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In "Lockruf des Goldes" entfaltet Jack London die packende Geschichte des Goldrauschs in Alaska, die die Gier, das Überleben und die notwendige Anpassungsfähigkeit der menschlichen Natur thematisiert. Seine eindringliche, bildhafte Sprache bringt die rauen Landschaften und die inneren Konflikte der Protagonisten lebendig zum Ausdruck und verleiht dem Werk sowohl emotionale Tiefe als auch ein faszinierendes gesellschaftliches Panorama. Dieses literarische Meisterwerk reflektiert die Herausforderungen und Triumphe der Suche nach Reichtum in einer unbarmherzigen Umwelt und ist sowohl ein Abenteuerroman als auch ein tiefgründiger Blick auf die menschliche Psyche vor extremen Umständen. Jack London, ein bedeutender Vertreter der amerikanischen Literatur, brachte in seine Werke die Erfahrungen seiner eigenen Reisen und Abenteuer ein. Er wuchs in einer Zeit wirtschaftlicher Unsicherheit und sozialer Umbrüche auf, was seine Entscheidung für das Schreiben prägte. Londons eigene Erlebnisse während des Klondike-Goldrauschs sowie seine ausgeprägten sozialkritischen Ansichten machten ihn zum perfekten Chronisten dieser bewegten Epoche, die er mit Leidenschaft und Authentizität einfängt. "Lockruf des Goldes" ist ein unverzichtbares Leseerlebnis für alle, die sich für Abenteuerliteratur, die Natur des Menschen und die Verstrickungen von Gier und Überleben interessieren. Londons gekonnte Erzählweise und die fesselnde Handlung sorgen dafür, dass der Leser bis zur letzten Seite gefesselt bleibt. Dieses Buch bietet nicht nur spannende Unterhaltung, sondern regt auch zur Reflexion über die eigenen Werte und Entscheidungen an. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes. - Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten. - Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben. - Eine Autorenbiografie beleuchtet wichtige Stationen im Leben des Autors und vermittelt die persönlichen Einsichten hinter dem Text. - Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen. - Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.
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Veröffentlichungsjahr: 2023
Gold verheißt Freiheit, doch es fordert stets Tribut. Jack Londons Lockruf des Goldes entfaltet diese doppelte Anziehungskraft mit einer Nüchternheit, die zugleich elektrisiert und ernüchtert. Der Roman führt in eine Welt, in der Mut, Glück und Leidenschaften untrennbar verschränkt sind, und in der der Preis des Erfolgs selten im Voraus bekannt ist. An der Schwelle zwischen Grenzland und Moderne tastet London den Kern eines Versprechens ab, das Menschen in Bewegung setzt: Reichtum als Beweis der eigenen Tüchtigkeit. Doch je näher man dem Glanz kommt, desto deutlicher treten Härte, Risiko und Selbstverzehr hervor – und verlangen Antworten ohne Ausflüchte.
Jack London (1876–1916) gehört zu den bedeutendsten amerikanischen Erzählern des frühen 20. Jahrhunderts. Lockruf des Goldes erschien 1910 im Original unter dem Titel Burning Daylight und schöpft aus Londons eigenen Erfahrungen im Norden Nordamerikas. Seine Teilnahme am Klondike-Goldrausch der Jahre 1897/98 lieferte Stoff, Schauplätze und Milieu. Das Werk verbindet Abenteuerroman, Milieuschilderung und Gesellschaftsstudie in einer für London typischen Mischung aus realistischer Beobachtung und energischem Erzählfluss. In deutschen Ausgaben trägt es den Titel, der den Sog der Epoche markiert: der unwiderstehliche Ruf, der Menschen aus sicheren Bahnen hinaus in extreme Lebenslagen lockt und formt.
Im Zentrum steht ein außergewöhnlich tatkräftiger Protagonist, ein Abenteurer und Unternehmer, den alle nur Burning Daylight nennen. Von den winterlichen Weiten des Nordens bis in die pulsierenden Räume der aufstrebenden Städte verfolgt London seine Laufbahn, ohne die Spannung zwischen Natur und Zivilisation zu glätten. Der Roman zeigt, wie sich Glücksversprechen, körperliche Härte und wirtschaftliche Wagnisse gegenseitig durchdringen. London skizziert die Ausgangslage knapp und packend: eine Epoche, die Chancen stapelt, aber auch Verluste. Wer sich auf sie einlässt, muss lernen, Kräfte zu bündeln, Grenzen zu erkennen und Entscheidungen zu verantworten, deren Folgen nicht absehbar sind.
Als Klassiker gilt Lockruf des Goldes, weil es die großen Erzählungen seiner Zeit bündelt: den Mythos vom Grenzland, die Ethik der Arbeit, die Verlockung des schnellen Gewinns. London schreibt mit der Kühle eines Naturforschers und dem Sinn für Dramatik eines Abenteurers. Er zeigt Menschen nicht als abstrakte Ideenträger, sondern als Körper in einer Umwelt, die fordert und formt. Darwinsches Überleben, Zufall und kalkuliertes Risiko treten in eine produktive Reibung. So wird der Roman zur Schule des Sehens: Er macht Leserinnen und Leser sensibel für Kräfte, die Erfolg ermöglichen – und für die Brüche, die er hinterlässt.
Literarisch verbindet London erzählerische Ökonomie mit anschaulicher Konkretion: knappe Szenen, deutliche Bewegungen, präzise Arbeit am Detail. Schneeknirschen, Handelskurse, Ausrüstung, Rationen und Entfernungen – die Dinge haben Gewicht und Takt. Diese Materialität verleiht den Figuren Glaubwürdigkeit und den Konflikten Dringlichkeit. Zugleich wahrt der Text eine kritische Distanz: Er feiert Tatkraft, ohne sie zu vergötzen; er zeigt Gewinn, ohne seinen Preis zu verdecken. In der Spannung von Tempo und Reflexion entsteht eine besondere Lesedynamik, die den Roman über bloße Abenteuerunterhaltung hinaushebt.
Historisch verankert ist das Buch im Kontext des Klondike-Goldrauschs, der ab 1896 die nördliche Weltregion veränderte und eine Welle von Hoffnungen, Unternehmungen und Entbehrungen auslöste. Zugleich blickt London auf die rasch wachsenden Wirtschafts- und Finanzzentren an der amerikanischen Westküste. Diese doppelten Räume – gefrorene Wildnis und heiß laufende Märkte – sind nicht bloß Kulisse, sondern Kräftefelder, in denen Menschen Entscheidungen treffen. London zeigt, wie die Logik des Goldes Körper, Zeit und Beziehungen strukturiert und wie daraus ein moderner Takt von Arbeit, Risiko und Beschleunigung entsteht.
Ein nachhaltiger Einfluss des Werks liegt in seiner doppelten Optik: Es erzählt die Lust am Vorstoß und die Nüchternheit der Bilanz. Spätere Abenteuer- und Gesellschaftsromane knüpfen an diese Perspektive an, wenn sie Unternehmergeist, Grenzerfahrung und moralische Rechenschaft zusammenführen. Lockruf des Goldes hat die literarische Vorstellung vom Norden als Prüfstein des Charakters mitgeprägt und das Bild des Selfmade-Helden um eine kritische Note erweitert. London zeigt, wie schnell Heldentum in Routine kippen kann – und wie Routine wiederum eine Härte erzeugt, die Bewunderung und Skepsis zugleich hervorruft.
