Lügen sind Rudeltiere - Carla Eisfeldt - E-Book

Lügen sind Rudeltiere E-Book

Carla Eisfeldt

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Beschreibung

Um über einen persönlichen Schicksalsschlag hinwegzukommen, besucht die PR-Beraterin Romy Sternek regelmäßig heimlich fremde Beerdigungen auf dem Frankfurter Hauptfriedhof. In der Gemeinschaft der Trauernden findet sie Trost. Während der Beisetzung des Mordopfers Lukas Delbrück wird sie Zeugin eines tätlichen Angriffs. Da der ermittelnde Kommissar ihre Beobachtungen ignoriert, beginnt sie selbst Nachforschungen anzustellen. Dabei verstrickt sich Romy immer tiefer in ein Netz aus Intrigen und gefährlichen Lügen, bis sie selbst in tödlicher Gefahr schwebt.

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Seitenzahl: 547

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Carla Eisfeldt

Lügen sind Rudeltiere

Frau Sternek und das trügerische Totenamt

Zum Buch

Tödliche Lügen Die Trauerfeier des unter ungeklärten Umständen ermordeten Lukas Delbrück auf dem Frankfurter Hauptfriedhof verläuft alles andere als friedlich: Romy Sternek wird Zeugin eines Angriffs auf Siegfried Barg, der kurz darauf bewusstlos zusammenbricht. Als der im Mordfall Lukas Delbrück ermittelnde Kommissar Felix Radolin Romys Beobachtungen ignoriert, nimmt sie die Sache selbst in die Hand. Dabei muss sie feststellen, dass Siegfried Barg keinesfalls ein enger Freund der Familie Delbrück war, wie er ihr gegenüber behauptet hat. Auch einige der anderen Trauergäste hatten gute Gründe, sich an Barg zu rächen. Während Romy sich immer tiefer in den Kriminalfall verstrickt, wird ihr zunehmend klar: In diesem Spiel hat niemand ein reines Gewissen – erst recht nicht sie selbst. Der wahre Grund ihrer Anwesenheit bei der Beisetzung ist ein Geheimnis, das sie um jeden Preis schützen muss. Denn manchmal ist die Wahrheit tödlicher als jede Lüge …

Die Liebe zu Geschichten wurde Carla Eisfeldt von ihrer Omi in die Wiege gelegt: Aufgewachsen mit den Märchen der Brüder Grimm, entdeckte die Autorin bereits früh ihre kreative Ader, die sie schließlich zur Grafikerin machte. Schreiben? Lange nur beruflich. Erst der Corona-Lockdown brachte den Impuls, ihren ersten Kurzgeschichtenband zu veröffentlichen – ein zweiter ließ nicht lange auf sich warten. Heute lebt Carla Eisfeldt mit Mann, zwei Söhnen und einer Katze in Frankfurt, unweit des Hauptfriedhofs. Dort spaziert sie gerne und hält besondere Momente mit der Kamera fest. Einer dieser Streifzüge lieferte die Idee für ihren ersten Krimi. Ihr Motto? Geschichten warten überall darauf, entdeckt zu werden – manchmal sogar zwischen Grabsteinen.

Impressum

Die automatisierte Analyse des Werkes, um daraus Informationen insbesondere über Muster, Trends und Korrelationen gemäß § 44b UrhG (»Text und Data Mining«) zu gewinnen, ist untersagt.

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Alle Rechte vorbehalten

Satz/E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung der Fotos von: © Stefan Oemisch

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:2022AltesPortal.jpg und Marcel Kessler / Pixabay

ISBN 978-3-7349-3402-5

Vorbemerkung

Die Schauplätze dieses Krimis existieren zwar real in Frankfurt, alles andere ist aber reine Fiktion. Sollten Sie dennoch das Gefühl haben, jemandem verdächtig ähnlich zu sehen oder gar selbst in die Geschichte verwickelt zu sein, beruhigen Sie sich: Das wäre wirklich nur ein Zufall!

Widmung

Für meine Großeltern – zwei echte Frankfurter Originale mit Herz, Humor und einem untrüglichen Gespür für das Wahre und Wichtige.

Prolog

Lügen sind Rudeltiere. Begegnet man einer, lauert die nächste nicht weit entfernt – niemals sind sie allein auf Beutezug. Es ist die Macht der Gewohnheit, die uns alle subtilen Warnzeichen ausblenden lässt. Während wir noch glauben, was wir sehen wollen, haben sie sich längst in Stellung gebracht. Bereit, um zuzuschlagen, wenn wir nicht damit rechnen. Die Wahrheit hat in diesem Spiel kaum eine Chance.

Und das ist gut so, denn unter uns gesagt – wer von uns ist noch nie der Versuchung einer klitzekleinen Unwahrheit erlegen? Ist es denn wirklich so verwerflich, dem eigenen Leben einen Hauch von Extravaganz zu verleihen, wenn es um Geld, Karriere oder Sex geht? Selbst nach dem Tod hält man an Illusionen fest, weshalb man Nachrufe nur mit Vorsicht und in kleinsten Dosen genießen sollte. Meistens entsprechen sie nicht mal der Wahrheit – das rufe ich mir in Erinnerung, als ich in der Trauerhalle meinen Weg nach vorn suche. Eigentlich bevorzuge ich einen Platz in der hintersten Reihe, aber da sind bereits alle Stühle besetzt. Ich weiß, ich hätte andere Schuhe anziehen sollen, doch meine schwarzen Pumps sind die einzigen, die man mit halbwegs gutem Gewissen zu einer Trauerfeier ausführen kann. Die Absätze sind laut wie die Hölle, jeder Schritt knallt auf den Steinboden, als hätte ich den Teufel höchstpersönlich im Schlepptau. Alle Blicke sind mir gewiss, eine Welle aus Neugier und Sensationslust, untermalt von den leisen Klängen der Orgel – sollen sie ruhig starren.

In der zweiten Reihe links ist ein einzelner Platz für mich frei. Mit einem höflichen Lächeln animiere ich ein älteres Paar aufzurücken und zwänge mich neben sie. Beide mustern mich von Kopf bis Fuß; sie im überdimensionierten Fakefur-Kragen, er im Lodenmantel mit unverhohlenem Interesse. Ich gönne ihm ein Augenzwinkern, was ihm von seiner Gattin einen Rippenstoß einbringt. Schnell wendet er den Blick ab, ich muss mir ein Grinsen verkneifen.

Die Orgel dröhnt »Befiehl Du Deine Wege«, der Fakefur-Kragen singt inbrünstig mit. Kein einziges Mal muss sie auf den Text schauen, liegt aber konsequent eine halbe Note zu hoch. Das wiederum bringt mich völlig aus dem Takt, ich klappe das Liedblatt zu und stelle es so vor mir auf, dass ich dein Porträtfoto auf der Vorderseite betrachten kann. Ja, du schaust wirklich gut aus. Der blonde Undercut steht dir, genau wie der leichte Bartansatz und dieses unverschämte Grübchen im linken Mundwinkel … Ein sensationelles Bild, hinreißend lächelst du in die Kamera. Nicht so eine gewollte Studioaufnahme, nein, das hier, das wurde irgendwo draußen geschossen. Und wer auch immer dich durch den Sucher betrachtet hat, war wirklich in dich verliebt, nicht wahr?

Die Farbe deiner Augen ist nicht zu erkennen, dafür jedoch das Glitzern in deinen Augenwinkeln. Ich nehme an, du amüsierst dich gerade königlich über all das hier. Über diese aufgesetzte Veranstaltung, all die ernsten Gesichter, und erst recht über diese unmögliche Urne, die sie für dich ausgesucht haben. Schneeweiß und geschwungen, wie ein Champagnerkühler mit Deckel, den man mitten in einen Kranz aus – wie heißen diese krautigen Blumen noch mal? – gesteckt hat. Ich habe es nicht so mit der Botanik, Margit wüsste ihren Namen bestimmt. Außerdem wüsste sie, warum es diese seltsamen Blumen sein müssen, Blumen, die man immer nur auf einer Beerdigung sieht. Werden sie extra dafür gezüchtet? Mir kommt eine Beerdigungsgärtnerei in den Sinn, aber nein, das führt hier zu weit. Mit dir und deinem Leben hat dieses ganze Spektakel jedenfalls nicht das Geringste zu tun, und das ist ebenso absurd wie traurig. Alles, was dich ausgemacht hat, all deine Wünsche und Träume auf einen gedeckelten Sektkühler reduziert zu sehen, ist ein Gedanke, der mich bedrückt. Dennoch bin ich heute gekommen, harre aus zwischen Orgelklang und Dämmerlicht, hülle mich in distanzierte Trauer und gebe vor, genau so zu sein wie alle anderen in diesem Raum. Nur dafür bin ich hier – um dazuzugehören.

Gemessenen Schritts tritt eine Trauerrednerin an das Pult, die Kreppsohlen ihrer Schuhe sind ebenso zurückhaltend wie ihre Stimme. Ich kenne bereits einige, doch die habe ich noch nie gesehen.

»Wir sind heute hier zusammengekommen, um uns von Lukas Delbrück zu verabschieden.« Sie nennt deinen Namen, als würde sie ein Objekt beschreiben. Geboren am 23. März 1992, gestorben am 17. Oktober 2025 – gerade mal dreiunddreißig Jahre alt bist du geworden. Die Trauergemeinde lauscht, in der ersten Reihe schluchzt eine Frau. Deine Mutter? Ein Arm legt sich um sie, Taschentücher rascheln in einer Plastikverpackung – ein jüngerer Mann, der sich zu ihr beugt. Deine Familie, die sich von dir verabschiedet? Mir wird es ganz eng in der Kehle, und ich muss blinzeln.

