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"Tim stand auf. Er blickte auf das Meer. (...) Zwar ging die Sonne gerade unter, zwar war es nur logisch, dass sein Schatten länger wurde, aber einen so langen Schatten hatte er bei sich selbst noch nie gesehen, nicht einmal im Winter. (...) Er blickte an sich herunter: Wie lang seine Beine auf einmal waren! Und seine Arme! Muskulös und behaart wie bei einem erwachsenen Mann, nicht wie bei einem Zehnjährigen! Er strich sich mit der linken Hand über das Kinn und erstarrte mitten in der Bewegung: Bartstoppeln! Er konnte nicht mehr zehn Jahre alt sein, er musste bereits erwachsen sein! (...) Was zum Teufel hatte das alles bloß zu bedeuten? War er vielleicht verrückt geworden und bildete sich das alles nur ein? Warum hatte er dann den Teco-Sender noch immer in seiner rechten Hand? Wie winzig und zerbrechlich das Spielzeug plötzlich in seiner Männerhand aussah!" Tim Timpe alias Linus Tinte hat nur einen einzigen Wunsch zu seinem zehnten Geburtstag: die Zeit-Raum-Maschine von Teco. Als sein Wunsch endlich in Erfüllung geht, ahnt Tim nicht, dass ihm damit das größte Abenteuer seines Lebens bevorsteht, denn die Maschine erwacht urplötzlich zum Leben. Als Tim dann auch noch in die "andere Welt" verschwindet, interessieren sich nicht nur seine drei Erzfeinde für die Maschine, sondern auch die Polizei...
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Seitenzahl: 426
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Diese Welt
Tim Timpe: er geht in die Klasse 4c; liest gerne; hat kein Handy und keine Playstation; spielt gerne mit Tecos; sein größter Wunsch zu seinem 10. Geburtstag, die Zeit-Raum-Maschine von Teco, führt zu dramatischen Ereignissen …
Sophie Timpe: ist Tims sechsjährige Schwester; sie geht in die Klasse 1b derselben Grundschule wie Tim; ein aufgewecktes und manchmal etwas vorwitziges und freches Mädchen; ihre Taschenlampe löst eine Katastrophe aus …
Sarah und Rudi Timpe: sind Tims und Sophies Eltern (39 und 43 Jahre alt); sie arbeiten beide und haben daher nicht sehr viel Zeit für ihre Kinder; legen Wert auf pädagogisch wertvolles Spielzeug …
Jonathan Fitz: ist Tims bester Freund; 10 Jahre, geht in dieselbe Klasse wie Tim; spielt gerne mit Tecos; ist sehr sportlich und ziemlich groß und Tims einzige echte Unterstützung gegen Justin, Devlin und Sascha …
Justin Piper, Devlin Schmitz und Sascha Tüter: sind nervige Klassenkameraden von Tim und Jonathan, die keine Gelegenheit auslassen, Tim zu ärgern; die drei sind nicht gerade die hellsten Kerzen auf dem Weihnachtsbaum …
Frau Dieke: ist eine beleibte, aber bei den Kindern beliebte Verkäuferin in dem Bäckerladen gegenüber der Grundschule; sie hat das Herz am rechten Fleck und eine Art siebten Sinn für aufkommenden Ärger …
Heinrich Lupe: ist Hauptkommissar; er bekommt den Auftrag, den verschwundenen Tim zu suchen …
Frau Wischmeyer: ist die Haushaltshilfe im Haus Timpe; ihr Staubsauger verursacht einen Tornado …
Herr Lathe-Mariato: ist der Klassenlehrer der 4c; wird von seinen Schülern insgeheim aber nur Herr „Latte Macchiato“ genannt; er ist sehr lieb, aber manchmal reißt selbst ihm bei Tim der Geduldsfaden …
Herr Grimme: ist der Rektor der Grundschule; gilt als sehr streng; mit ihm ist nicht gut Kirschen essen, wenn man etwas ausgefressen hat und es nicht sofort zugibt; erwischt Justin, Devlin und Sascha auf dem Jungenklo …
Herr Renner: ist Tims und Jonathans Sportlehrer; nimmt es mit der Aufsichtspflicht nicht so genau; bei Jonathans Trampolinunfall ist er trotz seines dicken Bauches schnell zur Stelle …
Frau Libretti: sie betreut die Schulbücherei; gilt als sehr streng, weil sie niemanden ohne gültigen Ausweis in die Bücherei hineinlässt; unter ihrer Aufsicht können sich Tim und Jonathan in so mancher Pause hinter einem großen Buch verstecken …
Frau Tippel: ist die Sekretärin an Tims und Sophies Grundschule; ist sehr nett und lässt auch schon mal ein Kind telefonieren, auch wenn es nicht um einen Notfall geht …
Anton: ist der Chef der Wetterstation, später zum der Chef der A.S.P.B.Z. befördert; bester Freund von Linus Tinte in Grobito …
Banditin Greyi: ist eine geflohene Banditin; sie lebt von der Beute ihrer Raubzüge, wartet auf die Polizei und hat den entscheidenden Rettungsplan …
Draco Atton: ist Arzt in der nach dem ersten Tornado gebauten Arztpraxis mit Krankenstation; hilft dabei, Willi zu befreien …
Draco Edgecomb: er lebt in seinem Lkw mit gelber Fahrerkabine; betreibt eine Art Lieferservice (außer Nahrungsmitteln und Kleidung); er hat darüber hinaus noch einen eigenen Klopapierladen, wo man Klopapier in fast allen Farben kaufen kann …
Herbert: er nach zwei schweren Naturkatastrophen an den Rollstuhl gefesselt; wegen ihm gründet Linus Tinte die T.Ü.Z. und die A.S.P.B.Z.; hat einen großen Auftritt in der Höhle …
Hermine: ist auffallend hübsch; verheiratet mit Reddy; stellvertretende A.S.P.B.Z.-Chefin zusammen mit Reddy; fährt ein eigenes, ganz weißes Zahnradauto …
Jonas: ist ursprünglich der Auszubildende im Tower bei Willi; wird nach Willis Wechsel in die T.Ü.Z. Leiter des Towers …
Linus Tinte alias Tim Timpe; er gründet die T.Ü.Z. (= Tornado-Überwachungszentrale) und die A.S.P.B.Z. (= Asteroiden-, Sternen- und Planeten-Beobachtungszentrale); eine wichtige Persönlichkeit in Grobito …
Niklas: er wird zum Krankenpfleger in der neu errichteten Arztpraxis mit Krankenstation umgeschult; ist verfressen, aber trotzdem nicht dick …
Reddy: ist ein rothaariger Computerspezialist in der A.S.P.B.Z.; ist sehr nett, hilfsbereit, freundlich und fast immer gut gelaunt; verheiratet mit Hermine …
Willi: er leitet die T.Ü.Z.; verrät unfreiwillig Linus Tintes Aufenthaltsort in Grobito …
Zusätzliche Personen: Grimmoto, Grilo, Fritz, Anne, Ben, Harry, Hermann, Justin, Hautfarbgesicht und Daisy (ein Mann): sie sind weitere Bewohnerinnen und Bewohner von Grobito; mit unterschiedlichen Berufen
Erster Teil: Der 10. Geburtstag
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Zweiter Teil: Die andere Welt
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Dritter Teil: Die Flucht
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Vierter Teil: Die Höhle
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Glossar
Es klingelte. Tim schnappte sich seine Sachen und flitzte aus dem Klassenraum, hastete die Treppe zum Ausgang hinunter, umkurvte zwei Erstklässlerinnen und spurtete über den Schulhof zum Ausgang. Ohne richtig auf den Verkehr zu achten, rannte er über die Straße, lief auf den Bäckerladen zu und riss die Tür auf.
„Hoppla! Du hast es heute aber wieder mal eilig, Tim!
Was darf’s denn sein?“ Doch Tim antwortete nicht.
Stattdessen huschte er zu der Verkäuferin hinter die Verkaufstheke. Mit einem flehenden Gesichtsausdruck duckte er sich so, dass er von draußen durch die Schaufenster nicht mehr zu sehen war.
„Bitte!“ Mehr brachte er nicht heraus.
Frau Dieke wollte gerade zu einer Frage ansetzen, als die Tür erneut aufgerissen wurde, drei Jungen hereinstürmten, abstoppten und sich ratlos umblickten.
