Liliane Susewind – Ein Seehund taucht ab - Tanya Stewner - E-Book

Liliane Susewind – Ein Seehund taucht ab E-Book

Tanya Stewner

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Beschreibung

Das Mädchen, das mit den Tieren spricht: Im dreizehnten Abenteuer der Bestsellerserie fährt Liliane Susewind ans Meer Endlich Ferien! Lilli und ihr bester Freund Jesahja fahren an die Nordsee. Dort wurde an der Küste eine Schutzzone für Seehunde eingerichtet. Doch leider halten sich besonders die Fischer vor Ort überhaupt nicht daran. Und dann ist plötzlich ein Seehundbaby verschwunden! Lilli muss es finden. Mit dem verliebten Seevogel Lotterich und vielen anderen robbenden, trillernden und bellenden Helfern stürzt sie sich in ein aufregendes Abenteuer. Die beliebte Tierdolmetscherin beweist Mut – und zeigt, dass man viel bewegen kann, wenn alle zusammenhalten! Jeder Band ein abgeschlossenes Abenteuer Mit zauberhaften Bildern von Eva Schöffmann-Davidov Bei Antolin gelistet Alle Bücher der Serie ab 8 Jahren: ›Liliane Susewind – Mit Elefanten spricht man nicht!‹ ›Liliane Susewind – Tiger küssen keine Löwen‹ ›Liliane Susewind – Delphine in Seenot‹ ›Liliane Susewind – Schimpansen macht man nicht zum Affen‹ ›Liliane Susewind – So springt man nicht mit Pferden um‹ ›Liliane Susewind – Ein Panda ist kein Känguru‹ ›Liliane Susewind – Rückt dem Wolf nicht auf den Pelz‹ ›Liliane Susewind – Ein kleines Reh allein im Schnee‹ ›Liliane Susewind – Ein Pinguin will hoch hinaus‹ ›Liliane Susewind – Eine Eule steckt den Kopf nicht in den Sand‹ ›Liliane Susewind – Ein Eisbär kriegt keine kalten Füße‹ ›Liliane Susewind – Giraffen übersieht man nicht‹ ›Liliane Susewind – Ein Seehund taucht ab‹ Sonderband mit farbigen Bildern: ›Liliane Susewind – Mit Freunden ist man nie allein‹ Entdecke auch die Liliane-Susewind-Serie für Kinder ab 6 Jahren! Weitere Bände sind in Vorbereitung.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 150




Tanya Stewner

Liliane Susewind

Ein Seehund taucht ab

Mit Illustrationen von Eva Schöffmann-Davidov

FISCHER E-Books

Inhalt

WidmungInhaltGraf DraculaOberlinsenhusenLotterichAndersFlugsammlerShocking JonasRiriSeehundstation UnterplunderdonkSeehundrettungFischattackeAlbträume und SchrottVogelkommandoDie Fischer von OberlinsenhusenBesser soLeseprobeLula

Für meine Tochter – M.

Inhalt

 9  Graf Dracula

26  Oberlinsenhusen

43  Lotterich

55  Anders

72  Flugsammler

86  Shocking Jonas

95  Riri

109  Seehundstation Unterplunderdonk

128  Seehundrettung

146  Fischattacke

159  Albträume und Schrott

174  Vogelkommando

191  Die Fischer von Oberlinsenhusen

202  Besser so

Graf Dracula

»Schnell, Lilli!«, rief Herr Susewind und hob den großen Koffer in den Waggon. »Der Zug fährt gleich ab!«

Liliane Susewind, genannt Lilli, nahm ihren Hund Bonsai auf den Arm und kletterte ihrem Vater nach.

Ihre Oma Leonora war gleich hinter ihr. »Wenn Regina nicht so lange telefoniert hätte, müssten wir jetzt nicht so hetzen!«, beschwerte sie sich.

Lillis Mutter Regina, die ebenfalls gerade einstieg, verteidigte sich. »Ich musste vor unserem Urlaub noch ein paar wichtige Dinge mit der Arbeit klären! Außerdem haben wir den Zug doch noch erwischt, oder etwa nicht?«

Lilli setzte Bonsai ab und streckte den Kopf zur Tür heraus. »Wir sind noch nicht alle drin …« Sie hielt nach ihrem besten Freund Jesahja Sturmwagner Ausschau, der zusammen mit ihnen die Pfingstferienwoche an der Nordsee verbringen würde. Da entdeckte sie ihn! Jesahja drängelte sich durch das Gewusel am Bahnsteig und versuchte, so schnell wie möglich zum Zug zu kommen. Allerdings wurde er von einer orangegetigerten Katze aufgehalten, die er an einer Leine hinter sich herzog. Die Katze, die Lilli gut kannte und die den vornehmen Namen Frau von Schmidt trug, sträubte sich heftig und schien keinen Schritt weitergehen zu wollen. Jetzt hörte Lilli ihre durchdringende Stimme inmitten des Bahnhofsgemurmels.

