Lissy - Mirjam Wandhoff - E-Book

Lissy E-Book

Mirjam Wandhoff

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Beschreibung

Die Hauptperson des Buches heißt Lissy und ist 14 Jahre alt. Lissy lebt mit ihrer Mutter Renate und ihrer Schwester Elea, die 2 Jahre älter ist, schon einen Freund hat und Lissy immer damit aufzieht, dass sie noch keine Erfahrung mit der Liebe hat, in ungewollter Dreisamkeit. Lissys Vater Egon ist im Jahr nach deren Geburt verschwunden und hat seitdem nichts mehr von sich hören lassen. Renate schweigt sich über das Geschehen aus. Über seine Bilder an den Wänden, er ist Fotograf, bleibt der Vater präsent. Lissy hat eine beste Freundin, die ihr auch im größten Familienchaos zur Seite steht: Andrea. Der Haken ist: Andrea nimmt in diesem Schuljahr für längere Zeit an einem Schüleraustausch mit Paris teil. Also ist für Lissy nichts naheliegender als ihre Familie von einer Reise nach Paris zu überzeugen... Lissys große Pläne und Erwartungen werden in Paris zunächst auf eine harte Probe gestellt und sie erfährt, dass nicht alles im Leben so läuft, wie sie es sich vorgestellt hat. Dafür geschehen jedoch ganz unerwartete Ereignisse, die mit einem Jungen zu tun haben und Lissy völlig aus der Bahn werfen. Zu allem Überfluss taucht nach all den Jahren auch noch Lissys Vater Egon in Paris auf und das Familienchaos ist perfekt. Lissy muss sich ihrer Vergangenheit stellen und erkennen, dass die Dinge nicht immer so sind, wie sie scheinen. Gibt sie ihrem Vater eine zweite Chance? Und was ist mit dem fremden Jungen, der ihr plötzlich so vertraut vorkommt, als würden sie sich schon lange kennen? Lissy erkennt sich selbst nicht wieder und gleichzeitig fühlt es sich wie Nach-Hause-Kommen an. Was ist da los? Zum Glück gibt es ihre beste Freundin Andrea! Doch alles in Lissys Leben ist im Wandel. "Lissy - erste Liebe in Paris" ist ein Buch für Kinder und Jugendliche in dem Alter, in dem Eleni und Carla waren, als es entstanden ist: 11-14 Jahre. Ein Alter, in dem sich alles verändert. In dem alles neu ist und eingeordnet werden will. Ein Buch, das einen nicht in eine ferne Welt entführt, sondern davon erzählt, wie spannend und voller kleiner Überraschungen das eigene Leben ist. Das davon handelt, dass es okay ist zu zweifeln und sich in Gedanken zu verstricken. Und dass es genauso okay ist das Leben zu wagen und auszuprobieren. Jeder auf seine eigene Art und Weise. Es ist hilfreich, wenn wir Halt finden in einer Welt, die sich ständig verändert und uns vor neue Herausforderungen stellt.

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Seitenzahl: 169

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Für die beste Schwester und den besten Vater der Welt

Meinen Töchtern in Liebe

Inhaltsverzeichnis

Eine Idee ensteht

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Paris

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Andrea....

Kapitel 7

Kapitel 8

Ein unerwarteter Besuch

Kapitel 9

Der fremde Junge

Kapitel 10

Kapitel 11

Lissy und Philippe

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Eine Idee ensteht

Kapitel 1

An einem regnerischen Tag saß ich in meinem Zimmer und las zum hundertsten Mal die Briefe meiner besten Freundin Andrea.

Meine Laune war so trüb wie das Wetter vor meinem Fenster, denn ich vermisste Andrea schrecklich, die noch einen ganzen Monat auf einem Schüleraustausch in Paris bleiben würde.

Auch, dass am Freitag die Herbstferien beginnen würden, konnte meine Laune nicht heben. Andrea war jetzt schon seit Beginn der Sommerferien in Paris.

