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Anke Schläger

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Beschreibung

Hauptkommissarin Lisa Heynrichs war nicht immer bei der Berliner Kripo. Der Mord an einem Fernsehmoderator katapultiert sie schlagartig in ihre Vergangenheit zurück – im denkbar schlechtesten Moment. Die taffe, kollegiale Lisa soll Nachfolgerin ihres Chefs werden. Niemand ahnt, dass sie vor zwanzig Jahren ihr Studium im Rotlichtmilieu finanziert hat und sich jetzt auf ein äußerst riskantes Spiel einlässt, um diesen Fall zu lösen. Sogar auf einen Mann, den sie kaum kennt und der sie zu einer Reise nach Mallorca überredet. Dass sie jemand aus der Ferne im Visier hat und ungeduldig ihre Rückkehr erwartet, bringt nicht nur Lisa in Gefahr … Der erste Fall für Kommissarin Lisa Heynrichs, die kein Risiko scheut, um ein Verbrechen aufzuklären – und sich damit ihren eigenen Schatten stellt.

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Veröffentlichungsjahr: 2025

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Ähnliche


LISA HEYNRICHS

DIE SCHATTEN HINTER UNS

IHR ERSTER FALL

ANKE SCHLÄGER

KRIMINALROMAN

INHALT

Prolog

1. Frauenzimmer

2. Zur Schau gestellt

3. Hoch hinaus

4. Zwischenruf

5. Zwischen Herz und Hirn

6. Späte Reue

7. Hinter den Kulissen

8. Zeitreise

9. Zwischenruf

10. Opfer und Täter

11. Fremde Gesichter

12. Alleingänge

13. Teure Werbung

14. Zwischenruf

15. Rückendeckung

16. Alles sauber

17. Auf der Bank

18. Überzeugungsarbeit

19. Desesperado

20. Im Licht

21. Zwischenruf

22. Ausgeflogen

23. Schwachstellen

24. Zwischenruf

25. Aufgefangen

26. Nasen, die was taugen

27. Ein neuer Traum

Liebe Leserinnen und Leser!

Lisa Heynrichs: Die Mauern um uns

Leseprobe: Prolog

Am Ende der Schicht

Lisa Heynrichs: Der Abgrund vor uns

Weitere Bücher von Anke Schläger

Über die Autorin

Jeder Irrtum

ist ein Schritt zur Wahrheit.

Jules Verne

PROLOG

Die Stille ist eine Wohltat nach all dem Lärm. Seine Party über den Dächern Berlins hat ihn Kraft gekostet. Wie lange kann er der Welt noch den souveränen, stets lächelnden Mann vorspielen? Er lockert die Krawatte. Auch hier an der Spree erwarten die Fernsehzuschauer, dass er im Zweireiher vor die Kamera tritt. Als ob sie einen Beweis brauchen, dass er sich treu bleibt und weiterhin für soliden Journalismus steht.

Das Motorengeräusch seines Wagens ist verstummt. Im Rückspiegel beobachtet er, wie das eiserne Gartentor automatisch schließt, nimmt die randlose Brille ab und verstaut sie in der Mittelkonsole.

Nach den Glückwünschen zu seinem Sechzigsten ist er gegangen. Die Gäste hatten eine improvisierte Tanzfläche gestürmt. Der Studioleiter war zu einem uralten Song von Aretha Franklin sofort hochgesprungen und hatte unterm Sternenhimmel eine Praktikantin abgeschleppt. Eine traurige Gestalt, simpel gestrickt und blind für die Folgen.

Er dagegen kann warten. Seine Villa hat er in weiser Voraussicht umbauen lassen. Eines Tages wird sie mit Leben erfüllt sein. Doch dann werden die dicken Mauern und der hohe Zaun mit den pfeilartigen Spitzen verbergen, was dahinter geschieht.

»Wir sind da, Bily.« Seit sie am Funkturm vorbei sind, stößt die Hündin auf der Rückbank gequälte Laute aus. Ein weißer Bichon Frisé, den er in Tschechien gekauft und in der Landessprache nach der Farbe des flauschigen Fells benannt hat. Alle Kolleginnen sind in den vierbeinigen Wattebausch vernarrt. Ob er mit der Rasse die richtige Wahl getroffen hat? Für ihn ist eine wie die andere.

Bily kläfft.

»Jaja, ich weiß, du hast es eilig«, antwortet er und hofft, dass die Kleine geduldig bleibt. Gegenüber beginnt der Wald, aber jetzt ist es da stockfinster. Ehe sie in den Garten darf, muss er die Bewegungsmelder ausschalten.

Kurz darauf flitzt sie in den Schatten einer Ligusterhecke. Niemals würde sie ihr Geschäft in der langen Auffahrt verrichten, die im Schein gleißend heller Solarleuchten liegt. Sie haben ihn eine ordentliche Stange Geld gekostet. Dafür ist seine Sicherheitstechnik auf dem neuesten Stand und wird ihn vor bösen Überraschungen schützen.

Warum braucht Bily so lange?

Er klimpert mit dem Schlüsselbund und der Hund biegt um die Ecke. Langsamer als sonst, die Nase am Boden. Vor den drei Stufen, die zum Eingang hinaufführen, verharrt das Tier.

»Abendessen gibt’s in der Küche«, brummt er.

Bily springt an seinen Beinen hoch. Schmutzige Pfoten hinterlassen auf der hellgrauen Hose ihre Spuren. Hat ein Kaninchen den Jagdtrieb der Kleinen geweckt? Er streichelt sie, geht voraus und holt eine Portion rohes Fleisch aus dem Kühlschrank.

Bily stürzt sich begeistert auf die zerkleinerten Lammknochen und er kann sich in Ruhe umziehen.

Als er die Hose in den Wäschekorb wirft, schlägt die schwere Glocke in der Diele an.

Er hebt den Kopf. Oft hat er den Klang noch nicht gehört, seit er vor einem halben Jahr in die zweistöckige weiße Villa gezogen ist. Pakete lässt er ins Studio liefern. Für die Briefpost gibt es eine Box am Zaun. Seine Adresse kennt bestenfalls eine Handvoll Menschen. Die amüsieren sich allesamt auf der Dachterrasse.

Im Hausmantel geht er in die Küche und stolpert über den Napf mit den Futterresten. Verdammte Müdigkeit. Er hat vergessen, auf den Knopf zu drücken, der die Alarmanlage wieder mit dem Stromnetz verbindet.

Nebenan vernimmt er aufgeregtes Bellen, so laut, dass ein Briefträger schleunigst die Flucht ergreifen würde.

»Aus«, kommandiert er und hofft, dass ihr kurzes gemeinsames Training in der Hundeschule endlich Wirkung zeigt. Es scheint so. Bily lässt leises Fiepen hören. Sie kratzt am Holz, das die Maler neulich grün angestrichen haben.

Er schiebt den Riegel zurück.

»Heute gehen Wünsche in Erfüllung«, sagt eine Stimme. »Happy Birthday, Phil.«

FRAUENZIMMER

Sascha Morbeck hat sich breitbeinig vor einer kurzen Treppe aufgebaut. »Langsam, die Damen«, ruft er und versperrt ihnen den Weg zur Haustür. »Ihr habt etwas vergessen.«

Lisa Heynrichs grinst. Immer dasselbe. Sie tragen längst die weißen Overalls, haben ihre Kapuzen aufgesetzt. Wenn sie allein wären, würde Sascha der Hauptkommissarin schweigend einen Mundschutz und die Latexhandschuhe reichen, obwohl er am Tatort der Chef von Kriminaltechnikern und Gerichtsmedizinern ist. Doch gegenüber der jungen Kollegin dreht er auf.

»Wo habt ihr ihn gefunden?«, fragt Lisa.

»In der Küche.« Sascha mustert Jule Stellner, die gerade ihren Bachelor an der Polizeihochschule bestanden hat. Jetzt verstärkt sie die neunte Mordkommission des Landeskriminalamts. »Da liegt er noch. Traust du dir den Anblick zu?«

Sie nickt, strotzend vor Selbstvertrauen. Beneidenswert.

Er holt alles, was sie brauchen, aus einem Koffer.

Lisa streift ihren Mundschutz über und erkundigt sich nach dem Kenntnisstand.

»Philipp Kerstensen hatte einen späten Gast«, antwortet Sascha.

Jule müht sich mit den Handschuhen ab.

»Glaube nicht, dass der sich vorher angekündigt hat«, fährt er fort. »Und für den Hund hatte sein Besuch was übrig.«

»Fertig«, verkündet Jule und will sich an Sascha vorbeidrücken.

Er ist schneller.

Sie folgen ihm durch eine dämmrige Diele. Die Küchentür steht offen. Lisa erkennt Holzschränke und einen blauen Tisch mit gedrechselten Beinen.

Eine Landhausküche? Seit sie denken kann, ist der Moderator im Anzug aufgetreten, lange bevor ihn der Privatsender »Radio Fernsehen Berlin« für den »Abendblick« abgeworben hatte. Die Vorstellung, er könne in Kochschürze am Herd gestanden haben, will nicht in ihren Kopf.

Im Magen ballt sich der vertraute Klumpen zusammen. Sie hat sich in zwanzig Dienstjahren nicht an den beißenden Leichengeruch gewöhnt. Aber in diesem Raum mit den großen Südfenstern, den die Hochsommertemperaturen aufgeheizt haben, herrscht der Geruch nach Fäkalien vor. Im Tod erschlafft auch der Schließmuskel.

Der Fernsehmann liegt bäuchlings unter dem Esstisch. Sein Frotteemantel ist hochgerutscht und die Schlafanzughose hat hinten einen großen, dunklen Fleck. Den Oberkörper umgibt eine getrocknete Blutlache. Die Schädeldecke fehlt. Hirnmasse klebt an einer Wand.

Sascha deutet auf einen umgestürzten Stuhl. »Dort hat er gesessen. Jemand muss hinter ihm gestanden haben, vielleicht am Kühlschrank, und hat keine Sektflasche herausgeholt, sondern abgedrückt.«

»Pistole oder Gewehr?«, hakt Jule nach.

»Eine Schrotflinte war’s jedenfalls nicht«, antwortet Sascha leicht genervt, weil er die Frage schon zu oft gehört hat.