»Das ist einfach ungeheuerlich!«, zeterte die Katze. »Zuerst legen Sie mich in Ketten, und dann ziehen Sie mich auch noch durch die Gegend! Das ist eine unermesslich unverschämte Unverschämtheit!«

Lilli konnte das zornige Miauen genau verstehen, denn sie hatte eine besondere Gabe: Sie konnte mit Tieren sprechen.

Da erklang die Pfeife der Zugbegleiterin. Der Zug fuhr jeden Moment ab!

Jesahja nahm Frau von Schmidt hoch und sprintete zu Lilli und ihrer Familie. Er schaffte es gerade noch, die Stufen hinaufzuhasten, bevor sich die Zugtür hinter ihm schloss.

»Puh, das war knapp«, ächzte Jesahja und wischte sich mit dem Ärmel über die Stirn.

»Welch unfassbare Schmach ist mir widerfahren!«, jammerte Frau von Schmidt auf seinem Arm. »Wie können Sie es wagen, mich derart grob am Schopf zu packen? Zuerst die Fessel, und dann das! Ich bin eine Schnurrdame von Welt – und Ihr Betragen ist eine himmelschreiende Unfassbarkeit!«

»Bitte beruhigen Sie sich, Madame«, sagte Lilli mit leiser Stimme zu der Katze. »Die Leine war meine Idee, nicht Jesahjas. Ich dachte, Sie möchten bestimmt nicht in einer Transportbox reisen – darin fühlen Sie sich doch immer sehr eingezwängt, nicht wahr?« Lilli ließ der verwunderten Katze gar keine Zeit zum Antworten, sondern sprach gleich weiter. »Wir wollten Sie gern in aller Freiheit mit uns reisen lassen, aber zwischen den vielen Leuten am Bahnsteig hätten Sie schnell verloren gehen können. Deswegen dachte ich, dass die Leine eine gute Lösung wäre. Selbstverständlich nehmen wir sie jetzt wieder ab.« Lilli, die den noblen Sprachstil der Katze mittlerweile ziemlich gut nachmachen konnte, entfernte die Leine.

Frau von Schmidt schien nun schon etwas weniger aufgebracht. Ihre wütend zurückgelegten Ohren klappten wieder nach vorn. »Nun ja, die Transportbox schätze ich wahrlich nicht«, räumte sie ein und seufzte. »Zwar hat das Ganze meine sensiblen Nerven arg strapaziert, aber da ich von Natur aus zur Großherzigkeit neige, werde ich meinem Hausmännchen vergeben.« Mit »Hausmännchen« war Jesahja gemeint, denn Frau von Schmidt wohnte bei der Familie Sturmwagner. »Ich werde nun also zu meiner üblichen feurigen Fröhlichkeit zurückkehren und mich ein wenig umsehen.« Damit stolzierte sie Richtung Großraumwagen.

»Schmidti!«, kläffte Bonsai, der neben Lillis Füßen stand. »Warte mal! Ich will auch mitkommen und rumschnüffeln!« Er zog an seiner Leine, und Lilli machte ihn ebenfalls los.

Gleichzeitig bat sie die Tiere jedoch: »Gehen wir doch erst mal zusammen zu unseren reservierten Plätzen. Und wenn wir uns da hingesetzt haben, wäre es eigentlich super, wenn ihr unter den Sitzen bleiben und schlafen würdet.«

Frau von Schmidts Kopf fuhr herum. »Selbstverständlich schlafe ich immer nur genau dann, wenn es mir gerade passt!«

»Natürlich«, erwiderte Lilli, denn sie wusste, dass man Frau von Schmidt zu nichts zwingen konnte. Deswegen hatte sie sich vorbereitet. »Ich habe ein extra wuscheliges Wollknäuel dabei – für den Fall, dass Sie nicht zu schlafen wünschen. Vielleicht möchten Sie auf meinem Schoß damit spielen?«

Die Katze stutzte. Wollknäuel waren für sie unwiderstehlich. »Nun ja, eventuell wäre das denkbar …«

»Dabei könnten Sie Ihre feurige Fröhlichkeit so richtig ausleben«, setzte Lilli noch einen drauf.