Normalerweise teilten wir alles miteinander: den Tisch in der Schule, das Frühstück, wenn ich meines mal wieder zuhause hatte liegen lassen und die geheimsten Gedanken.

So hatte mir meine beste Freundin noch kurz vor der Abreise anvertraut, dass sie sich in Mark verliebt hat. Genau der wurde dann auch noch zufällig auf den letzten Drücker mit auf den Schüleraustausch genommen! Ich brannte darauf, mehr über Mark zu erfahren und darüber, wie sich das mit den beiden in Paris entwickelte. Darüber konnte ich mich jedoch nur durch Briefe mit Andrea austauschen, da sie blöderweise zu Beginn des Austauschs ihr Handy in der Metro hatte liegen lassen. Das war nun kein wirklicher Ersatz für die langen Gespräche!

Ich griff noch einmal nach ihrem letzten Brief…

Liebe Lissy,

OMG ich habe heute Mark gesehen, er sah so cool aus wie immer. Ich hatte das Gefühl, dass er leicht rot wurde, als er mich gesehen hat. Ich konnte ihm kaum in die Augen schauen, so aufgeregt war ich. Glaubst du, dass er auch ein bisschen in mich verliebt ist?

Deine Andrea

P.S.: Es ist voll doof ohne dich, denn ich habe zwar eine nette Austauschschülerin, sie heißt Marie, aber ich kann hier mit niemandem über Mark sprechen, weil ich sie noch nicht so lange kenne und ihr daher noch nicht vertrauen kann. Paris ist trotzdem großartig. Ich liebe die leckeren Süßigkeiten in den kleinen Cafés.

Es wäre so cool, wenn du auch hier wärst. Weißt du noch, das war immer unser Traum: Wir zwei in Paris!

Ich antwortete gerade auf Andreas Brief und malte mir aus, wie die beiden zusammenkommen würden – denn natürlich glaubte ich daran, dass auch Mark in Andrea verliebt war. Wie konnte man nicht in meine beste Freundin verliebt sein? Sie war wunderhübsch mit ihren langen braunen Locken, lachte gerne und war absolut vertrauenswürdig – da riss meine Mutter mich aus meinen Gedanken: »Es gibt Essen, komm runter Lissy!«

Ich rannte die Treppe hinunter, denn ich merkte schlagartig, wie hungrig ich war. Mein Magen knurrte laut, als ich auf meinem Stuhl ankam. Hinter mir kam meine Schwester Elea geschlurft, den Blick fest auf ihr Handy gerichtet. Sie telefonierte mit ihrem Freund.

»Ach ja? Mmh, ich muss jetzt aufhören. Wir wollen jetzt essen, Schatz! Weißt du?«, sie grinste mich an, »Lissy hat immer noch keinen Freund...und sie wird sicherlich auch nie einen kriegen...Tschüss, bis gleich.«

Sie legte auf und ich seufzte – mir war schlagartig der Appetit vergangen. Als sie 14 Jahre alt wurde, kam Elea mit Jonas zusammen und bildete sich mächtig etwas darauf ein. Seit ich selbst 14 Jahre alt bin, ärgerte sie mich noch mehr mit der Freund-Geschichte.

Meine Mutter Renate war durch Eleas Worte mächtig sauer und winkte mit der Hand nach Eleas Handy. Elea zog ihre Hand zurück und meckerte los, sie würde ihr Handy niemals hergeben, da sie gleich mit ihrem Schatz sprechen müsse.

Nach fünf Minuten hatte Elea Handy-Verbot, doch bevor sie ihr Handy hergab schrieb sie schnell an Jonas...

Hey Schatz, ich kann gerade nicht mit dir chatten

... Handy-Verbot!

Okay schade...

…antwortete Jonas in der nächsten Sekunde.

Mittlerweile war die Gesichtsfarbe meiner Mutter von rot zu weiß übergegangen, ihr Mund stand fassungslos offen. Mit einem Seufzen gab Elea ihr Handy ab. Ich konnte ein leichtes Lächeln nicht unterdrücken. Elea hatte es gesehen und starrte mich böse an.