Thematisch kreist der Roman um Maß und Maßlosigkeit, um die Frage, welche Ziele den Einsatz von Kraft, Zeit und Gewissen rechtfertigen. Gold steht dabei nicht nur für Metall, sondern für jeden Beschleuniger sozialer Anerkennung. London beobachtet, wie Menschen sich in Konkurrenz ordnen, wie Glück und Geschick zusammenarbeiten und wo blinde Flecken entstehen. Er verweigert einfache Moralismen und baut auf die Urteilskraft der Lesenden. Gerade diese Offenheit macht den Text anschlussfähig: Er ist Prüfstein für eigene Werte, nicht Schaubühne einer fertigen Lehre.
Stilistisch ist London Teil des literarischen Naturalismus, aber er koppelt diesen an erzählerische Spannung und klare Dramaturgie. Seine Sätze sind energisch, seine Bilder griffig, seine Szenen handwerklich dicht gebaut. Aus dieser Konstruktion erwächst eine Unmittelbarkeit, die ohne pathetische Überhöhung auskommt. Die Figuren erhalten Kontur durch Handlung, nicht durch Deklamation. Das Erzählen bleibt körpernah, doch die gesellschaftliche Dimension ist stets mitgemeint: Arbeitsteilung, Kapitalflüsse, Abhängigkeiten. So entfaltet der Text seine doppelte Lesbarkeit – Abenteuer für den Puls, Analyse für den Kopf.
Zur Entstehungsgeschichte gehört, dass London die Welt, von der er erzählt, aus erster Hand kannte. Die Strapazen des Nordens, die Logik der Versorgung, die Praxis des Handelns – all dies wurde ihm nicht nur berichtet, sondern erlebt. Aus Erfahrung entsteht Autorität, aus Autorität erwächst Vertrauen. Wer Lockruf des Goldes liest, begegnet keinem Fremdenführer, sondern einem zuverlässigen Chronisten. Diese Verlässlichkeit macht das Werk belastbar gegenüber Moden: Es gründet im Konkreten und gewinnt daraus Allgemeingültigkeit, ohne anekdotisch zu werden. Darin liegt ein Kern seines Klassikersstatus.
Innerhalb von Londons Werk steht Lockruf des Goldes neben Erzählungen wie Der Ruf der Wildnis (1903), Wolfsblut (1906) und Martin Eden (1909) als Variation zentraler Motive: Selbstbehauptung, Gesellschaftsdruck, Natur und Moderne. Doch es setzt einen eigenen Akzent, indem es Unternehmertum, Körperkraft und ökonomische Systeme eng führt. Der Roman zeigt, wie äußere Landschaften innere Landschaften modellieren – und umgekehrt. Leserinnen und Leser erhalten damit einen Zugang zu Londons Denken in Kräften, nicht in Schlagworten: Bewegung, Widerstand, Reibung, Formung. Aus dieser Dynamik speist sich seine anhaltende Überzeugungskraft.
Warum ist Lockruf des Goldes heute noch relevant? Weil es den Mechanismus des Begehrens freilegt, der moderne Lebensläufe antreibt: die Hoffnung, schneller zu werden als die eigene Zeit. In Zeiten von Start-ups, Finanzmärkten und permanentem Wettbewerb wirkt Londons Analyse überraschend gegenwärtig. Der Roman hilft, den Preis von Tempo, Erfolg und Selbstoptimierung zu taxieren – ohne die Lust am Gelingen kleinzureden. Seine Qualitäten sind zeitlos: klare Sprache, erzählerische Spannung, genaue Beobachtung, moralische Offenheit. Wer ihn liest, findet kein Rezept, aber ein robustes Instrumentarium, die eigenen Entscheidungen wacher zu treffen.
Lockruf des Goldes, ein Roman von Jack London, erschien 1910 im Original als Burning Daylight und spannt den Bogen vom rauen Norden Nordamerikas bis zu den aufstrebenden Metropolen der Westküste. Im Mittelpunkt steht Elam Harnish, genannt Burning Daylight, ein drahtiger Abenteurer des Klondike-Goldrauschs, dessen Energie und Draufgängertum ihm Ansehen und Einfluss verschaffen. London zeichnet ein Panorama von Naturgewalten, Hoffnungen und Härten und verknüpft es mit einer kritischen Betrachtung moderner Wirtschaftsdynamiken. Die Erzählung folgt der Entwicklung eines Mannes, der vom unmittelbaren Kampf ums Überleben zu abstrakteren Arenen des Wettbewerbs aufsteigt, ohne zu verraten, welche persönlichen Konsequenzen dieser Weg letztlich hat.
Zu Beginn etabliert der Roman die lebensfeindliche, zugleich magnetische Welt des Yukon. Daylight behauptet sich in Kälte, Dunkelheit und Gefahr, nutzt Tempo, Mut und Erfahrung, um extreme Distanzen zu überwinden und Wetten zu gewinnen. Diese frühen Episoden stellen seine körperliche Widerstandskraft und sein taktisches Denken heraus. Die Anziehungskraft des Goldes zeigt sich als Mischung aus Verheißung und Risiko: Jeder Erfolg ist erkauft durch Erschöpfung, Entbehrung und das ständige Bewusstsein, dass ein Fehltritt fatal enden kann. Londons Darstellung der Wildnis ist zugleich Prüfstein für Charakter und Nährboden für Mythen, die Menschen antreiben und blenden.
Mit den ersten Funden und Deals tritt Daylight aus der Anonymität der Schürfer heraus. Er organisiert Unternehmungen, übernimmt Verantwortung für Gefährten und entscheidet mit sicherem Instinkt, welche Claims sich lohnen. Die Gemeinschaft der Suchenden erscheint ambivalent: solidarisch im Angesicht äußerer Widrigkeit, zugleich von Konkurrenz und Misstrauen durchzogen. London fokussiert nicht die spektakuläre Entdeckung allein, sondern die Logistik des Erfolgs – Transport, Vorräte, Verhandlungen. Daraus entsteht ein Bild von Unternehmergeist, der im Angesicht der Naturgesetze geerdet bleibt. Der erste Wendepunkt deutet sich an, als Kapital, Beziehungen und Reputation neue, von Landschaft und Jahreszeiten weniger abhängige Möglichkeiten eröffnen.
Mit wachsender Erfahrung verschiebt sich Daylights Schwerpunkt vom Schürfen zum Gestalten. Gewinne werden zu Startkapital, Poker und Tauschgeschäfte zu strategischen Instrumenten. Die Erzählung zeigt, wie Intuition und Risikobereitschaft aus dem Norden in eine breitere Sphäre von Unternehmungen übertragen werden. Dieser Übergang markiert einen Bruch: Aus dem direkten Ringen mit Eis und Fluss wird ein Messen mit Regeln, die Menschen selbst setzen. London nutzt die Bewegung nach Süden als dramaturgischen Schnitt, an dem sich die Frage zuspitzt, ob jene Tugenden, die im Norden tragen, in der Welt der Verträge, Börsenticker und Hinterzimmerabsprachen ebenso verlässlich sind.
