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Ein magisches Weihnachtsbuch für Kinder ab 9 Jahren Kurz vor Weihnachten entdeckt Lukas auf dem Weihnachtsmarkt ein geheimes Türchen. Dahinter verbirgt sich eine andere Zeit und die Welt, in der das Fest der Liebe in Gefahr ist. Gemeinsam mit seiner Schwester und neuen Freunden muss Lukas Mut beweisen, um Weihnachten doch noch zu retten. >>Lukas und die gestohlene Weihnacht<< verbindet Spannung, Herzenswärme und Magie zu einer Geschichte über Freundschaft, Hoffnung und den wahren Geist von Weihnachten. Ideal als Vorlesebuch in der Adventszeit oder Geschenk für Kinder, die von fantastischen Winter- und Weihnachtsgeschichte träumen. Ein Buch für alle, die Weihnachten noch einmal mit Kinderaugen erleben wollen.
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Seitenzahl: 210
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Buchbeschreibung:
Eigentlich gehen Lukas und seine Schwester Rebekka mehr unfreiwillig mit. Sie ahnen nicht, dass der Besuch auf dem Weihnachtsmarkt der Beginn einer Zeitreise ist, bei der es um nichts anderes geht als um die Rettung des Weihnachtsfestes für die Menschheit. Und um Leben und Tod. Mit Hilfe einer Schneekugel reisen sie in die Vergangenheit und versuchen, die Weihnachtsbräuche und ihre Erfinder vor der Vernichtung durch den geheimnisvollen Dunklen Mann zu retten. Der scheint ihnen immer einen Schritt voraus zu sein ...
Über den Autor:
Philipp Seitz wurde 1972 in Esslingen am Neckar geboren und wuchs im schwäbischen Wernau auf. Schon als Kind begeisterte er sich für die Adventszeit und ihre Bräuche. Als Jugendlicher spielte er in der Kirche an Weihnachten im evangelischen Posaunenchor Trompete. Später studierte er Geschichte, Deutsch und Geographie an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg. Seine erste Lehrerstelle war in Ulm, später in Böblingen. Seit zwölf Jahren lebt der Wahlkurpfälzer in Hockenheim. Neben seiner Lehrertätigkeit ist er nebenberuflich als Schulbuchautor tätig. Doch seine größte Leidenschaft gehört dem Schreiben eigener Geschichten.
Kapitel 1: Das Portal
Kapitel 2: 24 Fäden, 24 Kekse
Kapitel 3: Der Plan des Dunklen Mannes
Kapitel 4: Der Plan des Dunklen Mannes
Kapitel 5: Von drauß vom Walde
Kapitel 6: Stille Nacht
Kapitel 7: Ein Freund in Not
Kapitel 8: Der Lichtträger
Kapitel 9: Gift
Kapitel 10: Durch die Schatten kommst du zum Morgen
Kapitel 11: Fremdes Land
Kapitel 12: Das Ende der Reise
Kapitel 1
Das Portal
„Das könnt ihr knicken, ich bleib da! Meinetwegen kann Weihnachten ausfallen!“ Der zwölfjährige Lukas verschränkte seine Arme und stampfte mit dem Fuß auf.
Sein Vater beugte sich zu ihm hinunter. Er legte ihm seine rechte Hand auf die linke Schulter. „Wir gehen alle zusammen.“
Lukas holte Luft. Doch ehe er etwas sagen konnte, fuhr ihm Papa in die Parade: „Nein, hierbleiben ist keine Option, Sohnemann!
Du kommst mit auf den Weihnachtsmarkt.“
Er nahm seinen Mantel vom Kleiderbügel aus der Garderobe und zog ihn an.
Rebekka saß mit angewinkelten Beinen auf der Couch. Sie scrollte auf dem Handy.
Ohne aufzusehen rief sie: „Kann nicht mit, bin mit Verena verabredet. Außerdem bin ich 13 und aus dem Weihnachtsmarktalter raus. Ist doch eh nur Geldmacherei, Weihnachten ist für’n ... du weißt schon. Bin froh, wenn der Mist vorbei ist.“
Vater Stefan runzelte die Stirn.
