Zwiegespräch mit Liebeli - Ioana Orleanu - E-Book

Zwiegespräch mit Liebeli E-Book

Ioana Orleanu

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Beschreibung

Ein staubiger Landweg, eine Ohrfeige, eine Flasche Whiskey, Asthmaprobleme: Ioana Orleanus Erzählungen, zum Teil in den namhaften Literaturzeitschriften Manuskripte und Lichtungen erstveröffentlicht, kristallisieren sich um alltägliche Dinge. Und doch bergen sie die poetische Dramatik des menschlichen Lebens. Denn Orleanu bricht mit feinem Skalpell seelische Anatomien auf und entflechtet, behutsam, das innere Gespinst großer Themen wie Freiheit, Liebe, Glück, Alter oder Tod. So entstehen literarische Gebilde, die das Reale gleichsam in seiner Essenz ausdrücken und – dem Vergessen entreißen. »Warum erschauderten wir? Warum griff ich jäh nach deiner Hand? ›Die Ewigkeit stimmt still und traurig‹, verkündete deine Stimme.«

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Veröffentlichungsjahr: 2020

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Table of Contents

Titelseite

Motto

Dreißig Jahre danach

Pays magique

Zwiegespräch mit Liebeli

Der Motor der Gesellschaft

Eine merkwürdige Begegnung

Frühlingsanfang

Tod eines Gottlosen

Der Gefangene

Lebensabend

Über die Autorin

Buchempfehlungen

Impressum

Ioana Orleanu

Zwiegespräch mit Liebeli

Erzählungen

Motto

Was hast du gelebt? Welche ist die wichtige Erfahrung, die dich erschüttert hat und mich auch erschüttern könnte?

Marin Preda

Dreißig Jahre danach1

Für R.

Eigentlich warst du vorgewarnt. Seit der Sache mit der Watsche warst du vorgewarnt. Wie sie alle aufgesprungen sind, entsetzt, schockiert, befremdet, und sich auf ihn gestürzt haben. Geier. Was haben sie ihm nicht alles an den Kopf geworfen. Unreife. Besessenheit. Dämlichkeit. Ein verpfuschtes Leben, für das er Schuldige suche. Sie haben ihn lächerlich gemacht, der Psychiatrie anempfohlen, zum Verzeihen verdonnert.

Und warum diese heilig lodernde Empörung? Weil er den Mund aufgemacht, an jene gewaltige Ohrfeige erinnert und den schlagenden Giftzwerg ausgeladen hat.

Aber er war unser Lehrer.

Und er verdient Respekt.

Dankbarkeit.

Ohne ihn hättest du nie etwas von Goethe gewusst.

Das hier ist ein Abiturjubiläum und keine sizilianische Vendetta.

Und überhaupt, was spielt das noch für eine Rolle, nach all den Jahren?Entschuldige dich.

Entschuldige dich! Dieser Satz hallte in dir nach, unheilvoll, kaum fassbar. Ja, waren sie denn noch bei Trost? O, sie waren es, ohne Zweifel – auf ihre Weise. Wirklichkeit kann so dürftig sein, klein, unerträglich. Träumen hingegen ist angenehm, befreiend. Und die nostalgische Pose sieht entzückend anmutig aus, veredelt sie nicht jedes Gesicht? Also flieht man gerne, rettet sich weg in goldene Vergangenheiten.

Ah, wie war es damals schön.

Ah, was waren wir jung.

Und glücklich! Unsere schönsten Jahre…

Sie sind so vernarrt in diese schönsten Jahre, dass man meinen könnte, sie hätten seit der Schulzeit gar nichts mehr erlebt. Verklärung ist wirksamster Seelenbalsam. Deshalb verklärt jede Gegenwart beflissentlich ihre Vergangenheit. Und deshalb wird auch jede Gegenwart irgendwann einmal – verklärte Vergangenheit. Selbst die stählernste. Wehe, man verstößt dann gegen ihr Gebot.

Du warst also gewarnt. Du wusstest: Machst du den Mund auf, bricht die Hölle über dich ein.

Aber manchmal, mag es auch noch so klug sein, kann man nicht schweigen. Man muss doch in den Spiegel schauen können. Es ist eine Sache der Selbstachtung. Und, gib es doch zu!, auch der Revanche. Ja: der REVANCHE. Für all die Jahre der Angst, der Verstellung, des Hinunterschluckens. Für jenes Leben in Verblödung und Lüge, zu dem man verurteilt war. Das Doppelleben war ein unumstößliches Faktum unserer Zeit und niemand konnte es umgehen.2 Niemand. Nicht einmal Kinder.