In San Francisco betritt Daylight die Bühne einer sich schnell modernisierenden Wirtschaft. Hier zählen Geschwindigkeit, Liquidität und das Gespür für Stimmungen der Märkte. Der Protagonist steigt als kühner Operator auf, bündelt Beteiligungen, treibt Projekte voran und setzt auf Kalkül statt auf Spitzhacke. Der Ton verschiebt sich: Lärm von Verträgen ersetzt das Heulen des Windes, und Rivalen agieren in Anzügen statt Pelzen. London zeigt die Verlockung immaterieller Gewinne und die Distanz, die sich zwischen Handlung und greifbarem Ergebnis schiebt. Die Dynamik des Kapitals wird als kühner, aber entkörperlichter Wettlauf erlebbar, dessen Regeln sich im Augenblick ändern.
Parallel zu dieser Karriere öffnet der Roman eine intime Spur: Der äußere Erfolg kontrastiert mit innerer Leere. Begegnungen im Büroalltag – insbesondere mit einer besonnenen Stenografin – setzen neue Maßstäbe für Maßhalten, Verantwortung und Selbstfürsorge. Daylight erkennt, dass Tempo nicht gleichbedeutend mit Richtung ist. Arbeitsrhythmen, die im Norden Sinn stifteten, wirken im Stadtbetrieb zermürbend. London skizziert hier einen zweiten Wendepunkt, der weniger spektakulär, aber tiefgreifend ist: die Infragestellung von Gewohnheiten. Zwischen Arbeit, Freizeit und Beziehung entstehen Spannungen, die nicht mit Geld, sondern nur mit Prioritäten gelöst werden können.
Ein Marktsturm verdichtet diese Konflikte. In einer Phase beschleunigter Spekulation geraten Pläne, Partner und Prinzipien unter Druck. Daylights Neigung, groß zu setzen und durchzuhalten, wird auf die Probe gestellt. Der Roman zeigt, wie Informationsvorsprung, Mut und Starrsinn in Extremsituationen ineinandergreifen – und welche physischen wie psychischen Kosten das fordert. Rechtliche Scharmützel, moralische Grauzonen und die Frage, wie viel eines Menschen Integrität verkraftet, ohne zu zerbrechen, treiben die Handlung. London wahrt Spannung, indem er Konsequenzen andeutet, ohne sie vollständig auszuerzählen, und richtet den Blick auf die Spuren, die das Geschehen hinterlässt.
Aus dieser Zuspitzung führt die Erzählung in ruhigere, aber nicht weniger fordernde Bahnen. Ein Rückzug aus der Hochgeschwindigkeit des Finanzlebens öffnet Raum für ein anderes Verständnis von Erfolg: Zeit, Gesundheit, handwerkliche Arbeit und die Bindung an eine konkrete Landschaft in Kalifornien rücken in den Vordergrund. Tiere, Jahreszeiten und die Repetition körperlicher Tätigkeiten strukturieren den Tag. Der Aufbau eines neuen Alltags wird zur Prüfung, ob Energie und Erfindungskraft auch in der Pflege statt im Erobern bestehen können. Beziehungen vertiefen sich im Takt dieser Umstellung, ohne dass der Roman endgültige Lösungen ausbuchstabiert.
Am Ende steht kein heroischer Triumph, sondern eine übergreifende Reflexion über Maß, Freiheit und Verantwortung. Lockruf des Goldes liest sich als Kritik an einer Moderne, die Geschwindigkeit mit Sinn verwechselt, und als Plädoyer dafür, Kraft in Einklang mit Umwelt und Mitmenschen zu bringen. Londons Gegenüberstellung von Wildnis und Stadt, Körperarbeit und Spekulation, Gemeinschaft und Konkurrenz entfaltet bleibende Gültigkeit. Der Roman zeigt, wie derselbe Antrieb, der Reichtum schafft, auch zur Selbstentfremdung führen kann – und wie die Suche nach einem tragfähigen Lebensrhythmus wichtiger wird als der nächste Coup. Die letzten Weichenstellungen bleiben bewusst offen und spoilerarm angedeutet.
Jack Londons Lockruf des Goldes ist in den späten 1890er Jahren verankert, als der Klondike-Goldrausch die nördlichen Randzonen Kanadas und Alaskas prägte. Ort der Handlung ist vor allem der Yukon und angrenzende Regionen Alaskas, beherrscht von Kälte, Dunkelheit und langen Transportwegen. Institutionell dominierten in Kanada die Verwaltung der jungen Yukon-Region, die kanadische Bundesregierung und die North-West Mounted Police; auf US-Seite wirkten lokale Behörden, Militär und städtische Machtzentren der Häfen. Veröffentlicht wurde das Werk 1903, also kurz nach dem Höhepunkt des Goldrausches. Es greift eine Zeit auf, in der raue Natur, improvisierte Ordnung und ökonomische Hoffnungslosigkeit vieler Zuwanderer aufeinandertrafen.
Der historische Auslöser war der Goldfund am Rabbit (Bonanza) Creek im August 1896, der Skookum Jim (Keish), Dawson Charlie (Káa Goox) und George Carmack zugeschrieben wird. Zeitgenössische Zeitungen in Seattle, San Francisco und anderen Städten verbreiteten 1897 die Nachricht, was zu einem massiven „Stampede“ führte. Schätzungen zufolge machten sich rund 100.000 Menschen auf den Weg, doch deutlich weniger erreichten den Klondike. Die meisten kamen per Schiff an die Lynn-Kanäle, von wo aus sie über steile Pässe weiterzogen. Lockruf des Goldes spiegelt diesen Sog aus Versprechen schnellen Reichtums und die Härte der Realität wider, die den Traum vieler Suchender brach.
Die wichtigsten Zugänge waren der Chilkoot Pass und der White Pass. Die North-West Mounted Police verlangte von Einwandernden das Mitführen eines Jahresvorrats an Lebensmitteln, Werkzeugen und Kleidung – insgesamt etwa eine Tonne – um Hungersnöte zu verhindern. Diese Vorschrift zwang zu vielfachen Märschen über vereiste Stufen. Auf dem White Pass entstand der berüchtigte „Dead Horse Trail“, denn Hunderte, teils Tausende Packtiere verendeten in den Schlamm- und Geröllrinnen. Solche Wege strukturieren die Logistik in Londons Text: Schwer beladene Trupps, gefährliche Übergänge, prekäre Ökonomie – eine kombinierte Landschaft aus Anstrengung, Bedürfnis und Kommerzialisierung von Hoffnung.
Dawson City wuchs 1897/98 rasant von einem Zeltlager zur zentralen Goldrausch-Stadt. Schiffsverkehr auf dem Yukon verband die Siedlung mit Häfen weiter südlich, solange der Fluss eisfrei war. Im Winter legte Eis Handel und Reise weitgehend lahm, wodurch Waren knapp und exorbitant teuer wurden. Provisorische Läden, Saloons, Tanzhallen und Spielhöllen prägten das Alltagsbild, daneben Kirchen, Schulen und erste Verwaltungsgebäude. Claims wurden registriert, gehandelt und vor örtlichen Behörden und Gerichten verhandelt. Diese Gemengelage aus improvisierter Urbanität, Ungleichheit und improvisiertem Recht ist der soziale Rahmen, in dem Lockruf des Goldes die menschliche und tierische Existenz verortet.