Elea war immer noch motzig und hielt den Blickkontakt für sinnlos. Um die Stimmung ein bisschen aufzulockern, wollte ich die bevorstehenden Ferien ansprechen. Ich hatte da so eine Idee mit Paris...aber ob das etwas an der miesen Stimmung ändern würde, wusste ich nicht.

Ich fing an, über die Herbstferien zu reden und was wir da machen würden.

»Chillen und mit Jonas chatten«, grummelte Elea undeutlich.

»Nein, das kommt gar nicht in Frage. Erstens hast du Handy-Verbot und zweitens wirst du etwas mit uns unternehmen!«, sagte Mama und betonte uns deutlich. »Außerdem stelle ich mir etwas vor mit Kunst und Kultur und ab und zu würde ich gerne in einem kleinen, gemütlichen Café sitzen.«

Das war mein Stichwort – bevor Elea mir ins Wort fallen konnte, sagte ich schnell: »Ich hätte da so eine Idee. Wie wäre es mit Paris?«

»Paris?«, schrie Elea, »du hast sie ja wohl nicht mehr alle!«

Das konnte eigentlich nur mit meinem Lächeln von vorhin zu tun gehabt haben, denn ich wusste, dass Elea große Städte toll fand. Schon oft hatte sie mir von ihren Tagträumen erzählt, in denen sie in London in Camden Town auf den riesigen Flohmärkten shoppen geht, die Themse entlangschlendert und Big Ben besucht. Oder eben in Paris, wo sie die Läden der Champs-Elysee abläuft und natürlich den Eiffelturm besteigt.

»Mmh«, schaltete sich Renate ein, »das ist doch gar keine schlechte Idee, ihr beiden.«

»Genau«, schob ich nach. »Da gibt es Kunst und Kultur und kleine Cafés. Und außerdem Elea kannst du doch perfekt Französisch«, versuchte ich sie zu beschwichtigen.

»Ach ja, toll, und was ist mit meinen Wünschen?«

»Was sind denn deine Wünsche?«, fragte ich und beantwortete, sie mit der Hand ausbremsend, die Frage direkt selbst: »Ach ja, chillen mit Jonas.«

»Ach Blitzmerker«, meckerte Elea, »ohne Jonas komme ich jedenfalls nicht mit. Paris wird ja nicht umsonst die Stadt der Liebe genannt.« Sie zeigte mir ein breites Grinsen. »Was hast du da eigentlich zu suchen?«, legte sie noch eine Schippe drauf.

Doch im nächsten Moment schwiegen wir beide, da wir sahen, wie unsere Mutter traurig den Blick senkte.

Meine Mutter und die Liebe, das war eine längere Geschichte.

Ich rutschte näher zu meiner Mutter, berührte sie mitfühlend leicht am Arm und sagte tröstend: »Musst du gerade an Papa denken?«

Mein Vater und meine Mutter kannten sich schon ziemlich lange, bevor Elea auf die Welt kam. Sie hatten eine gemeinsame Leidenschaft: das Reisen. So hatten sie sich auch kennen gelernt.

Meine Mutter interessierte sich für Tiere und wollte Tierärztin werden. So machte sie nach ihrem Studium eine längere Reise, um Fische zu beobachten. Sie zog ihre Taucherbrille und den Schnorchel über und verschwand stundenlang unter Wasser. Sie liebte es, in dieser Unterwasserwelt zu schwimmen und fühlte sich unendlich frei. Mein Vater war zur selben Zeit in dieser Gegend unterwegs, um Bilder zu machen. Er wollte Fotograf werden und versuchte Aufnahmen unter Wasser zu machen. Genau das tat er an dem Tag, als meine Mutter vor seiner Linse erschien – unter Wasser. Er war, wie immer alles andere ausblendend, seinem Motiv hinterhergejagt, einem besonders schönen bunten Fisch, als seine Jagd vor Mamas Taucherbrille ein jähes Ende fand: Sie klebte ihm im wahrsten Sinne des Wortes vor der Nase. Prustend, nach Luft schnappend und sich die Nase haltend, kamen die beiden nach oben und mein Vater, erst blass und dann einen rötlichen Schimmer entwickelnd, der das ganze Gesicht überzog und nicht alleine vom Aufprall kommen konnte.

