Schwesternzeiten - Anke Schläger - E-Book
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Anke Schläger

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Beschreibung

Urlaub mit der Zwillingsschwester – nach fünf Jahren Funkstille? Merle und Hannah raufen sich ihrer Oma Sophie zuliebe zusammen. Deren Versuch, die Enkelinnen zu versöhnen, bringt sie nach einem unglücklichen Sturz ins Pflegeheim. Dort holt Sophie die Vergangenheit ein: ihre eigene Zwillingsschwester Ida, die tief enttäuscht vor langer Zeit auf eine kroatische Insel flüchtete und von der es kein Lebenszeichen mehr gibt. Hannah und Merle folgen Idas Spur durch blühende Lavendelfelder … und erfüllen sich selbst und ihrer Familie mehr als einen Herzenswunsch. Ein Roman über neue Anfänge, für die es nie zu spät ist. Über das unsichtbare Band zwischen Geschwistern und die Kraft der Versöhnung.

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Veröffentlichungsjahr: 2022

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SCHWESTERNZEITEN

ROMAN

ANKE SCHLÄGER

INHALT

Prolog

1. Pirat im Kaninchenstall

2. Trostschokolade

3. Scherben und Hortensien

4. Nachtschicht

5. Späte Einsichten

6. Klettertour mit Folgen

7. Schatzsuche

8. Marijana

9. Lange Schatten

10. Zwei Ketten

11. Zwischen den Ufern

12. Begegnung am Hafen

13. Sackgassen

14. Kroatische Gastfreundschaft

15. Im Dunkeln

16. Familiengeschichten

17. Zwischentöne

18. Blühende Agaven

19. Blaue Bucht

20. Erste Hilfe

21. Verwunschener Garten

22. Wiedersehen

23. Kettenreaktion

24. Alle für eine

25. Ungeschminkte Wahrheit

26. Wo Schwalben nisten

27. Sonnenblumen und Lavendel

Epilog

Nachwort

Über die Autorin

28. Sonnenplätze

Prolog: Im Schaukelstuhl

29. Angelogen

30. Weitere Bücher von Anke Schläger:

Nicht weil die Dinge unerreichbar sind, wagen wir sie nicht.

Weil wir sie nicht wagen, bleiben sie unerreichbar.

Lucius Annaeus Seneca

PROLOG

Das alte Straßenpflaster glänzt im Lichtschein. Bald wird sich der Platz vor der Kathedrale mit Urlaubern füllen. Die ersten haben in den Hotels und Restaurants zu Abend gegessen. Sie schlendern zur Kaimauer, fotografieren die Boote im Hafen, genießen ein Eis oder vertreiben sich anderweitig die Zeit, ehe das Nachtleben beginnt. Noch dringt keine Musik bis hinauf nach Groda, wo einst der Adel residierte.

Ida beugt sich über die eiserne Brüstung ihres Balkons. Ein letzter Blick auf die Stadt zur blauen Stunde. Sie reißt sich los. Ihre Tage hier oben sind gezählt. In der Bar neben dem Theater hat das Schicksal zwei junge Menschen zusammengeführt und auch ihr eine Tür geöffnet.

Sie geht in die Küche und wählt eine Telefonnummer in Deutschland.

»Na endlich! Ich dachte schon, du rufst nie mehr an«, trompetet Merle freudig los.

»Gut Ding will Weile haben.«

»Heißt das, du hast es dir überlegt?«

Ida nimmt den Apparat vom rechten Ohr, mit dem sie besser hört. Hält Merle sie etwa für taub?

»Tut mir einen Gefallen«, antwortet sie. »Bereitet eure Oma diesmal schonend vor. Ich nehme an, sie hat keine Ahnung, was ihr zwei ausgeheckt habt?«

Merles Schweigen sagt alles. Ida sieht sie vor sich. Einen ähnlichen blonden Kurzhaarschnitt trug sie selbst bei ihrer Ankunft auf der kroatischen Adriainsel Hvar, die fast fünfzig Jahre zurückliegt. Sonst hat diese junge Frau wenig von ihr. Die andere mit der langen Mähne tritt forscher auf.

Erstaunlich, dass ausgerechnet Merle die Dinge ins Rollen gebracht hat. Anfangs hatte sie Ida an eine Sonnenblume erinnert, die Aufmerksamkeit und viel Wasser braucht. Dann hatte sich das Mädchen so wacker geschlagen wie der winzige Lavendelbusch auf dem spätsommerlich heißen Balkon. Ein paar lilablaue Blüten sprießen sogar jetzt noch, im September.

Ida gießt das Töpfchen. Sie wird es mitnehmen.

PIRAT IM KANINCHENSTALL

Fünf Monate zuvor

Ich kann nicht mehr!« Merle wischt sich den Schweiß von der Stirn und verflucht Kirstens dumme Idee.

»Wir sind gleich da«, feuert die Freundin sie an.

Von wegen. Über ihnen erhebt sich eine Pyramide aus Stahl. Ein Aussichtsturm mit 387 Stufen, die Merle nach dem steilen Serpentinenweg bezwingen muss. Der höchste Punkt des Ruhrgebiets thront auf der Abraumhalde einer ehemaligen Schachtanlage.

»Da oben liegt dir die Welt zu Füßen«, ruft Kirsten.

Merle schließt die Augen.

»Angsthase. Du kriegst auch eine Belohnung. Ich spendiere dir die beste Currywurst im Pott.«

Merle setzt ihren Rucksack ab.

»Was ist los?«

»Davon hast du nichts gesagt.« Sie zieht ihren Terminkalender hervor und kritzelt auf die Seite für den Ostersamstag das Stichwort »Currywurst«.

»Schon wieder eine To-do-Liste?«, fragt Kirsten genervt.

Merle sinkt auf eine Bank und klappt das hellblaue Büchlein zu. Mit letzter Kraft schraubt sie eine Wasserflasche auf. Lautes Zischen. Eine kleine Fontäne spritzt ihre Hände nass. Wehe, wenn Kirsten feixt. Wären sie bloß zu Hause geblieben! Doch auf dem Sofa und bei einer halben Flasche Tequila ist ihnen kein besserer Ausweg eingefallen.

»In drei Wochen bin ich eine Witzfigur«, hatte Merle gejammert. Anfang Mai steht ihr die erste Klassenfahrt als Referendarin bevor. Kurz vor den Ferien hat ihr Betreuungslehrer mit einem Prospekt gewedelt: »Von München aus geht’s in einen Hochseilgarten.«

Er ahnt nicht, dass Merle auf jeder Leiter schlecht wird.

Und auf dem Tetraeder von Bottrop soll sie ihre Höhenangst überwinden? Sie hat sich den Stahlkoloss kleiner vorgestellt. Ihr Herz rast. Warum ist sie nicht weiter ins Fitnessstudio gegangen? Nach der Schule ist sie fix und fertig, darum. Ihre blauweiße Leinenhose, die im vergangenen Sommer noch gepasst hat, kneift am Bauch.

Hannah, ihre Zwillingsschwester, war immer rank und schlank.

Merle springt auf, stolpert, und die Flasche fällt zu Boden. Weg hier! Sie will nicht an Hannah denken und steuert entschlossen auf die Stahltreppe zu.

»Warte«, ruft Kirsten.

Fester Griff um das Geländer und nach oben schauen. Eine Sandale auf die erste Stufe. Das Metall wirkt stabil. Es hält auch den zweiten Schritt aus, den dritten, den vierten. Über Merle ist der Himmel blau und keine Wolke in Sicht.

Ein Mann mit Sonnenbrille drängt vorbei und rammt ihr einen Ellenbogen in die Seite.

Hannah hätte ihm einen passenden Spruch hinterhergeschickt. Merle senkt den Blick. Ein Riesenfehler. Die Stufen haben Löcher. Der Asphalt unter ihren Füßen scheint unendlich weit entfernt. Im Magen macht sich ein flaues Gefühl breit.

Kirsten holt sie ein. »Kopf hoch. Wie wir’s besprochen hatten.«

»Geht nicht.«

»Aber sicher, du musst nur wollen.«

Geschafft! Die erste Plattform. An der Brüstung drängeln sich Ausflügler und knipsen mit ihren Handys drauflos.

Merle ergattert eine Lücke. »Gib mir einen Moment.«

»Du bist ganz blass.«

»Ich hätte unten bleiben sollen.« Jetzt sitzt ein Pärchen auf der Bank. Die Frau trägt ihre blonden Haare lang, wie Hannah.

Merle tastet über ihren kurzen Schopf.

»Hallo, aufwachen!« Kirsten knufft sie und legt einen Arm um ihre Schulter.

Merle holt Luft, hustet, nimmt einen zweiten Anlauf. »Da unten, die Blonde … Sie ähnelt meiner Schwester.«

»Hast du vergessen, dass die am anderen Ende der Welt lebt?«

Merle beißt sich auf die Lippen und starrt in das unendliche Blau.

Nach dieser Etappe steht ihnen eine bevor, die sie auf schwindelerregende 32 Höhenmeter führt. Wenn schon. Was Merle sich vornimmt, schafft sie. Sonst hätte sie sich nie mehr aufgerappelt, nachdem Hannah aus ihrem Leben verschwunden war.

»Halt dich mit beiden Händen am Geländer fest.« Kirsten schiebt Merle voran.

Eine andere Blondine zieht an ihnen vorbei. Sie hat zu viel Lidschatten und Rouge aufgelegt, wie Hannah früher.

Merle zwingt die bleischweren Beine weiter.

Das unbeschwerte Lachen über ihr lässt sie innehalten und bringt ihr einen Rippenstoß von Kirsten ein. Sie stolpert auf die zweite Plattform, taumelt gegen die Brüstung und fasst ins Leere.

»Hoppla!« Kräftige Arme fangen Merle auf. Braune Haut, und das im April.

»Danke.« Sie findet ihr Gleichgewicht wieder.

Der Mann lässt sie los.

Ein frischer Wind bläst ihr ins Gesicht. Sie zittert. Aber die dritte Aussichtsebene ist zum Greifen nahe und liegt nur sechs Meter über der zweiten. Lächerlich!