In Kanada bemühten sich die North-West Mounted Police um Ordnung, Zollerhebung und Grenzschutz. Sie regelten Einreisen, kontrollierten Vorräte und schritten gegen Gewalt ein. Im Vergleich zur US-Seite galt die kanadische Ordnung als straffer; gleichwohl kam es auch dort zu Betrug, Übergriffen und Willkür. Auf der US-Seite, insbesondere in Skagway, erlangte der Betrüger Soapy Smith kurzzeitig Einfluss, bevor er 1898 getötet wurde. Londons Darstellung einer Grenze zwischen rudimentärer Gesetzlichkeit und chaotischer Gewalt korrespondiert mit dieser historischen Konstellation, in der staatliche Präsenz punktuell, aber nicht allumfassend funktionierte und häufig von privatwirtschaftlichen Interessen flankiert wurde.
Für die indigenen Gemeinschaften der Region – darunter die Hän (Tr’ondëk Hwëch’in), Tagish, Tlingit und andere – brachte der Goldrausch tiefgreifende Umbrüche. Handelsnetzwerke verschoben sich, traditionelle Fisch- und Jagdgründe wurden übernutzt oder blockiert, und Krankheiten sowie Zuzug setzten Gemeinschaften unter Druck. Die Tr’ondëk Hwëch’in siedelten um 1897 von Tr’ochëk nach Moosehide um, was ihr Leben dauerhaft veränderte. Viele arbeiteten als Führer, Packträger oder in Hilfstätigkeiten, doch der wirtschaftliche Nutzen blieb ungleich verteilt. Lockruf des Goldes spiegelt diese Kontaktzonen nur am Rand, doch die historischen Verschiebungen bilden den unausgesprochenen Hintergrund der Erzählwelt.
Schlittenhunde waren das logistische Rückgrat des Nordens. In den Wintern übernahmen Hundegespanne Posttransport, Personenbeförderung und Fracht. Die Nachfrage nach kräftigen, kälteharten Tieren stieg während des Goldrausches stark an, was Preise trieb und Misshandlungen begünstigte. Indigene Kenntnisse über Zucht, Gespannführung und Routenwahl flossen in die Praxis ein. Londons Fokus auf das Hundeleben ist historisch fundiert: Strapazen, Hunger, Bauchgurt und Zuggeschirr, Eisschollen und vereiste Pisten bestimmten das Schicksal dieser Tiere. In dieser Verkehrsökonomie vermittelte der Hund Mobilität – und damit Chancen auf Überleben und Profit – lange bevor Schienen und Motoren die Region prägten.
Die Umweltbedingungen waren extrem. Temperaturen fielen im Winter weit unter minus 30 Grad, Tageslicht war knapp. Der Permafrost machte das Schürfen schwierig: Bergleute tauten den Boden mit Holzfeuern auf, schachteten in Tiefe und wuschsen das erdige Material im Sommer aus. Holz wurde knapp, und die Eingriffe hinterließen Brandflächen, umgeleitete Rinnsale und aufgewühlte Flussbetten. Solche Techniken und ihre ökologischen Folgen sind im Werk indirekt präsent: Eine Welt, in der Natur weder Kulisse noch romantischer Gegenpart ist, sondern die härteste Akteurin – ein Umstand, den Londons Prosa ungeschönt einfängt.
Der Goldrausch fiel in eine Phase wirtschaftlicher Unsicherheit in den USA nach der Krise von 1893. Arbeitslosigkeit und Lohnkürzungen trieben viele Männer – und einige Frauen – in die Ferne. Die Debatten um den Goldstandard und die Währungsfrage politisierten die Öffentlichkeit, während Goldfunde in Colorado, Alaska und dem Yukon neue Hoffnungen weckten. Städte wie Seattle vermarkteten sich erfolgreich als „Tor zum Klondike“, was lokale Wirtschaften ankurbelte: Ausrüster, Reedereien, Banken und Zeitungen profitierten. In Lockruf des Goldes spiegelt sich diese Verflechtung von persönlicher Not, medialer Aufladung und städtischem Unternehmertum, das die Ströme nach Norden kanalisierte.
Jack London reiste 1897 selbst in den Klondike. Er nahm den Weg über die Lynn-Kanäle, überquerte den Chilkoot Pass, baute mit Gefährten Boote und fuhr die Flüsse gen Dawson. Er erlebte Hunger, Kälte, harte Arbeit und erkrankte an Skorbut, weshalb er 1898 zurückkehrte. Eigene, teils bittere Erfahrungen flossen in seine Erzählungen ein: topografische Details, die Atmosphäre in provisorischen Siedlungen, das Zusammenspiel von Menschen, Hunden und Natur. Diese biografische Nähe verleiht Lockruf des Goldes dokumentarische Dichte, ohne den literarischen Zugriff auf Perspektive und Figurengestaltung einzubüßen.
Intellektuell stand London in der Tradition des literarischen Naturalismus. Darwins Evolutionslehre und die Schriften von Herbert Spencer prägten um 1900 Debatten über Anpassung, Instinkt und Umwelt. In den USA verknüpften Autoren soziale Beobachtung mit biologischen Metaphern, um Ungleichheit, Überleben und Gewalt zu deuten. London kannte diese Diskurse und adaptierte sie in Tier- und Abenteuererzählungen. Lockruf des Goldes verhandelt Instinkt und Erziehung, Härte und Kooperation in einer Welt, die Selektionsdruck ausübt. Gleichzeitig resonieren zeitgenössische sozialkritische Anliegen – etwa Arbeitsbedingungen und Armut – als unterschwellige Folie, ohne die Tierperspektive zum sozialpolitischen Traktat zu machen.
Die Publikationsbedingungen um 1900 begünstigten Reichweite. Populäre Magazine veröffentlichten Abenteuerstoffe in Fortsetzungen, bevor sie als Bücher erschienen. 1903 kam Lockruf des Goldes in den USA in Buchform heraus und erreichte rasch ein Massenpublikum. Der Markt für „Nordland“-Narrative war etabliert, und Lesende suchten authentisch wirkende, doch packende Schilderungen. Londons knapper Stil, die Konzentration auf Erfahrung und die präzise Beobachtung der nordischen Welt trafen diesen Nerv. Das Werk stand neben Reportagen und Reiseberichten, die denselben Raum beschrieben, jedoch seltener die Tierperspektive wählten, die Londons Text literarisch markant machte.
Technologische Entwicklungen veränderten den Norden kurz nach dem Goldrausch. Die White Pass & Yukon Route, deren Bau um 1898 begann und die 1900 Skagway mit Whitehorse verband, erleichterte den Zugang. Telegraphennetze wurden um die Jahrhundertwende ausgebaut, was Kommunikation und Handel beschleunigte. In den Folgejahren übernahmen kapitalkräftige Unternehmen mit Maschinen und später Schwimmbaggern den Abbau in größerem Maßstab, wodurch Einzelgräber an Bedeutung verloren. Lockruf des Goldes hält damit eine Übergangsphase fest: noch dominiert Muskelkraft und tierische Traktion, während sich die kommende Rationalisierung und Kapitalintensivierung bereits abzeichnen.
