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Diese Sammlung vereint fünf zentrale Bühnenwerke des englischen Romantikers, die bis heute durch ihre existenzielle Tiefe, politische Brisanz und poetische Kraft beeindrucken. In Manfred entwirft Byron eine düstere alpinen Tragödie, in der der gleichnamige Held – ein von Schuld und Wissen gezeichneter Titan – in metaphysischen Monologen gegen Götter, Geister und sich selbst rebelliert. Das Drama spiegelt Byrons Faszination für das Übermenschliche und seine romantische Idee des einsamen, leidenden Genies. "Manfred" ist ein metaphysisches Drama, das die innere Qual seines Titelhelden in den Mittelpunkt rückt. Manfred, ein Gelehrter von titanischer Größe, ruft Geister der Natur, um seine Schuld zu tilgen – eine Schuld, die sich um eine angedeutete verbotene Liebe dreht. Er weigert sich, sich Gott oder dämonischen Mächten zu unterwerfen. In seinem selbstgewählten Untergang offenbart sich das zentrale Motiv: der tragische Stolz des autonomen Individuums. "Cain" dagegen verlegt das Drama in den mythischen Urgrund der Menschheit. Cain lehnt die göttliche Ordnung ab, nachdem er die Endlichkeit des Lebens erkennt. In seinem Dialog mit Luzifer erhebt er Zweifel zum Akt der Freiheit. Der Brudermord wird so zur metaphysischen Rebellion, zum Ausdruck tiefer moralischer Ambivalenz. "Marino Faliero, der Doge von Venedig", steht im Zentrum eines politischen Dramas über Verrat, Ehre und gescheiterte Revolution. Der greise Faliero plant aus enttäuschter Liebe zu seiner Stadt einen Staatsstreich – und scheitert tragisch. Byron entlarvt hier die Risse in republikanischer Selbstdarstellung und die Einsamkeit politischer Verantwortung. "Die beiden Foscari" führen erneut nach Venedig. Der Dogen Francesco Foscari muss über das Schicksal seines Sohnes richten, der politischer Umtriebe beschuldigt wird. Die Familiensaga wird zum Sinnbild eines Systems, das das Persönliche dem Staat opfert – eine tieftraurige Meditation über Pflicht, Loyalität und seelische Zerrüttung. "Sardanapal" erzählt vom letzten assyrischen König, der in dekadenter Selbstversunkenheit dem Untergang entgegenlebt. Zwischen Hedonismus und Pflicht schwankend, verkörpert Sardanapal das Ende eines Weltreichs – aber auch den Traum vom friedlichen Herrscher, der sich gegen Krieg und Grausamkeit stellt. Byron (1788–1824), nicht nur Dichter, sondern auch Abenteurer und Freiheitskämpfer, galt als Inbegriff des romantischen Genies. Seine Dramen verbinden klassische Tragödienform mit revolutionärem Geist, persönlicher Verzweiflung und scharfer Zeitkritik. Sie beeinflussten europäische Autoren wie Victor Hugo, Puschkin oder Büchner und prägten die Idee des "Byronic Hero" – zerrissen, rebellisch, faszinierend.
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Veröffentlichungsjahr: 2025
"Mehr Dinge gibt’s im Himmel und auf Erden, Horatio, Als wovon Ihr in Eurer Weisheit träumt."
Eine gotische Galerie. Mitternacht
(Manfred allein)
Manfred: Die Lampe muß gefüllt sein; doch auch dann Brennt sie so lang nicht, als ich wachen muß. Mein Schlummer – wenn ich schlumm're – ist nicht Schlaf Ist nur Verfolg des bleibenden Gedankens, Dem ich nicht widersteh'n kann; hier im Herzen Ist wache Nacht; das Auge schließt sich nur, Um d'rin zu seh'n – – und dennoch lebe ich Und trage Bild und Form der Atmenden, Doch Kummer sollte Lehrer sein des Weisen. Der Gram ist Kenntnis; wer am meisten kennt, Beklagt am tiefsten die unsel'ge Wahrheit, Daß der Erkenntnisbaum nicht Lebensbaum ist. Philosophie und Wissenschaft, die Kräfte Des Wunders, und die Weisheit dieser Welt Hab' ich geprobt, und hier in meiner Seele Ist die Gewalt, die sie mir dienstbar macht – Sie helfen nicht. Ich tat den Menschen Gutes, Und Gutes auch erfuhr ich unter Menschen – Es half mir nicht. Ich hatte meine Feinde, Doch keiner trotzte, mancher fiel vor mir – Es half mir nicht. Gut oder bös, war Leben, Kraft, Trieb und Alles sonst in andern Wesen Für mich nur wie der Regen in den Sand, Seit jener namenlosen Stunde; – furchtlos Fühl'ich den Fluch, nicht Menschenfurcht zu haben, Noch Herzgeklopf durch Hoffnung oder Wunsch, Noch Liebesdrang zu irgend was auf Erden. – Doch nun ans Werk! Ihr mystisch Wirkenden! Ihr Geister rings des unbegrenzten Alls! Die ich gesucht in Finsternis und Licht. Ihr, die ihr rings die Welt umgebend haust In fein'rer Luft; ihr, denen Wohnung sind Die Gipfel unersteiglicher Gebirge, Und Erd- und Meeresschluchten gleich vertraut. Ich ruf' euch auf mit dieser Zauberschrift, Die mir Gewalt gibt über euch. – Erscheint!(Pause) Sie kommen nicht. – Nun, bei dessen Stimme, Der der erste unter euch – bei diesem Zeichen Das euch zittern macht – beim Rechte dessen Der unsterblich ist, – steigt herauf ! Erscheint!(Pause) Wenn's so ist, Geister ihr, in Erd'und Luft! Entwischen sollt ihr nicht. Bei tief'rer Macht Als noch euch quälte, beim Tyrannen-Zauber, Der auf verdammtem Stern geboren ward, Auf heißem Wracke glutzerstörter Welt, Auf einer Hölle, ew'gen Raum durchwandernd; Beim Fluch, der schwer auf meiner Seele lastet, Bei dem Gedanken, um und in mir waltend, Zwing' ich zu meinem Willen euch. – Erscheint!
(Man sieht einen Stern im dunkleren Hintergrunde der Galerie, welcher still stehen bleibt, und eine singende Stimme wird gehört.)
Erster Geist: Sterblicher! dein Zauber ruft. Aus dem Haus von Wolkenduft, Das die Dämm'rung hingehaucht, Und in Gold der Abend taucht, Mit Azur und mit Karmin Schmückend meinen Baldachin Mag verpönt dein Ruf auch sein Ritt ich her auf Sternenschein; Folgsam sei, der mich beschwört, Sterblicher! dein Wunsch erhört.
Zweiter Geist: Montblanc ist der König der Berge, Gekrönt durch sie von je, Auf dem Felsenthron, im Wolkengewand, Mit dem Diadem von Schnee; Als Gurt von Wald den Leib umschnallt, Die Lawine in der Hand Doch der donnernde Ball hält vor dem Fall Auf mein Geheiß noch Stand. Der Gletscher, kalt und rastlos, regt Sich vorwärts Tag für Tag; Ich aber bin's, der ihn bewegt, Und ihn auch hemmen mag. Ich bin der Geist des Berg's, er muß Sich bücken tief vor mir, Und zittern bis zum hohlen Fuß Und was soll ich bei dir?
Dritter Geist: In der Tiefe der Wasser, Wo der Sturm sie nicht hebt, Wo ein Fremdling der Wind ist, Und die Seeschlange lebt, Wo die Meerfrau mit Muscheln Grünes Haar sich verschönt – Wie der Sturm auf der Fläche Hat dein Zauber getönt; In den Hallen von Korallen Scholl das Echo so tief, Das den Geist auch des Weltmeers Deinen Wünschen berief.
Vierter Geist: Wo der schlummernde Erdstoß Auf Feuer noch ruht, Und die Seen von Erdharz Aufbrodeln im Sud; Wo die Wurzel der Andes So tief sich vergräbt, Als ihr Gipfel gen Himmel Sich reckend erhebt; Da verließ den Geburtsort Ich auf dein Gebot: Dein Zauber bezwang mich Dein Wunsch sei Despot.
Fünfter Geist: Ich bin der Reiter auf dem Wind, Orkane jagt mein Arm; Die Wetter, die mir folgen, sind Noch von den Blitzen warm. Beschleunigt über Land und Flut Hat mich ein Sturm gebracht; Die Flotte hinten segelt gut Doch sinkt sie noch heut' nacht.
Sechster Geist: Mein Wohnort ist die Finsternis der Nacht, Was quälst du mich ans Licht mit Zaubermacht?