»Was denn?«, fragt eine belustigte Stimme. Sie gehört dem baumlangen Kerl, der Merle festgehalten hat. Mit seiner roten Mähne, die ihm bis zur Schulter reicht, wäre er die Idealbesetzung für einen Piratenfilm.

»Ich hab bloß ein klitzekleines Stück vor mir …«

»Hört sich nach Schwerstarbeit an.«

Mit dem Piraten, der ungefähr so alt wie sie sein muss, hat sie nicht gesprochen.

»Ich heiße Tim. Verrätst du mir deinen Namen?«

»Merle.«

»Warum willst du dir noch einen Aufstieg antun, Merle?«

Der ist ja schnell beim »Du«. Soll er ruhig. Sein gönnerhafter Tonfall ist schlimmer. Mit dem hat Hannah sie stets zur Weißglut getrieben.

»Meine Sache«, faucht Merle und trabt los. Sind schließlich nur ein paar Stufen.

Mist! Sie hat eine Brücke vergessen, die aufwärts führt und deren Bild ihr im Internet eine Heidenangst eingejagt hat. Ringsherum ist sie von Metallgitter umgeben, wie der Kaninchenstall von Oma.

Vorsichtig einen Fuß auf den dünnen, löchrigen Boden setzen. Darunter ist das Nichts. Wie viel Gewicht hält er aus? Nicht grübeln, Kopf hoch. Merle blinzelt. Die Plattform dort oben scheint sich zu drehen. Alle Konturen verschwimmen in einem dichten Nebel, und die Knie verwandeln sich in Wackelpudding.

»Stopp!« Die braungebrannten Arme halten sie fest. Der Pirat ist ihr in den Kaninchenstall gefolgt. »Das ist nichts für dich.« Er schiebt sie vorwärts, wie vorhin Kirsten, doch mit mehr Kraft und in die entgegengesetzte Richtung.

Merle wischt sich die feuchten Hände an der Hose ab. Schlappgemacht, mal wieder.

Die Freundin kommt ihnen entgegen.

»Habt ihr zwei etwa eine Wette laufen?«, fragt Tim.

Merle schüttelt entschieden den Kopf. »Kirsten wollte mir helfen. Ich hab Höhenangst.«

»Und die kuriert ihr mit einer Schocktherapie?«

»Merle rennt die Zeit davon.«

»Wieso?«

»Sie ist Referendarin und muss mit ihren Schülern in einen Hochseilgarten. Davor hat sie Schiss.«

Merle setzt den dunkelblauen Rucksack ab, bückt sich und packt ihren Kalender aus. Sie streicht den Ostersamstag durch. Heute gibt’s keinen Haken. Und die Currywurst wird sie sich verkneifen, damit sie die Hose nicht einmotten muss.

»Entspann dich.« Tims Stimme dringt wie durch Watte zu ihr durch. »Du hast es bis hierher geschafft. 32 Meter! So hoch geht’s in keinem Kletterpark hinaus.«

»Dafür gibt es dort Brücken, die wie ein Schiff bei Seegang schwanken.« Merle klammert sich am Geländer fest.

Tim schmunzelt. »Halb so wild. Was hältst du von einem Crashkurs auf einem Segelboot? Ein Freund von mir macht seins gerade flott. Ganz in der Nähe, auf dem Baldeneysee. An Bord ist locker Platz für vier.«

Kirsten streicht ihre Lockenpracht zurück. »Ich bin dabei.« Sie zupft an ihrem Top, dessen Ausschnitt tiefer rutscht. Ihre Zungenspitze gleitet über die Lippen.

Was soll das denn? Seit sie wieder solo ist, dreht sie bei jeder Gelegenheit so auf. Wie neulich während einer Party, als sie einen Typ angebaggert hatte, der vorher lange mit Merle auf der Tanzfläche gewesen war. Spät in der Nacht war er mit Kirsten verschwunden.

Nun zwinkert sie Tim zu. Alles klar!

Er reagiert nicht und bugsiert Merle zur Treppe. »Pass auf«, sagt er leise, »wir zwei gehen da zusammen runter. Keine Angst, du fällst nicht. Versprochen.« Er umfasst ihre Hüfte. »Tief und gleichmäßig atmen. In den Bauch hinein, gaaanz langsam, das machst du prima …«

Tim scheint zu wissen, was er tut. Merle schickt ein Stoßgebet in das strahlende Blau und versucht, die Stufen zu zählen. Sinnlos. Die Hand, die sie durch den Stoff ihres T-Shirts spürt, bringt sie durcheinander. Eine große Hand, warm und ab der zehnten oder elften Stufe vertraut.

Wohlbehalten erreichen sie die erste Plattform.

Tim lockert seinen Griff. »Herzlichen Glückwunsch!«

Kirsten holt sie ein. »Sag mal, bist du Seelenklempner?«

Tim grinst. »Nein, Pfleger in einem Seniorenheim.«

Ach du Schande! Helfersyndrom, sonst nichts. Hat Merle auf ihn wie eine alte Frau gewirkt, die nicht allein aus dem Bett kommt? Und sie hatte gehofft …

Er stupst sie an. »Startklar für den Endspurt?«

Sie braucht doch kein Mitleid! »Den Rest schaffe ich allein«, verkündet sie und dreht sich um. Festhalten, den Blick geradeaus. Na bitte! Lange vor Tim und Kirsten ist sie unten. Den Trip in den Hochseilgarten wird sie auch überleben.

Tim holt sie ein und klopft ihr auf die Schulter. »Gut gemacht.«

Wie oft sagt er das jeden Tag zu den alten Herrschaften?

»Mein Fahrrad steht da hinten. Kann ich das in euren Kofferraum legen, wenn ich euch zum See lotse?«

Merle traut ihren Ohren nicht. Mit keinem Wort hat sie dem Ausflug zugestimmt. Trotzdem haben die beiden längst alles hinter ihrem Rücken besprochen. Dann geht es Tim wohl nur um Kirsten, die ihn mit ihrer Masche eingewickelt hat. Merle ist überflüssig, wie immer, wenn eine andere Frau ins Spiel kommt. Jetzt Boot fahren und später zusehen, wie aus dem Geturtel mehr wird? Schönen Dank! Sie hat ihre Lektion vor Jahren bei Hannah gelernt.

»Mir egal«, presst sie mühsam hervor. »Ist ja dein Auto, Kirsten.«

Die macht ein verdutztes Gesicht.

»Ich wünsche euch viel Spaß«, legt Merle nach. »Aber ohne mich. Setzt mich unterwegs am Bahnhof ab. Ich fahre mit dem Zug zurück.«

TROSTSCHOKOLADE

Die Kleine hockt mal wieder heulend auf dem Sofa. Sophie Dahlbusch reicht ihrer Enkelin ein sauberes Taschentuch. Das Häufchen Elend will 25 Jahre alt sein?

Merle hat die Arme um sich geschlungen. Ihre Schminke ist verschmiert. »Nach zwei Stunden war ich zu Hause«, schnieft sie. »Den Tag hatte ich mir anders vorgestellt!«

Sophie begreift, dass Merle auf ihre Freundin Kirsten und ein männliches Wesen sauer ist. »Wollten sie dich nicht mit an den See nehmen?«

»Doch.«

»Dann putz dir die Nase und verrat mir, was gestern wirklich los war.«

Schweigen.

»Wie wär’s mit einer Tasse heißer Schokolade?«

Merle schnäuzt sich ausgiebig.

Sophie erhebt sich und setzt vorsichtig einen Fuß vor den anderen. Sie sieht schlechter als früher und hat Angst vor dem Augenarzt. Was ist, wenn sie operiert werden muss? Da draußen wollen eine kleine Schafherde und ein halbes Dutzend Kaninchen versorgt werden.

Ach was, für fast achtzig Lenze hat Sophie sich hervorragend gehalten. Seit ihr Mann nicht mehr lebt, kümmert sie sich allein um den kleinen Hof. In der Scheune mit den Fachwerkbalken, die sie als frisch verliebtes Paar zum gemütlichen Wohnhaus umgebaut haben, lassen sich auch dunkle Stunden aushalten. Alles ist so geblieben wie zu Winfrieds Zeiten. Nur die Spülmaschine hat gerade den Geist aufgegeben.

Sophie stellt den Milchtopf auf den Herd. Wie damals, ehe Merle bei ihr eingezogen war. Über sieben Jahre liegt das denkwürdige Wochenende zurück, an dem sie ihren 72. Geburtstag feiern wollte und die Enkelinnen volljährig wurden. Sophie hatte gehofft, dass sie auf das Ereignis zusammen anstoßen würden.

Als eine tränenüberströmte Merle vor ihrer Tür gestanden hatte, war der Wunschtraum geplatzt. »Kann ich dein Gästezimmer haben?«, hatte sie geschluchzt.

»Was halten denn dein Vater und Hannah davon?«

Die Kleine hatte angefangen zu bibbern. »Wenn du mich nicht haben willst, Oma, haue ich ab. Auf Nimmerwiedersehen!«

Die selbstbewusste Hannah hatte Merle den ersten Freund ausgespannt. Ausgerechnet an jenem Morgen hatte der Knabe unter der Dusche des Badezimmers gestanden, das die Schwestern sich teilten.

Sophie hatte die Streithennen nicht versöhnen können. Bis zum Abitur hatte Merle bei ihr gewohnt, bevor sie zum Studieren nach Münster gegangen und dort geblieben war. Hannah dagegen hatte drei Ausbildungen abgebrochen. Schließlich war sie einem reichen Hallodri nach San Francisco gefolgt.

Seit diesen Tagen hat schon manche Tasse Trinkschokolade Merles Seelenschmerz gelindert. Sophie balanciert das Tablett Richtung Sofa.

»Sei ehrlich, Kind. Wovor bist du diesmal weggelaufen?«

»Vor einer Enttäuschung. Dieser Tim hat mir gefallen. Ich dachte, er würde sich auch für mich interessieren. Dann hat Kirsten alle Register gezogen. Brust raus, die ganze Palette … Wie Hannah früher. Ich weiß genau, wie es weitergegangen wäre.«

»Wie denn?«

»Autsch!« Merle hat sich die Zunge verbrannt. Ein brauner See schwappt auf die Untertasse. Sie springt auf und eilt in die Küche.