Rechtlich reagierten die Behörden mit spezifischen Regelungen. Der Yukon wurde 1898 als eigenes Territorium aus dem kanadischen Nordwesten herausgelöst, um Verwaltung und Rechtsprechung näher an die Minen zu bringen. Claim-Größen, Arbeitsverpflichtungen zur Aufrechterhaltung von Eigentumsansprüchen und Verfahrenswege bei Streitigkeiten wurden festgelegt. Diese Struktur sollte sowohl Spekulation eindämmen als auch Investitionen ermöglichen. In der Praxis blieben Konflikte häufig, doch ein rechtlicher Rahmen entstand. Der Text reflektiert diese Spannung zwischen improvisierter Gerechtigkeit, formalen Regeln und den faktischen Mächten von Geld, Muskelkraft und Zufall in einem rauen Grenzraum.
Kulturell erzeugte der Goldrausch ein kraftvolles Imaginäres: Zeitschriften, Panoramen, Vortragsreisen und Fotografien verbreiteten Bilder der nördlichen Wildnis und des „Abenteurers“. Diese Darstellungen überhöhten oft Risiken und Gewinne, boten aber zugleich praktische Ratschläge. London nutzt und bricht diese Muster: Er liefert nicht bloß Heldengeschichten, sondern eine Verdichtung aus Alltag, Entbehrung und Tiererfahrung. In einer Zeit, in der Tiererzählungen populär wurden und Debatten um Anthropomorphismus aufflammten, verschiebt sein Text die Perspektive weg vom triumphalistischen Prospektor hin zu einem Wesen, das zugleich Werkzeug, Gefährte und eigenständiger Akteur ist.
Zeitgenössisch stieß das Buch auf breite Resonanz. Leserinnen und Leser lobten Authentizität und Intensität; Tierschutzdebatten reagierten sensibel auf Gewaltdarstellungen, die jedoch historisch plausibel waren. Lehrpläne griffen den Text später auf, und Verfilmungen sowie Bearbeitungen verstärkten seinen Einfluss auf die populäre Vorstellung des Nordens. Während die Goldfelder im frühen 20. Jahrhundert in industriellere Bahnen gelenkt wurden und andere Funde die Aufmerksamkeit verschoben, blieb Lockruf des Goldes ein Referenzpunkt dafür, wie die Ära erlebt, erinnert und moralisch bewertet werden kann.
Im historischen Rückblick kommentiert das Buch seine Zeit, indem es den Preis der Goldsuche sichtbar macht: körperlich, ökologisch und sozial. Es kontrastiert die Versprechen urbaner Werbung mit der Unerbittlichkeit einer Natur, die menschliche Pläne neutral behandelt. Es zeigt, wie Institutionen Ordnung schaffen und doch oft erst mit Verzögerung wirksam werden. Und es deutet auf Verluste hin – bei Menschen, Tieren und indigenen Gemeinschaften –, die den materiellen Gewinnen gegenüberstehen. So wird Lockruf des Goldes zu einem Dokument einer Umbruchszone, das die Ambivalenzen des Fortschritts in einer randständigen, aber prägend gedachten Region festhält.
Jack London (1876–1916) war ein US-amerikanischer Romancier, Erzähler und Journalist der Wende zum 20. Jahrhundert. Er verband populäre Abenteuerstoffe mit dem Blick des Naturalismus und erreichte früh internationale Leserschaft. Geprägt von harter Arbeit, Seefahrt und dem Klondike-Erlebnis, schrieb er mit energischer, bildhafter Prosa über Überleben, Naturgewalt und gesellschaftliche Spannungen. Zu seinen bekanntesten Büchern zählen The Call of the Wild, The Sea-Wolf, White Fang und Martin Eden; viel gelesen werden auch Kurzgeschichten wie To Build a Fire. Neben der Belletristik verfasste er Reportagen und Essays. Er starb 1916 in Kalifornien, doch seine Bücher bleiben beständig im Druck.
Aufgewachsen in einfachen Verhältnissen, bildete sich London früh in Leihbibliotheken weiter und studierte kurzzeitig an der University of California in Berkeley, bevor finanzielle Zwänge sein Studium beendeten. Prägend wirkten naturwissenschaftliche und sozialphilosophische Lektüren, insbesondere Charles Darwin und Herbert Spencer, sowie der amerikanische Naturalismus. Literarisch bezog er Impulse aus der Abenteuertradition von Autoren wie Robert Louis Stevenson und Rudyard Kipling. Ebenso formten Seefahrt, Fabrikarbeit und Wanderjahre seine Beobachtungsgabe. Diese Einflüsse bündeln sich in einer Prosa, die individuelle Entschlossenheit, Umweltbedingungen und ökonomische Kräfte in Spannung setzt und dadurch zugleich Unterhaltung und Diagnose der Moderne anstrebt.
In jungen Jahren arbeitete London in Fabriken, als Austernpirat und auf Patrouillenbooten, fuhr auf einer Robbenfang-Expedition in den Nordpazifik und trampte in den 1890er-Jahren quer durch die Vereinigten Staaten. Diese Erfahrungen speisten frühe Reportagen und Erzählungen und gaben seinem Blick auf Arbeit, Gewalt und Solidarität Kontur. Ab dem späten 19. Jahrhundert veröffentlichte er regelmäßig in regionalen und nationalen Zeitschriften und fand rasch ein Publikum für seine Klondike- und Seegeschichten. Die Sammlung The Son of the Wolf und weitere nordländische Erzählungen machten ihn einem breiteren Leserkreis bekannt und bereiteten den Durchbruch als Romanautor vor.
Die Erfahrung des Goldrauschs im Klondike (späte 1890er-Jahre) lieferte Stoff und Schauplätze für Londons bekannteste Bücher. Mit The Call of the Wild (1903) gelang ihm der internationale Durchbruch; The Sea-Wolf (1904) und White Fang (1906) festigten seinen Rang als Bestsellerautor. Wiederkehrend sind Motive von Härte, Anpassung, Rudel- und Schiffsgemeinschaften, aber auch Fragen nach Moral und Macht. Kurzgeschichten wie To Build a Fire erschienen in Zeitschriften und Anthologien und werden bis heute anthologisiert. Sein Stil verbindet knappe, bildkräftige Sätze mit Tempo und szenischer Anschaulichkeit, wodurch seine Natur- und Abenteuerprosa eine außergewöhnliche Unmittelbarkeit gewinnt.
Parallel zur Belletristik trat London als sozialkritischer Autor hervor. In The People of the Abyss (1903) recherchierte er vor Ort in Londons East End. Essaysammlungen wie War of the Classes (1905) und Revolution and Other Essays (1910) diskutieren Klassenverhältnisse und Reformideen; der Roman The Iron Heel (1908) entwarf eine düstere Zukunftsvision oligarchischer Herrschaft. Er engagierte sich in sozialistischer Politik und beteiligte sich an Debatten über Arbeit und Armut. 1904 reiste er als Kriegsberichterstatter in den Fernen Osten, beobachtete den Russisch-Japanischen Krieg und schrieb Reportagen, die seine internationale Perspektive und seinen Hang zur direkten Beobachtung schärften.
Sein Interesse an Seewegen und Inselwelten fand Fortsetzung in der Pazifikreise auf der Snark (späte 1900er-Jahre). Das Reisetagebuch The Cruise of the Snark (1911) und die Sammlung South Sea Tales (1911) verarbeiteten Erlebnisse und Motive der Fahrt. Bereits zuvor hatte er maritime Erfahrungen in Tales of the Fish Patrol und im Roman The Sea-Wolf literarisch zugespitzt. Autobiografisch gefärbt sind The Road (1907) und John Barleycorn (1913). In Kalifornien betrieb er ein großes Ranchprojekt, über das er schrieb; Romane wie Burning Daylight (1910) und The Valley of the Moon (1913) spiegeln Arbeit, Siedlung und Landschaft.
