Linos Instinkt - Dorothee Fesel - E-Book

Linos Instinkt E-Book

Dorothee Fesel

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Beschreibung

Über Wasser fängt das Leben erst richtig an - das denken Eintagsfliegenlarve Lino und seine Freunde. So verbringen sie ihre Zeit unter Wasser mit ungeduldigem Warten und den größten Erwartungen an ihre Zukunft als Fliege. Als Lino nach drei Jahren endlich in die faszinierende Überwasser-Welt kommt, wird ihm jedoch schnell klar, dass er dort nur einen Tag zu leben hat. Es sei denn, er kämpft gegen seinen Instinkt an und paart sich nicht mit einem der verlockenden Eintagsfliegen-Mädchen. Das klappt gut - bis er sich verliebt. "Lino`s Instinkt" ist eine spannende Geschichte über das Warten und Träumen, das Erwachsenwerden, den Kreislauf des Lebens und die Akzeptanz des Todes. Diese ernsten Themen werden locker und humorvoll aus Sicht der Eintagsfliege Lino als aufregendes Abenteuer erzählt. Zum Vorlesen und Selberlesen für Kinder zwischen 5 und 10 Jahren.

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Seitenzahl: 86

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Dorothee Fesel

Linos Instinkt

Aus dem gar nicht so kurzen Leben einer Eintagsfliege

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Warten

Gustav, Carla, Ludwig

Strichebündel

Anfang und Ende

Schauerregen

Ungeduld

Wo ist Ludwig?

Drei Jahre Eintagsfliege

Forellenalarm

Oben

Der große Ball

Marla

Die Liste

Der Siebenpunkt-Marienkäfer

Der Ameisenstamm

Die Seerosen-Tänzer

Forellen im Eimer

Die Anti-Instinkt-Aktion

Traumprinzen

Das gelbe Meer

Die Spinne

Das Wunder

Tanzen!

Impressum neobooks

Warten

Ich warte.

Ich liege auf dem Rücken und warte.

Ich liege auf dem Rücken am Grunde des Baches im Schlick und warte. Den ganzen Tag.

Meistens kaue ich auf einem Algenhalm herum, blöde Angewohnheit von mir. Wohl Nervosität. Meinen Blick habe ich auf die Wasseroberfläche gerichtet. Ich versuche heraus zu finden, was sich darüber befindet. Aber ich sehe nur verschwommene Farben, je nach Wetter: Weiß, grau, blau; grauweiß, blaugrau, hellblau. Sonst nichts. Keine Ahnung, was da oben, über der Wasseroberfläche, ist. Keinen blassen Schimmer. Aber ich werde es wissen, eines Tages. Eines Tages hat das Warten ein Ende. Bestimmt.

Ich bin übrigens Lino. Und um meine Situation zu erklären: Ich bin eine Eintagsfliege. Also, eigentlich noch nicht. Noch nicht ganz. Ich habe ja noch keine Flügel. Noch bin ich im sogenannten Larvenstadium. Aber vierzehnmal gehäutet habe ich mich bereits.

Wann ich eine richtige Eintagsfliege werde, so richtig mit außerhalb des Wassers herumfliegen und so, das weiß ich nicht. Würde ich natürlich gerne wissen. Weiß ich aber nicht. Weiß niemand. Kann jeden Tag passieren. Denke ich. Hoffe ich. Und deshalb verbringe ich meine Zeit damit, darauf zu warten, dass ich endlich raus aus dem Wasser komme und fliegen kann. Hier unten auf dem Grund des Baches gleicht ein Tag dem anderen. Schlafen, essen, träumen. Schlafen, essen, träumen. Ab und zu häuten wir uns. Klingt öde? Isses auch. Wovon wir Eintagsfliegen-Larven träumen? Na, von der Welt über der Wasseroberfläche. Wir kennen ja nichts davon außer hell und dunkel, außer weiß, grau, blau. Aber wir reden von nichts anderem. Wir reden jeden Tag von nichts anderem als davon, wie es sein wird da oben, wie es aussehen könnte jenseits der Wasseroberfläche und was wir machen werden, wenn wir oben sind.

Hä, Moment mal. Was ist denn jetzt los? Ähm, geht`s noch?

Da schiebt sich doch tatsächlich ein Schwarm von irgendwas in mein Blickfeld. Ich seh gar nichts mehr von der Wasseroberfläche vor lauter Gewusel!

