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Ich werde euch finden. Meine Augen sind überall. Ihr könnt mir nicht entkommen. Eigentlich hätte es nur ein kleiner Spaziergang am Abend werden sollen, doch plötzlich wird Phoebe verfolgt. Der Cyborg, ein psychopathisches Genie ist hinter ihr her, und will sie tot sehen. Gemeinsam mit dem jungen Obdachlosen Blake muss sie versuchen, aus London zu entkommen, um sich selbst und das Leben ihrer Eltern zu retten. Der atemlose Thriller kann in Echtzeit gelesen werden, und lädt durch Spannung und Geschwindigkeit zum Mitfiebern ein. Empfohlen ab 15 Jahren.
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Seitenzahl: 460
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Laura Herges
Lost in London
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Lost in London
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Anhang
Impressum neobooks
Ich werde euch finden.
Meine Augen sind überall.
Ihr könnt mir nicht entkommen.
Zwei Jugendliche aus unterschiedlichen Welten, durch das Schicksal verbunden.
Ein psychopathisches Genie, das die beiden gnadenlos durch London jagt.
Ein Katz-und-Maus-Spiel auf Leben und Tod.
Eigentlich hätte es nur ein kleiner Spaziergang am Abend werden sollen, doch plötzlich wird Phoebe verfolgt. Der Cyborg, ein psychopathisches Genie ist hinter ihr her, und will sie tot sehen. Gemeinsam mit dem jungen Obdachlosen Blake muss sie versuchen, aus London zu entkommen, um sich selbst und das Leben ihrer Eltern zu retten.
Der atemlose Thriller kann in Echtzeit gelesen werden, und lädt durch Spannung und Geschwindigkeit zum Mitfiebern ein.
Laura Herges
Lost in London
Für meine Mama.
Danke, dass du mir diesen wunderschönen Ort gezeigt hast!
No, you can't reach me on my phone.
No, you can't see me, 'cause I'm better off alone.
Don't have the strength to carry on.
Don't have the guts to let you know what's going on,
Baby, in my mind…
- The Amazons, “In My Mind.”
Shangri-La Hotel, Southwark, London. Dienstag, 19:44 Uhr.
Ich betrachte mich im Spiegel, während ich meine Haare mit einer unzufriedenen Handbewegung zurückstreiche. Ich habe Augenringe, die noch nicht mal der beste Concealer der Welt verbergen könnte. Der Jetlag macht sich eben immer bemerkbar, egal, wie viele Länder der Welt man schon bereist hat. Seufzend greife ich in meine Hosentasche und befördere ein Mini-Lipgloss zutage, mit dem ich mir immerhin meine Lippen nachziehen kann. Ich schraube den Behälter auf und verteile alles sorgfältig. Während ich meine Lippen aneinander reibe und darauf warte, dass das Gloss antrocknet, höre ich meinen Vater im Nebenzimmer sprechen.
„Ja, der Flug war fantastisch… Gerne, gerne…“ Dann ein etwas unecht klingendes Lachen. Und sofort weiß ich, dass er wieder mit van Doyle telefoniert, momentan sein wichtigster Businesspartner – und der Grund, warum wir überhaupt hier sind. Oder zumindest einer davon, wenn ich meinen Eltern Glauben schenken darf. Aber alles von Anfang an: Ich heiße Phoebe St. Patrick, ich bin achtzehn Jahre alt und habe gerade – nach endlosen Jahren nervigen Lernens – meinen Schulabschluss an der Lafayette Academy in Milwaukee, Wisconsin gemacht. Und jetzt bin ich hier, in London, England, weil ich mir Unis ansehen möchte, und weil mein Vater den Deal seines Lebens einfädeln will. Er ist der Besitzer einer Computerfirma – Shamrock Computers. Ja, genau, Shamrock – wie das Kleeblatt – bezogen auf unseren Nachnamen, wirklich zum Totlachen. Dabei sind wir noch nicht mal Iren und haben auch keine irischen Vorfahren oder sonstige Kontakte dort, aber solche Wortwitze sind einfach sein Ding. Shamrock Computers ist jetzt nicht das größte Computerunternehmen der USA, natürlich nicht, davon kann mein Vater nur träumen. Aber immerhin im Mittleren Westen sind wir relativ bekannt und zumindest den meisten Leuten ein Begriff. Ich würde meine Eltern jetzt nicht als superreich bezeichnen, aber wir sind schon wohlhabend – so wohlhabend, dass wir im besten Stadtteil von Milwaukee ein Anwesen besitzen und meine Eltern mir die Privatschule bezahlen konnten, die immerhin viertausend Dollar pro Monat kostet. Und so wohlhabend, dass sie mir versprochen haben, dass ich mir eine Uni, an der ich studieren möchte, aussuchen kann – egal wo auf der Welt. Keine Ahnung, wie ich auf England gekommen bin. Vielleicht, weil das Klima ähnlich zu unserem in Wisconsin ist, oder weil die Briten für ihre Eleganz und ihre guten Umgangsformen bekannt sind, oder vielleicht einfach, weil ich mal ein wenig Abwechslung will.
Jedenfalls kam meinen Eltern meine Entscheidung gerade recht, weil mein Vater –wie bereits erwähnt – dabei ist, den Deal seines Lebens zu machen, und zwar mit Richard van Doyle, dem Besitzer von Delta Systems, dem größten Softwarehersteller in Nordeuropa. Diese Woche findet ein Kongress statt, bei dem sich Soft- und Hardware-Hersteller aus der ganzen Welt treffen, und sollte es meinem Vater tatsächlich gelingen, einen Vertrag über eine zukünftige Zusammenarbeit auszuhandeln, schafft Shamrock tatsächlich den Sprung auf den internationalen Markt – ein Ziel, das meine Eltern natürlich unbedingt erreichen wollen. Und deshalb reden sie auch den ganzen Tag von nichts anderem mehr, nicht über die Stadt, in der wir gerade zum ersten Mal sind, nicht über die Sehenswürdigkeiten, die ich gerne mit ihnen besichtigen würde, und nicht über die Unis, die ich mir ansehen möchte. Seit Wochen geht es immer nur um den Deal mit van Doyle, der nebenbei bemerkt zu den zehn reichsten Menschen in Großbritannien zählt. Ihre Gespräche drehen sich die ganze Zeit nur um den Kongress, der in einer Stunde anfangen wird, nur ab und zu werden sie durch Telefonanrufe von ihren potenziellen Business-Partnern unterbrochen. Und ich hänge seit gestern hier rum, in diesem Scheiß-Hotelzimmer, und habe noch absolut nichts von der Stadt gesehen, bis auf die Straßen, durch die das Taxi gefahren ist, das uns vom Flughafen abgeholt hat.
Mein Lipgloss ist inzwischen trocken und ich gehe wieder zurück in das Wohnzimmer unserer Suite.
Mein Vater telefoniert immer noch, während meine Mutter in dem anderen Badezimmer vor dem Spiegel steht und ihrem Make-up den letzten Schliff verleiht.
„Und wie lange dauert das Ganze jetzt?“, frage ich meine Mutter zum tausendsten Mal.
„Zweieinhalb Tage, das weißt du doch, Schätzchen“, erwidert sie, während sie versucht, ihren Mund möglichst wenig zu bewegen, um ihren eben aufgetragenen Lippenstift nicht zu verschmieren.
„Zweieinhalb Tage, in denen ich mich hier langweilen soll…“, murmele ich genervt.
„Schätzchen, wie oft haben wir darüber schon geredet?“ Sie dreht sich zu mir um und redet mit mir, als wäre ich ein kleines Kind: „Du kannst ja ein wenig in die Stadt gehen, aber sobald es dunkel wird, bist du bitte wieder im Hotel. Ich will nicht, dass du ganz allein da draußen bist, während in den Straßen womöglich irgendwelche Verbrecher herumlaufen…“
„Aber es ist Oktober, um sieben Uhr ist es dunkel!“, maule ich.
„Na dann kannst du ja endlich mal etwas früher aufstehen“, flötet sie in gespielt guter Laune, und streicht sich das blondierte Haar zurück. Würde sie es nicht färben lassen, wäre es vermutlich genauso dunkel wie meines, nur mit grauen Strähnen. Ich habe sie noch nie mit ihrer Naturhaarfarbe gesehen, nur auf alten Bildern aus der High School.
Ich seufze. „Und die Unis?“
„Sehen wir uns an, sobald dein Vater und ich zurück sind“, entgegnet sie lächelnd.