Siebenter Geist: Den Stern, der dein Geschick regiert, Hab' ich vor Erdbeginn geführt; Es war ein Stern, so frisch und hold, Als um die Sonne je gerollt; Geregelt war und frei sein Gang, Nicht schön'ren Stern der Raum umschlang. Die Stunde kam – er ward sodann Ein formlos wandernder Vulkan, Ein Irrgestirn, ein Fluch, ein Ball, Der drohend taumelt durch das All, Gerollt von eig'ner Kraft fortan, Doch ohne Sphäre, ohne Bahn, Ein Mißgebild, das strahlend brennt Als Scheusal an dem Firmament. Und du – in seinem Einfluß lebend Wurm! dem ich diene, widerstrebend, Der mich durch Macht, die dein nicht ist, Wodurch am End' du mein nur bist, Für kurze Zeit zwang herzugeh'n, Wo schwache Geister knie'n vor dir, Dem Ding, wie du bist, Rede steh'n Was willst du, Sohn des Staub's, von mir?
Die sieben Geister: Gebirg, Luft, Erde, Meer, Wind, Nacht und Stern Eint, Sohn des Staubs! Gebot und Wink um dich; Dein Wunsch beschied uns Geister her von fern Was, Sohn der Sterblichen, was willst du? sprich!Manfred: Vergessenheit.
Erster Geist: Wovon? von wem? und wie?
Manfred: Von dem, was in mir ist. Da les't es selbst! Ihr wißt es – ich vermag es nicht zu sagen.
Geist: Wir können nur, was wir besitzen, geben. Heisch' Knechte, Unumschränktheit, Weltbeherrschung, Im Ganzen oder teilweis, oder Zauber, Die Zwang den Elementen tun, wovon Wir Herren sind – und alles soll dir werden.
Manfred: Vergessenheit! nur Selbstvergessenheit! Könnt ihr nicht, was ich will, aus den verschwend'risch Gebot'nen, heimlichen Gewalten pressen?
Geist: Es steht in uns'rer Macht nicht, uns'ren Kräften Doch – du kannst sterben.
Manfred: Wird's der Tod gewähren?
Geist: Wir sind unsterblich, und vergessen nicht, Sind ewig, und Vergangenheit ist uns Wie Zukunft gegenwärtig. Dies zur Antwort.
Manfred: Ihr spottet; doch die Kraft, die euch berief, Macht euch zu Sklaven. Höhnt nicht meinen Willen! Der Geist, die Seele, der Prometheus-Funke, Der Blitz in meinem Wesen ist so leuchtend, Durchdringend, ferndurchbohrend wie der eure, Und weicht euch nicht, obwohl in Lehm versperrt. Antwortet – oder lernt noch, wer ich bin!
Geist: Die Antwort bleibt dieselbe, ja sie liegt In deinen eig'nen Worten schon.
Manfred: Wie das?
Geist: Wenn, wie du sprachst, dein Wesen unsrem gleicht, So ist es Antwort, wenn wir sagen: Tod Wie's nennt der Mensch – hat nichts mit uns zu tun.
Manfred: So rief ich euch umsonst aus eu'ren Reichen Ihr könnt nicht, oder wollt nicht helfen.
Geist: Sprich! Wir bieten, was wir haben; es ist dein. Bedenk' dich, eh' du uns entfernst, und ford're Reich, Herrschaft, Macht, Verlängerung der Tage
Manfred: Verdammt! was habe ich zu tun mit Tagen? Sie sind mir jetzt zu lang schon. – Fort! hinweg!
Geist: Geduld! Wir sind nun hier, und möchten dienen. Bedenke dich! Steht keine and're Gabe In uns'rer Macht – nicht wertlos deinen Augen?
Manfred: Nein, keine! –Aber halt noch! Eh'wir scheiden Ich möchte euch von Antlitz seh'n. Ich höre, Schwermütig süß ist eu'rer Stimme Klang, Gleichwie Musik auf Wassern – und ich sehe Das feste Bild nur eines klaren Sterns; Doch sonst nichts. Naht euch, wie ihr seid, in der Gewohnten Bildung. – Einer oder Alle!
Geist: Wir haben nur Gestalt in Elementen, Von denen Seele wir und Grundstoff sind. Doch wähle eine Form – daß wir erscheinen.
Manfred: Mir bleibt nicht Wahl; –denn keine Form auf Erden Ist häßlich oder schön für mich. Laßt den Gewaltigsten von euch sich so gestalten, Wie's ihm am schicklichsten bedünkt. – Komm an!
Siebenter Geist: (erscheint in der Gestalt eines schönen Weibes) Sieh' her!
Manfred: O Gott! wenn's so ist, und du nicht Ein Wahnbild bist und eine Spottgestalt, Der Glücklichste noch wär'ich! Laß dich halten! Wir wollen wieder(Die Gestalt verschwindet) Hin! zermalmt mein Herz.
(Manfred stürzt besinnungslos hin)
(Eine Stimme wird in folgendem Zaubergesange gehört)
Wenn der Mond auf Wellen schwimmt, In dem Gras der Glühwurm glimmt, Auf dem Grab das Meteor, Und der Irrwisch auf dem Moor; Sterne fallend niederschießen, Eulen schreiend sich begrüßen, Schweigend ruht das Laub am Baum, In des Hügels Schattenraum Sei mein Geist dir aufgelegt, Meine Macht dir aufgeprägt! Mag auch tief dein Schlummer sein, Schlafe doch dein Geist nicht ein; Schatten gibt es, nie entweichend, Und Gedanken, nie zu scheuchend; Unbekannte Macht umher, Lasse nie allein dich mehr; Wie vom Leichenhemd bedeckt, Wie in ein Gewölk versteckt, Wohne immer, wie in Haft, Im Bereich der Zauberkraft. Siehst du auch mein Kommen nicht, Fühlen soll mich dein Gesicht, Wie ein Ding, das unsichtbar Immer bei dir ist und war; Und wenn im geheimen Grau'n Ringsum deine Augen schau'n Staunend dann gewahre nur Mich als deines Schattens Spur; Und die Macht in deiner Brust Sei, was du verbergen mußt. Einer Stimme Zauberspruch Taufte dich mit einem Fluch, Und ein Luftgeist nahte stumm, Warf dir eine Schlinge um. In dem Wind verlaute sich Ein Verbot der Lust für dich, In der Nacht entbehre du
Auf den Felsen der Jungfrau – Am Morgen
(Manfred allein auf den Klippen)
Manfred: Die Geister, die ich rief, verlassen mich – Die Zauber, die ich lernte, äffen mich Das Mittel, das ich ausfand, foltert mich Nichts bau' ich mehr auf überird'sche Hilfe; Sie hat Gewalt nicht über das Vergang'ne, Und was noch kommt, bis jenes Nacht verschlingt, Das ist nicht meine Sorge! – Mutter Erde! Du frisch erstand'ner Tag! und ihr Gebirge! Warum so schön? Ich kann euch ja nicht lieben. Und du, des Universums Strahlenauge! Das über Alle sich eröffnet, Allen Ergötzung ist – du scheinst nicht in mein Herz. Ihr Felsen auch, auf deren Kante stehend Ich unten sehe an des Stromes Rand Die hohe Fichte eingeschrumpft zum Strauch, Im Schwindel der Entfernung – wenn ein Sprung, Ein Schritt, ein Ruck, sogar ein Hauch die Brust Hin auf das Bett des Felsenschosses bringt, Für immer dort zu ruh'n – was zög're ich? Ich fühle Antrieb – und ich springe nicht, Seh' die Gefahr – und weiche nicht zurück, Mein Hirn ist taumelnd – aber fest mein Fuß; Geheime Macht ist's, die zurück mich hält, Und zum Verhängnis mir das Leben macht Wenn's Leben ist, nur diese Geistesöde In sich zu tragen, und ein Grab zu sein Der Seele; denn ich habe aufgehört Mir Rechenschaft von eig'ner Tat zu geben Die letzte Ohnmacht der Verderbnis – –Ah! Beschwingter, wolkentrennender Gesandter!(Ein Adler fliegt vorüber) Dem in den Himmel glückt der höchste Flug. Ja streife nur so nah! – ich sollte Raub Und Mahl sein deiner Brut. Doch du entflohst, Wohin kein Auge folgt, und nur das deine Noch abwärts, vorwärts oder aufwärts mit Durchdringendem Gesichte blitzt. – Wie schön! Wie schön ist alle sichtbarliche Welt! Wie prachtvoll durch ihr Wirken, durch sich selbst! Doch wir, die ihren Herrn sich nennen, wir – Halb Staub, halb Gottheit, und gleich ungeschickt Zum Sinken oder Steigen, Wesenmischung Und Widerstreit der Elemente – atmen Den Odem von Erniedrigung und Stolz, Im Kampf mit schnöder Not und hohem Trachten, Bis Sterblichkeit die Oberhand behält, Und Menschen werden, was sie nie sich nennen, Und andern nie gestehn – – Horch! der Klang –(Man hört eine Hirtenflöte aus der Ferne) Natürliche Musik der Schilfrohrflöte – Denn hier ward Patriarchenzeit noch nicht Zur Hirtenfabel – tönt in freier Luft, Gemischt mit lieblichem Geläut'der Herde, O könnt ich trinken diesen Ton! und werden Ein unsichtbarer Geist des holden Klangs, Lebend'ge Stimme, Hauch der Harmonie, Unkörperliche Lust, geboren – sterbend Im sel'gen Ton, der mich erzeugt!
