Luki Luna - Didi Bleck - E-Book

Luki Luna E-Book

Didi Bleck

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Beschreibung

Der zehnjährige Luki Luna zieht mit seiner Familie von Südtirol nach Siebenwald, weil sein Vater einen neuen Job hat. Neues Haus, neue Freunde, neue Schule, neues Leben. Drüben im Nachbarhaus wohnt Paula. Sie werden beste Freunde und ein gutes Team. Ein Hund und eine Katze geraten in Gefahr. Paulas Schwester wird bedrängt, eine Mitschülerin gemobbt. Eine Freundin verkraftet die Trennung ihrer Eltern nicht. Ein Autofahrer begeht Fahrerflucht. Luki und Paula sind immer bereit. Sie greifen ein und helfen. Und wenn es wirklich darauf ankommt, geben sie alles. Es gibt auch noch die coole Band, bei der die beiden mitspielen. Und die Uroma, die Luki sehr lieb hat. Doch was ist los mit ihr? Eine berührende Geschichte über Kinder in einer sich rasend schnell veränderten Welt, auf der Suche nach einem Weg zwischen Digitalisierung und Gefühl.

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Seitenzahl: 401

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Luki Luna
Die Fahrt nach Siebenwald
2
»Auf die Familie Luna und ihr neues Leben!«
3
4
Lunas und Silbersteine
5
6
7
Beim Tierarzt
8
Antonios Firma
9
»Mach ich«, versprach Luki, »mach ich ganz bestimmt.«
10
Der geheime Platz
Spaß am Bach
12
Ein Zwischenfall in Klerstadt
Luki lag noch ein bisschen wach und dachte nach. Dann fielen auch ihm die Augen zu.
13
Action beim Picknick
14
»Würde ich mich doch nie trauen.« Max grinste.
15
Der erste Auftritt
16
»Ist doch Ehrensache«, entgegnete Max, »gute Freunde lassen sich niemals im Stich.«
17
Wie anders sind Jungen?
18
Schulbeginn
19
Spaß im Schwimmbad
20
Die Klassensprecherwahl
21
22
Das Weihnachtskonzert
Luki fiel Paula um den Hals und war einfach nur glücklich.
23
Silvesterabend mit Folgen
24
Ärger bei >Digitrent<
25
Was ist los mit Allegra?
26
27
Lukis Geburtstag
28
Abschied von Willi
29
30
Das Muttertagskonzert
31
32
Relativ ruhig verließen die Kinder an diesem Tag nach dem Läuten den Klassenraum.
33
Das Basketballturnier
34
Die Sache mit der Liebe
Der Redewettbewerb
Der letzte Schultag
Am Ende ein ganz herzliches Danke …
Vorschau

Impressum neobooks

Didi Bleck

Luki Luna

Und sein neues Leben

Kinderroman

Mit dem Kauf dieses Buches wird das Kinderhospiz Sternenbrücke unterstützt.

Sandmoorweg 62 22559 Hamburgwww.sternenbruecke.de

November 2019 © 2019 Didi Bleck Alle Rechte vorbehalten

Coverzeichnung: Alexa Binnewies Covergestaltung: Exakt Werbeservice SW-Zeichnungen: Jelena Wolf Lektorat und Buchsatz: Petra Schmidt ISBN Hardcover: 978-3-9819596-9-7 ISBN Softcover: 978-3-9819596-7-3 ISBN E-Book: 978-3-9819596-8-0

Primär Verlag Berlin Pettenkoferstraße 17, 10247 Berlinwww.primaer-verlag.de

Für alle Kinder und Jugendlichen, für die das Schicksal

ein schwieriges Leben vorgesehen hat.

Möge ihnen dieses Buch ein paar heitere Stunden bringen.

1

Die Fahrt nach Siebenwald

Luki Luna saß links hinten im Auto und schaute aus dem Fenster. Sein Vater Antonio Luna fuhr nicht besonders schnell, eher gemütlich auf der rechten Fahrspur der Autobahn, er hatte schließlich seine ganze Familie im Auto. Er wollte sich nicht abhetzen und außerdem die Gefahr eines Unfalls möglichst gering halten. So verließ er die rechte Spur nur hin und wieder, um einen Lkw zu überholen oder jemanden, der noch langsamer unterwegs war als er.

Luki sah die vielen Autos, die links an ihnen vorbeifuhren, ab und zu wurde es auch lauter, wenn ein Sportwagen darunter war oder Motorräder, die mit einem deftigen Brummen an ihnen vorbeizogen. Luki sah sie zwar alle, aber nicht wirklich bewusst, da er viel zu sehr mit Nachdenken beschäftigt war.

Große Änderungen standen bevor, ja eigentlich wurde gerade sein ganzes Leben auf den Kopf gestellt. Nie würde er den 1. April dieses Jahres vergessen, den Ostersonntag, als sein Vater beim gemeinsamen Frühstück die Bombe hatte platzen lassen.

»Hört mal zu, ich muss euch etwas Wichtiges mitteilen. Wir werden umziehen. Und zwar, wenn das Schuljahr zu Ende ist.«

Er hatte kaum zu Ende gesprochen, riefen schon alle drei Kinder durcheinander:

»Waaas? Ist das dein Ernst? Wohin denn? Und die Schule? Was ist mit meinen Freunden?« Das und noch viel mehr waren die Fragen gewesen, die auf den Vater einprasselten. Nach einer Weile hatte er die Hände gehoben. Als sich die Kinder wieder beruhigt hatten, sprach er weiter:

»Ich hab das lange mit Mama durchdiskutiert, und sie ist auch dafür. Sie kann auch weiterhin im mobilen Krankenpflegedienst auf Teilzeitbasis arbeiten, das ist schon so besprochen. Aber der Grund für unseren Umzug ist eigentlich mein Job. Ihr wisst doch, >Digitrent< hat in Klerstadt, wo auch euer Großvater wohnt, eine Zweigstelle. Dort ist der Geschäftsleiter vor Kurzem in Pension gegangen, und man hat mir die Stelle angeboten. Nach längerem Überlegen haben wir nun beschlossen, in Mamas Heimat zu ziehen. Dort haben wir uns ja auch kennengelernt vor dreizehn Jahren. Und, na ja, dort bist schließlich auch du entstanden, Sofia.«

Dann hatte eine ganze Weile niemand mehr etwas gesagt, sogar Sofia war sprachlos gewesen, etwas, das Luki in den letzten Jahren nur selten erlebt hatte.

»Schaut mal, ihr drei«, hatte schließlich Mama erklärt, »seht das Ganze doch einfach positiv! Für dich, Carina, beginnt durch den Schulanfang ohnehin ein neuer Lebensabschnitt. Und du, Luki, würdest durch deinen Wechsel auf’s Gymnasium auch hier in eine neue Schule kommen. Und was dich betrifft, Sofia, ich weiß, wie sehr du an deinen Freunden hängst. Aber wir leben in einer modernen Zeit und es gibt viele technische Möglichkeiten, mit ihnen in Kontakt zu bleiben, SMS, skypen, mailen, chatten. So kannst du deine alten Freunde behalten und außerdem viele neue hinzugewinnen. Und außerdem habt ihr dann die Möglichkeit, zu euren italienischen Großeltern, die ihr ja oft sehen konntet, auch euren in Klerstadt lebenden Opa und meine Großmutter besser kennenzulernen. Nicht viele Kinder haben noch eine Urgroßmutter. Versucht es doch wie Papa und ich zu sehen, als Chance! Eine Chance auf ein neues Leben.«

»Und damit das mit der Kommunikation auch wirklich gut klappt«, hatte Papa ergänzt, »werdet ihr alle noch vor unserem Umzug ein neues Handy bekommen. Ihr könnt euch eines aussuchen.«

»Auch das neue Sunlogic SL77?«, hatte Sofia gefragt und Antonio Luna hatte genickt.

