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Er beobachtet dich. Und er hat nichts vergessen. Geheimnisvoll, wendungsreich, unheimlich: Ein echter Pageturner vor schönstem Londoner Setting. Charlie und Lucile sind beste Freundinnen – bis zu einem Sommertag, der alles verändert. Nach einem tragischen Todesfall verlieren sich die Mädchen aus den Augen. Erst Jahre später – Charlie ist inzwischen Kursleiterin an einer Londoner Uni – trifft sie dort auf Luciles jüngere Schwester Violet, die sich ihr sofort anvertraut. Denn die junge Studentin fühlt sich in ihrem baufälligen Wohnheim auf Schritt und Tritt beobachtet. Nur wenige Tage später ist Violet spurlos verschwunden. Charlie ist alarmiert: Hat Violets Verschwinden vielleicht mit den dramatischen Ereignissen von damals zu tun? Doch die Polizei will nichts davon wissen und so ist sie gezwungen, die Suche selbst in die Hand zu nehmen. Schon bald ist jedoch auch Charlies eigenes Leben in höchster Gefahr ... Für Leser*innen von Ellen Sandberg, Charlotte Link und Ruth Ware.
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Charlotte und Lucile sind beste Freundinnen. Bis zu einem Sommertag, der alles verändert: Nach einem tragischen Todesfall verlieren sich die Mädchen aus den Augen. Erst viele Jahre später – Charlie ist inzwischen Kursleiterin an einer Londoner Uni – trifft sie auf Luciles jüngere Schwester Violet, die sich ihr sofort anvertraut. Denn die junge Studentin fühlt sich in ihrem verwinkelten Wohnheim auf Schritt und Tritt beobachtet. Und nur wenige Tage später ist Violet spurlos verschwunden. Charlie ist alarmiert: Hat Violets Verschwinden vielleicht mit den dramatischen Ereignissen von damals zu tun? Schon bald gerät auch sie selbst in tödliche Gefahr ...
Helen Vossberg
Ich habe es für dich getan
Roman
Charlie bahnte sich den Weg durch das verwobene Geflecht. Ihre Schritte waren fast lautlos auf dem trockenen, von Wurzeln zerfurchten Boden. Wie Adern rankten sich Efeu und Geißblatt um die ächzenden Baumstämme, hielten sie im Würgegriff ihres gesponnenen Netzes und verschluckten die letzten Sonnenstrahlen des frühen Abends. Die Hitze vom Tag flirrte noch immer in der Luft, doch der kühle Boden und die Nähe zum Fluss verwandelten die Insel selbst Anfang August in ein erfrischendes Habitat.
Schon nach wenigen Schritten verdrängte das Surren der Insekten die Motorengeräusche von der Schnellstraße hinter ihr. Sie ging an der kleinen Hütte mit den eingeworfenen Fensterscheiben vorbei. Der Smiley, den sie Pac-Man getauft hatten, warf ihr von der vollgesprayten Fassade sein zahnloses Lächeln entgegen. Bereits vor Jahren hatten Jugendliche die verbeulte Metalltür des Häuschens aufgebrochen. Eingetreten hing sie schief in den Angeln. Eine Nacktschnecke bahnte sich ihren Weg über einen der unzähligen Rostflecken.
Charlie passierte das »Betreten verboten«-Schild und wich den Brennnesselbüschen aus, an denen sie sich schon etliche Male verbrannt hatte.
Die Insel, die über eine Brücke gut zu erreichen war, gehörte eigentlich zu einem alten Industriehafen. Sie teilte den Fluss an dieser Stelle in zwei breite Kanäle. Das Gelände war seit Jahren ungenutzt und nachlässig abgeriegelt. Rechter Hand stand ein ausgedienter Kran in der Nähe einer Anlegestelle. Dahinter erstreckte sich ein Areal voll von Containern.
Charlie saß oft mit ihrer Freundin am Ufer und betrachtete die behäbig vorbeiziehenden Industriefrachter.
Der Pfad mündete in eine Lichtung. In deren Mitte gab es eine von Baumstämmen umrundete Feuerstelle. Als Charlie am gewohnten Treffpunkt ankam, wirkte der Ort jedoch verlassen. Lucile, ihre Freundin, sonst immer pünktlich, war noch nicht da, aber auch Charlie hatte sich um zehn Minuten verspätet.
Sie ging zum Ufer und krempelte ihre Jeans hoch. Nachdem sie ihre Schuhe ausgezogen hatte, streckte Charlie die nackten Füße ins Wasser. Sie ertrug die stechende Kälte so lange, bis sie sich einigermaßen an die Temperatur gewöhnt hatte. Mit den Zehen fuhr sie über die glitschigen Steine, vorsichtig darauf bedacht, nicht in eine Glasscherbe oder eine scharfkantige Muschel zu treten.
Am gegenüberliegenden Ufer des Kanals brannte ein Feuer. Charlie nahm leises Gelächter und das Klirren von Flaschen wahr. Sie konnte die Gruppe Jungen von hier aus sehen, aber nicht genau erkennen, wer dort saß.
Die Natur hatte sich die Insel zurückgeholt, und vielleicht war sie gerade wegen dieser wiedererlangten Wildnis und dem Hauch des Verbotenen der beliebteste Treffpunkt sämtlicher Jugendlichen. Viele der kleinen vom Wassergras verdeckten Uferstellen boten Liebespärchen oder Cliquen, die ungestört Gras rauchen wollten, den idealen Schutz. Im Sommer, wenn man der Hitze entkommen wollte, schwammen ein paar der Übermütigen sogar von einer Seite der Insel zum Festland hinüber oder ließen sich ein Stück den Fluss hinuntertreiben. Charlie hatte es sich bislang noch nicht getraut. Im Schwimmunterricht hatte sie nicht mal ansatzweise zu den Besten gezählt, und die Strömung schien oftmals unberechenbar. Nicht zu vergessen die Temperaturen: Egal wie heiß es war, das Wasser blieb unnachgiebig kalt.
Am anderen Ufer bewegte sich das Gebüsch, ein paar ältere Jungs in Badehosen stiegen lachend die Böschung herunter und versuchten sich gegenseitig ins Wasser zu schubsen. Während Charlie sie beobachtete, hörte sie leise Geräusche hinter sich und drehte sich um. Nichts. Nach kurzem Zögern wandte sie sich ab, nur um die Geräusche wieder zu hören. Diesmal ein Knacken. Erneut drehte sie sich um und entdeckte erleichtert ihre Freundin, die den Pfad entlangkam. Lucile streifte sich eine blonde Haarsträhne aus dem Gesicht und formte ihre Lippen zu einem lautlosen »Sorry«. Zuerst verstand Charlie nicht, dann aber tauchte ein lockiger Haarschopf neben Lucile auf. Charlie entfuhr ein Seufzer, als ihr klar wurde, dass Luciles kleine Schwester Violet heute alle Aufmerksamkeit auf sich ziehen würde.
»Ich kam mit dem Buggy nicht durch und musste Madame den halben Weg tragen, weil sie zu faul zum Laufen ist.«
Charlie stieg aus dem Wasser, setzte sich auf einen der Baumstämme und schob den Rucksack mit den zwei Bierflaschen, die sie ihrem Vater aus dem Vorratsschrank geklaut hatte, zur Seite.
»Na, wie geht es meiner Lieblingsmeerjungfrau?«, erkundigte sich Charlie und nahm die Kleine zur Begrüßung in den Arm.
Luciles Schwester schmiegte sich mit einem Grinsen an Charlie und setzte sich auf deren Schoß, ihre Puppe fest umklammert. Violet war ein überraschender Nachzügler ihrer Eltern gewesen, und Charlie hatte Lucile seit jeher beim Babysitten geholfen. Seit sie der Kleinen den Film »Arielle« gezeigt hatten, war Violet besessen von der Disney-Figur und hatte deswegen ihre Meerjungfrauen-Barbie immer dabei.
