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Ein Schicksalsschlag reißt Ben und Olivia auseinander. Unerwartet und brutal endet ihr gemeinsamer Weg. Doch das Leben hält noch eine weitere düstere Überraschung bereit. Und sie kommt bei Nacht. Wenn alles schläft!
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Seitenzahl: 37
Veröffentlichungsjahr: 2018
„Liebst du das Leben? Dann vergeude keine Zeit, denn daraus besteht das Leben“
Benjamin Franklin
Kapitel I
Kapitel II
Kapitel III
Kapitel IV
Kapitel V
Nachwort
Der erste Schrei! Luft durchdringt die Lunge und das Leben außerhalb der wohlig warmen Bauchhöhle beginnt. Ein Schnitt durch Kollagen und Hyaluronen – so brutal und doch so natürlich - trennt das kleine Herz vom Großen. Die Nabelschnur, die die intensivste Verbindung zwischen Mutter und Kind für 40 lange Wochen war, wurde gekappt. Doch nicht wie üblich vom Vater. Den gibt es nicht. Also biologisch schon, nur liegt der bereits eingebettet in einen Eichensarg sechs Fuß tiefer, in feiner Gesellschaft von jedmöglichem Getier, das angelockt vom süßlichen, lieblichen Duft in freudiger Erwartung sein Heim verlässt, um sich am reichhaltigen Buffet die Bäuche vollzuschlagen. Eigentlich war das nicht der Plan, den Olivia und Ben verfolgten, als sich die beiden im Studium kennen und lieben gelernt haben. Alles sollte – ganz ihren Persönlichkeiten entsprechend – geordnet und nach Zeitplan ablaufen: Das Studium beenden, eine gemeinsame Wohnung beziehen, die Karriereleiter emporklimmen, Eigentum erwerben und schließlich den Stammbaum erweitern.
Eins nach dem anderen und unter keinen Umständen Chaos kreieren! Denn mit Chaos konnten beide nicht umgehen.
Ben war auf den ersten Blick ein langweiliger Typ. Aalglatt, ohne Ecken und Kanten. Der wenige Bartwuchs beschränkte sich auf einen Oberlippenbart und etwas sprießendes Haar am Kinn, das allerdings nie jemand zu Gesicht bekam. Täglich rasierte er sich mit einer übertriebenen Menge Rasierschaum, sodass er mit einer Haut, weich gleich einem Babygesicht, in den Tag startete.
Er trug nur Levis Jeans, die meist etwas zu kurz waren, sodass seine Socken, stets passend zum Outfit, immer zu sehen waren. Setzte er sich, blendeten seine weißen, unbehaarten Beine jeden, der zufällig hinsah. Und doch strahlte er etwas aus, auf das Olivia ansprang. Es war diese Ernsthaftigkeit, die er im Gegensatz zu den Mitkommilitonen nach außen trug. Zu Beginn des ersten Semesters besuchte Olivia noch eine dieser Studentenpartys und war erschüttert, wie ungehemmt die zukünftigen Personaler und Controller sich benahmen.
In alkoholgeschwängerter Atmosphäre wurde getanzt, gefeiert und gekotzt, nur um im Anschluss an diesen würdelosen Akt des Erbrechens wieder von vorne zu beginnen. Körperflüssigkeiten, nasse Küsse und zu guter Letzt die Würde wechselten im Schutz des pulsierenden Neonlichts, getragen von kitschigen Popsongs, ihre sich unbekannten Besitzer. In diesem Käfig der Zügellosigkeit strahlte Ben hervor. Zuvorkommend, kontrolliert und erhaben stand er an der Seite und betrachtete das bunte Treiben. Das war der Moment, in dem Olivia eine gewisse Zuneigung und Achtung ihm gegenüber verspürte, die sich kurze Zeit später als die große Liebe entpuppte.
Und so wurden die beiden noch während des Studiums ein Paar. Das Zusammenleben lief nach einem festen Schema ab. Dies mag verstörend wirken, doch für die Beiden bedeutete dies Orientierung, in einer schnelllebigen, chaotischen Welt. Am Montag ging er mit seinen Freunden zum Golf und am Freitagabend hatten sie Sex. Der Samstagmorgen wurde mit Vollkornmüsli und Spiegeleiern eingeläutet. Anschließend waren die Einkäufe dran. Die Ausgaben wurden akribisch bis auf den letzten Cent durch zwei geteilt. Zu Beginn ihrer Beziehung schreckte Olivia das ab. Wer erwartet schon, dass der potentielle neue Liebhaber die Subway-Rechnung beim ersten Date teilt? Aber diese Augen! Dank ihnen konnte sie über jede Marotte hinwegsehen. Diese türkisgrünen Augen, die von einem Hauch kastanienbraun durchzogen wurden. Und so kam es, dass sie sich seine Gewohnheiten aneignete. Aus tiefer, wohlwollender, inniger Liebe.
Der Plan ging auf. Doch das Leben sollte den beiden einen dicken, fetten Strich durch die Rechnung machen. Sie beendeten die Studienzeit mit einem überdurchschnittlich guten Abschluss. Die Jobsuche erwies sich als einfach, denn beide waren auf dem Arbeitsmarkt gefragt. Die Zweiraumwohnung in der Hauptstadt kündigten sie und es folgte ein kleines Reihenhaus am Stadtrand. Der Traum vom Bauen war begraben, denn trotz der guten Zinslage schien ihnen das Risiko einer hohen Verschuldung zu hoch. Sie waren Sicherheitsmenschen. Kein Risiko eingehen. Keine unerwarteten Überraschungen. Unaufregend und langweilig, aber dafür ein geordnetes Leben in festen Bahnen. Nichts dem Zufall überlassen.