»Der ganze Umzug wird natürlich viel Arbeit machen, und wir bitten euch, mitzuhelfen, so gut ihr könnt«, hatte Mama hinzugefügt und die drei Kinder der Reihe nach angeblickt.

Nach einem längeren Schweigen hatte Luki die Hände seiner Schwestern genommen und gesagt:

»Wir werden tun, was wir können. Wir sind doch eine Familie und müssen zusammenhalten.«

»Okay«, hatte Sofia natürlich das letzte Wort haben müssen, »es wird schwer werden, aber wir werden das schon hinkriegen. Also, Familie Luna, auf in ein neues Abenteuer!«

Das war vor drei Monaten gewesen. Das Schuljahr war vorbei, die Sommerferien hatten begonnen und nun saßen sie im Auto und waren auf dem Weg in das kleine Dorf Siebenwald, ein paar Kilometer südlich von Klerstadt gelegen.

Die Eltern hatten dort ein Haus gemietet, das nun ihre neue Heimat werden sollte. Mama war schon ein paarmal dort gewesen, eine Spedition hatte die Möbel und andere Gegenstände hintransportiert, auch Papa war einmal dabei gewesen. Luki und seine beiden Schwestern würden das Haus in wenigen Stunden allerdings zum ersten Mal sehen, zumindest in Wirklichkeit, denn natürlich waren ihnen viele Fotos von ihrem neuen Heim gezeigt worden.

Lukis Gedanken kehrten langsam von der vergangenen Zeit in die Gegenwart zurück. Die letzten Wochen waren sehr anstrengend gewesen, und so fühlte er sich einerseits etwas ausgelaugt, war andererseits aber von einer inneren Spannung erfüllt, die ihn manchmal nicht zur Ruhe kommen ließ.

Er drehte den Kopf nach rechts und betrachtete Sofia und Carina. Er mochte seine beiden Schwestern wirklich gern, und auch, wenn sie ihm manchmal tierisch auf die Nerven gingen, würde er sie doch für nichts auf der Welt eintauschen.

Die sechsjährige Carina, die mit ihrem schmalen Gesicht und ihren dunklen, halblangen Haaren ihrem Bruder ähnlich sah, war auf dem mittleren Sitz zusammengesunken, sie schien doch ziemlich müde gewesen zu sein und war eingeschlafen.

Lukis Blick schweifte weiter zu Sofia, seiner großen Schwester, die im vergangenen Januar zwölf geworden war und schon die sechste Klasse abgeschlossen hatte. Sie sah eher ihrer Mutter ähnlich, ihre Haare waren heller und relativ lang. Sie war ein schlankes, sportliches Mädchen und, nach Lukis Meinung, eines der hübschesten überhaupt. Aber das fanden sicher auch die Jungen aus ihrer und aus anderen Klassen, die ihr sehnsüchtig nachschauten. Sofia saß entspannt auf ihrem Sitz und hatte - wie so oft - den zu ihrem neuen Handy gehörenden Hi-Tech-Kopfhörer in ihren Ohren. Sie bewegte ihren Kopf zum Takt der Musik leicht hin und her. Als ob sie Lukis Blick gespürt hätte, schaute sie auf und lächelte ihn an. Luki streckte seinen Arm aus und drückte kurz Sofias Hand.

Dann strich er der schlafenden Carina über die Haare.

Schließlich schaute er nach vorn und sah einen Teil des Gesichtes seines Vaters im Rückspiegel. Dieser hatte anscheinend etwas gemerkt, denn seine Augen trafen die von Luki.

»Na, alles klar bei dir?«, fragte der Vater halblaut.

»Alles paletti«, antwortete Luki. »Wann, glaubst du, kommen wir an?«

»Ich schätze, so in drei Stunden.«

Luki warf einen Blick auf seine Mutter, die es sich auf dem Beifahrersitz bequem gemacht und auch die Augen geschlossen hatte. Er ließ sich in seinen Sitz zurückfallen. Eine Zeit lang betrachtete er noch die Autos, die an ihnen vorbeifuhren, dann fielen auch ihm die Augen zu.

2

Das neue Zuhause

Durch den lauten Ruf »Wir sind da!«, wachten alle auf und rieben sich die Augen. Antonio hatte den Wagen etwa zweihundert Meter vor einem Haus angehalten, das weiß und gelb in der Abendsonne glänzte.

Er zeigte hin und sagte: »Da vorne seht ihr unser neues Zuhause. Ich hoffe, es gefällt euch auch so gut wie eurer Mutter und mir. Willkommen in Siebenwald!«

Stumm saßen alle für einen Moment im Auto und betrachteten das Gebäude von der Ferne. Luki war der Erste, der die Tür öffnete.

»Los, jetzt kommt aber!«, rief er und sprintete los.

Seine Mutter und seine Schwestern stiegen ebenfalls aus und kamen hinter ihm her. Der Vater startete den Wagen nochmals und parkte ihn auf dem Platz vor der Garage.

Schließlich standen sie alle davor und begutachteten das Haus aus der Nähe. Es war mittelgroß und gemauert, teils weiß und teils gelb gestrichen, mit einem roten Ziegeldach. Auf der rechten Seite befand sich eine große Terrasse.

»Da ist es sicher toll, zu frühstücken«, jubelte Carina.

»Das Haus steht ziemlich einsam«, meinte Sofia. »Habt ihr gesehen, wir haben nur einen einzigen Nachbarn.«

Sie hatte recht, das nächste sichtbare Haus war sicher einen halben Kilometer entfernt, vielleicht noch mehr.

Luki nahm das Nachbarhaus näher in Augenschein, es war grün und etwas kleiner als ihr eigenes. Im Garten befanden sich ein Sandkasten und eine Schaukel, und auf dieser saß - Luki bemerkte es erst jetzt - ein Mädchen, ungefähr in seinem Alter, so weit er das erkennen konnte. Das Mädchen winkte ihm zu und er schaute neugierig hinüber. Er hatte plötzlich ein seltsames Gefühl im Bauch. Schließlich winkte er zurück und schloss sich seiner Familie an, die gerade ihr neues Zuhause betrat.

»Ihr könnt schon mal eure Zimmer begutachten«, sagte die Mutter, »sie sind im Großen und Ganzen mit den wichtigsten Möbeln eingerichtet. Für die Feinheiten können wir ja dann während der Sommerferien sorgen.«

Die Kinder stürmten die Treppe hinauf. Im Oberstock gab es vier Zimmer, ein größeres, das Schlafzimmer der Eltern, drei kleinere und dann noch ein Bad mit Toilette. Die Kinderzimmer waren nicht zu verwechseln, bei Sofia war alles in Weiß gehalten, so, wie sie sich das immer gewünscht hatte. Bei Carina dominierten die Farben Pink und Lila, und als Luki sein Zimmer betrat, stieß er einen Freudenschrei aus.

Da stand, außer einem Kleiderschrank und einem Schreibtisch, etwas, das er sich schon seit mehr als zwei Jahren sehr gewünscht hatte: ein Hochbett!

Luki ließ seinen Blick über das Bett schweifen, wie es da so groß und wuchtig in seinem Zimmer stand, sicher gut 1,20 m breit, aus hellem massivem Fichtenholz und einer schönen, weichen Matratze.

An einer der Wände war ein großes Bücherregal montiert. Seine Eltern hatten wohl an alles gedacht. Luki war ihnen sehr dankbar dafür, dass sie versuchten, ihnen den Start in ihr neues Leben zu erleichtern.

Er ging wieder ins Erdgeschoss und umarmte seine Eltern.

»Danke für das Hochbett«, sagte er, »das ist einfach supertoll. Und auch das Regal ist klasse, da hab ich jede Menge Platz für meine Bücher.«

Seine Mutter lächelte ihn an.

