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Die Dunkelheit ist allgegenwärtig und manchmal streckt sie ihre Klauen nach uns aus und reißt uns hinab in die Tiefe. Aus der Asche, die sie hinterlässt, steigen Schmerz und Ohnmacht empor und martern den Geist bis zum Lebensende. Wo Liebe gepflanzt wurde, ist Schmerz nicht weit. Je stärker die Liebe, desto größer der Schmerz. Dieses Buch ist der schwarze Zahn im weißen Lächeln der Glückseligkeit. Stone Castle - Schottland Der 79-Jährige Stephen Parker erzählt in den letzten Stunden seines Lebens die düster traurige Geschichte über den Verlust seines Kindes an den Teufel.
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Seitenzahl: 66
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Für meine Ehefrau Katrin
Die Welt hat Zähne. Und mit denen beißt sie zu, wann immer sie will.Stephen King
Kapitel Eins: Gute alte Zeit
Kapitel Zwei: Vorzeichen
Kapitel Drei: Goldkind
Kapitel Vier: Wanderer
Kapitel Fünf: Letzter Akt
Epilog
Nachwort
Die Geschichte, die ich Ihnen, lieber Leser, nun erzählen werde, klingt absurd. Sie werden, wenn Sie die letzten Zeilen gelesen haben, das Buch beiseitelegen. Sie werden hoffentlich einen Teil meines Schmerzes spüren, denn nur deshalb erzähle ich sie. Aber Sie werden sie als Geschichte abtun. Als etwas Erfundenes. Als ein Schauermärchen, wie die, die Sie noch aus Kindheitstagen kennen. Doch auch wenn ich mir nichts mehr wünsche, als dass die folgenden Seiten lediglich meinem Hirn entsprungen sind, so ist es doch so passiert. Das Leben ist voller Geschichten. Es gibt die Guten, die Schlechten, die Traurigen und die Lustigen. Wir alle lieben Geschichten. Schon als Kind haben wir sie vorgelesen bekommen, und wer selbst Kinder hat, liest sie ihnen hoffentlich ebenfalls vor. Ich habe das getan. Und ich habe es geliebt zu sehen, wie meine kleine Tochter mit ihrem rosafarbenen Schlafanzug und den weißen Söckchen neben mir saß und in die Welt der Kinderbücher eintauchte. Wie sie gespannt an meinen Lippen hing, während ich ihr die Abenteuer von Tim und Struppi vorlas. Ich dachte damals, wir haben noch alle Zeit der Welt.
Doch ich lag falsch.
Meine Tochter Wendy wurde am 7. November 1961 geboren. Der Moment, als ich sie das erste Mal sah, das erste Mal schreien hörte und in ihre Augen blicken durfte, war der schönste und intensivste meines bisherigen Lebens. Dieses Gefühl kann man nicht beschreiben. Man muss es einfach erlebt haben. Ich war gerade 23 Jahre alt und noch ganz grün hinter den Ohren. Meine Frau Maria, mit der ich nun schon seit sechs Jahren zusammen war und die ich vor einem Jahr geheiratet hatte, rundete mein Leben ab. Tagsüber arbeitete ich an meinem neuen Arbeitsplatz als Polsterer, am Abend renovierte ich das Haus, das wir jüngst gekauft hatten. Es hatte lediglich vier Zimmer, war langweilig grau verputzt, hatte weiße Fenster und ein recht großes Stück Grün hinter dem Haus. Es war kein Traumhaus, doch es war unser Heim und ich war dabei, es so schön wie möglich zu gestalten.
Wir lebten in einer Kleinstadt namens Stone Castle. Es ist zwar nicht das romantischste Städtchen Schottlands, aber dennoch schön. Wir hatten einen Kindergarten, einen Supermarkt, in dem ich meine wöchentliche Ration Irn Bru bekam (ich liebe das Zeug noch heute), sowie kleine Cafés und Souveniershops, in die sich ab und an der ein oder andere Tourist verirrte. Am Sonntagmittag aßen wir oft in „Molly’s Tea Room“, einem herzlich eingerichteten Café, welches von Molly Brown mit viel Liebe geführt wurde. Dort gab es die besten Baked Potatoes der Stadt und der Kaffee war schwarzes Gold. Schon wenn man die rote alte Tür öffnete, kam einem der betörende Geruch von frisch gebackenen Kaffeebohnen und Speck entgegen. Molly war eine gute Seele und Wendy mochte sie. Es wurde zu einer Art Ritual, dass wir als Familie sonntags dort verkehrten. Und Wendy freute sich jedes Mal aufs Neue auf ihre heiße Schokolade mit Marshmallows. Aber welches Kind würde das nicht tun. Erst recht nicht, wenn sie von Molly zubereitet wurde.