Sophie schüttelt den Kopf. So wird das nie etwas mit Merle und den Männern. Bis jetzt hat sie ihrer Oma keinen einzigen vorgestellt. Wenn sie vorsichtig nachfragt, winkt das Mädchen ab. An den Herren der Schöpfung liegt es garantiert nicht. Die drehen sich auf der Straße durchaus nach der hübschen Blondine um. Doch sie rennt weiter, als ob sie blind und taub wäre. Soll daran immer noch die Schlappe von damals schuld sein?

Merle wischt mit einem Schwammtuch und mürrischer Miene auf dem Tisch herum.

»Hannah kann nichts dafür«, sagt Sophie leise.

»Klar.«

»Aber?«

»Egal, wo sie lebt, sie ist immer da. Die Erinnerung versaut mir jeden Spaß. Und wenn etwas schiefgeht, kehrt meine Schwester erst recht zurück und lacht mich aus.«

»Das hat sie nie getan.«

»Wenn du wüsstest, Oma.«

»Ihr habt euch beide nichts geschenkt.«

»Willst du etwa behaupten, dass ich angefangen habe?«, fragt Merle empört.

»Nein. Ich wünschte nur, ihr hättet ein einziges Mal miteinander geredet. Wie zwei erwachsene Menschen.«

»Zu spät.«

»Bist du sicher? Vielleicht ruft sie dich eines Tages an.«

»Nach fünf Jahren Funkstille, Oma? Ich würde das Gespräch wegdrücken!«

Die Kleine bleibt sich treu. Leider. Sophie wärmt ihre kalten Hände an der Tasse. Wie lange soll sie denn noch die Neuigkeit geheim halten, die ihr seit Wochen den Schlaf raubt?

Hannah ist wieder im Lande. Sie rechnet damit, dass ihre Familie sie nicht mit offenen Armen empfangen wird. Sophies kleinen Hof am Rand ihrer westfälischen Heimatstadt Brocke hat sie besucht, doch zu ihrem Elternhaus wenige Straßen weiter hat sie sich nicht getraut. Und selbst bei ihrer Oma hätte sie sich kaum freiwillig blicken lassen. Ein Zufall hat sie zusammengeführt.

Sophie war mit Bus und Bummelzug nach Bielefeld gefahren, um eine alte Schulfreundin zu besuchen. Die Tour sollte mit Umsteigen und Wartezeiten fast eine Stunde dauern. Unterwegs wäre jeder Strauß verwelkt. Darum fragte sie sich nach dem Aussteigen zum nächstliegenden Blumengeschäft durch.

»Ich schicke Ihnen jemanden«, sagte die Frau am Verkaufstresen.

Einen Moment später war Hannah um die Ecke gebogen und der Großmutter sprachlos um den Hals gefallen.

Inzwischen haben sie über die Vergangenheit gesprochen, den plötzlichen Aufbruch und was ihm vorausgegangen war. Sophie macht sich ihre eigenen Vorwürfe. Hannah hat sich verändert. Warum will Merle nicht begreifen, dass es zwischen Schwarz und Weiß jede Menge Grautöne gibt? So war es schon immer, auch vor mehr als fünfzig Jahren, bei einem anderen Zwillingspaar …

Sophie leert ihre Tasse. »Von deinem Gestammel hab ich vorhin höchstens die Hälfte verstanden. Kannst du noch mal von vorn anfangen?«

Merle legt los. Sie verhaspelt sich. Als sie von ihrer Angst in luftiger Höhe erzählt, wirkt sie wie ein Küken, das aus dem Nest gefallen ist. Wie durch ein Wunder ist ein Retter aufgekreuzt. Scheint ein patenter Junge zu sein.

»Warum hast du ihm denn keine Chance gegeben?«

»Weil er zum Schluss nur Kirsten angeglotzt hat. Ich kann’s sogar verstehen. Seit ich jeden Tag in die Schule muss, hab ich drei Kilo zugenommen. Wenn ich wenigstens meine langen Haare behalten hätte …« Frustriert drischt Merle auf ein Sofakissen ein.

»Bei dir ist die Tasse immer halb leer.«

»Meinst du, Kirsten hätte mir den Piraten freiwillig überlassen? Ha!«

»Musst du so schreien? Ruf sie an. Für mich klingt es so, als habe dieser Tim bei dir landen wollen und nicht bei ihr.«

»Und wenn ich die zwei aus dem Bett hole?«

»Kannst du weiterheulen, und ich koche neue Trostschokolade.«

»Willst du etwa mit mir wetten, Oma?«

Sophie nickt. In ihrem Kopf formt sich eine Idee. »Falls du mit deiner Unkerei recht behältst, schenke ich dir die Kakaodose. Ich habe sie gestern beim Bäcker gekauft.«

Merle zieht die Nase kraus. »Was passiert, wenn ich verliere?«

»Dann machen wir zwei einen Ausflug nach Bielefeld.«

* * *

Merle übernimmt den Abwasch. Sophie tritt mit dem Handy, das ihr Sohn für sie besorgt hat, in den Sonnenschein. Rainer sagt, dass sie es stets dabeihaben soll. »Stell dir vor, du rutschst im Winter beim Schneeschippen aus.« Er hat alle möglichen Telefonnummern eingespeichert, sogar Kirstens, die schon oft übers Wochenende mitgekommen ist.

Etwas später beendet Sophie das Gespräch. Sie ist hochzufrieden. Merles beste Freundin hat tatsächlich einen romantischen Abend hinter sich. Auf dem Segelboot, aber ohne Tim.

»Sie haben haushoch gewonnen, Frau Dahlbusch«, hat Kirsten lachend gerufen.

Sophie hat im Hintergrund Musik und leises Rascheln vernommen.

Ob Merle jetzt einsichtig wird? Sie kann stur wie die Schafe sein, die den Futtertrog links liegen lassen und ungeduldig blöken. Die verzogene Bande hat es auf die Leckerlis in Sophies Rocktaschen abgesehen und gibt erst Ruhe, als sie die letzten Krümel herausgerückt hat.

Bei den Kaninchen entdeckt sie Merle. Die Kleine steht vor den Ställen und schiebt Selma und Gerda Möhren durch die Luke. Nebenan, bei Hannes, liegen nur Salatblätter.

Sophie spendiert dem armen Kerl eine Karotte mehr als sonst. »Denk an unsere Wette und ruf deine Freundin an.«

Merle verdrückt sich.

Sophie nimmt eine Zeitschrift mit dem jüngsten Klatsch aus Europas Königshäusern vom Wohnzimmertisch und sinkt aufs Sofa. Durch die dünne Wand zur Küche dringt aufgeregtes Geplapper. Es zieht sich hin. Merle und Kirsten haben offenbar ihren Zwist beigelegt.

Ach was, die Queen soll warten. Sophie erhebt sich, schließt die Terrassentür von außen und klappt ihren Liegestuhl neben einem Beet mit zarten Pflänzchen auf. Die Sonnenblumen sind aus dem Winterschlaf erwacht.

Sie holt das Handy wieder hervor und tippt auf den Namen »Hannah«.

SCHERBEN UND HORTENSIEN

Sind die Narzissen etwa frisch?«, schnarrt die Chefin.

Hannah zuckt zusammen.

Frau Poll hat sich unbemerkt herangeschlichen. Sie trägt Leinenschuhe und keine Clogs wie Hannah. »Du weißt doch, dass sie erst ihren giftigen Schleim loswerden müssen. Wo hast du nur deinen Kopf?«

Allen Auszubildenden hat sie eingebläut, dass diese Blumen sich nicht gleich mit den anderen vertragen. Darum gehören Osterglocken, wie Hannah sie lieber nennt, für einen Tag in den roten Eimer. Und aus dem hat sie sich bedient.

Sie nimmt den Strauß mit nach hinten, in den Arbeitsraum jenseits des Verkaufstresens. Ihre Gedanken kreisen um Omas Anruf. So einfach, wie sie glaubt, wird ein Wiedersehen mit Merle nicht einzufädeln sein.

Hannah schiebt es vor sich her, seit sie ein halbes Jahr zuvor aus den USA zurückgekehrt ist. Am Frankfurter Flughafen hatte sie sich in einen Zug Richtung Heimat gesetzt, an die Zeit vor ihrem überstürzten Aufbruch gedacht und das letzte bisschen Mut verloren. Statt in Bielefeld umzusteigen, hatte sie in einem billigen Hotel am Bahnhof eingecheckt und später in der Nachbarschaft ein möbliertes Zimmer gemietet. Vier Stockwerke darunter liegt Frau Polls Filiale, in der Hannah nach einem Job gefragt hatte und manchmal immer noch arbeitet, wenn sie im Gartencenter draußen am Stadtrand nicht gebraucht wird. In dem kleinen Laden war plötzlich Oma aufgekreuzt und wollte Blumen für eine alte Freundin kaufen. Sie hatte Hannah sofort in die Arme geschlossen, zu sich nach Hause eingeladen und ihre Geschichte angehört. Ohne Merle Bescheid zu sagen. Hannah war erleichtert gewesen.

Dass es nicht ewig so weitergeht, weiß sie selbst. Aber sie hat Angst. Vor ihren eigenen Erinnerungen und vor den stummen Vorwürfen im Gesicht ihrer Schwester. Und bei Omas Vorschlag wird ihr erst recht mulmig. Sie soll ein Café in der Innenstadt aufsuchen und dort auf die beiden warten.

Merle wird zu Hause bleiben, wenn sie davon erfährt.

Frau Poll steckt die Nase durch die Tür. »Hast du im Gewächshaus gegossen?«

Hannah schüttelt den Kopf.

»Du bist heute dran«, verkündet die Chefin und schwadroniert vom bevorstehenden Muttertag. Dann verkaufen sich Hortensien wie die sprichwörtlichen warmen Semmeln. Dummerweise nehmen sie es übel, wenn sie zu wenig Wasser bekommen.

