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Bukarest in der Nachwendezeit – Ioana Orleanu fügt in LIMESLAND Reales und Fiktionales zu einem ironisch-melancholischen Literaturabenteuer zusammen: Was mit einem Mord in der Finanzwelt und zwei Verliebten, die in Eigenregie ermitteln, beginnt, entwickelt sich zu einem Streifzug durch eine zerrüttete Gesellschaft, in der Opportunismus und Mut, Trostlosigkeit und Lichtblicke kaum entwirrbar ineinander übergehen. Kann sich diese gar nicht ferne Welt verändern? »Als Wanderin zwischen zwei Welten zeichnet Orleanu das Bild eines Landes im Stillstand, gefangen zwischen den geistigen Überresten eines totalitären Regimes und den Anforderungen der Moderne.« A3Kultur »Ioana Orleanu erzählt in einer poetischen Sprache und mit zwei Helden, die nicht so sein wollen wie alle.« POETENLADEN
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Veröffentlichungsjahr: 2020
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Impressum
Über die Autorin
BUCHEMPFEHLUNGEN
Ioana Orleanu
LIMESLAND
Roman
Das Doppelleben war ein unumstößliches Faktum
unserer Zeit und niemand konnte es umgehen.
Nadeschda Mandelstam
Und es begab sich, dass ein rotes Band an der Türklinke hing. Da lief sie hinters Haus, pisste sich auf die Hände, kam zurück und strich bedächtig über Tür und Fensterrahmen. Dann erst trat sie ein.
Die Leiche war arg zugerichtet, so arg, dass der Kommissar einen Augenblick lang etwas wie Ekel empfand. Das Gesicht: bis zur Unkenntlichkeit zerschlagen, eine bluttriefende, schmutzige Fleischmasse. Die Gliedmaßen: unnatürlich verdreht, wie ausgerenkt, ja, ausgerenkt, sie zeigten gen alle Himmelsrichtungen. Und die Kleidung war an vielen Stellen durchlöchert. Die Ratten. Kein Wunder bei dem Müll ringsherum. Der Kommissar bückte sich und betastete den Pullover des Toten. Ein schönes Teil, bestimmt aus Seide, teuer. Aber das Etikett war ausgerissen.
Da fiel sein Blick auf die zerschnittenen Fingerkuppen. Erstaunt drehte er sich zum Unterkommissar, der hinter ihm stand. Dieser nickte fröhlich: Ja, jemandem sei offensichtlich viel daran gelegen, die Identität dieses feinen Herrn, denn er war fein gewesen, diese zarten Händchen, damit hatte er bestimmt nicht gepflügt!, zu verheimlichen. Sehr akkurat sei die Chose aber nicht gemacht. Irgendein Fingerabdruck würde sich schon rekonstruieren lassen. Der Kommissar zog eine skeptische Grimasse. Doch, Chef, summte der Unterkommissar, ganz bestimmt, machen Sie sich keine Sorgen. Ich mach mir überhaupt keine Sorgen, mir ist nur kalt, widerliches Wetter.
Das war es in der Tat. Es nieselte, fein und unaufhaltsam. Der Schnee, der die armseligen Häuschen dieses gottvergessenen Stadtviertels, die ungepflasterte Straße, den Müll auf dem maidan, wo eine alte Frau, eine verwahrloste, gekrümmte Kreatur, die Leiche entdeckt hatte, spärlich bedeckte, verwandelte sich unter der ständigen Berieselung in Matsch. Grau, klebrig, schmutzig, so war alles hier, die niedrig hängenden Wolken, der Regen, die Gesichter der Schaulustigen, die in einiger Entfernung beisammenstanden und das Geschehen mit lüsterner Neugierde beobachteten.
Das sieht mir ganz nach einem bestellten Mord aus, sinnierte der Unterkommissar. Klugscheißer, murmelte der Kommissar. Müde gab er seine Anweisungen – Spurensicherung, Vermisstenmeldungen: Wenn was rauskommt, sagt mir Bescheid, aber nicht vor Montag, ich fahre aufs Land. Verstanden, Chef, ich werde Sie nicht unnötig stören. Nein, Marian, du sollst mich überhaupt nicht stören.
Der Kommissar entfernte sich, schwankend und fluchend, denn im glitschigen Schlamm rutschte er bei jedem Schritt aus.
Der Montag war immer laut und voll. Der erste Tag der Woche. Ein grässlicher Tag.
Kaum hatte der Kommissar die Hauptwache betreten, da runzelte er schon die Stirn. Im langen, grüngräulichen, seit Jahrzehnten nicht mehr renovierten Flur versperrte ihm ein wild gestikulierender Mann den Weg. Vor ihm, leicht mit einem Bein wippend – der Unterkommissar. Er hatte den Kopf etwas in den Nacken geworfen, um auf die bizarre Gestalt, die sich vor ihm so verausgabte, besser herabzuschauen. Dabei wiederholte er monoton: Wir können Ihnen nicht helfen, das können wir nicht. Wer soll mir dann helfen? Sie hören mir nicht zu. Nein, Sie hören mir nicht zu, es interessiert Sie gar nicht, was ich sage! Sie müssen den Gerichtsvollzieher holen, klagen, den üblichen Rechtsweg gehen.