(Ein Gemsenjäger steigt herauf)
Gemsenjäger: Auch hier Entsprang die Gemse mir; ihr flinker Fuß Hat mich genarrt, und meine Beute zahlt Halsbrecherische Arbeit kaum. Wer da? Er scheint nicht meines Handwerks, und erstieg Doch eine Höhe, die nicht Bergbewohnern, Den besten Jägern nur erreichbar ist. Sein Kleid zeigt reich, sein Ausseh'n männlich stolz, Wie eines Freigebornen sich von hier. Ich will ihm näher treten.
Manfred: (ihn nicht bemerkend) So zu sein- Durch Angst ergraut, wie sturmzerschlag'ne Fichten, Nur eines Winters Trümmer, bastlos, zweiglos, Verderbter Baumstamm auf verfluchter Wurzel, Die nur Empfindung des Ersterbens hat Und so zu sein – so ewig nur zu sein! Einst anders –überfurcht von Runzeln jetzt, Gepflügt durch Jahre nicht, nur durch Momente Und Stunden, ausgezerrt in Alter, Stunden Noch überlebt – stürzt, Zacken ihr von Eis! Lawinen, die ein Hauch hinunter wirft, Gebirg verschüttend – kommt! zermalmet mich! Ich hör' euch eben krachen oben, unten, In wiederholter Ruckung; doch ihr brecht Und fallt auf Dinge nur, die gern noch lebten, Auf Waldung in der jungen Blüte, oder Auf Hütt' und Dorf harmloser Talbewohner.
Gemsenjäger: Die Nebel steigen schon vom Tale auf, Ich will ihn warnen; sonst kann es gescheh'n, Daß Pfad und Leben er zugleich verliert.
Manfred: Am Gletscher qualmen Nebel auf, und Wolken Zieh'n kräuselnd fast zu mir sich, weiß und schweflig, Wie Schaum empörten Meers der tiefen Hölle, Wo jede Woge schlägt auf Land voll Leben, Gleich Kieseln voll Verdammter. O mir schwindelt!
Gemsenjäger: Ich muß zu ihm mit Vorsicht geh'n; ein Tritt Kann plötzlich in der Nähe ihn erschrecken. Schon wankt er, scheint es.
Manfred: Berge sind gefallen, Daß im Gewölk ein Spalt blieb, und vom Sturz Die Bruderalpen wankten, ausgefüllt Die Täler von den Splittern der Zerstörung, Gedämmt vom gähen Schlag die Flüsse waren, In Nebel ihre Flut zerstäubend und Ein and'res Rinnsal ihren Quellen suchend. Dies tat in alter Zeit der Rosenberg Was stand ich unter ihm nicht?
Gemsenjäger: Freund, gebt acht! Der nächste Schritt ist Tod. Bei dessen Liebe, Der euch erschuf – bleibt nicht auf dieser Kante!
Manfred: (ihn nicht hörend) Ein solches wäre mir gemäßes Grab. Die Knochen lägen ruhig in der Tiefe, Und nicht umhergestreut auf diesen Felsen, Zum Spiel der Winde, so wie jetzt – wie jetzt Nach diesem Sprung. Fahr'wohl, du off'ner Himmel! Nicht so mit Vorwurf blicke her – du warst Mir nicht bestimmt. – Nimm', Erde, die Atome!
(Wie Manfred von der Klippe springen will, erfaßt und reißt ihn der Gemsenjäger mit raschem Griff zurück)
Gemsenjäger: Halt, Toller! Wenn auch lebenssatt – beflecke Mit schuld'gem Blute nicht die reinen Täler. Hinweg mit mir! Was ich ergreife, halt'ich.
Manfred: Ich bin höchst krank im Herzen – lass' mich los! Ich bin ganz Schwäche – die Gebirge tanzen, Mich rings umwirbelnd. –Bin ich blind? – Was bist du?
Gemsenjäger: Gleich sollst du Antwort haben. Fort mit mir.
Eine Hütte in den Berner Alpen
(Manfred und der Gemsenjäger)
Gemsenjäger: Nein; bleibe noch! Schon fortgehn'darfst du nicht; Denn Geist und Leib sind noch gleich ungeschickt, Sich zu vertrauen – wenigstens für Stunden. Fühlst du dich wohler, will ich Führer sein. Allein wohin?
Manfred: Was kümmert's dich! Ich kenne Den Weg recht gut, und brauch' nicht fern're Leitung.
Gemsenjäger: Kleid und Gestalt verraten hohe Abkunft, Wohl einen der Gewalt'gen, deren Türme In tiefre Täler schauen. Welcher nennt Dich seinen Herrn? Ich kenne nur die Tore. Mein Lebensweg führt selten mich hinab, Am Herd der alten Hallen mich zu wärmen, Zu zechen mit Vasallen; doch die Pfade, Die vom Gebirg' zu ihren Toren führen, Kenn'ich von Kindheit. Welcher ist der deine?
Manfred: Was soll's?
Gemsenjäger: Nun, Herr! verzeihe mir die Frage. Sei bess'rer Laune – koste meinen Wein. Er ist von alter Lese; manchen Tag Hat zwischen Gletschern er mein Blut getaut Er soll's auch dir. Tu' freundlich mir Bescheid!
Manfred: Hinweg! hinweg! Blut ist an seinem Rande. Will es denn nie – nie in die Erde sinken?
Gemsenjäger: Wie meinst du das? du bist ja nicht bei Sinnen.
Manfred: Ich sage Blut – mein Blut – das reine, warme, Das in der Ahnen Adern rann und unsern, Als wir noch jung, ein Herz nur hatten und Uns liebten, wie wir uns nicht lieben sollten. Vergossen ist's – doch immer steigt es auf, Färbt Wolken, die mich aus dem Himmel schließen, Wo du nicht bist, und ich nicht werde sein.
Gemsenjäger: Mann dunkler Worte! und halb tollen Sinn's, Der öden dich bevölkern läßt – was immer Dein Schreck und Leiden sei; noch gibt es Trost: Des Priesters Beistand und des Himmels Langmut.
Manfred: Langmut und Langmut! fort! dies Wort ist nur Gemacht fürs Lasttier, nicht für Raubgeflügel. Den Menschen deines Staubs magst du es pred'gen Ich bin nicht deines Standes
Gemsenjäger: Dank dem Himmel! Ich mag's nicht werden um den freien Ruhm Des Wilhelm Tell. Doch was dein übel sei Du mußt es tragen; nutzlos fährst du auf.
Manfred: Und trag' ich's nicht? Blick' her auf mich! Ich lebe.
Gemsenjäger: Das ist nur Krampf, und kein gesundes Leben.
Manfred: Ich sag' dir, Mann! ich lebte viele Jahre, Viel lange Jahre –doch sie sind ein Nichts; Die ich noch zählen muß, sind Alter –Alter Unendlichkeit und Ewigkeit – Bewußtsein Mit heißem Durst nach Tod – stets ungelöscht.
Gemsenjäger: Wie – deine Stirne trägt ja kaum das Siegel Der mittlern Jahre; älter bin ich wohl.
Manfred: Und denkst du, Dasein hängt von Zeit ab? Wohl! Doch Taten sind Epochen – und die meinen, Sie machten Tag'und Nächte unvergänglich, Endlos, und alle gleich wie Sand am Ufer Unzählige Atome – eine Wüste, Verdorrt und kalt, wo wilde Wogen branden, Wo nichts sich zeigt als Leichen, Trümmer, Felsen, Und salzbespritzten Unkrauts Bitterkeit.
Gemsenjäger: Weh! er ist toll, doch darf ich ihn nicht lassen.
Manfred: Wär'ich's! dann wären auch die Dinge, die Ich sehe, nur ein kranker Traum.
Gemsenjäger: Und was Erblickst du, oder glaubst du zu erblicken?
Manfred: Mich selbst, und dich, den Bauer aus den Alpen, Dein gastlich Haus und deine schlichte Tugend, Ein Herz, geduldig, fromm und stolz und frei, Selbstachtung, eingepfropft dem Sinn der Unschuld, Bei Tag Gesundheit, Schlaf bei Nacht, und Arbeit, Geadelt durch Gefahr, doch schuldlos – Hoffnung Auf heit'res Alter und ein stilles Grab, Mit Kreuz und Kranz auf seinem grünen Rasen, Und drauf als Grabschrift deiner Enkel Liebe Das sehe ich, und schaue dann hinein – Gleichviel! schon ausgebrannt ist meine Seele.
Gemsenjäger: Und möchtest du dein Los mit meinem tauschen?
Manfred: Nein! Freund! ich will dich nicht betrügen, will Mein Los mit niemand tauschen – tragen kann ich's; Wie elend auch, zu tragen ist es doch, Was and're nicht im Traum ertrügen, was Im Schlaf sie tötete.