Stone Castle war unser neues Zuhause, nachdem wir die letzten Jahre in einer kleinen, schimmligen Wohnung der schnelllebigen Großstadt Edinburgh lebten. Wir fanden rasch Anschluss und bauten uns ein eigenes kleines Netz aus guten Freunden auf. Wir Schotten, müssen Sie wissen, sind von Natur aus ein freundliches und aufgeschlossenes Volk, weshalb wir keine Berührungsängste haben und schnell Kontakte knüpfen.
Wenn ich nicht gerade arbeitete, setzte ich alles daran, ein perfekter Vater zu sein. Ich würde lügen, wenn ich sage, es wäre eine einfache Zeit gewesen. Nein, das war es nicht. Ein guter Freund sagte einst zu mir: „Wenn du ein Haus baust, dann schweißt dich das mit deiner Frau zusammen oder ihr entfernt euch voneinander.“ Maria und mich hat es näher zusammengebracht. Und das war gut so, denn sonst hätten wir die nachfolgenden Ereignisse nie zusammen durchgestanden.
Das erste Jahr war – wie bei jedem frisch gebackenen Vater – turbulent. Volle Windeln, harte Nächte und Rückenschmerzen vom Spielen auf dem Boden waren die Regel. Doch die Zeit verging wie im Flug und aus meinem kleinen Baby, das ich nach der Entbindung direkt an die Brust gelegt bekommen hatte, wurde eine kleine Prinzessin von vier Jahren. Und sie war mein Schatz. Mein Ein und Alles. Sie war der Grund, warum ich atmete. Jeden Tag bereicherte sie mit ihrer lustigen, liebevollen, aber auch willensstarken und trotzigen Art mein Leben. Ich versuchte, so viel Zeit wie möglich mit ihr zu verbringen. Jedes Bild, das sie malte, jedes Teil, das sie bastelte, brachte mich dazu, mit stolz geschwellter Brust entlang zu schreiten. Ja, ich war stolz! Ich habe sie mit jeder Faser meines Körpers geliebt und ich habe ihr schon im Mutterleib geschworen, dass ich ihr jeden Stein aus dem Weg räumen werde. Jede negative Energie abschirmen und nur das Positive an sie heranlassen werde. Klingt das für Sie naiv? Sicher tut es das. Aber bitte, gehen Sie nicht zu hart mit mir ins Gericht. Auch mit uns Männern gehen die Hormone durch und unsere Töchter sind nun einmal unsere Prinzessinnen. Wir tragen sie auf Händen und wünschen uns, dass dieser Zustand nie enden wird. Doch natürlich wissen wir auch, dass irgendwann der Zeitpunkt kommt, an dem wir sie abgeben müssen. An dem ein anderer Mann in ihr Leben tritt und wir sie vor dem Altar offiziell übergeben. Kennen Sie einen frisch gebackenen Vater? Fragen sie ihn, mit welchen Gefühlen er an diesen Moment denkt. Oder sind Sie selbst gerade in dieser Situation? Dann fragen Sie sich doch selbst.
Aber glauben Sie mir, jetzt – 42 Jahre später – wünsche ich mir so sehr, die Chance gehabt zu haben, meine Tochter zum Altar zu führen. Zu sehen, wie sie von einem Mann in den Arm genommen wird, der sie genauso liebt wie ich. Auf eine andere Art und Weise, aber mit genau so viel Herzblut. Nein, ich habe diese Chance nie bekommen. Der vierte Geburtstag meiner kleinen Wendy war der letzte, den wir gemeinsam erleben durften. Und somit wurde mir verwehrt zu sehen, wie sie groß wird. Wie sie von einem Kleinkind zu einem Kind, zu einer jungen Dame und schließlich zu einer Frau wird. Ich habe geschworen, sie vor jedem negativen Einfluss zu schützen, doch ich habe versagt. Ich wusste nicht, dass es Dinge gibt, die schlimmer sind als der Tod. Dinge, die so schrecklich sind, dass sie eigentlich nur in Märchenbüchern existieren. Und doch gibt es sie.
Die Straße hinab wohnte eine kleine Familie, die Bradies. Einst waren sie zu dritt, doch das Leben nahm auch ihnen das Kind. Ihr zweijähriger Sohn Nathan war der Meinung, er müsse alleine mit den Fischen am Teich spielen. Sie vielleicht sogar anfassen. Mit ihnen sprechen. Er verlor das Gleichgewicht und fiel kopfüber ins Wasser. Sein Tod war erschütternd, die Eltern traumatisiert. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich möchte dies nicht bagatellisieren. Aber die Bradies hatten die Möglichkeit, ihren Verlust zu verarbeiten. Denn es handelte sich um einen rationalen Verlust. Er war erklärbar. Der Junge konnte nicht schwimmen, die Lungen füllten sich mit Wasser und das kleine Herz hörte auf zu schlagen. Ja, das sind die beschissenen Geschichten, die das Leben schreibt. Doch ich frage mich, wer meine Geschichte geschrieben hat. Die Geschichte meiner kleinen Wendy. Wenn das das Leben war, dann verachte ich es.