»Es ist schön, dass wir das Richtige erwischt haben und es dir gefällt. Und was sagt ihr zu euren Zimmern?«, fragte sie die Mädchen, die gerade die Treppe heruntergekommen waren.

»Echt super«, entgegnete Sofia. »Weiß ist meine Farbe.«

»Und bei mir ist alles so schön pink und lila.« Carina tanzte im Zimmer umher und sang: »Pink und lila, pink und lila, pink und lila!«

»Haben wir Gläser, Gabi?«, fragte Antonio seine Frau.

»Im Schrank stehen im Moment nur Sektgläser«, antwortete sie, »alle anderen sind noch verpackt.«

Antonio goss Orangensaft in fünf der Gläser.

»Kommt, wir stoßen an!«, rief er.

Sie bildeten einen Kreis und umarmten sich. Dann stießen sie miteinander an und Luki sagte laut:

»Auf die Familie Luna und ihr neues Leben!«

3

Paula

Während seine Schwestern wieder in ihre neuen Zimmer hinaufstiegen, ging Luki in den Garten zurück. Er blickte zum Nachbarhaus hinüber. Das Mädchen, das noch immer auf der Schaukel saß, übte eine ungewöhnliche Anziehungskraft auf ihn aus. Langsam ging er näher.

»Hallo!«, rief er dem Mädchen zu.

»Hallo! Komm doch her!«, rief das Mädchen zurück und winkte mit beiden Händen.

Luki betrat das Nachbargrundstück.

»Ich bin Luki«, stellte er sich vor, als er bei der Schaukel war.

»Ich bin Paula«, sagte das Mädchen und schaute ihn an. Paula hatte faszinierende Augen, in einem Grünblau, wie ein Gebirgssee, tief und unergründlich.

Dieses Mädchen war etwas Besonderes, das spürte er.

Schließlich sagte er:

»Nett, dich kennenzulernen. Wir sind ja jetzt Nachbarn und vielleicht können wir auch Freunde werden.«

»Ja, das wäre schön.« Paula deutete auf den Platz neben sich. »Setz dich doch!«

Luki setzte sich neben Paula und sie schaukelten ein paarmal hin und her.

»Wo kommt ihr her?«, fragte sie.

»Aus Bozen, das ist in Südtirol«, erzählte Luki. »Wir sind hergezogen, weil mein Papa jetzt in Klerstadt arbeitet. Er ist Italiener, meine Mama ist von hier.«

»Deine Mama ist sehr hübsch«, meinte Paula, »und jung. Wie alt bist du eigentlich?«

»Im März zehn geworden. Und du?«

»Auch zehn. Seit dem 5. Mai.«

»Ist ja super. Da könnten wir im Herbst, wenn die Schule wieder anfängt, in dieselbe Klasse gehen.«

»In welche Schule wirst du denn kommen?«

»Papa meinte, ich soll ins Gymnasium in Klerstadt.«

»He, da werde ich auch hingehen!«

»Toll«, freute sich Luki, »es ist schön, wenn man schon jemanden kennt, überhaupt, wenn man komplett neu ist. Sofia ist zwölf, sie kommt in die Siebente. Und Carina, unsere Kleine, wird die Grundschule in Siebenwald besuchen, sie ist erst sechs.«

»Magst deine Schwestern?«

»Ja, sehr. Auch wenn sie mir manchmal tierisch auf die Nerven gehen.«

»Das ist schön«, meinte Paula, »ich mag meine Geschwister auch.«

»Wie viele hast du denn?«, wollte Luki natürlich wissen.

»Da gibt es Benni, meinen kleinen Bruder, ein richtiger Wirbelwind, die meiste Zeit fröhlich und lustig. Er ist sechs und wie Carina ein Schulanfänger.«

»He, dann sind die zwei ja auch gemeinsam in einer Klasse. Hoffe, sie vertragen sich.«

»Ach, weißt du, Benni hat noch nie Probleme mit anderen Kindern gehabt, er spielt mit jedem.«

Paula machte eine kurze Pause.

»Und dann gibt es noch Mia, meine große Schwester, sie ist schon fünfzehn. Aber sie lebt nicht hier bei uns.«

»Wo dann?«, fragte Luki.

»Bei Papa in Klerstadt. Meine Eltern sind geschieden. Aber Mia ist oft da, an manchen Wochenenden und auch sonst einmal ein paar Tage. Mia ist cool.«

Luki blieb eine Weile still und überlegte.

»Ich kann mir das gar nicht vorstellen, dass meine Eltern sich trennen«, sagte er schließlich. »Wie war das für dich? Tut es noch weh?«

»Jetzt nicht mehr«, meinte Paula, »es ist jetzt schon ungefähr vier Jahre her. Am Anfang war’s schon schlimm. Aber mit der Liebe ist das eben so eine Sache, hat mir Mama damals gesagt.«

Wieder schwiegen die Kinder.

Plötzlich hörten sie Antonios Stimme: »Luki, bist du da irgendwo?«

Luki schaute zu ihrem neuen Haus hinüber und sah seinen Vater vor der Garage stehen.

»Ich bin hier, Papa!«, rief er.

»Mama hat Spaghetti gekocht!«, rief sein Vater zurück. »Komm essen!«

Luki schaute Paula an und fragte: »Ist deine Mama eigentlich da?«

»Nein«, antwortete sie, »sie ist mit Benni in der Stadt. Die beiden kommen erst später heim. Ich bin es gewohnt, öfters allein zu sein.«

»Hast du Hunger?«

»Ja, schon ein bisschen.« Paula dehnte das Ja ziemlich aus.

»Magst du Spaghetti?«

»Jaa.« Dieses Ja war noch gedehnter als das vorhin.

Luki nahm Paulas Hand und zog sie von der Schaukel.

»Dann komm mit! Mama kocht leckere Spaghetti, und es gibt immer genug davon.«

»Meinst du, das geht? Was wird deine Familie sagen, wenn du gleich am ersten Tag jemanden zum Essen mitbringst?«

»Ah, das ist kein Problem, meine Leute sind ganz easy. Du wirst sehen, sie werden dich alle mögen.«

Hand in Hand, so, als würden sie sich schon ewig kennen, gingen die beiden Kinder zum Luna-Haus.

Als Luki und Paula die Küche betraten, war seine Mutter gerade dabei, den Tisch zu decken.

»Wen hast du denn da mitgebracht?«, fragte sie, als sie die beiden Kinder bemerkte.

»Ich bin Paula Silberstein«, sagte Paula höflich und gab Lukis Mama die Hand. »Ich wohne mit meiner Mutter und meinem Bruder im Haus nebenan.«

»Oh, das ist ja schön, Nachbarn zu haben, wo es auch Kinder gibt«, meinte Lukis Mutter fröhlich. »Wir haben drei. Ich heiße übrigens Gabi.«

In diesem Moment betrat Lukis Vater die Küche. Als er Paula bemerkte, machte er ein erstauntes Gesicht und sagte:

»Oh, Luki Luna, ti si perde un attimo di vista e gia torni con una bella ragazza!«

»Papa, stai zitto, prego!«, rief Luki.

Paula schaute Antonio an.

»Das war jetzt italienisch, oder? Hört sich so an wie bei unserem letzten Urlaub in Bibione.«

»Ja, war es«, hörte sie ein Mädchen sagen, das unbemerkt in die Küche gekommen war. »Hallo, ich bin Sofia, die große Schwester. Und Papa hat gesagt, dass Luki sofort ein nettes Mädchen mitbringt, kaum, dass man ihn aus den Augen lässt.«

»Na ja, ist doch wahr«, grinste der Vater. Er trat zu Paula und schüttelte ihr die Hand. »Willkommen im Hause Luna. Ich bin Lukis Vater, du kannst Antonio zu mir sagen. Und diese freche junge Dame«, er deutete auf Sofia, »ist unsere älteste Tochter.« Er blickte sich suchend in der Küche um. »Carina, unsere Jüngste, scheint noch nicht hier zu sein. Obwohl sie sonst immer die Erste ist, wenn es etwas zu essen gibt.«

»Antonio, sei impossibile«, sagte Gabi und strich ihrem Mann liebevoll über die Wange. »Willst du mit uns mitessen, Paula?«

»Gern, wenn ich nicht störe«, meinte Paula.