»Hast du deine Mutter gefragt? Ich meine wegen dem Trip.« Charlie musterte Lucile über den Haarschopf der Vierjährigen hinweg, denn Luciles abwesender Blick versetzte sie in Unruhe.
»Was ist ein Trip?«, wollte Violet wissen und schaute Charlie mit großen Augen an.
Lucile schüttelte den Kopf, schien Charlies Blick auszuweichen. »Ich konnte sie nicht fragen, sie war wieder so …« Sie fuchtelte mit ihren Armen durch die Luft.
»Was ist ein Tri-hip?«, quengelte Violet.
»Ein Ausflug. Charlie und ich wollen einen Ausflug ans Meer machen.«
»Darf ich mitkommen? Oh, bitte! Ich will auch an den Strand!«
»Na klar darfst du mit«, beschwichtigte Lucile sie mit einem Lächeln, um dem Quengeln ein Ende zu bereiten. »Wollen wir wieder Steinchen um die Wette werfen?«
Sie setzten sich zu dritt ans Ufer und warfen kleine Kiesel ins Wasser, dass es nur so spritzte. Violet lachte jedes Mal, wenn die Steine mit einem lauten Plopp unter der Oberfläche verschwanden.
»Ist deine Mutter ausgegangen?«, fragte Charlie mit Blick auf Violet. Lucile schüttelte den Kopf und warf wieder ein Steinchen ins Wasser.
»Ellen lag schon im Bett, als ich heimkam, wieder Migräne. Also hatte ich keine Wahl. Oder sollte ich den kleinen Quälgeist hier sich selbst überlassen?«, fügte Lucile hinzu und kitzelte ihre Schwester durch, bis der ein Quietschen entfuhr.
»Und Oliver?«, versuchte Charlie wie nebenbei zu fragen. Tatsächlich hatte sie fast gehofft, Luciles Bruder zu sehen.
»Ist er nicht hier?«, fragte Lucile, um im gleichen Moment aufs andere Ufer zu zeigen. »Da haben wir ihn ja.«
Charlie folgte ihrem Blick und erkannte Oliver, einen großgewachsenen Jungen, der mit einer Bierflasche am Uferrand stand. Es wirkte fast so, als würde er sich an die Flasche klammern, um nicht ins Wasser gehen zu müssen. Seit Oliver sich letztes Jahr die typischen Clark’schen Locken abgeschnitten hatte, machte er auf Charlie einen viel erwachseneren und kantigeren Eindruck. Er war nicht mehr der kleine Junge, mit dem sie Türme aus Bauklötzen gebaut hatte.
Lucile und Charlie waren Freundinnen, seit sie denken konnten, und ebenso lange hatte Luciles Mutter immer irgendwas. Mal waren es Kopfschmerzen, mal Stimmungsschwankungen. Manchmal machte ihr auch ein Kater zu schaffen. Aber im Gegensatz zu Oliver besaß Lucile als älteste Schwester ein ausgeprägtes Verantwortungsgefühl, das hin und wieder ausgenutzt wurde, und so war es selbstverständlich, dass Lucile sich die meiste Zeit um die jüngere Schwester kümmerte.
Sie blieben eine Weile am Ufer sitzen und scheuchten die lästigen Mücken weg.
»Wenn wir den Trip wirklich noch in den Ferien machen wollen, müssen wir langsam planen, Lucile«, sagte Charlie schließlich mit einem Hauch Verärgerung in der Stimme.
»Ich weiß. Ich kümmere mich schon darum«, antwortete Lucile ihrerseits genervt. Dabei verzog sie den Mund, so wie immer, wenn sie bei ihrem vollen Namen genannt wurde. Lucile war der Meinung, dass der Name eher zu einer älteren Dame mit geblümter Schürze passte, die in einem Haus voller Katzen lebte. Das wusste Charlie. Und auch, dass Lucile es ätzend fand, wenn sie mit ihrer Mutter verglichen wurde. Sie sah Ellen sehr ähnlich, was Charlie an ihrer Stelle als Kompliment betrachtet hätte. Wenn sie an Ellen dachte, sah sie deren unbändige blonde Locken vor sich, roch den Zigarettenrauch, der sich unter ihr blumiges Parfum mischte. Sie erkannte immer eine leichte Traurigkeit in Ellens Augen, auch wenn sie ihr geheimnisvolles Lächeln aufsetzte. Und natürlich dachte Charlie wie jeder an Ellens Schönheit. Die Schönheit der Clarks. Eine distanzierte, verträumte Schönheit, eine Wand, hinter der ihre Gedanken für keinen zu entziffern waren. Lucile wird Ellen einmal wie aus dem Gesicht geschnitten sein, dachte Charlie mit einer Spur Neid.
»Chaaaaali?« Violet dehnte den Namen wie einen Kaugummi, während sie an Charlies T-Shirt-Ärmel zupfte. »Mir ist so heiß. Kann ich ein Eis haben?« Um ihrer Bitte Nachdruck zu verleihen, schob sie ihre Unterlippe vor und brachte Charlie damit zum Schmunzeln.
Charlie jobbte in den Sommerferien in einer Eisdiele in der Stadt, und jedes Mal, wenn die beiden auf einen kurzen Plausch vorbeikamen, gab sie ihnen einen Probierlöffel aus.
»Wenn du mich das nächste Mal bei der Arbeit besuchst, kriegst du garantiert eins. Welche Sorte magst du am liebsten?«
Violet strahlte. »Schoko-Karamell!«, rief sie. Charlie schmunzelte. Es war jedes Mal Schoko-Karamell.
Charlie unternahm noch ein oder zwei Versuche, ein Gespräch anzufangen, aber es schien sinnlos. Die Mückenschwärme am Ufer hatten sie endgültig als Beute auserkoren, während die Sonne bereits der Abenddämmerung wich und Violet sich zwischen ihnen eindeutig zu langweilen begann. Normalerweise hätten sie geraucht oder ein Feuer gemacht, um die Insekten zu verscheuchen, aber bald würde es endgültig dunkel sein und kein geeigneter Ort für ein Kleinkind.
Charlie gab ihre Pläne für den heutigen Abend auf. »Wir können auch zu mir gehen. Ein bisschen fernschauen. Ich hab sturmfrei.«
»Au ja!«, rief Violet freudestrahlend, woraufhin Lucile erleichtert nickte. Fernsehen verwandelte kleine Kinder in Zombies, und so hätten die beiden Freundinnen endlich Zeit, um über die geplante Reise zu reden. Nur sie zwei mit Rucksäcken unterwegs, nach Brighton oder sonst wohin an die Südküste. Hauptsache ein paar Tage entspannen, nur Charlie und Lucile. Zwei Sechzehnjährige auf ihrem ersten Kurztrip ohne Eltern. Da ihr Reiseziel nur drei Zugstunden entfernt war und Charlie ihren Eltern damit den halben Sommer in den Ohren gelegen hatte, hatten diese endlich nachgegeben und ihre Erlaubnis gegeben. Doch Lucile wirkte gerade längst nicht so euphorisch wie Charlie selbst, und sie musste sich eingestehen, dass diese einseitige Freude sie kränkte. Vor allem befürchtete sie, dass Lucile es sich anders überlegt hatte und Charlie durch die geplatzte Reise ein unendlich langweiliger Sommer bevorstand. Sie war gerade dabei, sich in ihren Gedanken zu verlieren, als Lucile ihr den Ellbogen in die Seite stieß.
»Was ist denn da los?« Ihre Freundin machte eine Kopfbewegung zum anderen Ufer, und erst jetzt bemerkte Charlie den Tumult, der sich bei der Gruppe Jungs gebildet hatte. Charlie stand auf und ging näher zum Wasser. Köpfe tauchten aus dem Fluss auf und mit einem Platschen wieder ab. Die Jungs waren ein paar Meter von ihrem Ufer entfernt, an einer Stelle, die tiefer zu sein schien.