Der Kommissar wollte unbemerkt an den beiden vorbeischleichen, der Wachtmeister trat aber an ihn heran und zog ihn zur Seite. Seit einer halben Stunde ginge das so, irgendetwas mit einer Erbschaft, was genau, das sei nicht zu verstehen: Er will Sie sprechen, Chef. Mich? Der Wachtmeister nickte bedeutungsvoll. Der da sei irgendwie Ausländer und schwadroniere etwas von Europa und Folgen und so.
Der Kommissar zögerte, ging dann halbherzig auf den Fremden zu: Kommissar Angelescu. Jener aber, blass, die Lippen zusammengepresst, die Hände zur Faust geballt, konnte kaum noch an sich halten: Seine Beschwerde nicht aufzunehmen, unerhört, Orient, reinster Orient, in einem zivilisierten Land würde so etwas nicht passieren! Im grüngräulichen Flur hallte seine etwas zu schrille Stimme metallen wider. Dann geh doch zurück in dein zivilisiertes Land, hier wird dich keiner vermissen! Es war der Unterkommissar, der dies gesprochen.
Der Fremde lief rot an: Was sagen Sie, was erdreisten Sie sich zu sagen? Kollega! Der Kommissar gab sich alle Mühe, ruhig zu bleiben.
Und in der Tat wirkte er sehr gelassen, als er sich danach erkundigte, was den Fremden denn in die Hauptwache geführt hatte. Er sei nicht von allein gekommen, antwortete jener: Ihre Polizeistreife hat mich mitgebracht. Warum? Um Beschwerde einzulegen. Der Kommissar verdrehte leicht die Augen: Worüber wollten Sie sich denn beschweren, mein Herr? Da brach, empört, der Wortschwall wieder los: In der Wohnung der verstorbenen Mutter …, vermietet …, eine schlafende Person …, meine Schwester hat ohne mein Wissen …, dazu hatte sie kein Recht! Woher er denn wisse, dass die schlafende Person ein Mieter sei, fragte der Kommissar. Von der Person selbst, triumphierte der Fremde, sie hätte der herbeigerufenen Polizeistreife verraten, dass sie 300 Euro an die Schwester zahle, schwarz, versteht sich: Sie hat aber überhaupt kein Recht dazu, die Wohnung gehört uns beiden!
Der Kommissar hob seine Hände in einer Geste absoluter Hilflosigkeit. Er wisse beim besten Willen nicht, was er tun könne, den Mieter rausschmeißen dürfe er ohne richterlichen Beschluss nicht: Sie müssen sich mit Ihrer Schwester verständigen – oder gegen sie klagen. Erst mal müsse er Beschwerde einlegen, Beschwerde dagegen, dass die Wohnung illegal vermietet sei, versetzte der Fremde. Er lasse sich nicht abwimmeln, er werde sich nicht von der Stelle rühren, bis diese gottverdammte Beschwerde nicht aufgenommen sei: Haben Sie das verstanden?
Der Kommissar machte ein nachdenkliches Gesicht, der Ärger war ihm deutlich anzumerken. Nimm es auf und komm dann zu mir, sagte er schließlich zum Unterkommissar.
Dann ging er, ohne sich umzuschauen.
Er ging durch den langen, grüngräulichen Flur, durch das kahle, schlecht beleuchtete Treppenhaus, er öffnete eine Tür, die laut aufquietschte, dann eine zweite und noch eine dritte und gelangte in einen großen, ebenso schlecht beleuchteten Raum. Die Farbe an den Wänden war überall aufgesprungen, an der Decke klafften weite Risse, der bräunliche Teppichboden war zerfleddert und fleckig. Ein paar Metallschränke, seit langem nicht mehr geputzt, reihten sich an den Wänden. Der Kommissar setzte sich an einen der vier wackeligen Schreibtische, die in der Mitte des Raumes standen, und packte sein Frühstück, zwei Speckbrötchen, drei hartgekochte Eier und eine Thermoskanne, aus, zündete sich eine Zigarette an und begann genüsslich zu essen.
Eine Viertelstunde später klopfte es kurz an der Tür und der Unterkommissar trat grinsend ein. Fertig? fragte der Kommissar. Ja, antwortete der andere höchst zufrieden. Und plötzlich lachte er, laut und unbeherrscht, über die idiotische Nervensäge, die alles bis ins kleinste Detail aufschreibt und dann ohne Registriernummer weggeht: Kann man sich das vorstellen? Hast du deinen Namen genannt? Ich habe es vermieden. Dann schmeiß den Scheiß weg, Marian, in den Müll damit, schnell.