»Aber überhaupt nicht, wir freuen uns«, sagte Gabi. »Luki, hol noch ein Gedeck!«

Luki holte Teller und Besteck und stellte alles auf den Tisch. Im Vorbeigehen flüsterte er Paula ins Ohr: »Mama hat vorhin gemeint, Papa sei unmöglich.«

Die beiden Kinder grinsten übers ganze Gesicht.

Die Mutter teilte die Spaghetti aus.

Sofia ging zur Tür und rief:

»Carina, wir essen!«

»Komme gleich!«, tönte es von oben.

Wenige Augenblicke später stürmte Carina wie ein kleiner Wirbelwind in die Küche.

»Bin schon da, bin schon da«, sang sie und drehte sich im Kreis. Plötzlich hielt sie inne, sie hatte Paula entdeckt. »Wir haben uns vermehrt«, stellte sie fest.

»Ja, da staunst du, was?«, sagte Luki. »Das ist Paula, sie wohnt im Nachbarhaus.« Danach wandte er sich zu Paula und deutete auf Carina. »Und das ist unsere Jüngste, meine anstrengende, aber trotzdem liebe kleine Schwester Carina, wie du siehst, immer in Bewegung.«

Carina drehte sich noch einmal im Kreis, machte dann einen Knicks und sagte mit verstellter Stimme:

»Ich bin hocherfreut, deine Bekanntschaft zu machen.«

Paula stand auf und verbeugte sich tief.

»Die Freude ist ganz auf meiner Seite. Darf ich mich verstellen: Ich bin Paula Silberstein.«

»Und ich Carina Luna.«

Dann lachten die beiden Mädchen laut und alle lachten mit.

»Jetzt esst aber eure Spaghetti«, mahnte Gabi schließlich, »sonst sind sie kalt, bevor ihr überhaupt angefangen habt.«

Eine Weile war es still und der Nudelberg auf jedem Teller wurde rasch kleiner.

»Wohnen noch mehr Kinder in eurem Haus?«, wollte Carina von Paula wissen.

»Ich habe eine große Schwester, sie heißt Mia und ist fünfzehn, aber sie ist die meiste Zeit in Klerstadt bei meinem Vater. Meine Eltern sind nämlich geschieden.« Sie schaute kurz zu Lukis Eltern. »Aber mein kleiner Bruder Benni lebt mit Mama und mir nebenan, er ist so alt wie du. Ihr werdet im Herbst gemeinsam in der Siebenwalder Schule anfangen. Benni ist lieb, zumindest meistens, fröhlich und immer zu Späßen aufgelegt. Ich denke, ihr werdet euch gut vertragen.«

»Cool«, sagte Carina. »Ist Benni zu Hause?«

»Im Moment nicht, er ist mit Mama in die Stadt. Aber morgen kannst du ihn besuchen, wenn du magst.«

»Klar mag ich. Papa, Mama, darf ich morgen rübergehen und mit Benni spielen?«

»Nichts dagegen einzuwenden«, meinte Antonio.

»Im Gegenteil«, fügte Gabi hinzu, »es wäre doch toll, wenn ihr hier schnell Freunde finden würdet. Etwas Besseres kann euch doch gar nicht passieren.«

»Mir fällt gerade etwas ein«, sagte Antonio. »Ihr müsst noch eure restlichen Sachen aus dem Auto holen und in eure Zimmer tragen.«

»Okay, machen wir«, meinte Sofia.

»Kann ich helfen?«, fragte Paula, als sie vor dem Haus neben dem Auto standen.

»Eh, das wär super!« Luki griff in den Kofferraum und holte einen speziell geformten Koffer heraus.

»Eine Gitarre!«, rief Paula.

»Ja, das ist mein Baby«, sagte Luki und legte den Koffer in Paulas Hände. »Pass gut darauf auf!«

Paula trug die Gitarre ins Haus. Gabi, die gerade aus der Küche kam, schaute sie erstaunt an.

»Luki hat dir tatsächlich seine Gitarre zum Hinauftragen gegeben? Die gibt er nur selten aus der Hand, das ist ein großer Vertrauensbeweis. Er muss dich gleich ins Herz geschlossen haben.«

Paula lächelte, sagte aber nichts und ging mit der Gitarre nach oben. Im oberen Stock traf sie Sofia, die auch ein wenig überrascht war, als sie Paula mit dem Instrumentenkoffer auf den Armen sah.

»Da ist Lukis Zimmer«, sagte sie und deutete auf eine der vier Türen.

Paula trat ein und sah sich um. Ihr gefiel der Raum auf Anhieb, er hatte eine sehr gemütliche Ausstrahlung. Sie legte den Gitarrenkoffer vorsichtig auf den Boden, setzte sich auf den Drehsessel und betrachtete das leere Bücherregal. Sie war ganz in Gedanken versunken, als Luki in sein Zimmer kam.

»He, träumst du?«, fragte er mit einem Grinsen im Gesicht.

Paula schaute auf.

»Dein Zimmer ist super, das würde mir auch gefallen.

Das Hochbett ist erste Sahne.«

»Ja, so eines hab ich mir schon lange gewünscht, es ist schön breit. Und unten drunter ist jede Menge Platz.«

»Und wer ein so riesiges Bücherregal hat, besitzt wahrscheinlich auch jede Menge Bücher«, meinte Paula. »Ich selbst hab auch viele, weil ich so gern lese, schon seit der ersten Klasse.«

»Meine Bücher kommen zusammen mit den noch fehlenden anderen Sachen morgen mit der letzten Lieferung der Spedition«, erklärte Luki. »Sie hatten keinen Platz in unserem Auto.«

»Du spielst Gitarre?«, fragte Paula.

»Ja, schon lange. Musik ist eines meiner größten Hobbys. Ich hab auch schon versucht, Lieder zu komponieren, aber das ist nicht so einfach. Und du?«

»Was, Lieder komponieren?«

Luki lächelte. »Nein, ich meine, wie hast du es mit der Musik?«

»Oh, ich liebe Musik.« Paula lächelte zurück. »Und ich hab mal Flöte gespielt. Und ich singe gern. In der Grundschule war ich drei Jahre im Schulchor.«

»Vor ein paar Monaten hab ich versucht, ein Lied für den Muttertag im Mai zu schreiben. Aber ich hab’s nicht hingekriegt. Vielleicht nächstes Jahr.«

Paula legte kurz ihre Hand auf Lukis Schulter.

»Das nächste Mal schaffst du’s bestimmt. Manche Dinge brauchen eben seine Zeit.«

Die Kinder schwiegen eine Weile. Plötzlich hörten sie den Motor eines vorbeifahrenden Autos. Paula ging zum Fenster und schaute hinaus.

»Ah, Mama ist zurück«, sagte sie, »ich muss heim.« Sie schaute Luki an. »Hast du Lust, morgen was gemeinsam zu unternehmen?«

»Klar doch«, antwortete Luki.

»Dann also bis morgen«, sagte Paula und verließ das Zimmer.

»Paula ...!«, rief ihr Luki nach.

Sie kam zurück und steckte ihren Kopf durch die Tür.

»Jaaa?«

»Ich finde es schön, dass wir uns kennengelernt haben.« Er schaute in ihre grünblauen Augen.

Sie schenkte ihm ein Lächeln.

»Ich auch«, sagte sie. Dann war sie weg.