Lukas sah ihn an und erklärte: „Ihre Freundin, Papa, die Verena ist doch schon oft hier gewesen! Die, die immer so viel labert und jeden Satz mit Diggah beendet. Verabredet heißt, sie schauen gleichzeitig ihre Vampirserie. Sie treffen sich nicht wirklich.“
Sein Vater nickte wissend.
Er sagte: „Na, über den Adventskalender hast du dich neulich doch gefreut? Und den Weihnachtsbaum hast du mit Mama auch immer so gerne geschmückt. Also, Kinder, reißt euch am Riemen. Auf den Weihnachtsmarkt gehen wir nur einmal im Jahr.“ Zu Bekki gewandt: „Deine Geisterserie kannst du doch auch später streamen.“
„Vampire, Papa! Ich schau doch keine Geisterserien! So unwissend, ey! Nur weil ich den Adventskalender okay finde, bedeutet das nicht, dass Weihnachten nicht verlogen wäre.“
„Jetzt hör aber auf! Was ist denn in dich gefahren?“ Stefan schaute sie an.
„Ist doch wahr! Nehmen wir den Weihnachtsmann: eine Erfindung von Coca-Cola.“
„Das stimmt nicht!“ Diesmal mischte sich Lukas ein. „Frau Wohlrab sagte neulich, dass viele das immer glaubten, aber in Wirklichkeit hat den schon jemand hundert Jahre früher …“
Bekki hob ihre Hand, als wolle sie damit gleich zuhauen. „Klappe, Lukas! Um das geht es doch gar nicht! Hast du dir schon mal überlegt, wozu es den Adventskalender gibt? Den Adventskranz? Den Weihnachtsbaum? Und was weiß ich was noch? Das ist nur dazu da, damit die Leute, die diese Sachen verkaufen, reich werden. Konsum nennt man das, das lernst du auch noch. Was hat auch nur eines davon mit der Geburt von Jesus zu tun? Nichts! Wieso sollte ich mir also so etwas Unrealistisches wie einen Weihnachtsmarkt reinziehen?“
Lukas lachte. „Klar, Vampire sind natürlich viiiel realistischer!“ Zu seinem Vater: „Wenn ich mit muss, dann Rebekka auch!“
Mama kam die Treppe herunter. Unten neigte sie den Kopf zur Seite und bürstete ihre Haare.„Schluss jetzt! Entweder wir gehen alle zusammen, so wie wir das immer machen oder wir bleiben alle gemeinsam hier. Der Speicher ist bis zum Rand gefüllt mit altem Krimskrams, den entrümpeln wir dann heute Abend anstatt auf den Weihnachtsmarkt zu gehen. Alle vier. Wie wäre das? Wäre das realistisch genug, Rebekka?“
Das saß. Sie sprang von der Couch auf. Lukas rannte zur Kleidergarderobe und zog blitzschnell seine Jacke an. Keiner der beiden hatte Lust, heute Abend den Dachboden aufzuräumen und ollen Plunder zu entsorgen. Maria lächelte in sich hinein. Hat geklappt, dachte sie. Den Speicher betrat sie garantiert nicht vor dem Frühjahr.
Papa schmunzelte.
Er sagte: „Ihr werdet sehen, in höchstens einer Stunde sind wir wieder zurück. Dann kannst du, Rebekka, immer noch deine Gespensterserie glotzen. Und Lukas, du hilfst mir, die Weihnachtsdekoration aus dem Keller zu holen. Einverstanden?“
Rebekka raunzte: „Vampire, Papa. War ja klar! So etwas nennt man elterliche Gewalt. Ich füge mich unter Protest!“
Lukas nörgelte: „Eine Stunde? Papa, Mama, okay, wir kommen mit, aber haltet uns nicht für blöd. Wir sind frühestens in drei Stunden zurück. Gefühlt in sechs!“
Stefan lächelte seine Maria an. Die Kinder hatten ja Recht. Mama blieb immer an jedem Weihnachtsmarktstand stehen und betrachtete sich alles in aller Ruhe und ganz genau. Lukas blieb das ein Rätsel. Als läge da nicht jedes Jahr dasselbe aus: Bienenwachskerzen, Schwibbogen, Weihnachtspyramiden aus dem Erzgebirge, selbstgemachter Schmuck, Krippen, Christbaumkugeln und was sonst noch alles. Vom Essen mal ganz zu schweigen. Wobei, beim Gedanken an Bratwurst und gebrannte Mandeln lief ihm dann doch das Wasser im Mund zusammen.