Nun war auch der Kommissar zufrieden: Wie steht’s mit unserem Toten? Bestens, keiner vermisst ihn. Wirklich? Wirklich. Der Unterkommissar prüfte konzentriert die glänzende Spitze seines Schuhes, der auf einem der wackeligen Schreibtische ruhte. Die Beschreibung, erklärte er nachlässig, passte auf einen Typen, der vor einer Woche verschwunden sei, doch die Angehörigen, die in aller Herrgottsfrühe angetanzt seien, sagten, es sei nicht ihr Sohn. Sicher nicht? Hundertpro. In den Hotels? Nichts. Komisch, wunderte sich der Kommissar, unser Mann ist bestimmt auch schon eine Woche tot. Ja. Des Unterkommissars Gesicht erstrahlte wieder in großer Fröhlichkeit, denn eine Neuigkeit gab es doch zu berichten. Na, spuck’s schon aus, ermunterte ihn sein Chef. Er ist nicht an den Schlägen gestorben. Sondern? Schätze, man hat ihn vergiftet. Und der Unterkommissar kicherte vergnügt.
Der Kommissar wollte es ihm gleichtun, doch dann schüttelte er nur leicht den Kopf: Ist der Obduktionsbericht fertig? Noch nicht. Und die Fingerabdrücke? Dauern auch noch. Fein. Da konnte man in Ruhe seine Tasse Kaffee ausschlürfen. Und während er dies tat, betrachtete der Kommissar mit väterlicher Herablassung sein Gegenüber. Marian, sagte er bedächtig, mäßige in Zukunft etwas deine Zunge. Haben Sie Angst um mich, Chef? Eher um deinen Vater, wie geht es ihm? Gut, Chef, er hat keine Toten in seinem Revier. Tja, er ist ein Glückspilz.
Der Montag war wirklich ein grässlicher Tag.
Drei Tage später, es war gegen 13 Uhr, der Kommissar schickte sich wie immer an, Feierabend zu machen, da ging mit einem Knall die Tür auf und der Unterkommissar, ganz außer sich, stürmte herein. Unglaubliches sei passiert, wirklich Unglaubliches! Es sei nicht zu fassen, aber: Wir haben ihn, wir haben IHN, IHN, ja, IHN! Beinahe hätte er noch ein Trallala hinterhergeschickt.
Der Kommissar verzog wie unter akuten Zahnschmerzen das Gesicht. Wen haben wir? Voinea, Chef, wir haben Voinea, er ist unser Toter! Das gibt’s doch nicht. Etwas Gebrochenes, fast Flehendes schwang in der Stimme des Kommissars. Er fiel in seinen Sessel zurück. Aber ja doch, ja, sang der andere fröhlich. Der Fingerabdruck des rechten Zeigefingers – eindeutig rekonstruiert, abgeglichen, identifiziert, es bestand kein Zweifel, der Computer sagte Voinea, der Computer irrte nie.
Mannomann, stöhnte der Kommissar, wenn ich jetzt keinen Herzinfarkt bekomme, bin ich für die Ewigkeit davon gefeit! Aber wieso denn, Chef, wieso denn, das ist die Sensation, Sie kommen in die Zeitung, Sie werden berühmt, wir werden berühmt! Trallalala. Du hast keine Ahnung, mein Gott, keine Ahnung. Plötzlich wurde der Kommissar wütend: Kein Wort zur Presse, hörst du, keine Zeitung, kein Journalist, Journalisten haben Eintrittsverbot, ich will diese Kanaillen hier nicht sehen! Und ein schwerer Faustschlag fiel auf den armen Schreibtisch. Aber Chef, das ist die Chance!, klagte der Unterkommissar. Du bist ein Idiot, ein ausgesprochener Idiot, erwiderte der Kommissar in nüchtern feststellendem Ton. Und faltete die Hände zusammen. Und schwieg. Lange.
Der fassungslose Unterkommissar wagte nicht, sich zu bewegen. Das widerfuhr ihm äußerst selten. Wir werden es nach oben melden, entschied schließlich der Kommissar, ja, sollen die sich doch den Kopf mit diesem Scheiß zerbrechen. Und er verlangte einen Termin beim Polizeipräsidenten: Sofort.
Ich verstehe deine Sorgen, wirklich, mein Lieber, aber du irrst, die Nachricht ist gut, sogar ausgesprochen gut, endlich! Der Polizeipräsident lehnte höchst zufrieden in seinem Sessel, die etwas dicklichen Fingerchen trommelten munter auf die Armlehne. Der Anblick des Kommissars, ach, dieses bekümmerte Häufchen Elend, wie steigerte er seine Vergnügtheit noch! Aber seine Stimme blieb ernst, eindringlich, sie mahnte: dass man Druck ausüben werde, natürlich, von allen Seiten, aber es galt standzuhalten, eisern zu ermitteln, nach allen Richtungen, ohne jede Rücksicht. Der Kommissar seufzte: Auch in Richtung – Ploaie? Vor allem in Richtung Ploaie!, entgegnete der Polizeipräsident. Es sei von größter Wichtigkeit, den Eindruck der Bevorzugung oder gar der Vertuschung zu vermeiden: Haben wir uns verstanden? Der Kommissar nickte schicksalsergeben.