Lisa betrachtet einen grauen Pantoffel, der durch den Raum geschlittert ist. »Kerstensen trug Gesundheitslatschen?«

»Mit Fußbett«, sagt Sascha. »Der Mann war ja nicht mehr jung. Wer weiß, welche Zipperlein er hatte.«

»Was ist denn mit dem Hund?«, fragt Jule.

Der Tatortexperte winkt einen Polizeifotografen herbei, der die Leiche ablichten soll, und geht vor. Sie betreten ein Wohnzimmer, dessen Stirnseite ein breiter gemauerter Kamin einnimmt. Eine Wohlfühloase mit Ecksofa, bunt gemusterten Kissen und einem braunen Ledersessel. »Die Leine war an einer Armlehne festgebunden.«

Lisa bückt sich nach den Näpfen mit Fleischresten und einer Pfütze Wasser. Eine flauschige Decke liegt daneben.

»Welche Rasse?«, will Jule wissen.

»Irgendwas Französisches und teuer, warte mal.« Ein Notizbuch wird aufgeklappt.

Jule wippt ungeduldig auf den Zehenspitzen. »Habt ihr den Hund ins Tierheim bringen lassen?«

»Wir kamen zu spät«, erwidert Sascha. »Als Kerstensen nicht im Sender auftauchte, hat sich eine Kollegin auf die Socken gemacht. Die Alarmanlage war ausgeschaltet. Sie konnte die Scheibe der Kellertür mit ihren Schuhen einschlagen. Dann hat sie den Notruf gewählt und sich mit dem Köter in ihrem Auto verschanzt.« Er holt Asservatenbeutel und tütet die Näpfe ein.

Lisa strafft ihre Schultern. »Sag Bescheid, wenn wir uns in Ruhe umsehen können. Wir reden mit der Dame.«

»Viel Spaß.«

»Wieso?«

»Georgia von Hustedt soll ein phänomenales Gedächtnis haben. Bin gespannt, ob sie dich wiedererkennt.«

* * *

Der silberne Porsche Cayenne parkt in einer der ruhigen Seitenstraßen, die zum Hohenzollerndamm und aus dem Grunewald hinausführen. Wer früh losfährt oder spät heimkommt, braucht keine halbe Stunde bis zum Brandenburger Tor. Von der Touristenmeile, über die sich an solch warmen Samstagabenden die Menschenmassen schieben, scheint diese Gegend Lichtjahre entfernt zu sein. Vögel zwitschern. Ein Eichhörnchen flüchtet in den Schatten alter Bäume. Aufgeschreckt durch die Luxuskarosse und den blau-weißen Streifenwagen, dessen Besatzung hier Wache schiebt?

»Verrückt«, flüstert Jule und zeigt auf ein verschlossenes Porschefenster. Dahinter leuchten rote Locken. »Dass die Frau da einfach so rumsitzt.«

»Falls du ein Autogramm willst: Vergiss es«, gibt Lisa zurück. »Du bist im Dienst.«

»Und du bist ihr schon begegnet?«

»Ja.«

Jule fragt nicht weiter.

Das Ereignis gehört in die Mottenkiste, doch irgendwem fällt es immer wieder ein. Lisa war etwas älter als Jule gewesen, auf dem besten Weg zur Verbeamtung, und Diebe hatten am Prenzlauer Berg ein Tonstudio aufgebrochen. Sie hatten den Manager einer erfolgreichen Band regelrecht hingerichtet und den Leichnam auf dem Mischpult abgelegt.

Georgia von Hustedt war kurz nach der Mordkommission eingetroffen und hatte mit großem Getöse ihr Fernsehteam in Stellung gebracht. Die Polizeiabsperrung vor dem Studio scherte sie ebenso wenig wie der strömende Regen und eine erboste junge Kommissarin: »Kindchen, Sie wissen wohl nicht, wen Sie vor sich haben.«

Lisa hatte die korpulente Zwei-Meter-Frau trotzdem von vier Polizisten fortschaffen lassen.

Seitdem hat die Boulevardjournalistin eine erstaunliche Wandlung durchgemacht. In Philipp Kerstensens Team berichtet sie live aus dem Reichstag.

»Ja, spinnt die denn?«, ruft Jule.

Die Rothaarige presst etwas an sich. Einen kleinen weißen Hund, den sie wie ein Baby wiegt. Ihre Wange liegt auf seinem Fell. Das Tier zappelt und sein Jaulen dringt durch die Scheiben.

Die Abendsonne scheint Georgia von Hustedt ins Gesicht. Es glänzt vor Schweiß.

Lisa hämmert gegen das Fahrerfenster. »Polizei! Machen Sie auf!«

Grüne Augen schauen teilnahmslos ins Leere. Eine Hand krallt sich in die Hundelocken. Das Jaulen wird lauter, hört sich beinahe menschlich an.

Die Türen bleiben zu.

Neben Lisa flammt ein Blitz auf. Jule hält ihr Handy hoch und fotografiert.

Lautes Kläffen. Ein Schrei.

Lisa umrundet das Auto, späht durch die Heckscheibe. Georgia von Hustedt lutscht am Daumen. Der Hund steht zweibeinig auf der Rückbank, die Schnauze weit aufgerissen, bereit zur Flucht. Am Glas rutschen seine Pfoten ab.

»Hier«, flüstert Jule. Sie reicht Lisa einen dicken Ast, von dem sich getrocknete Erdklumpen lösen.

Lisa schüttelt den Kopf.

Jule holt aus.

Lisa hält den Arm fest. Der Ast fällt auf ihren rechten Fuß. Schweres Ding, ihr großer Zeh schmerzt höllisch.

Unvermittelt fliegt eine Tür auf. »Hände weg von meinem Auto!«

Der Hund huscht ins Freie, ein fiependes Fellbündel, das schleunigst im Gebüsch verschwindet. Jule spurtet hinterher.

»Frau von Hustedt, steigen Sie bitte aus.«

Keine Reaktion.

Lisa beugt sich hinab. »Hat der Hund Sie gebissen?«

Georgia von Hustedt nickt.

»Darf ich einsteigen?«

Eine Hand, an der ein imposanter Siegelring prangt, deutet zum Beifahrersitz.

Lisa nimmt Platz und schnappt nach Luft. Die Klimaanlage ist aus. Im Auto muss es über dreißig Grad heiß sein. Kein Wunder, dass der Hund weggerannt ist. Und sie hätte nicht nur den Overall, sondern auch ihre Lederjacke ausziehen sollen.

Neben ihr wird schwer geatmet, unterbrochen von lautem Rasseln, das aus den Tiefen einer Lunge dringt.

»Brauchen Sie einen Arzt, Frau von Hustedt?«

»Nein, etwas zu trinken. Im Kofferraum ist Mineralwasser. Holen Sie mir eins?«

Sie ist es offenbar gewohnt, dass ihr jeder Wunsch von den Augen abgelesen wird. Immerhin, um ihren blutenden Daumen kümmert sie sich selbst. Die Wunde umwickelt sie mit Papiertaschentüchern.

Lisa öffnet die Heckklappe des geräumigen SUV und blickt in eine Kiste voller Wein, Sekt und Tafelwasser einer edlen Sorte. Eine Flasche nimmt sie heraus und dreht den Verschluss auf.

Georgia von Hustedt reißt sie ihr aus der Hand, lehnt sich zurück und holt ein Pillendöschen aus der Handtasche. Sie schluckt eine Tablette, spült mit Wasser nach.

»Kennen wir uns nicht?«, erkundigt sie sich.

»Wie kommen Sie denn darauf?«

»Ich vergesse nie ein Gesicht. Berufskrankheit.« Grüne Augen taxieren Lisa.

»Was tun Sie eigentlich hier?«, fragt die Kommissarin hastig. »Ihre Sendung läuft«.

»Heute haben wir zwei Stunden auf Phil gewartet. Sonst war er immer auf die Minute pünktlich, und ich habe mir Sorgen gemacht.«

»Na ja, so ein runder Geburtstag kann länger dauern …«

»Haben Sie gestern zugeschaut?«

Lisa nickt. Phil Kerstensen hatte sich für einen Rosenstrauß bedankt und war anschließend sofort zum Wetterbericht übergegangen.

»Dann wissen Sie ja, wie er reagiert hat. Der Job war immer das Wichtigste.«

»Gab es nach der Sendung eine Party?«

»Auf der Dachterrasse beim Sender. Phil hat die Gratulationskur hinter sich gebracht, den Caterer bezahlt und am Rand gestanden, als ob er einen Stock verschluckt hätte. Eine Stunde später war er weg.«

»Hatte er eine Verabredung?«

»Glaube ich nicht. Er hatte uns alle schon vor Wochen eingeladen, schriftlich und auf feinstem Papier. Das Essen war von Borchardt.«

Lisa hat noch keinen Fuß in das bekannte Restaurant am Gendarmenmarkt gesetzt, aber sie kennt die Preise solcher Promi-Lokale. »Wie lange waren Sie auf der Feier, Frau von Hustedt?«

»Bis drei.« Die Rothaarige klappt einen Schminkspiegel auf und kleistert Äderchen auf den Wangen mit Make-up zu.

»Phil Kersensen ist tot und Sie sitzen neben mir. Wer moderiert den ›Abendblick‹?«

»Hanne Thoma.«

Die andere Frau im Nachrichtenteam, jung, blond, schlagfertig. Eine Konkurrentin aus der folgenden Generation.

»Wir müssen Ihre Aussage zu Protokoll nehmen«, sagt Lisa. »Kommen Sie morgen in unserer Dienststelle an der Keithstraße vorbei, ehe sie ins Studio fahren. Und bringen Sie genug Zeit mit. Sonst überlassen Sie Frau Thoma erneut das Feld.«

Jule erscheint am Fenster, den Hund im Arm.

»Was wird aus Bily?«, fragt die von Hustedt.

»Wir bringen sie in ein Tierheim.«

Neben Lisa setzt wieder schweres Atmen ein. »Nee, oder? Die Kleine war Phils Familie.« Unvermittelt beginnt die Walküre zu zittern und ihr Kopf sinkt aufs Lenkrad. »Sie gehört doch nicht mit wildfremden Kötern in einen dreckigen Zwinger!«

»Da ist sie erst mal besser aufgehoben als bei Ihnen. Sie musste dringend Gassi und hat sicher auch Durst.«

»Tut mir leid. Ehrlich.« Georgia von Hustedt zieht das nächste Taschentuch aus der Packung. Sie betupft ihre feuchten Augen und verschmiert schwarzblaue Schminke.

