Luna - Joachim H. Böttcher - E-Book

Luna E-Book

Joachim H. Böttcher

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Beschreibung

Zürich in den 1920er Jahren. Achtzehn Monate sind seit Thomas Schnyders letztem spannenden Fall vergangen. Ebenso lange ist es her, dass ihm die Benediktinernonne Schwester Petula einen Korb gegeben hat. Nun steckt der erfahrene Ermittler der Zürcher Kantonspolizei ganz tief in einer Sinnkrise. Er fühlt sich plötzlich einfach nur noch leer und verbraucht. Dann landet plötzlich eine Leiche auf dem Seziertisch des Rechtsmediziners Prof. Dr. Hansruedi Vögeli. Was zunächst nach Herzversagen aussieht, entpuppt sich als Auftakt einer Serie von Morden an Männern. Kurze Zeit später sind auch deren Ehefrauen tot und werden grotesk zur Schau gestellt. Immer schneller schlägt der Täter zu. Doch was treibt den Mörder zu diesem makabren Spiel? Wird Thomas Schnyder einen Weg aus seiner depressiven Phase finden? Und haben er und sein Team überhaupt die nötigte Kraft und Motivation, diesen perfiden Mörder zur Strecke zu bringen?

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Seitenzahl: 490

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Ähnliche


Für Paula Niksch

(1. April 1911 – 14. März 1981)

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

Kapitel 53

Kapitel 54

Kapitel 55

1

Ein befriedigtes Lächeln zauberte ein paar Fältchen in Ueli Roths ohnehin vom Wetter zerfurchtes Gesicht. Er hatte das Hotel kurz nach Mitternacht verlassen. Eher aus Gewohnheit denn aus echter Notwendigkeit heraus zog er den leichten Wollmantel in den Nacken.

Der aussergewöhnlich strenge Winter Zürichs hatte sein weisses Gewand erst vor wenigen Wochen abgestreift. Bis auf einige frostige Ausnahmen, die den zarten Knospen der spriessenden Flora zusetzten, waren die Nächte inzwischen mild geworden.

Diese Nacht jedoch schien sich eher für ein Zwischending zwischen Frost und Milde entschieden zu haben. Diesig, ein wenig bedrohlichen Gespenstern gleich, zogen zarte Nebelschwaden vom schwarz daliegenden See suchend durch die Gassen.

Fast schien es, als wollten die amorphen Wesen, eingehüllt in ihre Schleier aus schmutzigem Weiss, allem Lebendigen die Saat des Verderbens einpflanzen. In phantastischen Formen aus undurchdringlichem Grau waberten sie vor dem voll und rund am dunklen Nachthimmel stehenden Mond, der alles in seinen majestätisch durch die Wolken hindurchfliessenden Glanz tauchte. Der Mond sah aus wie aus geschmolzenem Silber.

Die Wogen der erst kürzlich empfundenen Lust ebbten noch in Ueli ab und liessen ihn sich vergnügt die Hände reiben.

Dann machte er sich auf den Heimweg.

Heim zu seiner Frau.

Das gemeinsame Kind war inzwischen ausgeflogen und ging seine eigenen Wege.

Längst waren Ausbrüche aus der heimischen Tristesse wie dieser für Ueli zur Routine geworden. Die seiner Frau gegenüber angekündigten Touren durch die Kneipen des Zürcher Niederdorfs endeten inzwischen immer regelmässiger und früher in den Armen einer der zahlreichen Prostituierten. Manchmal starteten er und seine Kumpel ihre Abende gleich dort.

Doch heute war Ueli zur Abwechslung tatsächlich zunächst mit guten Freunden einen trinken gegangen. Heute Abend waren sie in die Oepfelchammer, das Oeli, gegangen. Wie einst die Studenten ölten sie dort ihre Stimmbänder in der ältesten Weinstube Zürichs.

Wo einst die gottesfürchtigen Frauen des Verenaklosters ihr Obst zum Dörren einlagerten, waren sie verstrickt in Gespräche, die alles andere als fromm waren.

Genau wie Ueli waren seine Kumpel, was die Inhalte der Gespräche anging, äusserst verschwiegen.

Dies galt besonders, wenn es um den Genuss von Frauen ging. Brünette, Blonde, Schwarzhaarige, Weisse, Schwarze, Gelbe?

Eine, zwei oder noch mehr gleichzeitig?

Er hatte vermutlich alle Varianten bereits durchexerziert und brüstete sich vor seinen Freunden entsprechend häufig damit.

Immer wieder gern erzählte er in dieser Runde passionierter Chauvinisten von der Inderin, die er vor ein paar Jahren einige Male gehabt hatte. Diese konnte die Ringmuskeln ihrer Vagina derart lustspendend kontrollieren, dass es keinerlei Stossbewegung seitens des Mannes bedurfte, um ans Ziel des Aufenthalts bei ihr zu gelangen.

Immer zahlreicher boten die Liebesdienerinnen der Stadt äusserst geschäftstüchtig ihr Allerheiligstes feil. Und dies versprach zumindest vorübergehende körperliche Befriedigung.

Meist waren sie getrieben von grösster finanzieller Not. Im täglichen Kampf gegen Hunger, Durst und ihre Zuhälter machten sie ihre hübschen Beine breit.

Für Leute wie ihn.

Auf diesen Beinen hatten die Damen vorher mitunter stundenlang in der Kälte stehen müssen. Warten war Teil ihrer Mission, um den nächsten Freier um den stetig lockenden Zeigefinger zu wickeln.

Das fleischliche Vergnügen kostete kaum mehr als den vergleichbaren Gegenwert einiger Zigaretten.

Teurer waren da schon die Eintritte in die Nachtclubs. Oder die stets für einige Stunden anzumietenden Zimmer in den hierfür üblicherweise genutzten Hotels. Die Betreiber der Etablissements schnitten sich nur allzu freiwillig von dem in Zürich wieder erstarkenden ältesten Gewerbe der Welt ein Scheibchen ab.

Gleiches galt auch für die Hoteliers der Stadt.

Erotomane Satyriasis, diesen klangvollen Namen hatte die Wissenschaft seinem in der Lendengegend angesiedelten hyperaktiven Trieb verpasst.

Seine Leidenschaft war längst zum Leiden mutiert. Sein ganzes Wesen war geprägt von der Unfähigkeit, eine auf echter Hingabe und Liebe fussende Beziehung zu einem anderen Menschen einzugehen.

Längst gestand er sich ein, ein ruheloser, nach körperlicher Vereinigung mit Frauen geradezu süchtiger, widersprüchlicherweise hoch angesehener Geschäftsmann zu sein.

Seine Freizügigkeit verhalf ihm bis vor kurzem immerhin noch kurzzeitig zu einem meist wenig befriedigenden Kick.

Selten bis nie kamen seine Besuche bei den Liebesdienerinnen so etwas wie echter Intimität nahe. Da sein Leiden in einer eher unheilvollen Kombination mit einer selbstzerstörerischen Arbeitswut auftrat, hatte er zumindest keine Geldsorgen: Er war beruflich erfolgreicher und sein Portemonnaie besser gefüllt denn je.

Dann hatte er die Gräfin im Pompeji, einem der edleren Clubs in der Stadt, kennengelernt.

So nannten ihre Verehrer sie ehrfürchtig und griffen für ihre in Zürich höchst selten gebotenen Dienste tief in die Tasche, um mit teuren Geschenken möglichst dauerhaft ihre Gunst für sich zu gewinnen.

Die Gräfin war es, die ihn mit der lustvollen Gabe des Schmerzes vertraut gemacht hatte. Erst zögernd, dann immer qualvoller hatte er sich ihr, ihren Shibari-Künsten, der Erotik des Fesselns, und ihrer schmerzvoll auf sein Hinterteil herabsausenden Reitgerte hingegeben. Sie hatte ihm plötzlich ganz neue Facetten des ewigen Zusammenspiels von Unterwerfung und Macht zwischen Mann und Frau aufgezeigt.

Bis zu diesem Zeitpunkt hatte in ihm lediglich noch nackte Verzweiflung geherrscht. Seine vermeintliche Lust hatte schon lange vorher die Form einer Sucht angenommen, deren drängend nach eingebildeter Befriedigung schreiende Gedanken über weite Teile des Tages sein Bewusstsein trübten.

Irgendwie schien alles ausser Kontrolle geraten zu sein.

Zeit und Energie setzte er hauptsächlich für die Suche nach neuen Wegen des Lustgewinns ein, von denen er nun einen weiteren in der Gräfin gefunden zu haben glaubte.

Die Beziehung zu seiner Frau war im Gegensatz dazu längst verbraucht. Letztlich war diese jedoch einzig und allein an der Vernachlässigung jeglicher Pflege durch ihn zugrunde gegangen.

Im tiefsten Innern wusste er, der Lustgewinn aus seiner verhängnisvollen Liaison mit der Gräfin würde ebenfalls vorübergehender Natur sein.

Seine Frau und er waren nunmehr nur noch in einer Art Zweckgemeinschaft miteinander verbunden. Einerseits musste er sich eingestehen, dass sie nach einer wilden Zeit miteinander, in der sie jede auch noch so undenkbare Gelegenheit für den Akt genutzt hatten, aus Liebe geheiratet hatten.