4

Lunas und Silbersteine

Als Luki am nächsten Morgen aufwachte, wusste er im ersten Moment gar nicht, wo er eigentlich war. Es war schon zehn Uhr, er hatte fast elf Stunden geschlafen, das kam nur sehr selten vor. Aber er war wegen der langen Fahrt auch echt müde gewesen.

Er ging ins Bad, spritzte sich kaltes Wasser ins Gesicht und putzte seine Zähne. Dann ging er hinunter und steckte seinen Kopf durch die Küchentür.

»Na, du Langschläfer, auch schon auf?«, begrüßte ihn seine Mutter mit einem Lächeln. »Schau, wer da ist!«

Am Tisch saßen Paula, ein kleiner Junge und eine hübsche, sehr symphatisch wirkende Frau.

Paula sprang auf und lief zu ihm. Sie nahm ihn bei der Hand und zog ihn zum Tisch.

»Schau Mama, das ist Luki«, sagte sie, »wir sind Freunde seit gestern. Und das«, sie drehte sich zu Luki um, »sind meine Mama und mein Bruder Benni.«

Paulas Mama stand auf und schüttelte Lukis Hand.

»Hallo Luki, ich freue mich, dich kennenzulernen.« »Gleichfalls, Frau Silberstein«, sagte Luki höflich.

»Sag doch einfach Klara zu mir, wir werden uns jetzt sicher öfters sehen und hoffentlich gute Freunde werden. Es ist schön, dass Paula jemanden in ihrem Alter hat, der so nahe bei uns wohnt. Und für unseren Benni und eure Carina ist es ja auch super.«

Der kleine Junge stand auf.

»Benni bin ich«, sagte er und klopfte sich mit der flachen Hand auf die Brust.

»Hallo Kleiner!«, sagte Luki grinsend.

»Ich bin nicht klein«, meinte Benni und zog ein beleidigtes Gesicht, »ich bin schon sechs! Und im Herbst komme ich in die Schule.«

»He, ist ja toll! Ich kann mich noch gut an meinen ersten Schultag erinnern, ich hatte eine Schultüte, die war soo groß.« Luki zeigte mit seinen Händen einen Abstand von mindestens einem Meter.

In diesem Moment kam Carina herein, bekleidet mit einer kurzen Hose und einem pinkfarbenen T-Shirt und barfuß.

»Guten Morgen, Kleines«, murmelte Luki und fuhr seiner Schwester mit der Hand durch das Haar.

Benni war aufgesprungen.

»Bist du fertig?«, fragte er. »Komm, ich zeig dir unser Haus und unseren Garten.«

»Ich bin drüben!«, rief Carina ihrer Mutter zu und rannte hinter Benni her, der schon losgelaufen war.

»Auch ein kleiner Wirbelwind.« Klara lächelte. »Genau wie unser Benni.«

»Die beiden werden sicher viel Spaß miteinander haben«, ergänzte Gabi.

Sofia, die ebenfalls am Tisch saß, meinte:

»Es ist nur schade, dass es für mich niemanden gibt. Es wäre schön, eine Freundin gleich nebenan zu haben.«

Klara schaute Sofia an.

»Meine große Tochter Mia lebt die meiste Zeit bei ihrem Vater in Klerstadt. Na ja, sie ist auch schon fünfzehn, also würdet ihr wahrscheinlich ohnehin nicht so gut zusammen passen.«

»Ich bin überzeugt davon, dass du auch bald neue Freunde finden wirst«, meinte Gabi und strich ihrer Tochter liebevoll über die Wange.

»Hoffe schon«, sagte Sofia, »auf einen einsamen Sommer hab ich nämlich keinen Bock.«

»He Sofia, du wirst nicht einsam sein, wenn du es nicht willst«, bemerkte Paula, »wir sind ja auch noch da.«

»Genau«, ergänzte Luki, »und du kannst ja auch bei uns mit dabei sein. Auch wenn du schon so eine alte Schachtel bist.« Er grinste seine Schwester an.

Sofia puffte Luki auf den Oberarm.

»Sei ja vorsichtig mit dem, was du sagst, kleiner Bruder«, meinte sie und grinste zurück, »sonst wird die große Schwester dir mal zeigen, wer von uns beiden stärker ist.«

Luki ging zu ihr und umschlang sie von hinten, sodass sie ihre Arme nicht mehr bewegen konnte.

»Luki!«, rief sie. »Lass mich sofort los, sonst setzt es was! Dann wird die Rache furchtbar sein!«

Mit einem wilden Ruck befreite sie sich, drehte sich um und rieb Lukis Ohren mit ihren Händen. Dann lachte sie und lief aus der Küche.

»Sie veräppeln sich ständig«, sagte Gabi, »aber wenn es darauf ankommt, halten sie immer zusammen.«

»Ja, das ist zu sehen«, entgegnete Klara, »du hast wirklich eine tolle Familie.«

»Du doch auch«, meinte Gabi. »Ich glaube, wir werden alle richtig gute Freunde werden.«

Paula stand auf und blickte Luki an.

»Wollen wir was unternehmen?«

»Gern«, antwortete Luki, »was schlägst du vor?«

»Ich zeig dir zuerst mal unser Haus und mein Zimmer, und dann könnten wir mit den Fahrrädern ein bisschen in der Gegend umherfahren.«

»Klingt gut.«

»Hast du ein Rad?«

»Ja, unsere Räder sind schon letzte Woche gebracht worden, sie müssten in der Garage sein.«

»Na, ist doch super. Dann komm!«

»Um zwei muss ich aber wieder da sein, da kommt die Spedition. Alle meine Bücher müssten dabei sein.«

»Ich kann dir beim Rauftragen helfen, wenn du willst.«

»Das wollte ich gerade vorschlagen.« Luki grinste.

»Ich bin dann mal weg. Ist das okay, Mama?«

»Geht nur. Ich weiß ja, dass ich mich darauf verlassen kann, dass du nichts Verbotenes oder Gefährliches machst. Und verlaufen wirst du dich wohl nicht, du hast ja eine Führerin bei dir, die ortskundig ist.«

»Ja, das ist sie wohl«, merkte Klara an.

»Ich lebe ja auch schon lange genug hier.« Paula nahm Luki bei den Schultern und drehte ihn in Richtung Tür. »Wir lassen unsere Mütter mal in Ruhe ihren Kaffee trinken. Bis später!«

Die Kinder verließen die Küche und die beiden Frauen blieben alleine zurück.

Als Paula und Luki beim Nachbarhaus ankamen, saß Carina auf der Schaukel im Garten. Benni stand hinter ihr und schubste sie an.

»He Luki, schau, wie hoch ich schaukeln kann!«, schrie Carina und warf ihre Beine in die Luft.

»Ja toll, aber pass auf, dass du nicht auf dem Boden landest!«, rief Luki ihr zu.

Dann folgte er Paula ins Haus. Es war etwas kleiner als das der Lunas, wirkte aber sehr gemütlich. Sie gingen zuerst durch die Küche und das Wohnzimmer, danach sagte Paula:

»Komm, ich zeig dir den Keller.« Dort befand sich eine große Werkstatt.

»Die hat Papa noch eingerichtet«, erklärte Paula. »Hier bin ich oft und werke herum, meistens allein, manchmal mach ich was zusammen mit Benni.«

»Echt cool«, staunte Luki. »Die Werkstatt ist super ausgestattet. Was hat dein Papa für einen Beruf?«

»Er ist Kfz-Meister in einem Autohaus in Klerstadt.«

»Meiner ist bei >Digitrent<. Kennst du die Firma?«

»Sicher, ist ja eine große. Was wird dort gemacht?«

»Weißt du, >Digitrent< arbeitet an der Entwicklung von elektrischer Mobilität, zum Beispiel Elektrofahrzeuge aller Art, vom Dreirad bis zum Lkw. Seit einigen Jahren stehen auch selbstfahrende Autos auf dem Programm.«

»Ui, das klingt ja spannend!«

»Ist es auch. Leider weiß ich nicht alles drüber, manches ist ziemlich geheim, und Papa darf es uns nicht erzählen. Aber er hat gesagt, wir können ihn mal in der Firma besuchen. Willst du mit?«

»Echt? Das würde ich total gern.« Paula war ganz begeistert.