Vor Hannahs innerem Auge tauchen zwei Jugendzimmer auf. Merle hatte ihre himmelblauen Hortensien hingebungsvoll gegossen und über die Rumpelkammer nebenan ihre Nase gerümpft. Auf der Fensterbank ihrer Schwester hielten nur Kakteen durch.

Doch Jahre später, in San Francisco, hatte eine rosa Magnolie Hannahs Aufmerksamkeit geweckt. Sie stand auf der Dachterrasse ihres Lebensgefährten Greg, und der Kübel war für die Pflanze längst zu klein geworden. Hannah ließ sich das Umtopfen beibringen, pflegte das Bäumchen und nahm es mit, als von ihrem vermeintlichen Glück mit Greg nichts mehr übrig war. Die Frau, die sie bei sich wohnen ließ, holte sie mit dem Lieferwagen ab. Ihr gehört eine große Gärtnerei, in der Hannah alles lernte, was sie jetzt gebrauchen kann. Sie ist die älteste Auszubildende, die Frau Poll je eingestellt hat.

Hannah greift sich eine Kanne, ehe ihr die schlaffen Blätter der Hortensien den nächsten Anschiss einbringen. Blühpflanzen kommen Topf für Topf dran, und keine der Kolleginnen reißt sich um den Job. Nur das reine Grünzeug wird mit dem Schlauch abgebraust.

Ob Merle noch für diese Blumen schwärmt? In Frau Polls Hortensienparadies hat kürzlich das Fernsehen gedreht. Die Reporterin war staunend durch die himmelblauen Reihen geschritten und hatte das schönste Exemplar eingesackt.

Hannah ruft Oma an. »Ich weiß, welchen Köder du auslegen musst.«

* * *

Ausgerechnet heute ist der Wurm drin. Hannah hat verschlafen und muss zur Strafe Dünger in die Regale räumen. Sie verwechselt die Flaschen für Zitruspflanzen mit denen für Rosen und fängt von vorn an.

Die anderen Azubis rackern auch. Freitags binden sie Sträuße im Akkord, die fix und fertig auf eilige Kundschaft warten. Hannah reiht sich am Arbeitstisch ein und zieht Tulpen aus einem Eimer.

»Kannst du nicht zählen?«, herrscht eine laute Stimme sie an.

Ach du grüne Neune, sie hat drei zu viel genommen. Frau Poll betet mal wieder herunter, wie teuer die im Einkauf sind, und wirft ihr billiges Schleierkraut hin.

Hannah fügt sich. Hoffentlich war das die letzte Panne für diesen Tag. Sie will Überstunden abbummeln, wenn Oma mit Merle eintrifft. Die Chefin weiß Bescheid und erwartet, dass Hannah vorher ihre Aufgaben erledigt.

Aus der Mittagspause wird nichts. Bloß gut, dass in den Tiefen von Hannahs Umhängetasche ein vergessenes Käsebrötchen liegt.

»Seid ihr fertig?«, ruft Frau Poll und klatscht in die Hände. Sie hat den Rest der Mannschaft im Schlepptau und wartet, bis gespannte Stille einsetzt. »Die Gartensaison steht vor der Tür, und die Konkurrenz schläft nicht«, dröhnt sie. »Wir müssen für die Sommerpflanzen Platz schaffen. Heute wird umgeräumt und neu dekoriert.«

Hannah stöhnt leise. Wenn sie nicht Gas gibt, kann sie den frühen Feierabend abschreiben. Sie schnappt sich eine Transportkarre. »Wohin zuerst?«

»Zu den Kakteen und Orchideen. Die verkaufen sich im Winter besser und kommen auf einen Tisch.«

Hannah zieht los, schiebt die stacheligen Kugeln zusammen und belädt ihren Wagen mit Frauenschuh und Cambria. Für alle wird’s hier reichlich eng, aber bitte, wenn die Chefin es so will …

Zwischendurch schlingt sie ihr Brötchen herunter, eilt in den Waschraum und spritzt sich Wasser ins erhitzte Gesicht. Was wohl die Kolleginnen sagen, wenn hier eine zweite Hannah auftaucht?, fragt sie sich beim Blick in den Spiegel.

Dabei ist Merle alles andere. Die Unterschiede waren von Anfang an da. Als Achtjährige zupfte sie ängstlich an Hannahs T-Shirt, wenn die bei den Nachbarn Kirschen klauen ging. Trotzdem stand Merle Schmiere, und am Gymnasium paukte sie mit Hannah, damit sie beide versetzt wurden. Nur über den Atlantik ist sie Hannah nicht gefolgt. Merle mit ihrer Höhenangst würde freiwillig nie in einen Flieger steigen.

Hannah hatte selbst gezittert. Sie war überzeugt gewesen, dass Merle und Papa sie mit allen Kräften zurückhalten würden. Doch die hatten sie abgeschrieben. Wegen der Schule, die sie nach der zehnten Klasse geschmissen hatte, wegen der Geschichte mit Merles erstem Freund, und Mamas Unfall hatten sie auch nicht vergessen. Hannah war die Letzte gewesen, mit der die Mutter gesprochen hatte. »Ich melde mich«, hatte Mama gerufen und den Anruf weggedrückt. Sekunden später war sie mit ihrem Auto gegen einen Baum gerast.

Bei der Beerdigung hatte die vierzehnjährige Hannah das Schweigen ihrer Schwester auf die Trauer und den Schock geschoben. Als sie den wahren Grund erfuhr, verlor sie jeden Halt.

Sie tröstete sich mit den Jungs, die ihr in Scharen nachliefen. Mit einem kippte sie Jahre später zur Feier ihres achtzehnten Geburtstags harte Drinks. Den schmuggelte sie in ihr Zimmer, an der braven Merle vorbei, und begriff am nächsten Morgen, was sie angerichtet hatte.

Merle tauchte endgültig ab. Vor Hannahs Abflug in die USA hatte sie nicht mal »tschüss« gesagt.

Hoffentlich ist dieses Überraschungstreffen kein Fehler.

»Das darf doch nicht wahr sein!« Frau Polls empörte Stimme gellt durchs Gewächshaus.

Hannah reißt sich von ihrem Spiegelbild los und eilt zu den Kakteen.

»Weg damit«, schnaubt die Chefin. »Und zwar flott!«

»Warum?«

»Weil der ganze Tisch noch dreckig ist.«

Hannah räumt ihn leer, holt Eimer und Allzweckreiniger. Das alte Holz saugt die Feuchtigkeit wie ein Schwamm auf. Weiter unten klirrt es. Toll, zu allem Überfluss sind auf dem Boden ein paar Töpfe umgekippt und Orchideenzweige abgeknickt. Hannahs T-Shirt klebt vom Schweiß, obwohl kein Sonnenstrahl durchs Glasdach fällt.

Zwischen den Hortensienreihen ist es auch nicht kälter, aber dort scheint jemand zu frieren. Eine blonde Frau mit kurzen Haaren. Sie knöpft ihre himmelblaue Wolljacke zu.

Hannah hält inne und klammert sich mit weichen Knien an der Tischkante fest. Die Geste ist ihr vertraut. Als sie Kinder waren, hatte Merle bei jeder Gelegenheit Reißverschlüsse hochgezogen. Nun tropft Regen auf die Scheiben. Sie schließt genauso hektisch wie früher den obersten Knopf.

Hannah holt tief Luft, wirft den Putzlappen in den Eimer und pirscht sich so leise, wie die Clogs es zulassen, von hinten an ihre Schwester heran.

Die hat einen Rucksack vor sich abgesetzt und fotografiert das Blütenmeer mit dem Smartphone.

Hannah tippt ihr auf die Schulter.

Merle dreht sich um. Sie reißt die Augen auf und hält sich an einem Regal mit Übertöpfen fest.

»Lass das lieber, sonst gibt’s einen Scherbenhaufen.«

Merle beginnt zu zittern. Sie kreuzt die Hände vor der Brust und rubbelt damit über die Oberarme. »Hannah?«, flüstert sie.

»Ja. Kein Gespenst.« Hannah tritt näher, und Merles Atem trifft ihre Nasenspitze.

Die Schwester weicht zurück. »Ich dachte, du lebst in San Francisco!«

»Nicht mehr, wie du siehst.«

»Warum?«

»Für mich war’s der falsche Ort«, sagt Hannah, und das ist die reine Wahrheit.

»Seit wann bist du wieder da?«

»Noch nicht lange«, schwindelt sie. »Ich mache hier eine Ausbildung zur Floristin.«

Merle nestelt an ihren gegelten Haarspitzen herum, mit denen sie wie ein stacheliger Igel aussieht. »Nun weiß ich, warum Oma mir von diesem Laden vorgeschwärmt hat.« Es klingt vorwurfsvoll.

»Wo steckt sie denn?«

»Gegenüber im Kiosk. Ich hole sie.« Merle flüchtet ins Freie.

Hannah ahnt, warum sich die Großmutter in die kleine Bude verkrümelt hat. Nicht wegen der Illustrierten, mit denen sie sich immer zum Wochenende eindeckt, sondern weil sie sich vor dem Zusammentreffen ihrer Enkelinnen drücken wollte. Schlau von ihr.

Die beiden lassen auf sich warten. Hannah hat schon den Tisch abgewischt und die ersten Pflanzen auf ihre Plätze gestellt, als hinter ihr etwas mit Getöse umfällt.

»Tut mir leid«, ruft Oma erschrocken.

Hannah umarmt sie, murmelt: »Halb so wild« und bückt sich nach den Keramikscherben.

Prompt schießt Frau Poll um die Ecke.

Oma zückt ihr Portemonnaie. »Den Schaden bezahle ich natürlich.«

Die Chefin inspiziert Hannahs Werk. Sie stemmt die Hände in die Hüften. »Du hast die mickrigsten Dinger nach vorn gestellt. An denen läuft die Kundschaft vorbei. Wo sind unsere Prachtexemplare?«

Hannah schluckt.

Frau Poll eilt weiter.

»Kneifzange«, grummelt Oma.

»Lass mich mal ran«, springt Kollegin Agnes ein. »Kümmere du dich um deinen Besuch.« Sie knipst den Orchideen, die Hannah in der hintersten Reihe versteckt hat, ihre lädierten Zweige ab.