Gemsenjäger: Und du, mit so Besorglichem Gefühl für fremden Schmerz, Du wärest schwarz von Bosheit? Sprich nicht so! Hat einer, sanften Sinnes, Rache je Geübt an seinen Feinden!
Manfred: Nein! o nein! Ich habe die verletzt, die mich geliebt,
Die ich am meisten liebte. Nie erschlug Ich einen Feind, als in gerechter Notwehr Umarmend gab ich Tod. –
Gemsenjäger: Gott schenk' dir Ruhe! Und Buße bringe dich zu dir zurück!
Tieferes Tal in den Alpen. Wasserfall
(Manfred kommt)
Manfred: Noch Mittag nicht. Des Sonnenbogens Strahlen Umwölben noch den Strom mit Himmelsfarben, Und zieh'n sich um der Wogensäule Silber, Über des Felsens scheitelrechten Absturz, Und spielen längs des Schaumlichts Streifen her Und hin, wie jenes fahlen Rosses Schweif, Des Riesenpferds, worauf der Tod saß, wie Es in der Offenbarung heißt. Kein Auge Als meines jetzt verschlingt den schönen Anblick. Hier sollte ich in süßer Einsamkeit Allein, nur teilen mit dem Geist des Orts Die Heimat dieser Flut! – Ich will ihn rufen.(Manfred schöpft etwas Wasser auf die Handfläche und spritzt es in die Luft, eine Beschwörung murmelnd. Nach einer Pause steigt die Alpenfee empor unter dem Bogen der Sonnenstrahlen auf dem Strome.) O schöner Geist! mit deinem Haar von Licht Und blendend hellem Blick, in dessen Bild Die Anmut sterblich kleiner Erdentöchter Zu überird'scher Höhe wächst, zum Wesen Aus rein'rem Element, dem Jugendblüte Wie schlummernd sich des Kindes Wange färbt, Woran die Brust der Mutter wallend schlägt; Wie Sommerzwielicht Rosenschimmer läßt Auf jungfräulichem Schnee erhab'ner Gletscher, Die Erdenröte an den Himmel schmiegend Im Himmelsantlitz leuchtet, und den Reiz Der Iris zähmt, die über dir sich wölbt; O schöner Geist! auf ruhig klarer Stirne, In der sich Heiterkeit der Seele spiegelt, Die durch sich selbst Unsterblichkeit verrät, Les' ich Verzeihung für den Erdensohn, Dem die geheim'ren Mächte es erlauben, Mit ihnen manchmal zu verkehren, wenn Er Zauberkräfte nützt – daß ich dich rief, Und für Momente schaue.
Fee: Sohn der Erde! Ich kenne dich und sie, die Macht dir gaben, Ich kenne dich als Mann von viel Gedanken Und Taten, gut und bös, in beiden maßlos, Verderblich und verderbt in deinen Leiden. Ich habe dies erwartet. – Sprich! was willst du?
Manfred: Nur deine Schönheit schauen – weiter nichts. Der Erde Antlitz brachte mich zum Wahnsinn, Und Zuflucht suchend im Geheimnis drang Ich in die Wohnung ihrer Herrscher ein Doch helfen können sie mir nicht. Ich suchte, Was sie zu geben nicht vermocht, und suche Nicht weiter mehr.
Fee: Was konntest du verlangen, Das in der Macht der Mächtigsten nicht wäre, Der Herrscher des Unsichtlichen?
Manfred: Ein Gut – Was soll ich's wiederholen! –'s ist umsonst.
Fee: Ich kenn' es nicht; lass' deinen Mund es nennen.
Manfred: Nun – mag's mich foltern auch –'s ist einerlei – Mein Schmerz soll Stimme finden! – Seit der Jugend Ging meine Seele nicht mit Menschenseelen, Noch sah ich auf die Welt mit Menschenaugen; Der Ehrsucht Durst in ihnen war nicht mein, Mich machten Freude, Schmerz und Trieb und Kraft Zum Fremdling; trug ich auch die Form – Mir fehlte Gleichgefühl mit Fleisch, das atmet, Und mitten unter Staubgeschöpfen fand Ich Eine nur, die – doch von ihr nachher. Ich sagte, mein Verkehr mit Menschen und Mit Menschgedanken war gering; statt dessen War meine Freude in der Wildnis, dort Zu atmen schwere Luft des Eisgebirgs, Wo weder Vögel nisten, noch Insekten Grasweigernden Granit umflattern, oder Zu tauchen in den Strom, und hinzuwallen Auf raschem Strudel aufgeregter Wellen Des Flusses oder Meers in ihrer Flut. So jauchzte ich in früher Kraft auf, oder Verfolgte durch die Nacht den Gang des Mondes Und die Entwicklung der Gestirne, haschte Die Wetterstrahlen, bis mein Blick verging, Und sah auf die zerstreuten Blätter lauschend, Wenn Winde herbstlich Abendlieder sangen. Dies und allein zu sein war meine Lust; Denn wenn mir Wesen meiner Art – schon Es zu sein war mir verhaßt – den Pfad durchkreuzten, So fühlt' ich mich zurückgesetzt zu ihnen, War wieder Staub ganz. Und dann schlich ich fort, Ging einsam wandernd zu den Totengrüften, Erforschte aus der Wirkung ihren Grund, Und zog aus Schädeln, Bein und Aschenhaufen Mir höchst verpönte Schlüsse. Jahre lang Durchging ich dann bei Nacht die Wissenschaften, Nur kund vor Alters, und mit Zeit und Mühe, Nach grausen Prüfungen und solchem Abbruch, Als an sich selbst schon Macht gibt über Luft Und Geister, welche Erd'und Luft umgeben, Raum und bevölkerte Unendlichkeit, Ward mit der Ewigkeit mein Blick vertraut, Wie's Magier vor mir gewesen sind. Und er, der aus Urwohnungen berief Eros und Anteros zu Gadara,- So wie ich dich; und mit der Wissenschaft Wuchs Durst nach Wissenschaft und Macht, und Lust Zu dieser glänzendsten Erkenntnis –
Fee: Weiter!
Manfred: Ach darum nur zog meine Rede ich, Mit diesen eiteln Bildern prunkend, weil – Nah'ich dem Kerne meiner Herzensqual – – Zur Sache denn! Noch hab' ich dir nicht Vater, Noch Mutter, Freundin, Freund genannt, nicht Einen, An den ein irdisch Band mich kettend schloß; Denn hatt' ich sie, so schienen sie mir's nicht. Doch Eine war – –
Fee: Hemm' dich nicht selbst! Fahr' fort!
Manfred: Sie war mir ähnlich von Gesicht; Ihr Auge, Ihr Haar, die Züge, alle bis zum Klang Sogar der Stimme sprach, daß sie mir gleiche, Doch alles sanft, zur Lieblichkeit gemildert. Sie sann und ging auch einsam gern, und hatte Hang zur Magie, wie ich, und ein Gemüt Das All zu fassen; doch nicht dies allein Dazu noch mild're Gaben als die meinen: Erbarmen, Lächeln, Tränen –die mir fremd Und Zärtlichkeit – doch die hatt' ich für sie auch, Ergebung, Demut – diese hatt' ich nie, Mein war ihr Fehl, ihr eigen ihre Tugend. Ich liebte, ich erschlug sie.
Fee: Mit der Hand?
Manfred: Nein, mit dem Herzen, welches ihr Herz brach Es sah auf mein's – und welkte. Blut vergoß ich – Doch ihres nicht – und doch ward es vergossen; Ich sah's und konnte es nicht stillen.
Fee: Und für diese Ein Wesen jener Art, die du verachtest, Und die dein Wesen überragen könnte, Mit uns dich mischend und den unsern – gibst Du hohe Geisteskräfte auf, und sinkst Zurück zur feigen Sterblichkeit. – Hinweg!
Manfred: Tochter der Luft! Ich sag' dir, seit der Stunde – Doch Wort ist Hauch. – Betrachte mich im Schlaf, Bewach'mein Wachen, komm'und sitz'bei mir. Nicht mehr ist Einsamkeit mir Einsamkeit Sie ist mit Furien erfüllt. Ich knirschte Mit meinen Zähnen nachts bis an den Morgen, Verfluchte dann mich bis zum Abend, bat Um Wahnsinn wie um Segen –'s ist versagt mir. Ich hab' den Tod gereizt – allein im Krieg Der Elemente wich die Flut von mir, Unschädlich ward, was tötet; unerbittlich Hielt eines Dämons Eishand mich zurück, Zurück an einem Haar – das doch nicht riß. Ich senkte tief in Fantasie und Wahnwitz Den ganzen Überfluß von meiner Seele, Der einst ein Krösus in der Schöpfung war; Doch wie zur Ebbe ließ es mich zurück Im Golf des unermeßlichen Gedankens. Ich stürzte unter Menschen, sucht' in allem Vergessenheit, nur da nicht, wo sie ist. Und das hab'ich zu lernen noch. Mein Wissen, Die lang verfolgte, überird'sche Kunst, Ist sterblich hier. Ich wohn' in der Verzweiflung – Und leb' – und lebe immerdar.