Da lächelte der Polizeipräsident. Er lächelte das Lächeln des Mächtigen, der plötzlich so etwas wie Mitleid mit der unwissenden Kreatur an seinen Füßen empfindet und sich gnädigerweise ihrer erbarmen will. Und so beugte er sich vor und klopfte seinem Gegenüber auf die Schulter und machte ihm Mut: Man werde ihn aus der Schusslinie heraushalten, versprochen! Aber, mein Lieber, und sein Blick bohrte sich regelrecht in die Augen des Kommissars, du berichtest mir, nur mir, zur Presse kein Wort, das mache ich, und es wird nur das Nötigste sein, eine kleine Pressemitteilung, hast du mich verstanden? Selbstverständlich, Herr Polizeipräsident, selbstverständlich. Die dicklichen Fingerchen trommelten wieder und der Polizeipräsident summte fröhlich: Kein Grund zur Beunruhigung, gar keiner. Wirklich nicht?, entgegnete der Kommissar zaghaft. Nein, glaub mir doch, alles wird gut, also trink aus und fahr heim, es ist schon spät.
Als der Kommissar das Polizeipräsidium verließ, war er tatsächlich ruhiger.
Auf dem Schlachtfeld des Wahlkampfes platzte die Nachricht wie eine Bombe. Sie drängte alles in den Hintergrund. Der Auffahrunfall des Premiers, die Korruptionsklage gegen den Oppositionsführer, die Immobilienmachenschaften des Provinzbonzen, ja nicht einmal das unbekümmerte Eingeständnis des Staatsoberhauptes, in der traurigen, alten Zeit sehr erfolgreich das getan zu haben, was seine Landsleute auch bei jeder Gelegenheit getan, nämlich: zu schmuggeln (ein Eingeständnis übrigens, das ihm die Wählergunst nicht entzog, sondern, im Gegenteil, seine Beliebtheit noch steigerte) – nichts von alledem schien noch eine Schlagzeile wert.
Die Zeitungen überboten sich in Berichten über den vor Jahren ins Ausland geflüchteten und jetzt tot aufgefundenen George Voinea, die rechte Hand jenes irgendwie geheimnisumwitterten, weil wie aus dem Nichts zum Magnaten aufgestiegenen Horatiu Ploaie. Man rollte den ganzen Skandal seines Investmentfonds, der wie eine Seifenblase geplatzt war und in dessen Folge mehrere Hunderttausend Menschen ihre Ersparnisse eingebüßt, Ploaie und die meisten seiner Getreuen aber mit heiler Haut und vollgestopften Konten davongekommen waren, wieder auf. Man beugte sich mit plötzlich erwachter Gewissenhaftigkeit über dicke Prozessakten, in der naiven Hoffnung, die wahren Gründe für Ploaies Freisprüche und Voineas in Abwesenheit erfolgten Verurteilungen doch noch zu finden. Man stritt über Voineas Rolle in dieser mehr als schmutzigen Sache, man schwankte zwischen Abneigung und Mitleid: War er Schurke oder Sündenbock? Man spekulierte über die Umstände seiner Flucht – so unmittelbar vor seiner endgültigen Verurteilung, über seinen bisherigen Aufenthaltsort, über die Gründe seiner Rückkehr. Hatten die Behörden ihn nicht schon für tot erklärt? Wer hatte ihm geholfen? Wer – gewusst, dass er zurückgekommen war? Und wer hatte ihn ermordet? Und warum?
Ploaies Villa, dort, in jenem vornehmen Viertel, wo die Emporkömmlinge der letzten hundert Jahre so gern zu residieren pflegten, wurde von Journalisten belagert. Erfolglos, freilich, denn Ploaie hüllte sich in Schweigen. Ja, eigentlich schien er sich in Luft aufgelöst zu haben. Man munkelte, er halte sich auf seinem riesigen Anwesen in den Bergen auf und terrorisiere von dort mit den berühmt-berüchtigten Wutausbrüchen seine Getreuen, aber das waren wirklich nur Mutmaßungen, Gerüchte aus der Journalistenküche.
Tatsache war, dass niemand, nicht einmal die Mitarbeiter der Zeitungen, die ihm gehörten, Genaues wusste. Die Polizei hielt sich bedeckt. Abgesehen von ein paar lapidaren Pressemitteilungen, in denen es hieß, man werde zum gegebenen Zeitpunkt alle notwendigen Enthüllungen machen, sickerte keine brauchbare Information durch. Man tappte wirklich im Dunkeln.
In der großen Stadt, die sich gern als Metropole präsentierte, gab es aber jemanden, der mehr wusste und seit Tagen, wie im Fieber, nur eine Frage wiederkäute: Wohin – mit diesem Wissen? Wohin nur? Jemand.