Anderseits hatte sie ihm nach der Geburt ihres gemeinsamen Kindes eröffnet, dass ihr körperliches Verlangen mit einem Mal wie abgestorben sei. Eine Weile noch hatte er regelmässig neben ihr liegend um Befriedigung und Entladung seiner aufgestauten Lust in ihr gebettelt.

Doch im gleichen Masse wie ihr Nachgeben immer seltener wurde, wurden die Zweifel an seiner eigenen Männlichkeit immer häufiger. Irgendwann, der genaue Zeitpunkt war ihm längst entfallen, war er es leid gewesen. Unsicher und voller Scham hatte er sich zum ersten Mal in die Hände einer Professionellen begeben. Seitdem suchte er die Expertinnen auf dem Gebiet der männlichen Lustbefriedigung immer wieder auf. Und die Abstände wurden immer kürzer.

Der Nebel war heute Nacht unterwegs auf seiner unermüdlichen Suche nach widerstandslosen Opfern. Denen wollte er mit geballter Feuchte, Erkältungen mit sich führend, in die Kleider kriechen.

Genau wie der Nebel wollte noch jemand einem der Bewohner der Stadt alles Leben aus dem Mark saugen. Gerade als sich die nach den Damenbesuchen üblicherweise vorübergehend einsetzenden Reuegefühle in seinen Gedanken breitmachten, wurde Ueli schlagartig unbehaglich.

War da eben ein Schatten über die Fassaden der Hauswände gehuscht?

Er hatte den Eindruck, irgendwer schleiche hinter ihm her.

Mit einem mulmigen Gefühl im Magen drehte er sich rasch um. Doch im bläulichen Schein der Gaslaternen sahen seine suchenden Augen lediglich die dunklen Umrisse einiger Flieder.

Deren Äste wogen sanft im Wind dieser unwirtlichen Nacht.

Und dann war da noch der huschende Schatten eines Fuchses, der sich nach Zürich verirrt hatte, um im Müll der Stadt nach etwas Nahrhaftem zu suchen.

Das Böse war längst mit dem Schwarz einer dunklen Ecke verschmolzen, um ihm weiter dabei zuzusehen, wie er seinen Heimweg fortsetzte. Wie ein Seelenräuber sah es aus dem Schwarz der Nischen dabei zu, wie er sich immer wieder ängstlich nach ihm umsah. Dann ging Ueli weiter, um ahnungslos seinen Heimweg zu vollenden.

Wenn Boshaftigkeit ein rotes Leuchten nach sich zöge, beide Augen hätten Unheil verkündend teuflisch geglüht.

Die kranken Gedanken im Kopf des Schattens verlangten immer stärker, diese widerliche Missgeburt brutal abzuschlachten. Am liebsten sähe der Schatten ihn an einem Fleischhaken hängend, um für sein Laster zu büssen. Oder zerstückelt und anschliessend verscharrt an einem der hungrigen Ufer des Sees.

Hier würde ein Heer huschender Ratten sich letztlich um die Beseitigung der Reste seines verachtenswert sündigen Fleisches kümmern.

Doch das Schicksal hatte weitaus Subtileres mit ihm vor.

Wie aus der Ferne ertönte fast zeitgleich durch den dampfenden Nebel der dumpfe Ein-Uhr-Schlag der Hottinger Kreuzkirche, als Uelis Frau ihm öffnete.

»Wie war dein Abend?«, fragte sie lediglich und gleichgültig wie schon seit Jahren.

»Schön. Wie immer«, kam begleitet von einem mindestens ebenso gleichgültigen wie flüchtigen Kuss auf die Wange seine Antwort. Mit der log er streng genommen nicht einmal.

Dann schob er seine Frau sanft aber bestimmt zur Seite und ging hinein.

Die dunkle Gestalt war fassungslos aufgrund der Ahnungslosigkeit dieser Frau. Für Vreni erlief der Abend völlig normal. Offenbar war für sie am treulosen Agieren ihres Mannes nur wenig auszusetzen. Auch dieses Verhalten verdiente, bestraft zu werden.

»Wie kann eine einzelne Person nur so naiv sein?«, fuhren der Figur Stimmen durch den Kopf.

»So viel Dummheit muss doch schon schmerzen!«, dachte die rachsüchtige Stimme weiter.

Die Gestalt musste sich vorsehen, denn schon wollten die Gedanken der entrückten Stimme als boshaft gezischte Worte den Mund verlassen.

Es war Freitagnacht.

Dieser Mann hatte gerade mindestens einer Prostituierten beigewohnt. Doch dieses dumme Geschöpf, diese Schnepfe von seiner Frau, verhielt sich so arglos, als läge lediglich ein wundervolles Wochenende vor ihr.

Angestrengt spitzte die dunkle Figur hinter der Hausecke kauernd den Mund, dachte einen Moment nach.

Kaum war der Mann im Haus verschwunden und die Tür geschlossen, huschte sie wie ein Marder auf der nächtlichen Jagd an die Tür, um ihre kleine Aufmerksamkeit abzulegen.

Erneut verschmolzen mit dem Dunkel des nächsten Gebüschs flog der kleine Stein. Deutlich hörbar krachte er gegen die Tür.

Das Licht im Flur ging wieder an.

Wenige Augenblicke später erschien der Kopf der Betrogenen im Spalt der Haustür, schaute noch einmal hinaus in die dunkle Nacht. Dann blickte sie nach unten und sah den Strauss Blumen auf dem Fussabstreifer liegen.

»Hast du mir Blumen mitgebracht?«, rief sie sichtlich gerührt nach innen.

Einen kurzen Augenblick später erschien der Kopf ihres Mannes neben dem ihren.

»Blumen? Wie? Ach ja, die hatte ich ganz vergessen. Gefallen sie dir?«, log er sie unverhohlen an.

Dann wollte er sie in den Nacken küssen.

Sie entwand sich ihm.

»Wohl ein schlechtes Gewissen, wie?«, fragte sie ihn.

»Schlechtes Gewissen? Nein. Ganz sicher nicht«, knurrte er.

Dann liess er sie stehen und ging wieder ins Innere des Hauses.

2

Es fühlte sich immer wie eine kleine Sensation an. Auch diesmal war der Ablauf gleich. Wie immer kündigte ausgiebiges Kribbeln die Ankunft der Stimme an. Erst prickelten ihre Füsse, dann ihre Hände. Es war, als arbeitete sich die Stimme, wohl aus den Abgründen der Hölle kommend, ihren Weg durch den gesamten Körper.

Bis nach oben in den Kopf.

Es war die Stimme, die Luna gehörte.

Instinktiv war die Stimme auf den Namen der Mondgöttin getauft worden.

Der Grund dafür lag darin, dass die Stimme sich regelmässig kurz vor dem Vollmond meldete und verstummte, sobald Luna, Schwester Mond eben, in ihrem Streitwagen ein paar Tage weitergezogen und folglich abgenommen hatte.

Manchmal war das Kribbeln so stark, dass allein das schon schmerzte.

Bei den ersten Malen war die Stimme noch rasch und abfällig als Phantomgeräusch abgetan worden.

Die sich dann immer deutlicher herauskristallisierende Tatsache wurde aufgrund des starken gesellschaftlichen Stigmas verschwiegen. Wer Stimmen hört, der bildet sich bloss etwas ein. Ausserdem ist so jemand bekanntlich unzurechnungsfähig.

Doch Fakt war, die Stimme war nun einmal da.

Hier im Kopf.

Und Luna kam, obgleich ungeladen, immer regelmässiger zu Besuch. Es war, als wäre sie so etwas wie ein fester Bestandteil der Familie.

Anfangs gehörte die Stimme manchmal einem völlig verängstigt um Hilfe flehenden Kind. Und der Stachel des unter den Mantel des Vergessens geschwiegenen Traumas aus Missbrauchserlebnissen während der eigenen Kindheit stach wieder ins geschundene Fleisch.

Dann erlag der Körper willenlos einem von brennenden Schmerzen im Körper begleiteten Würgereiz, der erst dann verschwand, wenn auch die Stimme wieder beruhigt verstummte.

Anfangs noch freundlich, wurde Luna im weiteren Verlauf gemein und schliesslich höchst aggressiv. Nach und nach frassen sich die immer lauter gebellten Befehle immer fordernder ins Gehör.

Neuerdings drohte Luna mit Vergeltung, sollten ihre Befehle einfach missachtet ins Leere laufen.

Beim ersten Mal kam der Befehl, innerhalb einer knappen halben Stunde stolze sechs Liter Wasser zu trinken. Diesem wurde ohne grosses Nachdenken Folge geleistet.

Beinahe mit fatalem Ausgang.

Die Konsequenz war das Erreichen eines lebensbedrohlichen Zustands aufgrund einer akuten Wasservergiftung.

Es begann mit Unwohlsein und Kopfschmerzen. Der gebeutelte Körper versuchte verzweifelt, sich gegen den Salzverlust zu wehren. Dann stellten die Nieren ihre Funktion fast ein. Der ganze Körper begann damit, an allen nur denkbaren Orten Wasser einzulagern, auch im Gehirn. Die Folge waren mörderische Kopfschmerzen, da der Schädel einerseits zwar das Gehirn vor äusseren Einflüssen schützt, jedoch auch dessen Ausdehnung aufgrund der vermehrten Wasseransammlung verhindert.