Lisa durchsucht ihre Taschen, findet eine Visitenkarte und legt sie aufs Armaturenbrett. »Rufen Sie mich an, wenn Sie wissen möchten, wo Bily untergebracht ist. Jederzeit. Sie können die Kleine dann besuchen. Und falls Sie jemanden kennen, der sie bei sich aufnehmen würde, gebe ich das sofort weiter.«

Sie öffnet die Beifahrertür und spürt ein Zupfen an der Jacke.

»Danke.«

»Gern geschehen, Frau von Hustedt.«

»Nennen Sie mich Georgia. Bitte.« Die Walküre lässt los und startet ihren Porsche.

* * *

Die Sonne ist hinter einer bedrohlichen grauen Schicht am Himmel abgetaucht. In Lisas Jacke brummt das Handy. Sascha hat ihr eine Nachricht hinterlassen: »Bist du schon beim Feierabendbier oder kommst du zurück?«

Sie steckt es ein. Die meisten Taschen sind kaputt und ihr Lieblingsstück muss zum Schneider. Aber wenn ihr Arbeitstag endet, hat der Laden längst geschlossen. Haben die Bewohner des Grunewalder Villenviertels eine Vorstellung von diesen profanen Sorgen?

Sascha wartet hinter dem rot-weißen Absperrband auf Philipp Kerstensens Terrasse. Er führt sie durch eine offene Glastür, am Kamin und am Sofa vorbei. »Deine anderen Kollegen sind jetzt auch da.«

»Wo denn?«

»Im ersten Stock, wo die beiden Schlafzimmer sind. Schau dir die mal an.«

»Zwei? Ich dachte, der Mann war alleinstehend.«

»Du bist die Expertin, mach dir selbst einen Reim darauf.« Er hält Lisa einen neuen Spurensicherungsanzug hin.

Sie schlüpft hinein und streift wieder dünne Handschuhe über.

Jule gesellt sich zu ihnen.

»Wo ist der Hund?«, fragt Lisa.

»Ich hab ihn im Schatten angebunden. Die Tierrettung ist unterwegs. Sascha, gibt’s hier eine Schale, die wir mit Wasser füllen können?«

Er geht in die Küche und kehrt mit einer Salatschüssel zurück.

Lisa wendet sich der Diele zu. Eine ausladende Holztreppe führt hinauf, solide gezimmert und mit breitem Handlauf. Wie in vielen alten Häusern ihrer Heimat, dem Münsterland. Solche langen Läufer, die an jeder Stufe befestigt sind, kennt sie ebenfalls von dort. In der ersten Etage versinken ihre Füße in einem dicken, rot-grün gemusterten Orientteppich.

Sie drückt behutsam eine Tür auf und lässt sie los. Die Scharniere quietschen. Von drinnen schlägt ihr eine Mischung aus Schweiß, Staub und abgestandener Luft entgegen und fährt ihr mit der gleichen Wucht in den Magen wie die Ausdünstungen in der Küche. Am liebsten würde sie die langen Vorhänge zur Seite ziehen und das Fenster aufreißen.

Jule ist ihr gefolgt und schaltet einen Deckenstrahler ein. Er beleuchtet das ungemachte Bett. Am Fußende liegen ein Jackett, Socken und ein zerknittertes weißes Hemd. Boxershorts und Krawatte sind heruntergefallen. Ein Wäschekorb ist bis zum Rand gefüllt.

Lisa drückt gegen die Tür einer dunkelbraunen Schrankwand. Der riesige Kasten gleitet zur Hälfte auf. An einer Kleiderstange hängen Anzüge, farblich sortiert, daneben Oberhemden. Alle Krawatten haben eigene Halter, die Enden baumeln parallel herunter. Ordentlich, praktisch und ein bisschen altmodisch.

Gehörte die zweite Schrankhälfte jemand anderem? Darin herrscht ein wüstes Durcheinander aus T-Shirts und Hosen. Die meisten Sachen stapeln sich auf Regalbrettern, sind kraus und fleckig, haben Löcher oder abgerissene Knöpfe. Neu scheint nichts davon zu sein.

Jule schüttelt fassungslos den Kopf. »Ist der Mann wie ein Penner herumgelaufen, wenn ihn keiner gesehen hat?«

»Vorne hui, hinten pfui«, erwidert Lisa.

Im Flur lässt sie die angehaltene Luft aus ihren Lungen.

Jemand pfeift laut durch die Zähne. Meinolf Uhde, im gleichen Dienstrang wie sie und einer ihrer ältesten Kollegen bei der Mordkommission, lehnt im Türrahmen eines Badezimmers. Er hält ein Parfümfläschchen hoch und ist sichtlich beeindruckt. Jede Wette, gleich dröhnt sein »Donnerwetter« durch den Flur.

»Wow«, ruft Jule, die mal wieder vorausgeprescht ist.

Der nächste Saustall? Lisa eilt hinterher.

Von wegen! Diesen Raum beherrscht ein imposantes Bett, dessen weiße Tagesdecke mit zarten Blumenranken bestickt ist. Darauf türmt sich ein Berg aus Kissen, alle mit silbernen Ornamenten verziert. An den Wänden stehen kleine Palmen in Töpfen, ihr sattes Grün zeugt vom regelmäßigen Gießen. Keine Spur von Staub oder Vernachlässigung, auch nicht auf dem Frisiertisch mit dem beleuchtbaren Spiegel, den Puderpinseln, Bürsten und Tuben einer teuren Kosmetikmarke.

»Das Schärfste ist der Baldachin.« Jule klopft gegen die Stoffbahn. »Wie in einem Märchen aus tausendundeiner Nacht und als ob sich gleich eine orientalische Schönheit im Brautgemach niederlässt.«

Wo ist die Bewohnerin dieses »Frauenzimmers«? Es scheint, sie könne jederzeit hereinkommen, um sich die Lippen nachzuziehen oder im Schaukelstuhl vor dem Fenster den Abend zu vertrödeln. Lisa ertappt sich dabei, dass sie auf Zehenspitzen zu dem weißen Kleiderschrank schleicht.

»Worauf wartest du denn?«, fragt Jule.

Widerstrebend schiebt Lisa eine Tür auf, nimmt einen Hauch Vanilleduft wahr und umklammert den Holzgriff. Das Parkett unter ihren Füßen, eben noch stabil, scheint wie ein leckes Boot zu schwanken. Ringsum muss die Temperatur um einige Grade gesunken sein, oder warum zittert sie sonst in der Lederjacke, die ihr draußen zu warm war?

Vor ihr hängen Abendkleider, tief ausgeschnitten und so eng, dass kaum ein dünner Slip darunter passt. Instinktiv legt Lisa eine Hand auf ihre Brust. Solche Kleider werden mit Tapes auf die nackte Haut geklebt. Sie hat nach über zwanzig Jahren nicht vergessen, dass sie selbst beim Abreißen die Luft angehalten hat und hinterher den Busen mit Eiswürfeln kühlen musste.

Bügel für Bügel tastet sie sich vor, streicht über transparente Stoffe, mustert Röcke, deren Schlitze zu viel preisgeben. Die nächste Tür – sie ahnt, was dahinter ist. Korsagen aus Samt und Leder, durchsichtige Büstenhalter, Stringtangas. In einer Schublade das vertraute Tape.

»Muss ein Heidengeld gekostet haben.« Jules Stimme, halb bewundernd, halb neidisch, kommt wie aus weiter Ferne bei ihr an.

Lisa knallt die Lade zu. Fortlaufen, alles hinter sich lassen, ehe sie in der Vergangenheit hängenbleibt. Wie diese Klamotten, die nach dem Tod des Fernsehmanns auf ihren Stangen verstauben und irgendwann entsorgt werden.

Jule weiß nicht, wie hoch der Preis für ein Luxusleben sein kann.

Lisa hofft, dass sie es auch nie erfährt.

ZUR SCHAU GESTELLT

Wieder dieser Traum. Ein Fesselballon schwebt unter strahlend blauem Himmel. Im Korb lehnt Lisa sich zurück, sinkt voller Vertrauen in starke Arme. Endlich ist sie frei und geborgen zugleich. Plötzlich kommt Wind auf. Ihre kleine Welt erbebt. Gemeinsam rasen sie abwärts, schlagen hart am Boden auf. Benommen schaut sie sich um und sieht keinen Mann mehr. Nur einen Jungen, zehn oder zwölf Jahre alt, in einem glitzernden Theaterkostüm …

Schweißgebadet schreckt sie hoch. Halb sechs, ihr innerer Wecker funktioniert auch nach einer kurzen Nacht. Sie hat Sascha bei der Arbeit zugeschaut, wie jedes Mal. Die immer gleichen Abläufe beruhigen sie, lassen sie an einen Ermittlungserfolg glauben. Rußpinsel, die auf glatten Flächen Fingerabdrücke sichtbar machen, überführen Täter. Oder unzählige Wattestäbchen, getränkt mit destilliertem Wasser, die DNA-Spuren sicherstellen.

»Willst du die Proben persönlich ins Labor bringen, damit du die Ergebnisse schneller auf dem Tisch hast?«, hat Sascha gespöttelt und mit seinem Kollegen die Fenster und Schrankgriffe in Kerstensens Küche abgetupft.

Sie haben zusammen die Villa verlassen. Lisa kennt ihn gut genug, um seine fahrigen Gesten zu deuten und den gereizten Tonfall nicht persönlich zu nehmen. Die Tatortleute, die sich auf das Sichern von Spuren spezialisiert haben, werden in den nächsten Tagen rund um die Uhr ackern. Wie alle, die mit diesem Fall zu tun haben. Phil Kerstensens Gesicht kennt jeder, der abends um sieben vor der Flimmerkiste sitzt. Was kann den Revolverblättern mitten im Sommerloch Besseres passieren als ein toter Promi? Bevor in der Pressestelle des Landeskriminalamts die Telefone glühen, müssen die Kriminaltechniker etwas heranschaffen, das die Journalistenmeute zufriedenstellt.

Weit nach Mitternacht hat Lisa ihre Wohnung an der Schöneberger Steinmetzstraße aufgeschlossen, den Käfig ihrer Wellensittiche zugedeckt und ist ins Bett gesunken. Seit die Rollos in der Küche hinüber sind, werden Lutz und Udo mit den ersten Sonnenstrahlen wach.

