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Wir schreiben das Jahr 2026. Heutzutage waren die Menschen längst aus den Städten verschwunden und Unwetter und starke Temperaturschwankungen waren zur Gewohnheit geworden. Die Einzigen, die in dieser trostlosen, verlassenen Welt zurückgeblieben waren, waren die Hunde. Als sich eines Tages eine ungewöhnliche Stille über der Stadt zusammenbraute, Wölfe und Hunde verschwanden und die Luft sich veränderte, beschloss Killian Winchester - der neue Anführer des Wasteland-Rudels - der Sache auf den Grund zu gehen. Gemeinsam mit seinem Rudel kämpfte er sich wagemutig durch die grausamsten Zeiten. Doch blieb keine Zeit zum Verzagen, denn der wahre Kampf hatte gerade erst begonnen.
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Seitenzahl: 346
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Das Gebiet der Rudel
Bitte stellt euch die Stadt als Großstadt mit vielen Hochhäusern vor. Es war leider nicht anders umsetzbar.
Wir schreiben das Jahr 2026. Vor drei Jahren besiegelte der Klimawandel das Schicksal der Menschheit. Ihre unstillbare Gier nach Geld, ihre Industrien und die Rohstoffverschwendungen führten dazu, dass sie ihren Lebensraum zu Grunde wirtschafteten. Sie hatten die Ozeane verdreckt, die Wälder abgeholzt und der Erde ihre letzten Ressourcen ausgesaugt. Der Klimawandel sorgte für extreme Wetterverhältnisse, schmolz die Pole und eine Flut überschwemmte die Küstenländer. Erdbeben und Tsunamis zerstörten schließlich die übrigen Städte. Doch die Leidtragenden waren nicht die Menschen - die hatten sich schon längst in Sicherheit gebracht - sondern die Hunde.
Haushunde wurden zu Straßenhunden. Einsam und verlassen irrten sie durch die Straßen der Stadt, immer auf der Suche nach etwas zum Fressen. Es dauerte nicht lange, bis eine Hungersnot über das Land hereinbrach und der erbitterte Kampf ums Überleben in einer ausgelaugten, unberechenbaren Welt mit neuen Gefahren begann.
Die Rudel:
Wasteland-Rudel "Warriors"
Killian: Schwarzer Schäferhund x Wolf
Veysel: Deutscher Schäferhund
Corvo: Wolf
Mira: Border Collie - Mix
Tom: Australian Shepherd
Cooper: Border Collie x Schäferhund
Thiago Kingsley: Husky-Mix
Saint-Alva-Rudel
Alva: Graue Wölfin
Ivar: Schwarzer Wolf
Artemis: Grauer Wolf
Lady Rose: Graue Wölfin
Kizamee (Kiza): Graue Wölfin
Ryan: Roter Wolf
Finn: Grauer Wolf
Floki: Dalmatiner - Mix
Hinterland-Rudel "Saviors"
Darss: Husky
Freya: Husky
Silas: Schwarzer Schäferhund x Wolf
Aven: Husky
Nismo: Australian Shepherd
Katria: Australian Shepherd
Pirate: Australian Shepherd Mix
Anouk: Wölfin
Prolog
Kapitel 1 - Saint Alva
Kapitel 2 - Gefährliche Träume
Kapitel 3 - Verlorene Seelen
Kapitel 4 - Kalte Nächte
Kapitel 5 - Die Fremde
Kapitel 6 - Raue See
Kapitel 7 - Einsame Stille
Kapitel 8 - Schattenjäger
Kapitel 9 - Tiefe Wunden
Kapitel 10 - Schattenland
Kapitel 11 - Apokalypse 2.0
Epilog
Eine friedvolle, intakte Welt, in der Hunde und Menschen in Harmonie lebten und es allen Hunden an nichts fehlte. Sie wurden von ihren Zweibeinern behütet und geliebt, kannten keine Sorgen oder Ängste, hatten immer genug Futter und ein warmes Körbchen zum Entspannen.
Das war zumindest die Welt, wie sie noch heute von den Haushunden beschrieben wurde und nach der sie sich so sehr sehnten.
Für mich hat sich seit dem Untergang der Menschheit nichts verändert. Ich lebte schon früher auf der Straße, wurde von Menschen verachtet, wurde mit Tritten und Schlägen verjagt und am Ende hatte es ihnen auch noch Spaß gemacht, wie man an deren breiten, verachtungsvollem Grinsen unschwer erkennen konnte.
Damals, als ich noch ein hilfloser Welpe war, der einsam und allein durch die Gassen der Großstadt zog, hatte ich sie nach meinen ersten negativen Erfahrungen so gut es ging gemieden. Doch an manchen Tagen, wenn der Hunger besonders groß war, habe ich mich von dem köstlichen Geruch ihres Futters verleiten lassen und über meine Ängste hinweggesehen.
Selten erntete ich Erfolg, meistens endeten meine Annäherungsversuche mit einem schmerzvollen Tritt in die Flanke und umherwirbelnden Händen vor meiner Schnauze. Futter ließen sie dabei eher selten fallen.
Als Welpe hatte ich mich nie zur Wehr gesetzt, es einfach geschehen lassen.
Je älter ich wurde, desto öfter verteidigte ich mich, stahl mir rücksichtslos mein Futter und erkämpfte mir meine Erfolge. Ihre schmerzhaften Tritte steckte ich nicht mehr einfach ein, sondern schnappte zurück oder biss direkt kraftvoll zu.
Wie nicht anders zu erwarten, dauerte es dann nicht mehr lange, bis ich ins Visier der Fänger geriet.
Sie nannten mich "Höllenhund", was vermutlich auch auf mein pechschwarzes Fell zurückzuführen war...
Aber diese Zeiten waren längst vorbei, die Menschen waren Geschichte und im ersten Moment dachte ich noch, es sei ein Segen. Allerdings wurde ich schnell eines Besseren belehrt. Heutzutage wünschte ich mir beinahe, dass mich zur Abwechslung mal zwei doofe Zweibeiner durch die Gassen jagten.
Seit die Welt durch Erdbeben und Stürme in Trümmern lag, die Menschen auf seltsame Art und Weise verschwunden waren und eine plötzliche Hungersnot ausbrach, herrschte Chaos auf den Straßen der Großstadt. Von Gewalt und Hass regiert, von Leid und Krankheit geplagt, das war unsere neue Welt. Liebe und Vergebung existieren hier nicht mehr.