Dann fing der Herzschlag an zu stolpern.

Das Koma blieb glücklicherweise aus.

Der sichere Tod, auf äusserst skurrile Weise durch Ertrinken an Land, wäre sonst der letzte Akt gewesen.

Eine Weile war Luna stumm geblieben.

Doch die Zeit des geruhsamen Schlafs ohne ihre Stimme war Geschichte.

Seit Luna sich um diese Zeit neuerdings regelmässig einstellte, war der Luxus der Ruhe rund um Vollmond vorbei. Unaufhörlich und immer lauter bellte sie ihre widerlichen Kommandos in die Ohren.

»Wie kannst du hier nur tatenlos rumsitzen?«, fragte Luna vorwurfsvoll.

»Was ist? Lass mich endlich in Ruhe«, kam die resignierende Antwort.

»Ruhe? Gönnt er sich denn jemals Ruhe?«

»Wen meinst du?«, fragte der allmählich aussetzende Verstand und kannte doch insgeheim die Antwort Lunas.

In letzter Zeit drehten sich ihre Konversationen nur noch um dieses eine Thema.

»Er schläft nie. Er kümmert sich immer barmherzig und liebevoll um seine Menschen. Auch um dich. Er hat für uns sogar seinen einzigen Sohn geopfert. Und du sprichst von Ruhe!«

Dem war wenig entgegenzusetzen.

»Kain erschlug seinen Bruder Abel. Gottes Sohn ist für die Sünden der Menschen gestorben. Und ich sage dir: Es war vor allem für die vielen Verfehlungen der Männer. Ihretwegen wurde er ans Kreuz geschlagen. Gott hat seinen Sohn für uns regelrecht abschlachten lassen, um als Sündenbock für die Ausrutscher der Menschen gerade zu stehen.«

»Halt, stopp! Für mich sollte nie jemand gekreuzigt werden! Ich kann selbst für den Mist einstehen, den ich verbockt habe. Wie kam dieser Kerl eigentlich dazu, einfach ungefragt für mich zu sterben?«

»Schweig! Das spielt keine Rolle. Du stehst jedenfalls in seiner Schuld. Und nun ist es an der Zeit. Wie ich schon seit einiger Zeit immer wieder sage: Irgendjemand muss diese Schuld bei Gott nun abbezahlen.«

»Ich verstehe nicht. Warum ausgerechnet ich? Was habe ich denn Schlimmes gemacht? Doch sicher nichts, was den Tod verdient hätte?«

»Gott hat seinen Sohn geopfert. Und was hat das gebracht? Nichts! Überhaupt nichts! Und ja, du hast das bemerkt, dass weiterhin überall nur Leid und Elend auf der Welt herrschen. Frauen werden von Männern unterjocht. Sie dürfen nur selten aufbegehren. Nicht einmal wählen dürfen sie. Das alles hast du bemerkt. Und was hast du getan? Nichts? Du hast bloss schweigend zugesehen. Du bist mitschuldig!«

»Was hätte ich denn machen sollen?«

Ein verzweifelter Tremor mischte sich unter die Stimme.

»Dafür ist es zu nun spät … auch seine Leidensgeschichte ist eine Geschichte, die nun nach Gerechtigkeit schreit. Nach der Apokalypse. Und du wurdest von Gott auserwählt. Du bist sein Werkzeug!«, kam es von Luna.

Der Empfänger der Botschaft fühlte sich auf einmal wie ein Engel, wie ein Gesandter Gottes. Und das, obwohl die Stimme plötzlich ein wenig wahnsinnig und schrill klang. Sie klang so, als habe sich jegliches Mitgefühl in Wohlgefallen aufgelöst.

Auf einmal hallten in den Ohren nur noch Grausamkeit und Kälte.

»Mein Gott und Gebieter. Was soll ich für dich tun?«

»Du musst für alle Männer und Frauen auf der Welt dieses Opfer Gottes erwidern. Durch das Opfer untreuer Ehemänner und ihrer dämlich naiven Frauen. Nur dadurch kann sich der Kreislauf des Universums schliessen.«

»So etwas fordert Gott von mir? Ich soll ein Reiter der Apokalypse sein? Ich dachte immer, er sei ein barmherziger, ein gütiger Gott?«

»Schweig! Triff dich mit der Frau von gestern Abend. Biete ihr deine Hilfe an. Du weisst schon, was ich meine. Sie wird dich ganz bestimmt verstehen. Und vergiss nie: Du bist nun ein Instrument Gottes!«

3

Während Vreni Roth in der Küche stand und das gemeinsame Abendessen vorbereitete, schossen ihr die Gespräche der letzten Tage mit ihrer seltsamen Besucherin noch einmal durch den Kopf.

Immer wieder wischte sie sich mit dem Handrücken die Tränen aus den Augenwinkeln. Zu gerne hätte sie es gehabt, die Zwiebel, die sie gerade schnitt, sei der alleinige Grund dafür.

Eines Tages hatte sie einfach vor der Tür gestanden und sich als Luna vorgestellt. Sie hatte diese ältere Frau in ihrem ganzen Leben noch nie gesehen. Und doch erschien ihr irgendetwas an ihr seltsam vertraut. So angestrengt sie auch darüber nachdachte, was es sein könnte, es wollte ihr partout nicht einfallen.

Ohne Umschweife hatte Luna ihr erzählt, dass auch sie, eine völlig fremde Person, das wusste, was sich bereits alle in ihrer Strasse über ihre Ehe mit ihrem Mann erzählten.

Ihre Ehe sei ein einziger Trümmerhaufen.

Dann sprach sie es aus und berichtete, dass ihr Ueli ein passionierter Puffgänger war, der sich in aller Regelmässigkeit mit den Prostituierten der Stadt vergnügte.

»Warum tut er mir das an?«, hatte Vreni wissen wollen.

Ihre Frage war eher rhetorischer Natur. Natürlich wusste sie selbst, dass ihr erkaltetes Liebesleben einer der Gründe, wenn nicht sogar der Hauptgrund, für sein Verhalten war.

»Ich sage dir gerne, warum er das tut. Männer wie deiner sind einfach immer spitz, immer auf der Jagd! Früher warst du für ihn wie ein junges Reh, das umhersprang und das er erlegen wollte. Er musste sich immer wieder um dich bemühen, damit das Reh nicht für immer woanders hinsprang, wo er es nicht mehr sehen und erreichen konnte. Und dann hatte er dich. Hatte dich sozusagen erlegt. Und nun bekommt er bei dir offensichtlich nicht mehr das, wonach er immer jagt. Nein, es ist schlimmer. Bei dir bekommt er rein gar nichts! Du hast es geschafft, dich für deinen Mann vollkommen uninteressant zu machen. Die Beute ist tot und langweilig geworden. Der Jäger in ihm braucht einfach immer wieder neue Beute.«

Sie verstand und verstand doch auch nicht. Welchen Verlauf sollte dieses Gespräch hier nehmen?

Ein lauter Schluchzer entfuhr ihr. Und sie beschloss, der Fremden, die inzwischen noch seltsamer vertraut war, weiter zuzuhören.

»Und? War er dabei diskret? Nein! Die ganze Strasse, alle deine Freunde wissen davon. Du wirst von ihm tagein tagaus öffentlich gedemütigt. Seine Untreue ist weniger das Problem. Er ist boshaft. Denn damit scheint er dich meines Erachtens möglichst tief verletzen zu wollen. Wenn du mich fragst, will er dir sogar regelrecht weh tun damit.«

Sie hatte weder etwas gesagt, noch etwas gefragt. Doch irgendwie fühlte es sich gut an, die gleichen Gedanken, die sie sich seit einigen Jahren machte, aus dem Mund Lunas zu hören. Die Sätze fuhren wie stechende Nadeln unter ihre Haut.

Die zerstörte Illusion einer heilen Welt, die Enttäuschung über all die Lügen, die Wut über die öffentliche Demütigung verursachten einen ebensolchen Schmerz in ihrer Brust. Genau dort, wo einst tiefe Zuneigung und Liebe beheimatet gewesen waren.

»Doch das Schlimmste steht dir noch bevor.«

»Was soll denn bitteschön noch Schlimmeres kommen?«, fragte sie sarkastisch.

Sie war im sicheren Glauben, schon am tiefsten Punkt des Tals der Tränen angelangt zu sein.

»Schlimmer geht immer«, fuhr Luna fort.

»Denke doch nur, dein Mann verlässt dich. Und mein Eindruck ist, dass das eher früher als später passieren wird. Dann sitzt du ohne Einkommen da. Du hast dein Leben der Erziehung eures Kindes gewidmet. Eine Arbeit zu finden, wird dann schwer. Dein Mann wird dich fallen lassen wie eine heisse Kartoffel. Zu guter Letzt bist du aus purer Not heraus gezwungen, das gleiche zu machen wie die Frauen, die ihn dir geraubt haben.«

Das sass.

Ganz so weit hatte sie es bislang noch nie zu Ende zu denken gewagt.

»Wie meinst du das?«

»Das ist doch wohl nicht so schwer zu verstehen oder?«, fuhr Luna sie für ihre Begriffe ein wenig zu emotional, fast ein wenig aggressiv an.

»Dir geht nach ein paar Monaten ganz sicher schon die finanzielle Puste aus. Und dann? Dann musst du die rote Laterne raushängen und selbst für Geld die Beine breitmachen, Schätzchen!«

Vreni war sichtlich geschockt.