Unter dem Türspalt wird es hell, und die Erinnerungen an das Frauenzimmer in Kerstensens Haus kehren zurück. An den weißen Schrank und Kleider, die Lisa noch immer passen würden. Ihre schlanke Figur hat sich kaum verändert, nur die blonden Locken bändigt sie jetzt in einem geflochtenen Zopf. Soll sie sich diese Ermittlungen lieber ersparen? Nein. Dann müsste sie mit dem Chef über früher sprechen und ihre Karriere wäre beendet. Dabei ist die nächste Sprosse der Leiter zum Greifen nahe.

Lisa dreht sich seitwärts, stützt eine Hand auf die harte Matratze und setzt nacheinander die Füße auf dem Boden ab. »Rückenschonend aufstehen« hat sie notgedrungen gelernt. Trotzdem spürt sie einen dumpfen Schmerz oberhalb des Steißbeins. Es rächt sich, dass sie ständig die Krankengymnastik absagt. Auch an einem Tag wie diesem sind private Termine nicht drin.

Sie schlurft in die Küche, lässt den spärlich gefüllten Kühlschrank zu und wirft die Kaffeemaschine an. Asthmatisches Röcheln antwortet. Henriette, ihre ehemalige Mitbewohnerin, hat das altersschwache Teil beim Auszug vergessen. In ihrem Café am Savignyplatz gibt es ein besseres Frühstück.

Lisa duscht und schlüpft in die Kleidung, die sie immer trägt: Jeans, Polohemd und die schwarze Lederjacke. Heute passt sie zum Wetter. Die Homepage von radioeins kündigt Starkregen und Gewitter an. Und das Topthema ist – wenig überraschend – ein prominenter Todesfall im Grunewald.

* * *

Nach den heißen vergangenen Tagen steht die große Tür zum »Café H.« weit offen. Lisa kettet ihr Rad an den Metallzaun gegenüber dem S-Bahnhof und stutzt. Henriette, die Stühle aufs Kopfsteinpflaster stellt, trägt bunt. Knallgelbe Shorts, darüber ein flammend rotes Shirt und ein Kopftuch im gleichen Farbton. Die Haare darunter sind gewachsen, schlohweiß seit der Chemotherapie, aber dicht und kräftig.

Sie schaut hoch und entdeckt Lisa. »Bist du aus dem Bett gefallen?«

»So ähnlich. Und deine Kaffeemaschine gibt den Geist auf.«

»Latte oder Cappuccino?«

»Egal.«

»Drinnen oder draußen?«

Statt einer Antwort geht Lisa in den hinteren Teil des Schankraums, wo die untere Hälfte der Wände mit Holz vertäfelt ist und niemand auf den roten Polsterbänken sitzt.

Henriette bringt ein volles Tablett. Brötchen, Spiegeleier, zwei Teller und zwei Tassen Cappuccino. »Ich hab auch Kohldampf.« Sie lässt sich neben Lisa nieder. »Wie war dein freier Abend?«

»Freier Abend? Stimmt, der war vorgestern. Kommt mir länger vor. Wir haben einen neuen Fall.«

»Darfst du drüber reden?«

»Ist längst in den Nachrichten. Phil Kerstensen vom ›Abendblick‹. Jemand hat ihn in seiner Villa erschossen. Er hatte zwei Schlafzimmer. Sein eigenes, in dem es wie Kraut und Rüben aussah, und eines, das mich umgehauen hat.«

»Wieso?«

»Es hätte eher in einen Wüstenpalast als in die Grunewalder Millionärskolonie gepasst. Und im Schrank …« Hastig versenkt Lisa den Mund im Milchschaum.

Henriette ringt sich ein schiefes Grinsen ab. »Hast du immer noch Angst, dass ich Paul davon erzähle?«

Mit dem Reporter war sie lange zusammen gewesen und in seiner Gegenwart hatte die Kommissarin eisern über ihre Arbeit geschwiegen. Vor einem Jahr war das glückliche Paar in ein teures Loft gezogen, Henriette erkrankte an Brustkrebs und Paul seilte sich ab. Sie zog wieder um, doch nicht zurück zu Lisa. Deren Kollege Meinolf hatte in der Kantstraße ein Haus geerbt und vermietete Henriette eine Wohnung. Von dort ist es nur ein Katzensprung ins Café.

Sie deutet auf einen bärtigen Mann, der Gerichte für den kleinen Hunger auf eine große Schiefertafel schreibt. Currywurst, die nirgends so gut schmeckt wie hier, vegetarische Burger und Rote Grütze. »Giovanni ist ’ne Wolke. Ich hab ihn gefragt, ob er bleiben will.«

»Und?«

»Er hat Ja gesagt.« Sie strahlt, als habe der Sizilianer ihren Heiratsantrag angenommen. Mag sein, dass ein zuverlässiger Mitarbeiter sogar mehr wert ist. Giovanni hat den Laden geschmissen, während seine Chefin im Krankenhaus lag.

»Nun rück mal mit der Sprache raus.« Henriette schüttet Zucker in ihre Tasse. »Du bist garantiert nicht wegen unseres sensationellen Frühstücks gekommen.«

»Na ja, mein Kühlschrank ist fast leer. Aber du hast recht. Ich habe eine miese Nacht hinter mir. In Phil Kerstensens zweitem Schlafzimmer hängen Klamotten, wie ich sie früher getragen habe. Auf einen Schlag war alles wieder da. Reizwäsche, enge Kleider, du weißt schon, meine Kölner Vergangenheit …« Lisa säbelt ihr Spiegelei in Stücke, ohne zu essen.

Henriette nimmt ihr das Messer weg.

»Das Schlimmste war ein Rock.« Lisas Stimme bricht. Sie beobachtet die Zeiger einer ehemaligen Bahnhofsuhr, die an der Wand gegenüber hängt. Unerbittlich rücken sie weiter.

Die Freundin wartet geduldig.

»Er sah aus wie einer, den Alexander mir damals gekauft hat. Ich war völlig weggetreten, konnte seine Hand spüren, die sich durch den Schlitz schob und höher tastete. Die Finger in meinem Slip, während andere Männer neben uns am weißen Tischtuch speisten.«

»Willst du dir die Ermittlungen wirklich antun?«, fragt Henriette leise.

»Ich kann nicht kneifen. Bald steht die Entscheidung an, wer unseren Chef beerbt. Er verlässt sich auf mich.«

»Was hatte der Kerstensen wohl mit den scharfen Sachen vor?«

»Wüsste ich selbst gern.«

»Vielleicht war er verliebt und hat eine heiße Hochzeitsnacht vorbereitet.«

Lisa beißt in ein Brötchen, das verführerisch duftet, und legt es auf den Teller zurück. Ihr ist der Appetit vergangen. Auch sie hatte einst von Flitterwochen geträumt. Alexander war etwas älter als Kerstensen gewesen.

* * *

Beim Privatsender herrscht offen zur Schau gestellte Trauer. Flachbildschirme an den Wänden zeigen Philipp Kerstensen, wie ihn jeder kannte. Lächelnd, im Jackett, mit Krawatte und passendem Einstecktuch.

»Davon hat er nichts mehr«, grummelt Lisas Kollege Meinolf und deutet auf die Menschentraube vor dem Besuchereingang. Lauter Fans, die sich in ein dickes Kondolenzbuch eintragen wollen. Manche haben Blumen dabei.

Eine gertenschlanke Frau mit weißblonden Haaren schiebt sich ungerührt durchs Gewimmel und ruft ihnen zu, dass sie sie »Amy« nennen sollen. »Ich bringe Sie zum Chef.«

Während sie vor einem Fahrstuhl warten, deutet Lisa zu den Bildschirmen. »Kannten Sie ihn?«

»Flüchtig. Er hat allen Frauen die Türen aufgehalten.« Amy lässt ihr und Meinolf den Vortritt.

In einer gläsernen Kabine gleiten sie höher, vorbei an den Resten eines Fabrikkomplexes, in den das neue Hauptstadtstudio hineingebaut wurde. Der Lift hält vor einer Dachterrasse im fünften Stock, auf der oft Politiker interviewt werden. Dahinter bohrt sich der rot-weiße Mast des Fernsehturms in dicke, graue Wolken.

Amy führt die Gäste in einen Flur. Hinter Glastüren starren Männer und Frauen auf Computerbildschirme. Wie in den Büros der Berliner Mordkommissionen an der Keithstraße. Doch dort gibt es keinen Tischkicker.

Der Studioleiter wartet in einem Raum mit Scheinwerfern unter der hohen Decke. Gebannt verfolgt er eine Aufzeichnung von Kerstensens letzter Sendung, die über eine große Leinwand flimmert.

Amy räuspert sich laut.

Er springt aus einem Ledersessel und schaltet den Ton ab. »Willkommen! Ich bin Lasse Bilger.« Mit dem Akzent könnte er Werbung für einen schwedischen Möbelriesen machen.

Lisa stellt sich und Meinolf vor. »Der Tod Ihres Chefsprechers ist sicher ein harter Schlag für Sie.«

»Anchorman«, korrigiert Bilger, der fast in Kerstensens Alter sein muss. »Ja, eine echte Katastrophe. Phil war Herz und Seele unserer Sendung. Immer gut vorbereitet, hartnäckig und dabei höflich zu jedem, mit dem er es zu tun hatte. Die Zuschauer hätten ihm einen Gebrauchtwagen abgekauft oder ihn als Babysitter engagiert. So einen können Sie mit der Lupe suchen.«

»Dass er dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen untreu geworden ist, hat ihn einige Sympathien gekostet«, wendet Meinolf ein.

»Dafür haben wir ihm den ›Abendblick‹ auf den Leib geschneidert und alles umgesetzt, was er sich gewünscht hat.«

»Das heißt?«, fragt Lisa.

»Bei redaktionellen Entscheidungen hatte er das letzte Wort. Er konnte fast jedes Thema durchsetzen und ins Team holen, wen er wollte. Das hat er sich vertraglich zusichern lassen.« Bilger deutet auf einen Tisch mit Flaschen und Gläsern. »Bedienen Sie sich.«

Meinolf nimmt eine Diätcola.