Viele Haushunde hatten in dieser brutalen, unnachgiebigen Welt nicht lange überlebt. Sie kannten es nicht, auf sich allein gestellt zu sein, keinen Menschen zu haben, der auf sie aufpasste und ließen ihr Leben letztendlich im Kampf, verhungerten oder wurden krank. Andere wenige hingegen schafften es, sich zu beweisen, ein Rudel zu finden und sich den neuen Bedingungen der Welt anzupassen. Und ganz andere wiederum schlugen dunklere Wege ein...
Heutzutage wurde nur noch zwischen zwei Arten von Hunden unterschieden - Den Rudeln und den Outlaws.
Outlaws wurden Verstoßene genannt, die keinen Moral kannten, keine Gesetze achteten, Spaß am sinnlosen Töten hatten und überall, wo sie auftauchen, Angst und Schrecken verbreiteten. Mit einem Outlaw legte man sich also besser nicht an, wenn man lange überleben wollte. Dies galt wiederum nicht für mich, aber dazu später mehr. Outlaws waren in der Regel, aber nicht immer, ungepflegt und mager. Ihr Fell hing zum Teil nur noch in Fetzen an ihren Leibern. Die Zähne waren gelb und die meisten ihrer Art waren von der Geiferseuche geplagt, eine unheilbare Krankheit, die ihren Verstand trübte und sie zu hungrigen Schatten ihrer selbst machte. Die Seuche verbreitete sich über den Biss eines infizierten Tieres, aber nicht immer kam sie zum Ausbruch. Nach all' den Jahren auf der Straße und zahlreichen Kämpfen war ich noch immer verschont geblieben. Zumeist und aus unerklärlichen Gründen waren es in den meisten Fällen die Haushunde, die sich mit dieser Krankheit infizierten und am Ende sabbernd durch die Straßen irrten.
Kranke Geister, der eigentlich zivilisierten Spezies, sahen sich diesen Kreaturen überlegen, nutzten ihre Macht gegenüber den ihrer Ansicht nach geistig Schwachen aus, um sogenannte Rotten zu bilden. Das waren die eigentlichen Gefahren, der heutigen Zeit - Zumindest für die verwöhnten Haushunde. Anführer der Rotten waren meist Hunde, aber auch Wölfe, die sich nach Macht sehnten, die es liebten, im Rampenlicht zu stehen und deren Antrieb ein unstillbarer Durst nach Unterdrückung und Reichtum war.
Man durfte in diesem Fall den Reichtum nicht mit dem der Menschen vergleichen. Reichtum besaß der, der ganz oben in der Nahrungskette stand, der von allen gefürchtet wurde und immer das bekam, was er wollte. Um diesen Reichtum zu erlangen, musste man harte Wege einschlagen, Dinge tun, die man sich niemals verzeihen würde, die man sich nicht einmal in seinen schlimmsten Albträumen vorstellen könnte und das alles nur um sich zu beweisen, beweisen vor den Outlaws und beweisen vor den Rudeln. Auf der anderen Seite musste man auch einiges einstecken können, um dabei nicht zu Grunde zu gehen.
Woher ich das wusste? Auch in der neuen Zeit wurde ich nicht ohne Grund ''Höllenhund'' genannt. Ein Höllenhund in der Hölle auf Erden...
Nichtsdestotrotz, selbst wenn viele vielleicht dachten, mir sei es egal und ich wäre ein harter Knochen, muss ich euch leider enttäuschen. Selbst ich mied, so wie viele andere Rudel, den Stadtkern der nahegelegenen, von Rotten überlagerten Stadt. Denn ein Name oder ein Ruf hatten dort keinerlei Bedeutung mehr - Gerade jetzt, wo sich die Welt wieder zu verändern schien.
In der Stadt galt einzig und allein eine Regel: Fressen oder gefressen werden.
Die Zeiten als erbarmungsloser Raufbold hatte ich hinter mir gelassen und sorgte nun mit meinem besten Wissen und Gewissen für die Sicherheit meines Rudels.
Mein Name ist Killian Winchester, ich bin Rudelführer des Wasteland-Rudels, dem wohl letzten Rudel des Landes und das ist unsere Geschichte.
Wasteland
Die ersten Sonnenstrahlen des Tages kitzelten meine Schnauze, die Kälte, die sich über Nacht in meinem Pelz verbissen hatte, entwickelte sich allmählich zu einer angenehmen Wärme.
Trotz des grellen Lichts, welches mir in die Augen strahlte, versuchte ich weiter zu dösen. Zwanghaft kniff ich meine Augen zusammen, versuchte das Licht auszublenden - Aufstehen war noch keine Option für mich gewesen.
Eine Krähe setzte sich auf das Dach des alten Güterwagons. Ihre Krallen kratzten mit einem grauenvollen Quietschen über das Blechdach des Wagons, als sie sich schwungvoll darauf niederließ.
Unwillkürlich stellten sich meine Nackenhaare auf.
Zu allem Überfluss begann der Vogel nun auch noch so laut zu krächzen, dass ich das Gefühl hatte, er würde direkt neben mir sitzen und mir seinen spitzen Schnabel direkt ins Ohr halten. Genervt zog ich die Lefzen hoch und drehte mich nochmal zur Seite, meinen Vorderlauf legte ich mir dabei schützend über die Ohren.
Ein unterschwelliges Knurren entglitt mir - Man hatte auch einfach keine Ruhe in diesem Land.
Plötzlich zuckten meine Ohren: "Ruhe" Erst jetzt fiel mir diese Todesstille in meiner weiteren Umgebung auf. Einzig die nervige Krähe und das leise Schnaufen meines schlafenden Rudels waren zu hören.
Schlagartig war ich hellwach. Was ging hier vor sich?! Ich richtete mich auf und spitzte wachsam die Ohren.
Normalerweise wurde man von dem klagenden Jaulen der Outlaws in der nahegelegenen Stadt geweckt, die sich mit Anbruch des Tageslichts wieder zurück in ihre schattigen Ruinen zogen. Doch heute war es gespenstisch ruhig - Zu ruhig.
Ich blickte zum Horizont, wo sich die Überreste hoher Gebäude im fahlen Licht der aufgehenden Sonne abzeichneten.
Nebelschwaden, die sich über die Felder und Straßen der Stadt gezogen hatten, verschwanden allmählich mit dem ersten Sonnenlicht und das Bild der Verwüstung zeigte sich wieder in seiner vollen Pracht.
Von unserem Revier, einem schon vor der Katastrophe stillgelegten Bahnbetriebswerk, konnte man das Chaos gut erkennen.
Eigentlich war es ein gewohnter Anblick, doch heute Morgen ähnelte es noch mehr einer Geisterstadt als sonst.
Ein kalter Schauder durchfuhr mein dichtes Fell, instinktiv stellten sich meine Haare auf.