»Ja. Und was mache ich jetzt?«

»Eigentlich ganz einfach«, fing Luna an.

»Dein Mann ist und bleibt ein mieses Schwein. Und er wird sich voraussichtlich nicht ändern. Darin sind wir uns doch einig, richtig?«

Sie dachte für einen Moment nach.

Verzweifelt suchte sie nach irgendetwas an ihrem Mann, das sie vielleicht noch lieben könnte. Als sie rein gar nichts fand, nickte sie zögernd.

»Entscheiden kannst nur du das. Aber ich wüsste, was ich mit meinem Mann machen würde, wenn er mich dauernd betrügt.«

»Und das wäre?«

»Ich würde ihn, nennen wir es einmal, beseitigen. Im wahrsten Sinne des Wortes. Es ist eine todsichere Sache«, sagte Luna und legte ihr den Zeigefinger auf den Mund, der sich gerade protestierend öffnen wollte.

»Lass mich ausreden! Glaube mir, keiner würde irgendetwas merken. Du schlägst zwei Fliegen mit einer Klappe.«

»Zwei Fliegen? Das verstehe ich nicht«, schaute sie Luna fragend an.

Das erste Aufkeimen von Protest in ihr begann nun einem deutlichen Gefühl unheilvoller Neugier zu weichen.

»Dein untreuer Alter läge unterm Torf. Und du bekämst eine stattliche Witwenrente. Mit anderen Worten, du würdest durch seine Seitensprünge nicht mehr gedemütigt und hättest auch noch ausgesorgt. Du wärst bis an dein Lebensende frei von finanziellen Sorgen.«

Dann hatte Luna ihr einen Zettel mit genauen Anweisungen dagelassen. Und noch etwas Wirres von den seit Jahrhunderten aufgezeichneten Regeln des Mondes und seines Zyklus gefaselt.

Von Ebbe und Flut, dem Zyklus der Frau und vielem mehr. Auch die Wirksamkeit der Blüten, die Luna ihr daliess, sei vom Mond beeinflusst worden. Als oberirdische Pflanzenteile hatte sie diese gepflückt, während der Mond zunahm. In dieser Zeit stiegen die Pflanzensäfte in der Pflanze nach oben, so dass die geerntete Pflanze das Höchstmass an den gewünschten Inhaltsstoffen aufweise.

Das hatte sie zumindest behauptet.

4

Einen Tag nach dem Gespräch wusch Vreni vorsichtig und mit zittrigen Händen die kräftigen, saftigen Blätter des Bärlauchs, den sie im Wald gesammelt hatte. Hiermit wollte sie die Suppe für das Nachtessen zubereiten.

Sorgfältig schüttelte sie diese trocken und legte sie auf einem Küchentuch aus. Dann sortierte sie einige bereits welke Blätter aus. Anschliessend schnitt sie die Blätter kleiner und dünstete sie mit feinen Zwiebel- und Knoblauchwürfeln in Öl an. Kaum waren die Blätter zusammengefallen, löschte sie diese mit Brühe ab, würzte mit Salz und Pfeffer und liess alles noch ein bisschen weiterköcheln.

Die zartblauen getrockneten Sterne der Blüten einer Borretschpflanze, die bei ihnen im Garten wuchs, legte sie in ein kleines Glasschälchen.

Diese Blüten waren absolut köstlich.

Ihr Mann mochte es besonders, wenn sie Gerichte, wie eine unbedenklich daherkommende Suppe, damit verfeinerte oder einfach nur dekorierte.

Das wusste sie.

In diesem Punkt war sie sich hundertprozentig sicher.

Deswegen verwendete sie diese so gerne. Und darüber hinaus waren sie ein echter Hingucker.

Ebenso ein Hingucker waren die getrockneten Blüten des Blauen Eisenhuts, die sie in einem Briefumschlag erhalten hatte.

Die königsblaue Farbe der Blüten sah sich verblüffend ähnlich. Sie zog sich ein paar Handschuhe an, zupfte vorsichtig die Blüten auseinander und gab sie in ein separates Glasschälchen.

Vreni wusste, eine Verwechslung der beiden Schälchen heute Abend würde für sie einen tödlichen Ausgang nehmen.

5

Am Abend gab es Suppe. Mal wieder. Es gab eigentlich abends immer Suppe. Suppe mit Brot. Suppe war lediglich eine weitere langweilige Konstante in seinem ebenso langweiligen Leben. Es war kaum in Worte zu fassen, wie sehr ihn alles allmählich anödete.

Sein Leben war neben der vollkommenen Lustlosigkeit seiner Frau ansonsten von der Arbeit als selbständiger Sattler bestimmt. Es war eine harte, aber lohnende Arbeit.

Jedoch begann die zunehmende Motorisierung in der Landwirtschaft seiner Ertragslage zuzusetzen.

Als Landwirtssohn absolvierte Ueli Roth vor Jahren eine Lehre im deutschen Weinheim in einem Handwerksbetrieb. Seine einzige Vergütung war der seinerzeit übliche feuchte Händedruck des Meisters, mit dem dieser ihn als ausgelernten Handwerksgehilfen entliess.

Als solcher machte er sich selbständig und betrieb so unterhalb der rebenbepflanzten Hänge des Adlisbergs in Hottingen neben der Landwirtschaft eine lukrative Sattlerwerkstatt.

Da es in Hottingen nur wenige Wiesen gab, musste zusätzliches Heu in den angrenzenden Gemarkungen geschnitten und mit dem Pferdefuhrwerk herbeigekarrt werden.

Hierfür brachen die Bauern und ihre Knechte in den frühen Morgenstunden spätestens gegen drei Uhr auf. Die Ernte wurde dann nach zwei bis drei Tagen mit grossen Heuwagen, meist spät in der Nacht, eingefahren.

Eine Arbeit, die Ueli sich aufgrund seines wirtschaftlichen Erfolges leisten konnte, ebenfalls Knechten zu überlassen.

Schliesslich mussten neben den Geschirren der eigenen Pferde und Ochsen auch die der anderen Bauern in Ordnung sein.

Oft nahmen Geschirre tagsüber Schaden. Und so war seine Sattlerei mitunter bis spät in die Nacht mit Reparaturen voll ausgelastet.

Aus Sorge, Heu oder Zweitschnitt nur noch nass auf den Feldern vergammeln zu sehen, entlohnten die Bauern seine Dienste fürstlich.

Wer diskret einen kleinen zusätzlichen Obolus entrichtete, rutschte auf der Liste der zu flickenden Geschirre auch gerne mal ganz nach oben.

Eine Tatsache, die ihn bei den weniger betuchten Bauern auf der Beliebtheitsskala eher weiter unten ansiedelte. Diese wie selbstverständlich am Fiskus vorbeigeführten Zusatzeinnahmen flossen in eine spezielle Kasse.

Deren Inhalt verwendete er ausschliesslich für seine ausgedehnten Besuche in den Etablissements der Stadt.

Ruhiger ging es stets in den Wintermonaten zu.

Da fertigte er in seiner gut geheizten Werkstatt neue Geschirre an und führte neben grösseren Reparaturen auch Einzelfertigungen für die Reiterei sowie von Taschen und Schulranzen aus.

Kaum eingetreten, feuerte er mürrisch seine lederne Umhängetasche in die Ecke.

Das heutige Abendessen mit seiner Frau würde eher eine Pflichtübung sein.

Wieder mal.

Seines Erachtens verzögerte es nur unnötig seinen später noch stattfindenden Gang ins Bordell.

Doch das heutige Heimkommen war anders.

Wo sonst peinliche Sauberkeit herrschte, fand er nur Chaos vor.

Die Tür zum Garten stand sperrangelweit offen.

Der Hund war draussen und wälzte sich vergnügt im Matsch.

Überall im Haus lagen Stücke der zerfetzten Tageszeitung.

Er trat ins Wohnzimmer und stolperte beinahe über die umgefallene Stehlampe. Der Teppich lag neben zahlreichen schmutzigen Wäschestücken durchgekaut und zerknautscht vor dem Sofa.

»Was zum Teufel ist denn hier los?«, entfuhr es ihm, obwohl er wusste, dass niemand im Raum war, der ihn hören konnte. Er spürte, wie der Ärger in ihm allmählich begann zu brodeln.

Seine jähzornige Ader gewann die Oberhand.

Das Gefühl steigerte sich noch, als er die Küche betrat.

Hier stapelte sich das dreckige Geschirr in der Spüle, die Reste des gemeinsamen Frühstücks standen immer noch auf dem Tisch. Im Schlafzimmer schliesslich fand er seine Frau vor.

Im Bett liegend.

Ein Buch lesend.

Sie sah ihn lächelnd an und fragte: »Wie war dein Tag, Schatz?«

Statt loszupoltern, sah er sie verwirrt an und fragte: »Was ist denn hier passiert?«

Sie lächelte weiter und antwortete: »Jeden Tag fragst du mich, was um Himmels Willen ich eigentlich den ganzen Tag gemacht habe.«

»Ja und?«, erwiderte er entsetzt.

Er kämpfte gegen den Zorn in seinen Adern an.