„Er ist nicht hier, Devlin! Hab ich’s nicht gesagt?“
„Mann, Justin, ich hab’ genau gesehen, dass er geradewegs über die Straße gerannt ist! Wohin soll er denn sonst sein? Echt jetzt! Hast du denn nichts gesehen, Sascha?“
„Nee, wegen dem Lieferwagen, der hat mir die Sicht versperrt!“
Wieder blickten sich die drei Jungen ratlos um.
Die kurze Pause, die dabei entstand, nutzte Frau Dieke sofort.
„Na, Jungs! Was soll’s denn sein? Wir haben Berliner im Angebot. Drei Stück für einen Euro! Ein Super-Sonderangebot! Weil doch Karneval ist!“ Sie strahlte die drei Jungen mit einem breiten Lächeln an, wobei die Breite des Lächelns nicht nur an ihrer Herzlichkeit lag, sondern auch daran, dass sie ziemlich dick war. Nicht umsonst nannten sie viele Kinder der gegenüberliegenden Grundschule „Frau Dicke“ oder sprachen nur von der „Frau Dickfrau“. Dabei mochten sie Frau Dieke eigentlich sehr gern.
„Äh, ja, also…“, stotterte der Junge, der mit Devlin angesprochen worden war. „Sie haben nicht zufällig einen Jungen hereinkommen sehen? Mit dunkelbraunen Haaren?“
„Nein“, log Frau Dieke mit einem noch breiteren Lächeln. „Warum sucht ihr ihn denn?“
„Och, nur so, er hat …“
„…was verloren!“, schaltete sich der Junge ein, den sie Justin genannt hatten.
„Genau, seine Karnevalsmaske“, ergänzte Sascha. „Die wollten wir ihm zurückgeben.“
Frau Dieke strahlte noch breiter, was eigentlich kaum noch möglich war.
„Das ist ja mächtig nett von euch! Also, wie sieht’s aus?
Drei Berliner für euch?“
„Na gut“, antwortete Justin. „Hat einer von euch noch `nen Euro?“
„Wenn’s sein muss.“ Sascha kramte in seiner Hosentasche, zog eine Münze hervor und legte sie auf die Ladentheke. „Bitte!“
„Danke, mein Lieber“, flötete Frau Dieke mit ihrem allerbreitesten Lächeln und ihrer zuckersüßesten Verkäuferinnenstimme.
Dann drehte sie sich um und nahm mit einer Gebäckzange drei dicke Berliner aus einem kleinen Korb, der etwas abseits stand.
„Die wollt ihr doch sicher sofort essen, oder?“, fragte sie und drückte den drei Jungen die Berliner in die Hand, ohne auf eine Antwort zu warten.
„Dann macht’s mal gut und viel Erfolg noch bei eurer Suche!“
„Danke“, nuschelten die drei Jungen und verließen den Laden.
„Die Luft ist rein, Tim! Du kannst wieder aufstehen. Aber vorsichtig, ja?“
„Danke, Frau Dieke! Sie haben mir das Leben gerettet.
Diese Typen wollten mich…“
„Pssst!“, unterbrach ihn die Verkäuferin. „Das solltest du dir nicht entgehen lassen! Schau mal vorsichtig nach draußen!“
Tim lugte über die Ladentheke. Sein Blick fiel auf Justin, Devlin und Sascha, die gerade ihren Mund offenbar so weit öffneten, wie sie konnten, um sich den Berliner ganz in den Mund zu zwängen. Mit übervollem Mund versuchten sie zu grinsen, dann kauten sie eine Weile, erstarrten plötzlich, rissen ihre Augen weit auf und verzerrten ihre Gesichter zu einer offenkundig schmerzverzerrten Grimasse.
„Gleich passiert’s“, grinste Frau Dieke. „Spätestens bei drei! Eins, zw…“ Sie war noch nicht ganz bei zwei angekommen, als die Jungen auch schon versuchten, ihre Berliner in den Rinnstein zu spucken. Dabei fuhrwerkten sie hektisch mit ihren Fingern in ihren Mündern herum, um die Reste herauszuholen. Sascha weinte sogar vor Schmerz.
„Was zum…“, hauchte er und blickte fragend zu Frau Dieke auf.
„Kopf runter!“, zischte sie, ihr rundes Gesicht immer noch von einem breiten Lächeln überzogen. Dann winkte sie den drei Jungen freudig zu, die gerade wütend in ihre Richtung blickten, und sagte laut: „Extra scharfer Senf! Statt Marmelade! Weil doch Karneval ist!“
Tim wartete noch einige Minuten, bis er sicher war, dass die drei Quälgeister Justin, Devlin und Sascha wirklich verschwunden waren.
Dann bedankte er sich bei Frau Dieke, die freundlich abwinkte: „Gern geschehen, mein Junge! Hier, nimm noch einen Berliner mit!“
Tim schaute unsicher auf den Berliner in ihrer Hand.
„Aber der ist doch hoffentlich…“
„…mit Marmelade! Natürlich!“
Tim atmete durch, dann winkte er noch einmal kurz zum Abschied und verließ den Bäckerladen.
Während er seinen Berliner essend nach Hause ging, musste er wieder über den heutigen Vormittag nachdenken. Ein richtiger Misttag! Nicht nur wegen Justin, Devlin und Sascha. Das war nur die eine Sache!
Die drei gingen wie er in die Klasse 4 c, die Klasse von Herrn Lathe-Mariato. Er kannte sie im Prinzip schon seit der Spielgruppe und dem Kindergarten. Damals waren sie zwar nicht in seiner Gruppe gewesen, hatten ihn aber vom ersten Tag an getriezt. Bei der Einschulung hatte er noch gehofft, sie kämen in eine andere Klasse, aber diese Hoffnung hatte sich schnell zerschlagen, als die Erstklässler bei der Einschulungsfeier namentlich aufgerufen worden waren, um sich hinter ihrem Klassenlehrer aufzustellen.
Tim wusste, warum sie ihn triezten und ärgerten. Er war zwar recht groß für seine neun Jahre, aber nicht wirklich sportlich – im Gegensatz zu Justin, Devlin und Sascha.
Die bekamen bei den Bundesjugendspielen immer eine Ehrenurkunde, nicht wie er, der froh war, wenn er überhaupt eine Siegerurkunde bekam. Und das war natürlich total uncool. Sascha, Justin und Devlin hielten sich selber für die Tollsten in der Klasse. Jonathan, Tims bester Freund, der Gott sei Dank auch in seine Klasse ging und sein einziger Lichtblick war, sagte immer, die drei seien so cool, dass sie einen Liter heiße Hühnerbrühe trinken und trotzdem Eiswürfel pinkeln könnten.
Und natürlich hatten sie auch tolle Smartphones, Tablets, die neueste Spielekonsole, und sie konnten seit dem Ende des ersten Halbjahres der dritten Klasse sehr leichte Sätze einigermaßen flüssig lesen. Tim dagegen hatte … kein Smartphone, er besaß nicht mal ein uraltes abgelegtes Tastenhandy von seinen Eltern. Außerdem hatte er natürlich weder ein Tablet noch eine Spielekonsole.
Das lag aber nicht nur daran, dass seine Eltern das alles für „pädagogisch überhaupt nicht sinnvoll“ hielten, sondern dass Tim auch gar kein Interesse daran hatte. Er war nicht gerade ein Bücherwurm, der sich in seinem Kinderzimmer versteckte und ein Sachbuch nach dem anderen las. Er spielte gerne mit Jonathan oder sogar mit seiner kleinen Schwester Sophie (wenn er die auch meist zickig fand) und baute leidenschaftlich gerne und ausdauernd mit Teco-Bausteinen. Sein Schulfüller schmierte etwas beim Schreiben, so dass er häufig schwarze oder blaue Tinte an den Fingern hatte. Daher hatten die drei Ekelpakete Justin, Devlin und Sascha sich auch einen Spitznamen für ihn ausgedacht: „Linus Tinte“. „Tinte“ wegen seiner ständig verschmierten Finger und „Linus“ wegen des gleichnamigen kleinen Jungen von den Peanuts aus dem Fernsehen, der immer mit seiner Schmusedecke umherzog – eine besonders fiese Anspielung darauf, dass Tim in ihren Augen eben nicht cool war. Und das wurmte Tim gewaltig. Denn wenn er ehrlich zu sich selber war, musste er zugebe, dass sie Recht hatten: Er war eher unsportlich. Ihm fehlte auch kein Smartphone, ihm fehlte es schlicht und ergreifend an Mut und Coolness. Und nach den heutigen Senf-Berlinern war morgen garantiert mit noch größerem Ärger zu rechnen! Die drei würden sich mit Sicherheit rächen wollen, auch wenn Tim überhaupt nichts dafür konnte.