In seinen späten Jahren blieb London außerordentlich produktiv und experimentierte innerhalb von Roman, Erzählung und Essay mit Themen von Technik, Wildnis, Migration und Klassenkampf. Er veröffentlichte weiterhin vielgelesene Geschichtenbände und Romane und arbeitete parallel an seinem kalifornischen Landgut. 1916 endete sein Leben früh; sein Werk blieb weltweit präsent. Die anhaltende Wirkung beruht auf erzählerischer Energie, prägnanten Naturschilderungen und der Verbindung von Abenteuer, Gesellschaftsanalyse und Selbstentwurf. Zahlreiche Verfilmungen und Neuübersetzungen halten zentrale Titel im Gespräch. Sein ehemaliges Anwesen ist heute als State Historic Park zugänglich, und seine Bücher sind fester Bestandteil eines globalen Lesekanons.
Es war ein stiller Abend im Tivoli[1q]. Am Schanktisch, der an der einen Seite des großen schindelgedeckten Raumes entlang lief, stand ein halbes Dutzend Männer, von denen zwei sich gerade über die Heilkraft von Fichtennadeltee und Zitronensaft bei Skorbut stritten. Die Unterhaltung war jedoch schleppend, und Pausen mürrischen Schweigens unterbrachen sie. Die andern hörten kaum zu. In einer Reihe, der Mauer gegenüber, standen die Spieltische. Der Crap-Tisch war verlassen, ein einziger Mann saß am Pharaotisch und spielte. Nicht einmal die Roulettekugel rollte, und der Spielhalter stand an dem knisternden, rotglühenden Ofen und sprach mit einem hübschen, dunkeläugigen jungen Weibe, das von Juneau bis Fort Yukon als die »Jungfrau« bekannt war. Drei Mann saßen bei einem Dauerpoker, spielten aber nur mit kleinen Einsätzen und ohne Begeisterung, weil sie keine Zuschauer hatten. Auf der Diele des Tanzbodens, der hinter dem Raume lag, walzten drei Paare trübselig zu den Klängen einer Geige und eines Klaviers.
Nicht daß Circle City verlassen oder daß Geld knapp gewesen wäre; die Goldgräber waren von Moosehide Creek und anderen Fundstellen im Westen zurückgekehrt, die Sommerausbeute war gut gewesen, und die Taschen der Leute waren schwer von Staub und Nuggets. Klondike war noch nicht entdeckt, auch hatten die Goldgräber noch nicht gelernt, was sich durch tiefes Schürfen und die Anwendung von Feuer erreichen ließ. Im Winter wurde nichts geschafft, man pflegte noch während der langen arktischen Nacht in großen Lagern wie Circle City zu überwintern. Man verschlief die Zeit, die Taschen waren wohlgefüllt, und Geselligkeit gab es einzig und allein in den Wirtschaften. Und doch war Tivoli verlassen, und die Jungfrau, die neben dem Ofen stand und gähnte, ohne die Hand vorzuhalten, sagte zu Charley Bates: »Wenn nicht bald etwas Leben in die Bude kommt, geh' ich zu Bett. Was ist denn nur los? Ist das ganze Lager ausgestorben?«
Bates machte sich nicht die Mühe zu antworten, sondern drehte sich mürrisch eine Zigarette. Dan Mac Donald, der Pionier der Gastwirte und Spieler am oberen Yukon, Besitzer des Tivoli und aller seiner Spieltische, wanderte verloren durch den weiten leeren Raum und erblickte die beiden am Ofen.
»Jemand gestorben?« fragte ihn die Jungfrau.
»Sieht so aus«, lautete die Antwort.
»Dann jedenfalls das ganze Lager«, beendete sie das Gespräch und gähnte wieder.
MacDonald nickte grinsend und öffnete den Mund, um etwas zu sagen, als die Tür weit aufgerissen wurde und ein Mann in der Öffnung erschien. Ein Hauch von Kälte, der sich in der Wärme des Raumes zu Dampf verdichtete, umwogte seine Knie, lief über den Boden, wurde immer dünner und verschwand schließlich einige Meter vom Ofen entfernt. Der Neuangekommene nahm den Reisigbesen vom Nagel an der Tür und bürstete sich den Schnee von den Mokassins und den langen Strümpfen. Man hätte ihn für einen großen Mann halten können, wäre nicht ein riesiger Kanadier von der Bar zu ihm getreten.
»Hallo, Daylight!« grüßte er. »Bei Gott, das ist Labsal für wehe Augen!«
»Hallo, Louis, wann bist du denn hergeweht?« erwiderte der Ankömmling. »Komm, laß uns eins trinken und erzähl' von Bone Creek. Na, ihr Hundsfötter, her mit den Pfoten. Wo ist dein Kompagnon? Ich bin auf dem Ausguck nach ihm.«
Ein anderer Riese löste sich von der Bar und schüttelte ihm die Hand. Olaf Henderson und der Franzosen-Louis, denen Bone Creek gemeinsam gehörte, waren die beiden längsten Männer im Lande, und der Neueingetroffene, wenn auch nur einen halben Kopf kleiner, erschien wie ein Zwerg zwischen ihnen.
»Hallo, Olaf, dich such' ich gerade, savvy«, sagte der mit Daylight Angeredete. »Morgen ist mein Geburtstag, und ich hab mir vorgenommen, euch alle zu werfen – savvy? Dich auch, Louis! Komm und trink eins, Olaf, ich erzähle euch alles.«
Seine Ankunft schien den Raum mit einer Flut von Wärme zu erfüllen. »Burning Daylight!« rief die Jungfrau, die erste, die ihn erkannte, als er nun ins Licht trat. Charley Bates' ernste Züge erhellten sich bei seinem Anblick, und MacDonald trat zu den dreien an der Bar. Es war, als hätte die Ankunft Burning Daylights den ganzen Raum heller und heiterer gestimmt. Die Kellner liefen, Rufe ertönten, Lachen erklang. Und als der Geiger nach einem Blick ins Vorzimmer zum Klavierspieler bemerkte: »Burning Daylight ist da«, kam sofort Schwung in den Walzer, und die Tänzer wirbelten herum, als ob es ihnen wirklich Freude machte. Sie wußten von alters her, daß es keine Langeweile gab, wenn Burning Daylight da war.
Der wandte sich von der Bar ab und sah das Mädchen am Ofen und den verlangenden Blick, den sie ihm zum Willkommen zuwarf.
»Hallo, Jungfrau, altes Mädel«, rief er. »Hallo, Charley. Was ist denn los mit euch? Ihr macht ja Gesichter, wie sieben Tage Regenwetter! Kommt her, alle Mann, und getrunken! Her mit euch, ihr lebendigen Leichen, und sagt, was für Gift ihr haben wollt! Alle Mann her! Heute bin ich dran! Ich gebe aus! Morgen werde ich dreißig, und dann bin ich ein alter Mann. Die Jugend ist vorbei. Verstanden? Also her! Her mit euch!«
»Warte mal, Davins«, rief er dem Bankhalter am Pharaotische zu, der seinen Stuhl vom Tische zurückgeschoben hatte. »Laß sehen, wer ausgeben will, du oder ich!«
Er zog einen Beutel aus der Rocktasche, der schwer von Goldstaub war, und setzte ihn auf die hohe Karte. »Fünfzig«, sagte er.