»Heute habe ich tatsächlich einmal genau das gemacht, was du mir immer unterstellt hast – rein gar nichts.«

Er war zunächst sprachlos und hätte seine Frau am liebsten laut angeschrien.

Doch dann gewann die Gleichgültigkeit ihr gegenüber in ihm.

Wieder einmal.

Jede aufbrausende Reaktion würde nur ein zeitraubendes Streitgespräch nach sich ziehen.

Das würde nur unnötig Zeit kosten. Zeit, die er heute Abend gewiss nicht hatte, da er bekanntlich noch in den, lustvolle Schmerzen verheissenden Armen seiner Gräfin versinken wollte.

»Oh Mann, wie armselig. Mach mir was zu essen! Ich habe Hunger und dann räum’ gefälligst auf!«, knurrte er.

Der barsche Ton seiner Stimme liess erahnen, dass er keinerlei Widerspruch duldete.

»Ganz wie du meinst!«, sagte sie kalt.

Energisch schlug sie die Bettdecke zurück und stapfte trotzig an ihm vorbei in Richtung Küche.

Er wunderte sich nur, dass der Abend tatsächlich ohne einen der gefürchteten Streitmonologe vonstattengehen sollte.

Während seine Frau betont lautstark in der Küche werkelte, sprang er rasch unter die Dusche. Er wusch sich den Dreck des Alltags vom Körper, frottierte sich ab, parfümierte sich ein und zog sich frische Klamotten an.

Schon wenig später schritt er duftend wie ein Moschusochse zu seiner Frau in die Küche.

Diese stand noch am Herd und rührte eine Bärlauchsuppe um, mit der sie sich offenbar selbst übertroffen hatte.

Der scharfe Duft des Bärlauchs strömte in seine Nase. Von einer unvorsichtigen Erinnerung des längst vergangenen gemeinsamen Glücks beflügelt, wollte er sie fordernd in den Nacken küssen.

Doch sie entwand sich ihm.

»Hier! Deine Suppe!«, sagte Vreni.

In seinen Ohren klang es bereits weniger barsch, als er es von ihr unter den gegebenen Umständen erwartet hatte.

Auf der Suppe schwammen blaue Blüten.

»Die Suppe duftet köstlich, meine Liebe«, versuchte er die Stimmung ein wenig aufzuhellen.

Sie setzte sich ihm gegenüber und begann ihrerseits, von der Suppe zu löffeln.

»Das mit den blauen Blüten sieht hübsch aus. Was ist das?«

»Getrocknete Blüten halt! Du interessierst dich doch sonst auch nicht dafür, was ich dir koche!«, antwortete sie.

Nun war sie wieder erwartungsgemäss barsch.

Ihre stahlblauen Augen funkelten ihn kalt an.

Die Suppe schmeckte köstlich, Daran vermochte selbst die bescheidene Laune seiner Frau wenig zu ändern. Er nahm sich noch zweimal nach.

Dann auf einmal spürte Ueli es.

Irgendetwas stimmte nicht.

Seine Lippen fingen auf einmal an zu prickeln. Der ganze Mund fing erst an zu bitzeln und brannte kurz darauf lichterloh.

Er ahnte es, sah auf seinen leeren Suppenteller.

Vorwurfsvoll schaute er seine Frau an.

Zu gerne hätte er sie zur Rede gestellt. In ihm wuchs der Drang zu erfahren, was in der Suppe war, mit der sie sein Leben zu beenden gedachte.

Doch seine Zunge gehorchte ihm bereits nicht mehr. Sie wackelte nur noch taub lallend im buchstäblich in Flammen stehenden Mundraum umher.

Ebenso erging es seinem Sehvermögen. Und so konnte er nur noch schemenhaft erkennen, dass diese ihn aus ebenso gefühllosen wie kalten Augen anstarrte.

Lächelnd hielt sie seinem verschwommenen Blick stand.

Bevor er mit schmerzverzerrtem Gesicht schwach vor Schwindel vor ihr auf die Knie sank und heftig erbrach, hatte sich lähmende Gefühllosigkeit rasch über den ganzen Körper ausgebreitet.

Dann folgte Qual in Vollendung. Seine Brust schmerzte.

Sein Herz raste mit einem Mal immer schneller.

Ihn befiel eine den Tod verheissende innere Unruhe.

Er zitterte vor Angst im sicheren Wissen um das, was sie ihm zugedacht hatte.

Mit Schweissperlen auf der Stirn schnappte er, sich vor Schmerzen am Boden windend, röchelnd nach Luft.

Er zappelte wie ein sterbender Fisch an Land.

Dann stolperte sein Herz ein letztes Mal, und die kalten Augen seiner Frau Vreni blickten in die seinen.

Und ihre Augen sahen, wie Ueli Roths Augen brachen.

6

Endlich hielt der Lenz in Zürich Einzug. Nach einigen diesigen und von tiefhängendem Nebel bestimmten Tagen brach die Sonne durch. Und diese flutete die Stadt mit ihrer wohltuenden Wärme. Der lange, kalte Winter war überstanden, zog sich zurück. Er machte Platz zugunsten des Frühlings.

Schon bald würden die dicken Wintermäntel in die hintere Ecke des Kleiderschrankes im Keller verbannt und an der Garderobe durch leichtere ersetzt. Die Sonne schien und die Tage wurden nun allmählich länger. Und vor allem würden sie wieder wärmer werden.

Thomas Schnyder konnte den Frühling bereits riechen.

Ruhig und idyllisch präsentierte sich sein Garten hinter dem Haus. Fast vollkommen blickdicht hatte er diesen anlegen lassen, um die wenigen Augenblicke, in denen er seine schwierigen Fälle als Ermittler der Zürcher Kantonspolizei hinter sich lassen konnte, vollends zu geniessen.

Eingelullt in eine dicke Wolldecke sass er in seinem bequemen Liegestuhl, wie sie auf den Decks der Luxusliner Verwendung fanden, die zwischen Europa und Übersee hin und her schipperten. Eine völlig unnötige Sache, wie er fand.

Sein Kopf ruhte auf einem weichen Kissen, das oben an der Lehne fixiert war.

So nippte er in an seinem Kaffee und sah zu, wie das Licht allmählich den Rasen eroberte, der sich bis zur Fasssauna im hinteren Teil des Gartens erstreckte.

Das harzige Knarren von Holzdielen riss ihn aus den belanglosen Gedanken, in die er still vor sich hin sinnierend versunken war.

»Möchten Sie noch etwas Kaffee, Herr Schnyder?«, fragte ihn seine Haushälterin.

Offenbar bewegte sich diese auch ausserhalb des Hauses gewohnt geräuschvoll fort.

Seit knapp drei Jahren kümmerte sich Luise um die weitreichenden Aufgaben in seinem Haus.

Ihr Intellekt war zwar alles andere als überragend, jedoch stimmte, und das war für ihn die Hauptsache, auf Anhieb die persönliche Chemie zwischen ihnen.

Der beschränkte geistige Horizont barg auch Vorteile.

Als Haushälterin hatte sie im Rahmen ihrer Aufgaben schliesslich Zutritt zu allen Wohnräumen und Einblicke in sein verkorkstes Privatleben. Da war es, neben ihrer Ehrlichkeit und Diskretion, für das gegenseitige Vertrauensverhältnis ganz brauchbar, dass sie das meiste erst gar nicht verstand.

Nach einigen leidvollen Erfahrungen der Vergangenheit, in denen ihre Vorgängerinnen sich mit speziellen Dienstleistungen gegenüber solventen Herren ein Zubrot verdient hatten, war sie ein echter Glücksgriff.

Gewissenhaft nahm sie ihre Aufgaben als Hüterin aller Belange seines Haushalts wahr.

Dazu gehörte die regelmässige Reinigung sämtlicher Räume. Ebenso fiel das Bewahren von Ordnung in ihr Ressort, was einem aussichtslosen Kampf gegen seinen massiven Hang zur Unordnung glich.

Ihrem Eifer war es zu verdanken, dass die für einen Einpersonenhaushalt beachtlichen Wäscheberge bewältigt wurden, die Gardinen nicht als graue Fetzen von den Stangen hingen.

Selbst die Garten- und Zimmerpflanzen überlebten dank ihr neuerdings irgendwie.

Ausserdem gehörte zu ihren Aufgaben, sämtliche Einkäufe zu erledigen und die Mahlzeiten zuzubereiten. Daneben galt es, seine Gäste zu bewirten und mitunter den ein oder anderen Botengang zu erledigen.

Doch die Fähigkeit, die er vor allen anderen am meisten an ihr schätzte, war die unvergleichliche Art, wie sie Kaffee zubereitete. Und so kam er ihrer Frage nur allzu gern nach.

»Ja. Sehr gerne, Luise«, antworte er.

Er hielt ihr seine fast leere Tasse hin, damit sie ihm diese mit Kaffee auffüllen konnte.

Wie viele Europäer war er dem Getränk aus den schwarzen Bohnen inzwischen verfallen.

Die anregende Wirkung der Kaffeebohnen hatte angeblich vor über tausend Jahren ein Hirtenjunge im heutigen Äthiopien entdeckt, dessen Ziegen nach dem Verzehr bestimmter Beeren gänzlich austickten.

Christliche Mönche kosteten in ihrer Not von den Früchten des Kaffeestrauchs.