»Du bist ein Engel, Agnes!«

»Willst du uns nicht ein bisschen herumführen?«, fragt Oma.

Hannah nickt. »Wusstet ihr, dass es in der Natur keine blauen Hortensien gibt?«

Zweifaches Kopfschütteln.

»Sie sind eigentlich rosa. Die Farbe ändert sich durch Aluminiumsalz in der Erde.«

»Das ist doch giftig!« Merle stellt eine üppig blühende Pflanze zurück. Ihre Hände hinterlassen auf der himmelblauen Jacke eine braune Spur.

Oma reicht ihr ein Taschentuch. »Hab dich nicht so. Verrat mir lieber, ob ich die beiden Hortensien, die du mir im letzten Jahr geschenkt hast, jetzt noch umtopfen kann.«

»Klar, aber beeil dich damit. Sonst blühen sie zu Weihnachten.«

Hinter ihnen lacht Agnes laut auf.

Hannah prustet auch los, weil zwei andere Floristinnen verrückte Gartenzwerge nach draußen schleppen. Die tragen Sonnenbrillen und sind mit Goldlack eingesprüht.

»Wir gehen nachher etwas trinken«, sagt die eine. »Kommst du mit, Hannah?«

Sie verneint.

»Schade«, ruft die andere. »Mit dir macht es immer am meisten Spaß!«

Merles Mundwinkel sind nach unten gerutscht. Sie kickt gegen eine Palette mit reduzierten Margeriten. »Lass dich nicht aufhalten, wenn du etwas Besseres vorhast.«

Hannah zählt in Gedanken bis zehn und winkt den Kolleginnen solange durch die Scheibe zu.

»Oma, wir sind überflüssig«, knurrt Merle.

Eine faltige Hand legt sich auf den blauen Jackenärmel. »Blödsinn.«

Merle reißt sich los. Sie nimmt die drei Treppenstufen zum Verkaufsraum auf einmal und ist weg.

Hannah rennt hinterher und schrammt haarscharf am Regal mit dem Dünger vorbei. Plötzlich ein dumpfer Schlag. Keine Flaschen, die von den Brettern gekippt sind – etwas Großes ist auf den Beton gestürzt. Gleichzeitig schreit jemand, und Hannah begreift mit Verspätung, dass es Oma ist.

Sie dreht sich um. »Nein!«

Oma liegt auf dem Boden und neben ihr eine schwere Schubkarre aus Metall. Vorhin war sie mit Hyazinthentöpfen beladen. Von denen sind die meisten zu Bruch gegangen.

Agnes, die eine Erste-Hilfe-Ausbildung absolviert hat, eilt herbei.

Hannah wirft sich auf die Knie und streichelt Omas Gesicht.

»Mein Bein«, wimmert Sophie.

Agnes holt ihr Handy aus der Kitteltasche. »Such deine Schwester, Hannah. Ich rufe einen Krankenwagen.«

NACHTSCHICHT

Seit fast einer Stunde wird Oma hinter verschlossenen Türen verarztet. Merle starrt die Wand der Notaufnahme an und sieht die immer gleichen Szenen. Viele Scherben, ein schmerzverzerrtes Gesicht und Rettungssanitäter. Doch Oma ist noch da. Mama hingegen war von einem Tag zum anderen fort gewesen.

Nicht daran denken. Die hellgrünen Krankenhauswände haben die Farbe von Omas Erbsensuppe. Heute hatte es nur ein Butterbrot gegeben, weil Sophie morgens beim Friseur war. Wenn ihre grauen Löckchen in Form sind, ähnelt sie der britischen Königin.

Merle erhebt sich von dem unbequemen Plastikstuhl. »Ich hab Hunger.«

Hannah schreckt hoch. »Bring mir was zu essen mit.« Sie schließt die Augen wieder.

Schlank war sie früher schon. Aber so abgehärmt hatte sie nie ausgesehen.

Merle kauft in der Cafeteria neben der Krankenhauspforte Kaffee, belegte Brötchen und Schokoriegel. Als sie zurückkehrt, ist die Schwester eingenickt.

Merle hält ihr einen dampfenden Pappbecher unter die Nase. »Aufwachen!«

Hannahs Hände zucken hoch. Heiße, braune Brühe spritzt auf Merles nagelneue Jacke.

»Tut mir leid.«

Merle reicht Hannah schweigend eins der eingepackten Salamibrötchen. Andere Sorten gab es nicht. Diese hier schmecken, als ob sie von gestern sind.

»Wir müssen Papa Bescheid sagen«, sagt Merle.

Hannahs Kaffee schwappt über.

Merle ruft ihn an. Es hilft nichts, nebenan liegt seine Mutter, und er arbeitet selbst in einer Klinik. Als Chirurg wird er wissen, was zu tun ist. Streiten können sie sich hinterher. Vor zwei Monaten ist eine Frau namens Anja bei ihm eingezogen. Der Pflichtbesuch, zu dem Merle sich Ostern aufgerafft hatte, war schnell und nach einem heftigen Krach beendet gewesen.

Bei Papa springt die Sprachbox an. Nie ist er da, wenn er dringend gebraucht wird! Widerwillig hinterlässt Merle ihm eine Nachricht.

»Sie können zu der Patientin hineingehen«, unterbricht die freundliche Stimme einer Krankenschwester ihre Gedanken.

Hannah stopft den Rest ihres Brötchens in die Jackentasche. »Na los«, flüstert sie Merle zu.

Gemeinsam drücken sie die Türklinke zum Behandlungsraum herunter.

Oma liegt auf einer schmalen Pritsche. Sie steckt in einem weißblau gemusterten Hemd, das hinten offen ist. Ihre Löckchen sind durcheinandergeraten. Der Abdruck auf ihrer Stirn erinnert Merle an das Gummiband einer Duschhaube.

»Ich gebe Ihnen eine Tetanusspritze«, verkündet ein junger Mann.

Merle beäugt das Schild auf seinem Kittel. Nur ein Name, kein Doktortitel.

»Muss das sein?«, hakt sie nach.

»Wir wollen doch keinen Wundstarrkrampf riskieren.« Er deutet auf das große Pflaster an Omas Stirn. Es verbirgt eine Schramme, die vom Sturz stammt und heftig geblutet hat.

Die Großmutter erträgt ihre Impfung mit zusammengeballten Fäusten.

Der Mann schenkt ihr ein warmes Lächeln. »Frau Dahlbusch, Sie müssen bei uns bleiben.«

Oma antwortet mit einem tiefen Seufzer.

»Warum?«, fragt Hannah.

»Sie hat sich den linken Oberschenkelhals gebrochen und wird so bald wie möglich operiert.«

Oma greift nach Merles und Hannahs Händen. »Kümmert euch bitte um meine Tiere!«

Ach herrje, die Kaninchen haben Kohldampf, und die Schafe erst … Im Kopf legt Merle die nächste To-do-Liste an.

Opa Winfried hat ebenfalls vorausgedacht und eine teure Versicherung für Oma abgeschlossen. Im Krankenhaus ist sie Privatpatientin und bekommt ein Einzelzimmer.

* * *

Merle lenkt ihren himmelblauen Smart an blühenden Rapsfeldern vorbei und schaltet das Radio ein. Lieber Musik hören als die Vorwürfe im eigenen Kopf. Oma könnte putzmunter neben ihr sitzen. Wie lange braucht so ein Bruch, bis er heilt?

Nun ist Hannah an ihrer Seite und holt ein Feuerzeug aus ihrem buntgemusterten Beutel. Sie spielt damit herum, steckt es wieder ein, räuspert sich. »Wie soll es denn jetzt weitergehen?«

Merle nimmt den Fuß vom Gas. Hilflos zuckt sie die Achseln. Sie muss zurück nach Münster. In wenigen Tagen beginnt die Klassenfahrt. Papa und seine neue Freundin arbeiten auch. Ob die zwei nebenbei Omas Haus und die Tiere versorgen können?

Die Zwillinge schweigen sich an, bis sie die Kleinstadt Brocke erreichen, in der sie aufgewachsen sind. An einer roten Ampel schaut Merle zum Gymnasium.

»Weißt du noch?«, fragt sie leise.

Hannah nickt.

Das Dach krönt ein Türmchen, in dessen Fenster die letzten Sonnenstrahlen blitzen. Die grauen Schindeln verbergen eine Glocke, die Hannah vor vielen Jahren zum Klingen bringen wollte, obwohl der Aufstieg in das morsche Gebälk streng verboten war. Für solche Streiche hatte der Hausmeister einen siebten Sinn gehabt. Doch Merle hatte ihn abgelenkt, und Hannah kam ungeschoren davon. Sie ließ den Schlüssel zum Turmzimmer mitgehen und versteckte ihn bei Oma.

Merle vergewissert sich oft, dass er an seinem Platz geblieben ist. Er liegt unter einem losen Brett hinter dem Stall von Hannes, und manchmal tropfen Tränen in sein weiches Kaninchenfell.

Sie lässt die Innenstadt hinter sich, biegt zum Fluss ab und kurbelt das Fenster herunter. An der ehemaligen Wassermühle haben Angler ihre Ruten ausgeworfen. Hühner gackern, es stinkt nach Kuhmist.

Als sie vor Omas Hof halten, dringt von der Weide lautes Blöken herüber. Merle knallt die Autotür zu und will schnurstracks loslaufen.

»Stopp«, ruft Hannah. »Lass deine schicke Jacke lieber hier.«

Merle zieht sie aus und schließt eine Holztür auf, an deren Innenseite zwei alte Kittel hängen.

Die Schwestern schlüpfen hinein.

»Mäh«, tönt es hinter ihnen.

Am Zaun drängeln Schafe, die mit ihren schwarz umrandeten Augen wie Popstars von vorgestern aussehen. Kerry-Hill heißt die Rasse. Oma hat zwei der Damen Agnetha und Anni-Frid getauft und auch den neuen jungen Bock nach den Sängern der Gruppe Abba benannt. Die dritte im Bunde ist Tina, weil Opa ein Fan von Tina Turner war. Nun gibt es Nachwuchs, und abends, wenn die Lämmer satt sind, werden die jungen Mütter noch mal gemolken.