„Hey, weg da! Ihr versperrt mir die Sicht“, rufe ich, so laut ich kann. Ich stehe auf, und verschränke demonstrativ alle sechs Ärmchen vor der Brust. Der Algenhalm fällt mir aus dem Mund. Jetzt löst sich einer aus dem Schwarm und paddelt ein Stück auf mich zu. „Mach dich locker, Kleiner“, sagt er. „Wir müssen nur kurz warten, bis die langsamen Kaulis auch hinterher gekommen sind!“

Ach, Kaulquappen. Das sieht denen ähnlich. Riesenschwarm aber keine Organisation dahinter. Ich sehe das trotzdem gar nicht ein. „Ist ja wirklich sehr kameradschaftlich von euch, aber HIER wird bestimmt nicht gewartet!“, erkläre ich der Kaulquappe sauer. Sie schaut mich an, schaut zur Wasseroberfläche, dann zieht sie verständnislos die Augenbrauen zusammen. „Was gibt`s n da oben so Spannendes zu sehen?“, fragt sie. Ich verdrehe die Augen. „Das verstehst du nicht, Kaulquappe! Ich werde mal da oben sein! Ich! Da oben, über der Wasseroberfläche! Als Fliege! Mit Flügeln und Rumfliegen und so!“, erkläre ich. „Aha“, sagt die Kaulquappe nur. „Und wann soll das sein?!“. Ich zögere. „Na, irgendwann. Weiß ich doch nicht genau. Keiner weiß das!“, verteidige ich mich und versuche, nicht unsicher zu wirken.

Die Kaulquappe schaut mich prüfend an. „Ich bin der Hubertus“, erklärt sie schließlich. „Lino“, sage ich. Hubertus räuspert sich jetzt: „Gut, Lino, ehrlich gesagt, das bringt mich hier jetzt philosophisch und kulinarisch nicht weiter. Aber wenn`s dir so wichtig ist, bitte.“ Hubertus paddelt wieder ein Stück hoch zu seinem Kaulquappenschwarm und ruft: „Okay, Leute, weiter geht`s! Schwingt die Flossen! Let`s roll!“ Der Schwarm setzt sich langsam aber sicher in Bewegung. Ich grinse zufrieden. „Na dann“, sagt Hubertus, „viel Spaß noch beim Weiterträumen!“

Gustav, Carla, Ludwig

Da kommt Gustav. Ich sehe schon, er ist ziemlich aufgeregt, so zappelig wie der sich fortbewegt. Jetzt schwimmt er in Kreisen um mich herum und plappert in einer Tour vor sich hin: „Heute ist es soweit, ich spüre es im dritten Hinterleibsfaden. Heute ist der Tag welcher!“

Ich verdrehe die Augen: „Mann, Gustav, das hast du gestern schon gesagt, und vorgestern, und vorvorgestern und vorvorvorgestern…“

Gustav hält in seiner Bewegung inne und versucht, mit seinen sechs kleinen Ärmchen eine große Geste an zu deuten: „Ja, aber heute bin ich mir gaaaanz sicher!“

Das beeindruckt mich wenig. Ich erkläre ihm: „Du warst dir auch gestern schon gaaanz sicher!“ Gustav sieht mich an und verschränkt alle sechs Ärmchen vor seiner Brust: „Ach, Lino, was interessiert mich mein Geschwätz von gestern?!“

Hinter Gustav kichert es. Seine Schwester Carla tritt hervor. Ich habe gar nicht gesehen, dass sie auch dabei ist. „Haste gehört, dein Bruder spürt wieder was im dritten Hinterleibsfaden“, lache ich. Carla schaut hoch zur Wasseroberfläche mit ihren großen verträumten Facettenaugen. Dabei summt sie leise vor sich hin: „Que sera sera…“ Sie holt ihren Schminkspiegel heraus und checkt ihr Make up. Sie will vorbereitet sein, wenn es soweit ist. Und, wie gesagt, man weiß einfach nie, wann es soweit sein wird. Carla seufzt: Hoffentlich ist heute nicht der Tag welcher. Ich seh total verknittert aus. Was soll mein Traumprinz über der Wasseroberfläche denn sagen, wenn er mich so sieht?“ Ich verdrehe die Augen. Carlas Vorstellung vom Traumprinzen über Wasser nervt. „Meinst du nicht, dein Traumprinz könnte auch hier unter Wasser sein?“, frage ich und lege mich demonstrativ cool auf die Seite. Aber Carla schaut schon wieder zur Wasseroberfläche und summt „Whatever will be, will be…“ Ich wünschte, ich könnte Carlas Traumprinz sein. Carla ist das schönste Eintagsfliegen-Larvenmädchen, das ich bis jetzt gesehen habe. „The future`s not ours to see“, singt sie. Und jemand stimmt tief mit ein: “Que sera sera, die Zukunft kann mich ma!”