Ich.
Die prächtige Eichentür öffnete sich quietschend und ein rundes, freches Frauengesicht erschien im Türspalt. Frau Dudu?, fragte der Unterkommissar. Dudu? Die Frau hatte die Augenbrauen hochgezogen und wirkte irgendwie beleidigt. Ja, wir suchen Frau Mona Dudu. Ach, Frau Mona – wer sind Sie aber? Die beiden Kommissare streckten ihr die Ausweise entgegen. Die Frau betrachtete sie einen langen Augenblick, bat sie dann zu warten.
Fünf Minuten vergingen im Schneckentempo. Nichts hasste der Kommissar mehr, als im kalten Regen vor geschlossenen Türen, und seien sie noch so prächtig und aus Eiche, zu warten. Er hätte selbstverständlich in aller Ruhe das gegenüberliegende Glitzertor zum Schloss jener gefeierten Queen Mary, die vor langer Zeit so manchen Dichter mit ihrem frostigen Charme betört, bewundern können. Aber seine Augen sahen nur die Gräue.
Schon wollte er wieder schellen, da ging die Tür auf und das runde Frauengesicht bat sie unter Entschuldigungen herein. Frau Mona ginge es gar nicht gut, die Ärmste, ihr Zustand sei wirklich bedauernswert: Nun ja, uns alle hat es sehr mitgenommen, Sie verstehen.
Sie ging voran. Der nicht gerade schlanke Körper, in enge Jeans und eine tiefdekolletierte Bluse eingezwängt, wogte im Rhythmus ihrer Schritte. Sie führte die beiden durch eine große Empfangshalle, à l’americaine, in einen halbrunden, salonartigen Raum, wo in der Mitte ein Leopardenfell ruhte. An den Wänden hingen Ölgemälde, auf den Kommoden thronten abstrakt anmutende Bronzeskulpturen.
Frau Mona werde sie dennoch empfangen, sagte die Frau, und die Art, wie sie ihren Kopf zur Seite neigte, belehrte die Kommissare darüber, dass ihnen eine außergewöhnliche Gunst erwiesen wurde. Sie hieß die beiden auf einem ledernen Sofa Platz zu nehmen. Ein bedrohliches Knurren riet ihnen jedoch davon ab, sich dem Sofa zu nähern. Oh mein Gott, Blacky – die Frau war sichtlich erschrocken: Sehen Sie sich bloß vor, er beißt! Mit größter Liebenswürdigkeit: Blacky, Lieber, komm, brav, Leckerli, lockte sie den Hund aus seinem Versteck und geleitete ihn zur Tür. Der Hund schien ihre Bemühungen jedoch nicht richtig zu honorieren, denn kaum war die Tür hinter ihm geschlossen, dass er furchtbar zu bellen begann. Er hasse es, ausgeschlossen zu sein, entschuldigte ihn die Frau.
Der Kommissar, obwohl etwas bleich, nickte unbeeindruckt. Ob sie hier angestellt sei, erkundigte er sich. Die Frau lächelte. Gutmütig. Bescheiden. Sie sei Frau Monas Gesellschafterin. Schon lange? Schon lange. Ob sie auch Voinea gekannt? Ja. Und wie sei er gewesen? Nett, ja, nett. Wissen Sie, ob noch Kontakt …
In diesem Augenblick wurde eine Seitentür ruckartig geöffnet und eine hochgewachsene, ausgesprochen dürre Person in einem langen, aufwendig gestickten Gewand trat hastig in den salonartigen Raum ein. Im Takt ihrer schnellen Schritte klirrten unzählige Armbänder an ihren Handgelenken. Sie griff nach einer der vielen Zigarettenschachteln, die überall herumlagen, und ließ sich wortlos in einen Sessel fallen. Für einige Augenblicke wurde es mucksmäuschenstill.
Frau Mona Dudu?, fragte der Kommissar vorsichtig. Dudu?, nein, Gruia, das heißt für Sie doch Dudu, ja, Dudu. Der Kommissar runzelte die Stirn. Frau Mona hatte etwas Eigenartiges, ja Unheimliches an sich. Sie sprach, ohne die Lippen zu bewegen. Und sie zog so verzweifelt an ihrer Zigarette. Wie war ihm das alles lästig! Doch er war ein Profi, also musste er sich zusammennehmen, wie immer, das Beileid aussprechen und sich entschuldigen, für die Störung, jetzt, in dieser Situation, die Routinefragen mussten aber gestellt werden, ganz schnell, versteht sich: Sie, Gnädigste, sind also die Exfrau von George Voinea? Die Frau blickte ihn mit großen Augen an, ihr ganzes Gesicht schien nur aus diesen immensen, staunenden und sehr hellen Augen zu bestehen. Ja, kam schließlich die Antwort. Sie haben einen Sohn mit ihm? Ja. Haben Sie oder Ihr Sohn seit Voineas Flucht Kontakt zu ihm gehabt, hat er versucht, Sie zu sprechen, vor allem jetzt, in letzter Zeit?