»Dann rede ich mit Papa, ich glaube, das wird sicher klappen in der nächsten Zeit.«

Die Kinder verließen den Keller und stiegen die Treppe in das Obergeschoss hinauf. Da gab es drei Zimmer und ein Bad.

»Geradeaus ist das Zimmer von Mama«, erklärte Paula, »hier rechts wohnt Benni und da geht’s zu mir.«

Sie betrat das Zimmer auf der linken Seite und machte eine einladende Geste mit der Hand.

»Willkommen in meinem Reich!«

Luki betrat das Zimmer und schaute sich um. Es war recht groß und gemütlich eingerichtet. Unter dem Fenster stand ein Schreibtisch mit allerlei Krimskrams darauf, Schreibutensilien und natürlich auch einem Computer. Gegenüber gab es ein Bücherregal.

»Du hast ja auch so viele Bücher wie ich«, staunte er, »scheinst wohl gern zu lesen, so wie ich.«

»Oh ja, immer schon«, sagte Paula, »ich verschlinge das meiste, was mir so unterkommt. Mich interessiert fast alles.«

»So wie bei mir. Ich verschlinge auch alle Bücher. Sogar die meiner Schwestern. Du wirst es sehen, wenn du mir später beim Reintragen hilfst.«

Luki schaute sich weiter um. Im Zimmer befanden sich zwei Betten, eines an der Wand rechts vom Fenster, das zweite an der Wand gegenüber.

»Du hast zwei Betten.« Lukis Kommentar klang eher wie eine Frage.

»Ja, wenn Mia da ist, schläft sie hier. Und wenn du mal bei mir schlafen willst, kannst du das Bett haben. Ich werde sie fragen, ob das für sie okay ist, aber das wird sicher kein Problem sein.«

»Und was sagt deine Mama dazu?«, fragte Luki.

»Oh, die ist cool. Wenn meine Leistungen in der Schule stimmen und ich mich an unsere Vereinbarungen halte, kann ich eigentlich mein Leben ziemlich selbst bestimmen.«

Luki dachte nach.

»Ja, wenn ich so drüber nachdenke, kann ich das eigentlich auch. Ich mache viel ganz selbstständig, und meine Eltern lassen mich auch.«

»Dann sind deine Eltern ja auch cool.«

»Ja, die meiste Zeit schon.«

»Okay, genug geredet«, sagte Paula schließlich, »lass uns die Räder holen und ein bisschen herumfahren.«

Die Kinder rannten hinunter. Während Luki zu sich nach Hause lief, schob Paula ihr Rad aus der Garage und fuhr los. Als sie zum Nachbarhaus kam, stand er schon fahrbereit auf der Straße.

»Auf geht’s«, sagte er.

5

Familienangelegenheiten

Eine knappe Stunde später hielten sie vor einem grünen Einfamilienhaus, das auf einer kleinen Anhöhe stand. Sie waren durch Siebenwald gefahren und Paula hatte Luki den Ort gezeigt. Viel gab es ja nicht zu sehen, die Kirche, den Kindergarten, die Grundschule, das Gemeindeamt und einen kleinen Lebensmittelladen.

»Früher hatten wir auch noch eine Bank und eine Post«, hatte Paula erzählt, »aber die wurden schon vor einiger Zeit geschlossen. Es zahlt sich nicht aus, wurde berichtet. Wenigstens haben wir dieses kleine Geschäft, aber wer weiß, wie lange noch.«

Dann waren sie noch ein wenig durch die Gegend gefahren, ein wenig bergauf, ein wenig bergab, und nun standen sie schwitzend vor diesem grünen Haus.

»Hier wohnt meine beste Freundin Leonie«, erklärte Paula. »Schauen wir mal, ob sie zu Hause ist.«

Sie stiegen von den Rädern und stellten sie auf die Ständer.

Gerade, als sie auf die Haustür zusteuerten, öffnete sich diese und ein schlankes, blondes Mädchen trat heraus.

»Hallo Leonie!«, rief Paula.

»Selber hallo!«, rief Leonie zurück.

Die Mädchen umarmten sich. Leonie war etwas größer als Paula und trug ihre Haare schulterlang.

»Und wer ist das?« Sie sah Luki fragend an.

»Er war auf einmal da.«

»Wie jetzt?«

Luki schaute Leonie an, entdeckte ganz viele Sommersprossen in ihrem Gesicht und fand sie auf Anhieb sympathisch.

»Paula hat recht, ich war auf einmal hier. Ich bin Luki Luna, gerade von Südtirol hierher gezogen. Wir sind die neuen Nachbarn der Silbersteine.«

»Silbersteine ist gut.« Leonie kicherte. »Ich heiße Gruber, das ist leider kein so toller Name wie Luna oder Silberstein. Heißt >luna< nicht Mond?«

»Ja, >luna< ist der Mond. Mein Vater ist ein echter Italiener, meine Mutter ist von hier.«

»Dann kannst du Italienisch?«

»Un poco - ein bisschen«, sagte Luki und grinste.

»Das ist wohl die Untertreibung des Jahres, natürlich kann er«, sagte Paula und puffte ihn in die Seite. »Aber jetzt sollten wir fahren, sonst kommen wir zu spät. Wir müssen nämlich noch Bücher schleppen«, fügte sie zu Leonie gewandt hinzu.

»Hä?«

»Die Spedition kommt bald mit unseren letzten Sachen«, erklärte Luki, »und da sind meine Bücher dabei. Paula hat sich freundlicherweise bereit erklärt, mir beim Hineintragen und Einsortieren zu helfen.«

»Da siehst du’s«, stöhnte Paula, »kaum krieg’ ich einen neuen Nachbarn, werde ich schon zum Arbeiten verdonnert.«

»Ach, du Arme«, spottete Leonie spaßhaft, »ich glaube, du wirst es überleben. Na, dann tschüss, ihr zwei, man sieht sich!«

»Ja klar, bis dann«, verabschiedete sich Luki.

Paula zwinkerte Leonie zu.

»Bis bald!« Sie drehte sich zu Luki um. »Wer ist Erster bei eurem Haus? Gilt’s?«

»Du hast so was von keine Chance!«

»Werden wir ja sehen.«

Die Kinder traten in die Pedale und erreichten nach einer knappen Viertelstunde ziemlich gleichzeitig, außer Atem und völlig verschwitzt ihr Ziel.

»Unentschieden, einverstanden?«, japste Paula.

»Klar doch«, keuchte Luki und hob die rechte Hand.

Sie klatschten sich ab.

»Ich komm dann später wieder rüber«, sagte Paula beim Wegfahren.

Luki stellte sich unter die Dusche und zog frische Sachen an. Anschließend ging er in die Küche und trank ein Glas Wasser.

Gabi kam herein. »Ah, du bist wieder da. Hast du ein bisschen was von unserer neuen Heimat gesehen?«

»Ja, habe ich. Wo ist Papa?«

»Er hat eine Besprechung in der Firma, aber er müsste eigentlich bald wieder da sein. Die Spedition ...« Sie wurde durch ein Hupen im Hof unterbrochen. »Das müssten sie sein.«

Sie gingen hinaus. Vor dem Haus stand ein großer weißer Lieferwagen. Der Fahrer stieg aus und grüßte.

»Wir bringen die letzten Sachen, Frau Luna«, sagte er.

Die Kartons wurden ausgeladen und im Hof aufgetürmt, danach fuhr der Lieferwagen fort.