»Bei seinem Arbeitgeber in Köln hatte Phil sich vergeblich um mehr Mitspracherecht bemüht«, fährt der Studioleiter fort.

Lisa holt ein Notizbuch aus ihrer Jackentasche. »Gab es Streit?«

»Gerüchte. In unserer Branche kennt jeder jeden. Soll ich mich mal umhören?« Lasse Bilger schiebt die Hände unter himmelblaue Hosenträger.

»Wir brauchen Fakten und keine Andeutungen. Also, was wissen Sie über Ihren Anchorman?«

»Er war äußerst zurückhaltend. Sogar mir gegenüber. Nur Georgia von Hustedt kannte ihn näher.«

»Waren die beiden etwa ein Paar?« Kerstensen und die Walküre, eine komische Vorstellung …

Der Studioleiter schlendert zur Fensterfront. »Ich bin mir nicht sicher«, gibt er widerstrebend zu. »Phil gehörte zu den Journalisten, die die Außenministerin auf einem offiziellen Flug in die USA begleiten durften. Georgia wollte er dabeihaben. War überhaupt kein Problem, weil er die richtigen Kontakte hatte. Doch nach der Rückkehr hat die Kollegin sich krankschreiben lassen und wieder zur Flasche gegriffen. Kann sein, dass Phil später das schlechte Gewissen drückte. In letzter Zeit waren sie häufiger zusammen in der Kantine. Als er seine Geburtstagsparty ohne sie verließ, hat sie sich hemmungslos betrunken.«

»Gab es in seinem Leben eine andere Frau?«, fragt Meinolf.

»Hier ist er nur mit seiner Hundedame aufgekreuzt. Darum haben’s einige von unseren Praktikanten bei ihm probiert. Weiblein wie Männlein. Die wollen ja noch etwas werden. Aber er hat alle abblitzen lassen.«

Lisa denkt an die beiden Schlafzimmer. »Vielleicht hat er sich woanders umgeschaut.«

»Mag sein. Ab und zu wollte er spontan frei haben. Immer zwei, drei Tage, und ich hab’s geschluckt, weil er aus jeder Auszeit neue Ideen mitbrachte. Außerdem ist niemand unersetzlich. Jetzt muss sein Team ohnehin allein klarkommen.«

»Hat Kerstensen Frau von Hustedt zum ›Abendblick‹ geholt?«, hakt Lisa nach.

»Ja. Er hielt sie für eine großartige Journalistin.«

»Wir möchten sein Büro sehen«, schaltet Meinolf sich ein.

Bei der Besprechung am frühen Morgen hat Sascha von einem heillosen Durcheinander in den meisten Schränken der Villa Kerstensen berichtet. In der Küche, einem Erkerzimmer und weiteren Räumen. Die Spurensicherer sind noch im Grunewald. Hoffentlich gibt der Arbeitsplatz beim Sender schneller etwas Brauchbares her.

»Selbstverständlich. Kommen Sie mit.« Der Studioleiter geht voraus und schließt im Flur die erste Tür auf. Sofort schaltet sich über dem Schreibtisch eine Lampe ein.

Lisa staunt. Dieses Büro ist größer als der kleine Laden in ihrer Nachbarschaft, der rund um die Uhr geöffnet hat. Im Späti kauft sie oft zur Geisterstunde ein. »Wir brauchen mehr Licht«, ruft sie.

Es wird hell. Auch über einem langen Sideboard, auf dem ein schwarzer Quader mit der Aufschrift »Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis« steht. Unübersehbar, inmitten eines Leuchtkegels.

»Darauf war Phil stolz«, sagt Bilger und tätschelt die Auszeichnung. »Ehrlich, ich hatte Zweifel, ob jemand wie er sich für uns entscheiden würde. Allein die Glückwünsche aus ganz Deutschland, die zu seinem Geburtstag eintrafen … Sie würden sich wundern, wen dieser Mann bestens kannte.«

Lisa mustert einen Tisch mit sechs verchromten Stühlen, einen Flachbildschirm, ein Whiteboard und eine Palme im Kübel, die fast bis zur Decke reicht. Statussymbole. Wie wichtig waren sie Kerstensen?

Lasse Bilger deutet auf eine Pinnwand aus silbernem Metall. »Da hängt das Menü zu seinem Sechzigsten. Nur vom Feinsten. Bouillabaisse, Thunfisch-Sashimi und frische Fettuccine mit getrüffeltem Paprikarahm.«

Lisa prägt sich die Speisefolge ein. Lange her, dass blasierte Kellner ihr solche Köstlichkeiten servierten. Hat Kerstensen sich in dieser Umgebung wohl gefühlt? Offensichtlich war er Premierengast bei der Berlinale. Die Eintrittskarte für die Auftaktveranstaltung des Filmfestivals ist neben Flugtickets befestigt. Er war in diesem Frühjahr auf Mallorca.

Meinolf schiebt das Sideboard auf und stöhnt: »Akten, Akten, Akten.«

Lisa nimmt sich den Schreibtisch vor, doch darin sieht es ähnlich wie in ihrem eigenen aus: Stifte, Notizzettel, Duden, USB-Sticks. Im Rollcontainer steht ein sauberer Fressnapf.

»Wir sind fertig«, sagt sie zu Meinolf und hebt den Kopf. Schwere Schritte nähern sich. Die Zimmertür kracht gegen die Wand.

»Muss das sein? Auch noch in Phils Büro rumwühlen, ich fass es nicht …« Eine stocksaure Georgia von Hustedt walzt herein. In einem schwarzen Kleid mit tiefem Ausschnitt, der von einer Schleife zusammengehalten wird.

»Schön, Sie zu sehen!« Lisa setzt ihr freundlichstes Lächeln auf. »Dann können wir Ihre gestrige Aussage endlich zu Protokoll nehmen.«

»Jetzt?«, fragt Lasse Bilger entgeistert.

»Ja. Eigentlich sollte Frau von Hustedt uns vor ihrem Dienstbeginn aufsuchen.«

»Völlig unmöglich! Ich brauche sie.«

Lisa tauscht mit Meinolf einen Blick und ihr Kollege übernimmt. »Ihre Sendung beginnt erst in fünf Stunden.«

»Wir haben viele Beiträge verschoben. Wen interessiert denn an so einem Tag der Klimawandel? Die Leute wollen alles über Phils Tod erfahren. Tut mir leid, aber ich kann Georgia auf keinen Fall entbehren.«

»Folgen Sie uns bitte, Frau von Hustedt«, sagt Meinolf. »Je schneller wir aufbrechen, desto früher können Sie Ihren Schlagzeilen nachjagen.«

* * *

»Haben Sie ein Diktiergerät?«, fragt Georgia.

Meinolf tritt auf die Bremse. Vor ihnen hat ein Bus voller Touristen angehalten, die ihre Nasen an den Fenstern plattdrücken. Über dem Eingang zur bayerischen Landesvertretung wehen zwei Flaggen. Eine in den Farben Weiß und Blau und eine in Schwarz, Rot und Gold.

Wie lange dauert das denn noch? Sie hätten die U-Bahn nehmen sollen und nicht den Opel, auf dessen Rücksitz eine schwergewichtige Frau schnauft.

»Ich kann nur mit meinem Handy dienen«, antwortet Lisa und schaltet die App für Sprachaufnahmen ein. »Sie sind also damit einverstanden, dass wir unser Gespräch im Dienstwagen beginnen und die Befragung in unseren Räumen fortsetzen?«

»Spart Zeit. Tempo bitte.«

»In Ordnung. Ich muss Sie darauf hinweisen, dass Sie Sachbeschädigung begangen haben. Sie wissen ja, die eingeschlagene Scheibe in der Kellertür. Demzufolge können Sie die Aussage verweigern, bis Sie einen Rechtsbeistand haben. Das gilt auch, wenn Sie sich damit selbst oder nahe Angehörige belasten. Haben Sie das verstanden?«

»Lassen Sie das Geschwurbel und fangen Sie an.«

»Frau von Hustedt, warum sind Sie bei Herrn Kerstensen eingebrochen?« Lisa dreht das Smartphone in Richtung der lauten Stimme.

»Weil sein Auto vor der Tür stand und er garantiert zu Hause war. Öffentliche Verkehrsmittel hasste er wie die Pest. Zuschauer, die ihm auf die Pelle rückten und womöglich ein Autogramm wollten? Um Himmels willen! Das war Phil zu viel, er hat alle auf Abstand gehalten.«

»Sie ebenfalls, während Ihrer gemeinsamen Reise in die USA?«

Schweigen.

»Herr Bilger vermutet, dass zwischen Ihnen etwas vorgefallen ist.«

»So, vermutet er. Wenn der Herr Bilger zu den unmöglichsten Zeiten bei seiner Gattin aufkreuzt, schenkt die ihm ein Glas Wein ein. Auf mich wartet keiner.« Georgia legt eine Pause ein. »Wissen Sie, wie es ist, wenn Sie stundenlang unter Stress gestanden haben und in eine gottverlassene Wohnung kommen?«

Lisa klappt die Sonnenblende herunter. Und ob sie das Gefühl kennt. Aber sie ist im Dienst und Meinolf hört mit. Einen Blick nach links riskiert sie trotzdem.

Er konzentriert sich auf den dichten Verkehr.

Im Spiegel begegnet sie einem Augenpaar und nickt.

HOCH HINAUS

Meinolf biegt in die Tiergartenstraße ein. Hält Georgia von Hustedt ihn für taub? Sie hackt auf den Männern herum, als ob sie mit Lisa allein sei. Alles Nichtsnutze und Chauvinisten. Ihr einziger Held war Phil Kerstensen. Von ihm schwärmt sie in den höchsten Tönen: »Er hat mir zugehört und tausend Fragen gestellt. Über Prominente und weniger bekannte Leute. Wollte wissen, wo jemand geboren und aufgewachsen war. Ob er Frau und Kinder hatte, wie alt die sind … So was geht anderen Kollegen am Popo vorbei. Denen ist immer das nächste Interview am wichtigsten. Echtes Interesse können Sie beim Sender mit der Lupe suchen.«

»Kannte Herr Kerstensen Ihre private Seite auch?«, fragt Lisa.