Mona Dudu schwieg. Lange. Ob sie die Frage überhaupt gehört hatte? Der Kommissar beugte sich ein bisschen vor und rief ihr ein leises Gnädige Frau? zu. Da, plötzlich, sprach die Stimme aus dem starren Gesicht, leise und mahnend, dann immer erregter, bei Gott, eine wahre Sturmflut, Vorwürfe, Klagen, Flüche, was hat man da bloß angestellt? Mutter, sprach die Stimme, sie sei Mutter, sie habe ein Kind, verstehen Sie?, ein Kind, ein Kind, das nichts verbrochen, gar nichts, aber in den letzten Jahren …, ach, großer Gott, was er, was ich durchgemacht …, wollen Sie uns zerstören, am Boden liegen sehen, zerschmettert, tot, auch tot, wollen Sie das?
Und Frau Mona sprang auf und schrie die Gesellschafterin an, wo denn Tomi sei, Tomi, sie hätte ihn nicht erreichen können, er dürfe die Zeitungen nicht lesen. Er wird sie schon längst gelesen haben, erwiderte die andere lakonisch. Die Gnädigste schien sie aber nicht zu hören, sie rang die Hände, Tomi, wieso er sich nicht melde? Und Pit, man solle Pit anrufen, er solle sofort kommen, sofort: Ich ertrage es nicht mehr, wieso lässt er mich immer allein, warum holt mich denn nicht endlich der TEUFEL, dann ist alles vorbei, Pit, Pit, ich ertrage es nicht mehr, Pit!
Zitterndes Kinn, bebende Lippen, Zähnegeklapper. Die Gesellschafterin wollte sie beruhigend in die Arme schließen, doch Mona Dudu wehrte sich mit kraftlosen Bewegungen: Nein, lass mich, lass mich, alles meine Schuld, ganz allein meine Schuld, das sagt ihr doch immer alle, und das stimmt auch, ich habe ja den Schuft damals geheiratet, jawohl, nun zahle ich, zu naiv, zu dumm – werde ich denn ewig dafür büßen müssen, wird es nie enden, nie?
Die Kommissare hatten sich schon erhoben, die Gesellschafterin wies ihnen, sanft, aber bestimmt, die Tür: Sie sehen selbst, sie kann jetzt nicht. Und der Hund? Ach, ja, Blacky, Blacky!
Der Hund ließ sich nicht blicken.
Als die beiden den Vorhof der Villa verließen, hörten sie hinter sich lautes Kläffen und heftiges Schluchzen.
Die Ermittlungen kamen nicht richtig in Gang. Niemand, weder Verwandte noch ehemalige Freunde, wollte von Voineas Rückkehr etwas gewusst haben. Niemand hatte ihn gesprochen oder gesehen. Die Grenzpolizei wusste nichts von seiner Einreise. Er war nirgendwo gesichtet worden, in keinem Hotel, in keinem Restaurant, in keinem Club. Man wusste nicht, seit wann er sich in der Stadt aufgehalten, wo er übernachtet, wen er gesehen hatte. Man wusste selbstverständlich auch nicht, wo der Mord begangen worden war. Der Kommissar hatte das Gefühl, einem Gespenst nachzujagen.
Auch die Befragung von Petre Dudu, der eine Stiftung für Menschenrechte und Demokratie leitete und unter dem Pseudonym Pietro Gruia anspruchsvolle Kriminalromane verfasste, führte zu keinen neuen Erkenntnissen.
Der Kommissar hatte ihm in der Stiftung einen kurzen Besuch abgestattet, er wollte ja alles ganz gewissenhaft überprüfen, die Aussichtslosigkeit der Aufklärung dieses Falles sollte keineswegs ihm angelastet werden! Wie erwartet, wusste Dudu nichts. Er habe, sagte er, die Worte langsam, fast mühevoll aussprechend, Voinea seit Jahren nicht mehr gesehen. Überhaupt hätte er nichts mit ihm zu tun. Und das Haus, in dem Sie wohnen, hat nicht Voinea das gekauft? Der Kommissar wusste, dass er sich mit dieser Frage etwas weit herauswagte, er stellte sie aber dennoch – obwohl er die Antwort, die sein Gegenüber noch langsamer und mühevoller hervorbrachte, kannte, seine Hausaufgaben hatte er ja gemacht: Das Haus gehörte Mona Dudu.
Ob Dudu diese Heirat letztendlich nicht mehr geschadet als genutzt hatte, fragte der Unterkommissar, als sie die Stufen des Prachtbaus, in dem sich die Stiftungsräume befanden, herabstiegen. Der Kommissar blieb stehen und betrachtete ihn entgeistert: So viel Gerissenheit nebst so schrecklicher Naivität – in ein und derselben Person! War das überhaupt möglich? Dreimal darfst du raten, wer hinter dieser Stiftungssache steht. Ploaie?, fragte der Unterkommissar unschuldig. Der Kommissar schüttelte nur den Kopf: Ob ihm das geschadet hat, geschadet!