»Wir teilen die Trauer, aber auch die Liebe zu Lukas, der uns zu früh genommen wurde.«

Bist wirklich du es, über den sie da spricht? Warst du dieser geliebte Bruder, Enkel und Sohn? Ein guter Freund? Ein geschätzter Kollege? Je länger sie redet, desto weniger kann ich sie ernst nehmen, all die Ausführungen über diese ach so schönen Erinnerungen. Sie führt Augenblicke des Glücks an, die du mit deiner Familie geteilt hast. Ich lächele in mich hinein. Man muss dein Gesicht nur ansehen, um zu wissen, dass du nichts hast anbrennen lassen. Ein Playboy, bei dem nicht nur die Mädchen mitspielen durften.

Verstohlen schaue ich mich um, doch außer mir scheint niemand die Ironie ihrer Worte bemerkt zu haben. Von diesem Lapsus mal abgesehen, macht sie ihre Sache nicht schlecht, da habe ich schon ganz andere Ansprachen gehört. Natürlich verzichtet sie nicht auf die ewigen Floskeln, was soll sie auch anderes sagen? Für diese sanften Lügen, die sich so zart über die Wahrheit legen, hat deine Familie sie schließlich bezahlt. Über Tote spricht man nicht schlecht. Exakt dafür steht sie neben der Urne, um dein Leben aufzupolieren, hier noch ein bisschen aufhübschen und dort nicht allzu tief ins Detail gehen. Nichts anderes wollen sie hören, selbst wenn man tief im Inneren weiß, dass all das Gerede auf Lügen und Trügen basiert. Hier und heute will man gnädig über Offensichtliches hinwegschauen, die Augen vor der Wahrheit verschließen, will an das Gute und Wahrhaftige glauben. Meine Chance, unerkannt unter ihnen zu bleiben. Darf ich etwas verraten? Beileibe bin ich nicht, was ich vorgebe zu sein, obschon es wohl niemandem auffällt. Niemand ahnt auch nur eine Sekunde, dass sich eine Fremde zu Ehren des Toten in diese Feier geschlichen hat. Dass ich dich gar nicht kenne, dich nie in meinem Leben getroffen habe. Und wenn du mich nicht verrätst, wird es unser Geheimnis bleiben.

Kapitel 1 – Margit

Frankfurt-Eckenheim Freitag, 7. November, früher Nachmittag

Wie lange die Apfelchips wohl noch brauchen? Margit studiert das Rezept ein weiteres Mal. Je nach Sorte sind vier bis acht Stunden angegeben und ihre dörren bereits seit halb zehn im Ofen. Zufrieden betrachtet sie die goldgelben Apfelringe. Eigentlich ist es ganz simpel: Beträufelt man die Apfelscheiben mit Zitronensaft, werden sie beim Trocknen nicht so unansehnlich braun wie die von Roswitha. Die haben zwar nicht schlecht geschmeckt, aber gar nicht appetitlich ausgesehen – und das trotz des neuen Dörrapparats, den sich ihre Freundin hat andrehen lassen. Angeblich ein absolutes Schnäppchen, Margit rümpft die Nase. Nein, mit so einem Kasten würde sie sich auf keinen Fall die Küche verschandeln, zumal es sich ja genauso gut im Backofen dörren lässt. Nicht nur Roswitha würde Augen machen, nein, auch diese Leila. Oder Lea? Lena? Die neueste Eroberung ihres Enkels hat Margit nur ein einziges Mal zu Gesicht bekommen, das Treffen allerdings in keiner guten Erinnerung behalten. Der sei nicht vegan, hat das strichdünne Mädchen mit dem Nasenring ihren selbst gebackenen Pflaumenkuchen abgelehnt. Dabei ist das doch Niklas’ Lieblingskuchen – wie sollte so eine Verbindung auf Dauer bloß gut gehen?

Margit öffnet die Ofentür und pickt sich einen der Apfelringe heraus. Köstlich! Am Rand knusprig, in der Mitte weich, und dann diese perfekte Kombination von süß und säuerlich … Es klingelt. Nanu, wer mag das sein? Bis zum nächsten Fußpflegetermin ist noch über eine Stunde Zeit, und die Hannelore kommt eh immer zu spät. Margit betätigt die Gegensprechanlage. »Ja, bitte?«

»Paket für Sternek!«

Sie drückt den Summer der Haustür und äugt durch den Spion. Erst als sie im Hausflur einen jungen Mann in rot-gelber Jacke und einem Päckchen unter dem Arm auftauchen sieht, öffnet Margit ihre Wohnungstür. »Nadir! Na, immer noch im Einsatz?«

»Guten Tag, Frau Rotholz-Beck.« Nadir Çelik hält ihr einen Karton entgegen. »Ich habe eine Sendung für Romy Sternek. Ihre Nachbarin ist nicht zu Hause, würden Sie es für sie annehmen?«

Seltsam, Romy hat gar nicht erwähnt, dass sie weggehen würde? Margit hat sie auch nicht das Haus verlassen sehen, dabei bekommt sie aus ihrer Erdgeschosswohnung eigentlich alles mit, was sich im Treppenhaus tut. »Natürlich, Nadir. Ich weiß auch nicht, wo sie steckt, aber ich kümmere mich.« Also dieser Nadir ist aber auch ein gut aussehender Mann! Sein klassisches Profil, seine glänzenden schwarzen Haare und dazu diese dunklen Augen … Der wäre doch was für Romy, sie hat ihn ihrer Mieterin schon mehrfach ans Herz gelegt. Heutzutage spielt es doch keine Rolle mehr, wenn die Frau ein klein wenig älter ist. Im Gegenteil, die Ehe mit einer Frau, die sich von den Steuern bis hin zur Waschmaschine bestens auskennt, wäre für einen jungen Mann doch sehr bereichernd. Und mit ihren siebenunddreißig Jahren wäre Romy auch nicht zu alt, um Kinder zu bekommen. Was spricht also dagegen?

»Romy ist meist ab dem späten Nachmittag zu Hause.« Margit greift nach dem Karton. »Aber wenn du sie das nächste Mal persönlich antreffen möchtest, musst du nur ein wenig später kommen.« Bestimmt hat Nadir jede Menge Geschwister, Cousinen und vielleicht sogar noch Großeltern. So ein großer Familienclan, das würde Romy guttun, es ist Zeit, dass sie unter die Haube kommt. Und türkische Hochzeiten werden noch richtig groß gefeiert! Prächtige Feste sind das, nicht wie Carmens Sohn, der seine Zukünftige in der Mittagspause zum Standesamt im Römer geführt hat. Noch nicht einmal ein schickes Essen hat es im Anschluss gegeben; die arme Carmen hat ihnen allen ein wenig leidgetan.

»Ich stelle Sendungen gerne persönlich zu, allerdings sind die Routen im Vorfeld festgelegt.« Nadir lächelt verbindlich. »Da habe ich leider keinerlei Einfluss.«

»Aber Romy würde sich sehr freuen, dich zu sehen!« Margit kreuzt zwei Finger hinter ihrem Rücken. »Wirklich! Hat sie mir neulich erst gesagt. ›Margit‹, hat sie gesagt, ›der Nadir ist so ein zuverlässiger Paketbote, es ist immer so schön, wenn er zu uns kommt.‹« Ihre Nachbarin hat zwar nichts dergleichen erwähnt, aber um zwei Schicksalen auf die Sprünge zu helfen, darf man doch die Wahrheit ein wenig aufhübschen, oder? »Wann hast du denn eigentlich Feierabend, Nadir?«

»Ich muss leider direkt weiter. Einen schönen Tag noch!«

Margit seufzt. Wie schade, dass der junge Mann es immer so eilig hat! Vielleicht ein bisschen schüchtern, aber pflichtbewusst und so tüchtig. Nadir würde Romys Leben bereichern – wäre doch gelacht, wenn sich da nicht etwas arrangieren ließe. »Dir auch, Nadir, bis bald!« Sie gibt Acht, dass die Haustür ordentlich ins Schloss fällt, dann trägt sie das Päckchen in die Küche. Was zieht man eigentlich zu einer türkischen Hochzeit an? Immerhin wäre sie ja nicht nur die mütterliche Freundin der Braut, sondern dann fast so was wie eine Schwiegermutter für Nadir. Bestimmt würde sie bei den Brautleuten am Tisch sitzen, vielleicht gäbe es sogar Bauchtanz und sicher jede Menge Leckereien …

Um Himmels willen – die Äpfel! Sie reißt die Ofentür auf, eine Dampfwolke quellt ihr entgegen. Mist. Die Apfelringe sind inzwischen ziemlich dunkel, eher bräunlich, aber auf der Unterseite gehen sie noch einigermaßen. Wenn Roswitha und Carmen zum Probieren kämen, muss Margit darauf achten, sie von der richtigen Seite zu präsentieren. Und in der Zwischenzeit … sie betrachtet das Paket. Die jungen Frauen finden ja heutzutage alles Mögliche im Internet. Was hat Romy da bloß wieder bestellt? Schuhe vielleicht? Nein, nach einem Schuhkarton sieht das Päckchen nicht aus, dafür ist es zu flach. Margit drückt ihr Ohr an das Päckchen. Eine Bombe scheint es gottlob nicht zu sein. Obwohl – ticken die heute überhaupt noch, oder sind Bombenbauer inzwischen auch eher digital unterwegs?