Fee: Vielleicht, Daß ich dir helfen kann.
Manfred: Um dies zu tun, Weck' Tote, oder leg' mich tief zu ihnen! O tu's! – auf jede Art – zu jeder Zeit – Mit jeder Qual – wenn's nur die letzte ist.
Fee: Das ist in meiner Macht nicht. Doch wenn du Gehorsam meinem Willen schwörst und tust, Was ich befehl' – so helf'ich zum Gewünschten.
Manfred: Ich schwöre nicht. Gehorchen? wem? den Geistern, Die ich zu mir entbiete – Sklave sein, Von euch, die mir gedient. – Nie!
Fee: Ist das alles? Hast du nicht sanft're Antwort? Denke nach Halt' ein, eh' du verwirfst!
Manfred: Ich hab's gesagt.
Fee: Genug. So kann ich weichen? – Sprich!
Manfred: Entweich'!
(Die Fee verschwindet)
Manfred:(allein) Wir sind genarrt durch Zeit und Schrecken. Zu uns Und von uns schleichen Tage; doch wir leben Des Atmens satt, und stets zu sterben fürchtend. In all' den Tagen des verhaßten Jahr's, Der Lebenslast auf angestrengtem Herzen, Das sinkt im Gram und heftig schlägt im Schmerz Und Lust, die Bangen endet oder Mattheit – In all' den Tagen, hin schon oder kommend, Denn Gegenwart besteht nicht – läßt sich's zählen, Wie wenig, weniger als wenig sind, Wo man vor Tod nicht bebt, und doch zurückweicht Wie von dem Strom im Winter, sei das Frösteln Auch augenblicklich nur. – Noch bleibt mir Auskunft In meiner Kunst; ich kann die Toten fragen, Was es denn ist, das wir zu werden fürchten. Die schlimmste Antwort kann das Grab nur sein, Und das ist nichts. – Doch wenn sie Antwort weigern? Gab der begrabene Prophet sie doch Der Hexe Endors, und dem Sparter-König, Vom ruhelosen Geist der Mald aus Byzanz Ward Antwort kund und Schicksal. Er erschlug Nicht wissend wen, die er geliebt, und starb Unausgesöhnt, obwohl er Beistand bat Vom Phyr'schen Zeus, und in Phigalia
Der Gipfel der Jungfrau
(Die Erste Schicksalschwester erscheint)
Erste Schicksalschwester: Der Mond erhebt sich breit und rund und hell, Und hier auf Schnee, den nie ein Fuß betrat Gemeiner Menschen, nächtlich treten wir, Und lassen keine Spur auf wilder See, Dem Spiegelozean des Alpeneises Streifen auf rauher Brandung wir, die haftend Das Ausseh'n hat von sturmgewälztem Schaum, Im Nu erfroren – toten Strudels Bild. Und diese steilste, wunderlichste Zinne, Erhab'ne Arbeit, die ein Erdstoß schuf, Wo Wolken im Vorüberziehen ruh'n, Ist eingeweiht zu unsern Nachtgelagen. Hier harr' ich meiner Schwestern auf der Fahrt Zu Arimanes Halle; denn heut'nacht Ist große Festlichkeit. Daß sie nicht kommen!
(Eine Stimme von außen singend)
Der Kronenräuber wohnteVergessen allein; Der Gefang'ne, Entthronte Schlief tatenlos ein. Da durchbrach ich sein Schlafen, Nahm die Ketten ihm dann, Gab ihm Heere und Waffen Er ist wieder Tyrann! Und das Blut von Millionen soll die Sorgfalt mir lohnen, Eines Volkes Ruin – sein Verzweifeln und Flieh'n.
(Zweite Stimme von außen)
Es segelt' das Schiff, es segelt mit Hast, Doch ich ließ ihm kein Segel, und ließ keinen Mast; Von Verdeck und Gerippe kein Brett mehr erscheint, Und kein Elender blieb, der die Trümmer beweint. Nur Einen noch hielt ich im Schwimmen beim Haar, Nur Einen, der würdig der Sorge wohl war: Ein Verräter zu Land und ein Räuber zu Meer Ich erhielt ihn nur, daß er mir raube noch mehr.
(Erste Schicksalschwester antwortend)
Die Stadt liegt in Schlummer – Der Morgen soll tagen Mit Tränen und Kummer. Finster beschlichen Hat Pest sie mit Plagen; Schon Tausend erblichen – Zehntausend verderben.. Wer lebt soll entweichen, Nicht pflegen, die sterben; Nichts tilge die Plage, Durch die sie erbleichen. Trauer und Klage, Und übel und Not Ein Volk nun umgrauen – Beglückt! wen der Tod Um den Anblick gebracht, Die Zerstörung zu schauen, Das Werk einer Nacht, Das Wrack eines Reichs – die Tat, die ich tue, Die seit Altern getan, zu erneu'n ich nicht ruhe.
(Die Zweite und Dritte Schicksalschwester erscheinen)
Alle drei: In uns'rer Hand sind Menschenleben, Ihr Grab gräbt unser Tritt; Nur, um ihn einst zu nehmen, geben Wir Geist den Sklaven mit.
Die erste: Gegrüßt! Und Nemesis?
Die zweite: Vollzieht was Großes, Ich weiß nicht was; ich hatte volle Hände.
Die dritte: Doch seht! da kommt sie.
(Nemesis erscheint)
Die erste: Sprich! wo warst du? Du und die Schwestern sind bei Nacht so träge.
Nemesis: Ausbessern mußte ich zerbroch'ne Throne, Narren vermählen, Dynastien hellen; Die Menschen rächen erst an ihren Feinden,
Die Halle des Arimanes
(Arimanes auf seinem Throne, einer Feuerkugel, von Geistern umgeben)
Hymne der Geister: Heil uns'rem Meister! Fürst von Luft und Land! Auf Wolken geht und Wassern er einher, Der Elemente Zepter in der Hand, Der sie zum Chaos wirrt, gebietet er! Er haucht – und Sturm zerschlägt die Meeresflut, Er spricht – und Wolken donnern Antwort rund, Er blickt – und gäh' verlischt der Sonne Glut, Er kommt – und bebend platzt der Erde Grund; Wohin er tritt, erhebt sich ein Vulkan, Sein Schatten ist die Pest, vor seinem Pfad Läuft der Komet und knarrt der Himmelsplan; Gestirn wird Asche, wenn er zürnend naht. Vom Krieg sind täglich Opfer ihm geweiht; Ihm zahlt der Tod Tribut; der Lebenshauch Mit aller seiner Schmerzunendlichkeit, Und jeder Geist ist sein, wo immer auch.
(Die Schicksalschwestern und Nemesis erschien)
Erste Schicksalschwester: Ruhm, Arimanes, dir! Auf Erden mehrt Sich deine Macht – die Schwestern taten dein Geheiß – auch ich versäumte nicht die Pflicht.
Zweite Schicksalschwester: Ruhm, Arimanes, dir! Wir, die den Nacken Der Menschen beugen, beugen uns. vor dir.
Dritte Schicksalschwester: Ruhm, Arimanes, dir! Wir harren auf Dein Winken.
Nemesis: Herr der Herren! Wir sind dein, Und unser ist, was lebt, mehr oder minder, Die meisten Dinge ganz. Stets zu vermehren In unsrer deine Macht, gebeut die Pflicht, Und wir sind wachsam. Deinen letzten Auftrag Erfüllten wir aufs beste.
(Manfred kommt)
Ein Geist: Wer ist da? Ein Mensch – Voreiligster, unsel'ger Wicht! Knie nieder und bet' an!
Zweiter Geist: Ich kenn'den Mann; Ein Zaub'rer ist's von furchtbar großer Macht.
Dritter Geist: Knie nieder, Sklav'! bet'an! Wie? du erkennst Nicht dein und unsern Herrn? Beb'und gehorch!
Alle Geister: Wirf nieder dich und den verfluchten Staub! Befürcht' das Ärgste sonst.
Manfred: Ich kenn' es und Ihr seht mich doch nicht knien.
Vierter Geist: Man wird's dir lehren.
Manfred: Mir ist's gelehrt schon. Manche Nacht auf Erden Auf nackten Grund warf ich mein Antlitz hin, Und streute Asche mir aufs Haupt; erkannt Hab'ich die Fülle der Demütigung: Ich sank vor eigener Verzweiflung, kniete Vor eig'nern Elend hin.
Fünfter Geist: Und wagst zu weigern Vor Arimanes Thron, was alle Welt Gewährt – die Schrecken seiner Herrlichkeit Nicht in Beachtung ziehend? Bück' dich! sag' ich.