»Oli?!« Lucile rief nach ihrem Bruder, aber keiner nahm Notiz davon. Mehrere Jungen, darunter Oliver, tauchten immer wieder unter Wasser. Unverständliches Geschrei drang in Fetzen zu den Mädchen herüber. Die abendliche Ruhe am Fluss war einem Chaos aus Schreien und panischen Bewegungen gewichen. Aus dem Wasser tauchte ein Stück rot karierter Stoff auf, den die Jungs festhielten und Richtung Ufer zogen. Als einer der Jungen sich plötzlich abwandte und auf dem Gras übergab, erkannte auch Charlie, was sie aus dem Wasser gezogen hatten. Sie sah den Schopf aus dunklem Haar, der wie ein Büschel Wasseralgen über dem Gesicht einer Frau hing. Das Hemd klebte in Fetzen am leblosen Körper, entblößte kalkige Haut. Dazwischen waren wunde Stellen sichtbar, wahrscheinlich von den kantigen Steinen, gegen die sie unter Wasser gestoßen sein musste. Der Kopf kippte nach vorne, als die Jungen die Leiche gemeinsam zum Ufer hievten.
»Oh mein Gott.« Luciles Stimme war direkt neben ihr. »Schau nicht hin! Schau weg!«
Aus dem Augenwinkel nahm Charlie die hektischen Bewegungen ihrer Freundin wahr. Lucile, die sich schnell ihre Schuhe anzog und irgendetwas von einer Fernsehserie stammelte. »Vergiss deine Puppe nicht!«
Dann begriff Charlie, dass Lucile mit ihrer Schwester sprach, und wollte sich ihrer Freundin zuwenden, aber sie war nicht imstande, sich zu rühren. Sie konnte nicht wegsehen.
»Los, komm bitte!«, schrie Lucile diesmal eindeutig zu Charlie herüber, die bereits das Rascheln der Büsche hinter sich hörte.
Die zwei Jungs, die sich der Leiche angenommen hatten, zogen den Körper mit einem gewaltsamen Ruck vollends aus dem dunklen Wasser auf das Gras. Ein Unterschenkel fehlte – eine grausige Leerstelle, die sich für immer auf Charlies Netzhaut einbrennen sollte.
Die Mädchen rannten den ganzen Weg zurück, widerspenstiges Geäst schnitt ihnen in die Arme. Alles schien wie in Zeitlupe abzulaufen wie in einem dieser Albträume, in denen man nicht schnell genug wegkam.
Lucile hielt Violet vor der Brust, deren schmächtige Arme sich um ihren Hals krallten. Charlie war mehrere Meter hinter ihnen und sah die beiden blonden Haarschöpfe beim Rennen auf- und abschwingen.
Am Wachhäuschen setzte Lucile ihre Schwester in den Buggy und sie eilten den Weg hinauf zur Schnellstraße, die über eine Brücke zur anderen Seite führte. Bei jedem Schritt wurde die Luft aus Charlies Lungen gepresst. Die Reifen des alten Buggys drohten bei dem Tempo nachzugeben. Violet fing an zu weinen – verwirrt von der Panik um sie herum. Sie begriff nicht, was passiert war. Sobald die Mädchen die Straße erreicht hatten, wies Lucile Charlie an, auf ihre Schwester aufzupassen. Dann kniete sie sich vor den Buggy. »Ich bin gleich wieder da, mein Schatz. Ich muss nach Oli schauen, und so lange bleibt Charlie bei dir, okay?«
Das Mädchen nickte tapfer. Bevor Charlie etwas sagen konnte, rannte Lucile schon den Pfad zum Ufer hinunter.
Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis sie gemeinsam mit Oliver zurückkam, den Charlie noch nie hatte weinen sehen. Er zitterte merklich und drückte sich eng an die Seite seiner großen Schwester. Auch wenn er nur knapp ein Jahr jünger war und Lucile bereits um mindestens einen Kopf überragte, wirkte er plötzlich schmächtig und kraftlos.
»Wir sollten verschwinden.« Luciles Stimme klang fest und dunkel.
»Ist sie –« Charlie brach mitten im Satz ab, als Lucile auf den Buggy deutete. Dann nickte ihre Freundin langsam.
»Was ist mit der Polizei? Ich meine, wir haben eine –« Charlie brach wieder ab. Ihr Blick glitt zwischen Lucile und Violet hin und her. Das Mädchen sank sichtlich müde immer tiefer in den Sitz des Buggys, ihre Puppe fest im Arm.
»Die anderen regeln das schon. Wir«, damit meinte Lucile eindeutig sich selbst und Violet, »können hier nicht bleiben.«
Liebe L.,
ich bin tatsächlich hier. Manchmal kann ich es selbst nicht glauben, aber ich habe es wirklich geschafft. Letztendlich wurde Dad wohl bewusst, dass seine Bemühungen, mich von meinen Plänen abzubringen, von Anfang an zum Scheitern verurteilt waren. Du kennst ihn ja. Er tut immer so streng, aber im Endeffekt weiß er selbst, dass er mir nichts mehr verbieten kann. Ich hatte die Immatrikulation schon im Frühjahr in der Tasche. Und ich habe tatsächlich ein Zimmer in der Green Lodge bekommen. Obwohl ich ja weiß, dass ich nicht zum Spaß hier bin, ist Ernüchterung wohl das Positivste, was ich beim Anblick dieses Wohnheims empfinden kann. An der Green Lodge ist rein gar nichts grün. Als ich die Lupine Lane entlangging, habe ich meine Koffer an unzähligen kleinen Häuschen mit verwahrlosten Vorgärten entlanggeschleift. Die Fassade der Green Lodge erinnert eher an ein Gefängnis. Ein besserer Vergleich fällt mir beim besten Willen nicht ein. Dunkelbrauner Backstein, knallrote Gittertore. Ich musste an der Pforte klingeln, und als ich durch das surrende Gittertor hereingelassen wurde, saß hinter der Glasscheibe ein gelangweilter Securitytyp vor zwei alten Röhrenbildschirmen, auf denen der Innenhof und der Eingangsbereich zu sehen waren. Die Gegend scheint also nicht besonders sicher zu sein. Die winzigen Bildschirme und der Sicherheitsmann mit trübem Blick machten auch nicht gerade einen beruhigenden Eindruck.
Ich folgte den »Welcome to Green Lodge«-Zetteln und bekam in einer Gemeinschaftsküche, die zum Inforaum umfunktioniert worden war, einige Formulare zum Ausfüllen. Die Wohnheimleitung, Janet Irgendwas, hat mich überschwänglich begrüßt, mich im Wohnheim willkommen geheißen und mir versichert, mich mit allen Fragen oder Sorgen an sie wenden zu können. Kanntest du sie auch? Sieht sie Amy Winehouse nicht verdammt ähnlich, mit ihrem Lidstrich und dem Piercing über der Lippe? Nur das Haar ist anders, blond mit dunklem Ansatz.
Sie drückte mir ein Bündel Infoflyer in die Hand und bat einen jungen Typen, der gelangweilt an die Küchentheke gelehnt dastand, mir mein Zimmer zu zeigen. Janet rief mehrmals seinen Namen (»Quinn. Quinn!«), bis er mir mit meinen Koffern half. Auf dem Weg durch den Innenhof versuchte ich mich mit ihm zu unterhalten, aber aus seinen Kopfhörern drang derart laute Hiphop-Musik, dass ich es schnell aufgab. Abgesehen von zwei runden Holztischen und den aufgestellten Briefkästen gibt es nichts zu sehen, und »green« ist der Innenhof im Übrigen auch nicht. Ich habe gebetet, keines der Zimmer erwischt zu haben, deren Fenster auf diese Trostlosigkeit hinausgingen.
Quinn brachte mich zur Tür in der linken Ecke des Innenhofs. Über dem Eingang stand die Zahl »V«. Ich hab schon auf der Website der Green Lodge gelesen, dass das Wohnheim aus sechs Gebäudeabschnitten besteht.