Vorsichtig schüttelt sie den Karton; aber drinnen bleibt es still. Das Päckchen zu öffnen, würde Romy auffallen, doch ein kurzer Blick aufs Etikett kann nicht schaden. Margit greift nach ihrer Lesebrille. »Ooooh…!« Ooooh – was ist das für ein Absender? Mit drei Punkten und einem Ausrufezeichen? Ooooh Tannenbaum, ogottogott oder – kurz muss sie an die türkische Hochzeit denken – gar: oh, là, là? Bestimmt würde Romy unbedingt erfahren wollen, dass Nadir ihr gerade ein Päckchen gebracht hat. Ob sie sie anrufen sollte? Ja, das ist eine hervorragende Idee. Vielleicht weiß Romy selbst nicht, was dieser »Ooooh…!« ihr geschickt hat, und würde Margit bitten, den Karton für sie zu öffnen? Zwar hat Margit viel zu tun, aber für diesen kleinen Gefallen würde sie sich gern Zeit nehmen – Hilfsbereitschaft stärkt schließlich den Zusammenhalt einer jeden Hausgemeinschaft.

Sie startet die Facetime-App auf ihrem Handy. Während des Verbindungsaufbaus betrachtet sie ihr Kamerabild. Ein gepflegtes Äußeres ist wichtig, besonders wenn frau sich im besten Alter befindet. Vielleicht noch ein wenig Parfüm? Niklas behauptet zwar immer, in ihrer Wohnung rieche es, als ob sie eine geheime Lavendelfarm betreiben würde, aber ein zusätzlicher Spritzer schadet bestimmt nicht. Schnell richtet sie ihr Haar und streicht die Bluse glatt – sie will schließlich nicht aussehen, als wäre sie gerade aus dem Bett gestiegen – da wird auch schon der Bildschirm lebendig. »Margit?«

»Romy? Ah, hallo, Romy!« Erst kürzlich hat Niklas ihr gezeigt, wie man diese praktischen Video-Anrufe tätigt. Dass man sein Gegenüber nicht nur hören, sondern auch sehen kann, bietet geradezu unglaubliche Möglichkeiten, Margit ist begeistert. »Du bist bestimmt beschäftigt. Ich auch. In einer Dreiviertelstunde kommt die Hannelore zur Fußpflege, ihrem Mann geht es übrigens schon viel besser. Die Salbe, die ich ihr empfohlen habe, hat Wunder gewirkt, der Ausschlag ist so gut wie …«

»Margit, was gibt’s?«

»Ach so, ja! Ich habe gerade Äpfel gedörrt. Im Backofen! Stell dir vor, das geht genauso gut wie in diesem Dörrautomat, den Roswitha gekauft hat. Neunzig Euro hat sie bezahlt, und nun steht er neben dem Thermomix und dabei hat sie doch eh schon so wenig Platz in der Küche …«

»Margit!«

»Ist ja gut. Was ich sagen wollte: Rate mal, wer eben vor der Tür stand?«

Romy scheint zu überlegen. »Deine Zwillingsschwester. Die, von der du nichts wusstest?«

»Was?« Einen Moment ist Margit aus dem Takt gebracht. »Du sollst mich doch nicht auf den Arm nehmen«, beschwert sie sich.

»Sorry, ist mir gerade so herausgerutscht.« Romy grinst. »Also, wer hat eben bei dir geklingelt?«

»Nadir Çelik!«

»Aha. Und wer soll das sein?«

»Na, unser neuer Paketbote! Dieser junge, gut aussehende Türke, der mit den schönen Oberarmen!« Sehr gerne erinnert sich Margit an die zurückliegenden warmen Tage, an denen Nadir ein Poloshirt getragen hat.

»Ach, der.« Romy gähnt. »Ich weiß gar nicht, wie oft du mir das schon erzählt hast. Warum lädst du ihn denn nicht mal zum Apfelchips-Essen ein, wenn er dir so gut gefällt?«

»Was will der denn mit einer alten Schachtel wie mir?« Margit macht eine wegwerfende Handbewegung. »Aber für dich wäre der was, Romy! Ich, wenn ich jung wäre, ich würde auf alle Fälle …«

»MARGIT!«

»Warum schreist du denn so? Ich bin doch nicht schwerhörig!« Margit hält das Handy ein Stück weiter weg. »Also, weswegen ich anrufe: Nadir hat für dich ein Päckchen gebracht. Steht hier bei mir – wenn du nachher kommst, kannst du es gleich mitnehmen. Und«, sie macht eine Pause, »Nadir hat gesagt, dass er sich sehr freuen würde, wenn er es dir nächstes Mal persönlich geben könnte. Persönlich! Weißt du, was das bedeutet?«

»Das bedeutet, dass der arme Mann am Ende seines anstrengenden Arbeitstages bestimmt froh ist, alle seine Sendungen losgeworden zu sein.« Seufzen auf der anderen Seite. »Hast du schon mal gehört, dass man per E-Mail benachrichtigt wird, wenn ein Päckchen zugestellt wird?«

»Und hast du schon mal gehört, dass dir das überhaupt nichts nutzt, wenn du mich nicht hast, die deine ganzen Päckchen entgegennimmt?« Margit lächelt zufrieden. »Ich melde mich ja auch nur, weil da bestimmt was Wichtiges drin ist! Auf dem Absender steht ›Ooooh…!‹ und das klingt ja erst einmal ein wenig … dringlich. Soll ich für dich nachschauen?«

»Auf gar keinen Fall!«

»Aber es macht mir wirklich nichts aus.«

»Aber mir. Untersteh dich!« Romys Tonfall lässt keinen Zweifel, dass sie in dieser Angelegenheit auf Margits Unterstützung keinen Wert zu legen scheint.

»Also wenn du dir da ganz sicher bist … Es war lediglich ein gut gemeintes Angebot.« Margit beißt sich auf die Lippen. Andererseits – vielleicht würde Romy es nachher direkt hier auspacken wollen? Dann müsste sie den Versandkarton nicht erst hoch in ihre Wohnung tragen, um ihn später in der Altpapiertonne zu entsorgen. »Dann klingel doch, wenn du nach Hause kommst. Weißt du schon, wann? Wo bist du denn überhaupt?« Margit betrachtet das Display eingehender. Hinter Romy ragen Bäume auf, im Hintergrund ist etwas Weißes zu erkennen. Etwas Weißes, das verdächtig nach einem Grabstein aussieht. Margit kneift die Augenbrauen zusammen. Romy hat doch hoffentlich nicht schon wieder heimlich ein Totenamt besucht? Eine fremde Beerdigung, auf der sie nichts zu suchen hat? »Romy? Du bist doch nicht etwa schon wieder auf einem Totenamt?«

»Es ist kein Totenamt! Das gibt es nur an Allerseelen, wenn in der Kirche für die Verstorbenen gebetet wird.«

»Sei nicht so spitzfindig, du weißt genau, was ich meine. Bei uns hieß das früher so, wenn jemand beerdigt wurde. Außerdem hast du mich ganz genau verstanden. Also?«

Romys Schweigen auf der anderen Seite ist Antwort genug. Wie sie da auf ihrer Unterlippe kaut, sieht sie wie ein ertapptes kleines Mädchen aus, das sich auf eine Party geschlichen hat, zu der es nicht eingeladen ist.

»Romy, das hatten wir doch schon alles. Du kannst nicht einfach so zu einem fremden Totenamt gehen! Es gehört sich nicht, das ist respektlos. Und …« Margit zögert. »Es hilft dir auch nicht weiter. Das macht es nicht ungeschehen.«

»Ich weiß!«

Margit hört ein Schniefen; Romy blinzelt.

»Ich weiß, dass das hier absoluter Schwachsinn ist, aber es fühlt sich nicht so an.«

»Kind«, beginnt Margit behutsam, »es gibt Dinge im Leben, die man nicht nachholen kann. So schlimm das nun mal auch ist. Und du wirst auch dadurch nicht erfahren, was mit deinem Vater passiert ist …« Die Träne, die über Romys Wange kullert, lässt Margit sich den Rest des Satzes verkneifen. Romy Vorhaltungen zu machen, bringt jetzt nichts, wahrscheinlich hört sie ihr noch nicht einmal richtig zu. Besser wäre es, in Ruhe mit ihr zu sprechen. Vielleicht später, wenn sie das Päckchen holt. Vielleicht auch morgen, wenn sie etwas zugänglicher für dieses Thema ist. Mit Romy über ihren verschwundenen Vater zu sprechen, erfordert Fingerspitzengefühl.

»Wer ist es denn diesmal?«, lenkt sie das Gespräch in eine andere Richtung.

»Ein Lukas.« Geräuschvolles Schnauben auf der anderen Seite. »Lukas Delbürg oder so ähnlich.«

»Delbrück? Doch nicht etwa Lukas Delbrück?«

»Kann sein. Wieso? Kennst du den etwa?«

»Sag bloß, du weißt nicht, wer das ist? Diese schreckliche Geschichte war tagelang in der Zeitung! Den Artikel habe ich dir doch geschickt!«

»Welche schreckliche Geschichte?«

»Na dieses entsetzliche Verbrechen in Preungesheim! Lukas Delbrück«, Margit senkt die Stimme, »wurde in seiner eigenen Wohnung erschlagen aufgefunden. Stell dir das mal vor! Die Polizei ermittelt, man hat immer noch keine Ahnung, wer es getan hat. Und weißt du, was das bedeutet? Irgendwo in unserer Nachbarschaft läuft ein Mörder frei herum.«

Kapitel 2 – Lukas

Frankfurt, Honsellbrücke Donnerstag, 21. August, früher Abend

»Kuckuck!«

Bitte, dachte Lukas, bitte lass es, doch da war es bereits zu spät.

»Gleich kommt das Vögelchen!«

Lukas verdrehte innerlich die Augen. Warum bloß musste David immer so peinliche Sachen sagen? Verdammt, es ging bloß um ein stinknormales Foto. Warum hielt er nicht die Klappe und drückte einfach nur auf diesen Scheiß-Auslöser? Ohne Vögelchen, Kuckuck oder weiß der Geier was.