Maria, seine Mutter, liebte Weihnachten. Obwohl es von Jahr zu Jahr schwieriger wurde, die Kinder zum Mitgehen zu bewegen, genoss sie den gemeinsamen Weihnachtsmarktbesuch. Stefan mochte die Weihnachtszeit und das Fest nicht so sehr wie sie. Aber er liebte es, Maria glücklich zu sehen und mit den Kindern zusammenzusein. Eines fiel Lukas auf: Mamas Augen glänzten, wenn sie in der Adventszeit zu viert etwas unternahmen. Und DAS fiel Papa ebenso auf. Strahlte Mama, lächelte Stefan zufrieden. Er guckte sie dann so an! Rebekka meinte mal, er sei immer noch wie ein Teenager in Mama verliebt. Lukas gab seiner Schwester in diesem Punkt ausnahmslos Recht.
Stefan lauschte am liebsten dem Chor auf dem Weihnachtsmarkt. Er trank einen Glühwein und aß zusammen mit den Kindern Bratwurst mit Pommes. Nach einer Stunde (oder zwei) wäre der Spuk vorbei und sie würden heimfahren. Maria schaute sich gerne die Stände mit dem Kunsthandwerk an. Das nervte Lukas einerseits, weil sie so lang verweilte. Doch er liebte Mamas Adventsdekorationen zu Hause. Alles war so geschmackvoll und gemütlich. Papa sagte mal, ohne Mama wären die Zimmer zu Hause nur Räume. Erst sie sorge dafür, dass es so behaglich sei. Das fand Lukas auch. Er liebte die kleinen Figuren, die Kerzen und andere Dekorationen.
Lukas gefiel die Weihnachtszeit insgesamt sehr. Er mochte die Vorfreude auf die Geschenke. Vorletztes Jahr bekam er das Playmobilraumschiff. Das war großartig. Allerdings spielte er inzwischen nicht mehr soviel mit den Spielsachen (nur manchmal, wenn Bekki es nicht mitbekam und nicht sagte, wie kindisch sie das fand). Letztes Jahr gab es das neue Fahrrad. Mit dem fuhr er zur Schule und nachmittags eigentlich immer, sobald er raus ging. Nur im Winter ließ er es meist stehen, weil sich seine Hände nach dem Fahren wie Eisklötze anfühlten. Dieses Jahr wünschte er sich einen Zauberkasten.
Die Wochen vor dem Fest waren einerseits schön, doch es gab auch eine uncoole Seite: Mama und Papa fuhren viel schneller aus der Haut als sonst. Bekki meinte, dass ihre Eltern sich stressten, in den Wochen vor Heiligabend besonders gut gelaunt zu sein und sich das vorzunehmen, einfach nicht funktionierte. Zum Beispiel letzte Woche: Da fragte Mama Lukas und Rebekka, ob sie nicht mal wieder Lust auf Pizza und einen DVD-Abend hätten (ja, Mama sagte immer noch DVD-Abend, obwohl sie natürlich streamten). Sogar Papa gesellte sich dazu, als er später seine Arbeit beendet hatte. Doch am nächsten Tag schimpfte Mama, sie sollten nicht so viel fernsehen, das mache blöd. Als reiche das nicht, warf sie beiden vor, sich zu ungesund zu ernähren. Die Bratwurst mit Pommes heute Abend war wieder völlig okay. Da blickte doch keiner mehr durch.
Die Schule setzte sich aus einer Grundschule und der weiterführenden Schule zusammen, die Lukas und Rebekka besuchten. Die Lehrerinnen der Grundschüler dekorierten traditionell mit den Kindern ihrer Klassen die Fenster im ganzen Schulhaus. Die älteren Schüler schmückten die Aula mit dem Weihnachtsbaum und die Flure. Außerdem kümmerten sich die einzelnen Klassen um ihre eignen Klassenzimmer, die einen mehr, die anderen weniger. Hier eine Schneeflocken-Fenster-Dekoration, dort ein paar Styroporkopf-Engel, hier einige Filznikoläuse, dort ein Schneemann aus einer alten Klopapierrolle usw. Die Schule verwandelte sich in der Vorweihnachtszeit in die Werkstatt vom Weihnachtsmann. Die Kinder mussten alles in Rekordzeit anfertigen, basteln, kleben, ausschneiden, bemalen – als wären sie die kleinen Elfen von Santa Claus! Darüber hinaus lernten sie Weihnachtsgedichte auswendig und lasen sich Geschichten vor. Das war schon ein bisschen übertrieben, dachte Lukas. Und nun der Besuch auf dem Weihnachtsmarkt heute Abend.