Jesahja, der ja nur verstand, was Lilli sagte, lachte in sich hinein.

»Suchen wir doch mal unsere Plätze«, schlug Lillis Mutter vor und betrat mit den Tickets in der Hand den Waggon.

Ihre Sitzplätze waren rasch gefunden, und sobald Lilli sich hingesetzt hatte, sprang Frau von Schmidt schon auf ihren Schoß. »Wo ist das Wollknäuel? Holen Sie es heraus, und dann lassen Sie den Faden tanzen, und ich hasche danach, ja? Oh, das wird zauberhaft!«

Lilli hatte sich noch nicht einmal die Jacke ausgezogen. Trotzdem holte sie als Erstes das Wollknäuel aus ihrem Rucksack und ließ den Faden in der Luft baumeln. Die Katze schnappte danach und schnurrte vor Vergnügen. »Sensationell! Noch mal!«

Bonsai trippelte derweil den Gang hinunter. Lilli hoffte, dass er keinen Unsinn anstellen würde. Interessiert blickte sich der kleine weiße Hund um und blieb vor einem älteren Mann stehen. »Tagchen!«, hechelte er. »Hast du Lust, mich zu streicheln? Hundestreicheln macht glücklich!«

Der Mann verstand natürlich kein Wort und schaute ihn nur fragend an.

»Eher nicht?« Bonsai legte den Kopf schief. »Oder vielleicht möglicherweise doch? Ein ganz klein bisschen willst du es auch, oder?«

Verwundert schaute sich der Mann nach dem Herrchen oder Frauchen des zotteligen Fellballs um. Lilli winkte ihm zaghaft. Der Mann bekam große Augen, als er die Katze auf Lillis Schoß entdeckte. Nach Fäden haschende Samtpfoten sah man wohl nicht alle Tage im Schnellzug.

Plötzlich tauchte hinter Bonsai ein anderer Hund im Gang auf! Lilli erschrak, denn es war ein großer schwarzer Rottweiler mit ungewöhnlich langen, vorstehenden Eckzähnen, die an einen Vampir erinnerten und ein bisschen unheimlich aussahen.

»Ey du!«, knurrte der Hund Bonsai an. »Was bist du denn für ’ne Knalltüte? Das ist mein Revier! Wenn hier einer gestreichelt wird, dann bin ich das!«

Bonsai zuckte zusammen. Aber nur ein klitzekleines bisschen. »Ganz ruhig, Kollege«, wuffte er. »Wie wäre es, wenn wir uns vertragen würden? Ich bin voll nett!«

»Du bist voll klein!«, blaffte der Rottweiler. »Und ich bin voll groß!«

Bonsai sprach einfach weiter. »Weißt du, ich bin ein richtig cooler Kerl, und richtige Kerle brauchen eben viele Streicheleinheiten. Das verstehst du bestimmt. Ich bin dann mal wieder weg!«

»Bonsai!«, rief Lilli mit halblauter Stimme. »Komm her!«

Doch ihr Hund tippelte schon zum nächsten Fahrgast und hechelte ihn schwanzwedelnd an. »Kuckuck! Ich bin voll süß, oder? Also cool-süß. Wahrscheinlich kannst du gar nicht anders, als mich zu streicheln, stimmt’s?«

Der junge Mann, den er so charmant angehechelt hatte, begann tatsächlich, ihn zwischen den Ohren zu kraulen.

Das fand der Rottweiler allerdings gar nicht lustig. »Ich hab gesagt, dass das mein Revier ist! Und deswegen krieg ich auch alle Streicheleinheiten hier!« Er bellte jetzt richtig, und andere Fahrgäste wurden auf die beiden Hunde aufmerksam.

Lillis Mutter streckte den Kopf in den Gang. »Lilli!«, zischte sie ihrer Tochter zu. »Hol Bonsai zurück!«

Lilli rief ihn noch einmal, aber sie wurde von dem Rottweiler übertönt.

»Du bist ’ne Knalltüte!«, kläffte der. »Und voll klein! ’ne voll kleine Knallkleintüte!«

Da sprang Frau von Schmidt von Lillis Schoß. Zwar waren Hundisch und Katzisch sehr verschiedene Sprachen, und sie hatte den Rottweiler bestimmt nicht verstanden. Aber wenn Bonsai derartig angeschrien wurde, schritt eine Schnurrdame von Format wohl unweigerlich zur Tat.