»Lächeln!«

Brav hob er die Mundwinkel, obwohl er David am liebsten angebrüllt, geschüttelt oder eine imaginäre Landkarte in die Hand gedrückt hätte, mit der er den Weg ins wahre Leben eines Tages doch noch finden würde. Lächeln auf Knopfdruck konnte Lukas mühelos, selbst wenn seine Geduld nur noch an einem hauchdünnen Faden baumelte.

Klick! Klick!

David. Was zur Hölle hatte er sich eigentlich dabei gedacht, ausgerechnet mit David etwas anzufangen? Nicht allzu viel, denn wenn er sich recht erinnerte, war er zum Denken schon nicht mehr in der Lage gewesen, als er David im Tanzhaus West das erste Mal gesehen hatte. Diese laue Frühsommernacht, der Bass, der durch seinen Körper gedröhnt und seinen Herzschlag in die Rhythmen der Musik gezwungen hatte. Mit jedem Drink hatte sich die Welt ein wenig schneller gedreht, und dann, inmitten dieses Zentrums aus stampfenden Beats und wirbelnden Lichtern, hatte er David gesehen. Einfach so. Wie von selbst hatten sich ihre Lippen gefunden und Lukas ziemlich schnell dazu gebracht, alles um sich herum zu vergessen.

Die folgenden Wochen waren ein einziger Trip. Seine seidige Haut, dieser verträumte Ausdruck in seinen riesigen braunen Augen und seine geschickte Zunge machten Lukas einfach nur verrückt. Und sein Loverboy wollte doch auch nur spielen – oder etwa nicht? Der Rausch war viel zu schnell verflogen. Statt leicht und wild fühlte sich die Zeit mit David zunehmend schwer und klebrig an, auch wenn Lukas tat, als bemerke er nicht, wie dessen Blicke an ihm hingen oder seine Küsse eine Spur zu innig ausfielen.

Klick! Klick! Klick!

Dabei war es ja nicht so, dass er David nicht mehr mochte. David war durchaus unterhaltsam, kochte hervorragend und sein Faible für die Zwanzigerjahre fand Lukas zwar seltsam, aber nicht weiter störend. Aber von einer Beziehung war nie die Rede gewesen, dafür waren sie viel zu unterschiedlich. David konnte Stunden damit verbringen, die perfekte Kameraeinstellung zu finden, während Lukas lieber auf der Playstation zockte. Und während die Sterne am Nachthimmel für David voller Geheimnisse und Rätsel steckten, sah Lukas in den funkelnden Lichtern nicht mehr als den perfekten Hintergrund der nächsten Party. Zwei Sichtweisen, die kaum zueinanderfinden konnten, dazwischen eine Kluft, die von Tag zu Tag größer wurde. Das musste David doch merken, oder?

Klick!

Am schlimmsten war, dass er David noch nicht einmal einen Vorwurf machen konnte. David war ein Guter, und genau das machte Lukas so fertig. David, dem es nichts ausmachte, ihn frühmorgens aus dem Club abzuholen, selbst wenn er dafür extra aufstehen musste. David, der mit ihm Burger essen ging, auch wenn er lieber Thailändisch mochte. David, auf den man zählen konnte, wenn am Ende des Geldes noch zu viel Monat übrig war. Nein, das Problem war nicht, dass David nett war, das Problem lag darin, dass Lukas es nicht war.

Klick! Klick!

Er beobachtete David, der sich auf das Display seiner Kamera konzentrierte. Was er sah, schien ihm zu gefallen; er lächelte. »Unglaublich! Du bist echt fotogen!«

Lukas war Komplimente über sein gutes Aussehen gewohnt, doch aus Davids Mund klangen sie unangenehm – erst recht, wenn er ihn dabei derart anhimmelte. Sein Blick konnte Flügel verleihen, nur war David nicht der richtige Mann dafür. Im Gegenteil – für Lukas fühlte es sich an, als hinge David mit dem Gewicht eines Mühlsteins an ihm.

»Schau mal!« David hielt ihm den Fotoapparat hin. »Wenn du die Wipptaste nach links drückst, siehst du die anderen Aufnahmen.«

Als Lukas nach der Nikon griff, berührten sich kurz ihre Fingerspitzen. Beinahe hätte Lukas die Kamera fallen gelassen. Obwohl, warum eigentlich nicht? Vielleicht war das genau der Donnerschlag, der ihn aus dieser Zwangsjacke befreien würde? Aber so was konnte er nicht bringen. Lieber wie ein feiger Idiot dastehen und gehorsam durch die Aufnahmen blättern. Dieses dämliche Shooting im Osthafen war natürlich Davids Idee, und nur weil er so genervt hatte, hatte Lukas am Ende nachgegeben. Das Ergebnis ging ihm am Arsch vorbei, auch wenn die Bilder gar nicht so übel waren. Eigentlich waren sie sogar ganz gut. Ziemlich gut, um ehrlich zu sein. Selbst auf dem Display konnte man das erkennen. Wobei »gut« echt untertrieben war, sie waren der Hammer. David war ein talentierter Fotograf, wie er hier allerdings den Moment eingefangen hatte, das war echt unglaublich.

»Und?«

Widerwillig musste sich Lukas eingestehen, dass er beeindruckt war. In der milden Abendstimmung mit der Frankfurter Skyline im Hintergrund sah er aus wie ein junger Gott. War es das, was David so faszinierte? Hatte der immer noch nicht erkannt, dass sich hinter Lukas’ glanzvollem Auftritt nur ein leeres Nichts verbarg? Eine geschickte Inszenierung, eine hohle Mogelpackung? »Du bist nichts, du hast nichts, du kannst nichts«, hallte die Stimme seines Vaters in seinem Kopf. Wie lange würde es wohl dauern, bis der talentierte David das erkennen würde? Da war es wieder, dieses vertraute Gefühl der Minderwertigkeit. Im Grunde genommen hatte sein Alter recht – außer seinem hübschen Gesicht, dem durchtrainierten Körper und seinem guten Namen hatte er nichts vorzuweisen. Die Schule gerade so gepackt, diverse Studiengänge geschmissen, um letztendlich in der langweiligen Firma seines Alten zu landen. Mit seinem ach so tollen Bruder als Chef vor der Nase und einem Job, der ihm jeden Tag vor Augen führte, wie wenig er eigentlich auf dem Kasten hatte.

Ein Auto glitt vorbei, durch das heruntergelassene Fenster drangen die vertrauten Klänge eines Johnny-Cash-Klassikers.

»Ganz nett!«, rang sich Lukas ab. Schnell wandte er den Blick ab, um das Zucken in Davids Gesicht nicht sehen zu müssen. Nicht hinschauen, auf keinen Fall darüber nachdenken, dass er sich gerade wie ein Arschloch benahm. Nein, er wollte diese verdammten Gefühle nicht, nicht diese Enttäuschung in Davids Augen und auf gar keinen Fall die Verantwortung für dessen Herzschmerz.

»Wenn sie dir nicht gefallen, kann ich andere machen.« David, der mit Hundeaugen zu ihm aufsah. Darin zu viel des Guten – zu viel Liebe, zu viel Hingabe und dieses tiefe Vertrauen, das man einem wie ihm niemals schenken durfte. Hatte seine Mama ihn nicht vor Männern wie Lukas gewarnt? Im wahren Leben ritten die bösen Buben nämlich allein in den Sonnenuntergang und ließen die netten Kerle mit gebrochenem Herzen im Sand verbluten.

Lukas’ Hand umkrampfte die Kamera. Schwer fühlte sie sich an, genau wie der vertraute Stich der Frustration in seinem Herzen. Er zog den Arm zurück und spannte die Muskeln an. Tief holte er Luft und dann, in einer einzigen explosiven Geste, schleuderte er die Kamera so weit, wie er nur konnte. Im hohen Bogen flog die Nikon durch die Luft, gute dreißig Meter weit, prallte mit einem dumpfen Geräusch auf dem Boden auf und landete in einem Gebüsch. Mit empörtem Gekrächze stieg ein Schwarm Vögel auf.

Schlagartig ging es ihm besser. Wie genial wäre es, alle unbequemen Gefühle so leicht loszuwerden! Er sah zu David, der ihn fassungslos anstarrte, sein Gesichtsausdruck eine Mischung aus Schock und Verwirrung. Normale Menschen müssten ein schlechtes Gewissen haben, aber Lukas fühlte sich einfach nur erleichtert. Allein dieses Strahlen in Davids Augen nicht mehr ertragen zu müssen, dafür hatte sich der Wurf gelohnt. Lukas musste sich zusammenreißen, um nicht loszulachen. Er sah zu dem Schwarm Vögel, der in einer wogenden Wolke über das Wasser wirbelte, bevor sie abdrehten und in Richtung Offenbach davonflogen.

»Da«, sagte er zu David, »da hast du sie, deine Vögelchen!«

Kapitel 3 – Romy

Frankfurt, Hauptfriedhof Freitag, 7. November, früher Nachmittag

»Ermordet?«

Ein Mord – bei uns in Preungesheim? Bislang sind mir Mörder lediglich in Krimis begegnet, das hoffe ich doch zumindest. Mord und Totschlag sind nämlich nur faszinierend, solange sie im Sonntagabend-Tatort stattfinden. Und selbst wenn man von einem echten Mord hört, passieren die doch bitte entweder im nächsten Bundesland und oder Leuten, die man nicht kennt. Keinesfalls brauche ich so etwas im benachbarten Stadtteil. Allein die Vorstellung, mir könnte ein Mörder begegnen, wenn ich samstags auf der Homburger Landstraße einkaufen gehe, jagt mir einen Schauer über den Rücken.