Seine Schule selbst verkaufte dort am Wochenende Selbstgebasteltes für einen guten Zweck. Das fand Lukas toll, obwohl das auch unter dem Jahr ginge. Und doch könnte er gut und gern auf die Vorweihnachtszeit in der Schule verzichten (besonders aufs Auswendiglernen der Gedichte). Ganz einfach, weil sich nur noch alles um die Themen Advent und Weihnachten drehte. Die Schulfächer schienen auf einmal nicht mehr zu existieren. Und wenn, dann rechneten sie in Mathematik aus, wie hoch der Tannenbaum sein durfte oder wie viele Christbaumkugeln ein Baum bei soundso vielen Zweigen trug. In Deutsch gab es Gedichte, in Englisch erfuhren sie, wie Familien in anderen Ländern Weihnachten feierten. So ging das jedes Jahr von Ende November und den ganzen Dezember über. Und urplötzlich, aus dem Nichts, fiel ihren Lehrerinnen und Lehrern ein, es mussten ja noch Klassenarbeiten geschrieben werden. In der letzten Woche vor den Ferien schrieben sie dann täglich eine Arbeit plus mehrerer Kurztests. Das nervte Lukas.
Nur zu Hause, da fühlte er sich rundum wohl. Und er freute sich schon riesig auf Heiligabend. Das war der tollste Abend im ganzen Jahr. Es war der einzige Tag, darauf war Verlass, an dem die Familie immer zusammen war und miteinander Zeit ohne Stress verbrachte. Die Geschenke waren einerseits natürlich super. Aber mehr noch genoss Lukas das gemeinsame Zeitverbringen beim Essen, Weihnachtslieder singen, Erzählen und fernsehschauen. Und wenn er später mit seinen ausgepackten Geschenken auf dem Wohnzimmerboden saß und spielte, waren die andern immer in der Nähe. Das gefiel Lukas unheimlich. Dafür lohnte es sich sogar, den ganzen Vorbereitungshickhack mitzumachen.
Obwohl bloß einmal im Jahr, kannte Lukas den Ablauf des Weihnachtsmarktbesuchs. Papa trank immer gleich zu Beginn einen Glühwein (Mama fuhr dann heim). Lukas konnte sich nicht erklären, wie das eklige Zeug besser schmecken konnte als eine heiße Tasse Kakao. Die meisten Erwachsenen tranken Glühwein. Einmal durfte er am Weinglas seiner Mama nippen. Seither war klar, seine Eltern hatten ein Rad ab, wenn sie sowas tranken. Es schmeckte NULL!
Seine Mutter blieb wie immer an jedem Stand stehen und schaute sich alles an. Voriges Jahr kaufte sie eine orangene Papierlaterne in Sternform mit LED-Beleuchtung. Die schmückte seit letzter Woche die Terrasse zu Hause. Rebekka schlurfte bestimmt wieder mit, während sie auf ihrem Smartphone durch die Feeds scrollte oder mit andern chattete.
Am liebsten bekam Lukas ein paar Euro in die Hand gedrückt. Dann zog er allein los und kaufte, was er wollte. Er bekam jedes Jahr einen einzigen Kinderpunsch. Das war ungerecht! Zuviel davon ist ungesund, sagte Mama. Erwachsen müsste man sein, da war es egal, wie gesundheitsschädlich etwas war.
Die Stimmung an sich auf dem Weihnachtsmarkt mochte Lukas gerne: die vielen kleinen Lichtlein, die leckeren Gerüche und die vertrauten Klänge und Weihnachtslieder. Von der Bühne in der Mitte des Platzes, auf dem der Markt stattfand, sang der Chor gerade Leise rieselt der Schnee. Rebekka wirkte seit letztem Jahr verändert.