Die zweite Sache, die den Tag zu einem echt ätzenden Tag gemacht hatte, war an diesem Morgen noch vor der Schule beim Frühstück passiert. Dabei war es wieder einmal um seinen Geburtstag und seine Wünsche gegangen.
Tim wünschte sich schon seit Monaten eine total tolle Zeit-Raum-Maschine aus der neuesten Teco-Serie „Time Shifters“. Damit könnte man im Spiel in andere Zeiten und andere Räume und wieder zurück reisen, rasend schnell natürlich, vorausgesetzt, man hatte den nötigen Sender bei sich. (Tim hatte das alles ausführlich im aktuellen Spielzeugkatalog von Teco recherchiert.)
„Nein, Tim!“ Seine Mutter hatte gerade ihre Teetasse an die Lippen geführt und jetzt sichtlich genervt wieder abgesetzt. „Zum allerletzten Mal. So etwas kaufen wir nicht. Das ist…“
„…pädagogisch nicht sinnvoll!“
„Du sollst mich nicht nachäffen!“
Da hatte er den Kopf gesenkt und auf seinen Erdbeermarmeladentoast gestarrt, damit seine Mutter die Wuttränen in seinen Augen nicht sah.
„Genau, mein Junge“, hatte sich sein Vater hinter seiner aufgeschlagenen Zeitung eingeschaltet. „Das musst du dir halt von jemand anderem wünschen!“
„Und von wem? Oma Trudi und Opa Willi haben schon das Fahrrad übernommen! Von den anderen bekomme ich eh nichts! Und ich habe nicht genug Taschengeld, um mir die Maschine selbst zu kaufen! Ich kriege ja kaum was von euch!“
„Jetzt sei mal nicht so frech, Timmi!“, hatte seine Mutter gesagt. „Wenn du dein ganzes Geld in der letzten Zeit nicht ständig für irgendwelche Teco-Sachen ausgegeben hättest … Nein, es bleibt dabei! Wir sind hier nicht bei Wünsch dir was!, wir sind hier bei So isses! – Punkt, aus, Ende der Diskussion!“
„Hätte, hätte, Fahrradkette! Hätte, hätte, Fahrradkette!“, hatte Tims Schwester Sophie in einem babyhaften Singsang zu trällern begonnen. „Wenn du auch nur den Jonathan zu deinem Geburtstag einlädst, musst du dich nicht wundern, wenn du nur was Kleines geschenkt bekommst! Lad’ halt mehr Kinder ein, dann kannst du dir diese doofe Zeit-Raum-Maschine von den Geburtstagskindern wünschen!“
„Mach’ ich auch! Und wenn ich Justin, Devlin und Sascha auch dafür einladen muss!“
Tim war abrupt aufgestanden. Dabei hatte er seinen Stuhl so heftig nach hinten weggestoßen, dass dieser dabei beinahe umgefallen wäre. Dann war er hinauf in sein Zimmer gestürmt und hatte die Tür hinter sich zugeschlagen.
Ohne es recht zu merken, war Tim zu Hause angekommen. Die Gedanken an den ätzenden Vormittag hatten ihn vollständig in Beschlag genommen. Und das Ärgerlichste daran war, dass er seinen Berliner nicht genossen hatte. Er hätte nicht einmal sagen können, mit was für einer Marmelade er gefüllt gewesen war.
Nun stand er vor dem kleinen grünen Tor, das den schmalen Vorgarten von der Straße und dem Gehweg abtrennte. Er öffnete es und ging die vier Meter bis zur Haustür.
Er setzte seinen Schulranzen ab und holte seinen Hausschlüssel aus dem Tornister.
Das war auch so eine Sache. „Schlüsselkind“, so nannten ihn Justin, Devlin und Sascha immer. Konnte er denn etwas dafür, dass seine Eltern beide arbeiteten und er meistens alleine war, wenn er von der Schule nach Hause kam?
Seine kleine Schwester Sophie blieb immer bis drei Uhr nachmittags in der Betreuung, aber Tim hatte dazu keine Lust. Die Angebote für Jungen waren aus seiner Sicht ätzend: Fußball, Handball, Karate.
Er schloss die Haustüre auf und ging hinein. Das Haus in der Regenstraße war ein altes rotes zweigeschossiges Backsteingebäude mit einem geräumigen Dachboden.
Hinter dem Haus lag ein großer Garten. Das war durchaus ungewöhnlich, denn in der Regenstraße standen sonst nur fünfgeschossige Mietshäuser und Geschäftshäuser.
Neben einem Lebensmittelladen und einem Restaurant (das auf Fischgerichte spezialisiert war) gab es ein Haushaltswarengeschäft, das Tim besonders gefiel, weil man dort auch die ungewöhnlichsten Toilettenpapiere in den verschiedensten Farben (orange, dunkelblau, quietschgrün) und mit den merkwürdigsten Aufdrucken (Quallen, Wölfe, Lampen, Holzbretter) kaufen konnte.
Dazu gab es eine fantastische Auswahl an Klopapierhaltern, die man an die Wand hängen konnte.
Tim fragte sich immer wieder, wer denn so viel Toilettenpapier benötigte, denn er sah kaum jemals einen Kunden in dem Geschäft.
In seinem Haus wohnten außer ihm und seiner sechsjährigen Schwester noch seine Mutter Sarah und sein Vater Rudi, der eigentlich Rudolf hieß, was er aber für einen schrecklichen Namen hielt.
Tims Zimmer befand sich im ersten Stock. Links daneben war das Bad, gegenüber lagen das Elternschlafzimmer und Sophies Zimmer.
Nachdem er seinen Tornister abgestellt und sich die Jacke ausgezogen hatte, ging er ins Gäste-WC, um sich seine klebrigen Hände zu waschen.
Dann ging er nach oben in sein Zimmer und überlegte, ob er seine Hausaufgaben sofort oder später erledigen sollte. Aber sein Blick fiel auf die Spielzeuglandschaft auf dem Fußboden seines Zimmers, und augenblicklich waren alle Gedanken an die Hausaufgaben verschwunden.
Tim spielte leidenschaftlich gerne mit Teco. Am liebsten baute er ganze Landschaften mit Häusern, Straßen und Läden und stellte sich dann vor, dass darin viele Menschen lebten, die alle eigene Namen und Berufe hatten.
Gerade blockierten zwei Häuser sowie eine Straße mit Parkplätzen und einer Tankstelle den Weg von der Türe zu seinem Schreibtisch. Der war ohnehin nicht mehr dazu zu gebrauchen, Hausaufgaben daran zu erledigen, denn er hatte sich unlängst im Spiel in ein Gebirge verwandelt. Auch Tims Bett war kein Schlafplatz mehr, sondern ein bisweilen wildes, wütendes Meer mit Inseln, einem Hafen und einer Anlegestelle für Schiffe.
Unschlüssig blieb Tim in der Türe stehen. Einerseits hatte er große Lust, sofort weiter zu spielen, andererseits musste er beim Anblick seines Schreibtischs unvermittelt wieder an seine vielen Hausaufgaben denken. Herr Lathe-Mariato hatte den Kindern nämlich eine Unmenge an Hausaufgaben aufgegeben, die mindestens eine Stunde dauern würden. Er wusste, dass es klüger wäre, seine Aufgaben sofort zu erledigen (das würde ihm seine Mutter später bestimmt immer wieder vorhalten), doch er hatte nach diesem Vormittag schlichtweg keine Lust mehr, an Schule erinnert zu werden.
Gerade dieser Vormittag verhinderte jedoch auch, dass er sich auf sein Spiel konzentrieren konnte, denn ihm fehlte nun einmal die Zeit-Raum-Maschine, um wirklich weiterspielen zu können. Natürlich hatte er immer wieder probiert, mit seinen vorhandenen Bausteinen eine solche Maschine zu bauen, aber das waren klägliche Versuche gewesen, die er sofort wieder zerstört hatte.