„Das war van Doyle“, fährt mein Vater dazwischen, „Er meinte, dass er bereits zwei hervorragende Plätze für uns reserviert hat.“ Er grinst vorfreudig.
„Na, das sind doch tolle Neuigkeiten!“, erwidert meine Mutter.
„Wir sollten dann so langsam los“, meint mein Vater nach einem Blick auf seine Rolex. Dann sieht er mich zum ersten Mal wirklich an. „Und du kannst heute Abend wie eine echte englische Adelige speisen. Der Koch des Hotelrestaurants hat zwei Michelin-Sterne“, fügt er mit einem Augenzwinkern hinzu.
Ich zwinge mich zu einem Lächeln. „Das werde ich“, entgegne ich nickend.
„Na dann…“, meint meine Mutter, die inzwischen ihren Mantel angezogen hat, für den es eigentlich noch viel zu warm ist. Aber er ist von Dior, und ihr Lieblingsteil, das sie natürlich unbedingt zeigen möchte.
„Du weißt ja, dass van Doyle den Kongress zur Handy-freien Zone erklärt hat“, sagt mein Vater, was ich mit einem Augenrollen kommentiere. „Hey, ich finde, das ist ein außerordentlich guter Weg, um dem ständigen Auf-den-Bildschirm-starren entgegenzuwirken!“
„Wenn du meinst…“, erwidere ich.
„So schlimm werden die zwei Tage ohne uns schon nicht werden“, sagt mein Vater grinsend und umarmt mich kurz zum Abschied.
„Viel Erfolg“, wünsche ich ihnen, während ich auch meine Mutter umarme.
„Danke, Schätzchen. Bis bald! Hab Spaß!“, verabschiedet sie sich von mir.
„Ja, mach die Stadt ein bisschen unsicher“, sagt mein Vater scherzhaft. Ich lache ein wenig gezwungen.
„Ciao ihr beiden!“, sage ich und schließe die Tür hinter ihnen.
Dann laufe ich seufzend durch den Raum und lasse mich auf die Couch sinken. Und mit einem Mal ist es still. Die dauernden aufgeregten Gespräche meiner Eltern sind verstummt. Und ich langweile mich noch tausendmal mehr als vorher. Ja, sie sind gute Eltern, aber warum tun sie mir das an – zweieinhalb Tage lang in einem Hotelzimmer eingesperrt zu sein, außer in den paar Stunden, wenn die Sonne sich dann doch mal am trüben Oktoberhimmel blicken lässt?
Ich überlege, ob ich mich gleich ein bisschen aufbrezeln, und ins Restaurant gehen, oder damit doch noch bis später warten soll. Ich kann mich nicht so richtig entscheiden und bleibe einfach unmotiviert auf der Couch liegen. Schließlich habe ich ja endlos Zeit…
Mein Handy piepst plötzlich. Eine neue Nachricht von Ashley.
Na, Süße? Hast du schon die City unsicher gemacht?
Ein Kuss-Emoji ergänzt ihre Nachricht. Ich seufze und tippe eine Antwort.
Nein, meine Eltern sind gerade gegangen und sie wollen nicht, dass ich im Dunkeln alleine rausgehe.
Mein Gott, wie erbärmlich das klingt. Als ob ich zehn Jahre alt wäre. Und als hätte Ashley meine Gedanken gelesen, kommt auch prompt die Antwort:
Im Ernst?
Ich antworte ihr:
Ja, und ich langweile mich hier zu Tode!
Ich füge noch ein weinendes Emoji hinzu und tippe auf senden. Ich warte, aber es kommt nicht gleich eine Antwort. Na toll, jetzt lässt sogar meine beste Freundin mich hängen. Ich fühle mich wie in einem goldenen Käfig – gefangen in einer tollen Suite, ohne etwas zu tun. Jetzt macht es mich sogar ein wenig wütend, dass meine Eltern mich mit hierher genommen haben. Sie haben meine Suche nach einer Uni nur als Ausrede benutzt, um auf den Kongress gehen zu können. In dem Moment piepst mein Handy erneut.
Warum gehst du nicht einfach jetzt in die Stadt? Müssen deine Eltern ja nicht erfahren, dieser Doyle hat doch ein Handyverbot auf seinem Kongress.
Echt jetzt? Sie schlägt mir vor, meine Eltern zu hintergehen und trotz des Verbots allein in die Stadt zu gehen. Nein, das kann ich nicht machen.
…Andererseits, warum eigentlich nicht? Sie haben meine Uni-Suche ausgenutzt, um hier ihren Deal einzufädeln. Warum kann ich dann nicht den Kongress ausnutzen, um mich ein bisschen umzusehen? Es wären ja wirklich nur ein, zwei Stunden, nichts Größeres.
Ich blicke aus dem riesigen Fenster. Es fängt schon an, zu dämmern. Ich beiße mir auf die Lippe, wie immer, wenn ich nervös werde.
„Aber es ist doch noch nicht mal acht Uhr, was soll schon groß passieren?“, murmele ich und schlucke einen sich plötzlich bildenden Kloß in meinem Hals herunter. Ich bin eben einfach eine zu gute Tochter. Mein Gott, jetzt fange ich schon an mit Selbstgesprächen!
Erneut piepst mein Handy.
Übrigens soll ich dir schöne Grüße von Ricky ausrichten, er war gestern auch auf der Party.
Ein zwinkerndes Emoji soll mich wohl darüber hinwegtrösten, dass der Typ, den ich gerade date, allein auf eine Party gegangen ist, während ich auf einem Flug nach Europa voller Turbulenzen kein Auge zubekommen habe.
Und warum kann er mir das nicht selber schreiben?, denke ich, doch ich antworte nur:
Danke, sag ihm einen Gruß zurück. Ich muss jetzt los, was essen. Ciao!
Sie verabschiedet sich mit einem winkenden, und einem küssenden Emoji. Kurz entschlossen schalte ich mein iPhone aus. Zwar liebe ich mein Handy, aber bei dem, was ich jetzt vorhabe, kann ich keine nervigen Nachrichten gebrauchen.
Warum wühlt es mich nur so auf, dass Ricky mir nicht selbst geschrieben hat? Klar, er ist mein Freund, aber seit ich nicht mehr auf die High School gehe, sollten mich solche Sachen nicht mehr aufregen. Schließlich können wir nicht mehr der neueste Klatsch und Tratsch auf dem Schulhof sein, das sind jetzt andere. Seit wir zusammen auf dem Abschlussball waren, habe ich sowieso das Gefühl, dass er sich mit Absicht von mir entfernt. Und das Komische ist, dass es mir noch nicht mal was ausmacht. Keine Ahnung, ob er auf der Party mit anderen Mädels geflirtet hat. Mir wird plötzlich klar, dass es dieses Gefühl der Demütigung ist, das mir etwas ausmacht. Selbst, wenn wir jetzt nicht mehr in der Schule sind, unsere Clique bekommt es trotzdem mit. Jungs sind eben alle gleich: Am Anfang sind sie so süß und nett wie Zuckerwatte, aber sobald man den ersten Bissen genommen hat, hat man plötzlich das Messer in der Kehle stecken, das schon die ganze Zeit über in der perfekten rosa Wolke versteckt war.
Endlich entschließe ich mich, aufzustehen und meinen Hintern in mein Zimmer zu bewegen. Meinen Koffer habe ich schon gestern ausgepackt, was bisher so ziemlich das Spannendste an der ganzen Reise war. Ich blicke in den Kleiderschrank und entscheide mich dann für eine enge graue Jeans und meinen rosa Lieblingswollpullover. Ich ziehe mich um und genieße das Gefühl der weichen Wolle, die über meine Haut streicht, als ich den Pulli überstreife. Dann gehe ich wieder ins Wohnzimmer und öffne die Balkontür. Es ist immer noch warm für diese Jahreszeit und ich werde keine Jacke brauchen – so wie meine Mutter.
Ich lasse meinen Blick über die Stadt streifen. Das Zimmer befindet sich im vierzigsten Stock und die Aussicht ist mehr als atemberaubend. Wenn die Stadt nur halb so schön ist, wie sie von hier oben aus zu sein scheint, wird sich mein kleiner Ausflug wirklich lohnen.
Ich nehme einen tiefen Atemzug von der kühlen Abendluft, dann gehe ich wieder nach drinnen, schließe die Balkontür hinter mir und rufe mit dem Telefon, das auf dem Nachttisch in meinem Zimmer steht, bei der Rezeption an.