»Aber das habe ich dir doch geschickt!«, unterbricht Margit meine Gedanken. »Das stand doch groß in der Zeitung!« Margit ist Abonnentin der Rhein-Main-Zeitung. Alle wichtigen Artikel fotografiert sie und schickt sie per WhatsApp. Und weil Margit ihre Zeitung sehr gründlich liest, entdeckt sie eine Menge Artikel, die für mich interessant sein könnten. So viele, dass wir nun einen eigenen »Rhein-Main-Zeitung«-Chat haben.

»Wann war das denn?« Ich bin mit dem Lesen zugegebenermaßen ein wenig im Rückstand und habe darum heimlich den Chat ein ganz klein wenig auf archiviert gestellt. Nicht viel, aber zumindest so, dass ich nicht andauernd hineinschauen muss.

»Das ist noch gar nicht so lange her, vielleicht vier Wochen?« Margit überlegt. »Das war an dem Tag, an dem das Herbstfest im Altenheim war. Ich hatte doch die Blasenentzündung und konnte nicht hin, hatte aber einen Nusskuchen gebacken, den die Carmen bei mir abgeholt hat. Weißt du noch? Das Rezept gebe ich dir auch mal, der ist wirklich fantastisch! Ich backe ja für mich selbst nicht mehr, du weißt ja, wie das ist – immer zu viel Kuchen im Haus und dann wird man nur noch dicker …«

Ich räuspere mich.

»Passiert ist es oben in der Jaspertstraße. Wo früher die Post war, noch ein Stück weiter, auf der linken Seite, da hat der junge Delbrück in einem dieser Mietshäuser gewohnt.«

In meinem Hinterkopf regt sich etwas. Wahrscheinlich habe ich es bei unserem lokalen Radiosender gehört, der einem jeden Morgen in den Nachrichten zuverlässig eine Leiche serviert – etwas, worüber ich mich echt aufregen könnte.

»Es gibt sogar eine Zeugin! Der Lukas hat in der obersten Etage gewohnt, und die Nachbarin in der Wohnung direkt darunter hat zum vermutlichen Tatzeitpunkt einen Mann auf der Treppe gesehen. Richtig gerannt sei der. Die Polizei sucht diesen Mann. Der muss ja aus Lukas’ Wohnung gekommen sein, weiter oben wohnt ja keiner.«

»Woher weißt du das denn alles?«

»Wenn du es nicht weitersagst …«, Margit senkt die Stimme, »die Roswitha macht der Frau Delbrück die Füße und …«

Wer Frau Delbrück sei, will ich wissen. Wenn man Margit nicht ausbremst, nimmt sie nicht nur jeden verbalen Umweg, sondern verliert sich in sämtlichen Zwischenstopps der unnötigen Details.

»Lukas’ Mutter. Was das für ein Schock war, als die Polizei vor der Tür stand! Die arme Frau war völlig fertig!«

Weshalb überrascht es mich nicht, dass Margit mal wieder alles weiß? Als Fußpflegerin reichen ihre persönlichen Kontakte mindestens bis zur Hälfte des Rhein-Main-Gebiets, den Rest decken ihre Kolleginnen Roswitha und Carmen ab. Die drei sind Frankfurts lebende Suchmaschinen und kennen nicht nur mehr Geheimnisse als Google, sogar solche, von denen man nicht wusste, dass man sie hat.

»Ist die Polizei auch da?«, erkundigt sich Margit. »Angeblich kehrt doch der Mörder immer an den Ort seines Verbrechens zurück!«

Können Mörder wirklich nicht anders oder legt man das nur den Fernsehkommissaren in den Mund, weil es sich so wunderbar unheilvoll anhört? Bestimmt ist es genauso ein Klischee, wie all die Ermittler, die ständig in spektakuläre Schießereien oder Verfolgungsjagden verwickelt sind. Außerdem wurde Lukas doch in seiner Wohnung ermordet, warum sollte dann der Mörder seine Beerdigung besuchen? Margit will meinen Einwand nicht gelten lassen. Laut Statistik kämen die meisten Täter aus dem privaten Umfeld, und darum müsse er sich beim Totenamt blicken lassen, um keinen Verdacht auf sich zu ziehen, mutmaßt sie. »Ist dir jemand Verdächtiges aufgefallen?«

»Bis auf diesen Kerl, der ein Namensschild mit ›Mörder‹ an seinem Revers und die Anzahl seiner Opfer auf den Gürtel gestickt hatte, eigentlich nicht.«

»Du willst mich schon wieder auf den Arm nehmen?«

»Auf gar keinen Fall!« Leider kann ich mir das Lachen nicht verkneifen, werde aber schnell wieder ernst. »Was soll ich denn auf so eine Frage antworten? Alle sind inzwischen zum Grab gegangen, außer mir sind hier nur noch zwei Nachzügler. Und ein Gärtner!«

»Ich habe mal einen Krimi gelesen, da war der Gärtner der Mörder.«

Während Margit von ihrer Lektüre berichtet, wandert mein Blick zu den beiden anderen Trauergästen. Ein ausladender Marmorengel versperrt mir zwar die Sicht, aber wie sie gestikulieren, ist auffällig.

»Wie spannend,« murmele ich abgelenkt. Einer der beiden schreit etwas, der Ärger in seiner Stimme ist nicht zu überhören. Wird da gerade ein alter Familienzwist ausgetragen oder geht es etwa ums Erbe? Beerdigungen sind schließlich auch nichts weiter als Familientreffen unter negativen Vorzeichen. Minus mal Minus ergibt Plus – wen wundert es, dass es bisweilen kracht, sobald die erste Trauerwelle verebbt ist?

Plötzlich ein Aufschrei, ein dumpfes Geräusch und dann – Stille. Das gefällt mir nicht.

»Kann ich zurückrufen?«, würge ich Margit ab und gehe ein, zwei zögernde Schritte in Richtung Marmorengel. Ausgerechnet heute ist einer dieser verhangenen Tage, an denen sich kaum etwas erkennen lässt.

»Hallo?« Keine Antwort. »Alles in Ordnung?« Wieder nichts. Soll ich nachschauen oder fange ich jetzt auch schon an, meine Nase in fremde Angelegenheiten zu stecken? Meine Zweifel folgen mir wie ein Schatten. Einer der Männer beugt sich über etwas, den anderen sehe ich nicht. »Hallo?«, versuche ich es nochmals und bleibe stehen. Einen Augenblick schaut er in meine Richtung, doch viel zu schnell, als dass ich sein Gesicht erkennen kann. »Brauchen Sie Hilfe?«

Mit einem Mal kommt Bewegung in ihn, blitzschnell spurtet er los. Was soll das denn? Warum rennt er davon, und wo zum Teufel steckt der andere Kerl? So schnell es geht, haste ich hinterher, bemüht, nicht umzuknicken. Gerne würde ich rennen, aber diese vermaledeiten Pumps haben andere Pläne. »Hey!«, keuche ich. »Stehen bleiben!« Wobei – ist es wirklich eine gute Idee, einem flüchtenden Mann hinterherzurufen, er solle stehen bleiben, oder lasse ich mich gerade von Margits Krimi-Gequatsche hinreißen? Was, wenn er tatsächlich stehen bleibt? Oder zurückkommt?

Meine Befürchtungen bleiben unbegründet, der Kerl legt sogar noch einen Zahn zu. Ehe man es sich versieht, ist er auf einem der Seitenwege verschwunden. Ich verlangsame mein Tempo. Meine Füße schmerzen höllisch, ich bin völlig aus der Puste. Den hole ich nicht mehr ein. Aber wo ist der andere? Mit zusammengebissenen Zähnen humpele ich weiter – und bleibe abrupt stehen. Direkt hinter dem Marmorengel liegt etwas, das da garantiert nicht hingehört. Ein dunkler Herrenschuh. Sämtliche Sinne sind in Alarmbereitschaft, als ich mich einen Schritt weiter wage. Ein schwarzer Strumpf, ein Hosenbein mit Bügelfalte, ein zweiter Schuh … Mit einem Mal ist mein Mund ganz trocken. Direkt vor mir liegt jemand am Boden. Ein Mann, und er rührt sich nicht.

Kapitel 4 – Romy

Frankfurt, Hauptfriedhof Freitag, 7. November, früher Nachmittag

Ich fasse es nicht! Gerade wird ein Mordopfer zu Grabe getragen und hier liegt bereits der nächste Mann reglos zwischen zwei Grabeinfassungen. Die Schmerzen in den Zehenspitzen ignorierend stürze ich auf den älteren Herrn zu. Ist er etwa …? Mit zitternden Fingern berühre ich seine Schulter. »Hallo?«

Er schlägt die Augen auf, mir wird fast schwindelig vor Erleichterung. »Können Sie mich hören?«, schreie ich.

Er stöhnt leicht, während er sich aufsetzt. »Mein Kopf!«

Oh Gott, was macht man in solchen Situationen? Stabile Seitenlage? Einen Notruf absetzen? Das Friedhofstaxi bestellen? »Kann ich irgendetwas für Sie tun?«

Er lässt sich von mir auf die Beine helfen. Aufrecht sieht er um einiges jünger aus, als ich zuerst angenommen habe, ich schätze ihn auf höchstens Anfang sechzig.