An einem Bogenfenster, hoch über ihnen, bewegte sich leicht die Gardine: Ich habe damit nichts zu tun, nein, wirklich, ich habe damit nichts zu tun und ich will damit auch nichts zu tun haben, ich bin doch nur … Die Muße, schnurrbartkauend Selbstgesprächen nachzuhängen, ward Petre Dudu jedoch nicht gegönnt. Worauf er denn warte, ob er wirklich nicht Bescheid geben könne, dass die da schon weg seien, das sei ja nicht so schwer, denke er denn überhaupt nicht an sie – Mona Dudus Gesicht, ihre Stimme, die Hand, die noch die Klinke festhielt, waren ein einziger, ein riesiger Vorwurf.
Er seufzte.
Erschöpfung, bleierne Erschöpfung, in den Gliedern, in der Seele, in den letzten Geistesresten, wo hätte er sich bloß hinkauern und ruhen können, bis in alle Ewigkeit ruhen? Wollte dich gerade rufen, Liebes. Die Antwort: ein ununterbrochenes Hämmern. Ihrer Stilettos auf dem blankpolierten Parkett. Und ihrer einst so weichen Stimme (sie war doch weich gewesen?) in seinen Ohren: Wie sie alles das mitnehme, was sie durchmache, er verstehe nichts, gar nichts! Doch, Liebes, doch, ich verstehe dich, aber weißt du, ich brauche Ruhe, ich bin doch nur ein – Phantast, du bist ein Phantast, das weiß ich, brauchst mich nicht ständig daran zu erinnern, es ist ja auch so schwer genug, aber Phantasten müssen ab und an auch was mampfen, da irre ich mich doch nicht, oder?
Nein, ihre Stimme war nie weich gewesen. Wie hatte sie aber diesen metallischen Klang (oh, er tat dem Hörnerv höllisch weh!) so lange tarnen können? Oder lag es an ihm, war er erst jetzt hörend geworden, hörend und so wund, dass jedes Wahrnehmen schmerzte?
Die metallische Stimme nahm keine Rücksicht auf seine Empfindlichkeit, sie forderte herrisch: Ruhe, ich brauche sie auch, viel mehr als du! Aber damit sei es jetzt aus, sie würden wieder wühlen und wühlen, diese Maulwürfe, keine Sekunde würden sie locker lassen, genau wie damals, Pit, sie werden uns fertig machen! Mona Dudu schlug die Hände vors Gesicht und er, der am liebsten geflohen wäre, irgendwohin, für immer, er streckte tröstend die Hand nach seiner Frau.
Seine Frau.
Da richtete sie sich auf, selbstsicher, nüchtern. Sie werde ihn kontaktieren, es ginge nicht anders, diese Geier müsse er ihnen vom Leibe halten, schließlich sei alles seine Schuld, seine und die seines herzallerliebsten Laufburschen. Ja, ja, Petre Dudu war dazu geboren, Ja zu sagen, aber etwas trieb ihn jetzt an, einen Versuch zu wagen, jenes Bedürfnis nach Ruhe, vielleicht, also: Warum es hier durchstehen, warum nicht einfach wegfahren, Liebes? Wohin denn? Aufs Land. Aufs Land?
In dem schönen, altehrwürdigen Raum gab es alles Mögliche, Wandvertäfelungen, Stuckverzierungen, erlesene Möbel, ein Wespennest aber mit Sicherheit nicht, und doch sprang Mona Dudu so heftig auf, als ob ein ganzer Schwarm hinter ihr her gewesen wäre: Nein, ausgeschlossen, ganz und gar, aufs Land – keine zehn Pferde bringen mich dahin. Aber warum nicht? Will nicht, es hängt mir zum Hals raus, dein Land, immer dieses Land, habe es satt. Aber warum denn, warum, es ist so friedlich dort!, bettelte er in einem fort. Eben, zu friedlich, es erdrückt mich, geht das in deinem Kopf, schlag mir was anderes vor, Amerika, Australien, Neuseeland, von mir aus, aber nicht dein gottverdammtes Land, ich werde es verkaufen! Was?
Das Landhaus war seine Zuflucht, sein Stolz, das ganze Dorf beneidete ihn, den armen Jungen des wilden Trunkenbolds, um jenes kleine Schmuckstück, das er mit Monas Geld in einem Waldhain hatte bauen lassen. Verschlungene Wege, auf denen sich gewöhnlich niemand verirrte, führten dorthin. Mona Dudu hielt es dort nie lange aus, die Stille gelle ihr so in den Ohren, sagte sie. Umso dankbarer war er, dass sie ihn es dennoch hatte bauen lassen. Das kannst du mir nicht antun, Mona, sagte er leise.