Luki holte Sofia und Carina, und sie begannen, die Schachteln zu öffnen.

»Na Luki, wollte dir deine neue Freundin nicht helfen?«, fragte Sofia mit ein bisschen Spott in der Stimme. »Arbeit ist wohl nicht so ihres, oder?«

»Ja, meinst du?« Paula stand plötzlich neben ihnen. Keiner hatte sie kommen gehört. »Wenn ich was verspreche, halte ich es auch.«

»Hi du«, sagte Sofia und klopfte ihr anerkennend auf die Schulter, »war nicht so gemeint. Ich finde es toll, dass du da bist.«

»Und ich erst«, freute sich Luki. »Schau, da sind die zwei Kartons mit meinen Büchern.«

Sie trugen sie in sein Zimmer und ordneten die Bücher ins Regal.

»Du hast ja auch eine Menge Filme!« Paula hatte eine ganze Reihe von DVDs entdeckt. »Da sind ja einige tolle Sachen dabei. >Wilde Hühner<, >Wilde Kerle<, >Fünf Freunde<, >Vorstadtkrokodile< - die Krokodile hab ich auch. Super Geschichten!«

»Finde ich auch. Ein bisschen Sport, viel Musik, Bücher lesen und Filme gucken, das sind meine Haupthobbys. Einmal mitspielen in so einem Film, das wär’s.«

»Ich find’s toll, wie gut die Kinderdarsteller spielen.«

»Ja, die haben schon was drauf«, meinte Luki. »In einem Interview sagt Nick, das ist der, der bei den >Vorstadtkrokodilen’ den Hannes spielt, dass er die meisten Stunts selber macht, zum Beispiel die Szene auf dem Dach. Du weißt schon, die Mutprobe im ersten Teil.«

Nachdem Paula nichts mehr sagte, schaute Luki zu ihr hin und sah, dass sie gedankenverloren auf dem Boden hockte und das Buch betrachtete. Er klopfte ihr auf den Rücken.

»Na, der gefällt dir wohl, der Hannes«, meinte er und grinste.

Sie schaute ihn an und sagte:

»Ja, der ist schon cool. Aber was ich wirklich schön finde, ist die Freundschaft, die man da sieht. Bei allem Streit, den es manchmal gibt, wenn es darauf ankommt, sind sie füreinander da und helfen sich gegenseitig.«

»Hast recht«, meinte Luki nachdenklich, »Familie und Freunde sind das Wichtigste im Leben.«

»Genau. Und deswegen mag ich die Filme am liebsten, bei denen das so gut rauskommt. Kennst du eigentlich die >Pfefferkörner<?«

»Klar!« Luki lachte. »Hat meine Mama im Schrank bei den Gewürzen.«

»Blödmann!« Auch Paula lachte. »Du weißt, dass ich nicht die Gewürze meine.«

»Ja, natürlich weiß ich das. Du meinst die Kinderserie im deutschen Fernsehen. Bin ein Fan, hab alle Folgen gesehen.«

»Ja, ich auch. Tolle Kinder, tolle Schauspieler. Und bei allen Problemen, am Ende zählen Freundschaft und Zusammenhalt.«

»So, wie es auch im wirklichen Leben sein sollte.«

»Ja, das würde ich mir wünschen.«

»Ich mir auch. Spielt es nur leider nicht immer.«

Die Kinder schwiegen eine Weile und stellten die letzten Bücher und DVDs in das Regal.

»Kinder«, erklang Gabis Stimme von unten, »es ist schon fünf Uhr vorbei. Habt ihr keinen Hunger?«

Paula und Luki hoben die Köpfe. Sie hatten gar nicht gemerkt, wie viel Zeit inzwischen vergangen war.

»Wir kommen!«, rief Luki. »Wohin mit den Kartons?«

»In den Keller!«, kam die Antwort.

Die Kinder stiegen mit den Schachteln die Stufen zum Keller hinunter. Hier war Luki noch gar nicht gewesen, den hatte er bisher ganz vergessen.

Sie stellten die Kartons in den Abstellraum auf der linken Seite und schauten sich dann ein wenig um. Es gab hier drei Räume. Am interessantesten war der größte davon, so etwas wie ein Freizeitraum, in dem sich zwei Duschen,ein paar Wellnessliegen und eine Sauna befanden.

»Groß genug für eine Mega-Party«, meinte Luki.

»Cool, eine Sauna!« Paula staunte. »Na, ihr müsst ja reich sein!«

»Ja klar.« Luki grinste. »Aber so was von!«

Er öffnete die Glastür der Sauna und die Kinder schauten hinein. »Da können wir es uns im Winter ja manchmal schön warm und gemütlich machen, wenn draußen Minusgrade sind«, meinte er.

»Na, vielleicht lädst du mich ja dann dazu ein.«

Er nickte. »Aber klar doch, wenn du schön bitte sagst.«

Als die Kinder wieder nach oben kamen, deckte Gabi gerade den Tisch. Sie stellte eine Schüssel mit Wurstsalat und eine Kanne Tee auf den Tisch.

»Kommt, setzt euch, Kinder, und bedient euch«, sagte sie, »es ist genug da.«

Paula bedankte sich. Etwas später fragte sie: »Habt ihr eigentlich kein Tier?«

»Im Moment nicht«, antwortete Gabi, »dabei mögen wir Tiere. Früher hatten wir mal einen Hund, aber er ist leider von einem Auto überfahren worden. Vielleicht haben wir ja auch deswegen im Moment kein Tier.«

Paula überlegte und nickte dann. »Ich glaube, ein Tier zu verlieren, an dem man hängt, ist sicher total schlimm. Ich habe einen Goldhamster, den ich sehr mag. Er heißt Willi.«

»Eh, du hast einen Hamster?«, fragte Luki erstaunt. »Warum hab ich den bei dir nicht gesehen?«

»Momentan ist er bei meiner Schwester Mia. Ich hab ihn ihr geborgt, weil sie in der Schule ein Referat über Hamster gehalten hat.«

»Wann kann ich ihn denn sehen?«

»Gleich heute Abend, wenn du willst. Mein Vater kommt nämlich vorbei und bringt Mia mit. Dann kann ich dir auch gleich den Rest meiner Familie vorstellen. Mia bleibt vielleicht ein paar Tage. Oder auch nicht, bei ihr weiß man das nie so genau. Sie ändert ihre Meinung manchmal innerhalb von Minuten.«

»Das kann man von Sofia auch haben«, sagte Luki und grinste, während er seine Schwester von der Seite ansah.

»Ha, da will einer wieder mal witzig sein«, konterte Sofia und puffte ihren Bruder in die Seite.

»Ja, ja, Geschwisterliebe!«, lachte Paula. Dann wandte sie sich an Gabi. »Danke für das Essen«, sagte sie, »es war sehr lecker. Aber jetzt sollte ich besser rübergehen, mein Papa wird bald da sein. Tschüss! Kommst du mit, Luki?«

»Ja klar.« Er stand auf und folgte Paula.

Kaum waren sie bei ihrem Zuhause angelangt, als schon ein großer schwarzer Wagen angefahren kam und vor dem Haus hielt. Auf der Fahrerseite stieg ein ungefähr vierzigjähriger Mann aus, der Paula ziemlich ähnlich sah.

»Papa!«, rief sie, rannte auf ihn zu und umarmte ihn stürmisch.

Paulas Vater hob sie hoch und drehte sich mit ihr im Kreis. »Hey, wie geht es meiner Paula denn?«, fragte er lachend und wirbelte sie ein weiteres Mal herum.