Der Conducator ist der liebste Sohn des Vaterlandes. Er sorgt für alles. Zwischen ihm und seinem Volk besteht eine starke Bindung. Zusammen sind sie unbesiegbar. Das – hast du geschrieben. Höchstpersönlich. In der siebten Klasse. Deine Aufsätze strotzten nur so von Parteiideologie und Patriotismus. Unser Land, unser Volk: der Nabel der Welt. Diese Gesellschaftsordnung: die beste seit Menschengedenken, ein Paradies. Unsere Geschichte: eine lange Reihe heroischer Ereignisse und Persönlichkeiten, die schicksalsmäßig diesen unseren weisesten Führer hervorbringen musste. Ah, Gnade ist über uns! Der Conducator wacht, der Conducator weist den Weg, der Conducator denkt – für uns. Wir sind erlöst. Hurra!

Wie viele Gedichte dieser Art lerntest du nicht auswendig. In wie viele Chöre, die ihn besangen, stimmtest du nicht mit ein. Wie viele Male danktest du nicht von ganzem Herzen der Partei für die Wohltaten, die sich in Strömen über dich ergossen. Du marschiertest mit, schwenktest Fähnchen, schworst feierliche Treueeide. Und auf deine Pionieruniform warst du stolz. Sie stand dir ausgesprochen gut. Später hättest du dich bemüht, in die Partei eintreten zu dürfen. Jawohl. Denn: Man ist doch nicht verrückt und verbaut sich die Zukunft!

Aber: Kein einziges der vielen Worte, die du so inbrünstig vortrugst, hast du geglaubt. Kein einziges. Mit vollem Bewusstsein erklärtest du das Schwarze für weiß und das Weiße für schwarz. In Gewissenskonflikte gerietest du deswegen nicht. Warum auch? Alle taten es und keiner dachte darüber nach. Eine Alltäglichkeit war das, das Gängigste überhaupt: Es gehörte sich so.

Heuchlerisch, zynisch, ja, so warst du, auch du. In deinem Inneren freilich regte sich etwas, verborgen und zersetzend. Ohnmacht, eine unbestimmte Wut, vor allem jedoch die Gewissheit dem allgegenwärtigen Bösen, das jederzeit nach Gutdünken zuschlagen konnte, auf Gedeih und Verderb ausgeliefert zu sein – ohne Hoffnung, auf ewig. Deine Schule, deine Stadt, das ganze Land – eine zugeschnappte Falle, mit Wärtern und Wachen und Drill und Unterwerfung, ein Lager (ja, tatsächlich!), aus dem es kein Entkommen gab. So sah die Wirklichkeit wirklich aus. Heuchelei und Zynismus waren überlebensnotwendig, doch auf Dauer schwer durchzuhalten, der unterdrückte Hass wuchs von Jahr zu Jahr, das Gefühl zu ersticken – auch. So brav du auch warst, so gewissenhaft, wärst du geblieben, hätte ich schwarz für dich gesehen. Du hattest aber Glück, konntest ausreisen und noch dazu zum richtigen Zeitpunkt: alt genug, um das Gefängnis, dem du entkamst, nicht zu vergessen, jung genug und nicht allzu beschmutzt, um das Neue, dem du entgegengingst, dankbar aufzunehmen. Und dabei…

Ah, man kann es nicht genug wiederholen und unterstreichen (fett, ganz fett) und beteuern: Das Leben ist vielschichtig, ist widersprüchlich.

Und dabei würdest du lügen, wenn du sagtest, du wolltest damals gehen. Nein, du wolltest ganz und gar nicht. Alles hielt dich fest, rief dich zurück, Straßenecken, Geräusche, das Licht der Abenddämmerung, Freunde, die Liebe, ja selbst der Duft der gebackenen Auberginen, im Herbst, wenn er jedem offenen Fenster entströmte. Die Heimat, die liebliche… Sie zurückzulassen, das tat weh und du hast gelitten, lange hast du gelitten und dich zurückgewünscht. In jener Nacht der Abreise, der Zug saust durch die Dunkelheit und jede Sekunde, die vergeht, reißt dich fort, weiter, immer weiter, weg von allem doch Vertrauten, doch Geliebten, in jener Nacht ist dir ganz bang ums Herz und du fragst dich: Wie wird das wohl sein, in einem Jahr, in zweien, in zehnen?