Manfred: Lass' ihn sich erst vor seinem Höhern beugen, Dem unbeschränkten Oberherrn, dem Schöpfer, Der zur Verehrung ihn nicht schuf. Er knie – Wir knien dann vereint.
Die Geister: Zermalmt den Wurm! Reißt ihn in Stücke!
Erste Schicksalschwester: Fort! fort! Er ist mein. Fürst unsichtbarer Kräfte! Dieser Mann Ist nicht gemeiner Art, wie seine Haltung, Wie seine Gegenwart beweist. Sein Dulden War einer ewigen Natur, wie uns'res; Sein Wissen, seine Kräfte und sein Wollen – So weit als es mit Staub verträglich ist, Der das Atherische belastet – waren Wie's selten Staub ertrug; sein Sehen drang Weit über das der Erdbewohner vor, Und hat ihn nur gelehrt, was uns bewußt Daß Wissen Glück nicht ist, und Wissenschaft Nur Wechsel von Unwissenheit mit dem, Was and're Art von Unwissenheit. Dies ist nicht alles: Leidenschaften, heimisch Im Himmel wie auf Erden, denen nichts Entrinnt vom Wurm an, weder Kraft' Noch Hauch – durchbohrten ihm sein Herz und machten Zum Ding ihn, welches ich, die nie bedauert, Doch zu bedauern gern verzeihe. – Er Ist mein und dein vielleicht; doch wenn auch nicht Kein and'rer Geist in diesem Reich hat Seele Wie er, noch über seine Seele Macht.
Nemesis: Was will er dann?
Erste Schicksalschwester: Laß ihn die Antwort geben.
Manfred: Ihr wißt, was ich gewußt, und ohne Macht Wie könnt'ich unter euch sein? Doch es gibt Noch tief're Mächte jenseits, die ich suche, Daß sie mir Rede stehn auf meine Frage.
Nemesis: Was möchtest du?
Manfred: Du kannst nicht Antwort geben. Ruf' Tote auf! mein Fragen geht an sie.
Nemesis: Gewährt dein Wille, großer Arimanes, Den Wunsch des Sterblichen?
Arimanes: Ja!
Nemesis: Wen willst du Entgruftet?
Manfred: Eine ohne Gruft. Ruf' auf Astarte!
Nemesis: Ob Schatten, ob Geist, Was immer du sei'st, Das teilweis noch itzt Oder gänzlich besitzt Angebor'ne Gestalt, Die aus Erde geballt, In der Erde schon lag Rückerscheine zu Tag! Nimm wieder, o Weib! Den Geist und den Leib, Und die Mienen für jetzt, Von den Würmern ersetzt! Erschein'! erschein'! erschein'! Der dich verbannt, begehret dein!
(Astartens Schatten erhebt sich und steht in der Mitte)
Manfred: Kann dies der Tod sein? Ihre Wangen blühen! – Doch nein! es ist nicht mehr des Lebens Farbe Ein seltsam hektisch, unnatürlich Rot, Wie's auf verwelktes Laub der Herbst gepflanzt. Sie ist es selbst! – O Gott! daß mich's erschreckt, Sie selbst zu seh'n. – Astarte! – Nein! ich kann Zu ihr nicht sprechen – doch, lass' du sie sprechen Verzeihe oder fluche mir!
Nemesis: Bei der Macht, die erbrochen Das Grab, das versteckt dich, Sprich zu ihm, der gesprochen, Oder ihr, die erweckt dich!
Manfred: Sie schweigt – Und mehr als Antwort ist mir dieses Schweigen.
Nemesis: Mir reicht die Kraft nicht weiter. Fürst der Luft! Bei dir nur steht's – gebiete ihrer Stimme!
Arimanes: Gehorche diesem Zepter, Geist!
Nemesis: Noch schweigend Sie ist nicht von den Unsern, sie gehört Den andern Mächten. Mensch, du fragst umsonst; – Auch uns ist's fehlgeschlagen.
Manfred: Hör'mich! hör'mich! Astarte! – Sprich, Geliebte! sprich zu mir! So viel erlitt ich! – ach, so viel erlitt ich! Sieh' her! du bist nicht mehr durchs Grab verwandelt, Als ich um dich. Du liebtest mich zu sehr, So wie ich dich, wir waren nicht gemacht, Uns so zu martern, wär's die tödlichste Der Sünden auch zu lieben, wie wir liebten. Sag', daß ich dir nicht wid're – daß für beide Ich diese Strafe trage – daß du,eine Der Sel'gen sein willst – daß ich sterben soll! Bis jetzt verschwor sich alles Hassenswerte, Ans Dasein mich zu fesseln, an ein Leben, Das schaudern mich vor ew'ger Zukunft läßt, Die dem Vergang'nen gleicht. Ich kann nicht ruh'n; Ich weiß nicht, was ich will und was ich suche; Ich fühl' nur, was du bist, und was ich bin, Und möchte einmal vor dem Tod nur hören Die Stimme, die Musik mir war. 0 sprich! Ich rief nach dir ja nur in stiller Nacht, Und schreckte Vögel aus dem Schlaf im Busch, Und weckte Wölfe des Gebirgs, und ließ Vergebens deinen Namen Klüfte nennen, Die Antwort gaben – Antwort gaben viele – Geister und Menschen - du nur warst ganz stumm. O sprich! ich habe Sterne überwacht, Umsonst dich suchend himmelan geblickt Sprich! sprich zu mir! Ich hab'die Welt durchwandert – Nie fand ich deines Gleichen. – Sprich zu mir! Sieh'! rings die Teufel fühlen selbst für mich; Ich fürcht' sie nicht, ich fühle nur für dich. O sprich zu mir! sei's auch im Zorne, sprich! Sei's, was es sei – nur lass' dich einmal hören, Nur einmal! einmal!
Astarte: Manfred!
Manfred: Weiter! weiter! Ich lebe nur im Ton –'s ist deine Stimme.
Astarte: Manfred! dein Erdenleiden endet morgen. Leb' wohl!
Manfred: Ein Wort nur noch! Ist mir vergeben?
Astarte: Leb' wohl!
Manfred: Sprich! treffen wir uns noch?
Astarte: Leb' wohl!
Manfred: Ein Wort noch des Erbarmens! Sprich, du liebst mich.
Astarte: Manfred!
(Astartens Geist verschwindet)
Nemesis:
Eine Halle in Manfreds Schloß
(Manfred und Hermann)
Manfred: Wie spät ist's?
Hermann: Eine Stunde fehlt zum Abend, Und schöne Dämmerung verspricht sie.
Manfred: Sprich! Ist alles so geordnet in dem Turme, Wie ich's bestellte?
Hermann: Alles Herr! Hier ist Der Schlüssel und das Kästchen.
Manfred: Wohl! du kannst Nun geh'n.
(Hermann ab)
Manfred:(allein) In mir ist Ruhe, eine Stille, Die unbeschreiblich ist, und nie bis jetzt Dem Leben, wie ich's kenne, eigen war. Wenn ich nicht wüßte, daß Philosophie Die scheckigste von aller Torheit ist, Das schalste Wort, das je das Ohr genarrt Im Kauderwälsch der Schule – dächt' ich fast, Das goldene Geheimnis »Kalon« hat In meiner Seele Sitz. Es wird nicht dauern; Doch gut, daß ich's gekannt, wenn auch nur einmal. Mit neuem Sinn erweitert es mein Denken, Und in mein Tagebuch möcht ich bemerken, Daß solcherlei Gefühl es gibt. Wer kommt?
(Hermann tritt wieder ein)
Hermann: Der Abt von St. Maurice begehrt Euch, Herr! Zu grüßen.
(Der Abt tritt ein)
Abt: Friede sei mit dir, Graf Manfred!
Manfred: Dank, heil'ger Vater! Sei willkommen! Ehre Ist diesen Mauern deine Gegenwart, Und Segen den Bewohnern.
Abt: Wär'es so! Doch dich allein nur möcht' ich gerne sprechen.
Manfred: Geh'Hermann! Nun – mein hochehrwürd'ger Gast?
Abt: So, ohne Eingang. – Alter, Eifer, Amt, Und gute Absicht muß mein Freibrief sein, Wie uns're Nachbarschaft, zwar nie vertraut, Mir Herold werde. Seltsames Gerücht, Und von unheil'ger Art läuft um und schaltet Mit deinem edlen Namen, edel seit Jahrhunderten. O daß ihn unbescholten Der jetzt ihn trägt, vererbe.
Manfred: Nun? ich höre.
Abt: Man sagt, daß du Verkehr mit Dingen hältst, Wonach zu forschen Menschen nicht erlaubt ist, Daß mit Bewohnern finstern Aufenthalts, Mit vielen bösen, gottverstoß'nen Geistern, Die in dem Schattental des Todes wandeln, Du Umgang pflegst. Ich weiß, daß du mit Menschen, Mit deinen Mitgeschöpfen selten nur Gedanken wechselst, daß in Einsamkeit Du Eremiten gleichst. Wär'sie nur heilig!