Wie seine Schwester zu einem Weihnachtsmuffel werden konnte, schien Lukas nach wie vor ein Rätsel. Bis vor zwei Jahren freute sie sich schon im Oktober auf die Adventszeit. Dann brannte sie Kerzen an, stellte Duftlämpchen in ihrem Zimmer auf oder hörte Weihnachtslieder. Seit sie auf dem Schwarz-Trip war, fand sie Weihnachten zum Kotzen. Irgendwann zog sie nur noch schwarze Klamotten an (etwa zu der Zeit, als sie und Verena die Vampirserie für sich entdeckten). Die Adventszeit schien auf einmal das Schlimmste überhaupt.
Erst gestern sagte sie zu ihren Eltern: „Diese Heuchelei von Nächstenliebe und der Scheiß ist doch verlogen! An Weihnachten geht es ums Geld ausgeben und Geld verdienen! Von wegen Fest der Liebe! Ohne mich, nein danke!“
Lukas hielt Rebekkas Meinung für übertrieben. Obwohl er fand, dass sie auch ein bisschen Recht hatte. In der Schule sagte seine Lehrerin Frau Wohlrab neulich, dass den Menschen der wahre Sinn für Weihnachten abhandengekommen war. Viele würden einzig noch ans Geschenke-Kaufen denken, aber nicht mehr an den wahren Wert des Festes. Was das im Einzelnen bedeutete, hat sie dann leider nicht gesagt. Lukas hätte das gerne erfahren, sich aber nicht getraut, vor der Klasse zu fragen, um nicht als Dummkopf dazustehen. Er nahm sich vor, Frau Wohlrab nach der Stunde zu fragen, vergaß es dann aber doch. Jetzt fiel es ihm wieder ein. Wie so oft zu spät!
In der Abenddämmerung stiegen sie aus dem Auto aus. Es war zu warm für Anfang Dezember und den ersten Advent. Die Anzeige an der Apotheke zeigte im Wechsel mit der Uhrzeit (es war jetzt 16.47 Uhr) 10 Grad Celsius an. Trotzdem mussten Lukas und Rebekka die dicksten Jacken mit Schal und Mütze tragen. Er zog seine Mütze sofort runter und stopfte sie zusammen mit den Handschuhen in die Tasche seiner Daunenjacke. Rebekka tat es ihm gleich. Sie grinsten einander an. Maria sah den beiden zu, presste ihre Lippen zusammen und runzelte ihre Stirn. Aber sie sagte nichts. Hauptsache, die Kinder waren mitgekommen und beschwerten sich nicht mehr.
Stefan rief: „Schaut doch! Der Kirchenchor singt gleich.“
Er ging den anderen dreien voraus.
Als sie ihn eingeholt hatten, sagte er: „Lukas, Bekki, wisst ihr was? Ich kauf uns jetzt erstmal eine heiße Bratwurst mit Pommes und einen Punsch dazu! Hört sich das nicht einmalig an?“
Dabei hob er seine Hände in Richtung Lukas und Rebekka zu einem High Five an. Die beiden rollten mit den Augen, erwiderten aber mit einem Abklatschen.
Lukas und sein Vater aßen eine Bratwurst mit Pommes. Papa trank dazu einen Glühwein, er einen Kinderpunsch. Maria und Rebekka genossen einen heißen Tee, der nach Vanille und Zimt duftete, und aßen Crêpes mit Nutella und Schlagsahne. Der Chor sang Am Weihnachtsbaum die Lichter brennen, als Lukas durch die Menge etwas entdeckte: Ein Mann, gehüllt in einen langen, schwarzen Mantel, mit hochstehendem Kragen und schwarzem Hut, stand vor einem Marktstand. Sein Gesicht konnte er nicht erkennen. Aber er steckte einen Gegenstand ein, der – Lukas könnte schwören – aufleuchtete, als er ihn in seiner Hand hielt.
„Hey, der klaut!“, entfuhr es Lukas. So zaghaft, dass er selbst es kaum hörte. Doch dann rannte er los.
Papa konnte gar nicht so schnell reagieren, wie sein Sohn in der Menge verschwand.