„Guten Abend! Könnten Sie mir bitte ein Taxi bestellen, das mich ins Stadtzentrum bringt?“, frage ich und bedanke mich bei dem Rezeptionisten.
Dann ziehe ich meine grauen Wildleder-Stiefeletten an – weil ich ja ein bisschen was vorhabe, ausnahmsweise ohne Absätze – nehme eine kleine Umhängetasche und steckte mein Handy, hundert Pfund von dem Geld, das ich von meinen Eltern für die Reise bekommen habe, die Schlüsselkarte für unsere Suite, mein Mini-Lipgloss und einen Taschenspiegel ein. Mehr werde ich hoffentlich nicht brauchen. Ich werfe einen Blick auf den Stadtplan, den ich auf meinem Nachttisch gefunden habe, als wir hier angekommen sind. Zögernd greife ich danach und schaue mir nur die erste Seite an, auf der die Hauptattraktionen aufgelistet sind.
Westminster Abbey, Big Ben, der Tower of London – über den haben wir sogar in der Schule geredet, als es um die Reformation ging, aber davon weiß ich mittlerweile auch so gut wie nichts mehr. Das ist jedenfalls mal ein Anfang, beschließe ich, schalte das Licht aus und gehe zur Tür.
Das wird bestimmt ein super Abend!, denke ich lächelnd, drücke die Klinke nach unten und lasse die Tür hinter mir ins Schloss fallen.
Shangri-La Hotel, Southwark, London. Dienstag, 20:08 Uhr.
„Wo soll ich Sie hinbringen?“, fragt mich der Taxifahrer, als ich ein paar Minuten später auf dem Rücksitz eines schwarzen Wagens sitze. Diese Farbe sei typisch für die Londoner Taxis, hat zumindest der Fahrer gesagt, als er mich in der Hotellobby abgeholt hat. Ziemlich komisch, vor allem, wenn ich sie mit den New Yorker Cabs vergleiche. Ich war schon oft in New York, aber meine Lieblingsstadt in den Staaten ist Los Angeles, weil es da so wunderbar warm ist. Trotzdem möchte ich lieber in Europa studieren, warum, weiß ich wohl selber nicht so genau.
„Ist der Tower of London sehenswert?“, frage ich den Fahrer.
„Nun ja, die Kronjuwelen können Sie sich leider erst morgen wieder anschauen“, erwiderte er mit einem Blick auf die Uhr, „Aber von außen sieht er eigentlich auch ganz schön aus. Ist etwas schwer einzuschätzen, was wirklich sehenswert ist, wenn man selber hier aufgewachsen ist“, meint er mit einem entschuldigenden Lächeln.
„Dann fahren Sie mich bitte dorthin“, entgegne ich und erwidere das Lächeln zögernd.
„Aber gerne doch“, sagt er und wir fahren los.
Erneut ziehen Straßen und Häuser an mir vorbei, aber in der Dämmerung, mit all den Lichtern, ist das Ganze viel beeindruckender als im Tageslicht.
Ich denke wieder zurück an unseren Flug. Nicht nur ich habe keine Sekunde geschlafen, sondern auch mein Vater. Seit er die Einladung zu dem Kongress erhalten hat, ist es, als habe er plötzlich doppelt so viel Energie: Selbst auf dem Flug hat er ständig von dem Kongress und van Doyle geredet und von den Leistungen dieses Mannes geschwärmt. Er hat erzählt, wie dem Unternehmer durch seine Überwachungssoftware der größte Coup seit mindestens einem Jahrzehnt geglückt sei. Die Stadt London hat die Software gekauft und setzt sie seitdem großflächig zur Überwachung aller öffentlichen Plätze ein – ziemlich verrückt, aber natürlich auch gut für die öffentliche Sicherheit. Mein Dad vergötterte den Typen geradezu. Und dann kamen ewig lange Vorträge über den Van Doyle-Tower, den Firmensitz, in dem der Kongress stattfindet, Computersoftware und Anti-Viren-Schutz und was weiß ich alles, das die Van Doyle Company zu ihrem Spezialgebiet erklärt hat. In dem Tower befinden sich sogar Hotelzimmer, in dem die Kongressteilnehmer übernachten werden. Schon ironisch, dass jetzt ausgerechnet der Mann, der einer der führenden Softwareriesen in Europa ist, seinen Kongress zur Handy-freien Zone erklärt hat…
„Wir sind da“, sagt der Taxifahrer plötzlich.
Überrascht schrecke ich hoch. Bei all den Gedanken an den Kongress muss ich kurz weggedöst sein. Verfluchter Jetlag.
Ich blicke aus dem Fenster, aber einen Tower of London sehe ich nirgends. Fragend schaue ich den Fahrer an.
„Da vorne ist eine große Baustelle, die ganze Straße ist gesperrt. Weiter kann ich Sie leider nicht bringen. Aber es sind wirklich nur ein paar hundert Meter.“
„Kein Problem“, erwidere ich, krame meinen Geldbeutel aus meiner Tasche hervor und gebe ihm trotzdem ein gutes Trinkgeld. Er bedankt sich lächelnd.
Ich steige aus und stelle fest, dass es immer noch angenehm mild ist für den Monat Oktober. Aber vielleicht hätte ich mir auch einen Schirm mitnehmen sollen. Zwar regnet es noch nicht, aber in London weiß man ja nie…
Das Taxi fährt davon und ich stelle plötzlich fest, dass hier kaum noch Menschen unterwegs sind. Ab und zu läuft mal ein Jogger vorbei, aber ansonsten – von Touristen keine Spur. Bestimmt wegen des Wetters. Oktober dürfte auch kaum die Hauptsaison für Touristen sein… Erneut fällt mir New York ein, aber im Gegensatz zur Stadt die niemals schläft, scheint London gerade jetzt eher verschlafen zu wirken – was ja aber nicht unbedingt etwas Negatives ist.
Ich gehe ein paar Schritte, sehe mich um, betrachte die Lichter von London. Ich mag die Backsteinhäuser mit den bunten Türen, die man hier überall findet. Ganz anders als unsere modernen Häuser in den Staaten, scheinen diese hier noch eine Seele zu haben.
Die Abendstimmung ist friedlich, durch die Baustelle gibt es keinen Autolärm und es ist auch sonst kaum ein Geräusch zu hören. Hier gibt es vor allem Bürogebäude, aus manchen Fenstern dringt auch jetzt noch Licht. Menschen, die Überstunden schieben. Auf dem Weg hierher und auch bei unserer Ankunft habe ich viele Leute in Anzügen und Kostümen gesehen, die Trolleys hinter sich hergezogen haben, während sie auf ihre Smartphones starrend durch die Stadt gehetzt sind. Komisch, vorhin haben alle so busy gewirkt, und jetzt trifft man hier kaum noch eine Menschenseele an. Aber das liegt bestimmt an der Baustelle.
Ich laufe ein paar Meter weiter, doch von dem Tower sehe ich immer noch nichts. Müsste ein dermaßen bekanntes Gebäude einem nicht schon von weitem ins Auge springen? Wie groß ist dieser Tower eigentlich? Bin ich vielleicht schon vorbeigegangen? Oder laufe ich sogar in die falsche Richtung?
Ein wenig genervt krame ich mein Handy aus meiner Tasche und versuche, Google Maps aufzurufen, aber das funktioniert auch nur schleppend. Hat bestimmt etwas mit meinem amerikanischen Handy zu tun. Im Hotel gab es jedenfalls freies W-Lan… Die Seite lädt immer noch.
„So ein Mist!“, fange ich schon wieder an, wütend vor mich hinzumurmeln, „Wo ist dieser dämliche Tower nur?“ Ich seufze.
„Der Tower ist da hinten, sind nur etwa zweihundert Meter, wenn du da vorn um die Ecke biegst.“
Ich zucke zusammen und lasse beinahe mein Handy fallen. Dann blicke ich mich um, auf der Suche nach der Ecke, aus der die Stimme plötzlich gekommen ist. Da, nur ein paar Meter von mir entfernt sitzt ein Junge auf dem Boden, halb versteckt im Schatten eines niedrigen Gebäudes. Erst auf den zweiten Blick sehe ich, dass er auf einer Decke sitzt und ein Rucksack, sowie eine Plastikdose, in der ein paar Münzen liegen, neben ihm stehen. Oh.