Immer wieder erzählte Elea mir, er hätte sich auf den ersten Blick in Mama verliebt.

Auf jeden Fall wurden die beiden ein Paar und starteten ihr erstes gemeinsames Projekt in Griechenland. Mama arbeitete dort als Tierärztin in einem Heim für Streuner – herrenlose Hunde gab es dort in Massen und sie waren oft krank. Ich liebte meine Mutter dafür, dass sie sich für diese Tiere einsetzte, die keiner haben wollte, denn Tiere waren auch meine große Leidenschaft.

Mein Vater suchte währenddessen seine Motive mit der Kamera. Er jagte dem Licht hinterher, diesem warmen, ganz besonderen Glanz, der sich in Griechenland zu bestimmter Stunde auf die Blätter der Olivenbäume legt. In Papas Bildern konnte man fast meinen, den Wind zu spüren, der die Blätter bewegt und die Oberfläche des Meeres kräuselt.

Noch immer hängen einige seiner Bilder in unserem Flur, auch wenn Egon diese Wohnung seit 13 Jahren nicht mehr betreten hatte und erzählen diese Griechenland-Geschichte.

Zurück in Deutschland, kam 9 Monate später Elea auf die Welt und krempelte das Leben unserer Eltern ziemlich um. Man könnte sagen, sie wurden sesshaft. Sie bezogen eine kleine gemeinsame Wohnung, genau die, in der wir drei Frauen heute immer noch leben und Egon suchte sich eine Arbeit bei einer Lokalzeitung der Nachbarstadt. Nebenbei fotografierte er auf Hochzeiten, um die immer höher werdenden Rechnungen zu bezahlen. Die Suche nach bunten Motiven machte ihm nur eingeschränkt Spaß und ein Tag glich dem anderen.

Renate liebte alles an Elea, sie ging vollkommen darin auf, ihren Tag nach dem Baby zu gestalten und indem sie Elea aufwachsen sah, war für sie ganz klar, dass da noch etwas fehlte in ihrem Leben – nämlich ich – das zweite Kind. Mein Vater war da anderer Meinung, so wurde mir erzählt, ihn riefen die fernen Länder, die Motivsuche, seine Leidenschaft. Ungefähr zu diesem Zeitpunkt waren sich meine Eltern zum ersten Mal in ihrem Leben völlig uneinig. Nach meiner Geburt verschwand mein Vater. Sehr wahrscheinlich hatte es etwas mit mir zu tun und das machte mich unendlich traurig. Mama tat mir ebenfalls furchtbar leid.

»Ach, jetzt schleim dich doch nicht so ein«, moserte Elea. Renate hob den Kopf und in ihren Augen hatten sich Tränen gesammelt, die die Augen glasig machten. Elea war sofort leise, denn wir beide hassten es, wenn Mama weinte. Sie hatte Egon sehr geliebt.

Mama richtete sich auf, wischte sich mit ihrem Handrücken langsam die Tränen aus den Augen und sagte: »Wir könnten wirklich für ein paar Tage nach Paris fahren. Ich denke, es ist kein Problem, meine Tierarztpraxis mal für eine Woche zu schließen. Es sind ja sowieso Ferien.« Sie lächelte und guckte zu Elea: »Jonas kann auch mit.«

Jetzt erwiderte Elea ihr Lächeln. Sie drückte sich vom Stuhl ab und fiel Renate um den Hals. »Du bist die Beste, das wird der Wahnsinn. Voll cool, Jonas und ich in Paris. Das muss ich ihm sofort sagen.«

Sie drückte Renate im Vorbeirennen einen Kuss auf die Wange und rannte weiter zum Festnetztelefon, das nur noch sehr selten zum Einsatz kam, seit wir beiden ein Handy besaßen. Bereits die Nummer eintippend, schlug sie die Tür zu und wir hörten nur noch aufgeregtes Gemurmel.