Nun, sie sind vergangen, das erste, das zweite, selbst das zehnte, längst vergangen, ein stattliches Stück Leben liegt hinter dir, Wende eingeschlossen, genug zu überblicken also, jetzt kannst du es richtig einschätzen: das Ausmaß jenes Glücks.

Sie treffen sich oft. Du aber hast schlechte Angewohnheiten. Betrachtest dich eben tief im Spiegel. Und manchmal packt es dich und du setzt ihn auch anderen vor… Sie treffen sich also oft. Weil sie so gern schwärmen. Du gehst mit, hörst zu, wunderst dich. Worüber sprechen sie? Doch nicht über eure gemeinsam verbrachten Jahre?

Gern gingen wir zur Schule!

Komisch. Von dir könntest du das nicht behaupten. Hast du dich dort je wohl gefühlt? In den ersten Klassen, vielleicht, Lesen und Schreiben, das hat dir Spaß gemacht, weil du sie endlich beherrschen wolltest: die Schrift, die Sprache. Später – nur noch in den Pausen. Du warst am glücklichsten, wenn du krank zu Hause bleiben durftest: kein verhasstes Frühaufstehen mehr, keine überfüllten Busse, kein Gehorchen – endlich aufatmen, ausspannen, könnte ich nicht jeden Tag Fieber haben? Freilich auch, wenn du blau gemacht hast, um – ins Theater zu fliehen, zu den Proben, du warst eine Vollblutzuschauerin.

Unsere Lehrer waren unsere Vorbilder, sie haben uns geformt!

Dich nicht. Andere Entitäten wirkten auf dich. Eben das Zuhause mit seinem Gegenbild zur realexistierenden Norm. Eben das Theater mit seinen Innenräumen. Die Lehrer – wie hätten sie dir Vorbilder sein können? Schwangen sie nicht das Lineal auf offene Handflächen? Bestraften sie nicht durch Strammstehen, mit erhobenen Armen? Zogen sie nicht kräftig an Ohren und Schläfenhaar? Ohrfeigten sie nicht? Und was sie verlangten: sinnloses Auswendiglernen, plappert nach, plappert nach, so ist es brav, großer Gott, war das nicht zum – Kotzen? Stets lerntest du gegen deine Neigungen, gegen deine Interessen: das, was du nicht wolltest. Wozu, wozu? Diese Frage durchzog die Stunden. Und du türmtest Schulbücher um dich herum, um in ihrem Schatten das zu tun, wozu du Lust hattest. Nein, dir gab die Schule nichts. Der Stoff war schrecklich, die Unterrichtsmethoden furchtbar. Punktum. Und sie war auch kein sicherer Hafen, keine von der bösen, bösen Welt abgeschnittene Oase, in der wir so viele Freiheiten genossen. Viele Freiheiten sind keine – Freiheit.

Wisst ihr das denn nicht?

Sie zucken mit den Schultern. Eigentlich meint man, Unterdrückte sehnten nur sie herbei, schenk sie ihnen und sie greifen nach ihr, gierig, wie Verdurstende. Meinst du – mit deiner Not, mit deinem Durst.

Kann sie wahr sein, diese Fremdheit? Ah, gib nicht auf. Gib dir Mühe. Erkläre. Überzeuge. Das muss doch möglich sein! Wächst, unter geänderten Bedingungen, einst Getrenntes nicht freudig wieder zusammen? Klamotten und Autos, Reisen und Wellness, Laptops und Smartphones – in diesem Bereich hat es bestens geklappt, sie sind informiert, markenbewusst, luxusorientiert, ja, dich haben sie längst überflügelt.

Also?

Also tu eins nicht: Berühre nicht – das Wesentliche. Sonst könnte sie sich auftun, die unheimliche Kluft, die euch trennt. Nein, es ist durchaus nicht dasselbe, ob man frei oder geknechtet aufwächst. Die Vergangenheit klebt an der Haut wie ein Nessusgewand. Wer hat schon den Mut, die Kraft, die Größe, das Böse, das war, zu benennen und sich so davon loszusagen? Keiner.