Was seinen Versuchen stets fehlte, waren diverse Lämpchen, Blinklichter oder Leuchtdioden – eine futuristische Zeit-Raum-Maschine musste schließlich an allen möglichen Stellen blinken und leuchten, das war doch klar.
Die Zeit-Raum-Maschine! Sofort musste er wieder an das Frühstück heute Morgen denken. Wie hatte er sich über seine Eltern geärgert, besonders über seine Mutter! Warum konnten sie nicht verstehen, dass diese Maschine sein absoluter Herzenswunsch war!
Wie sollte er denn sonst jemals diese Zeit verlassen und – im Spiel natürlich – in eine andere Dimension und an einen anderen Ort reisen? Waren seine Eltern nie selber Kinder gewesen? Hatten sie überhaupt kein Verständnis für ihn? Besaßen sie etwa keine Fantasie mehr?
Vielleicht war das so, wenn man erwachsen war, dachte Tim traurig. Vielleicht hatte man als Erwachsener keine Fantasie mehr, vielleicht war man immer vernünftig. Er seufzte. Es musste ziemlich trostlos sein, erwachsen zu sein.
Unten hörte er einen Schlüssel im Türschloss. Kurz darauf rief seine Mutter: „Ti-him!“
„Ti-him!“ Wie er das hasste, wenn seine Mutter seinen eigentlich einsilbigen Namen so aussprach. „Wir haben dir extra einen kurzen Namen gegeben, damit man ihn nicht abkürzen kann“, hatten seine Eltern ihm immer wieder gesagt. Und das kam dann dabei heraus!
Für einen kurzen Moment war Tim versucht zu antworten, doch dann erinnerte er sich wieder, wie blöd seine Mutter am Morgen gewesen war, und blieb stumm.
„Timmi, mein Schatz! Bist du schon da?“
Timmi? Es wurde immer schlimmer! Er war doch kein Hund! Vielleicht sollte er zur Antwort bellen, aber das würde seine Mutter wohl nicht verstehen. Schließlich fand sie auch die Fünf-Freunde-Bücher total „unpädagogisch“, weil dort die Mädchen immer in diese „Hausfrau-und-Mutter-Rolle“ gedrängt wurden, wie sie sagte. Tim war das schnurzpiepegal. Er interessierte sich ausschließlich für die spannenden Abenteuer. Und außerdem hatte er auf dem Dachboden vor einigen Monaten einen alten Umzugskarton voller Kinderbücher mit dem Namen seiner Mutter gefunden, darunter siebzehn eindeutig gelesene Fünf-Freunde-Bücher, die sie angeblich so doof fand.
Schließlich rang sich Tim doch zu einem kurzen „Ja! Bin da!“ durch. Er wusste, dass seine Mutter sonst nach ihm suchen würde.
Dann räumte er vorsichtig den Hafen, die Insel und den Anlegeplatz vom Bett, legte sich auf die Bettdecke und schaltete sein Radio ein. Er drehte sich auf den Rücken und schloss die Augen.
„Tim? Alles in Ordnung mit dir? Hast du geschlafen?“
Die Stimme seiner Mutter hatte ihn geweckt. Wie lange er gedöst hatte, konnte er nicht sagen. Aber er musste wohl in eine Art Wachtraum geglitten sein. Sein Zimmer hatte sich aufgelöst, er hatte das Gefühl, in einem Boot auf dem Meer zu sein. Er war nicht weit vom Land weg und konnte die Küste beobachten. Er glaubte, eine Straße, Parkplätze und in einiger Entfernung davon auch eine Art große Wohnanlage zu erkennen. Dahinter erhoben sich Berge, die viel höher waren, als er je Berge gesehen hatte. Er drehte sich im Boot um und erspähte zu seiner Linken in der Ferne etwas, das wie eine Wüste aussah.
Dann schaute er wieder auf die Straße und die Gebäude.
Alles war merkwürdig bunt und er hatte das Gefühl, dass irgendetwas fehlte: Rundungen. Alles war eigenartig eckig.
Tim versuchte, mit seinem Boot an Land zu kommen, aber es gab keinen Motor und auch keine Ruder. Er beugte sich weit über den Bug, um mit den Händen das Wasser zu berühren, aber der Abstand zur Wasseroberfläche war immer noch zu groß. Auch an den Seiten gelang es ihm nicht recht, die Finger tauchten gerade so in das kühle Nass. Keine Chance, auf diese Weise an Land zu paddeln. Im Gegenteil, eine leichte Strömung (oder Ebbe?) ließ das Boot jetzt immer weiter auf das offene Meer hinaustreiben.
„Kommst du zum Essen, Tim?“
„Hmm? Oh, hallo Mama! Ja, komme gleich.“
„Dann wasch dir bitte schnell noch die Hände!“
„Hab ich vorhin schon gemacht. Mit Seife.“
Auf dem Weg nach unten in die Wohnküche verblasste der Traum wieder und Tim war letztlich nur froh darüber, dass er nicht von Justin, Devlin und Sascha geträumt hatte. Das wäre mit Sicherheit ein echter Alptraum geworden!
Das Essen verlief sehr einsilbig. Er hatte keine Lust, die neuesten Geschichten von seinen drei Erzfeinden zu erzählen, darum sagte er lieber gar nichts. Seine Mutter schien nichts zu bemerken. Sie war beim Essen damit beschäftigt, einen Einkaufszettel zu schreiben.
„Ich fahre nachher noch mit Sophie zum Einkaufen, okay? Papa kommt wahrscheinlich nach Hause, während ich weg bin, dann bist du nicht lange allein.“
„Kein Problem, bin doch kein Baby mehr. Ich hab’ keine Angst allein zu bleiben und langweilig wird mir auch nicht. Muss sowieso noch eine Unmenge Hausaufgaben machen. Herr Latte-Macchiato…“
„Tim!“ Seine Mutter blitzte ihn an. „Der Mann heißt Lathe-Ma-ri-a-to. Wie oft muss ich dir das noch sagen? Ich mag es nicht, wenn du ständig die Namen verdrehst.“
„Aber dann Ti-him oder Timmi zu mir sagen“, murrte Tim. „Ich gehe hoch“, schob er rasch hinterher, bevor seine Mutter etwas erwidern konnte. „Bis später.“
Der nächste Morgen brachte genau das, was Tim befürchtet hatte: Ärger. Justin, Devlin und Sascha lauerten ihm schon vor dem Eingang zum Schulhof auf, aber glücklicherweise hatte er vorher Jonathan getroffen. Wenige Schritte vor ihnen ging Herr Lathe-Mariato. Sie blieben so dicht hinter ihrem Klassenlehrer, dass die drei Ekel nichts tun konnten, außer Tim die Zunge herauszustrecken. Doch aufgeschoben war nicht aufgehoben, das wusste Tim.
In der Pause verkrümelte er sich daher, so schnell er konnte, mit Jonathan in die Schulbücherei. Das war der einzige Ort, an dem Justin und seine beiden Kumpane ihm nicht folgen konnten. Man brauchte nämlich einen Büchereiausweis, und Herr Lathe-Mariato hatte es bisher abgelehnt, ihnen einen zu geben, da sie seiner Meinung nach ebenso lasen, wie sie sich benahmen:
unterirdisch schlecht. Und Frau Libretti, die Betreuerin der Bücherei, ließ ohne Ausweis grundsätzlich niemanden herein.
Flüsternd diskutierte er mit Jonathan über seinen Geburtstag und seinen Wunsch. Erstaunlicherweise fand Jonathan Sophies Vorschlag, mehr Kinder einzuladen, gar nicht so dumm. Das Problem war nur, dass es in seiner Klasse eigentlich fast nur Mädchen gab, und die wollte Tim per se schon mal nicht einladen. Die wenigen Jungen in der 4 c teilten sich in zwei Gruppen auf. Da war einmal die Gruppe der Jungen, mit denen Tim zwar nur wenig zu tun hatte, die aber eigentlich ganz okay waren (leider nur drei). Und dann gab es die Gruppe der Ekelpakete (oder Kotzbrocken, wie Jonathan sie nannte), auch drei Jungen, nämlich Justin, Devlin und Sascha.