Das ist Ludwig. Fast hätte ich ihn nicht erkannt, denn er hat sich mal wieder gehäutet. Bestimmt schon zum zwanzigsten Mal. Kein Wunder, dass er viel größer ist als ich. Ludwig hat aber auch eine besonders ausgeprägte Stromlinienform und drei gigantische Hinterleibsfäden. Er ist ein Prachtexemplar von einer Eintagsfliegen-Larve. Und ich bin sicher, Carla hätte ihn schon das ein oder andere Mal küssen wollen, wäre da nicht ihre romantische Vorstellung vom Traumprinzen über Wasser. „Tach, Leute. Na, alles fit?“ Mit diesen Worten lässt Ludwig sich neben mich auf den Grund des Baches fallen und jongliert mehrere kleine Steinchen zwischen seinen sechs Ärmchen hin und her, während er zur Wasseroberfläche schaut.

„Wenn wir da oben sind, dann fängt das Leben richtig an! Dann geh`s los!“ Gustav ist aufgeregt und kratzt sich mit seinen sechs Ärmchen überall am Körper. Immer, wenn er sich ausmalt, dass es wirklich nicht mehr lange dauern könnte, bis wir an die Oberfläche kommen, dann juckt es ihn überall und er rennt wild in der Gegend herum. Den ganzen Schlamm wirbelt er auf. Die Sicht zur Wasseroberfläche wird trübe. Diesmal ist Gustav so aufgeregt, dass er unter sich lässt. „Ihhh“, macht Carla und sieht ihren Bruder vorwurfsvoll an, mit ihren großen Facettenaugen, die sich aber sofort wieder an die Wasseroberfläche heften. „Gustav, bleib mal cool jetzt“, sagt Ludwig. „Passiert doch eh wieder nix Richtung Wasseroberfläche heute.“ Er beginnt, Gustav mit den kleinen Steinchen zu bewerfen. Gustav ist einsichtig, schiebt etwas Dreck zur Seite und setzt sich neben Ludwig auf den Grund. Ludwig jongliert jetzt wieder in einem irren Tempo die Steinchen herum. „Blöder Angeber“, sagt Gustav beleidigt.

Carla dreht sich jetzt in einer Art Pirouette um sich selbst und wirbelt dabei ebenfalls Sand auf, so dass sie fast nicht mehr zu sehen ist. „Da wird ein riesiger Ball stattfinden, da oben, ein großes Fest“, singt sie dabei, „Wir werden feiern und tanzen und leben!“ Erschöpft lässt sie sich neben mich auf den Grund fallen. Ihre Hinterleibsfäden streifen meine Ärmchen. Den Blick wendet Carla dabei nicht von der Wasseroberfläche ab.

Strichebündel

Gustav hat von Anfang an mitgezählt. Naja, jedenfalls, seitdem er denken und zählen kann. Jeden Tag malt er mit seinem mittleren Hinterleibsfaden einen Strich auf den Grund des Baches. Nach vier Strichen zieht er einen Strich quer durch die vier Striche durch. Auf dem Grund reiht sich ein Fünf-Striche-Bündel an das nächste. Einen Großteil des Tages verbringt Gustav mit der Überwachung dieser Striche-Bündel, die angeblich die genaue Zeit dokumentieren, die er jetzt schon wartet. Und das seien summa summarum 763 Tage. „Und wenn man das Vergehen der Jahreszeiten berücksichtigt, dann sind das mehr als zwei Jahre.“, erklärt Gustav.

Zwei Jahre? Wir staunen. „So lange hängen wir hier jetzt schon rum? Wieso das denn?“ erbost Ludwig sich und Carla schabt nervös mit ihren Hinterleibsfäden im Sand. „Keine Ahnung“, sage ich, um das allgemeine Schweigen zu brechen. „Keine Ahnung, Leute!“

Ob Gustavs Rechnung stimmt, weiß niemand so ganz genau. Denn durch die starke Strömug oder sich einbuddelnde Fische wird der ein oder andere Strich oft verwischt. Und als ich einmal nachgezählt habe, da bin ich nur auf 612 Striche gekommen. Worauf Gustav laut lachte und sagte: „Wenn man nicht zählen kann, dann soll man es lassen!“ Dabei bin ich ein guter Zähler und mir sicher, dass ich mich nicht verzählt habe. Was bringt die Zählerei überhaupt, wenn wir nicht wissen, wie lang wir zu warten haben? „Das ist für die Nachwelt, für unsere Kinder“ erklärt Gustav, „Damit die Eintagsfliegenlarven, die nach uns kommen, wenigstens wissen, wie lange sie warten müssen!“

Klingt fair, finde ich. Ludwig schüttelt nur den Kopf: „Zeitverschwendung“, erklärt er. „Warum sollen unsere Kinder es besser haben als wir? Oder anders: Bis aufs Warten ist es hier doch gar nicht so schlecht!“ Er kämmt seine Hinterleibsfäden mit den Ärmchen, während er zur Wasseroberfläche schaut. Carla lunst zu ihm rüber. Gustav ist genervt: „Du bist n unverbesserlicher Egoist, Ludwig“, erklärt er. Und zählt seine Striche von vorne durch.

Anfang und Ende