„Ähm… danke“, sage ich jetzt und höre selbst, wie unsicher ich klinge. In Milwaukee hatte ich noch nie mit Obdachlosen zu tun – und auch sonst noch nirgends. Wie geht man mit solchen Leuten um? Was sagt man überhaupt? Tut mir leid, dass du auf der Straße leben musst?
Ich versuche, mich etwas zusammenzureißen, dann gehe ich die paar Meter zu ihm, greife in meine Umhängetasche und nehme meinen Geldbeutel.
„Ich äh weiß nicht so recht, welchen Wert englisches Geld hat“, erkläre ich, während ich an dem Reißverschluss herumnestele und nach etwas Kleingeld suche. Ich befördere ein paar Münzen zutage, große und etwas kleinere, auf denen das Konterfei der Queen prangt.
„Ist das okay so?“, frage ich und zeige ihm die Münzen, die ich auf meiner Handfläche gesammelt habe.
„Klar, danke“, sagt er und grinst.
Eigentlich ist er ganz süß, denke ich. Er hat ein hübsches Lächeln. Seine Zähne sehen gesund aus, obwohl er auf der Straße zu leben scheint. Von seinen Haaren sehe ich nur ein paar Büschel, die unter der schwarzen Mütze, die er sich über die Ohren gezogen hat, hervorlugen. Die Farbe seiner Augen kann ich im Dämmerlicht auch nicht richtig erkennen. Aber wieso interessiert mich das auch? Ich werde ihn jetzt sowieso nie wiedersehen, höchstens später, wenn ich vom Tower zurückkomme.
Wenn ich ihn zu Hause auf einer Party gesehen hätte, hätte ich ihn vielleicht sogar angesprochen.
Er ist zwar süß, aber auch verdammt arm. Er könnte dir nichts bieten, sagt eine kleine, gemeine Stimme in meinem Kopf.
„Danke für deine Hilfe“, sage ich und lächle ihm zu, bevor ich mich umdrehe und mich wieder auf den Weg mache.
Doch ich gehe nur ein, zwei Schritte, als ich plötzlich ein Geräusch höre. Jemand rennt. Schnelle Schritte kommen direkt auf mich zu. Verwirrt bleibe ich stehen, als sie im nächsten Moment auch schon direkt vor mir anhalten. Es sind drei Männer, jeder von ihnen mindestens einen Kopf größer als ich, in dunklen Outfits. Ich glaube, kugelsichere Westen zu erkennen. Und noch etwas erkenne ich sofort: Jeder von ihnen trägt eine Waffe – Pistolen, die sie, als sie direkt vor mir stehen, plötzlich ergreifen.
Mein Herz und mein Gehirn scheinen im gleichen Moment auszusetzen und anstatt länger wie gelähmt rumzustehen, mache ich kehrt und laufe los, so schnell ich kann.
„Hey!“, schreit einer von ihnen und im nächsten Moment höre ich, wie eine Kugel in das Gebäude einschlägt, an dessen Mauer gelehnt der Junge sitzt. Sofort bleibe ich stehen und mein Blick schnellt zu ihm. Er lebt noch, Gott sei Dank! Auch er ist aufgesprungen, sein Gesichtsausdruck ist vor Entsetzen erstarrt. Doch als sie weiter in unsere Richtung rennen, hält auch ihn nichts mehr an seinem Platz.
„Oh Scheiße!“, stößt der Junge hervor, greift sich noch schnell seinen Rucksack und rennt los.
„Los, los!“, treibt er mich an, ergreift meinen Arm und reißt mich mit sich.
„Hinterher!“, höre ich einen der Männer brüllen.
Der Junge zieht mich nach links, in eine kleine Gasse, in der wir es gerade so schaffen, weiter nebeneinander zu rennen. Auf einmal werde ich zurückgerissen. Einer der Männer hat meine Tasche ergriffen. Ich versuche, mich loszureißen, doch er gibt nicht auf. Panisch schlüpfe ich unter dem Gurt hindurch und überlasse sie ihm. Doch anstatt stehen zu bleiben, verfolgen die Männer uns weiter.
„Lassen Sie uns in Ruhe! In der Tasche ist eine Menge Geld!“, kreische ich. Doch der, der sie mir abgenommen hat, lacht nur spöttisch.
„Als ob uns das reichen würde, Süße!“
Ich renne noch schneller, falls das überhaupt möglich ist. Plötzlich höre ich einen Knall, spüre einen Luftzug direkt neben meinem Ohr und im nächsten Moment bricht ein Stück Fenstersims kurz über meinem Kopf weg. Sie haben schon wieder geschossen! Der Sims verfehlt mich nur knapp, und der Junge drängt mich nach rechts, wo wir in die nächste Straße einbiegen. Ich höre nichts, außer den Schritten unserer Verfolger und meinem keuchenden Atem. Ich war noch nie gut in Sport, und in einer solchen Situation habe ich mich bisher höchstens in meinen Albträumen befunden. Was passiert hier?
Doch bevor ich anfangen kann, zu denken, spüre ich, wie der Junge mich an meinem Arm nach links, in eine neue Abbiegung, reißt, und gleich darauf wieder nach rechts. Meine Augen können all die Eindrücke gar nicht mehr richtig einordnen. Wie in einem Tunnel nehme ich nur noch die Gassen wahr, die direkt vor uns liegen. Mich umzudrehen wage ich sowieso nicht. Der Junge stößt mich in eine weitere Gasse, dieses Mal eine so schmale, dass wir nicht nebeneinander hineinpassen. Ich blicke ihn fragend und voller Panik an, doch er bedeutet mir nur mit seinen Händen, schnell vorneweg zu rennen. Ich folge seiner stillen Anweisung, doch als ich mich in der Mitte der Gasse befinde, reißt er mich plötzlich wieder an meinem Arm zurück und geht auf einmal in die Hocke. Erst jetzt sehe ich, dass in einer kleinen Einbuchtung eines Hauses, unter der sich wohl ein Kellerfenster befinden muss, ein Gitter liegt. Mit einem schnellen Handgriff zieht er das Gitter einfach aus seiner Halterung. Er muss mir keine Anweisung geben. Schnell steige ich in die entstandene Öffnung und verschwinde in dem Loch. Einen Augenblick später befindet sich auch schon der Junge neben mir und platziert das Gitter über unseren Köpfen – keine Sekunde zu früh, denn in diesem Moment tauchen unsere Verfolger auf. Und sie rennen einfach weiter! Wir haben sie tatsächlich getäuscht!
Der Junge nimmt auf einmal meine Hand und bedeutet mir mit einer Geste, noch kurz zu warten, bevor wir wieder nach oben gehen. Ich nicke und spüre, wie mein rasender Herzschlag langsam wieder abnimmt. Doch im nächsten Moment würde ich am liebsten losheulen: Diese Gangster haben meine Tasche mitgenommen – mit meinem Geld und meinem Handy! Was mache ich denn jetzt? Wie komme ich wieder ins Hotel? Wo ist überhaupt die nächste Polizeistation? Noch nicht mal meine Eltern kann ich erreichen, denn die sind ja auf dem dämlichen Kongress mit dem dämlichen Handyverbot! Ich spüre, wie mir Tränen in die Augen steigen, doch sofort versuche ich, sie wegzublinzeln. Der Junge soll mich auf keinen Fall weinen sehen! Ich schaue weg, blinzele weiter, schlucke ein paar Mal und versuche, ruhig durchzuatmen. Besser gesagt als getan. Wie soll man sich bitte beruhigen, nachdem man gerade überfallen wurde? Ich kann nicht fassen, dass das gerade mir passiert ist – an meinem ersten Tag in London! Vielleicht hatten meine Eltern doch recht. Vielleicht ist das Karma, weil ich nicht auf sie gehört habe. Jetzt bin ich ihnen jedenfalls eine Erklärung schuldig, wenn sie zurückkommen. Allein der Gedanke daran ist schon so schrecklich unangenehm, dass ich sofort versuche, ihn irgendwie zu verdrängen.
Ich schaue den Jungen von der Seite an. Der Arme, da lebt er schon auf der Straße, und dann verliert er noch das bisschen Geld, das er hat, weil irgendeine reiche Amerikanerin, die zufällig in seiner Nähe auftaucht, überfallen wird. Dabei war er noch so nett und hat mir den Weg zum Tower beschrieben. Life’s a bitch…
„Ich glaube, die Luft ist jetzt rein“, flüstert der Junge neben mir plötzlich und will schon das Gitter wegnehmen, als ich ihn aufhalte.