Quinn deutete mit dem Finger auf die Treppe, drückte mir grinsend den Schlüssel in die Hand und machte pfeifend kehrt zum Aufnahmebereich, um weiteren Leuten zu »helfen«. Also musste ich meine beiden Koffer allein in den zweiten Stock hinauftragen und hätte mir im schmalen Treppenhaus beinahe das Genick gebrochen. Du hättest dich kaputtgelacht, wenn du das gesehen hättest. Ich habe mich so angestellt. Ein Typ namens Finley hat mir schließlich geholfen. Er wohnt auch hier und studiert Sportwissenschaften auf Lehramt. Aber dazu schreibe ich dir ein anderes Mal mehr.
Irgendwann habe ich dann mein Zimmer gefunden: Nummer 715. Es ist auszuhalten und zeigt zum Glück nicht auf den Innenhof. Ein großes Fenster, ein schrecklich unbequemes Bett mit quietschenden Federn und klappriges Standardmobiliar. Das war’s. Wenn ich auf dem Bett liege, starre ich in zwei schmutzige Deckenlampen aus Milchglas. Der Teppich stinkt. Aber direkt vor dem Fenster steht ein blühender Baum, eine Linde, glaube ich. Jedenfalls finde ich die Aussicht sehr tröstlich. Ich habe versucht, alles ein bisschen gemütlicher einzurichten und wollte den kleinen, von Flecken übersäten Teppich entsorgen, aber darunter offenbarte sich ein Brandfleck in Form eines Bügeleisens auf dem Teppichboden. Also habe ich ihn liegen lassen. Ich habe mich ins Bett gelegt, und als ich aus meinem komatösen Schlaf wieder aufgewacht bin, waren zwei Stunden vergangen. Ich fühle mich einfach nur grässlich und plötzlich so allein. Ich weiß, du willst es nicht hören, aber ich vermisse dich. Ich kann den Druck von all dem Neuen, das vor mir liegt, spüren. Seine Bedeutung. Aber du bist es wert, L. Du bist es immer wert.
In der Sonne schimmerte das Fell des Fuchses in rostigem Orange, ging am Hals in ein schmutziges Weiß über und verlor sich schließlich in einem Rotton. Sein Maul stand leicht offen, das linke Auge starrte auf die Straße vor ihm, aber es würde nichts mehr in diesem Leben erkennen. Als etwas über den Augapfel krabbelte und Charlotte begriff, dass es eine Fliege war, wich sie ruckartig zurück. Zwei Tage zuvor hatte Charlotte dem kleinen Kerl noch eine Portion Thunfisch ans Haus gestellt, nun würde sie einen Karton von oben holen müssen, um den toten Fuchs darin wegzubringen.
Charlotte ging über die Kieseinfahrt zum Haus mit der bröckelnden, grau gewordenen Fassade. Sie verdrängte den Gedanken, dass ihre Vermieter, die im vorderen Teil des Hauses lebten, das kleine Lebewesen vermutlich mit ihrem Kleintransporter totgefahren hatten.
Charlotte wohnte noch nicht einmal seit einer Woche hier. Der Umzug war schnell und unkompliziert über die Bühne gegangen. Nach einigen unruhigen Nächten in einem Hostel mit schnarchenden, betrunkenen Touristen war sie unendlich froh gewesen, über eine Onlineanzeige dieses kleine bezahlbare Apartment gefunden zu haben. Sie hatte die Vermieterin nur einmal am Telefon gesprochen und ihr, verzweifelt wie sie war, offenbar klarmachen können, wie dringend sie eine Wohnung brauchte. Letztendlich war es wohl eher ihr Angebot gewesen, eine Kaution von vier anstatt drei Monatsmieten in bar zu bezahlen, das den Ausschlag gab. Damit rauschte ihr Konto kräftig ins Minus. Aber wenn das der Eintrittspreis für ein neues Leben als Dozentin an der Uni war, wollte sie es in Kauf nehmen. Noch am selben Tag hatte sie den Vertrag unterzeichnet.
Charlotte schloss die Haustür auf und ging die Treppe hinauf. Ihre Schuhe sanken in den alten verzogenen Teppich ein.
Der Schrecken, den das Apartment auf Charlotte ausübte, hatte sich mittlerweile gelegt, besonders heimelig war es jedoch nicht. Die Dachschräge und die kleinen Fenster zum Hof ließen nur wenig Tageslicht hinein und vermittelten ihr ein Gefühl der Enge. Es gab kein Regal für die Bücher, so dass sie sich auf dem Boden stapelten. Die Klamotten lagen noch immer zerwühlt im Koffer.
Auf dem Weg zu einem Lebensmittelladen in der Nähe, vorbei an diversen Pubs und zwielichtigen Gestalten, war ihr außerdem der Gedanke gekommen, ob sie sich hier in der Gegend wirklich sicher fühlen konnte.
Das Vibrieren ihres Handys in der Hosentasche ließ Charlotte zusammenzucken. Sie zog es heraus und warf einen Blick auf das Display. Wie schon so oft war die Nummer unterdrückt. Hastig drückte sie den Anruf weg und steckte das Handy zurück in die Hosentasche.
Am nächsten Morgen fuhr Charlotte mit dem Bus zur Universität. Die Fakultät für Design und Medien war in einem Neubau im hinteren Bereich des Campus untergebracht. In der großen Eingangshalle mit einem gläsernen Dach entdeckte Charlotte den Infobereich, an dem sie sich einer Mitarbeiterin vorstellte. Während diese etwas in ihren Bildschirm eintippte, blickte sich Charlotte um. Es gab eine Art Bar, an der man sich einen Kaffee holen konnte, und ein paar nüchtern gehaltene weiße Sitzecken. Vereinzelt saßen Studentinnen und Studenten in ihre Laptops vertieft an den Tischen und schlürften an ihren Getränken.
»Da hätten wir Sie, Ms Edwards«, wandte sich die Mitarbeiterin schließlich an Charlotte. »Sie können gleich in den vierten Stock fahren, das Büro von Andrew Lawson ist das erste auf der linken Seite. Und das ist Ihr Mitarbeiterausweis. Damit haben Sie Zutritt zu allen Gebäuden der Universität.«
Charlotte nahm den Ausweis entgegen und befestigte ihn an ihrer grauen Bluse. Im Aufzug sah sie nervös an sich hinunter. War sie zu förmlich gekleidet? Oder nicht lässig genug für ihren ersten Tag? Wie auch immer, jetzt war es nicht mehr zu ändern.
Charlotte hatte die Stelle als Dozentin über einen Kontakt ergattert. Lilian, die sie aus Studienzeiten kannte, hatte vor einigen Monaten eine Mail herumgeschickt. Sie suchte eine Nachfolgerin für ihren Job an der Universität im Norden Londons, und Charlotte hatte umgehend geantwortet.
Bei einem kurzen Telefonat sprachen sie über Details. Die Arbeit unter Professor Andrew Lawson beinhaltete freie Kurseinteilung und darüber hinaus die Tutorenbetreuung für die Studierenden. Lilian schwärmte von der Stelle, wollte jedoch ins Ausland. Sie leitete Charlottes Bewerbungsunterlagen gleich weiter und legte ein gutes Wort beim Fakultätsleiter ein. Zum Schluss hatte Lilian noch angedeutet, dass besagter Andrew Lawson ein harter Knochen sei. Charlotte hatte sich davon nicht abschrecken lassen, doch jetzt, wo sie an sein Büro klopfte und von einer unfreundlichen Männerstimme hereingebeten wurde, räusperte sie sich, um ihre Stimme fester klingen zu lassen.
