommenheit. Ihre Frisur war perfekt, ihre Kleidung sowieso, ihr professionelles Lächeln ebenfalls. Dass ihr Make-up es nicht war, lag allein daran, dass sie gänzlich darauf verzichtet hatte. Dafür konnte es in ihrem Fall nur eine Erklärung geben: Sie hielt Lippenstift, Mascara, Eye-Shadow und Rouge für Korrekturmittel, die den Zustand der Makellosigkeit herstellen mussten, wenn die Natur ihn verweigerte hatte. Das war hier jedoch mitnichten der Fall. Weder der einwandfreie Teint brauchte eine Korrektur noch die prallen Lippen, die ausdrucksvollen Augen, die hohen Brauen oder die dichten Wimpern.

Ich schämte mich der Aggression, die mein Minderwertigkeitsgefühl soeben übertrumpfte, wurde dieses Instinktes aber schnell Herr, als ich merkte, dass ich dieser Königin aller Vorzimmerdamen genauso wenig gefiel wie sie mir. Es gelang mir sogar, ihrer Jil-Sander-Bluse einen ebenso missfälligen Blick zu schenken wie sie meinem Ringelpulli von H & M.

„Mein Name ist Romy Schell“, brachte ich ohne die Contenance hervor, die hier wohl angebracht gewesen wäre. „Ich komme in der Erbschaftsangelegenheit …“

„Ich weiß“, schnitt sie mir das Wort ab und heftete ihren vorwurfsvollen Blick auf die große Wanduhr, damit ich merkte, dass sie meine Verspätung durchaus registriert hatte. Vermutlich musste ich ihr dankbar sein, dass trotzdem kein Vorwurf über ihre Lippen kam.

Ich war versucht, ihr etwas von Leo und seinen Gebrechlichkeiten zu erzählen, aber sie ließ mich nicht zu Wort kommen. Ohne an ihrer aufrechten Haltung etwas zu verändern, drückte sie den Knopf der Sprechanlage und flötete: „Frau Schell ist jetzt da. Soll ich sie hereinschicken?“

Abgesehen von einem sanften Rauschen blieb es still in der Leitung. Ich betrachtete das blank polierte Namensschild, das auf dem Schreibtisch stand. Gerda Moorloch! Na, wenigstens ihr Name war nicht perfekt!

„Herr Schneider?“ Besorgt beugte Gerda Moorloch sich über die Sprechanlage - und fuhr im nächsten Augenblick erschrocken zurück.

„Du Hurensohn!“, drang es aus dem Lautsprecher. „Du gottverdammter Hurensohn!“

Ich konnte mich leider nicht an Gerda Moorlochs Erschütterung weiden, denn ich war genauso konsterniert wie sie. Wo war ich hier gelandet? Was ging im Büro von Rechtsanwalt Schneider vor?

„Küsschen! Küsschen!“

War das nun eigentlich eine weibliche oder eine männliche Stimme? Ich starrte in Gerda Moorlochs weit aufgerissene Augen. War ihr diese Stimme fremd oder war sie nur deshalb so entsetzt, weil sie ihren Chef noch nie so hatte sprechen hören?

„Her mit dem Zaster! Aber zack-zack!“

Plötzlich sah ich Tante Almut vor mir. Meine Patentante, für die immer alles zu langsam ging und die ihre Mitmenschen anzufeuern pflegte mit: „Aber zack-zack!“.

„Herr Schneider!“ Gerda Moorlochs Stimme wurde schrill.

„Zicke-zacke Hühnerkacke!“

Nun war ich sicher. Was da durch die Sprechanlage an mein Ohr drang, war Tante Almut. Natürlich nicht leibhaftig – schließlich wusste ich ja, dass sie vor ein paar Wochen zu Grabe getragen worden war – aber doch etwas von ihr, das überlebt hatte. Etwas, das sie an mich – ausgerechnet an mich! – weiterreichen wollte.

„Herr Schneider!“

Die Tür des Chefbüros sprang auf, auf der Schwelle erschien ein Mann von etwa vierzig Jahren, mit kurzen dunklen Locken, hellgrauen Augen und dem Lachen von Hugh Grant. „Er scheint sich einzugewöhnen! Er spricht!“

„Wer?“, fragte Gerda Moorloch verständnislos.

Aber sie erhielt keine Antwort, denn in diesem Augenblick heftete der Mann, der Rechtsanwalt Schneider sein musste, seinen Blick auf mich und fragte: „Frau Schell?“

Ich nickte und er wandte sich mit einer strengen Miene, die gut gespielt war, an seine Sekretärin: „Warum sagen Sie mir denn nicht, dass Frau Schell schon da ist?“

„Schon?“, kam es mit spitzer Zunge zurück. „Außerdem habe ich Bescheid gesagt. Aber Sie haben nicht geantwortet. Nur eine sehr merkwürdige Stimme habe ich gehört…“

Maximilian Schneider nickte, öffnete die Tür weiter und deutete mit einer Handbewegung an, dass ich eintreten dürfe. Er folgte mir, riss aber die Tür, die er gerade schließen wollte, noch einmal auf. „Wie wär’s mit einem Kaffee, Frau Moorloch?“ Wiederum zog er die Tür nicht ganz ins Schloss, sondern steckte seinen Kopf ein letztes Mal in sein Vorzimmer. „Aber zack-zack!“ Er lachte und fuhr sich mit einer Geste durchs Haar, die er genauso gut beherrschte wie Hugh Grant. Ich war sicher, dass in seinem Vorzimmer nicht einmal gelächelt wurde.

„Kaffee und Cognac! Aber zack-zack!“, ertönte es in meinem Rücken.

„Das also ist Humphrey. Tante Almuts Liebling.“

Ich spielte an den Stäben des großen Käfigs, der Papagei kam neugierig näher. „Hurensohn?“, fragte er vorsichtig. „Verdammter Hurensohn!“

Ich wandte mich zu Maximilian Schneider um. „Woher hat er nur diese schrecklichen Ausdrücke?“

„Das frage ich mich auch“, grinste er. „Vor etwa einer Stunde fing er damit an. Heute Morgen noch hat er bewegungslos auf seiner Stange gesessen, den Kopf unter einem Flügel, und keinen Mucks von sich gegeben. Er wirkte sehr verstört.“ Maximilian Schneider wies auf einen Sessel und betrachtete mich, während ich mich niederließ, mit einem Blick, der mich fröhlich stimmte. Dann fuhr er so verlegen fort, als wäre er beim Mogeln ertappt worden: „Ist ja auch kein Wunder. Der Papagei hat einiges hinter sich. Von Ihrer Tante wurde er gehätschelt und verwöhnt. Als Teil ihrer Erbmasse jedoch erhielt er nicht mehr viel Beachtung. Er wurde zunächst in einer Tierhandlung abgegeben, dann sorgte der Anwalt Ihrer Tante für den Transport von Lindau nach Münster. Als er zu mir gebracht wurde, dachte ich schon, Humphrey wollte Ihrer Tante in die ewigen Jagdgründe folgen.“ Nun wurde er rot und fuhr sich erneut durch die Haare. „Entschuldigung! Das war eine sehr unpassende Formulierung.“

Das fand ich auch, aber lachen musste ich trotzdem.