Ich schüttelte meinen schwarzen Pelz, bevor ich mich nachdenklich an den Rand des Wagons setzte. Meine Rute glitt unruhig über den verwitterten Holzboden.
Weshalb war es so ruhig in der Stadt, waren heute zufällig alle Outlaws vorzeitig in den Gebäuden verschwunden?
Gab es mal keinen Konflikt auf den Straßen?
Das konnte ich mir einfach nicht als logische Erklärung einreden, nein, es musste einen anderen Grund geben.
Einen Grund, der für uns alle nichts Gutes verheißen mag.
Sonst trug der Wind jeden, noch so unbedeutenden Laut bis zu uns heran...
Tief in meinen Gedanken versunken, hatte ich schon gar nicht mehr an die Krähe auf dem Dach gedacht, als diese plötzlich einen lauten, markerschütternden Schrei von sich stieß und leblos auf den steinigen Boden vor den Gleisen fiel.
Erschrocken zuckte ich zusammen und stolperte beinahe über die Ladekante des Wagons.
Mein Blick fixierte den toten Vogel an, während mein Puls sich langsam wieder beruhigte.
"Was war das?", hörte ich ein verschlafenes Nuscheln vom anderen Ende des Wagons. Kleine Pfoten tappten über das feuchte Holz, bevor sich ein zierlicher weißschwarzer Schatten neben mich setzte.
"Irgendetwas merkwürdiges geht hier vor sich", flüsterte ich bedächtig, während mein Fokus noch immer auf der Krähe lag.
"Killian, du machst dir zu viele Sorgen. Es ist doch nur ein toter Vogel."
Ich spürte ihren mitfühlenden, aber zugleich besorgten Blick an mir haften.
"Nein, es ist nicht nur der Vogel, Mira. Hörst du das nicht?", mein Blick erwiderte ihren für einen kurzen Augenblick, ehe ich ihn in die Ferne richtete.
Einen Moment lang herrschte vollkommene Stille. Die Border Collie Hündin stellte aufmerksam ihre flauschigen Ohren auf und konzentrierte sich auf ihre Umgebung.
Angestrengt versuchte sie etwas zu hören, herauszufinden, welches Geräusch ich meinen könnte.
"Ich höre nichts", gab sie schließlich nachdenklich zu.
"Genau das ist es! Es ist nichts! Gar nichts! Nicht mal ein entferntes Jaulen eines Outlaws!", knurrte ich ungehalten.
"Wir müssen das Rudel zusammenrufen!", bellte ich, sprang entschlossen aus dem Wagon und landete im nächsten Moment auf dem Rumpf des alten Güterzuges am Nachbargleis. Von dort aus rief ich mit einem lauten Heulen das Rudel zusammen, so wie es die Wölfe in den Wildlanden taten…
Ein Tag zuvor im Saint Alva Rudel
"Kiza! Kizamee!", die Rufe meiner Großmutter rissen mich aus dem Tiefschlaf.
"Großma, was ist los?! Ich bin hier", verschlafen kam ich auf die Pfoten, kratzte mich müde hinterm Ohr, während mir ein ausgedehntes Gähnen entwischte.
Ich war schon wieder die ganze Nacht unterwegs gewesen, hatte die nächtliche Stille genossen und dem Gesang verschiedenster Vögel im Morgengrauen gelauscht - Es war wundervoll. Dafür hatte ich nun, mal wieder, den halben Tag verschlafen.
"Kiza, da bist du ja - Hast du Artemis und Ivar gesehen?
Ich mache mir große Sorgen. Sie sind noch nicht zurückgekehrt."
Aufgelöst und strammen Schrittes kam die graue Wölfin auf mich zu.
Suchend sah sie sich um, versuchte hier etwas zu finden, obwohl sie wusste, dass sie hier nicht finden würde, wonach sie suchte.
"Wie schade um Ivar...", stöhnte ich ironisch, bereute meine Ungezogenheit aber gleich im nächsten Moment.
Ich konnte diesen eingebildeten Möchtegern zwar absolut nicht riechen, mit seiner anhänglichen Art und seinen andauernden Komplimenten - bei dem Gedanken an den schwarzen Wolf wurde mir ja fast schon schlecht - aber nein, Großmutter ging es ja gar nicht um Ivar, sondern um ihren jüngsten Sohn Artemis und das war der Grund, weshalb mich mein schlechtes Gewissen innerhalb von Sekunden zerfraß.
Ich schüttelte meinen grau-braunen Pelz und ging ein paar Schritte auf sie zu.
"Tut mir leid, war nicht so gemeint", entschuldigte ich mich bei ihr, obwohl ich nicht mal sicher war, ob sie überhaupt wusste, wofür ich mich entschuldigte.
"Nein, ich habe Artemis und Ivar seit einer Weile nicht gesehen", ergänzte ich schließlich.
Bedrückt sah die graue Wölfin zu Boden, ließ ihre Ohren und Rute hängen.
"Wo kann er nur sein?", fragte sie so leise, dass es klang, als würde sie sich selbst danach fragen. Mitgefühl machte sich in meiner Brust breit, drückte mir wie ein Stein aufs Herz, sodass dieses ganz schwer wurde.
Während ich meine Gedanken sortierte, überlegte, wo man anfangen könnte, nach Artemis zu suchen, blickte ich hinab zu der alten Wölfin, die sich vor Erschöpfung auf den Boden gelegt hatte.
In all' den Jahren war mir nie besonders aufgefallen, dass sie älter geworden war. Doch heute fiel es mir stärker auf als je zuvor. Ihre Schnauze war schon ganz weiß, ihre einst spitzen Ohren ähnelten nun eher den Schlappohren der Hunde und ihr sonst so fülliges, glänzendes Fell war stumpf geworden.
Schließlich unterbrach Großmutter meine Gedanken und kam mir mit meiner Entscheidung zuvor: "Ich werde zum Bahnwerk gehen und nach Corvo suchen, vielleicht weiß er, wo sein Bruder ist."
Für einen Augenblick blieb mir die Spucke weg.
"Zum Bahnwerk?!", japste ich unglaubwürdig.
Mein Entsetzen musste mir im Gesicht gestanden haben, zumindest dem fragwürdigen Blick meiner Großmutter nach zu urteilen.
"Das ist mindestens einen Tagesmarsch entfernt und wir müssen durch die STADT! Bist du sicher, dass du diesen weiten und gefährlichen Weg auf dich nehmen willst?"
"Ich bin doch nicht alt und klapprig. Selbstverständlich bin ich mir sicher." Damit war das Thema für sie beendet.
Mit ihren kleinen graublauen Augen funkelte sie mich auffordernd an.