»Ja. Ihm allein habe ich anvertraut, dass ich nach jeder Entziehungskur rückfällig geworden bin. Ein letztes Mal wollte ich es probieren. Seinetwegen.«

»Wie bitte?«

»Vor einigen Wochen lud er mich in eine Bar ein. Da erzählte er mir, warum er in Washington schlechte Laune hatte. Kurz vor dem Abflug war sein Vater gestorben. Der war Reeder in Hamburg und wollte, dass Phil das Familienerbe antrat. Als er Journalist wurde, brach für den alten Herrn eine Welt zusammen, er schmiss seinen Sohn raus, und versöhnt haben sie sich nie. Nicht mal zum Fernsehpreis hat er Phil gratuliert.«

»Er war also während der Reise in Trauer?«

»Nur darum hat er mir im Hotel seine Tür vor der Nase zugeknallt. Doch in der Bar stellte er eine Frage, die alles wiedergutmachte: ›Wie würdest du das Schlafzimmer deiner Träume einrichten?‹ Geld spiele keine Rolle, sagte er. Ich habe einen Designer angerufen, in dessen Atelier wir vor Jahren gedreht haben. Er ist wählerisch und sucht sich seine Kunden aus. Mir hat er einen Entwurf geschickt.«

»Und wie sah der aus?«

»Ein prachtvolles Himmelbett mit Baldachin, bestickter Tagesdecke und einem Kissenberg. Alles Unikate. Phil hat mich angestrahlt wie ein kleiner Junge unterm Weihnachtsbaum. Er hat sofort bestellt.« In die letzten Worte mischt sich Schluchzen.

Vor dem Felleshus, dem Gemeinschaftshaus der nordischen Botschaften, ist Stau. Staatsbesuch?

Eine Polizeisirene wird lauter. Gegen Georgias Weinkrampf kommt sie nicht an.

Lisa reicht ein Päckchen Taschentücher nach hinten.

»Ich war so glücklich und ging einkaufen«, presst die Walküre hervor und schnäuzt sich die Nase. »Wäsche und schicke Nachthemden für mich. Nun werde ich dieses Zimmer nie sehen. Für Phil und mich gibt’s keine Zukunft mehr.«

Meinolf tritt aufs Gas. Hoffentlich sind sie bald am Ziel. Weiß diese Frau wirklich nicht, dass der Kerl ihr dreist ins Gesicht gelogen hat? Lisa hat das Brautgemach am Morgen beschrieben. Für die Kleider im Schrank hat Georgia von Hustedt die falsche Größe.

Noch fünf, sechs Jahre bis zur Pensionierung. Meinolf hat die Nase voll von all den Lügengeschichten, die ihnen während der Ermittlungen aufgetischt werden, ganz zu schweigen von den unberechenbaren Arbeitszeiten, die Gift für die Gesundheit eines Hauptkommissars sind. Einst hatte er wie Lisa vom oberen Ende der Karriereleiter geträumt, aber Diabetes holte ihn auf den Boden der Tatsachen zurück. Er war damals Mitte dreißig.

»Ich schaffe alles, was ich mir vornehme«, verkündet die Kollegin mit ihren 43 Lenzen gern.

Sie wird lernen, dass sie es nicht allein in der Hand hält, wie ihre Freundin Henriette. Nette Person, eine angenehme Mieterin und lange genug war sie auch eine einsame Seele. Na endlich, da drüben ist die schmale Toreinfahrt in der Keithstraße. Von dort geht es auf den Dienstparkplatz im Hinterhof.

Lisa steigt als Erste aus. Sie steckt ihr Smartphone ein und zerrt am blonden Zopf. Ein paar Locken sind ihm entwischt. Als sie sich vor zwanzig Jahren kennenlernten, trug sie ihre Haare kurz. Wenn sie in einen Regenschauer geriet, sah sie wie ein Pudel aus.

Sie öffnet die hintere Tür und ist Georgia von Hustedt beim Aussteigen behilflich.

»Danke«, schnauft die und mustert Lisa eindringlich. »Jetzt weiß ich wieder, wo wir uns schon mal begegnet sind.«

* * *

Nach knapp zwei Stunden unterschreibt Georgia von Hustedt ihre Aussage und rauscht überraschend friedlich davon. Dass Lisa ihr einst vier Polizisten auf den Hals gehetzt hat, nimmt sie nicht mehr krumm. »An Ihrer Stelle hätte ich’s genauso gemacht.«

Lisa bringt sie zum Ausgang. Als sie wieder in den Flur tritt, beobachtet Meinolf eine wohlbekannte Szene. Hauptkommissar Benjamin Vaatz kommt mit aufgeklapptem Laptop aus einem Büro und rempelt seine Kollegin an.

»Blindgänger«, faucht sie.

»Hast du deine Tage?«, pampt er zurück.

Etwas später wirft er sich auf einen Stuhl am äußersten Ende des geräumigen Chefzimmers. Lisa lehnt an einer Wand. Als Ben frisch im Team war, hatten die beiden sich gut verstanden, aber seit einem Jahr benehmen sie sich wie Hund und Katze.

Theo Wendland, Erster Kriminalhauptkommissar und Leiter der neunten Mordkommission, hat es sich in seinem Ledersessel bequem gemacht. »Also, was haben wir?«, fragt er.

»Einen Toten, der sich einen Dreck um die Gefühle anderer geschert hat«, antwortet Lisa.

»Können wir das mit Sicherheit sagen?«, hakt Ben nach.

Theo will Details über die Befragung wissen.

Lisa berichtet mit der ihr eigenen Präzision.

Meinolf beobachtet seinen Chef, dessen silberner Kugelschreiber unleserliche Stichworte auf einem DIN A 4-Block festhält. Er zieht Kreise, malt Verbindungslinien. Seinen Job hat er zu einer Zeit erlernt, als Geistesblitze auf Papier notiert wurden. Die jungen Leute tippen alles ins Smartphone.

Mit seinem Nachfolger wird hier eine neue Ära anbrechen. Oder mit seiner Nachfolgerin. Meinolf wird es nicht sein, Ben ist erst vor wenigen Wochen aufgestiegen und Taycan Altin, der Jüngste, noch Oberkommissar. Elena Hünecke auch. Sie ist in Lisas Alter. Statt Karriere zu machen, hat sie vor fünf Jahren eine Frau geheiratet und Elternzeit genommen.

Jule, die junge Kollegin, hängt an Lisas Lippen. Für sie ist klar, wer bald auf Theos Sessel thront. Andere begegnen Lisa ebenfalls mit mehr Respekt als früher, seit sie die Akten führt und die zweitwichtigste Person in diesem Raum ist.

Sie fasst den Stand der Ermittlungen zusammen und berichtet von ihren jüngsten Eindrücken. »Zuerst erinnerte mich Georgia von Hustedt an einen Schnellkochtopf, der zu lange auf dem Herd gestanden hat. Hat nicht viel gefehlt und sie wäre explodiert.«

Meinolf nickt. Bei der Befragung war die Walküre dauernd aufgesprungen.

»Verschmähte Liebe? Kein schlechtes Tatmotiv«, sinniert Theo.

»Sie war bis zum frühen Morgen auf Phil Kerstensens Geburtstagsparty«, entgegnet Lisa. »Sternhagelvoll. Sascha Morbeck ist sich hundertprozentig sicher, dass der Mann zu dem Zeitpunkt bereits tot war.«

Ben verschränkt die Arme vor der Brust. »Warten wir ab, was im Autopsiebericht steht.«

»Du hast Georgia nicht erlebt. Sie hätte dem Kerstensen höchstens ein Nudelholz auf den Kopf geknallt. Ihre Hände zittern, weil sie trinkt. Mit einer Pistole hätte sie ein Gemetzel angerichtet und keinen Hinterkopf getroffen.«

»Was ist, wenn die Dame dir etwas vorgespielt hat?«, fragt Ben. »Der Typ hat sie bitter enttäuscht.«

»Sie war nun mal in ihn verschossen und er ein echter Charmeur, der sie dringend brauchte. Er hat ihre Hilfsbereitschaft ausgenutzt, um eine fremde Frau zu erobern.«

»Hatte er das nötig?«, wundert sich Meinolf. »Meine Holde hat seinetwegen immer die Flimmerkiste eingeschaltet. Heute werden Tränen fließen.«

Theo nickt. »Bei uns auch. Susanne ist in Dortmund aufgewachsen und hat den Kerl früher im Regionalfernsehen angehimmelt. Als er dann nicht mehr die Nachrichten vorgelesen, sondern diese Talkshow im Ersten moderiert hat, war sie völlig aus dem Häuschen. Aber nicht, weil die Bundeskanzlerin auf seinem Sofa saß.«

»Hältst du es für möglich, dass wir es mit einem enttäuschten Fan zu tun haben?«, fragt Taycan.

Lisa deutet auf ein Foto vom Tatort, das Kerstensen in der Blutlache zeigt. »Enttäuschte Fans schlitzen Reifen auf oder blasen zum Shitstorm in den sozialen Medien. Das hier war eiskalter Mord. Wenn ihr mich fragt, hat den jemand von langer Hand vorbereitet.«

Taycan massiert sein Kinn. »Wie kommst du darauf?«

»Das Tor zu seinem Grundstück war stets verschlossen und mit einer Alarmanlage gesichert.« Lisa spaziert zu einem Flipchart, das Theo dem neuen abwischbaren Whiteboard vorzieht. Mit schwarzem Filzstift schreibt sie Stichworte auf den Papierbogen, zieht Kreise und malt Verbindungslinien, eine XXL-Version des Gekritzels auf dem Block ihres Chefs. »Kerstensen hat angeblich niemanden hereingelassen, selbst Georgia von Hustedt nicht, als sie mal gemeinsam zu einer Abendveranstaltung eingeladen waren. Er hat vor dem Tor auf sie gewartet. Gestern wusste sie gleich, dass etwas nicht stimmte, als sie bis zur Villa kam und durch die Scheiben spähen konnte.«

Meinolf tritt neben Lisa und heftet Fotos vom Tatort unter ihre Skizzen. »Sämtliche Fenster sind aus Sicherheitsglas und im Garten gibt es Bewegungsmelder. Doch wer riskiert schon Ärger mit den Nachbarn, wenn er am späten Abend mit dem Hund heimkommt, der hinterm Zaun sein Bein hebt? Sicher hat unser Fernsehmann deshalb die Alarmanlage lahmgelegt.«

Ben tippt sich an die Stirn. »Und dann hat so ein blitzgescheiter Mensch vergessen, sie wieder einzuschalten?«

Theo spielt mit seinem Kuli. »Glaubt mir, der Sechzigste ist kein normaler Tag. Mag sein, dass noch jemand telefonisch gratuliert hat. Oder der Mann war nach einem Arbeitstag und der Feier einfach komplett erledigt …«

Lisa fällt ihm ins Wort. »Fragt sich bloß, woher sein letzter Besucher wusste, dass der Weg zur Haustür ausnahmsweise frei war.«

»Du meinst, jemand hat den Eingang beobachtet?«, fragt Ben spöttisch. »Der hat aber Glück gehabt. In der Gegend rufen sie die Streife, sobald einer länger auf dem Bürgersteig herumlungert.«

»Es war dunkel«, meldet Elena sich zu Wort. Wie fast immer, wenn alle anderen ihr Pulver verschossen haben. »Und gegenüber von Kerstensens Villa beginnt der Wald. Habt ihr das Unterholz durchsucht? Vielleicht hatte sich ja dort jemand versteckt.« Sie war nicht mit am Tatort, weil sie trotz der Rufbereitschaft frei hatte. Ihr Sohn feierte seinen sechsten Geburtstag.