Manfred: Und welche sind es, die mich dessen zeihen?
Abt: Die frommen Brüder – die erschrock'nen Bauern, ja deine Mannen selber, deren Blick Dir bangend folgt. Dein Leben ist gefährdet.
Manfred: Nimm's!
Abt: Nur zu retten, nicht zu töten kam ich, Ich will nicht spähn in dein geheimes Herz; Doch wäre jenes wahr, so ist noch Zeit Zur Buße, wie zur Gnade. Söhn'dich aus Mit uns'rer Kirche, und durch sie mit Gott!
Manfred: Ich hörte – dies sei Antwort: was ich auch Gewesen oder bin, ruht zwischen mir Und Gott; ich werde keinen Sterblichen Zum Mittler wählen. Habe ich gesündigt, Zuwider eu'rer Satzung – forscht und straft!
Abt: Mein Sohn! ich sprach ja nicht von Strafe, nur Von Buße und Vergebung, und dir selbst Bleibt ja die Wahl. In Anbetracht der letztern Ist durch Gesetz und unsern starken Glauben Mir Macht erteilt, von Schuld den Weg zu bahnen Zu höh'rem Hoffen und zu bess'rem Denken; Die erste lass' ich Gott. »Mein ist die Rache!« So spricht der Herr, und voll von Demut ruft Sein Knecht das Echo des erhab'nen Wort's.
Manfred: Nein, alter Mann, nicht heil'ger Männer Kraft, Nicht Zauber des Gebet's, nicht Reinigung Durch Buße, nicht der äuß're Schein, nicht Fasten, Nicht Bangigkeit, nicht – mehr als alles dies Nicht innere Folter der Verzweiflungstiefe, Der Seelenangst, die nicht die Hölle fürchtet, Und für sich selbst doch ganz und gar genügend Aus Himmel Hölle machte – nichts vertreibt Aus grenzenlosem Geist lebendiges Gefühl von Unrecht, Schmerz und Rache an Sich Selbst, und keine künft'ge Qual übt so Gerechtigkeit an Selbstverdammten, als Er selbst an eig'ner Seele.
Abt: Alles wahr! Doch alles dies vergeht und wird gefolgt Von ahnungsvoller Hoffnung, die hinauf Mit sich'rer Ruhe blickt zum sel'gen Port, Den jeder, der ihn sucht, gewinnt, was auch Sein Fehl hienieden war – wenn nur versöhnt. Und der Versöhnung Anfang ist, zu fühlen, Daß man Versöhnung braucht. Vertraue mir! Die Kirche wird in allem dich belehren. Und was sie nur verzeihen kann, verzeihn.
Manfred: Als nah' dem End' Rom's sechster Kaiser war Ein Opfer der sich selbst gegeb'nen Wunde, Um Schmach zu meiden öffentlichen Tod's Durch Senatoren, seine Sklaven einst; Da wollte ein Soldat erbarmend stillen Der Wunde Strom mit dienstbefliss'nem Kleid: Doch sterbend stieß der Römer ihn von sich, Und sprach, noch herrschend mit gebroch'nem Blick: »Es ist zu spät! Ist dieses deine Treue?«
Abt: Wie meinst du das?
Manfred: Ich sage wie der Römer: Es ist zu spät!
Abt: O nimmer ist's zu spät, Dich mit dem eig'nen Geiste auszusöhnen, Und deinen Geist mit Gott. Kannst du nicht hoffen? ’s ist seltsam! Grade die für dort verzweifeln, Träumen ein ird'sches Ideal, woran Wie Schwindelnde am schwachen Zweig sie hangen.
Manfred: ja, Vater! einmal träumt' ich irdisch auch, Und edel war mein Trachten in der Jugend, Zum Geist der andern meinen Geist zu machen, Die Völker zu erleuchten, und zu steigen Ich weiß nicht mehr wohin – und sei's zum Falle; Zum Falle aber, wie der Katarakt, Der selbst herabgestürzt von stolz'rer Höhe, In seines Abgrund's schäumender Gewalt, (Die aufwärts Nebelsäulen schleudert, die Als Wolken vom erstieg'nen Himmel regnen), Tief aber mächtig liegt. Das ist vorbei! Mein Geist ward an sich selber irr!
Abt: Warum?
Manfred: Nicht nieder zähmen konnt' ich ihn. Er, der Gern herrschte, sollte dienen, schmeicheln, bitten, Und allzeit wachen, aller Orten späh'n, Lebend'ge Lüge sein – er, der gewaltig Wohl unter Wichten würde – und das sind Die Massen. Nein! nicht mischen mocht'ich mich Zur Herde, selbst als Führer nicht – von Wölfen. Der Löwe ist allein, und so bin ich.
Abt: Warum nicht leben, wirken mit den Menschen?
Manfred: Weil Leben meinem Herzen widerstrebt, Es ist nicht grausam; denn nicht machen, finden Nur wollt'ich eine Wildnis, wie der Wind, Der einsamste, der rote heiße Smum, Der nur in Wüsten wohnt, und dort durchfegt Den dürren Sand, der nichts zum Sengen bietet, Auf seinen wilden, trocknen Wogen tobt, Nicht sucht, so daß er nicht gesucht – allein Begegnend tödlich wird. Und so war ich Auf meiner Lebensbahn, und Dinge kamen Mir in den Weg, die nicht mehr sind.
Abt: Ach, schon Entronnen, fürcht' ich, bist du aller Hilfe, Wozu Beruf mich treibt. Und doch – so jung! Noch möcht' ich –
Manfred: Sieh'mich an! Auf Erden gibt Es Sterbliche, die in der Jugend altern, Und vor den mittlern Jahren sterben ohne Gewalttat eines kriegerischen Todes:Die an der Freude – die am tiefen DenkenDie Müh'erlegen – die vor ÜberdrußDie an Gebrechen – die an Geistzerrüttung Und die an welken und gebrochnen Herzen; Denn das ist eine Krankheit, welche mehr Erschlägt, als in den Totenlisten steh'n, In jeder Form und mit verschied'nen Namen. Nun sieh'mich an! An allen diesen Übeln Nahm ich auch teil, von allen diesen Übeln War eins genug – und wund're dich – nicht daß Ich das bin, was ich bin – nein! daß ich's war, Es war – und immer noch auf Erden wandle.
Abt: Doch höre –
Manfred: Greis! ich achte deinen Stand, Und ehre deine Jahre, deine Absicht auch
Ein anderes Zimmer
(Manfred und Hermann)
Hermann: Herr! Ihr befahlt, Euch abends zu erwarten Die Sonne sinkt schon in die Berge.
Manfred: Wirklich? Lass'sehen!(Manfred tritt ans Fenster) Strahlenkugel! Abgott einst Der jungen Welt! des kräftigen Geschlechts Gesunder Menschheit, jener Riesensöhne, Die Engel mit noch schön'ren Wesen zeugten, Als jene waren, die herabgelockt Verirrte Geister, die zurück nicht können; Glorreichster Ball! der angebetet wurde, Eh'kund war das Geheimnis deiner Schöpfung; Du des Allmächt'gen erster Abgesandter! Der auf Chaldäas Bergeshöh'n erfreute Das Herz der Hirten, bis es sich ergoß In Dankgebet; du körperlicher Gott! Des Unerkannten Stellvertreter! der Zum Schatten dich erkor; du erster Stern! Du Sternen-Mittelpunkt! der noch die Welt Erträglich macht, und Herz und Farbe allen Gestimmt hat, die in deinen Strahlen wandeln; Der Jahreszeiten Vater! der Klimate Und ihrer Völker Fürst! denn nah'und fern Nimmt eingeborner Geist wie äußeres Erscheinen Färbung an von dir – du steigst Und scheinst und sinkst in Glorie! Leb'wohl! Ich seh' dich nie mehr! – Wie mein erster Blick Voll Lieb'und Staunen dein war, so nimm'auch Den
Die Gebirge. Manfreds Schloß in einiger Entfernung. Eine Terrasse vor einem Turm. Dämmerung
(Hermann, Manuel und andere Diener Manfreds)
Hermann: Seltsam genug! Schon Jahre, Nacht für Nacht, Blieb er in diesem Turme lange wach, Und ließ nicht Zeugen zu. Ich war darin, Wie wir zu Zeiten alle; doch aus ihm Und seinem Inhalt wäre es unmöglich Bestimmten Schluß zu zieh'n auf das, wohin Sein Forschen zielt. Zu größ'rer Sicherheit Dient ein Gemach, das niemand noch betrat. Ich gäbe von drei Jahren meinen Lohn Die Heimlichkeit zu seh'n.
Manuel: Es wär'gefährlich, Begnüge dich mit dem, was du schon weißt.
Hermann: Ach, Manuel, du bist älter und erfahren, Und wüßtest viel – du wohnst ja hier im Schloß Wie lang ist's?
Manuel: Eh' Graf Manfred noch geboren. Dem Vater dient' ich, dem er gar nicht gleicht.