Vom bitterem Geschmack enttäuscht, warfen sie diese ins Feuer, worauf sie ihren köstlichen Duft verbreiteten. Neugierig geworden, experimentierten sie mit den nun gerösteten Bohnen und machten einen Aufguss.

Den tranken sie.

Die anregende Wirkung begeisterte die gottesfürchtigen Männer total. Sie priesen den Kaffeestrauch als Gabe Gottes – vor allem, weil das neu entdeckte Getränk ihnen half, während der schier endlosen Gottesdienste wach zu bleiben.

Aus seiner äthiopischen Heimat gelangte das Getränk in den persischen Raum und wurde aufgrund seiner anregenden Wirkung rasch als Wein der alkoholabstinenten Moslems bekannt.

Auch in Europa feierte das geschäftstüchtige Bürgertum bald den Kaffee, der aus Männern, die die Nacht durchzecht hatten, wieder halbwegs funktionierende Arbeiter machte.

Thomas Schnyder schätzte neben der anregenden Wirkung des Getränks vor allem dessen Geschmack.

Und Luise war die Person, die seiner Meinung nach zuverlässig den am besten schmeckenden Kaffee ganz Zürichs zubereitete.

Er schloss die Augen und schenkte dem Genuss der frisch eingegossenen Tasse die volle Aufmerksamkeit seiner Sinne.

In letzter Zeit ertappte er sich, dass er immer häufiger die Milch wegliess, auch wenn Luise aus alter Gewohnheit heraus stets das Milchkännchen und die Zuckerdose mit eindeckte.

Milch und Zucker vermochten jedoch, die Aromen des Kaffees zu verdecken. Ihm reichten inzwischen das Getränk und sein Duft, um seine Sinne wach zu kitzeln.

Er war in dieser Sache neuerdings Purist.

Aus dem Grammophon erklang Debussys Clair de Lune.

Er hatte mit Bedacht eine ganz neue, kleinere Diamantspitznadel aus der Schachtel genommen. Diese tanzte nun in der Rille der Schellackplatte hin und her und leitete die mechanisch abgegriffenen Klänge an den Messingtrichter, der diese zu Musikgenuss verstärkte.

Kleinere Nadeln erzeugten eine geringere Lautstärke und schonten die empfindlichen Ohren seiner mitunter zu Beschwerden neigenden Nachbarschaft.

Zu peinlich, wenn bei ihm, einem Vertreter der Kantonspolizei, erneut ein gewöhnlicher Polizist vorbeischauen und zur Ordnung mahnen müsste.

Den dritten Satz der Suite Bergamasque von Claude Debussy hatte er bewusst gewählt.

Das Stück hatte er vor mehr als einem Jahr immer wieder gehört, als er und Schwester Petula, deren wirklichen Namen er bis heute nicht kannte, sich an den Tagen und Nächten zwischen Weihnachten und Neujahr immer wieder leidenschaftlich geliebt hatten.

Somit versetzte es ihn in eine wehmütige Stimmung, die so gar nicht zu seinen Frühlingsgefühlen passte.

Wie die meisten anderen Menschen war auch er durch die Sonnenstrahlen in einen frühlingshaften Ausnahmezustand versetzt worden.

Sein Herz schlug mit jedem Frühlingstag höher.

Er hatte inzwischen so etwas wie ein animalisches Bedürfnis nach Nähe und – wenn schon nicht nach Liebe – zumindest nach körperlicher Vereinigung.

»Warum sollte es uns Menschen besser ergehen als anderen Tieren?«, murmelte er leise vor sich hin.

So dasitzend genoss er mit geschlossenen Augen die wärmende Sonne.

Die Sehnsucht nach Schwester Petula keimte wieder in ihm auf. Stärker denn je.

Doch bei ihm waren diese Gefühle ohne Hoffnung, da die Liebe seines Herzens für ihn seit mehr als einem Jahr unerreichbar geworden war.

Genau genommen wusste er nicht einmal, wo Schwester Petula sich aktuell eigentlich aufhielt.

Sollte er sie doch abschreiben und die Vielzahl an Möglichkeiten nutzen, die der Frühling bot?

Eine neue Partnerin zu finden, wäre jetzt sicher ein Leichtes.

Den letzten Frühling und Sommer hatte er einfach für sich sein müssen.

Er hatte die Zeit gebraucht, um ihre Absage seines Antrags zu verdauen, die doch ein wenig an seinem Selbstvertrauen gekratzt hatte. Dann gestand er sich ein, dass er sich insgeheim selbst belog.

Er hatte den Fortgang Schwester Petulas noch immer nicht verkraftet.

Bis heute.

Im Herbst und Winter hatte er sich entweder wie ein Berserker arbeitend im Büro oder über den Akten seiner Fälle brütend in der Wohnung verschanzt.

Er war ganz offenbar noch nicht so weit.

Doch nun, mit etwas mehr zeitlichem Abstand, verhielt es sich plötzlich anders.

Zumindest ein wenig anders.

Die Frühlingsgefühle schienen ihn regelrecht nach draussen in die Sonne ziehen zu wollen. Er nahm sich fest vor, die Sonne des Nachmittags in einem Café zu geniessen.

Bei einem Eisbecher liesse es sich gewiss hervorragend flirten.

»Herr Schnyder?«, riss ihn plötzlich Luise aus seinen Gedanken.

Diesmal hatte Luise sich, abweichend von ihrer Norm, erstaunlicherweise fast geräuschlos genähert.

Er öffnete blinzelnd die Augen und fragte sich, wie lange sie bereits neben ihm stand.

»Ja?«

»Es ist jemand am Telefon. Es ist für Sie.«

Thomas fragte sich, für wen in einem Ein-Personen-Haushalt der Anruf sonst bitteschön sein sollte.

Und er fragte sich, ob Luise wirklich so dämlich war.

Oder spielte sie ihm vielleicht manchmal nur etwas vor?

»Danke Luise«, sagte er.

»Nur, das ist bereits vollkommen logisch. Hier wohnt sonst niemand, den man anrufen könnte. Und wer ist es?«

Sie schaute ihn kurz nüchtern an.

Es wirkte so, als habe sie den Wink immer noch nicht nachvollziehen können.

»Ein gewisser Herr Ochsner.«

»Mist!«, schoss es ihm durch den Kopf, als er aus seinem Liegestuhl kletterte.

»Da sitzt du eben noch völlig tiefenentspannt auf deiner Veranda und blinzelst in die Sonne. Und im nächsten Augenblick ruft dich dein cholerischer Chef an und macht alles zunichte.«

Felix Ochsner war der Inbegriff eines egoistischen und autoritären Chefs.

Sein Auftritt war stets launisch, jähzornig und, wenn überhaupt, nur äusserst schwierig berechenbar. Er war ein extrem ungeduldiger Mensch, dem es Lust bereitete, seinen Aggressionen freien Lauf zu lassen. Er suchte bewusst den Konflikt, um seine Macht zur Schau zu stellen und andere zu erniedrigen.

In Felix Ochsners Welt ging es nur um seinen persönlichen Vorteil. Und vor allem ging es um seine Karriere. Und zwar nur um seine.

Alles, wirklich alles, was ihm beim Streben nach oben im Weg stand, musste aus dem Weg geräumt werden. Und das nach Möglichkeit stante pede – sofort.

Thomas ging meist bewusst auf Konfrontationskurs mit ihm, auch wenn Ochsner dies erst die notwendige Bühne bot, seiner Hysterie Geltung zu verschaffen.

Aufgrund seiner finanziellen Unabhängigkeit konnte es Thomas schliesslich egal sein, ob sein Chef ihn feuerte oder nicht.

Seufzend kletterte er aus seinem Liegestuhl und ging im Haus an das schwarze Ericsson Drehscheibentelefon, das im Flur an der Wand hing.

»Endlich. Da bist du ja«, tönte es knackend aus dem Hörer, kaum dass er diesen an sein Ohr gehalten und seinen Namen in die Muschel gesprochen hatte.

»Was gibt’s Felix?«, sagte er.

Diesmal war es Thomas, dem die Geduld fehlte.

Der bequeme Liegestuhl war einfach zu verlockend.

Er wartete schliesslich in der Sonne auf ihn.

»Um ehrlich zu sein, wissen wir nicht, ob es überhaupt etwas gibt«, antwortete Felix.

Er war sichtlich verblüfft, dass er auf so wenig Widerstand bei Thomas zu stossen schien.

»In der Gerichtsmedizin gibt es gerade einen riesen Tumult. Dort schreit die ganze Zeit jemand herum, besteht auf der Obduktion eines Mannes.«

Thomas beschlich mit einem Mal ein ungutes Gefühl.

Er ahnte plötzlich, wer diese Person sein könnte, die da herumkrakeelte.

»Du schwingst bitte sofort deine Keulen zu deinem Kumpel Prof. Dr. Vögeli in die Gerichtsmedizin!«.

Da war er wieder. Der gute alte Befehlston von Felix. Immerhin hatte er das Wort bitte in seinem Befehl verwendet.

Ungewöhnlich für Felix Ochsner.

»Das kann ich gerne machen«, kam es völlig ruhig von Thomas. »Nur eines noch.«

»Und das wäre?«

»Wissen wir bereits, wer da herumschreit?«, fragte er.