„Bist du dir sicher? Was, wenn die immer noch in der Nähe sind?“
Der Junge überlegt einen Moment lang und horcht noch einmal in die Stille, doch dann nimmt er das Gitter weg und steigt aus der Vertiefung. Er reicht mir die Hand und hilft mir, ebenfalls wieder aus dem Loch zu kriechen. Ich will gar nicht wissen, wie viele Spinnen uns da unten Gesellschaft geleistet haben…
„Danke“, murmele ich, als er das Gitter wieder an seinen Platz setzt.
„Wir sollten irgendwo hingehen, wo eine Menge Leute sind“, meint der Junge, als er sich wieder aufrichtet.
„Und wo wäre das?“, frage ich.
„Erst mal zur London Bridge“, erwidert er, „Das ist nicht weit von hier, da sind immer eine Menge Touristen. Und ein paar Bullen laufen meistens auch rum, dann kannst du gleich ‘ne Anzeige aufgeben.“
Ich nicke betrübt. Mein schönes Handy…
„Mir ist so was noch nie passiert“, sage ich und denke im nächsten Moment, wie schrecklich peinlich das klingt. Doch der Junge scheint es noch nicht mal zu bemerken.
„Mir auch nicht“, erwidert er nur.
Ich schweige und laufe einfach weiter neben ihm her. Vor einer Stunde war ich noch in meiner schönen, warmen, kuscheligen Hotelsuite. Warum ist die mir noch mal so schlimm vorgekommen?
Ich weiß gerade noch nicht mal mehr, ob ich überhaupt noch hier studieren möchte. Wenn das hier überall so läuft, na dann gute Nacht… Was wäre eigentlich gewesen, wenn der Junge nicht gerade zufällig auch dort gewesen wäre? Ich schaudere. Daran habe ich ja noch gar nicht gedacht! Diese Arschlöcher hätten Gott weiß was mit mir anstellen, und mich danach einfach abknallen können, und keiner hätte es herausgefunden, bis meine Eltern nach dem Kongress nach mir gesucht hätten. Eine Welle der Dankbarkeit durchflutet mich plötzlich.
„Du hast mir das Leben gerettet“, stoße ich hervor und schaue den Jungen dabei an.
Jetzt erwidert er meinen Blick. „Keine Ursache“, entgegnet er, „Ich bin froh, dass ich auch dort war.“ Als hätte er meine Gedanken gelesen…
„Hör mal“, sage ich, „Wenn ich zurück in mein Hotel komme, würde ich dir gerne etwas Geld geben, um mich bei dir zu bedanken.“
Doch der Junge winkt ab. „Lass stecken“, meint er, „Ich hab’s ja nicht für Geld getan.“
„Bist du sicher?“, frage ich überrascht, „Ich meine, weil du doch…“ Der Rest des Satzes bleibt mir im Halse stecken.
„Weil ich auf der Straße lebe?“ Er zieht eine Augenbraue hoch.
„Tut mir leid, so wollte ich das nicht sagen!“, erwidere ich schnell.
„Schon gut“, sagt er.
Ich beiße mir auf die Lippe. Warum bin ich heute nur so dämlich? Andererseits: Ich bin gerade überfallen worden. Ist es da nicht normal, dass das Gehirn mehr oder weniger aussetzt?
„Ich bin übrigens Phoebe“, sage ich, um die peinliche Stille zu übertönen.
„Ich bin Blake“, erwidert er.
Blake. Passt irgendwie zu ihm.
„Was machst du in London, Phoebe?“, fragt er.
„Ich…“ Plötzlich ist mir die ganze Situation ungeheuer peinlich. Was soll ich denn sagen? „Ich mache Urlaub in einem der teuersten Hotels in London, im höchsten Gebäude von London, ganz in der Nähe der London Bridge, wo du mich gerade hinbringst?“
„Ich sehe mir Unis an“, sage ich stattdessen, „Ich will bald anfangen, hier zu studieren.“
Er nickt und wir schweigen erneut. Jetzt sehe ich auch mal den Tower of London, an dem wir gerade vorbeilaufen. Sieht wirklich ganz schön aus, wenn auch ein wenig unheimlich in der Dunkelheit. Vielleicht werde ich mir, wenn meine Eltern wieder zurück sind, mit ihnen gemeinsam die Kronjuwelen ansehen, die da drinnen ausgestellt sind. Oder auch nicht. Gerade ist mir das ganze Sightseeing ziemlich egal, wenn ich nur endlich wieder zurück in die Sicherheit des Hotels komme. Zum Glück ist Blake bei mir, wenn ich jetzt allein zur Polizei gehen müsste, hätte ich noch mehr Angst… Es sind immer noch wenige Menschen unterwegs, obwohl wir gerade an einer der Hauptattraktionen vorbeigehen. Muss wohl an der Uhrzeit liegen. Aber immerhin gehen wir ja jetzt an einen Ort, an dem – laut Blake – viele Menschen sind.
Wir laufen an der Themse entlang und ich betrachte das ruhende Wasser, auf dem weder Schiff noch Enten zu erblicken sind. London ist am Abend tatsächlich unspektakulärer als ich gedacht hätte. Ich denke an die Abende, an denen ich mit meinen Freundinnen ausgegangen bin. Ashley hat meistens die Planung übernommen und Chloé hat den Alkohol besorgt. Chloé… eigentlich war sie nie meine Freundin, ich weiß nicht mal, ob ich sie überhaupt richtig mag. Als wir das letzte Mal in einem Club waren, hat sie dauernd mit Ricky geflirtet, und das vor meinen Augen. Gut, sie war sturzbetrunken, aber ist das wirklich eine Ausrede? Ich schüttele den Gedanken ab und versuche es noch einmal mit Smalltalk.
„Es ist so still hier“, sage ich, „Ist das normal?“
Blake zuckt mit den Schultern. „Abends fahren kaum noch Schiffe, falls du das meinst.“
„Nicht nur das“, erwidere ich, „Es sind auch so wenige Touristen unterwegs. Ich meine, wo sind die denn alle?“
Blake lächelt. „Um diese Uhrzeit vermutlich in Soho. Wieso fragst du? Lust, ein bisschen Party zu machen?“
„Gerade eher nicht so“, winke ich lachend ab, „Aber es ist schon komisch, wenn ich das mit New York oder so vergleiche… Warst du schon mal…?“ Oh Mist!
„In den USA?“, fragt er, „Nein.“
Natürlich nicht. Dumme Frage.
Ich schweige und denke nach. Wie kann ich diese Situation nur weniger unangenehm machen?
Blakes Kopf dreht sich zu mir und ich merke, dass ich ihn schon die ganze Zeit über anstarre.
„Ist das jetzt so unglaublich?“, fragt er und ich senke beschämt den Blick.
„Nein, nein“, erwidere ich schnell, „Geht mich ja auch nichts an.“
„Was ist mit dir? Warst du vorher schon mal in Europa?“, fragt er plötzlich.
Ich bin zu überrascht, um mir auf die Schnelle eine Lüge auszudenken, und antworte wahrheitsgemäß: „Ja, schon oft.“Jetzt ist er es, der skeptisch eine Augenbraue hochzieht. Ich erröte unter seinem Blick. Er will etwas erwidern, doch bevor er dazu kommt, werden wir von einem Klingeln unterbrochen. Ich zucke zusammen und wir blicken beide in die Richtung, aus der das Geräusch kommt. Ein paar Meter neben uns steht eine dieser typischen roten Londoner Telefonzellen. Das Telefon darin klingelt. Bisher war mir noch nicht mal klar, dass man in Telefonzellen überhaupt anrufen kann. Das Ganze wirkt ziemlich unheimlich und ich weiß nicht, was wir tun sollen. Mein Instinkt sagt mir, dass wir jetzt besser zügig weitergehen sollten, anstatt abzunehmen. Blake blickt mich an.
Ich schüttele den Kopf. „Vielleicht sollten wir besser nicht…“
Er scheint zunächst ebenso unschlüssig zu sein wie ich. Doch dann ändert sich sein Gesichtsausdruck und er geht entschlossen auf die Telefonzelle zu.
„Hey, warte!“, stoße ich erschrocken hervor.
„Das ist nur eine Telefonzelle! Du hast ja wohl keine Angst vor einem Hörer“, meint er nur, öffnet die Tür zu der Zelle und nimmt ab.