Der Bankhalter drehte zwei Karten um. Die hohe Karte gewann. Er kritzelte den Betrag auf ein Stück Papier, der Wäger an der Bar wog für fünfzig Dollar Staub in der Goldwage ab und schüttete ihn in Burning Daylights Beutel. Im Tanzsaal war es unterdessen still geworden, die drei Paare steuerten, von dem Geiger und dem Klavierspieler gefolgt, auf die Bar los, und Daylight bemerkte sie.
»Her mit euch!« schrie er. »Her mit euch und sagt, was ihr haben wollt. Heute bin ich dran, und eine solche Nacht kommt nicht sobald wieder. Her mit euch, ihr Siwashes und Lachsfresser! Heute bin ich dran, das sag' ich euch – –«
»Eine verflucht räudige Nacht«, fiel Charley Bates ein.
»Richtig, mein Sohn,« fuhr Burning Daylight heiter fort, »eine räudige Nacht, aber es ist meine Nacht, siehst du. Ich bin ein räudiger, alter Wolf. Kannst du mich heulen hören!«
Und er heulte wie ein einsamer grauer Waldwolf, bis sich die Jungfrau schaudernd ihre hübschen Finger in die Ohren steckte. Eine Minute später wirbelte sie in seinen Armen über den Tanzboden, wo bald darauf mit den drei andern Mädchen und ihren Partnern ein ausgelassener Virginia Reel im Gange war. Männer und Frauen tanzten in Mokassins, und es dauerte nicht lange, so ging es hoch her. Burning Daylight war der Mittelpunkt, seine Scherze und rauhen Späße rissen sie aus der Schlaffheit, in der er sie angetroffen hatte. Der Raum hatte durch sein Kommen gleichsam eine andere Atmosphäre erhalten. Er schien ihn ganz mit seiner Lebensfreude zu füllen. Wer von der Straße hereinkam, spürte es sofort, und als Antwort auf alle Fragen deuteten die Barkeeper nur nach hinten und erklärten: »Burning Daylight ist losgelassen.« Und die Leute blieben, und das Geschäft blühte. Das Spiel kam in Gang, bald waren alle Tische besetzt, und das Klirren der Jetons und das eintönige Surren der Roulettekugel übertönte gebieterisch den heiseren Lärm von Männerstimmen, Flüchen und schwerfälligem Lachen.
Und keiner hatte so hartnäckig und ausdauernd gegraben. Er war mit dem Lande aufgewachsen, kannte kein anderes Land. Zivilisation war ihm der Traum eines früheren Landes. Lager wie Forty Mile und Circle City waren Weltstädte für ihn. Und nicht allein, daß er mit dem Lande aufgewachsen war, er hatte das Land mit geschaffen. Er hatte Geographie und Geschichte dieses Landes gemacht, und die nach ihm kamen, schrieben über seine Fahrten und steckten die Wege ab, die sein Fuß getreten.
Helden neigen selten zu Heldenverehrung, aber unter den Bewohnern dieses jungen Landes galt er trotz seiner Jugend als einer der ältesten Helden. In der Zeit war er den meisten voraus. An Taten hatte er sie übertroffen. Und es war bekannt, daß er eine Ausdauer besaß, die selbst den Abgehärtetsten von ihnen umbringen konnte. Dazu kannte man ihn als einen mutigen Mann, einen ehrlichen Mann, als einen Mann ohne Furcht und Tadel.
In allen Ländern, wo das Leben ein Glücksspiel ist, das leichtsinnig beiseitegeworfen wird, verfallen die Leute, um sich zu zerstreuen und zu vergnügen, fast automatisch dem Spiel. Am Yukon verspielte man das Leben für Gold, und wer das Gold aus der Erde gewann, verspielte es wieder an einen anderen. Und Elam Harnish machte keine Ausnahme. Er war in erster Linie Mann, und der Instinkt, der ihn das Spiel des Lebens zu spielen trieb, war stark. Die Umgebung hatte die Form seines Spiels bestimmt. Er war auf einer Farm in Iowa geboren, jedoch mit seinem Vater nach dem östlichen Oregon ausgewandert, und hier, in der Bergwerksgegend, hatte Elam seine Kindheit verlebt. Harte Knüffe einstecken und hohe Einsätze wagen, das war das einzige, was er gelernt hatte. Mut und Ausdauer galt es in dem Spiel, aber der große Gott Zufall teilte die Karten aus. Ehrliche Arbeit für einen sicheren, aber mageren Verdienst zählte nicht. Man spielte hoch. Man wagte alles für alles, und etwas weniger als alles galt als Verlust. Auf diese Weise verlor Elam Harnish am Yukon zwölf Jahre. Am Moosehide Creek hatte er allerdings im letzten Sommer für zwanzigtausend Dollar Gold gefunden, und im Boden steckten noch für weitere zwanzigtausend. Aber, wie er selbst sagte, hatte er damit kaum seinen Einsatz, ein Dutzend Jahre seines Lebens, herausbekommen, und vierzigtausend waren nicht viel – die gingen drauf für einen Trunk und einen Tanz im Tivoli, einen Winter in Circle City und Proviant für das nächste Jahr.
Unter den Yukonleuten galt noch das alte Wort: Schwer gewonnen – leicht vertan. Als der Reel zu Ende war, lud Elam Harnish wieder alle Anwesenden ein, mit ihm zu trinken. Getränke waren teuer. Dreißig Mann nahmen seine Einladung an und waren zwischen jedem Tanz Elams Gäste. Es war seine Nacht, kein anderer durfte einen Cent bezahlen. Nicht, daß Elam Harnish ein Säufer gewesen wäre – aus Whisky machte er sich nicht viel. Er war zu kraftvoll und robust, zu gesund an Körper und Seele, um zum Sklaven des Alkohols zu werden. Viele Monate schwerer Arbeit verbrachte er auf Schlittenreisen und Bootsfahrten, ohne ein stärkeres Getränk als Kaffee zu trinken, ja einmal hatte er sogar ein ganzes Jahr auf diesen verzichtet. Aber er war gesellig, und weil die Geselligkeit am Yukon nur in den Wirtschaften zu finden war, mußte er sie dort suchen. In den Lagern der Minenarbeiter im Westen, wo er als Knabe gelebt hatte, war es immer so gewesen. Für ihn war es die Geselligkeit, die sich für einen Mann ziemte. Er kannte keine andere.