„Ich bin so scharf auf dich“, gurrte Humphrey.

Maximilian Schneider sah mich an, als hielte er mich für eine Nymphomanin. „Ich war das nicht“, erklärte ich ihm vorsichtshalber.

„Natürlich nicht.“ Er schüttelte den Kopf und lachte wieder über sich selbst. „Warum heißt der Papagei eigentlich Humphrey?“

„Weil Tante Almut für Humphrey Bogart schwärmte.“

„Und woher hat er seine obszönen Redensarten?“

Ich seufzte. „Keine Ahnung. Ich habe Tante Almut schon lange nicht mehr gesehen. Sie war die Schwester meiner Mutter und meine Patentante. Aber meine Mutter wollte irgendwann nichts mehr mit ihr zu tun haben. Angeblich führte sie ein Lotterleben, hatte mehrere Liebhaber, keinen anständigen Beruf und überhaupt eine sehr bedenkliche Auffassung von Sitte und Moral.“ Ich lachte im Gedanken an die Empörung meiner Mutter, wenn es um Tante Almut ging. „Und wie es scheint, hatte meine Mutter nicht einmal Unrecht. Wenn Humphrey alles, was er sagt, bei meiner Patentante gelernt hat, war ihr Lebenswandel wohl wirklich sehr merkwürdig.“

„Warum haben Sie den Kontakt zu ihr aufgegeben?“, fragte Maximilian Schneider. „Sie war doch Ihre Patentante.“

Mir war die Frage peinlich. „Ich war noch jung damals. Höchstens siebzehn oder achtzehn. Meine Eltern wollten nicht, dass ich Tante Almut besuche, und ich habe mich daran gehalten.“

Maximilian Schneider beugte sich lächelnd vor. „Waren Sie ein so folgsames Kind?“

Ich wehrte ärgerlich ab. „Ich war jung, Tante Almut war damals für mich alt. Welches junge Mädchen hat schon Interesse an alten Tanten?“

Maximilian Schneider verzog den Mund. „Tanten, die ein Lotterleben führen, sind doch erheblich interessanter als die, die sich den Tag mit Häkelarbeiten vertreiben.“

„Ja, das stimmt.“ Nun kam ich nicht mehr umhin, einzugestehen, dass Tante Almut mich oft gebeten hatte, sie am Bodensee zu besuchen. „Aber ich hatte keine Lust. Trotzdem hat sie mir dann ihr altes Cabrio geschenkt, als ich den Führerschein gemacht hatte.“ Ich sah eine Weile schuldbewusst vor mich hin. „Ich hätte mich mehr um sie kümmern müssen. Eigentlich verstehe ich gar nicht, dass sie mich überhaupt in ihrem Testament bedacht hat. Ich habe es nicht verdient.“

Nun saß wieder Hugh Grant vor mir und sah mich so aufmerksam an, dass auch Julia Roberts und Sandra Bullock hingerissen gewesen wären. „Anscheinend hatte Ihre Tante trotzdem Vertrauen zu Ihnen. Sonst hätte sie Ihnen nicht Humphrey überlassen.“

„Wahrscheinlich wollte ihn sonst keiner.“

„Schon möglich, dass seine Terminologie manchen abgeschreckt hat. Aber es gibt immer Menschen, die gerne eine kleine Rente annehmen, wenn sie als Gegenleistung nichts anderes tun müssen, als dafür zu sorgen, dass es einem Papagei gut geht.“

„Ja, das Angebot kam wirklich zum richtigen Zeitpunkt“, seufzte ich. „Wenn es auch nur dreihundert Euro monatlich sind. Ich kann sie wirklich gut gebrauchen.“

Es klopfte, Gerda Moorloch erschien mit einem Tablett in der Hand. Sie warf Humphrey einen misstrauischen Blick zu. „Gut, dass der nicht länger hier bleibt. Der hätte uns auch die letzten Klienten vergrault, die Ihrem Vater noch treu geblieben waren.“

Ich sah zu, wie Gerda Moorloch den Kaffee servierte, und wartete auf eine Erklärung. Als sie ausblieb, fragte ich Maximilian Schneider: „Sie führen die Kanzlei Ihres Vaters weiter?“

„Das, was davon übrig geblieben ist“, lächelte er. „Viel ist es nicht. Mein Vater war wohl so ein Typ wie Ihre Tante Almut. Viele Liebschaften und viele kostspielige Gewohnheiten. Außerdem viel zu viel Alkohol. Nach und nach sind ihm die Klienten weggelaufen. Ich versuche nun, die letzten zu halten, einige von den alten zurückzugewinnen und neue zu finden.“ Wieder lächelte er wie Hugh Grant und ich bemerkte gleich, dass Gerda Moorloch damit nicht einverstanden war. „Sie sind meine erste neue Klientin. Wenn die Geschäfte schon gut gingen, würde ich Sie zu einer Flasche Champagner einladen.“

„Und damit wären Sie bald bei den schlechten Gewohnheiten, die Ihrem Vater das Geschäft kaputt gemacht haben.“ Ich konnte nicht anders, ich fühlte mich in seiner Gegenwart wie Julia Roberts und musste deshalb auch so strahlend lächeln wie sie. Ob Gerda Moorloch das nun passte oder nicht! „So viel werden Sie an diesem Erbfall nicht verdienen, dass es für Champagner reichen würde.“

Was die Bezahlung des Rechtsanwaltes anging, konnte ich zum Glück sorglos sein. Sein Honorar wurde aus der Hinterlassenschaft Tante Almuts bezahlt. Sonst hätte ich mir sicherlich dreimal überlegt, ob ich Humphrey überhaupt erben wollte. Dreihundert Euro im Monat waren für mich zwar eine Menge Geld, aber wenn ich davon nicht nur Humphreys Futter, sondern auch einen Rechtsanwalt bezahlen musste, blieb unter Umständen nicht viel übrig.

„Zum Glück ist es ja mit der Aushändigung des Erbes nicht getan“, lächelte Maximilian Schneider. „Ich werde noch Folgeeinnahmen haben. Der letzte Wille Ihrer Tante ist nämlich, dass ich in Zukunft häufig nach dem Rechten sehen und mir regelmäßig Gewissheit darüber verschaffen muss, dass es Humphrey an nichts fehlt. Sollte ich den Eindruck haben, dass es der Papagei bei Ihnen nicht gut hat, werde ich ihn abholen lassen.“

„Und die Rente wird gestrichen“, ergänzte ich.