In diesem Moment erinnerte sie mich an einen quengeligen Welpen, der unbedingt seinen Willen durchsetzen musste - Ja, genau so führte sich die alte Wölfin manchmal auf, wie ein Welpe.
Ich warf den Kopf in den Nacken und stöhnte genervt.
Zwar sah ich den ersten Punkt etwas anders als sie, dennoch musste man ihr eines lassen - Sie war stur wie ein alter Ziegenbock, wenn sie etwas wollte, dann konnte sie auch nichts, rein gar nichts, mehr aufhalten.
Abgesehen davon, dass jede weitere Diskussion mit ihr sinnlos gewesen wäre und sie sowieso alleine gegangen wäre, wenn ich nicht zugestimmt hätte, liebte ich meine Großmutter und würde alles für sie tun - Selbst, wenn es das Letzte wäre, was ich tun würde.
Nur wegen ihr war ich damals zurückgekehrt und hatte meine Eltern und mein Rudel in den Eislanden zurückgelassen, um bei ihr sein zu können. Sie bedeutete mir nahezu alles und deshalb war ich ohne Zweifel fest entschlossen, sie auf ihrer Reise zu begleiten.
Mein Blick glitt in die Ferne, durch den Wald hindurch bis an die Auen vor der Küstengegend. Ich versuchte mich an den Weg zu erinnern.
Durch die Wildlande bis zur Küste war der Weg noch einfach und vermutlich ohne Risiken zu passieren, denn in dieser Gegend gab es keine anderen Wölfe. Wir, das Saint Alva Rudel, waren das einzige Rudel in den Wildlanden, zumindest im Osten des Landes.
Ab der Küste würde es dann gefährlich werden, das wusste ich noch von unserer letzten Reise. Zuerst müssten wir über die riesige, von Menschen erbaute Brücke, die die Wildlande mit dem Rest der Welt verband, gelangen.
Ein finsterer Gedanke schlich sich in meine Überlegung.
Was wäre, wenn die Brücke nicht mehr existierte, wenn sie inzwischen, wie viele andere, durch Erdbeben oder Fluten zerstört wurde. Oder noch schlimmer, wenn Artemis in diesem Moment die Brücke passieren wollte?!
Ich schüttelte mir die Gedanken schnell aus dem Kopf und versuchte mich wieder auf das Wesentliche zu konzentrieren. Dennoch setzte sich ein ungutes Gefühl unter meinen Pelz. Vielleicht sollte ich meiner Großmutter nicht zu viel Hoffnung machen.
Mal angenommen, die Brücke wäre immer noch unversehrt und passierbar, durchlief ich den Weg weiter in meinen Gedanken, dann würde ab hier der schwierige und gefährliche Teil beginnen.
Denn die Brücke führte uns direkt in die Stadt, die Stadt voller Gefahren. Wir müssten sie möglichst schnell und ohne Aufsehen zu erregen durchqueren, um an den südlichen Stadtrand zu gelangen. Dort befindet sich das Bahnbetriebswerk und dort würden wir sicherlich Hilfe finden.
Corvo, Großmutters ältester Sohn, hatte sich vor einigen Jahreszeiten von dem Saint Alva Rudel getrennt. Er suchte nach einer neuen Herausforderung, er liebte das Abenteuer und die Gefahr, ihm war es hier schlichtweg zu langweilig.
Wir lebten in Frieden unter der Führung unserer Alpha-Wölfin und Königin Alva, fernab jeglicher Gefahren und anderer Rudel. Corvo zog es aus unerklärlichen Gründen schon immer in die Stadt. Dort hatte er sich nach einiger Zeit dem Rudel von Marek angeschlossen, einem weisen, alten Schäferhund Rüden, der die Stadt besser kannte, als es je ein anderer getan hatte.
Leider wurde Marek kurz darauf in einem Kampf mit einem feindlichen Rudel getötet und ein neuer Rüde übernahm die Führung des Rudels. Allerdings hatte ich diesen in all' der Zeit erst einmal gesehen, da wir nur im äußersten Notfall unser Revier verließen.
Dennoch war mir der Rüde im Gedächtnis geblieben. Er hatte etwas an sich, was mich faszinierte, ich verspürte damals ein mir unbekanntes Gefühl - Wie ein warmes Kribbeln in der Brust.
Der schwarze Rüde war größer als ein gewöhnlicher Schäferhund, fast so groß wie wir Wölfe. Er hatte stechend gelbe Augen, in denen man Kraft und Stolz erkennen konnte, aber auch viel Leid und Trauer.
Die unzähligen Narben an seinem gesamten Körper ließen mich vermuten, dass er ein erfahrener Kämpfer mit einer sehr düsteren Geschichte sein musste. Ich brauchte nichts über seine Vergangenheit zu wissen und konnte sie mir trotzdem vorstellen. Ein kalter Schauder jagte mir bei den Gedanken den Rücken herunter.
Doch trotz all' der Narben, seines majestätischen Auftretens und seiner teilweisen bedrohlichen Ausstrahlung, machte er einen gutherzigen Eindruck. Ich war mir sicher, dass mehr hinter dieser finsteren Fassade schlummerte.
Irgendwie freute ich mich insgeheim darauf, ihn nun bald wieder zu sehen...
Wasteland
Als Mira und ich am Versammlungsort eintrafen, hatte sich das Rudel schon vor dem Lokschuppen um meine rechte Pfote und besten Freund Veysel versammelt und durchlöcherte ihn aufgeregt mit Fragen. Die Hauptfrage war wohl, wieso ich ein Treffen einberufen hatte. Der tanfarbige Schäferhund wusste allerdings selbst nicht mehr als die anderen und zuckte nur ahnungslos mit den Schultern.
Meine Gedanken waren immer noch bei dem toten Vogel hängen geblieben, während wir uns zu dem Rudel gesellten. Ich konnte einfach nicht verstehen, was dies zu bedeuten hatte. Zudem machte mir diese bedrückende Stille zu schaffen.
Plötzlich kehrte Unruhe in das Rudel.
"Das ist Lady Rose!", stürmte der junge Tom aufgeregt los. Er konnte sich vor Freude kaum bremsen, seine Rute schwang wild hin und her, während er im Sprint zu ihr hineilte. Ich verharrte noch einen Moment und blickte dem Tricolor-Aussie hinterher. War es wirklich die alte Lady Rose vom Saint Alva Rudel? Und wen hatte sie dort bei sich? Sie waren noch zu weit weg, um es sicher zu erkennen.
Jetzt wurde aber auch Corvo auf die Beiden aufmerksam.
"Mutter?", fragte er unglaubwürdig. Der graue Wolf erhob sich aus dem Rudel Hunde und ging einen Schritt vor.
"Kann das sein?"