„Hallo?“, sagt er und hält den Hörer an sein Ohr. Mit trotzigem Gesichtsausdruck lauscht er den Worten, die am anderen Ende gesprochen werden, während ich immer noch an der Tür der Zelle stehe und gebannt beobachte, wie sich Blakes Züge plötzlich anspannen.
„Was? Wer sind Sie überhaupt?“, fragt er erschrocken.
Mir läuft es eiskalt den Rücken hinunter. Also bewahrheitet sich meine ungute Vorahnung gerade tatsächlich.
„Hören Sie…“, setzt Blake an, doch er wird unterbrochen. Dann schluckt er und blickt mich an.
„Phoebe“, sagt er, „Komm bitte mal her.“
Ich muss ebenfalls schlucken und trete dann ängstlich neben Blake in die Telefonzelle. Dieser tritt so nah zu mir, dass seine Stirn meine beinahe berührt, und hält den Hörer so, dass wir beide den Worten lauschen können, die der Mann am anderen Ende nun sagt. Angespannt halte ich den Atem an.
„Hallo Kleine“, sagt eine tiefe Stimme, die offensichtlich von irgendeinem Computer verzerrt wird.
„Wer sind Sie?“, frage ich, doch der Mann lacht nur. Oder ist es überhaupt ein Mann? Der Verzerrer macht es unmöglich, zu sagen, wie sich die Stimme in echt anhören würde.
„Das ist jetzt nicht von Relevanz“, übergeht er meine Frage, „Was jetzt wichtig ist, ist, dass ihr beide mir gut zuhört. Zuerst einmal: Es wird keine Polizei eingeschaltet. Nicht jetzt, und später auch nicht.“
„Was?“, stoße ich entsetzt hervor, „Soll das etwa heißen, Sie stecken hinter dem Überfall vorhin?“
„Sieh an, die Kleine denkt mit!“, erwidert er spöttisch.
Blut steigt in meine Wangen und ich spüre erneut einen fetten Kloß in meinem Hals.
„Wie gesagt, keine Polizei, denn sonst wird im Van Doyle-Tower eine klitzekleine Bombe detonieren. Nichts Großes, das Gebäude wird nicht einstürzen oder so. Aber doch groß genug, um alle Menschen, die sich im Kongresssaal aufhalten, zu töten.“
Mir wird plötzlich schwarz vor Augen und ich habe das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen. Ich muss mich an Blake festhalten, sonst, so fürchte ich, werde ich das Bewusstsein verlieren.
„Woher wissen Sie das?“, frage ich mit erstickter Stimme, „Woher wissen Sie, dass meine Eltern auf dem Kongress sind?“
Es folgt nur Schweigen. Anscheinend findet er, dass meine Frage es nicht wert ist, von ihm beantwortet zu werden.
„Was wollen Sie überhaupt von uns?“, stoße ich hervor und meine Stimme bricht, während mir Tränen über die Wangen laufen.
„Ist das nicht offensichtlich?“, fragt er.
„Ihre Schläger haben sich schon meine Tasche unter den Nagel gerissen. Da war ein Haufen Geld drin und ein Handy, das vermutlich mehr wert ist als Ihr Auto!“, schreie ich in einer Mischung aus Verzweiflung und Wut. Doch am anderen Ende der Leitung höre ich nur ein höhnisches Lachen.
„Ich schwöre Ihnen“, stoße ich voller Hass hervor, „Wenn Sie meinen Eltern irgendwas antun, dann…“
„Was dann?“, fragt er scheinbar amüsiert, „Du hast keine Ahnung, wer ich bin. Wie willst du mich denn finden, Schätzchen?“
„Er will Lösegeld, Phoebe“, sagt Blake niedergeschlagen. Er kann mir dabei kaum ins Gesicht sehen.
Mir laufen ununterbrochen Tränen übers Gesicht, als der Mann weiterspricht: „Ganz genau. Aber ich will nicht nur das. Ich will bei dem Ganzen auch noch ein wenig Spaß haben. Kennt ihr beide Räuber und Gendarme?“
Keiner von uns erwidert etwas.
„Das macht nichts“, fährt er fort, „Wir drei werden ein wenig Fangen spielen, und mit drei meine ich euch beide gegen mich – und ein wenig Unterstützung von meinen Männern. Ihr wisst schon, die, die ihr vorhin schon kennenlernen durftet…“
„Wenn Sie Lösegeld wollen“, frage ich mit tränenerstickter Stimme, „Warum haben diese Männer dann vorhin auf uns geschossen?“
„Nun, Lösegeld bedeutet zwar, dass ich euch nicht töten werde, aber es bedeutet nicht, dass ich euch nicht ein wenig wehtun darf.“ Mir wird übel von der Vorfreude, die unverkennbar aus seiner Stimme klingt.
„Meine einzige Bedingung bei dem Spiel ist, wie gesagt, dass ihr euch keine Hilfe holt. Das wäre ja dann geschummelt, oder nicht? Also: Keine Polizei und auch sonst keine Unterstützung. Denn sonst wäre ich leider gezwungen, denjenigen umzulegen. Ihr dürft mit niemandem sprechen. Wenn ihr auch nur mit einem einzigen Menschen redet, jage ich den Konferenzsaal im Van Doyle-Tower sofort in die Luft. Und denkt daran: Ich habe meine Augen überall.“
Mir ist eiskalt und ich habe plötzlich Kopfschmerzen. Vor Angst kann ich nichts erwidern. Doch das ist auch gar nicht mehr nötig, denn im nächsten Moment ertönt auch schon ein Tuten, das uns zeigt, dass er aufgelegt hat. Entsetzt sehe ich Blake an. Auch in seinem Blick liegen Verzweiflung und Panik.
City of London, London. Dienstag, 20:41 Uhr.
„Und was jetzt?“, frage ich mit vor Angst schrill klingender Stimme.
„Wir müssen von hier verschwinden“, sagt Blake. Auch er klingt gehetzt. „Er hat seine Männer bestimmt schon her gelotst, während wir mit ihm telefoniert haben.“
„Warum musstest du auch rangehen?“, schreie ich und meine Stimme überschlägt sich beinahe, „Ich hab dir gesagt, dass du das lieber nicht tun solltest, aber du konntest ja nicht auf mich hören!“
„Ist das dein Ernst?“, erwidert er sofort und tritt aus der Telefonzelle, „Glaubst du etwa, wenn ich nicht abgenommen hätte, würden die Typen uns jetzt nicht verfolgen?“
Ich erwidere nichts. Ich kann nichts erwidern, weil mir Tränen übers Gesicht laufen. Stattdessen sehe ich Blake nur an, bemüht, irgendwie meine Fassung zu wahren.
Blake seufzt. Anscheinend versucht er ebenfalls vergeblich, sich irgendwie zu beruhigen.
„Tut mir leid, okay?“, sagt er dann, „Aber wir müssen hier schleunigst verschwinden. Also komm jetzt!“
Ich folge seiner Aufforderung, voller Angst, was uns jetzt wohl erwarten möge. Und erneut fliehen wir beide. Wie vorhin rennen wir auch jetzt, nur, dass unsere Verfolger uns dieses Mal nicht direkt auf den Fersen sind. Doch von einer unsichtbaren Gefahr umgeben zu sein fühlt sich auch nicht gerade besser an. Ich denke an meine Eltern, wie sie jetzt im Van Doyle-Tower sitzen, völlig ahnungslos, in was für einer Gefahr ich gerade schwebe. Und in was für einer Gefahr sie schweben.
Ich kann nicht aufhören zu weinen, zu schmerzhaft ist der Gedanke daran, was meinen Eltern droht, falls die Bombe tatsächlich hochgeht. Klar, wir waren nicht immer einer Meinung und haben uns auch manchmal gestritten, aber sie sind gute Eltern. Sie sind die besten Eltern, die ich mir vorstellen kann, haben mir erlaubt, jede Universität, auf die ich gehen möchte, zu wählen, und ich habe ihnen nie dafür gedankt. Es gibt so viele Dinge, die ich ihnen noch sagen möchte, so viele Fragen, die ich ihnen noch stellen will.
Langsam, jetzt nicht verzweifeln!, sage ich mir selbst im Geiste. Vielleicht schaffen wir es ja. Vielleicht können wir diesen Verbrechern entkommen und irgendwie einen Notruf abschicken. Es muss einfach irgendwie möglich sein. Ich kann meine Eltern doch nicht irgendeinem Irren überlassen! Aber wenn ich einen Notruf absende, und er bekommt das mit, dann sind meine Eltern zum Tode verurteilt. Ich weiß nicht mehr weiter, und mit jedem Schritt werde ich verzweifelter.