„So ist es. Sie wird nur so lange gezahlt, wie Humphrey lebt und es ihm gut geht.“

Ich warf dem Papagei einen finsteren Blick zu. „Ich hoffe, du bist nicht allzu empfindlich, Humphrey. In unserer Wohnung gibt es Krach und Zugluft jede Menge. Sensible Zeitgenossen haben es schwer bei uns.“

Der Papagei starrte mich an, als wollte er sich den Entschluss, aus dieser gemütlichen Kanzlei wieder auszuziehen, noch einmal überlegen. Während er mich misstrauisch musterte, sah ich plötzlich wieder Tante Almut vor mir. Auch in ihren Augen hatte oft eine Frage gestanden, auf die es keine Antwort zu geben schien. Als Kind hatte mich ihr Blick verunsichert, später hatte ich mich examiniert gefühlt, wenn Tante Almut mich skeptisch betrachtete. Nun plötzlich – Auge in Auge mit Humphrey – kam es mir so vor, als hätte es niemals Fragen, sondern immer nur die Aufforderung gegeben, etwas zu verändern. Das letzte Mal hatte Tante Almut mich so angesehen, als ich heiratete. Damals war der Kontakt zu ihr eigentlich schon abgebrochen, aber meine Mutter hatte darauf bestanden, dass Tante Almut zur Hochzeit eingeladen wurde. „Sie ist nun mal deine Patentante. Und vergiss nicht, dass sie dir ihr Auto geschenkt hat.“

Also war sie angereist und noch während ich auf den Traualtar zuschritt, hatte ich das Gefühl, dass Tante Almut mir die Hochzeit ausreden wollte. Selbst, als ich ihr verriet, dass ich schwanger war, sah sie mich noch genauso an wie Humphrey in diesem Augenblick. Sie hatte Ingo nicht gemocht. Möglich aber auch, dass sie einfach keine Ehemänner mochte. Sie selbst hatte jeden Mann sofort verlassen, wenn er sich in ihrem Leben einrichtete, als wollte er für immer dort bleiben.

Maximilian Schneider hielt mir eine Liste hin. „Hier steht alles drauf, was Humphrey besonders gern zu sich nimmt. Wenn Sie lange etwas von der Rente haben wollen, sollten Sie sich daran halten. Und Zugluft kann wirklich tödlich für ihn sein. Lärm dagegen macht ihm nicht viel aus.“

Ich sah mir die Liste gründlich an. „Krabben, Taubeneier, Makrele und Aal? Wird mir von den dreihundert Euro noch was übrig bleiben, wenn ich so einen Gourmet durchfüttern muss?“

In Maximilian Schneiders Auge stand plötzlich der Ausdruck, den schon Millionen von Hugh-Grant-Fans zum Weinen gebracht hatten. „Leben Sie eigentlich allein?“

„Ja, seit kurzem. Mein Mann ist zu einer anderen gezogen.“

Maximilian Schneider betrachtete mich verwundert. Erst jetzt bemerkte ich, dass er Grübchen hatte, wenn er lächelte. „Ihr Mann muss ein Idiot sein.“

Ich fühlte mich in seiner Gegenwart immer wohler. „Deswegen meine finanziellen Probleme“, erläuterte ich ihm. „Die Wohnung im Kreuzviertel ist teuer, aber ich möchte den Kindern einen Umzug nicht zumuten. Jedenfalls vorerst nicht. Zunächst will ich abwarten, wie sich alles entwickelt. Und so lange muss ich irgendwie Geld verdienen. Mit Ingos Unterhalt komme ich nicht weit.“

„Sie waren nie berufstätig?“

Ich sah auf meine Hände. „Ich wollte Polizistin werden. Was heißt: Ich wollte? Ich war Polizistin! Zum Glück habe ich meine Ausbildung ja noch abschließen können. Es war verdammt knapp, denn ich war während der Abschlussprüfungen schon hochschwanger. Aber dann…“ Ich blickte auf und sah ihm ins Gesicht, weil ich sicher war, dass ich dort Verständnis finden würde und nicht die Herablassung, von der hauptberufliche Mütter ein Lied singen können. „Ich war seitdem nur Hausfrau“, fügte ich tapfer hinzu.

Maximilian Schneider enttäuschte mich nicht. „Ich finde es toll, wenn eine Frau diese Entscheidung trifft. Allerdings… im Falle einer Scheidung ist sie benachteiligt.“

Ich wehrte ab. „Noch ist es ja nicht so weit. Mein Mann ist erst vor ein paar Wochen ausgezogen. Und wer weiß – vielleicht überlegt er sich die Sache ja noch mal.“

„Wollen Sie das denn überhaupt?“

Ich zuckte hilflos die Schultern. „Die Kinder…“

Er erhob sich und stellte sich so dicht vor meinen Stuhl, dass sich unsere Fußspitzen beinahe berührten. „Versuchen Sie erst mal, sich von Ihrem Mann unabhängig zu machen.“ Er sah eine Weile auf mich herab, dann ging er zu seinem Schreibtisch zurück und war nun zum ersten Mal der Advokat Maximilian Schneider jun. „Wenn Sie einen Anwalt für Ihre Scheidung brauchen – ich bin für Sie da.“

„Na, sehen Sie“, versuchte ich zu scherzen, „das Geschäft läuft an.“ Ich erhob mich und machte einen Schritt auf den Papageienkäfig zu. „Nun muss ich erst mal sehen, wie ich Humphrey nach Hause bringe. Mein Auto ist nicht besonders groß und der Käfig sehr hoch. Das Verdeck werde ich schließen müssen, wenn Tante Almuts Liebling keine Zugluft verträgt.“

„Leck mich am Arsch!“, krächzte Humphrey und schlug mit den Flügeln.

3

Als ich aus Amelsbüren hinausfuhr, war es still auf dem Rücksitz. Der arme Humphrey tat mir Leid. Nun hatte er sich gerade an Maximilian Schneiders Büro gewöhnt, da war schon der nächste Umzug fällig. Ob es ihm bei mir gefallen würde? Mit Sorge dachte ich an die Bereitschaft meiner Kinder, alles, was die Fäkaliensprache hergab, in den eigenen Wortschatz zu übernehmen. Alexandra und Christopher würden demnächst einiges dazulernen und Humphrey seinen Wortschatz vermutlich modernisieren. Anglismen wie „fuck you“ und „bullshit“ waren Tante Almut sicherlich nicht vertraut gewesen.

Ich legte einen kurzen Stopp auf der Hammer Straße ein, wo es einen Supermarkt gab, den ich für gut sortiert hielt. Aber für meinen anspruchsvollen Papagei war man dort nicht gerüstet. „Taubeneier? So was führen wir nicht. Makrele und Aal gibt’s nur samstags. Aber Krabben können Sie haben. Natürlich keine frischen.“

Ich hoffte inständig, dass Humphrey nichts gegen Konservierungsstoffe hatte, und erstand außerdem ein Päckchen Vogelfutter. Was Nymphensittichen gefiel, würde mir auch Humphrey und meine Rente erhalten.

Der Ludgerikreisel erwies sich mal wieder als Knotenpunkt, wobei der Knoten das Machwerk eines Kindergartenkindes zu sein schien, das zum ersten Mal seine Schuhe eigenhändig geschnürt hatte. Niemand wusste genau, wie er in den Knoten reingekommen war, und viele hatten keine Ahnung, wie sie sich wieder aus ihm lösen sollten. So jedenfalls kam es mir vor, als ich zügig auf die linke Fahrspur wechselte, anschließend jedoch kein Loch fand, um aus dem Kreisel heraus in die Moltkestraße abzubiegen. Aber zum Glück war das ja in einem Kreisverkehr kein Problem! Ich entschloss mich einfach zu einer weiteren Runde.