»Ruhe jetzt, Sie schrecklicher Schreihals!«, fauchte sie den großen Hund an. »Wenn Sie es wagen, Herrn von Bonsai auch nur ein Haar zu krümmen, wird Sie der glühende Sturm meiner Entrüstung treffen!«

Verdutzt starrte der Rottweiler die Katze an. »Boah! ’ne Schnurr-Trulla!«, fing er wieder an zu bellen. »Mitten in meinem Wagen! Jetzt reicht’s aber!« Drohend senkte er den Kopf.

Lilli eilte zu den drei Tieren. »Ganz ruhig!«, flüsterte sie. Sie wollte eigentlich nicht noch mehr auffallen, denn es beobachteten sie schon genügend Leute. Aber es half nichts. Sie würde vor den anderen Fahrgästen mit dem Rottweiler reden müssen. »Bitte flipp nicht aus!«, bat sie und kniete sich neben ihn.

Irritiert schaute der schwarze Hund sie an. »Wer bist du denn? Bist du etwa auch so eine Knalltüte wie die Kleintüte? Wieso hast du ’ne Hose an?«

»Ich –«

»Das ist voll schräg!«

Lilli musste lächeln. Wenn Tiere sie zum ersten Mal sahen, hielten sie sie oft für eine von ihnen, und dieser Rottweiler dachte offenbar, sie sei ein Hund mit Hose.

»Jetzt denk mal richtig nach, du Schnellmerker!«, schnuffte Bonsai. »Was könnte sie sein?«

Der Rottweiler musterte Lilli von oben bis unten. »Sie hat nicht nur ’ne Hose an, sondern auch ’n Pulli!«, stellte er fest. »Und Schuhe!« Sein Blick blieb an Lillis Turnschuhen hängen. »Die sehen lecker aus …« Sein Schwanz wedelte leicht. Dann stockte er. »Aber … wo sind deine anderen beiden Beine? Ohne die musst du ja immer auf den Hinterbeinen rumlaufen! Das ist doch bekloppt! Warum machst du so was?«

Bonsai lachte ein Hundelachen. »Sie ist gar kein Hund!«

»Ich bin ein Menschenmädchen!«, klärte Lilli den Rottweiler auf.

»Nee … echt jetzt?« Der Hund ließ sich auf sein Hinterteil plumpsen. »Aber … du sprichst doch Hundisch!«

»Ich kann mit Tieren sprechen«, erklärte Lilli ihm, und unter den menschlichen Fahrgästen, die sie hören konnten, erklang ein Raunen. Inzwischen verrenkten sich alle die Hälse nach Lilli. Sogar die Leute, die am Fenster saßen.

Frau von Schmidt stand wenig beeindruckt neben Bonsai und leckte sich die Pfote. »Sind wir hier bald fertig? Das Knäuel wartet!«

Lilli antwortete nicht darauf, denn sie wandte sich gerade wieder an den Rottweiler. »Es wäre prima, wenn ihr euch alle vertragen könntet. Wir haben nämlich noch ein paar Stunden Fahrt vor uns …«

»Also, ich bin lediglich Herrn von Bonsai zu Hilfe geeilt!«, meckerte Frau von Schmidt. »Und dies tat ich mit überaus geschliffenen Manieren und unübertroffenem Stil. Es gibt daran nichts auszusetzen!«

»Gewiss nicht«, gab Lilli ihr recht. »Wären Sie trotzdem bereit, den Frieden mit diesem anderen Hund zu wahren?«

»Selbstverständlich.« Geziert wackelte Frau von Schmidt mit den Schnurrhaaren. »Solange dieser Langzahn mich und Herrn von Bonsai in Ruhe lässt, bin ich kultiviert genug, meine legendären Kampffähigkeiten ungenutzt zu lassen.«

Das hieß wohl, dass sie brav sein würde.

»Also, ich will nur Liebe!«, rief Bonsai. »Kollege, was meinst du, können wir einfach beide hier abhängen und dabei ganz lässig bleiben?«

Der Rottweiler starrte allerdings noch immer Lilli an, als sei sie von einem anderen Stern. »Wie kann es das bloß geben? Eine Zweibeinerin mit Hundestimme. Und Hundegesicht! Das ist so was von krass!«

»Tja, Lilli ist halt einmalig! Sie ist eine Tiersprecherin, Kollege«, erklärte Bonsai dem Rottweiler. »Sie ist so eine Art Hundemenschin. Aber wenn sie mit Schnurr-Trullas redet, ist sie eine Schnurr-Trulla-Menschin. Wenn sie mit Flutsch-Heinis redet, ist sie eine Flutsch-Heini-Menschin. Wenn sie mit Brust-Kloppern redet, ist sie eine Brust-Klopper-Menschin. Und so weiter.«

Lilli kannte Bonsai lange genug, um zu wissen, dass er von Katzen, Fischen und Gorillas sprach.