Er lehnte seinen Kopf fragend seitwärts, während er mir einen verstohlenen Blick zuwarf.
"So, wie Tom sich freut, kann es wohl kaum jemand anderes sein", lachte ich und amüsierte mich über den wuseligen Tom, der sich kaum beherrschen konnte, als er die beiden Wölfe erreicht hatte. Voller Freude sprang er an den Wölfen hoch, um sie zu begrüßen.
"Mutter. Wie schön dich zu sehen.“
Corvo ging auf sie zu und rieb seine Schnauze an ihrem langen grauen Pelz.
"Was führt euch hierher?"
Seine Miene verfinsterte sich schnell, als er bemerkte, dass die Freude nur seinerseits war: "Ist etwas passiert?
Ihr nehmt doch nicht den weiten Weg auf euch, nur um mich zu besuchen, oder?”
"Nein, du hast Recht, Corvo", die alte Wölfin blickte besorgt zu Boden, ehe sie weitersprach, "Artemis ist von der letzten Patrouille nicht zurückgekehrt. Er wollte mit Ivar die Jagdgründe erkunden und Ausschau nach Herden halten, doch sie sind jetzt schon zu lange weg. Ich hatte gehofft, dass er hier bei dir ist."
Lady Rose setzte sich erschöpft auf den sandigen Boden.
Ihre Begleitung, eine hellgraue Wölfin stand zurückhaltend hinter ihr und sah sich verträumt in der Gegend um.
Sie waren sicherlich müde nach dem weiten Weg hierher, vor allem für die alte Wölfin musste es ein anstrengender Weg gewesen sein, und dazu noch die ganze Aufregung.
"Ihr seid doch sicher müde und erschöpft von eurer Reise.
Vielleicht solltet ihr euch erstmal ausruhen, während wir uns einen Plan überlegen", unterbrach ich die Drei. Corvo, der mitfühlend auf seine Mutter blickte, nickte zustimmend. Plötzlich war auch die Hellgraue aufmerksam und lächelte verlegen. Sie schien nicht gerade die Gesprächigste zu sein, dennoch kam es mir so vor, als wären wir uns schon einmal begegnet.
"Cooper zeigt euch euren Schlafplatz." Ich warf dem jungen Rüden einen auffordernden Blick zu. "Kümmerst du dich bitte um unsere Gäste?"
Nachdem der Border Collie mit den beiden Wölfinnen verschwunden war, blickte ich in besorgte Gesichter.
Mira sah mit ihren großen kastanienbraunen Augen zu mir hinauf: "Das ist schrecklich! Hoffentlich ist Artemis nichts zugestoßen. Was sollen wir nur tun?"
Corvo übernahm das Wort, bevor ich etwas sagen konnte:
"Angesichts der Tatsache, dass es mein Bruder ist, der spurlos verschwunden ist, werde ich selbstverständlich nach ihm suchen und erst zurückkehren, wenn ich ihn gefunden habe."
Seine tiefe Stimme klang entschlossen: "Ich werde keine Zeit verschwenden und sofort aufbrechen."
Kurze Zeit später hatte sich Corvo von seiner Mutter verabschiedet und machte sich gemeinsam mit dem jungen Tom auf in ein unbekanntes Abenteuer voller Gefahren.
Als Rudelführer war ich zwar nicht begeistert von der Idee, die Beiden alleine gehen zu lassen, wusste aber, dass Corvo nicht gewollt hätte, dass ich das Rudel für seine Familienangelegenheiten im Stich ließ, also entschied ich mich dazu, ihn kommentarlos gehen zu lassen.
Der graue Wolf blickte noch ein letztes Mal zurück zu seinem Rudel, ehe er mit Tom, seinem Schatten, hinter den Gebäuden des maroden Bahnwerks verschwand.
Obwohl ich sie schon längst nicht mehr sehen konnte, blieb ich wie angewurzelt stehen und blickte ihnen noch eine Weile nach. Veysel trottete von hinten heran und erwiderte schweigend meinen besorgten Blick.
Zwar waren sie guter Dinge aufgebrochen und ich wusste, wie sehr es Corvo unterm Pelz brannte, endlich wieder eine Herausforderung zu haben, dennoch hatte ich ein ungutes Gefühl bei der Sache.
"Hoffentlich werden sie beide unversehrt zurückkommen", dachte ich im Stillen.
Corvo war ein starker Wolf, er hatte schon viel erlebt und so manches Mal glaubte ich, dass er so etwas wie Angst nicht kannte. Wenn es galt, etwas herauszufinden, zu erkunden oder zu erbeuten, war er immer der Erste, der sich ohne Weiteres in die Gefahr stürzte. Um Corvo machte ich mir also dementsprechend weniger Sorgen, er würde in der Stadt schon zurechtkommen.
Meine Sorgen betrafen eher seinem Schützling Tom. Wir fanden ihn kurz nach der Katastrophe am nördlichen Stadtrand. Er war damals fast noch ein Welpe gewesen.
Seine Menschen hatten ihn einfach zurückgelassen, so wie viele andere Hunde, die nicht das Glück hatten, in ein Rudel aufgenommen zu werden und meist schon nach kurzer Zeit qualvoll zu Tode kamen.
Als wir den jungen Tom gefunden hatten, war er schon fast nicht mehr lebendig. Er war von herabfallenden Trümmern erwischt worden und hatte sich seinen Vorderlauf eingeklemmt. Tagelang hatte er dort verharren müssen, ohne Futter, ohne Wasser.
Corvo hatte den dehydrierten Junghund damals gerettet und sich liebevoll um ihn gekümmert. Der Aussie hatte in dem mürrischen Wolf eine Seite hervorgerufen, die ich nie erwartet hätte.
Seit Tom dem Rudel angehörte, waren die beiden nahezu unzertrennlich. Corvo hatte es sich zur Aufgabe gemacht, den noch recht unerfahrenen Junghund unter seine Pfoten zu nehmen und ihm alles Überlebenswichtige beizubringen. Dennoch war ich mir unsicher, ob er für diese Reise schon erfahren genug war.
Und zu allem Übel kam auch noch diese kaum spürbaren Veränderungen, von denen die anderen noch nichts zu bemerken schienen. Diese gespenstische Stille, das Sterben der Vögel - Irgendwas ging in der Welt vor sich.
Es zerfraß mich innerlich, nicht zu wissen, was in der Stadt geschehen war, ob dort eine unbekannte, todbringende Gefahr lauerte, die all‘ die Outlaws bezwungen hatte und sich nun auch an uns Rudeln vergreifen würde.
Dieses Unwissen machte mich ganz verrückt. Alle Fasern in meinem Körper drängten darauf, es herauszufinden, doch ich konnte jetzt nicht auch noch das Rudel verlassen.