»Wie kommst du eigentlich auf Paris?« Renate schob den mittlerweile kalten Auflauf wieder in den Ofen.

Ich überlegte kurz, ob es meine Mutter wohl verletzen würde, wenn ich nur wegen Andrea nach Paris wollte, entschied mich aber, bei der Wahrheit zu bleiben und stotterte: »Ich mmh, ich wollte…«

Warum fing ich eigentlich immer an zu stottern, wenn ich Angst hatte, jemanden zu verletzen? Selbst wenn es die Wahrheit war? Obwohl es Mama war? Und obwohl es mein gutes Recht war, meine Freundin sehen zu wollen, die ich unendlich vermisste?

Da kam es von ganz alleine aus meinem Mund geschossen: »Ich vermisse Andrea schrecklich und möchte sie gerne sehen.« Renate guckte mich skeptisch an.

Da sagte ich noch schnell: »Und natürlich möchte ich mit euch Paris angucken.«

Bevor Renate etwas sagen konnte, drückte Elea mit einem überschwänglichen Lächeln die Tür auf, sprang in die Luft und schrie: »Jonas kommt mit!«

Kapitel 2

Der darauf folgende Tag entpuppte sich als kleines fieses Monster.

Fieberhaft suchte unsere Mutter nach einer passenden Unterkunft in Paris. Da auch Jonas mitkommen würde, war klar, dass wir mindestens zwei Zimmer bräuchten. Während Renate sich auf Eleas Handy mit den Tücken der Internetsuche abmühte, überlegte ich, wie ich meine beste Freundin erreichen könnte, um ihr diese großartigen Neuigkeiten mitzuteilen.

Es war bereits Mittwoch und schon am Samstag sollte es losgehen. Würde mein Brief sie überhaupt noch erreichen? Andererseits hatte ich keine Wahl. Andreas Handy war unwiederbringlich verloren und ein anderes Telefon hatte sie nicht. Das Telefon ihrer Gastfamilie war nur für den Notfall gedacht und ein Notfall im engeren Sinne war das nun auch wieder nicht. Aber ich musste ihr einfach sagen, dass wir uns bald sehen würden und ich brannte darauf, mehr über die Entwicklung von Mark und Andrea zu erfahren. Endlich würden wir beiden alle Zeit der Welt haben, um über ihn zu quatschen, bis spät in die Nacht...

Aufgeregt und unruhig riss ich einen Bogen Papier ab. Los jetzt! Wenn ich mich beeilte, dann würde ich ihn noch vor der Leerung um 17.00 Uhr in den Briefkasten werfen können.

Liebe Andrea,

weißt du, was ich meiner Mutter gerade vorgeschlagen habe?

Nein, bestimmt nicht.

Ich mache es kurz, damit du nicht vor Neugier platzt: Ich komme am Samstag nach Paris um dich zu treffen!!!

Stell dir vor, wir können bis spät in die Nacht über Mark reden. Ich kann deine Austauschschülerin Marie kennenlernen.

Wir kommen nachmittags an, das heißt, wir können uns dann noch treffen. Ich komme am besten bei euch vorbei und hole dich ab, denn wir wissen noch nicht genau, wo wir wohnen werden.

Ich freue mich mega!!!

Dann kannst du mir endlich Paris zeigen.

Bis Samstag

Deine Lissy

Ich steckte den Brief in den Umschlag und schrieb Andreas Adresse darauf. Cour Saint-Louis, wie das schon klang. Ganz anders als Straße, irgendwie aufregend, nach Entdecken von kleinen Cafés in engen Seitensträßchen, nach Flanieren auf breiten Boulevards und nach romantischem Kennenlernen unter einer geschwungenen Straßenlaterne. Ein Kribbeln breitete sich in meinem Bauch aus. Nur ein paar Tage noch und dann wäre ich auch dort. An meinem Ort der Sehnsucht, mit der Cour Saint-Louis und vor allem mit Andrea.