Benny stampft ungeduldig mit den Hufen und lugt in den leeren Trog.

»Dein Harem ist zuerst dran«, antwortet Merle und öffnet das Tor zur Scheune.

Hannah begrüßt das Trio mit einem Eimer Kraftfutter, den Oma bereitgestellt hat. Merle flitzt zum Wohnhaus, holt Kühlakkus und legt sie in eine große Plastikbox voller Milchkannen, die immer unterm Küchentisch steht. Sie feuchtet einen Stapel Eutertücher an. Es dauert geschlagene zehn Minuten, bis sie mit Sack und Pack zurück ist.

Hannah rollt den Melkstand aus seiner Ecke.

Merle schaut ihr dabei zu. Sie haben beide diese strahlend blauen Augen über hohen Wangenknochen, doch die Schwester mit der Wespentaille hätte Model werden können. Ihr langes Haar glänzt seidig wie eh und je. Aber wo sind Lidschatten, Rouge und die übrige Schminke geblieben? Ohne Make-up wirkt Hannah älter als die paar Minuten, die sie Merle von Geburt an voraushat.

»Bist du fertig?«, fragt sie spöttisch.

»Womit?«

»Du guckst mich an wie einen verwelkten Blumenstrauß. Ist dir nicht aufgefallen, dass der Eimer leer ist?« Hannah leint Agnetha an. Merle legt einen Hebel um, und die Schafsdame fährt einen knappen halben Meter in die Höhe.

»Melk du«, sagt Hannah. »Ich bin aus der Übung.«

Merle nimmt auf einem Schemel Platz. Sie streichelt den Euter, bis etwas Milch herausrinnt, und fängt sie in einem kleinen Topf auf. Dann wischt sie alle Zitzen mit den feuchten Tüchern ab. Reine Vorsicht, damit die Milch, die sie anschließend abdrückt, ohne Bakterien in die Kannen fließt.

»Die Nächste bitte«, ruft Merle, und Hannah senkt die Mini-Hebebühne.

Als Merle die vollen Kannen in Omas Küche schleppt, ist es dunkel. Sie filtert die Milch und stellt sie in den Kühlschrank. Hannah zieht mit einer Taschenlampe los und füllt den Futtertrog auf der Weide. Am Ende treffen sie sich vor den Kaninchenställen. Hannes stürzt sich auf sein Abendessen. Seine Nachbarin Hermine straft die Möhren mit Verachtung.

»Heute wird gefressen, was in den Napf kommt«, brummt Merle.

»Kriegt die bei Oma Extrawürste?«

»Ich frage sie morgen, was der Zicke nicht passt. Jetzt reicht’s. Ich bin hundemüde.«

Hannah gähnt. Sie schaut auf ihr Handy. »Halb elf, und ich muss noch nach Hause!«

So platt, wie Merle ist, würde jede weitere Autotour in einem Graben enden. Und nach diesem aufwühlenden Tag Hannah wieder ziehen lassen?

Merle streicht wie zufällig über das Brett, unter dem sich der alte Schlüssel verbirgt. »Willst du nicht in meinem Zimmer übernachten, Hannah? Ich kann mich ja bei Oma einquartieren.« Sie schaltet schnell die Deckenleuchte aus. Sonst sieht ihr die Schwester womöglich an der Nasenspitze an, dass Merle sich nichts sehnlicher wünscht.

* * *

Das Frühstück bereitet Merle vor. Sie kocht doppelt so viel Kaffee wie sonst, und stärker ist er auch. Oma und Mama sind durch ihre Träume gegeistert. Morgens um vier war es mit dem Schlaf vorbei, und sie hat Listen in ihren Terminkalender gekritzelt, die keinen Sinn ergeben.

Bei Hannah rührt sich nichts. Beneidenswert.

Merle schrotet Dinkel, füllt Müslischalen und holt ein Glas Erdbeermarmelade aus der Speisekammer. Sie öffnet das Küchenfenster. Draußen bewegt sich etwas.

»Hannah?«

»Gleich!«

Minuten später tritt die Schwester durch die Tür. Sie riecht nach Zigarettenqualm.

»Wann hast du dir das denn angewöhnt?«, fragt Merle entsetzt.

»Eigentlich war ich drüber weg. Ich hab die Schachtel für Notfälle eingepackt.«

Merle gießt schweigend Kaffee ein.

Hannah will kein Müsli. Fehlt nur, dass sie ihre Nase rümpft wie die anspruchsvolle Karnickeldame Hermine.

»Mit dem Notfall meine ich Papa.« Hannah hält sich an der Tasse fest. Ihre Mundwinkel zittern.

»Hast du etwa Angst vor ihm?«

»Und wie.«

Gestern hatte er zurückgerufen, während die Zwillinge im Flur gestanden und nicht gewusst hatten, was sie außer »Gute Nacht« noch sagen sollten. Er war auf einem Ärztekongress in Österreich gewesen und hatte versprochen, dass er den nächsten Flieger nach Hause nehmen würde. Sie werden ihn im Krankenhaus treffen.

Hannah war fluchtartig in Merles altem Zimmer verschwunden. Die Neuigkeit, dass seine zweite Tochter wieder da ist, hatte er mit keiner Silbe kommentiert.

Nun knabbert Hannah lustlos an einer trockenen Scheibe Toast.

Merle leert ihre Schale und ist satt. Papas Schweigen ist ein schlechtes Zeichen. Sie hat selbst Muffensausen.

Hannahs Haare hängen schlapp herunter. Sie mustert ihre Augenringe in einem Handspiegel und klappt ihn schnell zu.

Merle holt Make-up und Puder aus ihrer Kulturtasche. »Wir hatten wohl beide eine miese Nacht.«

»Wen wundert’s?«, entgegnet Hannah. Das Schminkzeug will sie nicht. »Aber kannst du mir ein frisches T-Shirt leihen?«

In Merles Rucksack liegen zwei blaue. Eins hat einen tiefen Ausschnitt, wie Hannahs heißgeliebte Tops von damals. Doch sie nimmt das andere mit den vielen Knöpfen und schließt sogar den obersten.

In Omas Kleiderschrank entdecken sie eine Reisetasche mit drei Nachthemden, einer Strickjacke und einem Kulturbeutel, der Deo, Seife und Antifaltencreme enthält. Allzeit bereit für einen Aufenthalt im Krankenhaus?

Hannah füllt die Schafstränke und kommt hinkend in die Küche. Benny hat ihr seine Hörner in die Kniekehlen gerammt. Um ein Haar hätte sie kopfüber im Dreck gelegen. Sie krempelt die Hosenbeine hoch.

»Das wird ein Bluterguss«, unkt Merle, bückt sich und tastet vorsichtig eine rote Stelle ab. »Willst du eine Schmerztablette?«

Hannah füllt ein Glas mit Wasser. »Gern. Hast du zufällig auch eine Tarnkappe dabei?«

Auf der Fahrt in die Klinik krümmt sie sich im Sitz zusammen, als ob sie Bauchweh hätte. Sie fingert an ihrem Feuerzeug herum. Am liebsten würde Merle anhalten und sie in den Arm nehmen. So, wie sie es gestern Abend vorgehabt hatte. Musste Papa anrufen, als sie beinahe so weit war? Hannah hatte die Tür fest geschlossen und Merle war davongeschlichen.

Wenn sie doch jetzt in der Frühlingssonne herumspazieren könnten! Vielleicht wäre die Welt hinterher heller.

Hannah hat einen Tag Urlaub genommen. Sie starrt aus dem Fenster und ist ganz woanders.

Merle gibt Gas und folgt den Wegweisern zum Bielefelder Krankenhaus.

Der Geruch nach Desinfektionsmitteln, Medikamenten und Mittagessen weckt auch in ihrem Magen ein flaues Gefühl. Aber sie kämpft sich weiter vor. Oma wartet auf ihre Sachen. Es ist nicht ihre Schuld, dass sie zwischen diesen hellgrünen Wänden liegen muss.

Merle klopft an die Scheibe des Schwesternzimmers und fragt, ob sie die Großmutter stören dürfen.

Eine Frau im Kittel nickt. »Aber achten Sie auf die Lautstärke. Ein Herr ist schon da. Der schert sich darum leider nicht.«

SPÄTE EINSICHTEN

Von hinten sieht Papa wie früher aus. Er hat noch diese breiten Schultern, und auf Omas Decke liegt ein Arm, der Kraft und Stärke verspricht. Ein Bollwerk gegen den Rest der Welt, das Hannah einst beschützt und in ihren Träumen über den Ozean begleitet hat.

Doch als sie sich zuletzt gegenüberstanden, hatte Papa das Bollwerk vor der eigenen Brust errichtet: »Wenn du jetzt gehst, brauchst du nie wiederzukommen.«

Seine dröhnende Stimme hat Hannah im Krankenhausflur stolpern lassen. Wenn Merle sie nicht festgehalten hätte, wäre sie gestürzt und sie säßen aufs Neue in der Notaufnahme.

Für einen Moment ist es still im Zimmer.

Oma lächelt sie beide an, angelt nach einem Griff, der über ihrem Bett baumelt, und will sich aufrichten. »Autsch.« In ihrer Hand steckt eine Kanüle, Flüssigkeit tröpfelt aus einem dünnen Schlauch hinein.

»Du sollst liegenbleiben.« Papa erhebt sich und stützt ihren Rücken, bis sie ins Kopfkissen zurück sinkt. Im Schneckentempo dreht er sich zu seinen Töchtern um. »Lange nicht gesehen, Hannah.«

Sein schneidender Tonfall löst in Hannahs Magen einen Stich aus. »Hallo, Papa.«

Er nickt, und sie wünscht sich, seine Gedanken lesen zu können. Was soll diese starre Miene mit den heruntergezogenen Mundwinkeln?

Aber seinetwegen sind sie nicht hier. Hannah trägt einen Hocker zum Bett. »Deinen Tieren geht’s gut, Oma«, sagt sie und verdrängt die Erinnerung an schmerzende Kniekehlen. »Alle gemolken und satt. Nur Hermines Vorlieben sind uns schleierhaft.«

Oma runzelt besorgt die Stirn. »Die hat bestimmt zu viel Kohlrabi erwischt. Wie immer. Gebt ihr etwas von dem Fenchel aus der Speisekammer. Dann sind die Blähungen vergessen.«

Merle zückt ein hellblaues Notizbuch und notiert den Tipp.