Bevor ich die Chance witterte, auf die rechte Fahrspur zurückzukehren, blickte ich zufällig in den Rückspiegel. Humphrey schnappte nach Luft, sein buntes Gefieder sträubte sich, seine Augen waren weit aufgerissen. War ihm schlecht geworden? Vertrug er das Autofahren nicht? Oder ging es ihm etwa so wie Ingo? Der hatte oft genug behauptet, Leo und ich seien ein Gespann, dem sich kein vernünftiger Mensch, dem am Leben etwas lag, anvertrauen würde. Angeblich wurde ihm jedes Mal schlecht, wenn ich schwungvoll eine Kurve nahm. Ingo behauptete, das läge an meinen überraschenden Fahrmanövern, ich dagegen war der Meinung, dass Leos weiche Federung der Grund dafür war. Für möglich hielt ich allerdings auch, dass Ingo einfach nur Schwierigkeiten damit hatte, seinen kostbaren Körper einer Frau anzuvertrauen.

Besorgt sah ich in den Rückspiegel, während ich gleichzeitig den Blinker setzte und einen flüchtigen Blick in den rechten Außenspiegel warf. „Ist dir schlecht, Humphrey? Halt jetzt bloß durch. Einen Teil meiner Rente habe ich schließlich gerade für Krabben ausgegeben.“

Schon möglich, dass ich durch Humphreys bleichen Schnabel ein wenig abgelenkt war. Aber mich deswegen einen Verkehrsrowdy zu nennen – das war stark übertrieben.

Ich blitzte den Verkehrspolizisten, der mich angehalten hatte, wütend an. „Nun mal langsam! Okay, ich habe den Wagen auf der rechten Fahrspur nicht gesehen. Aber das kann doch jedem mal passieren, oder? Schließlich ist doch nichts und niemand zu Schaden gekommen.“

Der junge Beamte sah mir streng ins Gesicht. „Ihre Papiere, bitte!“

Ich sah mich um. Kein Polizist fuhr allein Streife. Aber ältere Beamte hielten sich gern im Hintergrund und überließen einem Dienstanfänger das Geschäft, damit er sich beizeiten an uneinsichtigen Verkehrssündern die Zähne ausbiss. Wo also war der Kollege, der mir aus der Patsche helfen konnte?

Zum Glück stieg er gerade aus dem Polizeiwagen, der unauffällig hinter einem Parkstreifen abgestellt worden war. Erleichtert stellte ich fest, dass ich ihn kannte. Zwar fiel mir sein Name nicht ein, aber dass ich auf einem Polizeifest einen Foxtrott mit ihm getanzt hatte, wusste ich genau. Die Zehen hatten mir danach zwei Wochen wehgetan.

Ich begrüßte ihn wie einen alten Freund und zwang ihn damit, gründlich darüber nachzudenken, warum ich ihm bekannt vorkam. „Romy Schell!“, half ich ihm auf die Sprünge. „Die Frau von Hauptkommissar Schell.“

Der junge Polizeimeister wurde prompt unsicher. „Ein Kollege?“, fragte er.

Der andere nickte. „Von der Kripo“, entgegnete er. Dann machte er sich daran, mir zu erklären, dass auch die Frau eines Hauptkommissars verpflichtet sei, die Allgemeine Verkehrsordnung zu beachten.

„Das weiß ich doch“, entgegnete ich. „Schließlich war ich selbst mal bei der Polizei.“

Dieser Hinweis war stets mein letzter Trumpf und hatte bisher immer für Begnadigung gesorgt. Auch in diesem Falle schien es zu gelingen. Der Blick meines Foxtrott-Partners wurde jovial, mit einer kurzen Handbewegung gab er seinem unerfahrenen Kollegen zu verstehen, dass der Block mit den Strafzetteln nicht mehr benötigt wurde… da ertönte aus meinem Auto: „Hurensohn! Gottverdammter Hurensohn!“

Die beiden Beamten standen da wie erstarrt und blickten mich fragend an. Glaubten sie etwa, ich verstünde mich auf die Kunst des Bauchredens und wollte sie mit diesem Trick heimlich beschimpfen?

„Leck mich am Arsch!“ Humphrey schien sich tatsächlich erholt zu haben.

Der junge Beamte machte einen Schritt auf Leo zu. „Was ist denn das?“

„Ein Papagei“, erklärte ich ihm. „Ich habe ihn soeben von meiner Tante Almut geerbt. Für seinen Wortschatz kann ich nichts.“

„Küsschen! Küsschen!“ Humphrey schien es nun auf die freundliche Tour versuchen zu wollen.

„Also, das ist doch…!“ Dem jungen Beamten blieb die Empörung im Halse stecken.

Sein älterer Kollege sah sich genötigt, den Ruf der Obrigkeit zu verteidigen. „Nun reicht es aber, Frau Schell. Erst drängen Sie einen anderen Verkehrsteilnehmer von der Fahrbahn ab und dann …“

„Ich kann wirklich nichts dafür, dass der Papagei so schlecht erzogen ist“, beschwor ich ihn. „Ich kenne ihn erst seit ungefähr einer Stunde. Und ich verspreche Ihnen, dass ich mein Möglichstes tun werde, seine Umgangsformen zu verbessern. Außerdem wird er, wenn er erst mal in meiner Wohnung angekommen ist, so schnell nicht wieder am Straßenverkehr teilnehmen.“

„Ich bin so scharf auf dich“, behauptete Humphrey zu meinem Entsetzen.

Und das war zu viel! Kurz darauf fiel mir der Name des Foxtrott-Tänzers wieder ein. Er prangte nämlich auf dem Strafzettel, den er mir in die Hand drückte. Obermeister Wrede verstand genauso wenig Spaß wie sein junger Kollege. Er brachte es tatsächlich fertig, der Ehefrau eines Kollegen ein Bußgeld aufzubrummen. Skandalös! So etwas gehörte sich einfach nicht. Bisher waren Leo und ich noch jedes Mal ungestraft davongekommen, wenn wir auf den Hauptkommissar Ingo Schell verwiesen hatten. Oder wusste Obermeister Wrede etwa, dass Ingo sich von mir getrennt hatte? Wurden die Vergünstigungen, die ich bisher genießen durfte, jetzt Ingos neuer Freundin zuteil?

Ich schäumte vor Wut, als ich mich wieder hinters Steuer klemmte. Den nächsten Foxtrott würde Obermeister Wrede mit seiner zwei Zentner schweren Gattin tanzen müssen, so viel war sicher! Am liebsten hätte ich in Humphreys Drohruf eingestimmt: „Zieh Leine, du Penner!“

4

Als ich am Buddenturm von der Bergstraße abbog, begann es zu regnen. Das verbesserte meine Laune nicht gerade. Schade, der Tag hatte doch so nett begonnen. Schließlich tat es jeder verlassenen Ehefrau gut, wenn ein Mann wie Maximilian Schneider ihr zeigte, dass sie mindestens genauso attraktiv war wie die Geliebte des treulosen Ehemannes. Aber Obermeister Wrede hatte alles wieder kaputt gemacht. Er und Humphreys teurer Geschmack hatten mir überdies mein letztes Geld genommen und mich an meine prekäre Situation erinnert. Wie konnte ich an Geld kommen, um die schöne, große Wohnung in der Hoyastraße und damit den Kindern die vertraute Umgebung zu erhalten? Tante Almuts Rente war nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Und sollte Humphrey einmal das Zeitliche segnen, würde es damit sowieso vorbei sein.