Ben knickt ein. »Wann hätten wir das denn machen sollen? Um Mitternacht?« Wortreich beschreibt er das weitläufige Landschaftsschutzgebiet und die verschwindend geringe Chance, ausgerechnet da die berühmte Nadel im Heuhaufen zu finden.

Als er fertig ist, hebt Jule ihre Hand.

»Wir sind hier nicht in der Schule«, brummt Theo.

Aufgeregt dreht sie einen Zopf in ihre braunen Haare. »Bily, also die Hündin des Toten, wollte gestern unbedingt zu einem Haufen Baumstämme. Der liegt am Waldrand. Ich konnte sie kaum festhalten, während wir auf das Auto vom Tierheim gewartet haben.«

Kurz darauf hatte Lisa ihre junge Kollegin, die am liebsten mitgefahren wäre, in den Feierabend geschickt.

»Worauf wartet ihr?« Theo schreibt »Wald« auf das Flipchart, setzt ein Fragezeichen dahinter. »Lisa, Meinolf, Benjamin und Jule, wühlt im Laub und dreht jeden Stein um. Wir brauchen Futter für die Journalisten. In der Pressestelle schrillen pausenlos die Telefone. Wetten, dass uns die Revolverblätter bald ordentlich einheizen?«

* * *

Der Dienst-Opel pflügt durch Pfützen. Aus den himmlischen Schleusen prasselt es kräftig aufs Dach und die Scheibenwischer geben alles.

»Mach mal Radio an«, ruft Ben von hinten.

Lisa wischt über das Display, bis sie radioeins entdeckt.

»Nee, RFB.«

Meinolfs Laune sackt in den Keller. Die beiden in einem Auto, das hat ihm gerade noch gefehlt.

Lisa sucht weiter und schaltet das Radioprogramm des Senders ein, für dessen TV-Sparte Kerstensen gearbeitet hat.

Aus dem Lautsprecher plärrt Werbung. Gleich darauf kündigt eine sonore Stimme die Nachrichten an. Erst kommt Weltpolitik, dann eine Mitteilung in eigener Sache. Der Sprecher verliest einen Text, den sie alle kennen. Theo hat ihn während einer Pressekonferenz zum Fall Kerstensen verteilen lassen. Trotzdem haben ihn die Journalisten mit zahllosen Fragen gelöchert, die er nicht beantworten konnte.

Meinolf rechnet jeden Moment mit einem Anruf seiner Frau. Beim Frühstück war das Radio stumm geblieben und er hatte sich schweigend hinter der Zeitung verschanzt.

»Wir haben Phil Kerstensen sehr geschätzt«, fährt die Nachrichtenstimme fort. »Umso schlimmer hat uns seine Ermordung getroffen. Exklusive Details zum Tathergang präsentieren wir Ihnen um 18.30 Uhr in unserem Fernsehmagazin ›Spezial‹.«

Ausgerechnet die Boulevardsendung vor dem »Abendblick«, die sich für keinen Klatsch zu schade ist!

»Lisa, ist dir was rausgerutscht?«, motzt Ben.

»Nein.«

»Wäre mir aufgefallen«, springt Meinolf ihr bei.

»Und woher sind diese brandheißen Infos?«

»Georgia von Hustedt war früher Fachfrau für Sex und Crime.« Meinolf schüttelt sich. »Sie hat den Kerstensen gefunden und garantiert was zusammenfantasiert.«

Vor ihnen tauchen Zäune und hohe Mauern auf. Das Anwesen von Walter Rathenau, dem Außenminister der Weimarer Republik, und die Villa des Verlegers Ullstein, in der jetzt Wohnungen vermietet werden. Heutzutage halten Prominente, die zwischen Koenigs- und Clayallee logieren, ihre Adressen geheim. In manch einem Interview rutscht ihnen schließlich doch heraus, in welcher Nachbarschaft sie sich niedergelassen haben, und der Stolz steht ihnen ins Gesicht geschrieben.

Ein Blitz teilt den Himmel, Regen überschwemmt die Straße und von allen Seiten spritzt Wasser vor die Windschutzscheibe. Meinolf fährt rechts ran. »Ich seh nichts mehr.« Durchs Seitenfenster entdeckt er eine Limousine, die in eine breite Einfahrt gleitet. Ob am Steuer ein Chauffeur sitzt, der anderen die Türen aufhält und sie mit einem Schirm vor dem Wolkenbruch schützt?

Langsam fährt Meinolf weiter. Der Asphalt glänzt im Schein von Gaslaternen, wie es sie schon in den Zwanzigerjahren gab und die sonst um diese Uhrzeit ausgeschaltet sind.

Vor Philipp Kerstensens Anwesen ist es genauso voll wie gestern. Im »Mordbus«, der mit allem ausgestattet ist, was die Spurensicherer brauchen, war für Sascha wohl kein Platz. Sein privates Motorrad steht hinter dem grauen Mercedes-Transporter und blockiert die letzte Parklücke.

Ein Glück, es hellt sich auf. Meinolf hält in einer Seitenstraße an.

Jule öffnet die Tür. Sie schert sich nicht um Blitz und Donner, läuft voraus, macht wieder kehrt. »Wo bleibt ihr denn?«

Ben streift eine Regenjacke über.

Lisa hüllt sich in ihre Lederkutte.

Meinolf holt einen Schirm aus dem Kofferraum. Er hält ihn über sich und die Kollegin.

»Weicheier«, schnaubt Ben und folgt Jule. Kurz darauf flüchtet er unter einen dicht belaubten Ahorn, dessen Blätterdach nur wenige Regentropfen durchlässt.

Jule deutet auf einen Holzhaufen. »Den meinte ich. Kann sein, dass das Forstamt ihn verkaufen will. Aber die Behörde hätte einen ordentlichen Stapel aufschichten lassen und dann wären nicht so viele Äste liegengeblieben.«

Ben bückt sich nach Federn, die vom erfolglosen Kampf eines Vogels gegen seinen Jäger erzählen. Kopf und Schnabel sind übrig. Er richtet sich auf, schiebt die Hände in die Taschen seiner Jeans. »Woher weißt du das?«

»Ich war früher bei den Pfadfindern. Da haben wir Holz, das keiner brauchte, vor den nächstbesten Baum geschleppt. Wir sind hochgeklettert. Wenn es einer bis zur Krone geschafft hatte, wurde der Turm umgekippt.«

»Wozu?«, fragt Ben.

»Mutprobe. Zum Schluss mussten wir springen. Ringsherum sah es wie hier aus.«

Lisa nimmt den Baumwipfel ins Visier. »Hilf mir mal«, sagt sie zu Jule.

Die beiden stapeln Holz. Ben schaut zu, Meinolf packt mit an. Das lenkt ihn von seinen klammen Zehen ab. Obwohl ihm überhaupt nicht gefällt, dass seine Lieblingskollegin hinauf in das grüne Dickicht will. Bis nach oben müssen es mindestens zehn Meter sein. Diese behelfsmäßige Leiter wirkt alles andere als stabil.

Doch Lisa fackelt nicht lange und klettert flink dorthin, wo der efeuumrankte Stamm sich teilt und die Äste dünner werden. Plötzlich pfeift sie laut durch die Zähne. Nanu? Dafür kassiert Meinolf immer ihre strafenden Blicke.

Er steht bereit, um sie aufzufangen.

Sie rutscht wie ein geölter Blitz den Stamm hinab.

»Hast du was entdeckt?«, ruft Jule.

»Eine Überwachungskamera, kaum größer als ein Hühnerei. Und einen schwarzen Kasten, den ich erst für ein Handy gehalten habe. Vermutlich ein Solarpanel. Davon hat Sascha mir vor einiger Zeit erzählt. Solche Webcams funktionieren ohne Strom aus der Steckdose. Die Videos werden auf Laptops und Smartphones übertragen.«

»Wer braucht denn so was?«, fragt Jule.

»Keine Ahnung. Kostet jedenfalls nicht viel und kannst du online kaufen.«

Jetzt lässt Meinolf einen Pfiff los. »Darum wusste unser Täter so gut über Kerstensen Bescheid! Seine Haustür ist direkt gegenüber. Unten versperrt das Gartentor die Sicht, aber von oben ist das sicher kein Problem … Da hat jemand bequem zu Hause eine günstige Gelegenheit abgewartet.«

»Dafür müsste er in der Nähe wohnen«, erwidert Jule.

»Oder er ist extra hergekommen, weil Kerstensens Sechzigster kein Geheimnis war«, kontert Ben. »Das Grünzeug dort drüben ist plattgetreten. Könnte etwas für die Spurensicherer sein.«

Ausnahmsweise pflichtet Lisa ihm bei. »Ich rede mit ihnen. Sie sollen auch die Kamera abmontieren. Vielleicht finden wir heraus, wohin die Daten übermittelt wurden.«

* * *

Seine Frau ist nicht da, als er heimkommt. Im Kühlschrank steht kein abgedeckter Teller für die Mikrowelle. Meinolf nimmt die letzte Dose »Reis mit Huhn« aus dem Vorratsschrank und wärmt den Inhalt auf. Allein essen ist deprimierend und lässt ihn an Georgia von Hustedts unverhohlene Bitterkeit denken. Eine einsame Wohnung, steht die ihm etwa selbst bevor? Ach was, Amelie wird schnell zurück sein.