Er zuckte, da er bereits ahnte, welche Antwort ihn erwartete. »Hatte ich das nicht schon gesagt?«

»Nein.«

»Bei der Person handelt es sich um keine geringere als Franziska Renschler von der Waid. Dir besser bekannt als deine Mutter.«

7

Auf seinem kurzen Fussmarsch ins Institut für Rechtsmedizin seines besten Freundes, Prof. Dr. Hansruedi Vögeli, fragte Thomas Schnyder sich, womit seine Mutter ihn wohl diesmal überraschen würde. In was war sie nur wieder hineingerutscht?

Beim letzte Mal war sie für seinen Geschmack ein wenig zu intensiv mit den Machenschaften eines satanischen Zirkels in Berührung gekommen. Und selbst das war letztlich nur ein weiteres in einer ganzen Reihe von Vorkommnissen, mit denen sie ihn zunächst stets in Verlegenheit und anschliessend meistens seinen guten Ruf, auf den er so bedacht war, in Gefahr brachte.

Er musste es sich eingestehen, das Verhältnis zwischen ihm und seiner Mutter war spätestens seit seiner Berufswahl zum Scheitern verurteilt. Mit seinem Beruf als Ermittler bei der Zürcher Kantonspolizei und ihrer Profession als Edeldomina waren sie regelrecht dazu verurteilt, getrennte Wege zu gehen.

Ihm sollte es recht sein.

Warum sollte er etwas für eine Frau empfinden, die ihn einfach, kaum dass sie ihn durch den Geburtskanal in die kalte Welt gepresst hatte, bei seinen Grosseltern regelrecht entsorgt hatte?

Das einzig Sinnvolle, das sie in ihrem Leben, zumindest bislang, für ihren Sohn getan hatte, war, ihm bereits zu Lebzeiten ein beträchtliches Vermögen zu übertragen. Dieses bescherte ihm immerhin finanzielle Unabhängigkeit.

Sie hatte es von seinem Vater, einem hochvermögenden nordamerikanischen Holzindustriellen.

Vermutlich hatte sie ihn erpresst.

Dieser war seiner Mutter, damals kaum volljährig, bei einer seiner Geschäftsreisen in die Schweiz körperlich wohl ein wenig zu nahegekommen.

Beim nächsten Aufenthalt in Zürich konfrontierte sie den nach aussen hin glücklich Verheiraten mit dem gemeinsamen Sohn.

Und sein Vater zahlte fortan regelmässig ein beträchtliches Schweigegeld, um seine Ehe in der Heimat gar nicht erst zu gefährden.

Monat für Monat sprudelte die Quelle per Scheck.

Trotzdem war es ihm lieber, wenn seine Mutter möglichst weit weg war.

Nach seinem letzten Fall hatte sie ihm aus seiner Sicht völlig unberechtigte Vorwürfe gemacht, er habe einen ihrer zahlungskräftigen Kunden auf dem Gewissen.

Sogar von Liebe hatte sie gesprochen.

Doch für das Empfinden von so etwas wie Liebe hielt er seine Mutter gänzlich ausserstande.

Dann hatte sie sich schmollend für einige Monate nach London abgesetzt, um ihm sicher aus dem Weg zu gehen.

Eine Zeit, die er, wie er sich, ohne jegliche Gewissensbisse zu empfinden, eingestehen musste, sichtlich genossen hatte.

Und eine Zeit, die nun leider ganz offenbar vorbei zu sein schien.

Nach einer knappen Viertelstunde kam er in der Winterthurer Strasse an.

Hier wies er sich einem neuen Gesicht an der Pforte aus, das ihn offenbar noch nicht als regelmässigen Gast zuordnen konnte.

Nachdem er die Gänge eines schier endlos wirkenden Labyrinths durchwandert hatte, betrat er einen der Seziersäle des Instituts für Rechtsmedizin. Schon allein die Ankunft am korrekten Ort berechtigte seiner Meinung nach zum Tragen eines akademischen Grades.

Das Schreiten in den Raum erfüllte ihn bereits mit der Furcht davor, beim blossen Anblick der Leiche, um die es diesmal ging, wie so oft, in Ohnmacht zu fallen.

Auch wusste er, dass die Zürcher Rechtsmedizin im Keller die Leichen in den Schächten des Kühlhauses eng gedrängt nebeneinander förmlich stapelte. In metallenen Einschubwannen, die an Särge erinnerten.

Ein Gedanke, der nur mässig dazu geeignet war, seinen Hang zur Ohnmacht in diesen Hallen zu schmälern.

Auch wenn mit einer gewissen Garantie die interessantesten Fälle im wahrsten Sinne des Wortes auf ihren Stahltischen landeten, stellte er sich stets die Frage, was nur in den Köpfen dieser Mediziner vorging. Ohne jegliche Scheu zerschnitten diese einen toten Menschen und nahmen ihn regelrecht auseinander.

»Einen Professor für Anatomie wie mich überkommt ein Gefühl der Zärtlichkeit, wenn ich in meinen Kursen das nackte Gehirn eines Menschen in meinen Händen halte«, hatte sein Freund Hansruedi vor einigen Jahren zu seinem Entsetzen einmal zu ihm gesagt.

Es sei das Organ, das ihn am stärksten fasziniere, auch wenn er es, wie jedes andere, mit kühnen Schnitten zerschneide.

Zugegeben, gelegentlich wurde es im Anschluss recht dramatisch, wenn sie die stummen Zeugen ein letztes Mal zum Sprechen brachten und ihnen ihre Aussagen entlockten.

»Wie oft soll ich es Ihnen denn noch sagen? Dieser Mann ist eines ganz natürlichen Todes gestorben! An Herzversagen!«, hörte er schon im Flur vor dem Zielort die genervten und lauten wie verteidigenden Worte eines Gerichtsmediziners.

Der Stimme nach schien dieser noch recht jung zu sein.

Vermutlich hatte er vor wenigen Monaten noch die Schulbank bei seinem Freund Prof. Dr. Hansruedi Vögeli, einem von Zürichs führenden Gerichtsmedizinern, gedrückt.

Thomas konnte sich die Szene, die ihn gleich erwarten würde, bereits lebhaft ausmalen.

Bewusst beschleunigte er seinen Schritt, um den jungen Gerichtsmediziner aus den Fängen seiner Mutter zu befreien.

Diese war zweifelsohne bereits mittendrin, ihren jungen Gegner verbal in die Mangel zu nehmen und nach allen Regeln der Kunst fertigzumachen.

»Hören Sie, Jüngelchen. Ich bestehe lediglich darauf, dass dieser Fall von einem Fachmann untersucht wird. Und das scheinen Sie meiner Meinung nach zweifelsohne eben gerade nicht zu sein«, kam es erwartungsgemäss von seiner Mutter.

»Mutter. Stopp!«, rief Thomas laut, kaum dass er in den Seziersaal getreten war.

Dessen Tür stand offen, was ihm für diese Art von Raum ebenso ungewöhnlich wie unangemessen erschien.

»Das ist Ihre Mutter, Herr Schnyder?«, entfuhr es dem jungen Gerichtsmediziner.

Seine Augen waren ungläubig weit aufgerissen.

Thomas hatte ihn als Studenten bei seinem letzten Fall bereits einige Male in der Vergangenheit gesehen, als er Hansruedi versiert beim Öffnen einiger Kinderleichen zur Hand gegangen war.

»Hör’ mit dem Herumgesäbel auf! Jeder Schnitt muss im Geiste vorher geplant sein und sitzen, sonst produzierst du nur hässliche Fetzen!«, hatte er eine der Anweisungen seines Freundes an jenen jungen Herrn noch im Ohr, dessen Namen er jedoch vergessen hatte.

Oder hatte Hansruedi es versäumt, ihm diesen vorzustellen?

Das Augenmerk seines Freundes galt schliesslich eher jungen Studentinnen, die in sein Beuteschema fielen.

Denen gab er nach Vorlesungsschluss in seinem Büro auf dem mit sündig rotem Samt überzogenen Sofa Nachhilfestunden.

Ein Lehrer buchstäblich für alle Lebenslagen.

»Ah, mein Herr Sohn!«, kam es von seiner Mutter. Sie bemühte sich, ihren Tonfall so wenig sympathisch klingen zu lassen, wie es ihr eben möglich war.

Dafür klang ihre Stimme zynisch und verletzend, fast wie das angriffslustige Kläffen einer bissigen Hündin.

Da stand sie nun vor ihm und Thomas musste wie immer staunen. Franziska Renschler von der Waid, seine Mutter, sah in ihrem Flapper-Look für ihr Alter noch wahnsinnig attraktiv aus. Vermutlich musste ihr Äusseres das auch, um für die Herren der Zürcher High Society appetitanregend genug zu sein.

Schliesslich sollten diese anbeissen, um sie für ihre dominanten Dienstleistungen anschliessend mit teuren Geschenken zu entlohnen. Wie üblich war ihr Gesicht hell geschminkt, während ihre Lippen, ganz pragmatisch, mit sicher kussechtem Lippenstift rot angemalt und die Augen tiefschwarz umrahmt waren. Bei den Schmuckaccessoires bestehend aus Perlenkette, Boa und Stirnband kam es neben dem Wert vor allem auf dessen schockierende Wirkung an.

Die schier endlose Zigarettenspitze in ihrer Rechten rundete den mondänen Anstrich seiner Mutter ab.