Er war eine auffallende Erscheinung, obgleich seine Kleidung nicht von der der anderen Männer im Tivoli abwich. An den Füßen trug er Mokassins aus weichgegerbter Elenhaut mit Perlenstickerei in Indianermustern. Seine Hosen zeigten nichts Außergewöhnliches, und sein Rock war aus einer wollenen Decke gemacht. Wollgefütterte Lederhandschuhe mit langen Stulpen hingen nach Yukon-Mode an einem Lederriemen, der ihm um Nacken und Schulter lief. Auf seinem Kopfe saß eine Pelzmütze, deren Ohrenklappen jetzt hochgeschlagen waren, während die Bänder herunterbaumelten. Sein mageres, längliches Gesicht, unter den Backenknochen leicht eingefallen, glich fast dem eines Indianers. Die sonnenverbrannte Haut und die scharfen schwarzen Augen verstärkten diesen Eindruck, obwohl gerade der Bronzeton und die Augen selbst bezeichnend für einen Weißen waren. Er sah älter als dreißig aus, wirkte aber jetzt, als er glattrasiert und faltenlos dastand, fast wie ein Knabe. Wenn man trotzdem den Eindruck hatte, daß er älter war, so hatte man zwar keinen greifbaren Anhalt dafür, aber man wußte, was der Mann durchgemacht und erlebt hatte und worin er anderen Männern so überlegen war – das war es. Er hatte sein Leben unverhüllt und unter ständigem Hochdruck gelebt, und etwas von alledem glühte in seinen Augen, zitterte in seiner Stimme und erschien, sobald er sprach, auf seinen Lippen.
Die waren dünn und pflegten sich nicht über den ebenmäßigen weißen Zähnen zu schließen. Aber ihre Härte wurde durch einen leichten Zug der Mundwinkel nach oben gemildert. Das verlieh ihm etwas Anziehendes, ebenso wie die winzigen Fältchen um die Augenwinkel, die ihn lustig erscheinen ließen. Roheit und Grausamkeit mußten seiner Natur fremd sein. Die Nase war schmal und fein, mit beweglichen Flügeln und von guten Verhältnissen, während die hohe Stirn sehr schmal, dafür aber schön und ebenmäßig geformt war. Besonders indianerhaft wirkte das Haar, das sehr glatt und tiefschwarz und von einem Glanz war, wie nur Gesundheit ihn verleihen kann.
»Heute brennt Burning Daylight lichterloh«, lachte Dan MacDonald, als ein Ausbruch lärmender Lustigkeit vom Tanzboden herüberdrang.
»Ja, das ist ein Kerl, was, Louis?« meinte Olaf Henderson.
»Da kannst du Gift drauf nehmen«, sagte der Franzosen-Louis. »Der Junge ist echt wie Gold – –«
»Wenn der liebe Gott am letzten großen Siebetage Daylights Seele auswäscht,« unterbrach ihn Mac Donald, »dann muß der liebe Gott tüchtig Schlamm in seinen Kasten schaufeln.«
»Sehr gut«, murmelte Henderson und betrachtete den Spieler mit tiefer Bewunderung.
»Ausgezeichnet«, pflichtete der Franzosen-Louis ihm bei. »Und darauf wollen wir einen genehmigen, was?«
Gegen zwei Uhr morgens stellten die Tanzenden, die jetzt hungrig geworden waren, den Tanz auf eine halbe Stunde ein. Und in diesem Augenblick schlug Jack Kearns einen Poker vor. Jack Kearns war ein großer Mann mit gutmütigem Gesicht, der, gemeinsam mit Bettles, den verhängnisvollen Versuch gemacht hatte, eine Station an der Quelle des Koyokuk, weit jenseits des Polarkreises, anzulegen. Darauf war er nach Forty Mile und Sixty Mile zurückgekehrt und hatte, um seinen Unternehmungen eine andere Richtung zu geben, eine kleine Sägemühle und einen Flußdampfer in den Staaten bestellt. Erstere wurde jetzt gerade durch Indianer mit Hunden über den Chilkoot-Paß[2] geschafft und sollte im Vorsommer nach der Eisschmelze den Yukon herunterschwimmen. Im Spätsommer, wenn die Beringsee und die Mündung des Yukon eisfrei waren, sollte dann der Dampfer, der in St. Michaels gebaut wurde, bis an die Reling mit Proviant beladen, flußaufwärts fahren.
Jack Kearns schlug also einen Poker vor. Der Franzosen-Louis, Dan MacDonald und Hai Campbell (der einen Goldfund bei Moosehide gemacht hatte) tanzten nicht, weil nicht genug Mädchen da waren, und so gingen sie auf den Vorschlag ein. Sie sahen sich gerade nach einem fünften Mann um, als Burning Daylight mit der Jungfrau am Arm und allen Tanzenden hinter sich aus dem Hinterzimmer kam. Die Pokerspieler riefen ihn, und er trat an ihren Tisch.
»Willst du mitmachen?« fragte Campbell. »Vielleicht hast du Glück?«
»Heute sicher«, antwortete Burning Daylight mit Begeisterung und fühlte im selben Augenblick, wie die Jungfrau warnend seinen Arm drückte. Sie wollte mit ihm tanzen.
»Heute hätte ich sicher Glück, aber ich will lieber tanzen, denn ich möchte euch nicht alles Geld abnehmen.«
Niemand redete ihm zu. Sie nahmen seine Ablehnung als endgültig hin. Die Jungfrau preßte seinen Arm von neuem, damit er den hungrigen Tänzern folgte, aber da wurde er plötzlich anderen Sinnes. Nicht daß er keine Lust zum Tanzen gehabt oder ihr hätte weh tun wollen, aber der wiederholte mahnende Armdruck der Jungfrau reizte seine freie männliche Natur zum Widerstand. Der Wille, sich nichts von einem Weibe vorschreiben zu lassen, gewann die Oberhand in ihm. War er auch ein Liebling der Frauen, so machte er sich doch nicht viel aus ihnen. Sie waren Spielzeug, Tand, eine Erholung in dem großen Spiel des Lebens. Weiber, Whisky und Spiel standen für ihn auf einer Stufe, aber es war seiner Beobachtung nach leichter, mit Trinken und Kartenspielen zu brechen als mit einem Weibe, das einen Mann erst richtig eingefangen hatte.
Sein eigener Sklave sein, das war für seine gesunde Natur selbstverständlich, aber ehe er der Sklave eines andern wurde, war er zu blutiger Rebellion bereit. Die süße Knechtschaft der Liebe war etwas, das er überhaupt nicht verstand. Verliebte Männer waren ihm stets wie Verrückte erschienen, und Verrücktheit zu analysieren, lohnte sich nicht. Kameradschaft zwischen Männern – ja, das war etwas anderes. Die hatte nichts mit Sklaverei zu tun. Sie war eine geschäftliche Vereinbarung, ein Handel zwischen Männern, die einander nicht verfolgten, sondern im Kampf für Leben und Reichtum die Gefahren von Schlittenreisen, von Strömen und Bergen teilten. Männer und Frauen verfolgten sich, und eines mußte sich notgedrungen dem Willen des andern beugen[2q]. Kameradschaft war anders. Sich tagelang über sturmumfegte Pässe oder durch Sümpfe, die durch Moskitos verseucht waren, abzuschleppen und doppelt soviel zu tragen wie der Kamerad, das hatte weder etwas mit Unbilligkeit noch mit Zwang zu schaffen. Jeder tat sein Bestes, und nur darauf kam es an. Allerdings: der eine war stärker als der andere, aber so lange jeder nur tat, was er konnte, so lange war es ehrliches Spiel, gegen das es nichts einzuwenden gab.
Aber mit Weibern – nein – Weiber gaben wenig und forderten alles. Weiber besaßen Schürzenbänder und hatten die Neigung, jeden Mann, der sich mit ihnen einließ, damit zu umschlingen. Man brauchte nur an die Jungfrau zu denken. Als er kam, hatte sie beinahe einen Gähnkrampf gehabt, und jetzt war sie vor Freude außer sich, nur weil er tanzen wollte.