Papa ist stehen geblieben. Er nimmt sein Jackett von einem Bügel. »Der Chefarzt operiert dich morgen persönlich, Mama.«

»Am Wochenende?«, fragt Oma erstaunt.

»Selbstverständlich. Wir kennen uns. Er wollte erst mit mir reden, sonst hätte er dich heute drangenommen.«

Papa arbeitet zwar nicht in diesem Krankenhaus, doch wenn er mit dem Finger schnippt, läuft es überall. Professor Doktor Wehmhorst ist ein bekannter Herzspezialist.

»Wir haben ja das Wichtigste besprochen.« Er haucht seiner Mutter einen Kuss auf die Stirn und schreitet auf langen Beinen zur Tür.

Wie bitte? Er haut einfach ab? Nicht mal mit Merle hat er ein Wort gewechselt.

Bei Hannah meldet sich der alte Zorn zurück. Der Herr Professor hat sich kein bisschen verändert. Wer nicht nach seiner Pfeife tanzt, ist Luft für ihn. So war es, als ihre Schulnoten in den Keller sackten und sie sich seinen Rat gewünscht hatte. Und Jahre später, als sie ihn und Merle aufrütteln wollte und sich deshalb für eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis in den USA bewarb. Reines Glück, dass sie die Green Card in einer Lotterie gewann und zuvor den stinkreichen Greg kennengelernt hatte. Trotzdem hätte sie alles sausen lassen. In ihrer Familie kapierte das niemand.

Jetzt reicht’s! Sie springt auf und rennt in den Flur, der leer vor ihr liegt, vernimmt Papas Stimme und folgt ihr. Als die Grünpflanzen einer Besucherecke in Sicht kommen, drückt sie sich gegen die Wand.

Er telefoniert. »Du hattest recht, mein Freund. Reparieren lohnt sich nicht. Meine Mutter braucht ein neues Hüftgelenk.« Lautes Lachen. »Mach ihr eine Totalprothese und fang bloß nicht mit Schrauben an. Ich verlasse mich auf dich. Klotzen ist besser als Kleckern.«

Alles klar. Papa mimt den tollen Kerl, wie früher. Nur seine Töchter, denen sogar ein Donnerwetter lieber gewesen wäre, hat er abserviert.

Hannah schlurft zum Krankenzimmer und flunkert: »Er war schon weg.«

* * *

Oma hat die Operation glimpflich überstanden. Hannah liest ihr aus der Zeitung vor und gähnt heimlich. Eine Mütze Schlaf, das wär’s! An vier Abenden hat sie die Tiere versorgt, weil Papa bei einer Tagung in Berlin und Merle wieder in Münster ist.

Am Sonntagnachmittag war Omas Häuschen blitzsauber gewesen. Die Zwillinge hatten die Böden geschrubbt und Wollmäuse unterm Sofa weggesaugt. Hannah hatte die zarten Pflanzen im Sonnenblumenbeet gegossen. Merle war mit Möhren und Grünzeug zu den Kaninchen verschwunden.

Als Hannah nachschaute, wo die Schwester so lange blieb, hielt Merle einen großen altertümlichen Schlüssel in der Hand.

Hannah erkannte ihn sofort. Die Zärtlichkeit, mit der Merle das dunkle Metall gestreichelt hatte, rührte sie. Auf Zehenspitzen war sie nähergetreten und hatte »Ich hab damals eine Menge Mist gebaut« geflüstert.

Scheu hatte Merle ihren Arm gedrückt und versprochen, dass sie bald mehr mithelfen würde. »Am liebsten würde ich die Klassenfahrt absagen.«

»Kopf hoch, Schwesterchen«, hatte Hannah augenzwinkernd erwidert. »Wie durchgeknallte Teenager ticken, weißt du doch.«

Am Ende dieses nervenaufreibenden Wochenendes hatte jede die Handynummer der anderen im eigenen Smartphone gespeichert.

Nun ist Merle in München, Omas Unfall liegt fast eine Woche zurück und Hannah kann nicht mehr. Nach Feierabend zuckelt sie mit einem alten Piaggio, dem dreirädrigen, überdachten Kabinenroller ihrer Kollegin Agnes, los. Jede Strecke dauert eine Stunde und das Melken ewig. Aber wer soll es machen außer ihr? Merle hat von Papas neuer Lebensgefährtin erzählt, und dass sie es Ostern nicht bei den beiden ausgehalten hat. Diese wildfremde Frau wäre sicher die Letzte, die freiwillig für Hannah einspringen würde.

Heute müssen die Schafe und Kaninchen warten. Ein Besuch im Krankenhaus war überfällig.

»Ich will endlich heim«, seufzt Oma.

»Was sagt denn der Physiotherapeut?«

»Er ist mit mir ein paar Schritte über den Flur gegangen. ›Schon recht ordentlich‹, meinte er, und dass ich Geduld haben soll.«

Hannah nimmt Omas Hand, die sich kalt und kraftlos anfühlt. »Na also.«

»Gestern hat dein Vater angerufen. Er glaubt, dass ich noch zwei Wochen hierbleiben muss. Dann soll ich eine Reha machen.«

»Hinterher bist du bestimmt ganz die Alte.«

Hoffentlich. Vor Hannahs innerem Auge läuft ein Film ab. Sie sieht sich selbst im Schafstall, an einem nasskalten Herbsttag, und draußen verlieren die Bäume ihre Blätter. Wie lange wird es dauern, bis Oma wieder auf den Beinen ist?

* * *

Benny traut Hannah nicht. Jeden Abend trabt er blökend hinter seinem Harem her, ehe der zum Melken in den Stall verschwindet. Haben die Damen sich bei ihm beschwert? Sie wirken wie aufgeschreckte Hühner. Wenn Hannah Tinas Euter anfasst, keilt die Lady aus und verteilt großzügig Nasenstüber mit ihrem langen, wolligen Schwanz.

Oder sind die Vierbeiner sauer, dass der Weidetrog neuerdings später gefüllt wird?

Hannah schaufelt einen Eimer Zuckerrübenschnitzel hinein. Von hinten knallt etwas gegen ihre Beine, sie taumelt und kippt vornüber. »Zieh Leine, Benny!«

Während er sich den Wanst vollschlägt, fällt Hannah mit Schrecken ihr leerer Kühlschrank ein. Sie kommt einfach nicht zum Einkaufen, solange sie zwischen Blumenladen, Klinik und Omas Hof pendelt. Auf dem Hinweg hat sie einen Abstecher gemacht. Vor ihrem Elternhaus stand Papas Auto. Im Garten tuckerte ein Rasenmäher.

Zähneknirschend schiebt sie die Stalltür auf und rollt den Melkstand an seinen Platz. Falls Papa glaubt, dass Hannah ihn um Hilfe bittet, kann er lange warten!

Die Schafe drücken sich gegen eine Wand. Agnetha zerrt am Halsband, als Hannah sie anbinden will, und stemmt die Hufe in den Boden.

»Stell dich nicht so an«, fleht Hannah.

»Du hättest dich vorher umziehen sollen«, motzt eine laute Stimme.

Hannah lässt die Leine los. Agnetha büxt aus und verkrümelt sich hinter Tina.

»Papa!«

Er hält eine Lederjacke hoch. »Das ist doch deine? Schafe mögen keinen Zigarettengestank.«

Hannah schnuppert an ihrem Pullover und riecht nichts.

Eine Frau schüttelt den Kopf. »Wo hast du das denn aufgeschnappt, Rainer?« Ihr brünetter Pferdeschwanz hüpft beim Lachen. Sie trägt ausgelatschte Sneakers. »Du musst Hannah sein. Darf ich ›du‹ sagen? Ich bin Anja.«

»Klar. Weißt du zufällig, was ich falsch mache?«

»Gar nichts. Dir fehlen nur Geduld und etwas Übung. Dein Vater hat es auch gelernt. Lass ihm ruhig den Vortritt. Er glaubt sowieso, dass du Hilfe brauchst, seit er dich vorhin gesehen hat. Du bist doch bei uns vorbeigefahren, oder?«

Er verzieht das Gesicht, als ob er in eine Zitrone gebissen hätte, und nimmt auf dem Melkschemel Platz. Anja krault Agnetha hinter den Ohren und bugsiert sie zur Hebebühne.

»Topf«, kommandiert Papa und hält seiner Freundin die offene Hand hin.

Sie reicht das Gewünschte an.

Er streichelt Agnethas Euter, bis etwas Milch fließt. »Tücher.«

Papas ruppiger Tonfall scheint Anja wenig auszumachen. Merle hat erzählt, dass sie Krankenschwester ist, und vielleicht raunzt er am OP-Tisch genauso herum.

Anja schüttet die vorgemolkene Milch ins Spülbecken und nimmt eine Kanne aus der Kühlbox.

»Du kennst dich hier ja gut aus«, sagt Hannah erstaunt.

»Meine Eltern haben einen Bauernhof mit allem möglichen Viehzeug. Wenn ich übers Wochenende hinfahre, nehme ich deinen Vater manchmal mit.«

Dann ist er wohl da in die Melkerlehre gegangen.

Hannah schaut ihm mit verschränkten Armen zu. »Omas Tiere sind bei euch besser dran.«

»Stimmt«, gibt ihr Vater zu, »aber nächste Woche halte ich einen Vortrag in Hamburg. Anja hat auch genug zu tun.«

»Wir können uns doch mit Hannah abwechseln, Rainer.«

»Ich nicht. Höchstens am Wochenende.«

»Immerhin.« Anja schaut Hannah an. »Drei Tage übernehme ich, nur mittwochs kann ich wegen meiner Chorprobe nicht. Such dir aus, wann du noch Zeit und Lust hast.«

»Danke! Merle will nach der Klassenfahrt mithelfen.«

Papa setzt sein Pokerface auf.