„Ich wünsche dir ein langes Leben, Humphrey“, warf ich über die Schulter zurück und hoffte, dass der Papagei nicht die Eigennützigkeit meines frommen Wunsches durchschaute.

Wie immer war es ein schwieriges Unterfangen, in der Nähe der Kreuzkirche einen Parkplatz zu finden. Normalerweise trug ich ja bereitwillig jede schwere Einkaufstasche um mehrere Häuserecken. Aber einen empfindlichen Papagei, der womöglich noch in der Karibik geboren worden war, durch kühlen westfälischen Regen tragen? Unmöglich! Das konnte ich weder Humphreys Gesundheit noch meinem Kontostand antun.

Also wagte ich es, Leo verkehrswidrig auf dem Bürgersteig zu parken. Dass die Fußgänger nun auf die Fahrbahn ausweichen mussten, ließ sich beim besten Willen nicht vermeiden. Die Passanten, die es betraf, waren anderer Meinung, aber ein Hinweis auf den empfindsamen Vogel auf meinem Rücksitzen ersparte mir zwar keine Beschimpfungen, doch immerhin ein weiteres Bußgeld.

Humphrey erhielt einen Platz in dem sonnigen Erkerfenster, das ich schon am Abend für ihn freigeräumt hatte. Die Flora, die ihn dort umgab, war zwar kümmerlich, aber ich hoffte trotzdem darauf, dass sie ihn ein bisschen an seine paradiesische Heimat erinnerte, wenn er die überhaupt jemals zu Gesicht bekommen hatte.

„Solltest du in einer Zoohandlung zur Welt gekommen sein, wird es dir hoffentlich reichen“, sagte ich. „Tante Almut hatte auch nicht den grünen Daumen, das weiß ich genau.“

Ich ließ mich neben dem Käfig nieder und betrachtete Humphrey, der nicht besonders glücklich aussah. Als ich in seine müden Augen blickte, fühlte ich mich plötzlich genauso elend wie er.

„Ach, Humphrey, es ist schon ein Kreuz, dass ich wirtschaftlich von Ingo abhängig bin. Wenn ich doch nur wüsste, wie ich es anstellen könnte, mein eigenes Geld zu verdienen!“

Humphrey sah mich an, als dächte er an Tante Almut, die mich jetzt bestimmt gefragt hätte, warum ich nicht einfach im Polizeidienst weitermachte. Das hatte ich schließlich gelernt! Aber erstens war Ingo dagegen und wenn mir das zweitens auch egal sein konnte, war der Alltag eines Polizeibeamten für eine allein erziehende Mutter weiß Gott nicht geeignet. Schichtdienst konnten verantwortungsvolle Eltern nur hinnehmen, wenn der andere ohne Beruf war oder ebenfalls im Schichtdienst arbeitete, vorausgesetzt natürlich, er landete in einer anderen Schicht als sein Partner. Darunter litt dann zwar das Eheleben, aber für die Kinder war meist gut gesorgt.

„Ich sollte mich jedoch vorsichtshalber mit dem Gedanken anfreunden“, erklärte ich Humphrey, „den Rest meines Lebens ehelos zu verbringen. Aber soll ich etwa putzen gehen?“

Ich dachte über meine besonderen Fähigkeiten nach, die für einen Gelderwerb geeignet waren, kam aber schnell zu der Erkenntnis, dass Reinigungsarbeiten nicht dazu gehörten. Zur Sekretärin taugte ich auch nicht, denn das Tippen von Protokollen hatte ich während der Ausbildung stets nur mit zwei Fingern bewältigt. Außerdem ließ mein Sohn mich so selten an seinen Computer, dass mir ein Textverarbeitungsprogramm immer noch ein Buch mit sieben Siegeln war. Eine Weile hatte ich darauf gehofft, in der Boutique meiner Freundin aushelfen zu können, aber dort liefen die Geschäfte in letzter Zeit schlecht und die fest angestellte Verkäuferin, die für Nadja arbeitete, war bereits alarmierend unterbeschäftigt. Das Hüten der Ordnung, die Jagd nach Verbrechern und die Bestrafung von Verkehrssündern war nun mal das, was ich gelernt hatte. Aber wo sollte ich diese Kenntnisse Gewinn bringend einsetzen?

Wieder einmal bereute ich bitter, auf den Beruf verzichtet zu haben. Wie oft hatte ich Ingo beneidet, wenn er zu einem Einsatz gerufen wurde. Seit er bei der Kripo war, verrichtete er seinen Dienst ja ohne Uniform. Aber sie hing immer noch im Schrank und wenn mich die Sehnsucht überkam, zog ich mir manchmal die Uniformjacke an und setzte mir die Mütze auf, obwohl mir beides viel zu groß war.

Bremsen quietschten vor dem Haus, in der Fensterscheibe spiegelte sich der dunkle Lack eines Autos. Ingo mit seinem Dienstwagen?

Im selben Moment hörte ich die Stimmen der Kinder, Alexandras helles Lachen und Christophers laute Zustimmung, mit der er sich ein bisschen erwachsener vorkam.

Ich war schon an der Haustür, bevor es klingelte. Christopher stürmte ohne einen Gruß an mir vorbei. „Ist er schon da?“

Ich wies ins Wohnzimmer. „Sein Käfig steht im Erkerfenster.“

Alexandra zog ihren Vater ins Haus. „Komm mit, Papa. Du musst dir diesen Humphrey unbedingt ansehen.“

Ich hielt Ingo am Ärmel seiner Jacke fest und rief den Kindern hinterher: „Geht vorsichtig mit ihm um. Humphrey muss sich erst eingewöhnen.“ Dann wandte ich mich an Ingo: „Was willst du hier?“

Mein Mann trat von einem Bein aufs andere und blickte seinen Kindern sehnsüchtig nach. „Was für eine Frage! Ich wohne doch noch hier. Zumindest bin ich hier immer noch gemeldet.“

„Ich weiß nur, dass du zu deiner neuen Flamme gezogen bist.“

„Lass uns doch noch mal in Ruhe über alles reden“, sagte Ingo und ging an mir vorbei in die Küche. „Denk doch an die Kinder…“

„Ich soll an die Kinder denken?“ Aufgebracht folgte ich ihm. „Ich denke an nichts anderes, seit du ausgezogen bist. Aber hast du an die beiden gedacht, als du deine Koffer packtest?“

Ich betrachtete meinen Mann, der sich in unserer Küche umsah, als wäre er zum ersten Mal hier. Ich betrachtete seine dunklen Augen, in die ich mich Hals über Kopf verliebt hatte, als ich knapp zwanzig war, das scheue Lächeln, das mich stets gerührt hatte, wenn ich eigentlich wütend auf Ingo sein sollte, und seine dunklen Locken, die immer so aussahen, als hätte er vergessen, sich zu kämmen. Ingo war fünf Jahre älter als ich, aber manchmal fürchtete ich, dass er jünger aussah als ich mit meinen 37 Jahren. Er war und blieb eben ein großer Junge.