Ein schlanker Mann von Mitte fünfzig mit ergrautem Bart blickte sie ausdruckslos an. »Ja, bitte?«
»Hallo. Ich bin Charlotte Edwards, Ihre neue Mitarbeiterin. Wir haben einen Termin.«
Er erhob sich lustlos und schüttelte kurz angebunden ihre Hand. »Ja, stimmt. Ich bin schon etwas knapp dran. Sie können gleich in den nächsten Kurs mitkommen. Hier sind Ihre Unterlagen und die Teilnehmerliste für das Tutorium. Die Kollegen stelle ich Ihnen später vor.« Ohne weitere Umschweife drückte Lawson Charlotte einen kleinen Stapel Unterlagen in die Hand, um dann in ein zu groß wirkendes schwarzes Jackett zu schlüpfen. Damit war wenigstens das knittrige Hemd bedeckt, dachte Charlotte. Sein musternder und abschätziger Blick entging ihr nicht. Er war bereits jetzt von ihr genervt.
Der erste Arbeitstag verlief anstrengend, und Andrew Lawson wurde nicht müde, Charlotte das Gefühl zu geben, seine kleine Praktikantin zu sein, was sie zunehmend wütend machte. Aber sie lächelte geduldig und versuchte, sich ihre Unruhe nicht anmerken zu lassen. Zwei Stunden lang verfolgte sie aus einer der hinteren Reihen den Kurs von Lawson, in dem er herrisch über die Arbeiten der Studenten urteilte und vor allem die Stillen unter ihnen drangsalierte. In den eingeschüchterten Blicken erkannte sie sich selbst als eine von ihnen, eine damals genauso introvertierte Studentin, der es schwergefallen war, vor einer Gruppe zu reden. Sie nahm sich vor, als Kursleiterin umso freundlicher und respektvoller zu den Studenten zu sein, und freute sich, nachmittags endlich ein paar ihrer Kursteilnehmer kennenzulernen. Es waren etwa zwölf Studenten, vor denen sie einen kleinen Vortrag über ihre Arbeit als Visual Designerin hielt und ihnen einen Auszug ihrer Projekte vorstellte. Sie versuchte das Zittern in ihrer Stimme und die anfängliche Nervosität zu unterdrücken. Doch im Gegensatz zu Andrew Lawson erkannte sie nach kurzer Zeit waches Interesse und Begeisterung für das Fach in den Augen der Studenten. Manche schrieben mit und stellten hinterher Fragen über die Semesterinhalte.
Als Charlotte ihren ersten Kurs beendet hatte und der Raum sich leerte, atmete sie erleichtert auf. Vielleicht war es ja wirklich die richtige Entscheidung gewesen, einen Neuanfang zu wagen. Vielleicht war Unterrichten tatsächlich das Richtige für sie.
Charlotte war froh gewesen, ihre letzte Stelle in einer Werbeagentur kündigen zu können und die Schikanen ihrer Chefin nicht mehr ertragen zu müssen. Ein neuer Lebensabschnitt lag vor ihr. Es würde sicher nicht auf Anhieb leicht sein, aber Charlotte hatte zum Glück immer kleine freie Projekte betreut, und nun als Kursleiterin musste sie sich erst einmal keine Sorgen mehr um ein monatliches Gehalt machen.
Gerade als Charlotte sich einen Kaffee von der Bar holen wollte, klopfte es an der Tür. Sie wusste nicht, ob man ihr die Verwirrung ansehen konnte, denn die Studentin blickte genauso verunsichert zurück. Entschuldigend wich sie einen Schritt zurück. »Ist das nicht Raum 023? Sind Sie meine Tutorin?«
Einen Augenblick lang war Charlotte sprachlos. War sie es wirklich? Nein, das konnte nicht sein, sie war zu jung, und das Gesicht stimmte nicht überein … und die Art, wie sie sprach, war anders. Aber es war, als würde Charlotte geradewegs in ihre Vergangenheit blicken.
»Ehm, einen Moment …« Charlotte versuchte sich zu sammeln. So unauffällig wie möglich warf sie einen Blick auf die Liste der Studierenden, für die sie zuständig war. Tatsächlich, da tauchte der Name auf. Sie war es. Violet Clark. Schoko-Karamell.
Hey L.,
ich wollte mich mal wieder melden. Inzwischen habe ich mich wieder etwas gefangen. Seit ich hier bin, war ich schon auf ein paar Partys hier im Wohnheim, meistens im Innenhof. Solange es warm genug ist, möchte keiner in seinem Zimmer hocken. Ansonsten ist in dieser Gegend nicht wirklich viel los.
Einmal bin ich nachmittags mit Finley und ein paar anderen aus der Green Lodge in einem Pub gelandet, Henry’s Place. Finley ist wirklich nett. Er hat sich darüber beklagt, dass dieses Wohnheim wie ein Labyrinth aufgebaut ist, und ich muss ihm recht geben. Das Haus hat etwas Unheimliches. Ich spüre, dass die anderen genauso empfinden. Und dabei wissen sie nicht, was ich weiß.
In den ersten Stockwerken sind Gitter vor den Fenstern, die Zimmer sind winzig, und die langen, engen Flure verströmen eine beklemmende Atmosphäre. Fast alle Türen sind abgeschlossen. Man kommt mit dem eigenen Schlüssel nur in seinen eigenen Hausabschnitt, ich habe jedoch schon festgestellt, dass es im ersten und zweiten Stock Schleichwege in den benachbarten Gebäudetrakt gibt. Mehrmals habe ich mich auf dem Weg zum Büro oder dem Eingang verlaufen, wenn ich mal einen anderen Weg einschlagen wollte oder schlichtweg in Gedanken war. Der Hausaufbau scheint einfach keiner Logik zu folgen. Gestern war ich auf dem Weg zu meiner Kommilitonin Lisa, um sie nach einem Föhn zu fragen. Eigentlich hätte ich nur eine Etage tiefer gehen und dann nach links abbiegen müssen. Stattdessen fand ich mich plötzlich in einem Gang wieder, der nach drei Durchgangstüren in einer Sackgasse endete. Ist das nicht seltsam?
An die Zustände hier werde ich mich jedenfalls nicht gewöhnen. Die Gemeinschaftsbäder im Flur sind eng und schmutzig und außerdem ständig belegt. Die Tapeten sind vergilbt und teilweise heruntergerissen. In den Aufenthaltsräumen kriechen seltsame rostfarbene Flecken unter den Fußleisten hervor. Und nur eine der Duschen in unserem Stockwerk hat heißes Wasser.
Wenn man aus dem Zimmer in den fensterlosen Gang tritt, muss man mehrere Sekunden in völliger Dunkelheit ausharren, bis die Lampen flackernd angehen. Ich muss mich jedes Mal zusammenreißen, um nicht laut aufzuschreien. Es ist wirklich sehr unheimlich, fast ein bisschen wie im Overlook Hotel, finde ich, so als könnte in diesen klaustrophobisch engen Fluren hinter jeder Abbiegung plötzlich jemand vor einem stehen.
Ich dachte eigentlich, ich hätte meine Ängste mittlerweile gut im Griff, aber ehrlicherweise habe ich bislang vor lauter Unruhe nicht besonders gut geschlafen, wenn überhaupt. Zur Sicherheit schiebe ich einen Koffer vor die Tür. Nachts höre ich oft ein seltsames Geräusch. Zuerst dachte ich, es käme aus dem Flur. Aber jetzt bilde ich mir ein, dass es von irgendwoher aus dem Gemäuer kommt. Genauer gesagt direkt aus der Wand neben meinem Bett. Mir ist klar, dass das nicht sein kann, weil mein Zimmer das letzte auf dem Gang ist. Aber etwas ist da, ich schwöre es dir. Und einmal habe ich die Tür aufgerissen, so sicher war ich, dass etwas an meiner Tür gekratzt hat. Sekundenlang stand ich allein in der Dunkelheit. Ich wäre fast gestorben vor Angst. Dann habe ich mich wieder ins Bett gelegt und weiter gelauscht. Und nein, es ähnelte keineswegs dem vertraut gluckernden Geräusch von den Wasserrohren. Dieses Geräusch taucht nur manchmal auf. Esklingtweder mechanisch noch konstant. Eher so, als würden Finger an einer Wand entlangkratzen oder als würde jemand etwas über den Boden ziehen. Die Geräusche hören jedes Mal abrupt auf, und dann ist es wieder so still, dass ich mir sicher bin, mir alles nur eingebildet zu haben. Es wäre schließlich nicht das erste Mal, nicht wahr? Ja, du hörst einen verbitterten Ton, stimmt. Aber egal, das ist vergangen.