„Wenn du die Maschine von Teco unbedingt haben willst und nicht so lange dafür sparen willst, dann seh’ ich echt keine andere Lösung! Dann musst du eben alle Jungen aus der Klasse einladen! Mit mir wären das sieben, und wenn jeder so um die sieben Euro ausgeben würde für das Geschenk, dann müsste das doch hinkommen, oder?“ Jonathan schaute Tim erwartungsvoll an.
„Ich denke schon, im Internet habe ich die Zeit-Raum-Maschine schon für etwas mehr als vierzig Euro gesehen.“
„Na also, ist doch super. Und vielleicht sind die drei Kotzbrocken dann ja auch endlich mal ein bisschen weniger ätzend, wenn du sie eingeladen hast.“
„Das glaubst du doch wohl selber nicht“, knurrte Tim.
„Nee, ehrlich gesagt, nicht“, gab Jonathan zu. Eine Pause entstand. Tim wusste, dass er sich hier und jetzt entscheiden musste.
„Okay, ich mach’s.“
„Wird schon schief gehen!“
Wie Recht Jonathan damit hatte, konnte Tim an diesem Vormittag allerdings noch nicht wissen.
Beim Abendessen schnitt Tim das Thema Geburtstag wieder an, umschiffte aber die Frage des Geburtstagsgeschenkes, indem er gleich auf seine Feier zu sprechen kam.
„Wenn ich zehn werde, kann ich doch theoretisch zehn Kinder einladen, oder?“
„Wo willst du die denn hernehmen?“, platzte Sophie heraus. „Du hast doch nur den Jonathan als Freund!“
„Klugscheißerin! Ich hab’ ja nur gefragt, ich will ja gar nicht so viele Kinder einladen, und dich schon gar nicht!“
„Tim, bitte! Und du, Sophiechen, halt’ dich mal da raus, ja? Es ist ja schließlich nicht dein Geburtstag, um den es jetzt geht“, versuchte sein Vater zu beschwichtigen. Er wandte sich wieder seinem Sohn zu: „Also, klar ist das in Ordnung, das haben wir schließlich immer so gemacht.
Wen willst du denn nun einladen?“
Tim holte tief Luft: „Alle Jungen aus meiner Klasse!“ Als er sah, dass seine kleine Schwester wieder den Mund öffnete, schob er schnell hinterher: „Das sind dann auch nur sieben, mit mir acht.“
„Neun! Schließlich bin ich auch eingeladen“, grinste Sophie ganz breit.
„Wer sagt denn, dass ich dich kleine Nervensäge überhaupt einlade? Aber gut, wenn’s unbedingt sein muss, dann lad’ ich dich halt auch ein.“
Und das ging für Tim auch klar, denn erstens hatte er seine Schwester eigentlich sehr gern (aber das musste er ihr ja nicht ständig unter die Nase reiben) und zweitens war sie für ihn irgendwie auch kein richtiges Mädchen.
„Wo willst du denn feiern?“, fragte seine Mutter. Sie wusste, dass die Planung und Durchführung letztlich sowieso an ihr hängen bleiben würden.
„Hier! Aber nur von vier bis sechs!“
„Das ist vielleicht ein bisschen kurz, meinst du nicht?“, warf sein Vater ein.
„Für die Typen – außer für Jonathan natürlich – ist das mehr als lang genug“, grummelte Tim. „Hier geht es ausschließlich um den wirtschaftlichen Erfolg!“
„Die blöde Zeit-Raum-Maschine!“, quietschte Sophie, die die Lage wie üblich schneller begriffen hatte als ihre Eltern.
Sein Vater schüttelte den Kopf. „Auch diese drei Typen, wie heißen die noch gleich, Kevin, Cedric und Marcel?“
„Justin, Devlin und Sascha“, quiekte Sophie, der die Sache offensichtlich großen Spaß machte.
„Wenn das mal gut geht“, unkte Tims Vater.
„Gut, mein Schatz“, nahm Tims Mutter den Faden wieder auf, „dann lass uns mal nach einem Termin suchen. Danach überlegen wir, was wir in den zwei Stunden machen. Aber eigentlich sollten wir schon von drei bis sechs feiern, oder?“
„Wenn’s nicht anders geht!“ Tim nickte widerwillig.
Damit war die Sache entschieden. Gut. Oder eher: nicht gut. Es kam wohl ganz auf die jeweilige Perspektive an, wie Herr Lathe-Mariato immer sagte.
Bis zu seinem Geburtstag am 27. März war noch eine Menge Zeit. Zeit, über die Zeit-Raum-Maschine nachzudenken. Zeit für Justin und Co., ihn zu triezen.
Zeit, zu träumen, wenn er aus der Schule nach Hause kam.
Immer wieder war es vorgekommen, dass er sich nach der Schule auf sein Bett gelegt hatte und weggedöst war. Dann saß er wieder in dem Boot, in dem er sich in seinem ersten Wachtraum befunden hatte. Wieder versuchte er an Land zu gelangen, aber er schaffte es nicht. Es war wie verhext. Tim hatte zwar das Gefühl, dass er sich der Küste so weit näherte, dass er die Straße und die Wohnanlage besser erkennen konnte, aber das Boot trieb einfach nicht an Land. Manchmal glaubte er auch, schemenhafte Gestalten zu sehen, die mit einer Art Fahrzeug herumfuhren. Dann wiederum hatte er den Eindruck, als habe er auf halber Höhe zum höchsten Gipfel ein Gebäude erkannt, vielleicht eine Berghütte für Wanderer – so etwas kannte er aus den Alpen, als er vor zwei Jahren mit Sophie und seinen Eltern in Österreich Urlaub gemacht hatte.
Nie jedoch gelang es ihm, wirklich etwas Genaueres zu erkennen. Die Berge waren ständig von Wolken umgeben, über dem Land schien so etwas wie Dunst oder feiner Nebel zu liegen.
Wenn er ehrlich zu sich selbst war, dann konnte man nicht einmal von einem spannenden Traum sprechen.
Trotzdem ließ ihn der Wunsch nicht los, mehr über dieses merkwürdige und doch irgendwie vertraute Traumland zu erfahren.
Die Schultage dagegen entpuppten sich als ähnlich furchtbar wie die Tage vorher. Justin, Devlin und Sascha dachten offenbar nicht daran, ihn in Ruhe zu lassen. Im Gegenteil: Sie schienen die Sache mit dem Senf-Berliner noch nicht vergessen zu haben. Ständig suchten sie Streit, lauerten Tim auf dem Schulweg auf, schubsten ihn oder lästerten über den angeblich unsportlichen und total uncoolen Linus Tinte.
Sein Lehrer, Herr Lathe-Mariato, war auch keine große Hilfe. Er schien die ständigen Ärgerattacken gegen Tim überhaupt nicht zu bemerken.
Das musste Tim den drei Ekeln gegen seinen Willen lassen: Sie machten das alles sehr geschickt. Nie wurden sie während des Unterrichts auffällig, stets suchten sie eher abgelegene Orte für ihre Aktionen, wo sie nicht mit dem plötzlichen Auftauchen einer Lehrerin oder eines Lehrers rechnen mussten. Der einzige halbwegs sichere Ort für Tim war die Bücherei der Schule. Auf Dauer waren die Pausen für ihn und Jonathan allerdings ziemlich öde.
Allmählich näherte sich Tims Geburtstag. Als es nur noch zwei Wochen bis dahin waren, wurde es Zeit für die Planung der Geburtstagsfeier – und für die Einladungen.
Tim weigerte sich standhaft, die Einladungen für seinen Geburtstag selbst zu schreiben, auch selber etwas malen wollte er nicht. Er wollte alles vermeiden, was aus Justins, Devlins und Saschas Sicht uncool sein könnte.
Also musste Tims Papa eine möglichst coole Einladungsvorlage aus dem Internet herunterladen und Tim war gerade noch dazu zu überreden, die Namen der Gäste selbst zu schreiben.
Dann plante er zusammen mit seiner Mutter, was am Tag der Feier passieren sollte. Tim war nur halb bei der Sache, ihn interessierte lediglich das Geschenk, die heiß geliebte Zeit-Raum-Maschine von Teco.
Sie einigten sich schließlich darauf, dass Tims Mutter einen Schokoladenkuchen mit Schokostückchen und Zitronen-Muffins backen sollte.