„Lukas?“, entfuhr es ihm. Er drehte sich zu seiner Tochter um. „Rebekka, lauf Lukas hinterher und hol ihn bitte zurück!“
„Wieso? Er wird schon wieder von allein zurückkommen! Ja, schon gut! Oh Mann, kleine Brüder sind echt ätzend!“ Sie ballte ihre Fäuste in den Jackentaschen. Dann drehte sie sich auf dem Absatz herum und tauchte ebenfalls in der Menge unter, in Richtung der Kirchturmuhr, wohin ihr kleiner Bruder verschwunden war. Wie zur Bestätigung schlugen die Glocken der Turmuhr. Es war genau 17.00 Uhr.
Sie erspähte ihn über die Menge hinweg und drängte sich zu ihm hindurch. Bevor er an dem Marktstand angekommen war, an dem er den dunklen Mann gesehen hatte, erreichte Rebekka ihren Bruder. Sie packte ihn am Arm.
„Los komm, hirnloser Zombiebruder! Mama und Papa warten da drüben!“, schnauzte sie ihn an.
Lukas drehte sich zu seiner Schwester um. Mit gedämpfter Stimme sagte er: „Siehst du den Mann dort drüben? Ich glaube, das ist ein Dieb.“
„Mensch Lukas! Und wenn schon!? Was glaubst du, wie viel heute hier gestohlen wird? Das rechnen die Verkäufer mit ein und schlagen es auf den Preis drauf. Lass uns jetzt gehen.“
„Warte, Rebekka! Nur einen Augenblick! Hier gibt es diese Glaskugeln. Die, in denen es so schneit, wenn man sie schüttelt.“
„Ach, deshalb bist du wirklich hier! Hätte ich mir ja denken können!“
„Nein. Hör mir zu! Der Typ hat sich so eine genommen.“
„Und? Vielleicht steht er auf Schneekugeln. War’s das? Komm!“
„Und dann begann sie in seiner Hand zu leuchten!“
Lukas riss sich von seiner Schwester los. Erneut verschwand er in der Menschenmenge.
„Oh Mann, Lukas!“, schrie Rebekka laut. „Geht das jetzt den ganzen Abend so? Du kannst echt nerven!“
Die Leute drehten sich zu ihr um.
„Is‘ was?“, bläffte sie in ihre Gesichter.
Dann hastete sie ihm hinterher.
Hinter den letzten Buden, wo der Marktplatz in die Gassen der Altstadt überging, holte sie ihn ein.
„Lukas …“, keuchte sie.
„Pst! Schau!“
Lukas zeigte auf eine schmale Gasse, die sich im spärlichen Licht einer Straßenlaterne um die Fachwerkhäuser schmiegte.
„Was denn?“, flüsterte Rebecca.
„Eben!“
„Hä? Jetzt sind bei meinem Bruder endgültig alle Sicherungen durchgeschmort. Ich wusste, dass es eines Tages so weit ist. Du bist so dumm!“
„Hör doch! Gerade noch war der Mann da. Dann rannte er hier in die Gasse – ich hab‘ seinen langen Mantel deutlich flattern gesehen. Und schwupp - weg war er!“
„Schwupp, weg war er?“
„Ja, schwupp!“
„Also hast du ihn aus den Augen verloren?“ Rebekka zog ihre Augenbrauen hoch.
„Nein. Er ist … verschwunden. So, als hätte er sich in Luft aufgelöst! Schau nicht so, Bekki, wirklich, so war es!“
Lukas schaute Rebekka mit großen Augen an. Sie zog ihre Augenbrauen zusammen. Eben noch dachte sie, er spiele irgendein krankes Spiel, nur um nicht mit ihr zurückgehen zu müssen. Um nicht einem Chor beim Singen von Weihnachtsliedern zuzuhören.
Er war lediglich anderthalb Jahre jünger, doch im Gegensatz zu ihr spielte Lukas noch mit Spielsachen. Der Ausdruck in seinen Augen sprach eine andere Sprache. Eine, die glaubte, was er da sagte. Er meinte das ernst!
Rebekka fragte: „Wo genau ist er gewesen, als er verschwand?“
Erleichterung machte sich in Lukas‘ Gesicht breit.
„Er ist auf dieses Fachwerkhaus zugegangen, an der Ecke zur Gasse. Und – schwupp, weg war er!“
Rebekkas Blick wanderte zu der von Lukas beschriebenen Stelle.