Einmal bin ich aus dem Tiefschlaf aufgeschreckt, in Schweiß gebadet. Ich hatte das todsichere Gefühl, dass mich jemand durch das Fenster beobachtete. Vielleicht hatte ich im Schlaf Vögel gehört, die auf dem Dach umhertapsten, rede ich mir ein. L., ich ertrage den Gedanken nicht, dass alles wieder von vorne beginnt!
Und jetzt muss ich dir noch von meinem ersten offiziellen Tag an der Uni erzählen. Du wirst nicht erraten, wen ich getroffen habe. Die Welt ist wirklich ein Dorf.
Ich muss zugeben, es hat mich kalt erwischt. Ich habe Charlotte nicht gleich erkannt. Als ihr befreundet wart, war ich ja gerade … vier. Alles, was vor unserem Umzug passiert ist, habe ich nur noch als Erinnerungsfetzen im Kopf, und manchmal bin ich mir nicht sicher, was wirklich eine Erinnerung ist und was einfach meiner Fantasie entspringt. Vielleicht möchte ich mich auch gar nicht erinnern. Jedenfalls hat Charlotte nach dir gefragt. Wie es dir ergangen ist. Und der Familie. Ich habe behauptet, es ginge uns allen gut. Sie weiß offenbar nichts von dir. Was dir passiert ist.
Das knirschende Geräusch der Plastikräder des Buggys auf dem Asphalt hallte von den Häusern wider. Lucile marschierte festen Schrittes voran, während Charlie und Oliver versuchten, ihr Tempo zu halten. Sie eilten schweigend die Hauptstraße entlang. Charlie überlegte bei jedem vorbeifahrenden Auto, es anzuhalten und um Hilfe zu bitten, doch jedes Mal verwarf sie den Gedanken. Lucile wirkte so entschlossen, als hätte sie einen Plan und wüsste, was zu tun sei. Von der Insel war es nur eine Viertelstunde bis zur Wohnsiedlung, in der Charlie und Lucile wohnten. Das Haus der Clarks, eines der größeren Häuser im viktorianischen Stil, lag am Rand der Siedlung, idyllisch angrenzend an einen großen Park, der jetzt von den Schatten der Nacht verschluckt wurde. Charlies Haus hingegen befand sich mehr im Zentrum der Siedlung, wo hohe Holzzäune die schmalen Gärten vor neugierigen Blicken schützten. Die Luftlinie zwischen ihren Häusern betrug wahrscheinlich nicht mehr als dreihundert Meter, und dennoch waren es im Grunde zwei weit voneinander entfernte Welten.
Das hintere Gartentor, das Charlie vor Jahren mit Lucile weiß gestrichen hatte, um ihr Taschengeld aufzustocken, stand wie üblich offen. In einer Ecke des Gartens setzten sie sich an einen verwitterten Holztisch, der von einer mit Rosenranken verwachsenen Pergola geschützt war. Der sonst so schöne weitläufige Garten der Clarks wirkte bei Nacht ganz anders als sonst. Wie verlassen lag er im dämmrigen Schein der Straßenlaternen. Ein Laufrad lag achtlos hingeworfen im Gras, auf dem Tisch standen leere Gläser und ein überquellender Aschenbecher. Der Rasen war zu einer wilden Wiese mutiert, das Gras an mehreren Stellen büschelweise fast einen halben Meter hoch.
Unwillkürlich musste Charlie an die Insel denken, an die geheimen Stellen im Dickicht und daran, was sie dort gefunden hatten.
Oliver ließ sich in einen Gartenstuhl sinken und kramte mit verlorenem Blick in seinen Hosentaschen. Eine zerknitterte Schachtel Marlboro, die Lucile ihm zuwarf, landete auf seinem Schoß. Mit dankbarem Blick griff er nach dem Feuerzeug neben dem Aschenbecher und zündete sich eine Zigarette an.
»Sollten wir nicht doch die Polizei anrufen?«, fragte Charlie in die Stille hinein.
»Einer von den anderen wollte sie rufen. Vielleicht hätte ich doch dortbleiben sollen.« Oliver starrte auf seine Finger, die die Zigarette umklammert hielten. Er zitterte nicht mehr so stark, und seine Stimme klang etwas fester, wenn auch dumpf und monoton, als wäre er in Gedanken noch woanders.
»Das hätte auch nichts genützt. Die werden sowieso hier vorbeikommen. Kannst du vielleicht Vio ins Bett bringen?«, bat Lucile ihren Bruder.
»Warum machst du das nicht selbst?«, erwiderte Oliver verwirrt und zog an seiner Zigarette.
»Ich muss dringend Ordnung schaffen. Und jemand muss Mama wecken. Oder willst du das übernehmen?«
Oliver hielt kurz inne und überlegte, was das kleinere Übel war. Er schüttelte leicht den Kopf und entschied sich für Violet, den Blick auf ein Fenster im ersten Stock des Hauses gerichtet. Das Schlafzimmer von Ellen. Die Vorhänge waren zugezogen.
Einen Moment lang kamen Charlie Zweifel, ob Ellen wirklich nur unter Migräne litt.
»Nein, du sollst mich ins Bett bringen«, rief Violet mit Tränen in den Augen und streckte panisch die Arme nach ihrer Schwester aus. Lucile beugte sich zu ihr hinunter und redete leise auf sie ein, bevor Oliver seine Zigarette seiner großen Schwester in die Hand drückte und Violet auf den Arm nahm. Nach kurzem Protest lehnte das Mädchen ihren Kopf schließlich doch an die Schulter ihres Bruders, während er sie ins Haus trug.
Charlie hatte die Szene beobachtet und fühlte sich mehr denn je überflüssig. »Okay. Und was kann ich machen?«
Lucile nahm einen tiefen Zug von Olivers Zigarette. Dann drückte sie den Stummel im Aschenbecher aus. »Ich brauche deine Hilfe beim Aufräumen. Allein schaffe ich das nicht, und wir müssen uns beeilen.« Lucile vermied es, ihrer Freundin in die Augen zu blicken. »Aber bitte kein Wort über die Unordnung. Es sieht gerade schlimm aus bei uns.«
Verwirrt von Luciles Ansage zuckte Charlie mit den Schultern. Richtig ordentlich war es auch sonst nicht, vor allem nicht, wenn Violets Spielsachen wie nach einem Wirbelsturm im Wohnzimmer verteilt waren. Trotzdem kam es Charlie seltsam vor. Sollten sie nicht als Erstes Ellen wecken? Oder sollte sie von hier aus sogar ihre Mutter bei der Arbeit anrufen? Gab es nicht Wichtigeres zu tun, wenn man gerade dabei zugesehen hatte, wie eine Leiche aus dem Wasser gezogen wurde, als aufzuräumen?
Doch statt zu protestieren, folgte Charlie ihrer Freundin durch die Hintertür in die Küche. Kaum hatte Lucile das Licht angemacht, fuhr Charlie zusammen. Das Erste, was sie wahrnahm, war der Geruch nach etwas süßlich Vergorenem. Eine Fliege, geweckt vom Licht der Lampe, flog über einen kleinen Korb mit schimmligen Äpfeln. Von Schmutz verkrustetes Geschirr stapelte sich in der Spüle. Auf dem Tisch stand eine offene Weinflasche, ein Sammelsurium an Gläsern und Tassen war über den ganzen Tisch verteilt. Als Charlie einen Blick an der Küche vorbei ins offene Wohnzimmer warf, fielen ihr die Teller mit hart gewordenen Nudeln und einer vertrockneten dunkelroten Soße auf dem Couchtisch auf.