„Die Kinder haben sich so gefreut, als ich mit dem Dienstwagen vor der Schule stand.“

„Chris nicht!“ Beide hatten wir nicht gemerkt, dass Alexandra in der Küchentür erschienen war. „Chris war sauer deswegen. Nun darf er sich wieder von Rupert beschimpfen lassen, weil er einen Bullen zum Vater hat.“

Ich sah meine Tochter erschrocken an. „Chris hat darunter zu leiden, dass sein Vater Polizist ist?“

Alexandra nickte und warf Ingo einen Blick zu, als wäre der Beruf des Polizeibeamten tatsächlich ein schwerer Makel. „Aber nur Rupert ist so blöde“, sagte sie dann versöhnlich. „Die anderen finden es sogar ganz cool, dass Papa so einer ist wie Siska und Schimanski.“

„Rupert?“ Ich überlegte eine Weile, ohne zu bemerken, dass Ingo die Gelegenheit nutzte, um sich am Küchentisch häuslich niederzulassen. „Den Namen habe ich noch nie gehört.“

Alexandra zuckte mit den Schultern. „Das ist ein totaler Idiot. Er meint, weil er größer und stärker ist als die anderen, könnte er alle tyrannisieren.“

Ich sah, dass Ingo sich zurücklehnte und seine Jacke aufknöpfte. Anscheinend wollte er es sich hier gemütlich machen. Dann fiel mir plötzlich etwas ein. Christopher war in letzter Zeit mehrmals mit Schürfwunden, blauen Flecken und zerrissener Kleidung nach Hause gekommen. „Hat dein Bruder sich schon öfter mit diesem Rupert geprügelt?“

Alexandra nickte. „Dabei ist das total ungerecht. Rupert ist schon siebzehn und Chris erst vierzehn. Manchmal lauert er Chris unterwegs auf und reizt ihn dann mit ganz gemeinen Sprüchen. So lange, bis Chris auf ihn losgeht. Und dann hat Rupert einen guten Grund, ihn fertig zu machen. Später sagt er dann, Chris wäre selbst schuld gewesen.“

Empört wandte ich mich an Ingo. „Was tut die Polizei eigentlich gegen Gewalt in der Schule?“

Ingo hob die Schultern. „Präventive Maßnahmen bieten wir jeder Schule an. Aber es gibt nur wenige Schulleiter, die sie annehmen. Die meisten wollen nicht mit der Polizei zusammenarbeiten, weil sie nicht zugeben möchten, dass sie Gewaltprobleme haben. Aber wir können natürlich erst einschreiten, wenn eine Anzeige vorliegt.“

„Die könnt ihr haben!“ Ich beugte mich über den Küchentisch und sah Ingo ins Gesicht. „Chris’ neue Windjacke ist zerrissen, die Beule von der letzten Rauferei kannst du heute noch fühlen, die blauen Flecken auf seinem Rücken sind zwar abgeheilt, aber die Schrammen auf seinem rechten Unterarm könnten noch als Beweise dienen.“

„Seid ihr verrückt geworden?“ Mein Sohn stand mit erschrockenen Augen in der Tür. „Ich will nicht, dass ihr Rupert anzeigt.“

„Warum denn nicht?“, fragte ich. „Dann hätte die Sache doch ein für alle Mal ein Ende und du brauchtest dich nicht mehr vor diesem Bengel zu fürchten.“

„Du hast keine Ahnung, Mama“, sagte Christopher, aber in seinem Gesicht fehlte die kindliche Arroganz, um die er sich sonst bemühte, wenn er mir klarmachen wollte, dass ich von den Problemen eines Vierzehnjährigen nichts wusste. „Das fehlte noch, dass sich die Polizei einmischt! Dann würde ja alles noch schlimmer. Schließlich habe ich den ganzen Ärger nur, weil mein Vater ein Bulle ist.“

„Wir tun Chris wirklich keinen Gefallen“, warf Ingo ein, „wenn wir den Übeltäter anzeigen. Chris wird es später auszubaden haben.“

„Das ist ja unglaublich!“ Ich wollte seinen Einwand vom Tisch fegen, erwischte aber leider statt des Einwands ein Wasserglas. So etwas passierte mir oft und regte meine Familie und sogar mich selbst schon lange nicht mehr auf. Ich suchte also nach Handfeger und Kehrschaufel, ohne meine Rede zu unterbrechen oder unterbrechen zu lassen. „Der Bengel soll ungeschoren davonkommen, weil alle Angst vor ihm haben? Erstens kannst du nichts für den Beruf deines Vaters, Chris. Zweitens ist es ein sehr wichtiger Beruf und ein sehr schöner obendrein.“ Schon waren die Scherben auf der Kehrschaufel und ich beobachtete stirnrunzelnd, wie Ingo sich erhob, in Richtung Herd tastete und nach einem Holzlöffel griff. „Was ist denn Ruperts Vater von Beruf?“, fragte ich, während ich die Scherben in den Mülleimer fegte.

„Er hat keinen Vater.“

„Aha, deshalb also.“ So viel Psychologie hatte schließlich jeder verinnerlicht, dass man wusste, welche verheerenden Wirkungen das fehlende männliche Vorbild für einen Jungen haben konnte. „Trotzdem…“

„Der Möhreneintopf ist gleich warm“, unterbrach Ingo mich. „Kinder, bringt eure Schultaschen in eure Zimmer und wascht euch die Hände. Gleich gibt’s Essen.“

„Moment mal!“ Erst jetzt begriff ich, was hier gespielt wurde. „Glaubst du, dass du dich hier wieder einschleichen kannst? Über den Möhreneintopf zurück an den heimischen Herd? Oder ist deine Sandra schon nach diesen paar Wochen nicht mehr bereit, für dich zu kochen?“ Am liebsten hätte ich Ingo den Holzlöffel aus der Hand genommen und den Möhreneintopf sich selbst überlassen. Da machte sich eine Ahnung an mich heran. „Sandra hat dich vor die Tür gesetzt?“, fragte ich leise.

Ingo rührte ein bisschen schneller. „Nein, ich wohne noch bei ihr, aber ich habe gemerkt, dass Sandra ein Irrtum war. Ich möchte zu euch zurückkehren.“ Nun legte er endlich den Holzlöffel beiseite und sah mich mit diesem Blick an, mit dem er seit unserer Hochzeit alles erreicht hatte, was er wollte. „Ich weiß jetzt, dass ich in Wirklichkeit nur dich liebe.“

Ich wandte mich ab, machte einen Schritt aufs Küchenfenster zu und starrte in den Garten. Ingo sollte nicht sehen, wie nah mir sein Geständnis ging, und vor allem sollte er meine Tränen nicht sehen. Er hätte sie ja doch missverstanden. Hätte an Tränen der Rührung gedacht und sich sicher gefühlt. Aber ich war nicht gerührt. Traurig war ich, ja, traurig. Nicht nur, weil mir klar war, dass Ingo log, auch weil ich wusste, dass ich ihm gestern noch gern geglaubt hätte. Heute aber war ich dazu nicht mehr fähig. Wenn ich an die zermürbenden Auseinandersetzungen dachte nach Ingos Geständnis, dass er sich in seine Kollegin Sandra verliebt hatte! Und dann der schreckliche Augenblick, in dem er seine Koffer packte! Als die Tür ins Schloss fiel! Wie sehr hatte ich mir in diesem Augenblick gewünscht, Ingo möge bald zurückkommen, weil er gemerkt hatte, dass er doch nicht ohne seine Familie leben konnte. Aber heute… nein, heute wollte ich diese Wohnung und mein Leben darin für mich allein.