Sie sah ihn an, hart, als gefiele ihr das, was sie da sah, ganz und gar nicht, doch gleich darauf schweifte ihr Blick ab – durch ihn hindurch, in eine imaginäre Ferne und aus dem halboffenen, unbeweglichen Mund brach es heiser hervor: dass der Schuft zurückgekommen sei – um uns zu zerstören, und dass es ihm gelingen werde, jawohl, es werde ihm gelingen. Aber wie denn, Liebes, er ist jetzt tot, tot. Mona Dudu schien ihn nicht zu hören: Zurückgekommen, um uns zu zerstören, der Schuft, der Schuft!
In der Tat war es Horatiu Ploaie gelungen, ein mehr als stattliches Medienimperium aufzubauen. Der anfängliche Misserfolg, als die Zeitung mit dem großen, alten Namen, die er geschluckt hatte, ihm beinahe im Halse stecken blieb, war längst vergessen. Ploaie war jetzt der dünkelhafte Besitzer mehrerer Blätter, die er genüsslich verdaute, und einiger Fernsehsender, die zu den beliebtesten im Lande gehörten. Selbstverständlich wurde – mit neidischer Bewunderung, wenn es sich um seine Anhänger, jedoch mit bewunderndem Neid, wenn es sich um seine Feinde handelte – seine Weitsicht bestaunt, die ihn, wie keinen anderen, veranlasst hatte, gerade in diesem Bereich zu investieren. Beeinflusste er nun die Öffentlichkeit nicht nach Lust und Laune, ganz so wie seine Interessen es erforderten? Das war nur allzu klar und dennoch nur halb wahr.
Denn das, was Ploaie antrieb, war nicht reine Überlegung, sondern vielmehr Sucht: zu sammeln, und zwar VIPs. Schriftsteller, Journalisten, im Zweifelsfalle auch Philosophen, wenn sie nur wirklich berühmt waren – alle Größen des Kulturlebens, alle, die etwas zu sagen hatten, die crème de la crème der Elite, sie sollte ihm gehören! Diesen da – in voller Größe und auf einen Sockel gehoben, von jenem – den Torso, von dem anderen – einen Arm, eine Hand oder zumindest einen Finger: Wie in einem Museum wollte er sie betrachten, wie in einem Harem über sie verfügen!
Viele standen so, mehr oder weniger versteckt, auf seiner Gehaltsliste. Hätte ein von allen guten Geistern Verlassener beabsichtigt, gegen Ploaie vorzugehen, seine Machenschaften zu enthüllen, Aufklärungskampagnen gegen ihn anzustrengen, er hätte mit Grauen festgestellt, dass nirgendwo ein offenes Ohr, nirgendwo eine helfende Hand sich aufgetan hätte. Sein Versuch wäre aussichtslos gewesen – was letztendlich jenem Naivling nur zum Wohle gereicht hätte, denn nichts ist peinlicher, als der unbezähmbare Drang, dort aufzuklären, wo keine Aufklärung erwünscht ist. Zur allgemeinen Zufriedenheit waren aber solche von allen guten Geistern Verlassene kaum in Erscheinung getreten.
Und es begab sich, dass sie im Herbst einen Storch auf einem Mast sitzen sah. Da plagten sie den ganzen Winter über unerträgliche Schmerzen in den Beinen. Im nächsten Jahr sah sie aber den Storch über das Haus fliegen. Und siehe da, ihre Schmerzen verschwanden.
Es war nicht einfach gewesen, bis zum Kommissar vorzudringen. Maria Nancovici hatte am Eingang den Presseausweis, den sie immer noch bei sich trug, vorgezeigt. Normalerweise war er ein verlässlicher Türöffner, jetzt bewirkte er das Gegenteil: Keiner von euch setzt den Fuß hier rein, fuhr sie der Wachtposten an. Er hatte eine richtige Verbrechervisage, unmöglich, an ihm vorbeizukommen. Also schwenkte sie um: Ich bin in eigener Sache hier. Ob sie ihn denn für oberblöd halte. Nein, entgegnete sie, es sei die Wahrheit, sie hätte eine Aussage zu machen, eine sehr wichtige. Dann stell dich gefälligst an!
Der Warteraum war eng: ein fensterloser Gang, der in einem kleinen, rechteckigen Vorraum mit vier Stühlen mündete. Die Stühle waren besetzt, ringsherum wogte ein ganzer Menschenpulk, Männer und Frauen unterschiedlichsten Alters, blass und gramerfüllt. Die Luft war schlecht, der Gereiztheitspegel hoch: Geschlagene zwei Stunden und morgen bestimmt die ganze Prozedur von vorn! Bin schon zum dritten Mal hier und es ist immer noch nicht fertig! Ja, ja, es hat sich nichts geändert, gar nichts, aber was will man machen, sie sitzen am längeren Hebel! Man ist ja schon froh, wenn sie einen nicht anschreien!