»Was zum …«, Charlie schwankte zwischen Ekel und Mitleid. Sie sah geradezu vor sich, wie Violet zusammengekauert auf der Couch gesessen hatte, während der Fernseher vor sich hin flimmerte. Alles zog sich in ihr zusammen. Fassungslos zeigte sie auf das Chaos und wandte sich dann ihrer Freundin zu. »Wo ist Ellen?«
»Sie schläft, hab ich doch gesagt. Als ich von der Arbeit gekommen bin, sah es hier schon so aus.« Lucile seufzte. »Es ist nicht immer so schlimm. Aber manchmal schaffe ich es einfach nicht, gleich aufzuräumen.«
Und es ist auch nicht deine Aufgabe, dachte Charlie bitter.
Seit etwa einem Jahr arbeitete Lucile neben der Schule am Empfang eines kleinen privaten Yachthafens in der Nähe. Meist hing sie am Telefon, um den Bootsverleih zu organisieren, oder erledigte Kleinkram, der in so einem Betrieb eben anfiel.
Wann hatte Lucile sie eigentlich das letzte Mal zu sich nach Hause eingeladen? Charlie konnte sich nicht mehr erinnern. Wenn sie einander besuchten, saßen die Freundinnen eigentlich nur im Garten, vor allem im Sommer gab es bei der Hitze keinen Grund hineinzugehen. Und Lucile hatte sie auch nie hineingebeten. Nicht seit der Trennung ihrer Eltern.
Diesen Sommer waren sie ohnehin die meiste Zeit auf der Insel oder bei Charlie zuhause. Dort ging Lucile ein und aus, bediente sich ganz ungeniert aus dem Kühlschrank und übernahm regelmäßig die Herrschaft über die Fernbedienung. Luciles Anwesenheit war Charlies Eltern nur recht, blieb ihre Tochter doch oft allein zuhause. Charlies Mutter war Krankenschwester im Perinatalzentrum des hiesigen Krankenhauses. Der Kühlschrank war, statt mit Bildern von ihrer eigenen Familie, vollgeklebt mit Geburtskarten von neugeborenen Babys, bei deren Entbindung sie dabei gewesen war. Charlies Mutter erfuhr in ihrem Beruf viel Wertschätzung, aber oft war sie eben auch nachts auf der Station oder übernahm zusätzliche Schichten. Charlies Vater arbeitete als Ingenieur und war meist in ganz Europa unterwegs. Ihre Eltern ließen Charlie ihre Freiheiten, gleichzeitig erwarteten sie von ihr selbstständiges Handeln, seit sie dreizehn war. Und im Grunde hatte Charlie ihre Eltern nie enttäuscht. Sie machte nie Ärger und hatte ihnen nie Grund zur Sorge gegeben. Lucile hingegen war die Wilde von ihnen, für die Charlie sich schon die ein oder andere Ausrede hatte einfallen lassen müssen.
Die Stille in ihrem eigenen Zuhause hatte etwas Bedrückendes, an das Charlie sich mittlerweile gewöhnt hatte. Meistens übertönte sie sie mit lauter Musik oder dem Fernseher. Auch deswegen war es schön, Lucile oft bei sich zu haben.
Doch so wie hier bei den Clarks sah es bei ihr nie aus, selbst wenn sie ein komplettes Wochenende allein gewesen war. Die Erkenntnis, wie wenig sie über ihre Freundin zu wissen schien, traf Charlie hart in die Magengrube. Sie hätte gerne gefragt, was mit Luciles Mutter los war und ob bei ihnen zu Hause alles in Ordnung war, aber das war es offensichtlich nicht. Sie überlegte, seit wann das Ganze wohl schon aus dem Ruder gelaufen war und wieso ihre Freundin sich ihr nicht anvertraut hatte.
»Er hat vor einem Monat die Scheidung eingereicht«, sagte Lucile in die Stille hinein, als würde dieser Satz alles beantworten. »Jetzt ist es endgültig. Ich glaube, das hat sie aus der Bahn geworfen.« Ihre Stimme war leise, als sie über ihre Mutter sprach. Die Worte klangen fast beiläufig. Rasch stapelte Lucile das Geschirr übereinander und schob die Essensreste von den Tellern in den Mülleimer unter der Spüle.
Charlie wusste, wie schwer es Lucile fiel, über die gescheiterte Beziehung ihrer Eltern zu sprechen. Anfangs – das war nun fast zwei Jahre her –, als klar wurde, dass Ellen und Mr Clark sich trennen würden, war Lucile regelmäßig zu ihrer Freundin geflüchtet. Nacht für Nacht hatte Lucile sich leise in den Schlaf geweint, wenn sie sicher war, dass Charlie schlief. Mr Clark hatte eine andere Frau kennengelernt und war schon bald darauf zu ihr nach London gezogen. Und auch wenn Lucile immer wieder betonte, dass sie keinen Groll gegen ihren Vater hegte, obwohl er nicht nur Ellen, sondern auch seine drei Kinder sitzengelassen hatte, sprach sie so gut wie nie von ihm. Charlie fühlte sich furchtbar. Auf die schrecklichen Ereignisse dieses Abends legte sich der erschütternde Zustand, in dem ihre Freundin offenbar lebte, und die Scham über ihre eigene Blindheit.
»Kannst du die Spülmaschine ausräumen und das schmutzige Geschirr einräumen, bitte? Den Rest spüle ich ab. Aber leise«, ermahnte Lucile ihre Freundin und warf einen Blick in den dunklen Flur. Sie wollte eindeutig nicht länger über ihre Familie reden.
»Okay, kann ich vielleicht zuerst aufs Klo?«
Lucile nickte hastig, ohne zu ihr aufzuschauen. »Aber beeil dich.«
Charlie betrat den Flur. An der Wand, die Ellen kurz nach der Trennung gelb gestrichen hatte, hingen unzählige Familienbilder, liebevoll eingerahmte Kritzeleien von Vio sowie beeindruckend detaillierte Porträts, die Lucile gezeichnet hatte. Die Fotos mit Mr Clark, Matthew, einem sympathischen Mann Anfang vierzig und mit beginnender Glatze, waren scheinbar sorgsam aussortiert und ersetzt worden. Charlie war so in die Betrachtung der Bilder versunken, dass sie über eine Ansammlung an Schuhen und Kindersandalen stolperte und sich gerade noch am Türgriff eines Garderobenschranks festhalten konnte. Charlie warf einen Blick zurück in Richtung Küche, doch Lucile schien nichts bemerkt zu haben. Mit hektischen Bewegungen und angespannter Miene wischte ihre Freundin weiterhin über die schmutzigen Oberflächen.
Vorsichtig öffnete Charlie den Garderobenschrank einen Spaltbreit. Jetzt erklärte sich, wieso die Schuhe nicht im Schrank verstaut waren. Ein ganzer Berg aus Klamotten war einfach hineingestopft worden, dazu Tücher, Handtaschen, Sonnenhüte. Einfach alles war zu einem undurchdringlichen Geflecht aus Stoffen verheddert und hinter der Schranktür versteckt worden. Auf der Treppe gegenüber, die in den ersten Stock hinaufführte, waren Violets Spielsachen verteilt. Zwischen Barbies, Bilderbüchern und Stofftieren blickte eine übergroße Puppe mit struppigen Haaren und einem halb geschlossenen Auge zu Charlie herüber. Ein leiser Aufschrei entfuhr ihr. Sofort legte sie die Hand auf den Mund und horchte nach oben. Keine Reaktion. Die Augen der Puppe, genauso starr und leblos wie die der Leiche, schienen Charlie durch den dunklen Flur zu folgen, als sie sich abwandte. Sie bahnte sich den Weg zum Badezimmer und schloss die Tür hinter sich. Auch hier hatte das Chaos um sich gegriffen: Zahnbürsten im Waschbecken, Handtücher und schmutzige Wäsche auf dem Boden. Wieder schüttelte Charlie entsetzt den Kopf, kramte in vergessenen Erinnerungen nach ihrem letzten Besuch, doch an eine solche Verwüstung konnte sie sich nicht erinnern. Wann war das Chaos über die Clarks hereingebrochen? Und wann hatte sie Ellen das letzte Mal gesehen? In einem so kleinen Ort wie Port Wilmoor lief man sich doch ab und zu über den Weg, vor allem weil Ellen den Friseurladen im Zentrum führte. Charlie erinnerte sich an einen Tag vor mehreren Wochen, als sie Ellen auf einer Parkbank in der Nähe ihres Ladens gesehen hatte, einen dampfenden Kaffeebecher in der Hand und das Gesicht samt übergroßer Sonnenbrille gen Himmel gestreckt. Die langen Beine übereinandergeschlagen, das blumige Kleid im Schoß zusammengerafft glich Ellen einem Hollywoodstar. Mehrere Passanten hatten ihr verstohlene Blicke zugeworfen. War das Lächeln auf Ellens Lippen nur Fassade gewesen?