Nach dem Kuchenessen sollten die Geschenke ausgepackt werden und anschließend eine Schnitzeljagd im Wohngebiet stattfinden. Justin, Devlin und Sascha sollten in eine eigene Gruppe kommen, dann kämen die drei anderen Jungs aus der 4 c, und Tim würde zusammen mit Jonathan und Sophie die dritte Gruppe bilden. Zum Abschluss sollte es Pizza Margherita geben und Apfelsaftschorle. Justin, Devlin und Sascha würden sich bestimmt wieder das Maul darüber zerreißen, dass es keine Cola gab.
„Prima! So wird das doch eine runde Sache“, sagte seine Mutter mit einem freudigen Gesichtsausdruck, als sie mit der Planung endlich fertig waren. „Ihr werdet sicherlich viel Spaß zusammen haben. Jetzt muss ich nur noch mit Papa die Aufgaben und Rätsel für die Schnitzeljagd erstellen und dann kann’s losgehen!
Jonathans Mutter will sich übrigens um das Geschenk kümmern.“
Tim bezweifelte stark, dass er an dem Nachmittag viel Spaß haben würde, aber er klammerte sich an den Gedanken, dass er dann endlich die Maschine bekommen würde, die er sich schon so lange heiß und innig wünschte. Also entgegnete er nichts, sondern dachte nur daran, dass er um sechs Uhr abends an seinem Geburtstag Zeit haben würde, seine Maschine aufzubauen und damit zu spielen.
Als er am nächsten Morgen die Einladungen verteilte, staunten seine Mitschüler nicht schlecht, vor allem Justin, Devlin und Sascha.
Sie versuchten es sich nicht anmerken zu lassen, aber Tim beobachtete sie verstohlen aus dem Augenwinkel und sah, dass sie die Köpfe zusammensteckten und tuschelten. Trotzdem glaubte er, Worte wie „Tinte“, „Weichei“ und „krass“ gehört zu haben. Das verhieß nichts wirklich Gutes.
„Also ich hab sowieso nicht ernsthaft geglaubt, dass die drei Ekelpakete sich über die Einladung freuen würden“, stellte Jonathan in der Pause klar. Tim und Jonathan waren wieder einmal in die Bücherei gehuscht und stellten zu ihrer Verwunderung fest, dass Frau Libretti nicht da war. Das hatten sie bisher noch nie erlebt.
„Wenn du Glück hast, kommen sie vielleicht auch gar nicht zu deinem Geburtstag.“
„Dann kann ich mein Geschenk aber endgültig vergessen“, sagte Tim und ließ den Kopf hängen.
„Am besten wäre es, wenn sie sich am Geschenk beteiligen würden und dann trotzdem zu Hause blieben.
Sie könnten ja vielleicht krank werden“, sagte Jonathan.
„Jaaa, so ein richtig fieser Magen-Darm-Infekt für die drei Ekelpakete, das wär’s“, seufzte Tim.
„Dann würde der Name „Kotzbrocken“ endlich so richtig passen“, grinste Jonathan.
Rrrrtsch.
Das Geräusch ließ sie hochfahren. Sie sahen gerade noch, wie ein Junge einen Stuhl in der Nähe der Eingangstüre beiseite schob und aus der Schulbücherei huschte. Das Gesicht hatten sie nicht sehen können, doch als sich Tim und Jonathan anschauten, wussten beide, auch ohne es auszusprechen, dass es Sascha gewesen war.
„Ob er uns belauscht hat?“ Tim sah Jonathan fragend an.
„Glaubst du noch an den Weihnachtsmann?“, gab Jonathan zurück. „Glaubst du allen Ernstes, dass der zum Lesen gekommen ist? Wenn der auch nur zwei Sätze fehlerfrei lesen kann, fresse ich einen Besen.“
„Na, dann guten Appetit!“
Wenn die beiden Jungen gedacht hatten, Sascha und Co.
würden sie auf ihr belauschtes Gespräch in der Bücherei ansprechen oder vielleicht absagen, so sahen sie sich getäuscht. Kurz vor Ende der zweiten Pause, als sich die Kinder vor dem Klassenraum versammelt hatten, kam Devlin zu Tim und eröffnete ihm, dass Justin, Sascha und er natürlich sehr gerne zu seiner Geburtstagsfeier kämen.
Tim wusste nicht recht, ob er sich nun freuen oder enttäuscht sein sollte. Letztlich überwog aber die Vorfreude auf das Geschenk.
Als es nur noch sieben Tage bis zum seinem Geburtstag waren, wuchs die Spannung bei Tim merklich. Er freute sich immer stärker auf sein Geschenk. Gleichzeitig passierte es immer öfter, dass er nach der Schule so kaputt war, dass er sich auf sein Bett legte und in seine Traumwelt aus Meer, Boot, Bergen, Häusern, Wüsten und Straßen glitt. Mittlerweile hatte sich sein Boot im Traum der Küste schon so weit genähert, dass Tim glaubte, er könne einfach ins Wasser springen und hinüberschwimmen. Doch er war noch nie ein besonders guter und ausdauernder Schwimmer gewesen, das Bronzeabzeichen hatte er erst dieses Jahr mit Ach und Krach geschafft, und außerdem machte das Wasser einen sehr kalten Eindruck. Tim hatte auch des Öfteren größere Fische im Wasser gesehen, einmal meinte er sogar eine Rückenflosse entdeckt zu haben, die ihn erschreckend an einen Hai erinnerte. Der Dunst oder Nebel über dem Festland indes lichtete sich immer noch nicht.
Immerhin war er sich mittlerweile sicher, mindestens zwei weitere einzeln stehende Gebäude ausgemacht zu haben und er hätte schwören können, einen Lastwagen und im Süden, auf einer felsigen Anhöhe, einen Hubschrauber gesehen zu haben. Das alles kam ihm zunehmend vertraut vor, doch er konnte sich immer noch nicht erklären, woher.
Seinen Eltern blieben seine Ruhepausen nicht verborgen. Sie erklärten sie sich damit, dass Tim einfach ferienreif sei, so kurz vor den Osterferien. Tim war diese Erklärung recht, denn auf diese Weise konnte er ungestört seinen Träumereien nachgehen.
In der Schule blieb es jetzt, kurz vor seinem zehnten Geburtstag, merkwürdigerweise ruhig und ereignislos.
Justin und seine Kumpane hatten offensichtlich beschlossen, eine Art Waffenstillstand einzuhalten.
Jonathan war da weniger optimistisch als Tim, als dieser ihm von seinen Überlegungen erzählte. „Die hecken bestimmt irgendetwas aus … für die Feier, weißt du?“, sagte er drei Tage vor Tims Geburtstag.
Tim wollte davon nichts hören. Er hatte beschlossen, diese Ruhepause im ewigen Streit mit den dreien einfach so lange zu genießen, wie sie anhielt.
Der Quelle seiner Wachträume hingegen kam er durch Zufall ein gutes Stück näher, auch wenn ihm dies zunächst noch nicht bewusst wurde.
Es war zwei Tage vor seinem Geburtstag, Jonathan war nach der Schule mit zu ihm nach Hause gekommen, weil seine Eltern an dem Tag nicht zu Hause waren. Die beiden Jungen hatten zuerst ihre Hausaufgaben gemacht, denn auch kurz vor den Ferien hatte ihr Klassenlehrer darauf bestanden, damit sie das Arbeiten nicht verlernten. Anschließend beschlossen sie, mit Tims Teco-Landschaft zu spielen und an ihr weiterzubauen.
Jonathan hatte die Idee, einen Flugplatz und Flugzeuge zu bauen. Tim gab zu bedenken, dass der Platz in seinem Zimmer dafür eigentlich zu klein war. Zudem hatte er auch keine Straßenplatten für die Landebahn mehr, so dass die Flugzeuge auf einer eher holprigen Piste ganz in der Nähe der Wohnanlage landen mussten, was gerade bei starkem Wind gefährlich sein konnte.
Glücklicherweise waren beide im Spiel so gute Piloten, dass sie mehrfach eine Katastrophe durch eine Bruchlandung verhindern konnten.