»Bin ich etwa im Himmel?« Er schmunzelt, während er sich die Fichtennadeln von seinem Mantel klopft. »Da schließt man kurz die Augen und begegnet glatt einem Engel! Sie sind doch ein Engel, oder?«

»Ich kann auch ein Engel sein, manchmal zumindest.« Mir fällt ein Stein vom Herzen. Wer zu solchen Scherzen aufgelegt ist, kann nicht ernsthaft verletzt sein. »Nur vor den Ausnahmen sollte man sich in Acht nehmen!«

Er lacht und sein Gesicht verzieht sich schmerzhaft. »Au!«

»Soll ich einen Arzt rufen? Oder jemandem Bescheid geben?«

Nun schüttelt er den Kopf. »Nur einen kleinen Moment«, meint er, »Das geht gleich wieder!«

»Sind Sie sicher?« Ich erwische mich dabei, ihn anzustarren. Definitiv ist er einer dieser Männer, die mit dem Alter an Charme gewinnen. Nicht, dass ich auf ältere Herren stehe, aber wenn es denn schon einer sein müsste, wäre er genau mein Typ. Er hat diese entspannte Selbstsicherheit, die jemand ausstrahlt, der genau weiß, wer er ist und was er will. Sein Trenchcoat ist ein Burberry-Modell, die dunkle Anzughose sieht nach einem teuren Herrenausstatter aus und bei seinen Schuhen handelt es sich garantiert um Maßanfertigungen. Definitiv weiß dieser Mann die schönen Dinge des Lebens nicht nur zu schätzen, sondern kann sie sich auch leisten.

»Was ist denn eigentlich passiert?«, will ich wissen. »Was wollte der Mann von Ihnen?«

Er betrachtet ein Grabgesteck aus rosa Heidekraut. »Etwas, das er nicht bekommen wird«, murmelt er geistesabwesend.

»Wie bitte?« Perplex starre ich ihn an. Was soll das denn heißen? Hat es ihn doch schlimmer erwischt, als ich dachte?

Unsere Blicke treffen sich und mir scheint, als wäre er mit den Gedanken gerade ganz woanders gewesen. »Entschuldigen Sie – ich habe mich noch gar nicht vorgestellt.« Er reicht mir seine Hand. »Barg, Siegfried Barg. Und bei wem habe ich das Vergnügen, mich bedanken zu dürfen?«

Sein Griff ist überraschend angenehm. »Romy Sternek«, stelle ich mich vor.

»Romy.« Er lächelt. »Ein Name, der zu Ihnen passt.« Eine Feststellung, keine Frage. »Ich kannte mal eine Romy, aber das ist schon eine Weile her. Eine bemerkenswerte Frau – schön, schlau und charmant. Sie konnte jeden überzeugen, womit immer sie wollte.«

Sein Ton ist beiläufig und doch liegt eine subtile Spannung in der Luft.

»Können Sie das auch, Romy?«

Schnell lasse ich seine Hand los. »Kommt ganz darauf an, um was es geht«, antworte ich ausweichend.

»Dann muss man wohl aufpassen, was man Ihnen glaubt?«

Oh mein Gott! Weiß er etwa, dass ich mich auf diese Trauerfeier geschlichen habe? »Es hat noch niemandem geschadet, bei Fremden ein bisschen vorsichtig zu sein.«

Er lacht. »Romy Sternek, Sie gefallen mir.« In seinen Augen blitzt es verdächtig, dann wird er schlagartig ernst. »Waren Sie schon am Grab?«

Ich schüttele den Kopf. Normalerweise verschwinde ich direkt nach der Trauerfeier, doch das kann ich ihm ja schlecht erklären. Dieses Defilee am Grab vor den engsten Angehörigen, das bringe ich einfach nicht. Verstohlen schaue ich mich nach weiteren Trauergästen um. Sich aus einer Gruppe unauffällig zurückzuziehen, ist einfacher, als ihn hier allein stehen zu lassen; doch außer einer einzelnen Frau ist niemand in der Nähe.

»Lukas wird bei seinen Großeltern beerdigt. Kommen Sie, ich kenne den Weg.«

Wie selbstverständlich greift er nach meinem Arm und wohl oder übel bleibt mir nichts anderes übrig, als ihn zu begleiten. »Woher kennen Sie eigentlich Lukas, Romy?«, erkundigt er sich. »Ich darf Sie doch Romy nennen?«

Für gute Lügen empfiehlt es sich, so nah wie möglich an der zu Wahrheit bleiben. Da ich allerdings weder diesen Lukas noch die Wahrheit kenne, bleibt nur eines übrig: langweilig lügen! Am besten so langweilig, dass er erst gar nicht auf die Idee kommt, die Spur weiter verfolgen zu wollen. »Wir waren mal Nachbarn«, biete ich meine Standardantwort an. Nachbarn hat jeder, das kann von flüchtiger Bekanntschaft bis zur erbitterten Fehde alles bedeuten. Die allermeisten lassen sich damit gerne abspeisen, nicht so aber Siegfried Barg.

»In der Burgstraße?«

Ist das ein Test? »Nein, in der Jaspertstraße. Ich bin allerdings inzwischen umgezogen. Und Sie? Woher kennen Sie Lukas?« Besser schnell das Thema wechseln, bevor er noch auf die Idee kommt, sich nach Hausnummern oder anderen Mietern zu erkundigen.

»Ich kenne Lukas fast ein Leben lang.«

»Also sind Sie verwandt?«

»Ich würde mich eher als Freund der Familie bezeichnen.« Er beginnt eine Anekdote aus Lukas’ Kindheit zu erzählen, irgendetwas mit einer Ostersuche im Palmengarten, doch bevor er zur Pointe kommt, haben wir die Urnenwand erreicht, in der Lukas beigesetzt werden soll. Oben rechts ist ein Fach geöffnet, darin dieser unsägliche Sektkühler von vorhin. Schweigend betrachten wir das traurige Arrangement, dann lässt Siegfried meinen Arm los.

»Lukas war für mich …«, sein Gesicht ist nachdenklich, »… ein wichtiger Mensch. Trotz unseres Altersunterschieds. Der Austausch mit ihm hat mir immer viel bedeutet. Geben Sie mir einen Augenblick alleine?«

»Selbstverständlich!« Rasch wende ich mich ab. Nun, da ich Lukas’ Geschichte kenne, fühle ich mich erst recht fehl am Platz. Was treibe ich hier eigentlich? Schon längst hätte ich mich verabschieden sollen, doch irgendwie will mir heute der Absprung nicht gelingen. Ich umrunde die Urnenwand, fast pralle ich dabei mit der Frau zusammen, die mir vorhin schon aufgefallen ist. Ich murmele eine Entschuldigung, doch sie starrt mich bloß missbilligend an. In Bio war ich noch nie besonders gut, aber eine Ziege erkenne ich, sobald sie vor mir steht – dann halt nicht. Langsam schlendere ich weiter, lese die Inschriften auf den Abdeckplatten, betrachte die vereinzelten Porträtmedaillons. So viele Namen, so viele Schicksale, mir wird das Herz schwer. Was würde ich darum geben, auch so einen Ort für meine Trauer zu haben …

»Romy?« Es ist Siegfried Barg, schnell blinzele ich die aufsteigenden Tränen weg. »Ich bin so weit, wir können gehen! Sind Sie mit dem Auto da?«

»Nein, mit den öffentlichen Verkehrsmitteln.« Das stimmt zwar nicht, zu Fuß ist es nur eine Viertelstunde nach Hause, aber das will ich ihm nicht auf die Nase binden.

Er legt den Kopf schief. »Dann können Sie mir bestimmt einen Gefallen tun!«

Oh Gott, was will er? Wenn Leute einem so kommen, muss man mit dem Schlimmsten rechnen. Trotzdem haut es mich fast aus meinen Pumps, als er mir sein Anliegen schildert. »Mein Auto steht an der Eckenheimer Landstraße. In Anbetracht meines Sturzes ist es sicher vernünftig, nicht aktiv am Straßenverkehr teilzunehmen. Wäre es vermessen, Sie zu bitten, mich mit meinem Auto zum Kondolenzempfang zu fahren? Für Sie wäre die Fahrt schneller, als mit den öffentlichen Verkehrsmitteln, und ich hätte das Vergnügen, Ihre Gesellschaft noch ein wenig länger genießen zu dürfen.«

Entgeistert starre ich ihn an. Habe ich das eben richtig gehört? Ich soll ihn jetzt auch noch zum Kondolenzempfang kutschieren? Auf gar keinen Fall! Abgesehen davon, dass das selbst mir eine Nummer zu heiß ist, würde es spätestens dort auffallen, dass ich weder den Verstorbenen noch seine Familie kenne. Und ich kann Siegfried Barg auch schlecht erklären, dass ich nicht mit hineinkommen werde, wenn wir dort erst einmal vor der Tür stehen.

»Normalerweise liebend gern, aber ausgerechnet heute habe ich leider nicht viel Zeit.«

»Hatten Sie etwa nicht vor, den Kondolenzempfang zu besuchen?« Er zieht die Augenbrauen hoch. »Das können Sie den Delbrücks doch nicht antun!«

Genau weil ich das dieser Familie nicht antun möchte, werde ich ihn nicht auch noch dorthin chauffieren. »Natürlich hatte ich das vor, nur muss ich im Anschluss noch unbedingt …«, Himmel, ich brauche ganz schnell einen triftigen Grund! »Ich muss noch etwas abholen.«

»Was denn? Vielleicht kann ich Ihnen dabei behilflich sein?«

Komm schon, Romy, lass dir was einfallen! Hektisch schaue ich mich um. Grabsteine, teilweise herbstlich geschmückt, rote Kerzen, eine Krähe, die mit ihrem Schnabel auf die Holzverlattung eines Abfallbehälters einhackt. »Einen Lattenrost!«, rutscht es mir heraus.

»Einen Lattenrost?« Er schaut mich erstaunt an. »Wo wollen Sie den denn abholen?«

Denk dir was aus, Romy, schnell! Etwas möglichst weit weg und dennoch ohne Auto erreichbar … »Neu-Isenburg! Ich muss nach Neu-Isenburg!«, improvisiere ich. »Ich habe ihn vorhin spontan bei den Kleinanzeigen gekauft, er muss aber heute noch abgeholt werden.« Zu spät bemerke ich den Fehler in meiner Geschichte. Kein Mensch fährt in Trauerkleidung und Pumps mit den Öffis nach Neu-Isenburg, um einen Lattenrost abzuholen.