Anja legt eine Hand auf seinen Arm. »Wenn sich alle zusammenreißen, schaffen wir das schon. Habt ihr eigentlich keinen Hunger? Ich habe einen Auflauf vorbereitet, der locker für uns drei reicht.«

Hannah denkt an ihren leeren Kühlschrank. Anja, die sich von Papa nicht einschüchtern lässt, ist ihr auf Anhieb sympathisch.

Sie folgt den beiden, bis seine schwarze Limousine in die vertraute, breite Einfahrt gleitet. Hannah parkt den Roller dahinter und bewundert den Vorgarten. Jemand hat neue Blumenbeete angelegt. Der Betonkübel neben der Haustür, den seit Mamas Zeiten niemand beachtet hat, ist mit violetten und gelben Stiefmütterchen bepflanzt.

Es fühlt sich ein bisschen wie nach Hause kommen an.

Anjas Auflauf schmeckt köstlich. Papa verschwindet im Keller und kehrt mit einem Rotwein zurück.

Hannah verdünnt ihn mit Wasser. »Ich muss ja fahren.«

»Schade um den guten Tropfen«, brummt Papa.

»Magst du hier übernachten?«, fragt Anja. »Morgen ist Sonntag. Dein altes Zimmer gibt es noch.«

»Müsst ihr denn nicht arbeiten?«

»Mein Chef hat mir freigegeben.« Anja zwinkert ihm zu. »Ich hoffe, dass er selbst auch den Dienstplan einhält.«

Hannah leert ihr Glas. »Schenk wieder ein«, bittet sie ihren Vater leise.

Dass er zur Unterhaltung kaum etwas beiträgt, gleicht Anja mit vielen Tipps für Stall und Hof aus. »Bring den Schafen trockenes Brot mit«, rät sie Hannah beim Nachtisch.

»Dann halten sie still und lassen mich ran?«

»Deine Oma hat immer welches in ihren Taschen. Kluge Frau. Warum kämpfen, wenn ein bisschen Bestechung das Leben erleichtert?«

Papa hat einen Arm auf die Lehne von Anjas Stuhl gelegt. Er runzelt die Stirn. Seine buschigen Augenbrauen heben sich. »Unter Zweibeinern ist mir Ehrlichkeit lieber.«

»Soso.« Anja steht auf und streicht ihm übers ergraute Haar, das weniger dicht als früher ist. »Zu Merle hast du vor Kurzem etwas anderes gesagt. Wie wär’s, wenn du sie anrufst? Ich glaube, sie würde sich freuen.« Sie blinzelt ins Licht. »Seid mir nicht böse, aber ich hatte Nachtdienst und muss ins Bett.«

Hannah wartet, bis die Esszimmertür sich geschlossen hat. »Ich verstehe nur Bahnhof.«

»Deine Schwester hat sich hier lange nicht blicken lassen. Ostern war sie vorher bei Oma. Auf dem Weg hierher ist ihr ein Hosenknopf abgesprungen. Sie dachte, dass im Schlafzimmer noch der alte Nähkorb eurer Mutter steht. Doch da haben wir renoviert und neue Möbel gekauft. Merle ist ausgerastet.«

»Und du auch«, stellt Hannah fest.

Papa nickt. »Ich hab meine Worte nicht zum ersten Mal bereut.«

Sie rutscht so nah an ihn heran, dass sich beider Knie unterm Tisch treffen. »Wie meinst du das?«

Er kratzt mit dem Löffel in der leeren Puddingschüssel herum. Aus seinem Gesicht ist die unerbittliche Härte verschwunden. Hannah fallen tiefe Furchen neben seinen Mundwinkeln auf und Traurigkeit in den Augen, die so blau wie ihre sind. »Als du fort warst, habe ich immer länger gearbeitet, Hannah. Ich wollte mich ablenken. Eines Nachts musste ich den Notarzt rufen. Mein Herz spielte verrückt.«

»Ein Infarkt?«

»Ja. Ich hatte mich nach Mamas Tod jahrelang zusammengerissen, vor allem um euretwillen. Merles plötzlicher Auszug war hart. Dann bist du gegangen.«

»Warst du lange krank?«

»Ich musste zur Kur und konnte ein halbes Jahr nicht arbeiten. Damit hätte ich die Patienten in Gefahr gebracht. Die erste OP nach der Zwangspause wollte ich absagen. Während die Desinfektionslösung von meinen Armen tropfte und ich mit mir kämpfte, blickte mich im Spiegel eine neue Krankenschwester an. ›Nur die Ruhe‹, sagte sie. ›Sie sind ja nicht allein.‹ Anja war während meiner Abwesenheit in unser Team gekommen.«

»Ich mag sie.« Hannah drückt Papas Hand.

Seine Wangen röten sich. »Wir sind seit zwei Jahren ein Paar. Ich wollte sie so oft fragen, ob sie zu mir zieht, und habe es ständig verschoben. Aus Feigheit, weil ich dachte, dass ich dich nie wiedersehen würde und nicht auch noch Merle verlieren wollte.«

»Sie ist stur, Papa.« Hannah räuspert sich. »Wie wir alle.«

Kräftige Finger schlingen sich um ihre. »Stimmt.«

Sie bleiben schweigend sitzen, bis die alte Wanduhr zwölfmal schlägt. Die einzige Erinnerung an Papas verstorbenen Vater und die Gastwirtschaft, in der er aufgewachsen ist.

In Hannahs Jugendzimmer ist das Bett frisch bezogen. Auf dem Nachtschränkchen liegen Handtücher, ein Schlafshirt und eine neue Zahnbürste.

* * *

Anjas Tipps sind Gold wert. Neugierig haben die Schafe an Hannahs Jeanstaschen mit den Brotkrusten geschnüffelt und sind ihr willig in den Stall gefolgt.

»Bis bald, Mädels«, ruft sie dem Trio hinterher. Mit Frau Polls Bulli hat sie den Weg in der halben Zeit geschafft. Die Chefin hatte ihr den Wagen mit vielen Ermahnungen überlassen. Hannah musste ohnehin Kübelpflanzen in die Nachbarstadt ausliefern, die in der Gärtnerei überwintert haben und wieder ins Freie dürfen. In ihrer Jacke knistert ein Zehn-Euro-Schein, den ihr der Besitzer eines Olivenbäumchens in die Hand gedrückt hat.

Anja hat auch ein Dankeschön verdient. Sie hat Vater und Tochter einen Weg geebnet, den sie allein nur mühsam gefunden hätten und auf dem sie die ersten Schritte gegangen sind. Ob sie sich über etwas Süßes freut? In jeder Puddingschale, die Anja zum Nachtisch verteilt hatte, war ein großes Stück Schokolade versteckt gewesen. Papa macht sich nichts daraus. Er achtet penibel auf seine schlanke Linie und hat beim Frühstück die Butter weggelassen.

Hannah steuert einen Supermarkt an, weil die kleinen Geschäfte längst geschlossen haben, und investiert ihr Trinkgeld in eine Riesentüte Pralinenkugeln. Die gab es früher schon. Merle stibitzte sie aus Mamas Schrank, wenn sie glaubte, dass es niemand mitkriegte.

Als Hannah vor ihrem Elternhaus hält, steht die Sonne tief am Himmel. Ein Fahrrad bremst. Unter einem knallroten Helm taucht Anjas lachendes Gesicht auf.

»Was machst du hier?«, ruft sie.

»Ich wollte zu dir.«

»Prima! Dann muss ich nicht allein essen. Dein Vater ist bis morgen in Hamburg.«

Hannah wartet, bis Anja die Haustür geöffnet hat, und holt die Tüte aus ihrem Beutel.

»Meine Lieblingssorte!« Anja grinst noch breiter als zuvor. »Kannst du hellsehen?«

»Nee, aber Merle mag die auch. Weißt du, dass sie eine Naschkatze ist?«

Anja schüttelt stumm den Kopf. Sie schlüpft in bequeme Filzpantoffeln, biegt in die Küche ab und holt einen abgedeckten Topf aus dem Kühlschrank. »Deine Schwester ist Ostern fortgelaufen, ehe die Torte auf dem Tisch stand.«

»Kann ich mir lebhaft vorstellen. Nimm’s nicht persönlich, das macht sie oft. Was riecht denn da so lecker?«

»Tomatensoße mit frischen Kräutern. Es gibt Pizza.«

Hannah läuft das Wasser im Mund zusammen. Sie beobachtet Anja, die den vorbereiteten Teig ausrollt und Salami in hauchdünne Scheiben schneidet. Hoffentlich steigt Merle bald von ihrem hohen Ross herab. Sie hat keine Ahnung, was ihr ohne Anja entgeht.

Papas Freundin summt leise vor sich hin.

»Schönes Lied.«

»Ein Gospel«, sagt sie und greift zur Käsereibe. »Ich hab dir ja erzählt, dass ich in einem Chor singe. Vorhin war ich bei der Probe. Die lasse ich nur ausfallen, wenn in der Klinik wirklich Not am Mann ist.«

»Was sagt Papa denn dazu?«

»Er trägt es mit Fassung. Wir brauchen beide unsere Pausen. Sonst überstehen wir die Wechselschichten nicht.«

»Einer von euch ist schon zusammengebrochen.«

Anja nickt.

»Das hätte ich nie für möglich gehalten. Papa hat uns immer den harten Kerl vorgespielt.«

»Und die Show habt ihr ihm nach dem Tod eurer Mutter noch geglaubt?«

Hannah beißt sich auf die Lippe.

»Weißt du, was ihn am meisten getroffen hat? Zwischen deiner Bewerbung um eine Green Card und der Zusage müssen Monate vergangen sein. Du hast kein Wort gesagt und ihn vor vollendete Tatsachen gestellt.«

»Ich war erwachsen!«

»Wirklich? Wer hat denn das Geld zum Leben verdient und deine Rechnungen bezahlt?«

Hannah schluckt.

Anja schiebt das Pizzablech in den Ofen. »Ich hoffe, du trägst mir die offenen Worte nicht nach. Euer Vater ist mir sehr wichtig, und ich möchte, dass er wieder glücklich wird. Mit mir. Aber auch mit dir und Merle.« Sie stellt Teller auf den Tisch. »Was willst du zum Essen trinken?«

* * *