Als die Sonne schließlich tief am Himmel stand und der Abend sich allmählich dem Ende nahte, versammelten wir uns bei der Wagonreihe nahe der Drehscheibe.
Die Ereignisse des Tages schwirrten mir noch immer durch den Kopf, wie lästige Fliegen an einem toten Beutetier. Wie es wohl Corvo und Tom erging, fragte ich mich, als ich mich neben Mira in den Wagon gelegt hatte und nachdenklich zum Horizont blickte. Es würde nicht mehr lange dauern, bis die Sonne hinter den ersten Gebäuden der Stadt verschwand.
Mein Blick schweifte von der Ladekante des Wagons aus über das übrige Rudel. Der junge Cooper hatte sich gerade ins hohe Gras gelegt und kaute nun genüsslich an einem Stück Holz, während Lady Rose und ihre Begleiterin am Rande der Drehscheibe im Abendlicht saßen und in die Ferne blickten. Lady Rose schien noch immer sehr niedergeschlagen zu sein, aber wer konnte es ihr verübeln, schließlich war ihr Sohn verschwunden und niemand wusste, wohin er gegangen war. Veysel wiederum untersuchte etwas abgelegener einen alten Wagon.
Vermutlich hatte er mal wieder eine Ratte gewittert.
Mira schmiegte sich an mich und drückte ihre Schnauze sanft an meine Schulter. Ich spürte ihren warmen Atem, wie er sich durch meinen dichten Pelz schlich. Mein Blick verweilte noch für einen Moment auf der schlafenden Hündin.
Für einen Augenblick wirkte alles um mich herum so ruhig und friedlich. Hier war der einzige Ort auf diesem von Fengo verlassenen Fleckchen Erde, wo man zur Ruhe kommen und sich entspannen konnte - Zumindest ging es mir so.
Die hellgraue Wölfin, die die alte Lady Rose hierher begleitet hatte, erhob sich und trat vorsichtig an die Drehscheibe heran. Sie schien nicht ganz sicher zu sein, ob sie das Wasser darin wirklich trinken sollte, doch als Lady Rose ihren Blick zustimmend erwiderte, nahm sie zögerlich einen ersten Schluck.
Ihrem Blick nach war es gar nicht so schlecht, wie sie erwartet hatte. Sie trank gierig weiter, ehe sie zurück zu der alten Wölfin ging und sich zufrieden an ihre Schulter lehnte.
Ich hatte mich schon oft gefragt, welchen Zweck diese Scheibe wohl erfüllt hatte. Scheinbar wurden früher die Züge mittels der Drehscheibe auf bestimmte Gleise verteilt, denn alle Gleise führten zu besagter Scheibe, aber nur eine der Gleise war mit der Scheibe verbunden. Alle anderen endeten an der kreisrunden Plattform.
Die Plattform bestand, neben dem Gleis, aus Metallgittern, die die restliche Plattform ausfüllten. Zu unserem Glück fehlten schon einige der Gitter, so dass wir mühelos an das darunterliegende Wasser kamen.
All' der Regen in den letzten Jahren hatte die Kammer unter der Scheibe geflutet, sodass diese inzwischen bis zur Oberkante vollgelaufen war. Das Wasser dort war sauber, anders als das Wasser aus den umliegenden Seen und Flüssen, geschweige denn das Wasser aus der Stadt, von dem man auf Dauer krank wurde und sich unter üblen Krämpfen wandte.
Nein, wir hatten dank der Drehscheibe immer frisches, sauberes Trinkwasser.
Die Wagons drumherum boten uns Schutz vor regelmäßigen Unwettern und übermäßiger Hitze im Sommer. Zudem war hier der einzige Ort auf diesem Grundstück, wo saftiges grünes Gras wuchs.
Gerade im Licht der Abendsonne schien es beinahe friedlich, wie auf einem anderen Planeten.
Es dauerte nicht mehr lange, bis auch das letzte Licht des Tages hinter den hohen Gebäuden der Stadt verschwand.
Lady Rose und die Wölfin, deren Namen ich immer noch nicht kannte, hatten sich bereits zum Schlafen in einem der Wagons zurückgezogen.
Nur Cooper lag noch draußen im hohen Gras. Die Augen waren zu, den Stock hielt er noch immer im Maul. Die Müdigkeit hatte ihn wohl schneller überrascht, als es ihm lieb war. Ein amüsiertes Grinsen konnte ich mir bei diesem Anblick nicht verkneifen.
Mit der heranrollenden Dunkelheit kam auch eisige Kälte einher. Die Luft wurde feucht, kleine Wasser Tröpfchen bildeten sich an den Grashalmen, auch mein Fell fühlte sich allmählich kühl und feucht an.
Ich kuschelte mich enger an Mira, die schon längst im Land der Träume verschwunden war. Ihre Schnauze hatte sie noch immer in mein langes Fell an der Schulter gedrückt und schnarchte dabei leise vor sich hin.
Um sie nicht zu wecken, legte ich meinen Kopf langsam auf meine Pfoten und blickte noch einmal zum Horizont, ehe auch ich endlich einschlief.
Wasteland
Inzwischen waren schon einige Tage, vielleicht auch schon Monate, vergangen, seitdem sich Corvo und Tom auf die Suche nach dem verschollenen Bruder gemacht hatten.
Mit jedem vergangenen Tag wuchs meine Unruhe. Nicht nur, dass Corvo nicht zurückkehrte, auch, dass immer noch kein Laut von der Stadt zu uns herangetragen wurde.
Sie schien wie ausgestorben. Zudem fielen immer mehr Vögel leblos vom Himmel.
Etwas ging hier vor sich, etwas, das in mir eine zuvor unbekannte Unruhe auslöste. Ich konnte nicht mehr länger tatenlos herumsitzen und darauf hoffen, dass sich etwas ändern würde, dass mir jemand erklären würde, was hier vor sich ging. Die Grenze der Geduld war erreicht - Ich musste handeln.
Zudem hatte sich meine Anspannung schon auf mein sonstiges Verhalten ausgewirkt, ich war durch diese andauernde psychische Belastung nicht mehr derselbe.
Mein Geduldsfaden war sehr kurz geworden und auch Mira hatte gerade in den letzten Tagen öfter meine schlechte Laune zu spüren bekommen, was mir im Nachhinein auch leidtat.
Sie wusste aber auch nie, wann es genug war und man vielleicht einfach mal lieber die Schnauze halten sollte.
Dieses andauernde Gejammer von wegen Familie gründen, Welpen kriegen - Ich konnte es nicht mehr hören! Gerade jetzt, wo ich ganz andere Sorgen hatte und ich scheinbar der Einzige war, der sich hier Gedanken machte.