Du willst nicht vergessen. Und sie wollen nicht erinnert werden. An das, was du nicht vergessen willst. So nimmt es seinen Lauf. Du streckst den Finger und drückst auf die eitrige Wunde. Die Zeit dafür ist überreif. Und dein Mund öffnet sich, du sprichst: Sie war Teil und Werkzeug des Systems, die großartige Schule, und die lieben Lehrer – Handlanger. Unser Denken haben sie kontrolliert und kastriert und tyrannisiert, tagtäglich ihren Indoktrinationsauftrag höchst akkurat erfüllt, auf dass wir aufwüchsen, angepasst, ergeben, perfekte Ja-Sager. Es ist aber allerschlimmste Tyrannei, die Menschen zu zwingen, anders zu denken, als sie wollen, und Gedanken auszusprechen, die nicht ihre eigenen sind.3Gehirnwäsche, Verformung, Rückgratkrümmung: Das war unsere Erziehung. Ein Verbrechen!

Sie schauen dich an, erstaunt. Dann schauen sie weg, verärgert: Was will die da, was stört sie uns und unsere so heile Welt? Wir freuen uns der Dinge, der Harmonie der Sphären, das Universum schaut auf uns herab und ist zufrieden… OMMM! Bewusstheit ist ein Fluch, ständiges Wühlen – schädlich, komm ihnen also nicht mit Aufklärung, Skeptizismus, Intellekt, Evolution, das sind Forderungen der Fremde, sagen sie, gestellt um uns zu vernichten, bringen Homoehen mit und Antirauchergesetze und Sicherheitsgurte, wir aber haben eigene Werte, eigene Traditionen, diese sind uns lieb und teuer, schenken Mut, Lebenskraft, Größe, uns… Und ihr Blick verklärt sich wieder: Gut war die Schule und liberal, einfach schön, unabhängig vom Drumherum.

Reine Idylle, nur etwas madig, durchlöchert, verdorben…

Ach was, keiner hat daran geglaubt, es war wie ein Spiel…

Ein Spiel, das jeden Augenblick böse enden konnte…

Wie Brüder waren wir, gingen durch dick und dünn…

Und doch erhoben sich damals eure Hände!

Du wirst aus dem Jugendverband ausgeschlossen.

Die Erinnerung daran ist mit den Jahren etwas verblasst. Du siehst dich in einem halbdunklen Raum ein bisschen abseits sitzen und lächeln, immerzu lächeln, als seist du neugierig auf das, was da kommen wird. Du weißt, es muss sein, die Prozedur will es so, also wirst du sie über dich ergehen lassen. Mulmig ist dir aber schon zumute. Deine Viper von Klassenlehrerin will sich profilieren. Du bist ihr willkommenes Racheobjekt, vom Himmel herabgefallen, um ein zornerfülltes Exempel zu statuieren: An den Pranger mit ihr, der Vaterlandsverräterin, die der gerechtesten Gesellschaftsordnung den Rücken kehren will. Wie leicht kann sie so die anderen abschrecken und einschwören – auf Einheit und Kampf gegen den gemeinsamen Feind. O ja, du bist ihr Mittel zum vielfachen Zweck. Du weißt nicht mehr genau, was sie sagt, ihr bleiches Gesicht hast du aber noch vor Augen, den finsteren Blick, die unheilvoll zusammengepressten Lippen.

Du sitzt also da, markierst Gelassenheit und zitterst innerlich. Zum Glück musst du nichts sagen, deine Rolle besteht lediglich darin, dich fertig machen zu lassen. Die anderen nimmst du nicht wirklich wahr, schweigende Schatten im Hintergrund. Doch du merkst: Die Stimmung ist gedrückt. Sie fühlen sich sicher auch nicht besonders wohl in ihrer Haut, ihre Rolle ist vielleicht noch undankbarer als deine, ja, manch einer sieht jetzt zum ersten Mal, wie der Weg der Niedertracht, den SIE so sorgfältig vorbereiten, sich vor ihm öffnet. (Das wird er dir Jahrzehnte später, sub rosa, eingestehen.) Der Klassensprecher ergreift das Wort. Normalerweise reißt er ständig Witze. Jetzt ist auch er bleich und ernst. Plötzlich horchst du aber auf. Er sagt etwas wie gute Schülerin. Kann das sein? Das ist doch – ein Lichtstrahl im Dunkeln! Offensichtlich will er auch die Prozedur so schnell wie möglich hinter sich bringen: Sie reist mit ihrer Familie aus, wir müssen sie ausschließen. Stimmen wir ab. Wer ist dafür? Wer? Na, das ist doch klar: Alle, die hier so schweigsam, bleich und ernst dasitzen. Zaghaft und verschämt – die einen, gleichgültig bis überzeugt – die anderen: Sie alle heben die Hand. Jene unsichtbare Macht, die Preda schon seit geraumer Zeit beschrieben hat4, zieht sie langsam, ganz langsam nach oben, unmöglich, sich ihr zu widersetzen, man hängt an ihr wie an eisernen Fäden, ist ihr ausgeliefert: eine Marionette. So tut man, was verlangt wird. Immer.