»Das trifft sich wunderbar!« Sofern es ihm ebenfalls aufgefallen ist, lässt er sich zumindest nichts anmerken. »Der Empfang ist auf dem Lerchesberg. Entweder fahre ich Sie im Anschluss oder – sollte es länger dauern – spendiere Ihnen ein Taxi. Sie würden mir wirklich einen großen Gefallen tun.«

Ausgerechnet der Lerchesberg! Eine schlechtere Ausrede als Neu-Isenburg hätte ich wohl kaum finden können. Ich will gerade widersprechen, da …

»Siegfried?« Es ist die Ziege. Im flatternden olivgrünen Popelinemantel rauscht sie auf ihn zu, wobei sie mich keines Blickes würdigt. »Siegfried, warte, ich muss mit dir sprechen!«

»Das ist gerade kein passender Moment«, wehrt er ab. »Hat das nicht Zeit bis später?«

»Nein, hat es nicht.« Sie reckt ihr Kinn. »Du weißt, welcher Tag heute ist?«

»Heute ist der Tag, an dem wir Lukas Delbrück die letzte Ehre erweisen.« Sieh an, der charmante Siegfried Barg kann also auch anders. »Alles andere kann warten.«

Die Ziege erstarrt. Etwas zuckt in ihrem Mundwinkel, als ob sie auf einer Antwort kaut, die sie dann doch lieber hinunterschluckt. Verstohlen mustere ich sie. Mit Wadenrock, solider Handtasche und halbhohen Schuhen bemüht sie sich vergeblich um Eleganz, das Schlimmste ist jedoch diese Haarschleife. So was trägt man bestenfalls zur Kommunion, nicht aber, wenn man in den Wechseljahren ist.

»Claudia, jetzt sei doch vernünftig!« Siegfried hebt beschwichtigend die Hand. »Wir reden später, ja? Du siehst doch, dass das nicht der richtige Zeitpunkt ist.«

»Ach ja?« Ihre Augen schießen in meine Richtung, ihr Blick verrät eindeutig, für was sie mich hält. Mir kribbelt bereits eine passende Antwort auf der Zunge, als ich Siegfried Bargs Hand auf meinem Arm spüre. »Wollen wir?«, fragt er, und in diesem Moment treffe ich einen Entschluss. Keinesfalls lasse ich mich von dieser Ziege wie ein Flittchen behandeln, selbstverständlich werde ich Siegfried zu diesem Kondolenzempfang fahren. Er ist schließlich nicht mehr der Jüngste, und vielleicht sollte man ihn nach dem Sturz wirklich nicht ans Steuer lassen, rede ich mir meine Trotzreaktion schön. Am Ende baut er womöglich noch einen Unfall? Das würde ich mir im Leben nicht verzeihen. Wäre es nicht geradezu verantwortungsbewusst, ihn am Lerchesberg abzusetzen? Irgendetwas wird mir schon einfallen, damit ich ihn nicht hineinbegleiten muss. Zum Beispiel so zu tun, als ob ich telefonieren müsse, zumindest so lange, bis er in der Gaststätte verschwunden ist. Und dann schnell das Weite suchen. Mit den Öffis vom Lerchesberg nach Eckenheim ist man zwar eine gute Stunde unterwegs, doch das wäre meine erste gute Tat an diesem Tag. Eine Tat, die mir bestimmt genügend Karmapunkte einbringen würde, um meine fragwürdige Teilnahme an dieser Beerdigung auszugleichen.

»Einverstanden«, höre ich mich sagen, schon fast selbst davon überzeugt, etwas Gutes zu tun.

Heute weiß ich, dass ich seine Bitte besser abgelehnt hätte. Denn wäre ich nicht so erpicht auf meine gute Tat gewesen, hätte sich Siegfried Bargs Schicksal in eine ganz andere Richtung entwickelt.

Kapitel 5 – Romy

Frankfurt, Lerchesberg Freitag, 7. November, nachmittags

»Wer war eigentlich die Dame vorhin?« Wir warten gerade auf Höhe des Lokalbahnhofs an einer Ampel.

»Sie meinen Claudia Huck? Sie ist meine Assistentin.« Siegfried Barg weiß genau, wer gemeint ist. »Wir arbeiten schon ewig zusammen. Auf Claudia kann ich mich hundertprozentig verlassen, sie ist loyal, engagiert und bewahrt auch in stressigen Situationen immer einen kühlen Kopf. Manchmal ist sie etwas übereifrig und will alles sofort erledigt wissen, doch an einem Tag wie diesem muss die Arbeit auch mal hinten anstehen.«

Sein Vorzimmerdrache also. Während ich auf die Darmstädter Landstraße biege, überlege ich, wie Siegfried Barg als Vorgesetzter ist. Die Ziege hat sich vorhin einen ganz schönen Auftritt geleistet, das muss man sich erst mal trauen.

»Claudia ist manchmal nicht ganz einfach«, räumt er ein, als ob er meine Gedanken gehört hat. »Aber wenn man sie besser kennt, merkt man schnell, dass sie eine treue Seele ist.« Wie viele Jahre es wohl dauert, bis sie einem ihre treue Seele zeigt? Ich traue mich nicht zu fragen; Margit hätte da ja keine Skrupel. Garantiert wüsste sie bereits, ob er an Weihnachten Würstchen mit Kartoffelsalat bevorzugt und wann er das letzte Mal bei der Darmspiegelung war. Ob er verheiratet ist? Einen Ehering trägt er jedenfalls nicht.

Das Navi sagt, dass wir da sind, und ich halte Ausschau nach einem Parkplatz. Erwartungsgemäß ist alles mit SUVs zugeparkt, mangels Alternativen muss ich Siegfrieds Jaguar nicht ganz legal vor einer Baustellenausfahrt abstellen. Auch hier werden die großzügig geschnittenen Grundstücke mit Mehrfamilienhäusern nachverdichtet.

»Waren Sie schon mal bei Lukas’ Eltern?«

Lukas’ Eltern? Wie selbstverständlich bin ich davon ausgegangen, Siegfried vor einer Gaststätte abzusetzen. Zu meinem Entsetzen steuert er jedoch auf eine imposante Villa zu, deren Eingang von zwei mannshohen Kübeln mit perfekt arrangierter Herbstbepflanzung bewacht wird. Die Tür steht offen, aus dem Inneren dringt Stimmengemurmel. Eigentlich sollte ich jetzt schnellstens verschwinden. Mir irgendeine Ausrede einfallen lassen und mich davonschleichen. Sich einfach so unter die Trauernden zu mischen, erscheint mir mit einem Mal mehr als respektlos. Andererseits ziehen mich all diese Menschen da drinnen an wie die Motte das Licht. Solange man sich erinnert, lebt ein Mensch weiter – zumindest im Herzen. Wer wird sich an Papa erinnern, wenn ich eines Tages nicht mehr da bin?

Siegfrieds Hand auf meinem Rücken nimmt mir schließlich die Entscheidung ab. Wie von selbst tragen mich meine Füße die beiden Stufen hinauf. Ich folge ihm in einen Empfangsbereich so groß wie meine komplette Wohnung. Links geht es in einen Garderobenraum, ganz Gentleman hilft er mir aus dem Mantel.

»Wie kommt es eigentlich, dass Sie einen Herrenmantel tragen, Romy?« Er reicht mir einen Bügel.

Mist. Ich hatte gehofft, dass er nicht bemerkt, dass ich exakt den gleichen schwarzen Burberry-Trenchcoat trage wie er. Eines der wenigen Stücke, die ich noch von Papa habe, aber dieses Thema möchte ich jetzt lieber nicht anschneiden.

»Warum denn nicht? Der Mantel schien im Laden genauso begeistert von mir zu sein wie ich von ihm.«

Er lacht auf, doch dann verändert sich sein Blick. Seine Hand wandert zu seiner Innentasche und für den Bruchteil einer Sekunde wirkt er leicht angestrengt.

»Alles in Ordnung?«

»Sicher. Ich hab nur … etwas vergessen.« Er zieht eine verschwörerische Miene, als er seinen Trenchcoat auf den Bügel direkt neben meinen hängt. »Meinen Sie, man kann die beiden zusammen alleine lassen?«

»Die beiden haben bestimmt genügend Stoff für eine gute Unterhaltung.«

Er grinst und wir betreten das Wohnzimmer, das die Dimensionen eines Speisesaals hat. In einer Immobilienanzeige habe ich mal was von »repräsentativen Räumlichkeiten« gelesen, jetzt weiß ich endlich, was man sich darunter vorzustellen hat. Mir klopft das Herz bis zum Hals. Überall stehen Leute in kleinen Grüppchen zusammen, das bedrückende Schweigen von vorhin ist lebhaftem Geplauder gewichen. Werden sich gleich alle zu mir umdrehen und mit dem Finger auf mich zeigen?

»Darf ich Ihnen einen Kaffee anbieten?«

Vor uns steht eine Servicekraft mit einem beladenen Tablett. Dankbar greife ich zu, doch Siegfried winkt ab.

»Ein kühles Helles würde besser zu meiner Stimmung passen. Sie haben doch sicher ein schönes Bier für mich?« Er schenkt der jungen Frau ein derart charmantes Lächeln, dass ihr die Röte ins Gesicht steigt.

»Entschuldigung, da muss ich erst nachfragen«, murmelt sie.