„Blake, meine Eltern… Was soll ich nur tun?“, stoße ich hervor, während ich mit brennender Lunge weitereile.
„Keine Angst“, erwidert er, „Diese Drecksäcke kriegen uns nicht. Und deinen Eltern passiert auch nichts. Er hat doch gesagt, dass er die Bombe nur zündet, wenn wir jemanden um Hilfe bitten.“
„Und wie sollen wir das ohne Hilfe bitte schaffen?“, entgegne ich wütend.
„Indem wir erst mal untertauchen“, erwidert er.
„Hast du Erfahrung mit so was?“, frage ich keuchend.
„Nein“, entgegnet er zögernd, „Aber auf der Straße habe ich gelernt, mich durchzuboxen. Vertrau mir einfach!“
Das ist leichter gesagt als getan. Ich habe diesen Typen vor gefühlten fünf Minuten zum ersten Mal getroffen, wie soll ich ihm da jetzt vertrauen? Andererseits: Habe ich überhaupt eine andere Wahl? Ich will wieder zurück in mein sicheres, wohlbehütetes Leben und ich will, dass meine Eltern in Sicherheit sind. Ich habe Angst. Schreckliche Angst. Und mit dieser Angst will ich nicht allein gelassen werden.
Eigentlich muss ich Blake dankbar sein. Er, ein armer Straßenjunge, wird in eine schreckliche Verfolgungsjagd mit reingezogen, und das alles nur wegen mir. Ein kranker Sadist jagt mich, um von meinen Eltern Lösegeld zu erpressen, und er ist unfreiwillig mit im Boot und macht mir noch nicht mal Vorwürfe. Wie kann das sein? Doch das kann ich ihn nicht fragen. Wenn ich ihn das frage, dann überlegt er es sich vielleicht doch anders und lässt mich allein zurück, um seinen eigenen Arsch zu retten. Würde er das tun? Er ist ein Fremder, ich kann ihn nicht einschätzen. Also schweige ich nur und renne weiter.
„Wir müssen schnell weg von hier“, unterbricht Blake meine Gedanken, „Und da vorn ist unser Ausweg.“
Er deutet mit dem Kinn auf irgendetwas, doch ich erkenne nicht, worauf. Mit meinem Blick suche ich die vor uns liegende Straße ab und stoße schließlich auf ein rotes, kreisförmiges Schild, auf dem in einem blauen Rechteck das Wort ‚Underground‘ prangt.
„Was ist das?“, frage ich, „Die U-Bahn?“
Blake nickt nur. Ich habe schon viel über die U-Bahn von London gehört, aber natürlich bin ich noch nie damit gefahren. Ich weiß nur, dass es die älteste U-Bahn der Welt ist und zudem die größte Netzlänge Europas besitzt – Dinge, die man bei Wikipedia nachliest, wenn man sich auf seinen Urlaub vorbereitet, so wie ich vor ein paar Tagen.
‚Monument Station‘ steht auf einem blauen Schild über dem Eingang. Mit Monument ist wohl die Säule gemeint, die ich in einigen Metern Entfernung sehen kann. Auf ihrer Spitze befindet sich irgendwas Goldenes, das ich von hier aus nicht erkennen kann, und sie erinnert mich ein wenig an die Siegessäule in Berlin, auf der ich vor ein paar Jahren mit meinen Eltern gewesen bin. Ich schlucke die schmerzhaft schöne Erinnerung an unseren Urlaub damals herunter und konzentriere mich auf das Hier und Jetzt, wie schwer mir das im Moment auch fallen mag.
Ich bin in meinem ganzen Leben noch nie U-Bahn gefahren. Meine Eltern haben immer Taxis bevorzugt – sauberer, abrufbar und ohne Kriminalität. Und ich bin ihrem Beispiel gefolgt, zumindest bis jetzt. Irgendwie bin ich gespannt auf die unter der Erde fahrenden Züge, die ich nur von Videos und Bildern kenne.
Ich folge Blake, als er die Treppe nach unten eilt. Zwei Männer kommen uns entgegen und ich erschrecke für einen kurzen Moment, bevor ich erkenne, dass es ganz normale Passanten sind, die nicht zu der Gruppe gehören, die uns vorhin verfolgt hat. Wenn das so weitergeht, bekomme ich heute noch einen Herzinfarkt… Eine weitere Treppe folgt und ich frage mich unwillkürlich, wie weit unter der Erde die Züge wohl fahren. Ich leide unter einer leichten Platzangst und will es eigentlich lieber nicht wissen. Blakes und meine Schritte hallen von den schmutzigweißen Fliesen an Wänden und Boden wider. Und erneut erblicke ich niemanden außer uns. Das kann doch nicht wahr sein! London ist wie ausgestorben um diese Uhrzeit, in diesem Stadtteil. Aber vielleicht ist es auch besser so. Ich möchte niemanden gefährden, will nicht, dass ich noch jemanden mit in mein Unglück ziehe.
Ich will zu der Metallschranke rennen, doch Blake läuft in eine andere Richtung.
„Was machst du?“, frage ich und folge ihm.
„Wir müssen uns erst Tickets kaufen“, erwidert er und hält vor einem etwas in die Jahre gekommenen Automaten an.
„Kann man das nicht einfach so bezahlen?“, frage ich nach Luft ringend, während er seinen Rucksack abzieht und hektisch einen Geldbeutel hervorkramt.
„Das ist kein Taxi, Süße“, erwidert er.
Süße? Was bildet er sich überhaupt ein? So hat mich bisher nur Ricky genannt und selbst bei dem habe ich das gehasst. Doch ich bin zu fertig, um ihm eine Antwort zu geben. Stattdessen beobachte ich nur, wie Blake blitzschnell durch das Menü navigiert, irgendeinen Pfundschein in den Automaten steckt und schließlich sein Wechselgeld, sowie zwei Tickets aus dem kleinen Fach auf Kniehöhe nimmt. Er steckt das Geld in seine Hosentasche und gibt mir eine der beiden Karten. Dann eilen wir beide zu den Schranken.
„Schieb sie in den kleinen Schlitz da“, sagt Blake und deutet auf die Vertiefung im Metall, die sich vor der Schranke befindet.
Ich tue, was er gesagt hat, und die Schranke öffnet sich wie von Zauberhand. Schnell trete ich hindurch.
„Ticket nicht vergessen!“, sagt Blake und ich sehe, dass der Automat mein Ticket auf der anderen Seite wieder ausgespuckt hat. Schnell ergreife ich es, stecke es in meine Hosentasche und folge Blake. Dieser hat sich nach rechts gewandt, zu einem Gang, über dem in dunklen Buchstaben ‚Northern Line‘ steht und hinter dem sich eine weitere Treppe verbirgt.
Ich seufze und renne trotz Seitenstechens hinter Blake her. Dieser legt ein erstaunliches Tempo vor. Dafür, dass er schon zwei Sprints heute Abend hinter sich hat, ist er noch überraschend fit – im Gegensatz zu mir. Ich werde immer langsamer und falle hinter ihm zurück. Mittlerweile habe ich kaum noch Kraft. Doch dann taucht wie durch ein Wunder endlich der erlösende Tunnel vor mir auf. Ich bin überrascht, wie hell es hier unten ist, wo wir uns doch so tief unter der Erde befinden.
Blake wartet bereits auf mich. Ungeduldig ergreift er mein Handgelenk und zieht mich auf eine der beiden Plattformen, die sich hier unten befinden.
„Der Zug müsste gleich ankommen“, sagt er und kaum hat er diese Worte ausgesprochen, taucht die Bahn auch schon auf.
‚Northern Line via Clapham North‘ steht auf dem Bildschirm, der sich an der Seite des Zuges befindet. Kaum haben sich die Türen geöffnet, steigen Blake und ich ein. Erschöpft lasse ich mich auf einen freien Platz fallen, Blake setzt sich neben mich. Jetzt sehe ich auch ihm die Erschöpfung an. Er ist genauso fertig wie ich, nur kann er es besser überspielen.
„Wohin fahren wir?“, frage ich.
Blake zuckt kraftlos mit den Schultern. „So weit wie möglich weg von hier.“
Ich atme aus. Anscheinend sind wir der Gefahr entgangen. Vielleicht wird jetzt alles besser. Wir können aus London raus, irgendwo aufs Land fahren und dort von irgendeinem Kaff aus Hilfe holen. Niemand wird gefährdet, weil niemand weiß, wo wir sind.