»Außerdem ist sie mein bester Kumpel«, setzte Bonsai hinzu. »Hast du auch einen Zweibein-Kumpel?«

Lilli fragte sich langsam ebenfalls, wo das Frauchen oder Herrchen des Rottweilers war. Wie aufs Stichwort betrat nun ein Mann den Waggon. In der Hand trug er einen Becher mit Kaffee, den er sich wohl gerade im Bordrestaurant besorgt hatte.

»Graf Dracula!«, fuhr der Mann den Rottweiler an und stellte den Kaffee auf dem Tisch des nächsten Sitzplatzes ab. »Hast du dich schon wieder losgerissen?« Schnell zog er eine Leine unter einem Sitz hervor und machte den Hund fest. Dann fiel ihm auf, dass da noch ein zweiter Hund saß. Und eine Katze. Und Lilli. Außerdem starrten unzählige Leute den kleinen Trupp an.

»Was ist hier los?«, fragte der Mann.

»Das Mädchen da redet mit den Tieren!«, zischte ihm eine Frau zu.

Lilli merkte, dass ihre Wangen heiß wurden. Sie mochte es nicht, im Mittelpunkt zu stehen, aber sie musste mit Graf Dracula eine Vereinbarung treffen, sonst würde es Stress geben.

»Also abgemacht?«, fragte sie den Rottweiler. »Kein Streit?«

Graf Dracula brummte. »Von mir aus. Ich wollte eigentlich sowieso gerade schlafen. Die Kleintüte und die Schnurr-Trulla haben mich nur dabei gestört.«

»Ach so.« Lilli lächelte. »Dann ist es ja gut. Schlaf schön!«, wünschte sie dem großen Hund, der sich brummelnd unter den Sitz seines Herrchens quetschte.

Als Lilli sich anschließend aufrichtete, erklang Applaus. Die Leute im Abteil beklatschten sie!

Lilli wurde knallrot. Während sie zu ihrem Sitz zurückeilte – gefolgt von Bonsai und Frau von Schmidt –, grinste Jesahja ihr breit entgegen.

»Saubere Arbeit!«, sagte er und zeigte ihr den Daumen.

Lillis Mutter war allerdings weniger begeistert, denn manche der Fahrgäste erkannten nun, dass sie die berühmte Regina Susewind war, die im Fernsehen jeden Sonntagabend eine politische Talkshow moderierte. »Ich wäre ja gern etwas länger unerkannt geblieben …«, murmelte sie und versteckte ihr Gesicht hinter einem Magazin.

Lilli war jedoch nicht weniger berühmt als ihre Mutter. Seit einiger Zeit war es kein Geheimnis mehr, dass sie mit Tieren reden konnte, und die Medien hatten sich regelrecht auf ihre Fähigkeit gestürzt. Inzwischen wurde Lilli zwar nicht mehr ständig von Reportern verfolgt, aber das Interesse der Menschen war jedes Mal groß, wenn sie die »Tiersprecherin« irgendwo erkannten. Hier im Zug war es nicht mehr zu ändern, dass die anderen Passagiere ihr immer wieder verstohlene Blicke zuwarfen. Lilli musste versuchen, das zu ignorieren.

Jesahja, der neben ihr saß, stupste sie an. »Denk einfach nicht an die«, riet er. »Denk am besten an die Woche an der Nordsee. Die wird bestimmt super.«

Lilli lächelte ihn an. »Ja, bestimmt.«

»Tanz, Knäuel, tanz!«, forderte Frau von Schmidt, die wieder auf Lillis Schoß gesprungen war, während Bonsai es sich unter dem Sitz gemütlich machte.

Lilli ließ brav den Wollfaden tanzen und träumte dabei zum Fenster hinaus. Sie träumte vom Meer, von Eis am Stiel und davon, eine Woche lang keinen einzigen Gedanken an die Schule verschwenden zu müssen. Bestimmt würde es eine ganz entspannte Woche ohne unvorhergesehene Komplikationen oder irgendwelche Katastrophen werden. Ganz bestimmt.