»Lassen Sie es gut sein, ich gehe selbst. Romy, ich darf Sie doch einen Augenblick alleine lassen?«

Bloß nicht! Hier allein herumzustehen, ist wirklich das Allerletzte, was ich mir vorstellen möchte, trotzdem höre ich mich »Selbstverständlich!« antworten. Tapfer lächele ich den leichten Anflug von Panik weg, als er kurz darauf in der Menge verschwindet. Garantiert kennt er hier Gott und die Welt, es wird also dauern, bis ich ihn wieder zu Gesicht bekomme. Ich greife meine Kaffeetasse fester und starte einen Rundgang, bei dem ich mich um einen möglichst unauffälligen Eindruck bemühe. Das Interieur erinnert an eine Hotellobby aus den Zweitausendern – eindeutig teuer, aber auch eindeutig an meinem Geschmack vorbei. Eine Weile gebe ich vor, mich für die langweiligen Landschaftsaquarelle zu interessieren, bis mir klar wird, dass mir hier sowieso niemand Beachtung schenkt. Alle unterhalten sich bestens, nur ich kenne keine Menschenseele. Siegfried, wo stecken Sie nur?

Direkt vor mir plaudert lebhaft eine Gruppe, vielleicht sollte ich mich einfach dazustellen? »Schlimm!«, höre ich eine Grauhaarige mit voluminöser Lockenfrisur klagen, »und das in so jungen Jahren!« Sie schaut direkt in meine Richtung, ich beeile mich zu nicken. Mit dreiunddreißig Jahren sterben zu müssen, ist wirklich tragisch. »Und wie oft habe ich ihm gesagt, dass er auf sich aufpassen soll.« Sie macht ein bekümmertes Gesicht. »Dabei kann man gar nicht vorsichtig genug sein, oder?«

»Unsinn, Christa! So was konnte doch kein Mensch ahnen.« Der Dicke neben ihr schnaubt verächtlich.

»Aber ich wusste, dass es so kommen wird, wenn er so weitermacht.«

»Du wieder mit deinen albernen Ahnungen!« Er verdreht die Augen. »Merkst du eigentlich nicht, wie lächerlich du dich machst?«

Betretenes Schweigen. Wieder einmal frage ich mich, was in manchen Menschen vorgeht, ihre Partner in der Öffentlichkeit so respektlos zu behandeln. Mir tut die arme Christa leid. »Sich um jemanden Sorgen zu machen, ist alles andere als lächerlich. Wir Frauen haben halt oft die bessere Intuition«, springe ich ihr bei. »Auch ich habe ihn gebeten, vorsichtig zu sein!«

»Ach, wirklich?«

»Ja, habe ich. Man muss einfach auf sich aufpassen. Genau das habe ich ihm auch immer gesagt!« Ruckartig wenden sich mir alle Köpfe zu. War das gerade ein bisschen zu dick zu aufgetragen? »Also, wir haben natürlich auch über andere Dinge gesprochen«, rudere ich zurück.

»Und worüber haben Sie so gesprochen?«

Himmel, worüber reden Männer gerne? »Über ETFs, diese unverschämten Auflagen neuerdings für Dienstwagen und … über die Bundesliga.«

»Über die Bundesliga? Sie?«

Diese Kerle, die einem so ungeniert in den Ausschnitt starren, habe ich ja gefressen. Ich schenke ihm ein zuckersüßes Lächeln. »Ab und an haben wir uns zum Fußballgucken getroffen. Ein paar Mal waren wir sogar zusammen im Waldstadion!«

»Mit unserem Schwiegersohn?« Seine Christa guckt irritiert. »Weiß unsere Tochter, dass Sie mit Henry zum Fußball gehen?«

Henry? Welcher Henry? »Ich, ähm, bin mir nicht ganz sicher«, murmele ich.

»Und woher wissen Sie überhaupt über Henrys Hämorrhoiden so gut Bescheid?«

Hämorrhoiden? In was habe ich mich denn da schon wieder hineinmanövriert? Sie mustert mich kühl.

»Ich kann mir nicht vorstellen, dass das unserer Tochter gefällt!«

Herrje, gibt es denn unter Frauen keine Solidarität mehr? Am liebsten würde ich im Boden versinken, stattdessen beuge ich mein feuerrotes Gesicht über meine Kaffeetasse. »Nanu, schon wieder leer!«, behaupte ich. »Möchte noch jemand einen Kaffee?« Ohne eine Antwort abzuwarten, eile ich einer der Servicekräfte hinterher. Nichts wie weg!

Mit einer frisch gefüllten Tasse suche ich am entgegengesetzten Ende des Raums Zuflucht hinter einem Paravent. Eingequetscht zwischen einem Servierwagen und einem Benjamini verbrenne ich mir prompt die Zunge. Warum zum Kuckuck kann ich meinen Mund nicht halten? Und was treibe ich hier überhaupt? Ich wusste doch, dass das hier keine gute Idee ist. Und wo um Himmels willen steckt dieser Siegfried Barg? Von wegen – zittrig auf den Beinen! Forschen Schritts ist er in der Menge verschwunden, garantiert hat er bloß eine Begleitung gesucht, um seiner Vorzimmerziege mit der treuen Seele zu entrinnen. Vielleicht ist er sogar schon nach Hause gefahren? Seit über einer Stunde drücke ich mich schon hier allein herum, es reicht mir. Gerade will ich mein Versteck verlassen, da …

»Ich hasse ihn! Dass der sich überhaupt hierher traut!«

Zwei Männer sind auf der anderen Seite des Paravents aufgetaucht.

»Es reicht!«, wettert der eine weiter. »Ich hatte ihn gewarnt, aber er hat einfach weitergemacht, als ob nichts wäre. Und dann dieses selbstgefällige Grinsen, dass er sich nicht schämt!«

Die Antwort des anderen ist so leise, dass ich sie nicht verstehe. Außerdem will sich der erste nicht besänftigen lassen.

»Dieses Arschloch besitzt nicht den geringsten Funken Anstand. Der glaubt wohl, er kann sich mit seinem Geld alles kaufen«, regt er sich auf. »Aber diesmal ist er eindeutig zu weit gegangen, das wird Konsequenzen haben. Der wird schon sehen, wo ihn das hinführt!«

Ich presse mich dichter an die Wand. Du lieber Himmel, in was für eine Gesellschaft bin ich hier geraten? Die einen diskutieren ganz offen die Hämorrhoiden ihres Schwiegersohns, die anderen schmieden Rachepläne. Vergeblich schaue ich mich nach einem Fluchtweg um, doch an den beiden werde ich nicht vorbeikommen, ohne entdeckt zu werden. Der eine zetert immer noch wie ein Rohrspatz, während der andere versucht, ihn zu beruhigen. Mir bleibt also nichts anderes übrig, als abzuwarten, bis sie sich eine andere Ecke gesucht haben. Sicherheitshalber harre ich weitere fünf Minuten aus, bis ich es wage, mich um den Paravent herum zu schieben. Geschieht dir vollkommen recht, maßregelt mich eine Stimme in meinem Kopf, die sich verdächtig nach Margit anhört. Was treibst du dich auch auf einem fremden Totenamt herum? Das ist kein Totenamt, will ich gerade protestieren, als ich mit Wucht gegen eine Schulter pralle, die eben noch nicht da war.

»Vorsicht!«, rufe ich noch, doch da ist es auch schon zu spät – ein Großteil meines Kaffees ist auf einem fremden Sakko gelandet.

»Verdammt! Können Sie nicht aufpassen?« Erbost starrt sein Träger auf seinen bekleckerten Ärmel. »Sie haben wohl keine Augen im Kopf!«, herrscht er mich an. Er trägt einen Schnauzbart, dabei ist er gerade mal so alt wie ich. Warum machen Männer bloß so etwas?

»Tut mir echt leid!«, entschuldige ich mich. »Das war wirklich keine Absicht. Ein unglückliches Missgeschick …«

»Unglücklich? Mein Sakko ist ruiniert!«

»Bestimmt kann man den Fleck abtupfen.« Das Sakko scheint mir von guter Qualität, der Kaffee perlt auf dem dicht gewebten Stoff. Vorsichtig betupfe ich mit meiner Serviette seinen Ärmel, doch er weicht zurück.

»Bleiben Sie mir bloß vom Leib!«, ranzt er mich an. Er reißt mir die Serviette aus der Hand und beginnt so energisch den Stoff zu bearbeiten, dass ich gar nicht hinschauen mag.

»Tupfen, nicht reiben!«

»Jetzt auch noch schlaue Ratschläge geben, was?«

»Nein, aber wenn Sie mit der Serviette reiben, rubbeln Sie den Kaffee erst recht in den Stoff ein.« Noch etwas, das ich von Margit weiß.

»Sie müssen die Flüssigkeit abtupfen, damit keine Flecken bleiben!«

»Erklären Sie mir nichts von Flecken! Ohne Sie wäre das hier gar nicht erst passiert!« Dunkle Augen funkeln mich wütend an, dann dreht er sich abrupt um und lässt mich stehen. Meine Güte, sich wegen ein bisschen Kaffee so aufzuregen? Wozu gibt es denn eine Haftpflichtversicherung? Komisch, dass er mich gar nicht nach Namen oder meiner Adresse gefragt hat, aber ich habe auch nicht die geringste Lust, ihm hinterherzulaufen. Soll er doch sehen, wie er sein Sakko wieder sauber bekommt, ich werde jedenfalls schnellstmöglich von hier verschwinden. Schnurstracks eile ich zum Garderobenraum, um meinen Mantel zu holen. Die Einbaugarderobe ist so groß wie meine Küchenzeile, ich brauche eine Weile, um unter all den Jacken und Mänteln meinen eigenen Trenchcoat zu finden. Gerade will ich nach dem Bügel greifen, als etwas meine Aufmerksamkeit auf sich zieht.