An diesem Tag träumte Tim zum ersten Mal auch nachts von seiner Traumlandschaft. Und er erkannte auf den ersten Blick, dass sie sich verändert hatte. Er hörte ein Maschinengeräusch, dass er bisher in seinen Tagträumen nicht wahrgenommen hatte: das Geräusch eines Flugzeugmotors. Als er zum Himmel blickte, sah er eine kleine Propellermaschine aus Osten auf das Festland zufliegen. Jetzt nahm er auch wahr, dass das Boot, in dem er stets in seinen Träumen saß, diesmal merklich schaukelte. Er spürte plötzlich auch den starken Wind, der das Meer zu hohen Wellen aufwarf. Dann suchte er am Himmel wieder das Propellerflugzeug. Als er es entdeckte, stockte ihm der Atem. Das kleine, leichte Flugzeug schien in dem Sturm, der sich mittlerweile aus dem starken Wind entwickelt hatte, hin und her zu schlingern. Jetzt setzte der Pilot offensichtlich zur Landung an, die – und da war sich Tim absolut sicher – unmöglich gelingen konnte. Im nächsten Augenblick verschluckte der Nebeldunst die Maschine. Es gab einen lauten Knall … und ein Feuerball stieg zum Himmel auf.
Schweißgebadet wachte Tim auf. Er tastete nach dem Lichtschalter seiner Nachttischlampe und knipste das Licht an. Er sah sich um. Alles schien wie immer zu sein.
Er tapste zum Fenster und erstarrte. Hatte er das Fenster nicht gestern Abend gekippt gelassen? Jetzt jedoch war es geschlossen. Tim öffnete es und schaute hinaus. Beinahe erwartete er, draußen ein Feuer zu sehen oder die Martinshörner von Feuerwehr, Rettungswagen und Polizei zu hören. Aber es war still, da war nichts, nur die vertrauten nächtlichen Stadtgeräusche.
Als Tim zu seinem Bett zurückgehen wollte, richtete er seinen Blick auf den Boden, um mit seinen nackten Füßen nicht auf einzelne Bausteine zu treten. Da sah er plötzlich, dass der Flugplatz zerstört war, und er sah ziemlich genau so aus, wie Tim sich das Ergebnis einer Explosion vorstellte. Ihm kam ein schrecklicher Verdacht. Hektisch schaute er sich um und dann entdeckte er die verstreut herumliegenden Teile der kleinen Propellermaschine, die Jonathan am Nachmittag zuvor gebaut hatte. Er hätte schwören können, dass der Flugplatz und die Maschine noch intakt gewesen waren, als er ins Bett gegangen war.
War es ein Zufall, dass Tim ausgerechnet in dieser Nacht von einem Flugzeugabsturz geträumt hatte? War er vielleicht im Traum aufgestanden und hatte, ohne es zu bemerken, mit seinen Teco-Sachen gespielt? War er etwa ein Schlafwandler? Tim hatte darüber gelesen, dass es Menschen gab, die im Schlaf spazieren gingen und sich am nächsten Morgen nicht mehr daran erinnern konnten. Er jedoch konnte sich haargenau an jede einzelne Kleinigkeit seines Traumes erinnern. Was also konnte geschehen sein? Vorerst hatte er keine Erklärung für die merkwürdigen Ereignisse dieser Nacht.
Am Morgen vor seinem Geburtstag wachte Tim auf, bevor seine Eltern ihn hatten wecken können. Sofort kamen ihm die Ereignisse der vergangenen Nacht wieder in Erinnerung. Er überlegte, ob er seiner Mutter beim Frühstück von dem Traum erzählen sollte, verwarf den Gedanken aber sofort wieder. Sie würde ihn vermutlich gar nicht ernst nehmen oder alles wieder darauf schieben, dass er endlich Ferien brauchte.
Während er noch im Bett lag und über seinen Traum nachdachte, fielen ihm die Einzelheiten wieder nacheinander ein: das Meer, der Sturm, das kleine Propellerflugzeug, der gescheiterte Landeanflug, das Explosionsgeräusch und der anschließende Feuerball.
Dann fiel sein Blick wie von selbst auf den zerstörten Flughafen und schlagartig, wie aus heiterem Himmel, wusste er, was geschehen sein musste. Und das, so viel war ihm sofort klar, würden ihm weder seine Mutter noch sein Vater glauben, vielleicht sogar niemand auf der ganzen Welt.
„Du spinnst ja!“ Jonathan starrte ihn ungläubig und halb belustigt an. „Das kannst du doch nicht ernsthaft glauben! Wie soll denn so etwas gehen? Wir haben doch gestern nur gespielt! Da müsste sich in der Nacht das Spielen, also die Tecos … also die leben doch nicht. Das ist doch nur Plastik!“
„Und wie erklärst du dir dann, dass der Flugplatz nach meinem Traum aussah wie nach einer Explosion?“
„Vielleicht war es deine Schwester! Bestimmt ist die vor dem Schlafengehen noch mal bei dir gewesen und hat alles kaputt gemacht! So muss es gewesen sein!“
„Die hat schon eine Stunde vor mir tief und fest geschlafen! Und wenn sie mal nachts wach wird, dann ruft sie immer nach Mama oder Papa!“
Jonathan blickte Tim ratlos an.
„Und das Flugzeug? Vielleicht ein Luftzug?“
Tim sah ihn spöttisch an. „Das Flugzeug stand links auf meinem Regal! Das kann niemals von einem Windstoß da herunter geweht worden sein!“
„Keine Ahnung! Echt jetzt! Vielleicht sind deine Eltern noch mal in dein Zimmer gekommen und im Dunkeln gegen die Bausteine gestoßen oder was weiß ich…“ „Garantiert nicht! Das machen die nie! Höchstens mal im Sommer, um ein Fenster aufzumachen! Obwohl …“. Tim verstummte.
„Was … obwohl?“, hakte Jonathan unerbittlich nach.
„Ich habe mich gerade daran erinnert, dass das Fenster in der Nacht geschlossen war, obwohl ich es gestern ganz sicher auf Kippe gestellt hatte …“ Er kaute an seiner Unterlippe. „Vielleicht war es wirklich meine Mutter … Ich glaube schließlich nicht an Magie oder so einen Hokuspokus!“
„Ich doch auch nicht“, besänftigte Jonathan seinen Freund. Dann grinste er Jonathan schelmisch an.
„Aber vielleicht sollte ich trotzdem etwas unternehmen, damit so ein Flugzeugabsturz nicht mehr passieren kann!“
Jetzt war es an Jonathan, irritiert zu schauen.
„Wie meinst du das denn jetzt?“
„Na, stell dir doch nur mal vor, es hätte wirklich diesen Flugzeugabsturz gegeben! Dann wäre der Pilot jetzt mit Sicherheit tot, meinst du nicht?“
„Tim! Ich fange an mir Sorgen zu machen, ehrlich jetzt!“
Jonathans Miene hatte sich verdüstert. Er wirkte … ängstlich. „Das war ein Traum, Tim! Du warst nicht dabei! Diese Plastikmännchen und Figuren und so, die … die leben nicht wirklich!“
„Weiß ich doch, Jonathan!“, erwiderte Tim und grinste erneut. Aber in sein Gesicht hatte sich etwas anderes eingeschlichen. Etwas anderes als ein Verlegenheit: Zweifel.
Den restlichen Schultag bekam Tim so gut wie nichts mehr vom Unterricht mit. Glücklicherweise schien auch Herr Lathe-Mariato, genauso wie seine Mutter, der Ansicht zu sein, dass Tim ferienreif sei. Er sprach Tim nicht einmal darauf an, dass dieser bei der Wiederholung des Kleinen Einmaleins auf die Frage, wie viel denn drei mal drei seien, geantwortet hatte: „Zwölf!“
Endlich war Schulschluss und die Ferien begannen. Und der nächste Tag war Tims Geburtstag. Es sollte eine Geburtstagsfeier werden, die Tim niemals vergessen würde.
Es war ein warmer, sonniger Morgen, das perfekte Wetter für den ersten Ferientag. Eigentlich. Wäre es nicht auch der Tag seiner Geburtstagsfeier gewesen.
Natürlich freute sich Tim darüber, dass er Geburtstag hatte, auch auf die Geschenke, die er von seinen Eltern bekommen würde. Aber alles war getrübt durch die Aussicht auf drei Stunden mit Justin, Devlin und Sascha.