Oberlinsenhusen

»Das ist es!«, rief Oma und wies aus dem Fenster. »Das schönste Dorf der Gegend: Oberlinsenhusen!«

Lillis Mutter verdrehte angesichts des Ortsnamens die Augen und lachte. Lillis Vater hievte den großen Familienkoffer aus der Ablage, und Lilli und Jesahja zogen sich ihre Jacken an.

»Wir sind da«, informierte Lilli die Tiere. »Beim Aussteigen nehme ich Bonsai auf den Arm«, erklärte sie Frau von Schmidt, die gerade auf ihrem Schoß aufwachte, »und Jesahja trägt Sie hinaus, in Ordnung?«

Natürlich hatte die Katze etwas zu motzen. »Ich möchte von Ihnen getragen werden, Madame von Susewind! Mein Hausmännchen hat einfach kein Talent dazu. Seinen Armen fehlt jede Weltgewandtheit.«

Lilli konnte schlecht einschätzen, wie weltgewandt ihre Arme waren. Aber anstatt zu diskutieren, bat sie einfach Jesahja, Bonsai zu nehmen.

Jesahja hob den winzigen Hund hoch. »Na, dann komm mal her.«

»Yo!« Bonsai schleckte ihm über die Nase.

Einer nach dem anderen stiegen sie nun aus dem Zug aus, und während die Erwachsenen prüften, ob sie nichts vergessen hatten, ließen Lilli und Jesahja die Tiere auf den Boden springen.

»Aber wo soll ich schlafen?«, mäkelte Frau von Schmidt sofort los. »Hier ist weit und breit kein Körbchen!«

»Das hier ist nicht unser Hotel«, antwortete Lilli.

»Aber Sie haben doch gesagt, dass wir da sind!«, tadelte die Katze. »Drücken Sie sich in Zukunft bitte präziser aus!«

Lilli versprach es und folgte den Erwachsenen zu einem Fahrradverleih. Ihr Vater und ihre Mutter bekamen Lastenräder, in denen sie das Gepäck transportieren konnten und in denen auch Bonsai und Frau von Schmidt Platz fanden. Lilli, Jesahja und Oma stiegen auf ganz normale Fahrräder, und sobald alle ihren Helm aufgesetzt hatten, ging es los. Ihr Hotel war gar nicht weit entfernt, und Frau Susewind hatte sich den Weg dorthin vorher genau eingeprägt. Deswegen fuhr sie voraus, gefolgt von allen anderen.

Über idyllische Fahrradwege ging es, an alten Windmühlen und einem Leuchtturm vorüber, bis hinter einer Kurve die Nordsee vor ihnen auftauchte. Lilli lächelte. Das Meer war einfach wunderschön.

Frau von Schmidt sah das etwas anders. »Gütiger Himmel!«, hörte Lilli sie aufschreien. »Wir verbringen unsere Abenteuerwoche doch wohl nicht in der Nähe dieser grauenhaften Wasserwiese?«

Vor einem Jahr hatten sie schon einmal Urlaub an der Nordsee gemacht, und das riesige Gewässer war bereits damals ganz und gar nicht nach Frau von Schmidts Geschmack gewesen. Die Katze hatte sogar verlangt, dass Lilli die Nordsee komplett entfernen sollte. Das hatte Lilli allerdings nicht getan, und nun hoffte sie inständig, dass kein glühender Sturm der Entrüstung sie treffen würde.

Frau von Schmidt schwieg jedoch – oder wurde sie einfach nur von dem Traktor übertönt, der auf einem Feld neben ihnen vorbeifuhr? Lilli blickte sich um. Es gefiel ihr hier, und das wollte sie sich von der Katze nicht vermiesen lassen. Die Äcker, Rapsfelder und Kuhweiden sahen richtig nach Ferien aus.

Schon nach kurzer Zeit erreichten sie ihr Hotel – ein hübsches Haus mit Reetdach, ganz in der Nähe des Strandes. »Da hast du uns aber was Schnuckeliges ausgesucht, Leo«, lobte Frau Susewind ihre Schwiegermutter.

Zufrieden lächelte Oma. »Ja, hier werden wir uns bestimmt wohl fühlen.«

Sie betraten das kleine Hotel und fanden sich vor einer urig holzverschnörkelten Rezeption wieder. Hinter dem Tresen erhob sich ein großer Mann aus einem rosafarbenen Sessel. »Hallo! Familie Susewind?«, begrüßte er sie in heiterem Tonfall.