„Ich sehe nichts. Na gut, wir gehen da jetzt hin und schauen uns einmal genauer um. Aber dann gehen wir wieder zu Mama und Papa zurück, okay, Nervensäge?“
„Okay.“
Langsam schritten sie auf das Fachwerkhaus zu. Die Gasse, die von der Hausecke fortlief, war leer. Lukas tastete die Hauswand ab.
„Was machst du denn da?“, flüsterte Rebekka.
„Vielleicht gibt es da eine Tür oder einen Geheimgang oder so etwas.“
„Ich glaube, du schaust zu viel fern!“
Sie murmelte: „Wieso kann ich eigentlich keinen pflegeleichteren kleinen Bruder haben? Einer, der auf seine große Schwester hört. Oder am besten gleich eine kleine Schwester!“
Da erstarrten beide. An einer Stelle der Hauswand entdeckten sie eine silbern glitzernde Silhouette. Sie machten einen Schritt zurück. So sah es aus wie der Umriss eines kleinen Tores. Von weitem kaum wahrzunehmen. Vom Boden bis in einen Meter Höhe bestand die Wand aus einzelnen Mauersteinen. Von da an erst war sie verputzt und mit den fachwerktypischen Balken versehen. Auf dem Stück mit den Steinen zeichnete sich der schimmernde Torbogen ab.
Lukas flüsterte: „Das ist eine Art Portal!“
Rebekka setzte an, zu sagen, dass er spinnt. Doch noch ehe sie die Worte zu Ende dachte, streckte Lukas seine Hand aus, die in der Wand eintauchte wie in Wasser. Es sah aus, als steckte sein Arm mitten in der Hauswand.
Wieder sagte er: „Schau, das IST ein Portal!“
Rebekka erschrak. Lukas sah sie an. Dann schloss er die Augen, lächelte und vollzog einen großen Schritt nach vorn und verschwand.
„Lukas!“, schrie Rebekka entsetzt. „Komm zurück!“
Stille. Sie zögerte einen Augenblick, schaute panisch zurück zum Weihnachtsmarkt. Sie rannte in die Richtung, aus der sie gekommen waren. Doch nach nur drei Schritten blieb sie abrupt stehen. Ohne ihren Bruder brauchte sie gar nicht erst bei Mama und Papa aufzutauchen.
Ach Scheiße, Lukas!, dachte sie.
Rebekka drehte um, ging mit entschlossenen Schritten auf die Hauswand zu und passierte das geheimnisvolle Tor.
Das glitzernde Tor löste sich auf. Eine Frau spazierte mit ihrem Dackel in einiger Entfernung vorbei.
Hatte sie dort nicht eben zwei Kinder aus den Augenwinkeln heraus gesehen? Sie schaute hinüber, aber da war nichts. Nur eine einsame Häuserwand und eine spärlich beleuchtete Altstadtgasse.
Kapitel 2
24 Fäden, 24 Kekse
„Da bist du ja!“, sagte Rebekka.
„Wo sind wir hier?“
Sie ließ ihre Blicke wandern.
Statt einer Antwort erwiderte sie: „Woher kommt der viele Schnee? Und wieso ist es auf einmal heller Tag?“
Dann drehte sie sich herum. Dort lag hinter einem silbernen Schimmer, der die Form eines kleinen Torbogens hatte, der Weihnachtsmarkt. Dann verschwand das Portal.
Lukas und Rebekka fanden sich auf einem zugeschneiten Feld wieder. Schwere, weißgraue Wolken hingen tief über der Landschaft. Aus ihnen heraus schneite es dicke Schneeflocken. Ihre Blicke trafen auf sanfte Hügel, die alle im Weiß des Schnees versunken vor ihnen lagen. Vereinzelt zeigten sich Bäume, die sich vor dem eiskalten Wind wegduckten. Unter ihren Füßen war die Schneedecke etwas dünner und ein Pfad zeichnete sich darunter ab. Frische Fußspuren zeigten ihnen den Weg. Es war still.