»Gut, Papa, alles gut, ein weiteres Schuljahr ist vorbei und der Sommer ist da! Und ich hab einen neuen Freund, im Nachbarhaus ist gestern eine Familie eingezogen, die Lunas, fünf Mann hoch!«

Bernd Silberstein setzte seine Tochter wieder ab und drehte sich zu Luki um, der abwartend ein paar Meter entfernt stand. Paula lief zu ihm, nahm ihn bei der Hand und zog ihn zum Auto.

»Papa, das ist Luki«, sagte sie.

Ihr Vater betrachtete Luki mit zur Seite gelegtem Kopf.

»Du bist also Paulas neuer Freund?«

»Ähh - ja, ich bin Luki Luna und wohne nebenan«, antwortete er, ein bisschen verunsichert.

»Hoffentlich benimmst du dich anständig«, sagte Paulas Vater mit ernstem Gesicht.

»Ähh - ja, sicher, Herr Silberstein.«

»He Papa!«, rief Paula.

Ihr Vater fing plötzlich an, laut zu lachen. Dann klopfte er Luki auf die Schulter und sagte:

»Keine Angst, war nur Spaß. Schön, dass ihr gut klarkommt miteinander. Paula sucht sowieso immer die richtigen Freunde aus. Und ich bin der Bernd, nicht der Herr Silberstein. Alles klar?«

»Alles klar, Herr - äh - Bernd.«

»Und mich habt ihr anscheinend komplett vergessen, oder?«, kam eine Stimme von der anderen Seite des Wagens.

Sie gehörte zu einem hübschen, schlanken Mädchen mit rötlichen, leicht gelockten langen Haaren, die neben der Beifahrertür stand.

Paula lief zu ihr und rief:

»Lass dich umarmen, Schwesterherz!« Sie schlang ihre Arme um sie. »Luki, das ist Mia, meine unvergleichliche große Schwester!«

Luki ging um das Auto herum und streckte Mia die Hand hin.

»Hi, ich bin Luki«, begrüßte er sie.

Mia stand da, ohne ein Wort zu sagen. Sie ergriff nicht seine Hand, sondern legte nur den Kopf schief und starrte ihn an. Auf einmal puffte sie ihn in die Seite.

»Erschreck dich nicht, Kleiner!«, sagte sie dann lachend. »Ich bin nur Paulas verrückte Schwester.«

»Ja, ja, verrückt, das kann man wohl sagen«, meinte Bernd kopfschüttelnd, konnte aber ein Grinsen nicht ganz unterdrücken.

»Denk dir nichts dabei, Luki«, sagte Paula, »das ist typisch Mia. Du kennst sie noch nicht, aber sie sorgt immer wieder mal für Überraschungen. Und wenn es darum geht, irgendeinen Unsinn zu machen, ist sie sicher vorn dabei.«

Luki hatte seine Überraschung überwunden und sagte zu Mia: »Dann werden wir beide sicher noch viel Spaß miteinander haben, denn beim Unsinnmachen bin auch ich super gut.«

»Na, du bist richtig«, lachte Mia und klopfte ihm auf die Schulter. Dann drehte sie sich um und öffnete die hintere Tür. »Jetzt wollen wir aber Willi seiner rechtmäßigen Besitzerin zurückgeben.«

Sie holte einen Käfig, der auf dem Rücksitz stand, aus dem Auto und gab ihn Paula.

»Mit Dank zurück«, sagte sie, »er hat mir zu einer Eins verholfen.«

Paula nahm den Käfig und bewegte sich in Richtung Haus. »Komm mit!«, rief sie.

Luki ging ihr nach. Sie lief ihm voraus in ihr Zimmer, stellte den Käfig auf einen Tisch und öffnete die kleine Tür. Sie griff hinein, und als sie die Hand wieder aus dem Käfig nahm, saß ein kleiner, niedlicher Goldhamster darauf.

»Darf ich vorstellen? Das ist Willi«, erklärte Paula, »er ist ungefähr ein Jahr alt und vierzehn Zentimeter groß. Er wiegt nur einhundertdreißig Gramm. Dafür ist er zutraulich und ganz lieb. Ich mag ihn sehr.«

Luki betrachtete den Hamster. Er war hellbraun und weiß, an der Halsgegend hatte er einen dunklen Streifen. Auch auf seinem Hinterkopf war ein ziemlich dunkler Fleck. Willi schaute ihn mit seinen schwarzen Augen an. Sie sahen aus wie Stecknadelköpfe.

»Willst du ihn mal halten?«, fragte Paula.

Luki nickte und sie legte den Hamster in seine Hand. Er streichelte ihn mit der anderen. Das schien Willi zu gefallen, denn er zitterte nicht und kuschelte sich in Lukis Hand.

»Na, du Kleiner, du bist ja ein ganz Süßer«, murmelte Luki und strich sanft über Willis Kopf.

»Schau, er mag dich«, meinte Paula, »das ist gut.«

»Ja, er ist lieb.« Luki setzte den Hamster behutsam auf den gut mit Gras und Stroh gepolsterten Boden des Hamsterkäfigs und schloss die Gittertür. Sie schauten noch zu, wie Willi in seinem kleinen Häuschen verschwand, und liefen dann in den Garten zurück.

»Papa, Papa!«, hörten sie plötzlich eine Stimme schreien.

Sie drehten sich um und sahen Benni, der gefolgt von Carina vom Luna-Haus geradewegs auf sie zurannte. Als er seinen Vater erreicht hatte, warf er sich in seine Arme. Bernd hob ihn in die Höhe und drehte ihn ein paarmal im Kreis.

»Na, wie geht’s denn meinem Großen?«, sagte er. »Hast wohl wieder viel Unsinn gemacht, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben!«

»Ich mach doch nie Unsinn!«, kreischte Benni. »Wir haben nur drüben gespielt. Und das ist meine neue Freundin, sie heißt Carina und ist eigentlich wie ein Junge. Mit ihr kann man echt gut spielen und sie hat vor nichts Angst.«

Bernd stellte Benni auf den Boden zurück und gab Carina, die inzwischen bei ihnen angekommen war, die Hand.

»Ist ja toll«, sagte er, »Freund oder Freundin ist ja wirklich total egal. Hauptsache, man hat Spaß miteinander. Stimmt’s, Carina? Ich heiße übrigens Bernd.«

»Hi Bernd«, antwortete Carina, »wir hatten schon richtig viel Spaß. Mit Benni ist es lustig. Ihm fällt immer was ein.«

»Das kann ich mir lebhaft vorstellen.«

»Kommt mit!«, rief Benni und lief mit Carina zur Schaukel.

»Wart mal kurz, ich bin gleich zurück«, sagte Paula zu Luki. »Muss schnell was mit Mia besprechen.«

Sie fand ihre Schwester in der Küche.

»Ich muss dich was fragen«, sagte sie zu ihr.

Mia schaute ihre Schwester an.

»Was gibt’s denn?«

»Vielleicht bleibt Luki mal über Nacht bei mir. Ist es dann okay, wenn er in deinem Bett schläft?«

Mia grinste.

»Er gefällt dir, nicht wahr?«

»Luki ist ein ganz besonderer Junge, das spür ich. Könnte also auch eine ganz besondere Freundschaft werden.«

»Klar kann er in meinem Bett schlafen, kein Ding. Solange ich auch noch irgendwo Platz habe.«

»Wenn du da bist, hast du natürlich das Vorrecht, ist ja klar.«

»Okay. Übrigens wird es wieder mal Zeit für einen Schwestern-Abend. Ich hab dir so viel zu erzählen. Hab einen neuen Freund, er heißt Johannes, aber alle nennen ihn Joe. Er ist total süß!«

Paula grinste. Sie kannte das. Wenn Mia von Jungs schwärmte, war sie meist schwer zu stoppen.

»Ja, wir machen heute mal einen Quatsch-Abend. Und hoffentlich hast du mit Joe, deinem Neuen, mehr Glück als mit seinem Vorgänger. Das ist ja nicht sehr lange gut gegangen.«