Du kannst dich glücklich schätzen, am Pranger zu stehen. Deine Hand läuft nicht Gefahr in die Höhe gezogen zu werden. Und auch sonst droht dir nichts Böses, keine düstere Zukunft, keine Verhaftung, keine Verurteilung, ganz im Gegenteil, dieser Ausschluss ist der erste Schritt auf den Weg zu deiner Befreiung.

Den zweiten tust du jedoch selbst.

Politische Information. Will heißen: Propagandastunde. Die Klassenlehrerin betreibt sie mit größter Inbrunst. Nun, du hast es dir ganz genau überlegt. Du wartest bis sie reinkommt und sich setzt. Dann packst du, lässig, deine Sachen, stehst auf und gehst in Richtung Tür. Hinter dir ertönt die schrille Stimme: Was soll das? Wo gehst du hin? Du drehst dich um. Unschuldig: Ich bin ja ausgeschlossen, muss nicht mehr bleiben… Du kannst aber bleiben… Ich will aber nicht!

Die Tür fällt hinter dir ins Schloss.

Was für ein Hochgefühl! Was für eine Genugtuung! Du könntest Freudensprünge vollführen, jauchzen, fliegen: Ich will nicht! Ich will nicht! So schmeckt sie, die Freiheit, so fühlt sie sich an. Und sie liegt vor dir, ist – deine Zukunft, du wirst sie erkunden und lernen. Dass Nein-Sagen ein Recht und manchmal gar eine Pflicht ist. Dass Freiheit Selbstbewusstsein bedeutet, aufrechter Gang, erhobenes Haupt. Wahrlich, es wird dir, In-den-Staub-Kriecher, nicht auf Anhieb gelingen, du wirst üben müssen, Mut fassen, vertrauen, dein bisheriges Leben, deine Konditionierung: Das gebeugte Haupt schlägt das Schwert nicht ab – also ducke dich, ducke dich! überwinden und begreifen: dass SIE keine Macht mehr über dich haben…

Böse bist du, einfach böse. Das sagen ihre guten Blicke. Wie kannst du, Schlechtmacherin, ihnen vorwerfen, dass sie damals, als Jugendliche, gegen das System nicht aufbegehrten? Das ist erbärmlich und beweist dein Trauma, wogegen wir alle nichts können. Damit wollen sie dich treffen. Und diskreditieren. Trauma bedeutet ihnen: Gebrechen, für das nur du verantwortlich bist, du, überempfindliches, verschrobenes Sensibelchen, das die eigene Vergangenheit nicht im Griff hat und sichin bösester Absicht auf Lügenmärchen versteift. Nein, was du erlebt hast, war ganz und gar nicht so! Und voller Stolz fahren sie fort, dielegendäre Solidarität, die sie seit jeher eint, zu lobpreisen.

Du aber hast dich entschieden: Es ist aus, vorbei, ich ziehe es durch, komme, was wolle. Also holst du tief Luft: Bonzenschule, sagst du und dein Lächeln ist voller Verachtung, Bonzenschule, und in deiner Stimme schrillt unverkennbar Ekel, verdammteBonzenschule, und der Ärger weicht dem Triumph.

Ihre Augen mutieren zu schmalen, funkelnden Schlitzen, Wildkatzen stehen vor dir, zum Angriff bereit, gleich springen sie dich an, nehmen dich auseinander, zerfleischen dich, großer Gott, wenn du an ihn glaubst, flehe jetzt um seine Hilfe! Dein Schlag trifft zielgenau, sie wissen, was du meinst: jene Eltern und ihre Pöstchen, früher: gut, sehr gut, ausgezeichnet. Manche saßen ganz oben, in der ersten Riege. Nun ja, wer so hoch aufgestiegen ist, wünscht für seine Sprösslinge immer nur das Allerfeinste, London, Paris, die Schweiz – damals, aus Gründen, unerreichbar, nehmen wir also vorlieb mit dem, was wir haben, Genossen, diese Minderheitenschule, sehr gut, schicken wir sie dahin, dann lernen sie eine Fremdsprache! Ist das nicht komisch? Die Alten betreiben, grimmig, den Aufbau des Sozialismus, ihre Jungen aber tragen, ganz dialektisch, Levis, rauchen Kent und hören Rock.

---ENDE DER LESEPROBE---