Die Tränen versiegten, mein Blick wurde wieder klar, die Bäume, die sich gerade noch hinter einem Tränenschleier aufgelöst hatten, nahmen wieder scharfe Konturen an. Und in der Scheibe des Küchenfensters spiegelte sich nicht mein Gesicht, sondern das von Maximilian Schneider.

„Wollen Sie das denn überhaupt?“

Ja, wollte ich meine Ehe wirklich retten? Mich demnächst wieder betrügen lassen und immer wieder aufs Neue Angst davor haben, dass der Unterhalt am nächsten Ersten nicht auf meinem Konto war?

„Versuchen Sie erst mal, sich von Ihrem Mann unabhängig zu machen.“

Ich drehte mich um und lehnte mich an die Fensterbank. Ingo hatte das Rühren vergessen, stand da mit dem Holzlöffel in der Hand und sah mich besorgt an. Der Möhreneintopf duftete nicht mehr, er roch so, wie ein Eintopf riecht, wenn er auf zu großer Flamme erwärmt wird.

„Ich glaube, ich möchte erst einmal unabhängig werden“, sagte ich mit zitternder, aber klarer Stimme.

„Was meinst du damit?“, fragte Ingo entgeistert.

Leider wusste ich das selber nicht so genau. „Ich will jedenfalls die Angst davor verlieren, dass du dich irgendwann erneut in eine andere verliebst.“

„Nie wieder!“, versicherte Ingo schnell. „Ich verspreche es.“

Aber ich winkte ab. Diese Schwüre kannte ich zur Genüge. „So etwas kann immer passieren. In jeder Ehe! Aber wenn es geschieht, dann möchte ich wenigstens ein eigenes Leben haben. Eins, das nicht abhängig davon ist, dass mein Mann mir pünktlich den Unterhalt bezahlt.“

„Aber ich habe dir doch überwiesen, was ich erübrigen konnte.“

„Du hast überwiesen, was Sandra erübrigen konnte.“ Ich stieß mich von der Fensterbank ab und nahm Ingo den Holzlöffel aus der Hand. „Ich brauche Zeit. Ich bin nicht bereit, einfach wieder zur Tagesordnung überzugehen, nur weil du gemerkt hast, dass Sandra doch nicht die Richtige für dich ist. Oder vielleicht hat sie ja auch gemerkt, dass du nicht der Richtige für sie bist?“ Ich zog den Topf vom Herd und fühlte mich plötzlich sicher. „Am besten, du ziehst erst mal zu deiner Mutter. Sie wird sich darüber freuen und vor allem wird sie kein Geld von dir verlangen. Du könntest also ohne Probleme die Miete für diese Wohnung und darüber hinaus einen angemessenen Unterhalt zahlen.“ Ich musste Ingo aus dem Weg schieben, als ich den Gewürzschrank öffnen wollte. Anscheinend war er nicht bereit, den Platz am häuslichen Herd kampflos aufzugeben. „Hast du eigentlich schon mal daran gedacht, dass mir das Gleiche passieren könnte wie dir?“

„Was meinst du?“, fragte Ingo verständnislos.

„Auch ich könnte mich verlieben.“

„Du?“

Diese fragenden zwei Buchstaben, dieses grinsende U, das mich an Hui Buh, das Schlossgespenst, erinnerte, brachten das Fass zum Überlaufen. „Glaubst du etwa, mich könnte kein Mann begehrenswert finden?“ Der Holzlöffel fiel mir aus der Hand und sprenkelte den Küchenfußboden mit möhrenroten Tupfen.

Ich merkte, dass Ingo mich sehr genau betrachtete, während ich den hellen Bodenfliesen das überflüssige Dekor nahm. Zu seinem Glück kam er klar erkennbar zu der Ansicht, dass man diese Möglichkeit durchaus in Betracht ziehen könne. Andernfalls hätte ich Rechtsanwalt Maximilian Schneider jun. vermutlich noch am selben Tag mit der Scheidungsklage beauftragt.

Dann schlich sich ein Verdacht in Ingos Augen. „Hast du etwa jemanden kennen gelernt?“

Ich nickte und begann nun meinerseits den Eintopf zu rühren. Selten hatte es Möhren gegeben, denen so viel Aufmerksamkeit zuteil geworden war.

„Ist es etwas Ernstes?“

„Noch nicht.“

Endlich war Ingo bereit, den Herd, und damit wohl auch den Anspruch auf seinen Platz in diesem Hause, fürs Erste aufzugeben. Mit unsicheren Schritten ging er zu dem zweiten Küchenfenster, das auf die Straße hinausführte. Anscheinend brauchte auch er für das, was er sagen wollte, ein Ziel außerhalb dieser vier Wände. Aber was immer er auch mit dem Blick auf die Kreuzkirche formulierte, er kam nicht mehr dazu, es auszusprechen.

Christopher erschien in der Küche. „Was ist eigentlich ein Hurensohn?“ Zum Glück wandte er sich an seinen Vater, der für die Beantwortung heikler Fragen von jeher zuständig gewesen war.

Ingo suchte noch nach Worten, als Alexandra in Christophers Rücken sagte: „Der Sohn einer Nutte, ist doch klar.“

Dass Christopher keine Fragen zu dem Begriff Nutte stellte, erschütterte mich, aber ein Gespräch darüber verschob ich auf einen günstigeren Zeitpunkt. Stattdessen sah ich Ingo provozierend an. „Musst du nicht los? Du magst Möhreneintopf doch sowieso nicht besonders gern.“

Ingo sah aus, als wollte er behaupten, Möhreneintopf gehöre neuerdings zu seinen Leibgerichten, aber in diesem Moment klappte vor dem Haus eine Autotür. „Deine Freundin Nadja! Sie hat ihren Wagen auch auf dem Bürgersteig geparkt. Wie soll da jetzt ein Rollstuhlfahrer oder eine Mutter mit Kinderwagen durchkommen?“

„Leos Schlüssel liegt auf dem Dielenschrank“, antwortete ich. „Bist du so nett, für ihn einen Parkplatz zu suchen, ehe du gehst?“

Ingo nickte bereitwillig. „Alles ist besser als Nadjas Geschwätz.“

5

Vom ersten Tag an war es so gewesen. Nadja, die schicke, mondäne, entweder in Mokkabraun oder edlem Schwarz gekleidete Botschafterin ihres Ladens, hegte eine mühsam verborgene Abneigung gegen Polizisten, schon wegen ihrer unkleidsamen Uniformen. Ingo dagegen pflegte ganz offen seinen Widerwillen gegen Boutique-Besitzerinnen, die etwas so Triviales wie Mode zum Lebensinhalt gemacht hatten. Nadja fand Ingo spießig und langweilig und – seit er mich wegen einer anderen verlassen hatte – auch noch heuchlerisch und verantwortungslos. Ingo hielt Nadja für ein oberflächliches Geschöpf, dem es nur auf eine schöne Larve und ein gutes Leben ankam. Dabei vergaß er ganz, dass Nadja ihr Geld keineswegs leicht verdiente, sondern in ihre Boutique eine Menge Zeit und Arbeit und neuerdings auch viele Sorgen investierte.