In großem Bogen sauste ich um die Ecke. »Bin kurz zum Briefkasten!«, rief ich, beinah in meine Mutter hineinrennend.

Renate sah irgendwie gar nicht glücklich aus. Mit gerunzelter Stirn, sich die Schläfen reibend, begann sie leise: »Also Lissy, ich weiß gar nicht, wie ich es dir sagen soll... es tut mir sehr leid, wirklich. Ich hatte mich auch schon so gefreut... Die Idee nach Paris zu fahren ist wirklich gut, aber ich finde einfach keine günstige Unterkunft für uns. Entweder sind die Preise sehr viel teurer geworden, seit ich das letzte Mal dort war, oder alle Welt hat beschlossen in den Herbstferien nach Paris zu fahren.«

Während mir der Boden unter den Füßen schwankte und die Gesichtsfarbe abhanden kam, überlegte Renate weiter: »Mmh, das müssen jetzt so 17 Jahre her sein, dass ich das letzte Mal in Paris war. Das war auf jeden Fall vor der Geburt von Elea. Tja, das ist wirklich lange her. Wir haben damals eine gute Freundin von Egon dort besucht. Sie wohnte in...? Wie das hieß weiß ich gar nicht mehr...«

Mir war in diesem Moment ehrlich gesagt egal, wann und wo Mama schon einmal in Paris war, mir ging es um jetzt. Ich wollte jetzt nach Paris...der Brief war mir aus den Fingern geglitten und auf den Boden gefallen... ich wollte zu Andrea!!

Mir fiel alles aus den Händen. Das konnte nicht sein, das durfte nicht sein. Dieses Auf und Ab der Gefühle machte mich fast wahnsinnig. Gerade noch hatte ich mein Glück kaum fassen können und nun sollte es an so etwas Unwichtigem wie an einer Unterkunft scheitern?

Nein, beschloss ich, das würde ich nicht zulassen. Dafür musste es eine Lösung geben! Ich versuchte, meine Gesichtszüge in Ordnung zu bringen, bückte mich und hob Andreas Brief auf. »Mama, entschuldige, ich hab noch was vergessen. Muss nochmal in mein Zimmer. Bis später.«

So ließ ich die verdutzte Renate stehen, aber um ihre Erinnerungen konnte ich mich später kümmern. Jetzt musste erst einmal ein Plan her.

Elea, ich sollte Elea einweihen...mit ihren Kenntnissen in den Bereichen Handy und Internet würde sie mir bestimmt behilflich sein können. Vor allem hatte sie eine Flatrate und wir hätten viel Zeit im Netz nach Unterkünften zu suchen, denn so etwas wie WLAN war Renate völlig fremd. Sie nutzte immer noch ihr altes Tastenhandy und telefonierte per Festanschluss stundenlang mit ihren Freundinnen.

Ich schnappte mir Eleas Handy, das Renate auf dem kleinen hohen Tischchen gleich neben dem riesigen alten Festnetztelefon hatte liegen lassen und nahm zwei Treppenstufen auf einmal.

Ich stoppte vor Eleas Zimmer, das gleich neben meinem lag, und klopfte.

Ein Gegrummel, was ich als »Herein« deutete, drang durch die Tür.

Elea war offensichtlich gerade mit Klamotten sortieren und Packen beschäftigt, ihr ganzes Bett, sämtliche Stühle und sogar Teile des Bodens waren mit Anziehsachen bedeckt.

»Elea, halt mal gerade an, vielleicht brauchst du den Koffer gar nicht.« Eleas verdutztes Gesicht tauchte hinter einer durchlöcherten Jeans auf.