Die heutige Ausgabe der Klatschsendung »Spezial« ist in der Mediathek abrufbar. Von Meinolfs Löffel tropft Brühe auf den Wohnzimmertisch, als Georgia auftritt. Die Schleife an ihrem schwarzen Kleid ist geöffnet. Steigt die Quote, wenn das Dekolleté solch tiefe Einblicke zulässt? Bei der Befragung hatte die Trauer der Walküre echt gewirkt. Doch dieses Süßholzgeraspel über einen Toten, dessen Abfuhr sie Monate zuvor so verletzt hat, wirkt wie einstudiert. Hat jemand anders den Text geschrieben?

Den Hund ihres Kollegen will sie gerettet haben. »Um ein Haar wäre Bily verhungert und verdurstet.« Mit großen Gesten schildert sie ihre Tat. »Die Kleine hat herzzerreißend gejault und um ihr totes Herrchen geweint.«

Scheinheiliges Getue.

ZWISCHENRUF

Aus der Ferne

Nie mehr wird er aus der grünen Tür treten. Auf seinem Grundstück treiben sich nur Menschen in weißen Overalls herum. Sie sollen endlich verschwinden! Ich will die Webcam holen, die eine wasserdichte Hülle vor dem Unwetter schützt.

Aber ich fürchte, diese Leute werden bald den Wald und das Moor dahinter durchkämmen. Warum auch nicht? In meinem Leben ist jede denkbare Katastrophe eingetroffen.

Phils Gesicht starrte mich aus einer Illustrierten an, als ich in einem Café am Kurfürstendamm saß und nichtsahnend darin blätterte. Er würde nach Berlin ziehen und Chef einer neuen Nachrichtensendung werden. In dem Bericht hieß es, dass ein fürstliches Gehalt der Grund sei. Beinahe hätte ich gelacht. Mit Geld war Phil nicht zu locken. Seine Familie hat genug. Die Kündigung beim öffentlich-rechtlichen Sender muss ihn den letzten Respekt seines versnobten Vaters gekostet haben.

Ehe er wieder in meine Nähe kam, war ich fort. Einmal mehr auf der Flucht und überzeugt, dass ich ihm entkommen sei. Ein fataler Irrtum.

Doch Phil hat mich unterschätzt. Ein letztes Mal duckte ich mich, dann beschloss ich, das unwürdige Spiel zu beenden. Es war keine Kunst, seine Privatadresse herauszufinden.

Ich betrachte den Ort, an dem ich mir die Zukunft zurückgeholt habe. Im Erkerzimmer könnten Kinder aufwachsen. Die Vorstellung, dass da eine Familie wohnt, gefällt mir. Offene Fenster, fröhliche Stimmen, die über den Rasen schallen, eine Mutter am Gartenzaun. Beim Spazierengehen winke ich ihr zu.

Warum wackelt das Bild? Etwas zieht an meiner Kamera vorbei, blitzschnell und zu nah, um es zu erkennen. Haut, helle Haare? Meine Hände stoßen das Glas mit dem teuren Weißwein um. Er tropft auf den Boden vor meinem Bett.

Als ich die Pfütze fortgewischt habe, klappt ein Mann seinen Regenschirm zu und hebt das rot-weiße Band mit dem Wort »Polizeiabsperrung« hoch. Seine drei Begleiter bücken sich, kriechen hindurch und spazieren durch Phils Tor. Eine Frau in schwarzer Lederjacke deutet hierhin und dorthin, während einer aus der Runde in die entgegengesetzte Richtung läuft. Sie löst ihren Zopf. Blonde Locken plustern sich wie das Gefieder einer fetten Henne auf.

Auf einen der Overallträger marschiert sie zu. Einen schwarzhaarigen Mann, der seine Kapuze abgenommen hat und auf der Terrasse steht. Sie dreht sich um, zeigt auf mich, nein, die Kamera, die ich in der Dämmerung eines Frühlingsabends mit Kabelbinder an einem stabilen Ast befestigt habe. Selbstbewusstsein liegt in ihrer breitbeinigen Haltung und der Art, wie sie herumfuchtelt.

Ich zoome ihr Gesicht größer. Zusammengepresste Lippen, der Rest ist auf meinem Tablet verpixelt. Trotzdem könnte ich schwören, dass in ihren Augen dieselbe Entschlossenheit liegt, die mir aus dem Spiegel entgegenblickt.

Komm mir nicht zu nah. Vielleicht bist du bei der Polizei eine große Nummer, aber in meiner Welt kannst du nur verlieren. Jemand wie du begreift die Regeln nicht. Oder warst du je ganz unten?

ZWISCHEN HERZ UND HIRN

Der wuchtige Schreibtisch hätte in eine Zeit gepasst, als reiche Männer Zylinder trugen und Kutschen besaßen. Polierte Oberflächen aus Mahagoni, Messinggriffe an den Schubladen, die Unterlage ist aus dickem, dunkelbraunem Leder. Ein Erbstück der Familie Kerstensen? Jetzt hat es seinen Platz im Erker unter einer Dachschräge.

Lisa fragt sich, wie viele Möbelpacker auf der schmalen Holztreppe ins Schwitzen geraten sind.

»Die Stiege kannst du mit wenigen Handgriffen hochziehen«, sagt Sascha. »Dann hast du hier oben deine Ruhe.«

»Wozu soll das gut sein, wenn jemand allein lebt?«

»Tja, da lässt mich meine Fantasie im Stich. Ich dachte, du könntest ihr auf die Sprünge helfen.«

Lisa beugt sich über eine Tischleuchte mit Metallschirm. Im selben Moment schießt ein stechender Schmerz in ihren Rücken.

»Ist was?«, fragt Sascha.

Sie schüttelt den Kopf, reibt über die vertraute Stelle. So schlimm war es lange nicht. Verräterischer Körper, der sich beim Gedanken an ein Schlafzimmer unter ihnen verkrampft und gleichzeitig nichts lieber täte, als sich dort wieder umzusehen. Ihre Fingerspitzen kribbeln bei der Erinnerung an Stoffe, die die Haut umschmeicheln, ohne sie zu wärmen.

Der Schreibtisch ist die einzige Antiquität im Erkerzimmer. Alles Übrige wirkt modern und teuer. Die kabellose Tastatur aus hellem Holz für den Computer, der große Bildschirm und der Laserdrucker. Sein eigenes Sideboard hat Kerstensen nicht mit einer Trophäe, sondern mit einer vergoldeten Miniatur des Kölner Doms dekoriert. Ein Karnevalsorden liegt daneben.

Sascha öffnet einen Rollcontainer. Er nimmt einen abgestoßenen Keramikbecher mit der Aufschrift »Kölle alaaf« aus der obersten Schublade. »Ob Kerstensen Heimweh hatte?«

Lisa nagt an den Knöcheln ihrer Faust. Sie hat der Domstadt vor zwei Jahrzehnten den Rücken gekehrt. Damals war sie eine gescheiterte Studentin und ihr letztes Geld hatte knapp bis zum ersten Gehalt bei der Polizei gereicht. Sie war einsam gewesen, anders als ein Promi, um den sich alle möglichen Menschen gerissen hatten.

»Kann sein«, antwortet sie und versteckt die lädierte Faust in der Hosentasche. »Hätte er mit den neuen Kollegen etwas anfangen können, wäre er sicher länger auf seiner Geburtstagsparty geblieben.«

»Muss ja nicht an denen gelegen haben«, spöttelt Sascha und zieht weitere Schubladen auf. »Dasselbe wie in den meisten Schränken. Entweder war er zu beschäftigt, um vor seinem Umzug auszumisten, oder wir haben es mit einem waschechten Messie zu tun.« Er wuchtet einen Stapel Prospekte auf die Tischplatte.

Widerwillig blättert Lisa darin. Sie hat sich schon häufiger durch die Hinterlassenschaften eines Toten gewühlt. Aber in diesem Büro, direkt über dem Schlafzimmer mit einem Schrank voll Dessous und enger Kleider, hält sie es kaum aus.

Vielleicht sollte sie auf Henriette hören. Niemand würde Fragen stellen, wenn sich eine Kriminalhauptkommissarin, die nie ausfällt, krankschreiben lässt. Eine Magen-Darm-Grippe kann Tage dauern, und mit etwas Glück ist der Fall schnell aufgeklärt.

»Sag mal, bist du noch da?«, grummelt Sascha.

»Ich kriege in dieser muffigen Bude keine Luft.«

Er deutet auf eine Transportbox, die an der Wand steht und zur Hälfte mit Papieren gefüllt ist. »Was glaubst du, wie es mir geht? Lass uns das ganze Zeug einpacken und hilf mir beim Tragen.«

Erleichtert schaufelt Lisa hinein, was sie zuvor in den Händen gehalten hat. Zeitschriften mit Eselsohren aus mindestens drei Jahrzehnten, einen Pappkarton voll Fotos, pralle Hängeregister. Aus einem purzeln Kino- und Theaterkarten. Sie bückt sich und hebt sie auf. »Alle von 2013. Ein Messie, der seinen Kram sortiert?«

Sascha zuckt die Achseln. »Auf jeden Fall ein Typ mit Macke.« Er wirft alte Werbezettel in den Karton. Lisa legt einen Flyer, der auf den Boden gefallen war, dazu. Er wirbt für Sicherheit im Straßenverkehr.

Zusammen schleppen sie die schwere Transportkiste nach unten. Lisa bleibt in ihrer gekrümmten Haltung, bis Saschas Aufmerksamkeit abgelenkt ist. Ein Kriminaltechniker rückt mit vollen Asservatenbeuteln an.

Während die Männer über Solarpanele und Überwachungskameras fachsimpeln, richtet Lisa sich langsam auf. Sie hält sich am Kamin fest. Noch mehr solcher Tage und sie muss keine Krankheit vorschützen.

* * *

Diese Nacht war auch nicht besser als die letzte. Die Kaffeemaschine hat endgültig den Dienst quittiert. Vor der Morgenrunde mit den Kollegen sitzt Lisa wieder im »Café H.«.

»Wie gestern und hinterher eine Schmerztablette?«, fragt Henriette.

»Lieber zwei.«

»So geht das nicht weiter!«