Endlich sind wir nicht mehr die einzigen Menschen weit und breit: Gegenüber von mir sitzt eine junge Frau, die ganz in ihr Buch vertieft zu sein scheint und etwas weiter rechts sitzen noch ein schmusendes Pärchen, das in unserem Alter sein dürfte und eine junge Mutter mit einem Kinderwagen.
„Hier, du hast bestimmt Durst von der ganzen Rennerei“, meint Blake und gibt mir eine halb volle Flasche Wasser aus seinem Rucksack.
Dankbar nehme ich die Flasche und trinke einen kräftigen Schluck von dem Wasser. Danach gebe ich sie Blake zurück und er leert sie mit einem einzigen Zug.
Ich lehne mich zurück und will mich gerade etwas entspannen, als mir plötzlich etwas ins Auge fällt. Mein Blick wandert noch weiter nach rechts.
Nein. Das kann nicht wahr sein. Das darf einfach nicht wahr sein!
„Blake!“, stoße ich leise hervor, meine panische Stimme ist kaum mehr als ein Wimmern.
Alarmiert folgt er meinem Blick und sieht das Gleiche, was auch mich in solchen Aufruhr versetzt: Einer der Männer, die uns verfolgt haben, steht einige Meter von uns entfernt, doch mit langsamen Schritten nähert er sich dem Waggon, in dem wir sitzen. Er hat seine Waffe abgenommen und scheint auch ansonsten darauf Wert zu legen, keine Unruhe bei den anderen Fahrgästen zu verursachen. Er scheint uns noch nicht gesehen zu haben.
„Wie hat der uns hier gefunden?“, flüstere ich in Blakes Ohr.
„Ich habe keine Ahnung“, murmelt er ungläubig und starrt geschockt in die Richtung des Mannes. „Schnell, geh zum Fahrer und sag ihm, dass wir bedroht werden!“, meint er plötzlich.
Ohne länger nachzudenken, folge ich seiner Anweisung, springe auf und eile die paar Meter zur Fahrerkabine. Ich klopfe an das Glas und versuche so, die Aufmerksamkeit des Fahrers auf mich zu ziehen. Doch als ich einen Blick in das Fahrerhaus werfe, halte ich schockiert inne. Da drinnen sitzt überhaupt kein Fahrer! Die Bahn wird automatisch gesteuert!
Ich drehe mich zu Blake um und die Panik in meinem Blick verrät ihm, dass wir geliefert sind. Er flucht, und dann geht alles ganz schnell: Blake springt auf, kommt zu mir gerannt und zieht plötzlich an der Notbremse, die direkt neben der Tür angebracht ist.
Mit einem lauten Quietschen von Metall auf Metall bleibt der Zug stehen und ich falle von der Wucht der Vollbremsung gegen die Glaswand zum Fahrerhäuschen. Die Menschen stoßen erschrockene Laute hervor und schauen überrascht zu uns. Der Mann hat uns jetzt ebenfalls entdeckt. Er steht bereits in der Mitte des Waggons, der sich hinter unserem befindet und nun fällt sein alarmierter Blick direkt auf uns. Ich schaue zu Blake und sehe geschockt, dass dieser gerade dabei ist, die Türen auseinanderzuziehen – und eine Sekunde später Erfolg hat.
„Schnell, komm!“, sagt er und hält die Tür zur Seite, während ich aus der Bahn springe. Dann tut er es mir gleich und die Tür fällt hinter uns wieder zu.
Wir rennen in den Tunnel hinein, auf den Schienen, und ich habe Todesangst. Was, wenn der Zug plötzlich weiterfährt und uns überrollt? Oder wenn auf der gegenüberliegenden Spur plötzlich ein Zug angerauscht kommt und der heftige Windstoß uns mit sich reißt?
Ich bete dafür, dass der Mann dieses Mal nicht auf uns schießen wird, denn wenn eine der Kugeln das uralte Steingewölbe trifft, könnte der Tunnel vielleicht einstürzen und uns einschließen, oder noch schlimmer: uns unter jahrhundertealtem Geröll begraben.
Zum dritten Mal heute Abend bin ich auf der Flucht und zum dritten Mal spüre ich mein Herz heftig gegen meine Rippen hämmern. Ich bilde mir ein, mit jedem Mal panischer zu werden, falls das überhaupt noch möglich ist. Wer weiß, vielleicht ist das alles ja nur ein endlos langer Albtraum, aus dem ich gleich erwachen werde. Ich werde in dem Bett in der Suite liegen, oder sogar noch besser: in meinem Himmelbett in unserer Villa zu Hause in Milwaukee. Doch ich weiß, dass das nicht passieren wird. Ich bin immer noch hier, in dieser schier endlosen Verfolgungsjagd gefangen, meine Eltern sind nicht in Sicherheit und ich höre nun auch die schnellen Schritte unseres Verfolgers, der mit jeder Sekunde näher zu kommen scheint.
Warum ich? Womit habe ich es verdient, hier unten, in den Tunneln der Londoner U-Bahn gekidnappt und vielleicht auch noch angeschossen zu werden?
Die Tunnel teilen sich jetzt und Blake deutet auf den rechten. Natürlich, im linken könnte uns ja jede Sekunde eine Bahn entgegenkommen… Das Licht der Scheinwerfer des Zuges dringt nicht mehr bis in den Tunnel und so finden wir uns plötzlich in völliger Dunkelheit wieder. Ich kann absolut nichts sehen und wünschte, ich hätte mein Handy hier. Ich habe mich noch nie in meinem Leben in einer solchen Dunkelheit befunden, nicht in der tiefsten und schwärzesten Nacht. Mit zögernden Schritten versuche ich, nicht über die Bahngleise zu stolpern. Ich werde vorsichtiger und dadurch auch langsamer. Dann sehe ich plötzlich ein schwaches blaues Licht vor mir, und im nächsten Moment ergreift Blake meine Hand.
„Ich hab mir die letzten fünfzehn Prozent Akku für einen Notfall aufgespart. Das ist jetzt wohl einer…“, meint er und leuchtet mit seinem Handy auf den Boden. Wir werden wieder schneller, jetzt, wo wir zumindest die schemenhaften Umrisse der Schienen erkennen können. Ich will gar nicht wissen, was sich jetzt alles über mir befindet – und was alles hier unten ist. Spinnen, Ratten, Fledermäuse… Meine Lunge zieht sich zusammen und plötzlich fällt es mir schwer, normal weiter zu atmen.
„Was ist denn?“, fragt Blake neben mir, dem das ebenfalls auffällt.
„Ich hab Platzangst!“, stoße ich wimmernd hervor und bleibe stehen. Ich kann nicht mehr weiter. Noch tiefer in diesen Tunnel, in diese unendliche Dunkelheit hinein – das ist einfach unmöglich.
„Auch das noch…“, murmelt Blake und im nächsten Moment spüre ich, wie er seine Hand auf meine Schulter legt. Ich sehe die Umrisse seines Gesichts vor mir. Seine Augen glänzen leicht. Sie wirken nun ganz dunkel.
„Ich versuche ja schon, uns so schnell wie möglich hier raus zu bringen“, sagt er, während seine schweren Atemzüge seine Anstrengung verraten, „Aber bitte, wir müssen weiter. Dieser Irre verfolgt uns und wenn wir hier bleiben, haben wir verloren. Ich verstehe ja, dass du Angst hast, aber ich bin bei dir. Du bist nicht allein und zu zweit schaffen wir das, okay?“
Ich nicke und versuche, den fetten Kloß in meinem Hals herunterzuschlucken, was mir nicht gelingt. Also kralle ich mich an Blakes Hand, während wir weitereilen. Von irgendwoher kann ich ein Tropfen hören. Wer sagt eigentlich, dass diese Tunnel hier wasserdicht sind?
Nicht drüber nachdenken!, ermahne ich mich und setze weiter tapfer einen Fuß vor den anderen. Ich schaue die Höhlenwände schon gar nicht mehr an, sondern achte nur noch auf die Schienen. Hätte nie gedacht, dass der Anblick von Zuggleisen mal beruhigend auf mich wirken würde… Hinter uns werden die Schritte lauter und ich zwinge mich, ebenfalls schneller zu gehen, während ich in geduckter Haltung auf den Boden starre.