»Wie meinst du das denn jetzt wieder? Kann man hier nicht einmal in Ruhe packen? Ich habe nur noch drei Tage Zeit und noch nicht einmal alles gewaschen.«

»Nein echt, es ist ernst! Renate findet keine Unterkunft für uns. Paris ist einfach zu teuer geworden.«

»Das ist jetzt nicht dein Ernst! Sie sucht doch erst seit einem Tag...naja ist vielleicht doch was zu spontan gewesen. Und was meinst du bitte mit geworden?« Eleas Stimme klang nun doch ziemlich aufgeregt, so cool ließ sie das Ganze offensichtlich auch nicht.

»Elea, wir müssen eine Lösung finden. Denk mal nach, dein erster Urlaub mit Jonas und dann Paris. Außerdem kann doch eine Woche Paris nicht so teuer sein. So ein Mist! Na, Mama meinte, dass die Zimmer vor 17 Jahren günstiger waren als heute.«

»Ach, sag bloß!« Elea ging die Naivität unserer Mutter manchmal unglaublich auf die Nerven. Sie selbst war dabei auch das genaue Gegenteil. Elea wusste immer genau, was sie wollte und sie wusste oft auch, wie dies zu erreichen war. Vor allem sah sie Dinge ziemlich realistisch, so leicht konnte man ihr nichts vormachen. Das war die richtige Entscheidung, sie in meine Lösungssuche einzubeziehen. Das hatte ich sofort gewusst.

»Lass mal überlegen, so leicht geben wir uns nicht geschlagen. Was hat Renate noch von ihrer Zimmersuche erzählt?«, forschte Elea weiter.

»Ehrlich gesagt nicht besonders viel, außer, dass es bei den Preisen für uns nicht möglich ist, dort zu übernachten...ach so, und dann ist sie vom Thema abgekommen, du kennst sie ja, in alte Zeiten und alte Freundinnen in Paris usw….«

Elea horchte auf und schob ihre Klamotten zur Seite: »Das ist es!«

Aufgeregt sprang sie vom Bett, ich verstand nur Bahnhof.

»Was ist was?«, fragte ich ungehalten.

Sollten wir nicht mal mit der Suche anfangen? So viel Zeit war nun auch nicht mehr und wir verbrachten sie mit sinnlosen Erinnerungen von Renate.

»Ganz einfach: wir suchen nicht nach einer Unterkunft, wir suchen eine von Renates alten Freundinnen aus Paris. Ganz ehrlich, wer einmal in Paris lebt, zieht da nicht wieder weg...und ich hab auch schon bei Freundinnen in anderen Städten übernachtet. Das ist doch viel günstiger! Komm, wir müssen sie direkt fragen. Wir brauchen Namen und Kontaktdaten....«

Elea hatte sich schon in Bewegung gesetzt. Ich konnte nur noch hinter ihr her rufen: »Also eigentlich handelt es sich dabei um eine alte Freundin von Egon, ich weiß nicht, ob das so eine gute Idee ist...«. Aber da war Elea schon die halbe Treppe runter und rief lautstark nach Renate.

Unsere Mutter saß immer noch sich die Haare raufend am Küchentisch gebeugt da und war ganz in Gedanken versunken. Ich konnte ihr ansehen, dass sie in Gedanken vermutlich Bildern der Vergangenheit nachhing. Egon und sie, wie sie in enger Umarmung auf einem Ausflugsschiff die Seine hinunter geschippert waren, vorbei an den großen Bauten, am Louvre und schließlich der Eiffelturm immer näher kam und dann verschwamm alles, weil Egon sie küsste.

»Mama!«, riss Eleas spitzer Schrei Renate aus ihren Gedanken, »Mama, wie hieß deine Pariser Freundin?«

Renate zuckte zusammen und schaute ihre Töchter an: »Ivette, aber das war nicht direkt meine Freundin, sondern eher eine Freundin von Egon.«

»Aha!« Elea war nicht zu bremsen. »Aber du kanntest sie? Ihr habt sie zusammen besucht? Also meinst du, sie würde sich an dich erinnern?«, stolperte es aus Elea heraus.