Welpen hatten in dieser Welt keinen Platz, vor allem nicht in meinem Rudel. Wie viel Verantwortung sollte ich mir denn noch auf die Schultern binden?
Wie lange würde es noch dauern, bis ich daran zu Grunde ging?
Der Ballast war jetzt schon deutlich zu groß. Ich war kein geborener Anführer und sowieso war ich für diese Position absolut ungeeignet. Geboren auf der Straße, einsam und allein aufgewachsen in den Gassen der Stadt, ohne Rudel, ohne Familie und jetzt sollte ich ein verantwortungsbewusster Anführer sein. Die Vergangenheit hatte wohl oft genug gezeigt, dass ich es nicht bin.
Nervös lief ich die Wagonreihe rauf und runter - was sollte ich nur tun? Gedanken schwirrten in meinem Kopf, Stimmen der Vergangenheit versuchten mir meine Gedanken auszureden, es machte mich wahnsinnig. Mein Blick fiel auf meinen Vorderlauf, den ich mir vor Nervosität schon fast kahl genagt hatte.
Ich spürte, wie die Aggression brodelnd in mir Aufstieg, stürzte mich ungehalten auf ein Stück Holz, welches vor mir am Boden lag, vergrub meine Zähne darin und schleuderte es mit einem hasserfüllten Knurren gegen einen der Wagons.
"VERDAMMT!", brüllte ich, als mir das Holz mit voller Wucht wieder auf die Pfoten schlug.
Besorgte und erschrockene Blicke des Rudels fixierten mich umgehend.
"Alles gut!", ergänzte ich schnell und drehte mich wieder um.
Plötzlich vernahm ich Schritte hinter mir, die durch das Knirschen der Schottersteine verstärkt wurden. Ich blieb mit angelegten Ohren und gesträubtem Fell stehen.
"Killian", drang eine zierliche sorgenvolle Stimme an mein Ohr.
"Jetzt nicht Mira!", knurrte ich sie widerwillig an. Im gleichen Atemzug drehte ich mich zu ihr um und funkelte finster zu ihr herüber.
Sie beachtete meine aufbrausende Art nicht weiter und stieß ihren kleinen Kopf sanft an meine Schulter, ehe sie noch einen Schritt nach vorne trat. Sie schleckte mir liebevoll über die Schnauze und sah mich mit ihren großen braunen Augen flehend an: "Liebling, bitte versuche dich etwas zu beruhigen. Du machst dich noch krank mit diesem andauernden Stress."
Ihr Blick fiel auf meinen Vorderlauf, an dem fast schon die blanke Haut sichtbar war. Ich holte tief Luft, sie hatte ja irgendwo recht. Nur leider gab es für diesen Zustand keinen Ausschalter, den man mal eben umlegen konnte.
Dennoch gab ich schließlich nach und schleckte ihr ebenfalls über ihre weiße Schnauze - Ihren Blicken wich ich allerdings weiterhin aus. Ich war schließlich alt genug, um selbst zu wissen, dass das alles nicht gesund war.
"Du hast ja recht", gab ich letztendlich zu, "aber ich kann mich doch nicht hinsetzen und so tun, als wäre alles in Ordnung, als würde Corvo sicherlich bald zurückkehren, als hätten wir genug zu fressen und als wären wir hier alle in Sicherheit."
Ich setzte mich mit einem ausgedehnten Schnaufen auf den steinigen Boden, den Blick noch immer nach unten gerichtet: "Ich halte das alles nicht mehr lange aus. Ich muss gehen, nach Corvo suchen und herausfinden, was in der Stadt passiert ist."
Ich musste es nicht sehen, um zu wissen, dass Mira mir strafende Blicke von der Seite zu warf.
"Du spinnst wohl!", meckerte sie mich patzig von der Seite an.
"Wenn du jetzt auch noch gehst, sind wir auf uns allein gestellt. Veysel wird dich mit Sicherheit nicht alleine gehen lassen - Dann soll ich mit Cooper und den beiden Saint Alva Wölfin alleine klarkommen?!", knurrte die kleine Hündin wütend.
Schuldbewusst legte ich die Ohren an. "Nein, selbstverständlich nicht. Ich werde mir etwas einfallen lassen.", versuchte ich, die Situation etwas zu entschärfen.
Allerdings hatte ich mich scheinbar im Tonfall vergriffen, sodass ich nur ein eingeschnapptes Schnaufen neben mir hörte.
Wortlos stand die Border Collie Hündin auf und ging zurück zu den anderen, die am anderen Ende der Wagonreihe sorglos in der Sonne lagen.
Mit gemischten Gefühlen fokussierte ich die Stadt und dachte darüber nach, wie mein Plan funktionieren könnte, ohne das restliche Rudel im Stich zu lassen.
Mira hatte recht, Veysel würde sicherlich darauf bestehen, mich zu begleiten, auch wenn es eventuell ein Selbstmordkommando sein würde. Somit war er für meine Vertretung ausgeschieden.
Da kam mir mein Bruder Silas in den Sinn. Er lebte im Rudel des Husky Rüden Darss, gleich hinter der Hügellandschaft, die die Grenze zwischen dem sogenannten "Wasteland" und dem Rest der Welt darstellte, den Hinterlanden. Es war nicht mal ein Tagesmarsch dorthin und auch nicht so gefährlich wie der Weg zurück in die Wildlande zum Saint Alva Rudel.
Zwar hielt ich noch nie viel von dem Anführer des Rudels, der für den Tod meines Vorgängers verantwortlich war, aber solange mein Bruder ihm vertraute, tat ich das auch.
Ich glaube, gerade ich sollte der Letzte sein, der andere für den Mord an Wölfen und Hunden verurteilte. Gerade in dieser neuen Welt war kein Platz für solche Verurteilungen.
Schließlich hatte Darss damals meine Mutter und meinen Bruder vor dem sicheren Tod gerettet. Er würde mir sicherlich helfen und Mira, Cooper und die beiden Wölfinnen, während meiner Abwesenheit bei sich aufnehmen.
Entschlossen lief ich die Wagonreihe entlang zu den anderen. Mira würdigte mich keines Blickes, während ich allen von meinem Vorhaben erzählte.
Bevor ich fertig war, stand sie auf und verschwand in Richtung der Wagons. "Du bist so ein kaltherziger Bastard geworden!", beleidigte sie mich noch, ehe sie über den knirschenden Schotter zu den Wagons stapfte.