Als Charlie in die Küche zurückkehrte, war ihre Freundin noch immer mit Aufräumen beschäftigt.
»Kannst du hier weitermachen? Ich muss im Flur aufräumen, bevor die kommen.«
Die. Meinte Lucile damit die Polizei? Und da begriff Charlie endlich, verstand Luciles Nervosität und ihre Hektik. Was würde die Polizei denken, wenn sie das Haus in solch einem Zustand vorfand? Bevor Charlie weiterdenken konnte, wandte sich Lucile ihr zu, die Hände voll mit Wäsche und Spielzeug. »Kannst du mir einen Gefallen tun?«
»Ich putze nicht die Toilette, damit das klar ist.« Es war als Scherz gemeint, doch Lucile entfuhr ein Seufzen. Charlie hielt inne, und ihre Stimme wurde sanfter. »Klar, was denn?«
»Wenn jemand fragt, kannst du dann sagen, dass du den Abend hier bei mir warst und ich Oliver nur kurz geholt habe? Also dass du hier bei Vio geblieben bist?«
Charlie konnte Lucile die Angst ansehen. Niemand sollte merken, dass hier etwas nicht stimmte.
Sie nickte. »Natürlich.«
Weißt du noch, als wir klein waren, L.? Du warst natürlich viel älter, aber trotzdem selbst noch ein Kind, wenn ich zu dir unter die Decke gekrochen kam. Wenn es eine schlimme Nacht war. Wenn es Mama nicht gut ging. Wenn das Monster wieder da war. Ich erinnere mich daran, wie du dich vor mich gesetzt hast, wir beide im Schneidersitz, und du mir deinen Zaubertrick gezeigt hast. Wie du deine Hand an meinen Brustkorb gelegt und so getan hast, als würdest du etwas herausziehen. Wie einen Eimer aus einem Brunnen. Dann hast du die Hand geballt, bist zum offenen Fenster gegangen und hast deine Hand über dem Garten geöffnet. »Siehst du?«, hast du dann gesagt, während du das Fenster mit Nachdruck geschlossen hast. »Alle bösen Träume sind ausgesperrt.« Irgendwie wusste ich schon damals, dass das nur gespielt war, aber das schreckliche Gefühl war danach trotzdem nicht mehr so schlimm. Als könnte ich wieder durchatmen. Als hättest du mich befreit.
So etwas bräuchte ich jetzt, L., denn die Träume sind zurück. Wer verjagt jetzt die Albträume aus meinem Inneren und sperrt sie aus? Wo bist du? Aber das ist Quatsch, denn ich weiß ja, wo du bist. Was ich sagen will, ist: Verdammt, warum bist du nicht hier bei mir?!
Ich habe jemanden gesehen. Dieses Mal bin ich mir sicher. Es war wieder nach einem Abend im Pub. Ich wollte eigentlich in der Unibibliothek lernen, als Lisa mich gefragt hat, ob ich mit ihr und ein paar anderen aus dem Kurs noch auf ein Bier mitgehen würde. Es blieb natürlich nicht bei einem Bier. Aber mir war alles lieber gewesen, als in diesem Zimmer zu hocken.
Vor ein paar Tagen ließ sich meine Heizung nicht mehr ausstellen, egal wie ich den Regler drehte, also musste ich ins Büro, um Bescheid zu geben. Einen ganzen Tag dauerte es, bis die Handwerker endlich aufkreuzten. Ein dürrer Typ im Blaumann und ein korpulenter Kerl, dessen T-Shirt über dem Bauch spannte, klopften hilflos mit einer Zange auf der Heizung herum und gingen achselzuckend wieder, weil sie einen Dichtungsring oder was auch immer bestellen mussten. Es könnte aber ein paar Tage dauern, meinten sie. Bis dahin würde mein Zimmer also eine Sauna bleiben.
Aber als ich gestern Nacht nach dem Pub wieder in das Zimmer kam, war der Raum merklich abgekühlt, da die Heizung plötzlich nicht mehr auf Hochtouren arbeitete. Jemand muss in meinem Zimmer gewesen sein, L. Und ich glaube nicht, dass es die Handwerker waren. Ich hatte meinen Schlüssel nicht im Büro hinterlegt. Auch wenn die Mitarbeiter der Green Lodge einen Zweitschlüssel haben, hätten sie doch bestimmt erwähnt, wenn sie in meinem Zimmer gewesen wären. Aber müde wie ich war, habe ich darüber gar nicht nachgedacht, sondern bin einfach dankbar in mein Bett gefallen. Als ich an die Decke starrte, drehte sich alles und meine Hauptaufgabe bestand darin, den Raum zum Stillstand zu bringen, anstatt mich wie sonst verrückt zu machen. Irgendwann muss ich doch eingeschlafen sein, denn mitten in der Nacht wachte ich auf. Mein Mund war trocken, und der Magen grummelte. Ich tastete nach der Wasserflasche neben meinem Bett und stieß sie aus Versehen um. Mein Kopf dröhnte, als ich mich aus dem Bett lehnte, um die Flasche vom Boden aufzuheben, und gerade als ich wieder aufsah, hörte ich es nicht nur, ich sah es. Die Tür zu meinem Zimmer wurde leise geschlossen. Sie fiel fast lautlos ins Schloss. Es gibt keine Jalousien, ich hatte auch die Vorhänge nicht zugezogen, das Licht der Straßenlaternen schien in mein Zimmer hinein. Auch wenn ich angetrunken war und vergessen hatte, meinen Koffer wie sonst vor die Tür zu schieben, so betrunken war ich nicht, dass ich mir das alles nur eingebildet hätte.
Ich habe es eindeutig gesehen, L. Eine schnelle Bewegung an der Tür. Finger, die sich eilig zurückzogen, bevor sie sich schloss. Ich schaltete das Licht an und starrte in den leeren Raum. Mein Herz hämmerte, innerhalb von Sekunden hatte sich zu meinen Kopfschmerzen Übelkeit gesellt. Ich war wie gelähmt. Und was hätte ich auch tun sollen? Wie eine Idiotin aus einem Horrorfilm in den dunklen Flur hinausstapfen und »Hallo« rufen? Würde irgendjemand, der offenbar keine Skrupel hatte, sich in das Zimmer einer schlafenden Studentin zu schleichen, einfach alles zugeben und sich reumütig entschuldigen?
Die Wahrheit ist, L., ich hatte einfach Angst. Ich habe sie noch immer. Den Rest der Nacht saß ich aufrecht in meinem Bett, die Tür fest im Blick. Ich traute mich erst hinaus, als ich meine Mitbewohner durch den Flur schlurfen und die Kaffeemaschine in der Gemeinschaftsküche gluckern hörte. Für eine Weile beruhigten mich die Geräusche, bis mir der Gedanke kam, dass es auch einer von ihnen hätte sein können.