Aber da musste er jetzt durch. Er hatte es schließlich nicht anders gewollt.
Als er im Schlafanzug in die Küche gegangen war (an Geburtstagen und am Ferienanfang gab es zur Feier des Tages ein Schlafanzugfrühstück), saßen seine Eltern und sogar Sophie bereits am Frühstückstisch. Sofort standen alle auf, drückten ihn und gratulierten ihm zum Geburtstag. Sophie fing sogar an, „Heute kann es regnen, stürmen oder schnei’n!“ zu singen, aber ein besonders grimmiger Blick von Tim brachte sie zum Verstummen. Er hasste es, so im Mittelpunkt zu stehen.
Anschließend packte Tim seine Geschenke aus: Zwei Straßenplatten, ein Schnitzmesser, ein Fernglas und eine Lupe (wahrscheinlich hofften seine Eltern, dass er dann mehr draußen spielte), eine CD-Box mit drei Wissenshörspielen über Entdeckungen, das Wetter und Naturkatastrophen (die hatte er sich sogar wirklich gewünscht) und schließlich einen neuen Sammelband mit Abenteuern der Fünf Freunde (was einem Wunder gleichkam – wahrscheinlich hatte sein Vater das Buch gekauft, ohne dass seine Mutter es wusste). Sogar von Sophie bekam er ein Geschenk, ein großes, selbst gemaltes rotes Herz, in das sie „für den Lipsten grohsen Bruda dea Wellt“ geschrieben hatte. Tim wurde sogar ein bisschen rot, als sie es ihm überreichte. Oma Trudi und Opa Willi hatten einen Brief geschickt, in dem nicht nur eine Glückwunschkarte steckte, sondern auch ein Foto von seinem neuen Fahrrad. Aber das würde er erst am Osterwochenende bekommen, wenn sie die Großeltern besuchten. Seine anderen Großeltern hatten sich nicht gemeldet, typisch. Aber eigentlich hatte Tim auch gar nicht mehr damit gerechnet.
Nach dem Frühstück mit Schoko-Nuss-Creme (die gab’s sonst auch nur an Geburts-, Sonn- und Feiertagen) verschwand Tim in seinem Zimmer, wo er sich mit seinen Geschenken vergnügte. Als er die neuen Straßenplatten an seine Straße anbaute, wurde ihm plötzlich bewusst, dass die Landschaft in seinen Träumen im Prinzip genau dem Aufbau seiner Spielzeug-Landschaft entsprach. Natürlich nicht ganz exakt, schließlich gab es in seinem Zimmer ja kein Wasser und auch keine echten Felsen, Gras oder Pflanzen. Aber ansonsten war alles vorhanden: die Wüste (der Flur), die Straßen (seine Straßenplatten), das Gebirge (sein Schreibtisch und das Regal) und die Wohnanlage. Auch die anderen Gebäude und der Lkw existierten in seinem Zimmer, genauso wie das Meer, die Inseln, der Hafen und die Anlegeplätze (sein Bett). Alles passte genau zusammen: Sogar der Hubschrauber auf seinem Regal stand dort, wo er ihn in seinen Träumen gesehen hatte, nämlich auf einer felsigen Anhöhe. Und nicht nur das:
Selbst die Himmelsrichtungen stimmten überein. Es war unglaublich! Diese Erkenntnis brachte Tim so aus der Fassung, dass er die Arbeiten an der Straße unterbrach.
Er stand auf und sammelte die Überreste der kleinen Propellermaschine ein, um daraus ein neues Flugzeug zu konstruieren, in das er einen besonderen Sturm-Stabilisator einbaute, damit sich so ein Unfall nicht noch einmal wiederholen konnte. Dabei dachte er auch daran, dass der Pilot eigentlich bei einem solchen Sturm gar nicht hätte fliegen dürfen. Gab es denn gar keine Wettervorhersage in seiner Spielzeug-Welt? Das würde er bei nächster Gelegenheit ändern müssen, nahm sich Tim vor.
Als er den Flugplatz reparieren wollte, klingelte es an der Haustüre. Tim schaute auf den Wecker neben seinem Bett. Überrascht stellte er fest, dass es schon kurz vor drei Uhr geworden war. Das mussten seine Gäste sein, wahrscheinlich Jonathan, mit dem er ausgemacht hatte, dass er ein bisschen früher kommen sollte, damit Tim nicht womöglich mit Justin, Devlin und Sascha alleine sein müsste.
Er hatte Glück. Es war Jonathan, der ihn freudestrahlend begrüßte und ihm, als er in Tims Zimmer gestürmt war, gratulierte.
„Alles Gute, alter Junge! Und von meiner Mama soll ich dich auch grüßen und dir gratulieren! Das Geschenk ist unten, aber ich verrate nicht, was drin ist! Da kommst du eh nie drauf“, sagte er mit einem spitzbübischen Grinsen.
„Nee, ist klar! Niemals“, sagte Tim und grinste zurück.
„Komm, lass uns nach unten gehen, die anderen kommen bestimmt auch gleich!“
Um kurz nach drei Uhr waren auch die anderen Jungen eingetroffen. Justin und Co. hatten sogar einen guten Eindruck gemacht, als sie Tims Mutter und Vater zur Begrüßung die Hand gegeben hatten.
Tim entging das nicht. Genervt verdrehte er die Augen und schaute zur Decke. „Diese Schauspieler“, raunte Jonathan ihm ins Ohr.
Bis zum Kuchenessen verlief alles nach Plan. Justin, Devlin und Sascha hatten Tim zwar nicht zum Geburtstag gratuliert, aber es war auch nicht der Name Linus Tinte gefallen und die drei hatten auch sonst keine abfälligen oder spitzen Bemerkungen gemacht. Genau genommen hatten sie fast gar nicht gesprochen, sondern sich nur ab und zu angeschaut und sich auf die Muffins und den Kuchen gestürzt, als hätten sie in den letzten Tagen extra wenig gegessen. Tim wünschte sich, er hätte seine Mutter dazu überreden können, in drei Muffins mit einer Spritze ein wenig extra scharfen Senf zu füllen.
Aber sie war strikt dagegen gewesen – so eine Spielverderberin!
Die Ereignisse nahmen ihre unangenehme Wendung, als Tim sein Geschenk auspackte. Kaum wurde die Verpackung mit dem Bild der Zeit-Raum-Maschine sichtbar, murmelte Sascha deutlich vernehmbar: „So’n Kinderkram!“ Und Devlin hatte zuvor noch ganz laut die Vermutung ausgesprochen, in dem Paket wäre bestimmt eine „coole Playstation“. „Cool“ war sein Lieblingswort.
Tim war sich aber nicht sicher, ob Devlin überhaupt noch andere Adjektive kannte. Als Justin schließlich den Kommentar abgab, dass sein kleiner Bruder diese Maschine zu seinem fünften Geburtstag bekommen habe, riss Tim der Geduldsfaden: „Wenn ihr nur zum Meckern gekommen seid, dann könnt ihr auch gleich wieder gehen!“
Diese Bemerkung war wie ein Startschuss gewesen: Von diesem Augenblick an ging alles schrecklich schief.
Tims Mutter, die die Situation ausnahmsweise einmal sofort erfasst hatte, rief alle Kinder zusammen, um die Gruppen für die Schnitzeljagd einzuteilen.
„Schnitzeljagd? So’n Babykram! Ich dachte, wir würden was echt Supercooles machen“, motzte Devlin hinter vorgehaltener Hand zu seinen Kumpels, gerade so laut, dass Tim es mitbekommen musste. Seine Mutter konnte es indes nicht hören, denn sie war gerade in die Gruppenaufteilung und das Austeilen der Aufgaben für die Schnitzeljagd vertieft.
„Jede Gruppe bekommt einen Umschlag mit Aufgaben und Rätselfragen und ein Lösungsblatt, in das ihr eure Lösungen eintragt. Außerdem auch einen Stift! Für die schnellste Gruppe gibt es Sonder-Siegpunkte und für die gelösten Aufgaben ebenfalls – die Punktanzahl steht jeweils neben der Aufgabe oder dem Rätsel. Die Gruppe mit den meisten Siegpunkten bekommt später noch einen tollen Siegespreis!“ Tims Mutter schaute sich um.
„Noch Fragen?“