Lukas sagte: „Die Abdrücke sind sicher vom dunklen Mann, der Größe nach zu urteilen.“
„Dunkler Mann? So nennst du den Typen?“
„Ja, ich finde, das passt. Er trägt einen dunklen Hut, einen dunklen Mantel und dunkle Stiefel. Sein Gesicht habe ich noch nicht erkennen können.“
„Lukas, stopp! Was passiert hier? Wir sind durch die Mauer hindurchgegangen. Einfach so! Jetzt stehen wir auf einer Art Feldweg irgendwo in einer zugeschneiten Landschaft. Auf dem Weihnachtsmarkt war es schon dunkel. Hier ist es Tag. Du willst einfach den Spuren folgen? Ich finde, wir sollten zurückgehen. Ehrlich gesagt, allmählich habe ich ein bisschen Angst.“
Lukas sah seine Schwester an. Auf ihrem schwarzen Haar lagen Schneeflocken. Er wischte sie fort. Dann zog er ihre Mütze aus ihrer Jackentasche und hielt sie ihr hin. Rebekka setzte sie sich auf.
„Zurückgehen?“, sagte er. „Das Tor ist verschwunden, wir können nur den Spuren folgen. Wir haben keine Wahl.“
Rebekka schloss für Sekunden ihre Augen und schwieg. Dann ging sie voraus.
„Komm, kleiner Bruder, let’s go!“
So folgten die zwei den Spuren, ohne zu wissen, wohin diese führten.
Nach einiger Zeit erblickten sie unweit vor ihnen Häuser, deren Fenster ein warmes Licht in die einsetzende Abenddämmerung warfen.
Sie erreichten die ersten Häuser und Rebekka rief: „Endlich Zivilisation! Lass uns schnell wo klingeln und Mama und Papa anrufen.“
„Hm. Ich weiß nicht. Fällt dir nichts auf, Bekki?“
„Ich will nicht, dass mir irgendwas auffällt. Ich will einfach nach Hause!“
„Gehen wir erstmal noch weiter. Die Fußspuren vermischen sich hier mit anderen. Ich kann kaum noch erkennen, wo der dunkle Mann entlang ist. Du?“
„Nein. Es schneit einfach zu sehr. Komm, gib mir deine Hand, Lukas. Es ist kalt und es wird dunkel.“
Lukas hielt die Hand seiner Schwester. Er war froh, dass sie ihn darum bat.
Obwohl sie seit einiger Zeit nichts zusammen unternahmen und ihre Interessen immer weiter auseinanderdrifteten, fühlte er sich seiner Schwester näher denn je. Lukas drückte ihre Hand kurz etwas fester.
Rebekka schaute auf, lächelte und sagte: „Du bist ein Idiot. Aber du bist mein Bruder und ich bin froh, dass du mein Idiot bist.“
Sie schritten durch den Ort und das einzige Geräusch, das zu hören war, war das Knirschen des Schnees unter ihren Füßen.
Unvermittelt hielt Rebekka inne und blieb stehen.
„Komisch“, meinte sie, „haben die hier keine richtige Straße, die durch den Ort führt? Wo ist die Straßenbeleuchtung? Wo sind die Autos?“
„Jetzt hast du’s auch bemerkt. Es gibt nur diesen Weg. Wenigstens brennt Licht in den Fenstern.“
Sie kamen an eines der Häuser. Sie blieben stehen, bedacht darauf, von drinnen nicht durchs Fenster entdeckt zu werden. Im Zimmer erkannten sie eine Kommode, einen Tisch mit vier Stühlen und einen Kachelofen. Die Möbel wirkten schlicht. Auf einem Schaukelstuhl saß eine alte Frau, die strickte. Am Tisch saßen ein Mann und zwei Kinder, die sich zu unterhalten schienen.
„Komisch“, flüsterte Lukas.
Rebekka sagte: „Das sieht aus wie in diesem Museumsdorf, in dem wir mal mit der Schulklasse waren. Die haben nicht mal einen Fernseher!“
„Oder eine Couch.“ Lukas dachte an seinen Papa, der nach der Arbeit oft auf dem Sofa Zeitung las.
„Komm, lass uns weitergehen. Hier möchte ich nicht klingeln, wir probieren es beim nächsten Haus. Vielleicht ist es da …“ Lukas überlegte, wie er sich ausrücken sollte. „… anders.“
Im nächsten Haus bot sich ihnen ein ähnliches Bild. Die Menschen trugen merkwürdig altaussehende Kleidung und sie schienen keinerlei elektronische Geräte zu besitzen, geschweige denn, über elektrisches Licht zu verfügen!