‚Nadjas Modestübchen‘ lag nicht in der City, weil dort die Mieten viel zu hoch waren, sondern am Ende der Warendorfer Straße, wo es um Laufkundschaft schlecht bestellt war und die Stammkunden zu denen gehörten, die sich immer weniger leisten konnten. Aber Ingo war von seiner vorgefassten Meinung nicht abzubringen – und das lag auch daran, dass Nadja mit einem Lehrer verheiratet war. Diesen Beruf verachtete Ingo noch mehr als die gesamte Modebranche. Lehrer waren überbezahlt, verdienten ihr Geld mit Besserwisserei, brauchten nur einen halben Tag zu arbeiten und hatten die meiste Zeit des Jahres Ferien. Während der übrigen stöhnten sie über die unartigen Schulkinder. Und eine Frau, die mit einem Lehrer verheiratet war, wurde von Ingo in den gleichen Topf geworfen, wo alle Pädagogen landeten.

Dass er sich dennoch um ein ungestörtes Verhältnis zu Hartwig Schramm bemühte, lag nur daran, dass er Christophers Sport- und Alexandras Deutschlehrer war. Die Noten seiner Kinder wollte er nicht leichtsinnig gefährden, deswegen verzichtete er zu meiner großen Erleichterung darauf, Hartwig ganz offen einen Klugscheißer und Faulenzer zu nennen. Wie sich unsere Bekanntschaft mit den Schramms nach der Schulausbildung unserer Kinder gestalten würde, blieb abzuwarten.

Ingo wollte sich mit einem flüchtigen Gruß an Nadja vorbeidrücken, kam aber um ein Bussi-Bussi vor der Haustür nicht herum.

Verlegen blickte er sich nach allen Seiten um, während Nadja exaltiert kicherte. „Reicht das, damit du mir kein Knöllchen verpasst?“

„Ich bin nicht von der Schutzpolizei“, knurrte Ingo. „Du kannst es ja noch einmal versuchen, wenn du einen Mord auf dein Gewissen geladen hast.“

Nadjas künstliches Lachen verstummte, kaum dass Ingo die Haustür hinter sich ins Schloss gezogen hatte. „Schrecklich, dass du mit einem Polizeibeamten verheiratet bist! Noch dazu mit einem, der dich betrügt. Wie konntest du nur auf eine Uniform reinfallen?“

„Hast du vergessen, dass ich auch mal eine Uniform getragen habe?“

„Deswegen bin ich da.“ Nadja betrachtete mich, als wären mein Ringelpulli von H & M und die Jeans, die ich bei ebay ersteigert hatte, auch nicht viel besser. Aber wie immer schwieg sie. Kritik an meinem Outfit brachte sie höchstens dadurch vor, indem sie mir die Mode aus ihrem Laden zum halben Preis anbot. „Über den Job, den du gelernt hast, will ich mit dir reden.“

Ich konnte mir keinen Reim darauf machen, aber leider musste ich mich gedulden. Christopher und Alexandra bestanden darauf, dass Nadja sie zum Erkerfenster begleitete, um Humphrey zu bewundern. Sie tat es wohl nicht besonders überzeugend und stand deswegen schon wenige Minuten später neben mir in der Küche, wo ich dem Möhreneintopf gut zuredete. Der war in der letzten halben Stunde so oft gerührt worden, dass er jetzt aussah wie Karottenbrei aus ökologischem Anbau für Babys in den ersten drei Lebensmonaten.

„Willst du mit uns essen?“, fragte ich Nadja.

Sie warf einen Blick zur Uhr. Damit leitete sie fast jede Antwort ein. „Bis drei habe ich Zeit, dann muss ich den Laden wieder öffnen. Warum also nicht? Frederik isst heute Mittag bei einem Freund, mit dem er anschließend für eine Arbeit lernen will.“ Nadja drückte die Küchentür ins Schloss. „Bevor die Kinder zum Essen kommen, sag mir schnell, warum Ingo hier war.“

Ich lächelte leicht. „Das Gleiche habe ich ihn auch gefragt.

„Spinnt der?“ Nadja stemmte die Fäuste in die Hüften. „Erst zieht er zu dieser Sandra und nun…“

„…nun will er zu mir zurückkehren.“

„Ehrlich?“ Nadja blieb der Mund offen stehen, dann verdüsterte sich ihre Miene. „Und du hast deinen Ernährer natürlich mit Freuden wieder aufgenommen!“

„Nein, habe ich nicht.“ Ich stellte die Teller auf den Tisch und holte eine Terrine aus dem Schrank. „Ich habe ihm erklärt, dass ich Zeit brauche und die Trennung als Chance nutzen will. Als Chance, mich unabhängig zu machen. Dann werden wir weitersehen.“

Nadja ließ sich auf einen Stuhl fallen. „Was ist denn in dich gefahren? Bis gestern noch wolltest du alles tun, damit Ingo zu dir zurückkommt! Und nun plötzlich Emanzipation und Selbstverwirklichung?“

Ich füllte den Eintopf in die Terrine. „Ich weiß im Moment wirklich nicht genau, was ich will. Auf jeden Fall möchte ich mich von meinem Mann unabhängig machen. Wenn ich ihn wieder hier einziehen lasse, dann unter anderen Vorzeichen.“

Bei einer Diskussion mit Nadja über die Rechte einer Ehefrau und die gottverdammten Ansprüche eines Ehemannes zog ich stets den Kürzeren. Deswegen war ich froh, dass die Kinder in die Küche kamen und eine Diskussion darüber anzettelten, ob Humphrey eine Kostprobe des Möhreneintopfs zuzumuten sei.

„Auf keinen Fall“, entgegnete ich energisch. „Soll der Papagei gleich am ersten Tag an einer Gallenkolik verenden?“

„… und eure Mutter um ihre Rente bringen?“, ergänzte Nadja grinsend.

Alexandra und Christopher sahen sie empört an. „Mama hat gesagt, es ginge ihr nicht um die Rente, sondern um die Erinnerung an Tante Almut.“

„Das stimmt.“ Ich blickte Nadja warnend an, damit sie nicht auf die Idee kam, mich bei meinen Kindern in ein schlechtes Licht zu setzen. „Und wenn ich möchte, dass es Humphrey gut geht, dann denke ich nur daran, dass genau das Tante Almuts letzter Wunsch war.“

Nadja nickte, als glaubte sie mir. „Trotzdem kommt diese Rente genau richtig“, sagte sie diplomatisch. „Du stehst an einem Wendepunkt deines Lebens, Romy, da kommt es auf jede Kleinigkeit an. Obwohl in solchen Momenten eigentlich nur die großen Entscheidungen zählen.“ Sie sah eine Weile nachdenklich vor sich hin, während ich mich fragte, was eigentlich in ihrem Kopf vorging. Dann entschloss sich Nadja, rigoros in die Erziehung meiner Kinder einzugreifen, und damit wusste ich, dass es etwas wirklich Wichtiges, etwas Sensationelles war, das sie hergeführt hatte. „Ich finde, ihr könnt ruhig schon aufstehen und euch mit Humphrey beschäftigen“, sagte sie zu Alexandra und Christopher.

Die beiden warteten meinen Kommentar gar nicht erst ab, sondern ließen den zerrührten Möhreneintopf auf ihren Tellern und verschwanden. Kurz darauf hörten wir Humphrey schreien: „Leck mich am Arsch!“