Meine Gesichtszüge entgleisten, als mich ihre Worte trafen. Entsetzt sah ihr kurz nach, ehe ich mich wieder dem Rest zuwandte, der mit meinem Vorhaben einverstanden war, auch Veysel erklärte sich, wie erwartet, sofort bereit mich in die Stadt zu begleiten.
Nachdem alles geklärt war, suchte ich das Gespräch mit meiner Gefährtin, die frustriert in einem der Wagons lag und mich aus finsteren Augen anfunkelte.
“Was sollte das, Mira?!?”, bellte ich ihr zornig entgegen und konnte nicht begreifen, wieso sie mich vor dem Rudel dermaßen bloßstellte.
"Wer bist du nur geworden?!", fragte sie, ohne eine Antwort hören zu wollen. Betroffen legte ich die Ohren an und verengte den Blick. Ich wollte gerade etwas sagen, als sie mir das Wort abschnitt: "Früher warst du ein liebenswerter Rüde. Du hast mir zugehört, warst stark und zuversichtlich… und jetzt?! Jetzt versteckst du dich hinter einer Fassade aus Egoismus, glaubst es geht dir besser, wenn du niemanden an dich heranlässt, aber da irrst du dich, Killian!" Ihre braunen Augen blickten trotz ihrer harten Worte kummervoll.
Wenngleich sie mich beschimpfte und anschrie, wusste ich, dass sie es nicht so meinte. Dennoch richtete ich mich auf und sah sie herausfordernd an, so hatte sie trotz allem nicht mit mir zu sprechen, vor allem nicht vor dem Rudel!
"Was ist dein Problem?! Ich versuche nur, es euch allen recht zu machen! Zuzusehen, dass es EUCH gut geht!", bellte ich erbost.
"Du hast dich verändert, Killian! Früher hättest du niemals unschuldige Hunde getötet! Doch nach dem Untergang ist irgendwas in dir durchgebrannt. Du bist aggressiv und hast dich nicht mehr im Griff! Lange habe ich dir zugesehen, wie du dich selbst kaputt machst, wie du damals in der Stadt einfach JEDEN, der uns zu nahekam, kaltblütig ermordet hast, aber jetzt ist das Fass am Überlaufen! Es reicht! Mach was du für richtig hältst, geh in die Stadt, leg dich mit den Outlaws an und still deinen Durst - ABER, von mir brauchst du nichts mehr erwarten!”, schnaufte sie wütend, als sie mir den Rücken zu kehrte.
“FEIN! Habe ich eine Sorge weniger!”, keifte ich ihr noch hinterher, ehe ich wütend davonzog und mich anschließend wieder um die wesentlichen Dinge kümmerte.
Inzwischen war es dunkel geworden. Ich stand inmitten einer Straße der Stadt, umzingelt von hohen Gebäuden.
Eisige Kälte biss mir mit scharfen Zähnen unter die Haut.
Ich war alleine, konnte keine Witterung wahrnehmen, weder von Beute noch von Hunden. Vom Himmel rieselten schwarze Ascheflocken, legten sich sanft und leise auf die Straßen nieder - Wie der Schnee im Winter.
Die Dunkelheit um mich herum machte mich blind, dennoch spürte ich, wie hungrige Augen aus dem Schatten auf mich lauerten.
Kalter Schauder lief mir den Rücken herunter und ließ mich erzittern. Die Angst schnürte mir die Kehle zu, sodass ich kaum noch Luft bekam. Geduckt schaute ich mich um - Nichts außer Dunkelheit.
Vorsichtig schlich ich die finstere Straße weiter entlang, kein Licht drang an meine Augen. Wracks von Bussen und Autos versperrten mir die Sicht nach Vorn'. Ich kam nur mühsam voran, musste immer wieder über die Wracks hinweg klettern oder mir einen anderen Weg drumherum suchen.
Plötzlich erfüllte ein metallenes Scheppern die Gassen, mir stockte der Atem. Im selben Moment sprang ich erschrocken herum und blickte direkt in die blutunterlaufenen Augen eines Hundes - Ein Outlaw.
Seine gefletschten Zähne strahlten in der Dunkelheit, der Geifer hing ihm an den Lefzen. Er war ausnahmslos von der Geiferseuche befallen.
Ich ging einen Schritt rückwärts, stieß dabei an das kalte Blech eines verrosteten Autos.
Mein Nackenfell stellte sich auf, mit gefletschten Zähnen stellte ich mich meinem Gegner entgegen.
Alle Muskeln meines Körpers waren angespannt, meine Pfoten drückte ich angriffsbereit gegen den Boden.
Wie aus dem Nichts tauchten noch mehr Outlaws auf.
Zehn, zwanzig, ich konnte es nicht genau erkennen, aber es waren eindeutig zu viele. Nach einem Ausweg suchend sah ich mich hektisch um - Ich saß in der Falle.
Von allen Seiten kamen magere, geifernde Hunde auf mich zu. Ihre leeren Blicke hefteten hungrig an mir. Panik überfiel mich, mein Atem ging schwer, mein Blut pochte in meinen Adern.
Bekämpfen konnte ich sie nicht. Ich hatte nur noch eine Chance zu Überleben - Flucht!
Ohne weitere Zeit zu verschwenden, drehte ich mich auf der Hinterhand um, sprang in einem Satz über das Dach des Wagens hinter mir.
Unsanft landete ich auf einem Berg aus Trümmern, ein stechender Schmerz schoss durch meinen rechten Vorderlauf.
Ich rannte die Straße entlang, schlitterte durch die engen Lücken zwischen den herumstehenden Wracks.
Von Panik getrieben, rannte ich so schnell mich meine Pfoten trugen. Der rechte Vorderlauf pochte und brannte, aber ich hatte keine Zeit darüber nachzudenken - Dicht gefolgt eine Herde Outlaws.
Ihr ersticktes Bellen erfüllte die nächtliche Stille. Die Hetzjagd hatte begonnen.
Plötzlich hatte ich das Ende der Straße erreicht und stand nun vor einer hohen Gebäudewand. Mit schlitternden Pfoten kam ich zum Stehen, hastig schweifte mein Blick zu allen Seiten. Ich war gefangen, hohe Mauern versperrten mir allseits den Weg.
Doch da, dort im Schatten auf der anderen Seite, war eine schmale Gasse zu erkennen. Ich sprintete wieder los, bog in die Gasse ein und rannte weiter. Ich war wieder im Rennen. Meine Gegner noch immer hinter mir.
Zu allem Übel verließ mich allmählich meine Kraft, ich begann zu humpeln und wurde langsamer.
Die Outlaws waren so entschlossen wie nie zuvor - sie holten auf.
Mein Herz hämmerte wie wild gegen meine Brust, ohrenbetäubendes Pochen durchfuhr meinen Körper.