Hermann: Mehr Söhne noch gibt's von demselben Schlage! Worin sind sie verschieden?
Manuel: Ich erwähne Nicht Miene und Gestalt, nur Geist und Sitten. Graf Sigismund war stolz, doch froh und frei, Ein Krieger und ein Schwelger; lebte nicht In Einsamkeit und Büchern; weihte nicht Die Nacht zu düst'rem Wachen – nein, zu Festen, Noch lust'ger, als bei Tag; durchstriff nicht Felsen Und Wälder, wie ein Wolf, und floh die Menschen Und ihre Freuden nie.
Hermann: Verwünschtes jetzt. Das waren gute Zeiten! O, besuchten Sie nur die alten Mauern wieder! Seh'n ja aus, als ob sie's schon vergessen.
Manuel: Ja, Sie müssen erst den Herrn verändern. O Was sah ich alles.
Hermann: Komm'! sei offen, und Erzähl'mir was, das Wachen wegzuplaudern. Du sprachst schon dunkel einst von einem Vorfall Der hier herum sich zutrug bei dem Turm.
Manuel: ja, das war eine Nacht! Noch denk'ich d'ran Im Zwielicht war's, wie jetzt, es war gerade Ein solcher Abend. jene rote Wolke, Die auf der Zinne liegt, lag eben so, So daß es ganz dieselbe scheint; der Wind War schwül und stürmisch, und der Bergschnee fing Graf Manfred war, wie jetzt, in seinem Turme, – Wer weiß womit beschäftigt, – und bei ihm Die einzige Gefährtin seines Wanderns Und Wachens, die von allen Erdendingen, Die leben, er allein zu lieben schien, Wozu er auch durchs Blut verpflichtet war – Astarte nämlich, seine – Still! Wer kommt?
(Der Abt von St. Maurice kommt)
Abt: Wo find'ich euren Herrn?
Hermann: In jenem Turm.
Abt: Ich muß ihn sprechen.
Manuel: ja, das ist unmöglich Er ist jetzt ganz allein, und überlaufen Darf man ihn nicht.
Abt: Ich nehme auf mich selbst Des Fehlers Ahndung, wenn's ein Fehler ist. Ich muß ihn seh'n.
Hermann: Du sah'st ihn einmal schon Heut’abend.
Abt: Hermann! ich befehle dir: Klopf' und bericht' dem Grafen meine Nähe.
Hermann:
Das Innere des Turms
(Manfred allein)
Manfred: Schon blinken die Gestirne, und der Mond Bestrahlt schneeflimmernde Gebirge – Herrlich! Noch fesselt mich Natur; denn ihre Nacht War traulicher für mich von Angesicht Als Menschen, und in ihres Sternendunkels Geheimer, sanfter Lieblichkeit erlernte Die Sprache ich von einer andern Welt. Es mahnt mich jetzt, wie ich in meiner Jugend, Als ich ein Pilger war, in solcher Nacht Im Kolosseum weilte, mitten unter Den größten Resten des allmächt'gen Roms. Die Bäume längs gebroch'nen Bogen wiegten Sich dunkel in der blauen Mitternacht; Gestirn schien durch die Spalten des Ruins, Gebell scholl fernher über'n Tiberstrom, Und näher vom Palaste der Cäsaren Der Eule banger Schrei, und unterbrochen Begann entfernter Wächter Wechselsang, Und starb auf sanftem Winde hin. Zypressen Zeigten durch zeitzerfress'ne Breschen sich Wie fern am Horizont, und standen nah' Auf einen Bogenschuß – wo Kaiser wohnten, Und jetzt gesanglos Nachtgeflügel wohnt In einem Hain, entsproßt geschleiften Zinnen, Und wurzelnd in dem kaiserlichen Herd. Den Lorbeer hat der Eppich dort verdrängt; Allein des Fechters blut'ger Zirkus steht Noch edel in Ruin'-Vollkommenheit, Weil Cäsars Säle und Augustus' Hallen Am Boden kriechen im verworr'nen Schutt. Und du, hinwandelnd, sahst auf alles dies, Und warfst, o Mond! dein volles, sanftes Licht, Das mild hinwegschmolz die ergraute Strenge Rauher Verödung, und aufs neue täuschend Die Klüfte füllte der Jahrhunderte, Schön lassend Immerschönes und verschönend Das, was nicht schön war, bis zum Heiligtum Die Stätte ward und Herzen überflossen Von stiller Andacht vor der alten Größe, Wo Herrscher selbst im Tod bezeptert noch Aus Urnen uns regieren. – Solche Nacht war's. Wohl seltsam! daß ich jetzt mich d'ran erinn're; Doch die Gedanken – ich erfuhr es – nehmen Gerade dann den wild'sten Flug, wenn Ernst Sie ordnend sammeln soll.
(Der Abt tritt ein)
Abt: Mein guter Herr! Um neue Nachsicht fleh'ich für mein Kommen. Lass'meines Eifers Demut dich nicht kränken Durch Überdrang! Was daran Böses ist, Das fall'auf mich; die gute Wirkung aber Treff' Euer Haupt – o könnt' ich sagen: Herz! Und könnt'ich's rühren durch Gebet und Lehre! Dem Irrtum wär' ein edler Geist entrissen. Noch ist nicht alles hin!
Manfred: Du kennst mich nicht. Gezählt sind meine Tage, angemerkt Sind meine Taten. – Fort! sonst ist's gefährlich.
Abt: Du willst mir doch nicht drohen?
Manfred: Nein, nicht ich, Ich sag' dir nur, es ist Gefahr zur Hand; Bewahren will ich dich.
Abt: Was meinst du?
Manfred: Sieh'! Was schau'st du?
Abt: Nichts.
Manfred: Da sag'ich, blicke hin, Und unverwandt! – Nun sag' mir, was du sieh'st.
Abt: Was schrecken sollte – doch ich fürcht' es nicht. Ich sehe Qualm und eine Schreckgestalt, Gleich einem Höllengott, steigt aus der Erde; Sein Antlitz ist verhüllt, und seine Form Wie angetan mit Zorngewölk. Er stellt Sich zwischen uns; allein ich fürcht' ihn nicht.
Manfred: Mit Recht! Er soll kein Leid dir tun; doch treffen Kann dich der Schlag bei seinem Anblick, Greis! Ich sag' dir, geh'!
Abt: Und ich entgegne dir: Nie – bis ich mit dem Teufel erst gerungen. Was tut er hier?
Manfred: Wie – ja, was tut er hier? Ich rief ihn nicht, er kommt auch ungebeten.
Abt: Ach du Verlorener! Mit solchen Gästen Hast du zu tun? Ich zitt're für dein Los. Warum blickt er auf dich und du auf ihn? Weh'! er enthüllt sein Antlitz – auf die Stim Grub Narben ihm der Donner – aus dem Blick Loht die Unsterblichkeit der Hölle auf – Entfleuch!
Manfred: Sprich! was ist deine Sendung?
Geist: Komm!
Abt: Wer bist du, unbekanntes Wesen? Antwort!
Geist: Der Dämon dieses Menschen. – Komm'! 's ist Zeit.
Manfred: Ich bin bereit zu allem, doch ich leugne Die Macht, die mich beruft. Wer schickt dich her?
Geist: Bald wirst du's wissen. Komm'! komm'!
Manfred: Ich gebot Schon Wesen, die weit größer sind, als du, Und rang mit deinen Meistern. Heb' dich fort!
Geist: Mensch! deine Stunde ist gekommen. Folg'!
Manfred: Ich weiß und wußte meine Stunde nah'; Doch einem solchen lass' ich nicht die Seele. Fort! Ich will sterben, wie gelebt – allein.
Geist: Dann muß ich meine Brüder rufen. Kommt!
(Andere Geister steigen auf)
Abt: Entweicht, ihr bösen Feinde! Folgt! Entweicht! Ihr habt nicht Macht, wo Macht der Fromme hat. Ich banne euch beim Namen –
Geist: Alter Mann! Wir kennen uns, dein Amt und uns're Sendung – Verschwende nutzlos heil'ge Worte nicht; Es wär' umsonst. Der Mann ist uns verfallen. Noch einmal ruf'ich dich. – Hinweg! hinweg!
Manfred: Ich trotz' euch! – Fühl' ich meine Seele auch Hinweg mir ebben – dennoch trotz' ich euch! Ich will nicht fort, so lang ich Atem habe, Euch Abscheu zuzuatmen – Kräfte noch, Mit Geistern mich zu balgen. Was ihr nehmt, Nehmt Glied für Glied!
Geist: O Widerstrebender! Ist das der Zauberer, der gern durchstriff Die unsichtbare Welt, der uns sich fast Vergleichen wollte! Kann es sein, daß du Ins Leben so verliebt bist, in ein Leben, Das elend dich gemacht!
Manfred: Das lügst du, Falscher! Ich weiß, mein Leben zählt die letzte Stunde – Nicht ein Moment daran sei eingelöst! Ich kämpfe mit dem Tod