Die Kürze ihres provokant schwarz eingefärbten, kinnlangen Bobs unter dem dunkelgrünen Cloche wetteiferte mit der ihres glatt und lose am Körper hängenden Kleides, unter dem einladend mit Rouge geschminkte Knie hervorlugten.

Und wie gewohnt setzte sich seine Mutter respektlos und frech in aller Deutlichkeit öffentlich über sämtliche Regeln des guten Benehmens hinweg.

»Warum nur treffe ich immer dann auf dich, wenn einer meiner Liebsten entweder schon unter dem Torf oder wie jetzt auf dem Seziertisch deines triebhaften Freundes liegt? Ob es da einen unheilvollen Zusammenhang gibt?«, fragte sie unverhohlen.

Sie spielte damit auf eine ihrer letzten Begegnungen an. Thomas hatte sie dabei beobachtet, wie sie der Beerdigung eines vermeintlichen Kindermörders beigewohnt hatte.

Danach waren sie sich eine ganze Zeit aus dem Weg gegangen, was Thomas alles andere als bedauerte. Inzwischen war deutlich mehr als ein Jahr vergangen, seit sie sich das letzte Mal gesehen und miteinander ein paar ebenso flüchtige wie wenig freundliche Worte gewechselt hatten.

Eigentlich war ihm das sogar ganz recht.

Die Tätigkeit seiner Mutter im ältesten Gewerbe der Welt und sein Beruf als Ermittler bei der Zürcher Kantonspolizei bargen beim Aufeinandertreffen beider doch stets ein gewisses Potential für Anspannung.

»Ich habe es dir schon mal erklärt, Mutter«, begann er deshalb zu erklären und klang ein wenig genervt dabei.

»Das liegt an unseren Berufen. Die sind einfach nicht kompatibel. Wenn ich mit meinem Team aktiv werde, ist nun mal üblicherweise jemand tot. Und bei deiner Tätigkeit ist es sicher besser, wenn die Kantonspolizei weiterhin aussen vor bleibt. Also, lass uns das hier möglichst schnell hinter uns bringen.«

Er öffnete seine Jacke, um sich etwas Luft zu verschaffen, da er beim Anblick des fahlen Körpers auf dem Seziertisch ein altbekanntes Gefühl in sich aufsteigen spürte.

Ihm begann, ein wenig schlecht zu werden.

»Was genau willst du, Mutter? Ich gehe doch recht in der Annahme, bei dem Herrn auf dem Stahltisch handelt es sich lediglich um einen, nennen wir es einmal Klienten, oder?«

Seine Mutter schwieg einen Moment und schaute erst ihn und dann den in ihren Augen nur unzulänglich befähigten Gerichtsmediziner an.

»Ach, Knöpfchen«, begann sie säuselnd und seufzte.

Wie er es hasste, wenn sie ihn so nannte.

Ebenso wusste er sofort, dass dieser Wechsel ihrer Tonart ins Vertraute nur aufgesetzt war. Dieser sollte sie lediglich ihrem Verhandlungsziel mit ihnen beiden näherbringen.

Folglich beschloss er, dass Schweigen sicher die beste Antwort auf ihre Gesprächsstrategie war.

Die bewusst gewählte Stille war für seine Mutter eine nur schwer zu ertragende Antwort, mit der er den verbalen Machtkampf frühzeitig für sich entscheiden wollte.

Ausserdem lag in dieser Reaktion der für ihn vollkommenste Ausdruck der Verachtung. Und diese war das einzige, das sie seiner Meinung nach von ihm verdiente.

Die Falle des Schweigens schnappte schneller zu als von ihm erwartet. Sie zwang seine Mutter schon nach wenigen Sekunden zum Sprechen: »Also gut. Ja, er war seit kurzem ein Kunde von mir. Als Liebhaber war er zugegeben eher so unteres Mittelfeld. Aber der Mann war doch nur knapp über vierzig.«

Sie ging an den Seziertisch und tätschelte zum Entsetzen des jungen Rechtsmediziners eine der bleichen Wangen des Toten.

»Er war vor ein paar Tagen noch bei mir und schien mir kerngesund und vor Energie nur so zu strotzen. Da hatte ich halt so meine Zweifel an dem plötzlichen Herzversagen.«

Sie schwieg, holte seufzend Luft und fuhr dann fort: »Und dann war da noch, was die anderen Mädchen mir erzählten. Mitunter soll er ihnen gesagt haben, seine Frau habe einen ziemlichen Hass auf ihn. Er soll auch davon gesprochen haben, dass er, sollte er eines Morgens einmal nicht mehr aufwachen, bestimmt von ihr um die Ecke gebracht worden sei.«

Wieder theatralisches Schweigen. Sie tänzelte um den jungen Arzt herum und fuhr ihm zärtlich durchs Haar.

Entsetzt schaute dieser Thomas an.

Der konnte ihm in dieser Situation auch nicht helfen. Und so schüttelte er bloss missbilligend den Kopf.

»Die Mädchen hielten das natürlich bloss für eine scherzhafte Äusserung. Ich bin mir da nicht so sicher. Klar, sterben müssen wir alle. Nur, ich meine, er war doch noch so jung und meiner Meinung nach kerngesund …«

»Herr Schnyder, ich habe gerade damit begonnen, den Verstorbenen zu untersuchen. Weit bin ich nicht gekommen. Doch bislang konnte ich noch nichts Ungewöhnliches feststellen. Und dann kam diese Person, äh ich meine Ihre Mutter …«, fiel der junge Gerichtsmediziner vorwurfsvoll Franziska Renschler von der Waid ins Wort.

»Das geht nun schon fast eine Stunde lang so mit ihr. Sie unterbricht mich einfach ständig bei meiner Arbeit. Da haben wir Sie rufen lassen.«

»Ist schon gut …«, kam es von Thomas, und er kramte ein wenig verzweifelt nach dem Namen seines Gegenübers.

Glücklicherweise kam dieser ihm selbst zuvor: »Kurt. Dr. Kurt Hefti. Wie gesagt, bislang konnte ich absolut nichts feststellen, was irgendwie auf ein Fremdeinwirken schliessen lässt. Der Verstorbene hat keinerlei äussere Verletzungen …«

»Papperlapapp! Sie wollen mir doch nicht etwa weissmachen, dass dieser Herr, der vor ein paar Tagen noch kurz hintereinander mit drei verschiedenen Frauen ausdauernd vögeln konnte, kurz darauf einem Herzanfall erliegt? Am Ende werfen Sie mir und den anderen Damen noch Totschlag vor, wie? Nein, Sie Jungspund! Sie mögen zwar einen Doktortitel haben. Das macht Sie jedoch ganz offensichtlich noch lange nicht zu einem Experten!«

»Mutter!«, herrschte Thomas sie an.

»Sag mal, bist du jetzt völlig durchgedreht? Was soll das? Der Mann arbeitet seit einiger Zeit für Hansruedi. Er ist sicher enorm kompetent auf seinem Fachgebiet und tut sein Möglichstes!«

»Das reicht mir in diesem Fall aber nun einmal nicht! Es muss doch einmal, nur ein einziges Mal für etwas gut sein, dass du mit diesem im Rollstuhl herumgurkenden Spinner befreundet bist!«

»Sie sprechen doch wohl nicht etwa von mir, meine Teuerste?«, kam es plötzlich von der Tür.

Im Türrahmen stand oder besser sass Prof. Dr. Hansruedi Vögeli in seinem Rollstuhl.

»Oh, Ihre blaublütige Durchlaucht«, hob er verächtlich an. »Wie gerne nur würde ich Ihnen sagen, wie angenehm ich diese Begegnungen mit Ihnen stets finde. Doch habe ich früher in der Sonntagsschule immer gehört, ich möge es unterlassen zu lügen.«

Das Aufeinandertreffen zwischen seiner Mutter und seinem besten Freund Hansruedi Vögeli hatte stets ein gewisses Explosionspotenzial. Stets war es von Sticheleien geprägt, deren Hauptzweck es war, den anderen möglichst tief zu kränken.

»Oh. Der Herr Professor«, antwortete Franziska Renschler von der Waid.

Sie legte ihren ganzen Zynismus in ihren Konter.

»Wie geht’s, wie steht’s? Ach, ich vergass. Mit dem Gehen klappt’s ja nicht mehr so. Wobei? Zumindest ihr Stehvermögen wird in gewissen Kreisen als geradezu legendär eingestuft.«

Sie schnaubte verächtlich.

»Du sollst nicht lügen? Wirklich sehr schlagfertig! Wobei? Das sechste Gebot, die Lektion mit dem ›Du sollst nicht ehebrechen‹, haben Sie in der Sonntagsschule dann wohl übersprungen, wie?«

»Wie? Der Hinweis auf das sechste Gebot. Ausgerechnet von jemandem wie Ihnen? Mit Ihrer, nennen wir es einmal, Profession. Das ist geradezu grotesk!«, erwiderte Hansruedi.

Er rollte mit einem Mal in seinem Rollstuhl bedrohlich schnell auf Thomas’ Mutter zu.

Für Thomas waren diese Aufeinandertreffen nur noch schwer zu ertragen.

Sie kosteten einfach zu viel Zeit.

Genau das war es.

Deshalb entschloss er sich, jetzt, in eben dieser Sekunde, zu einem möglichst frühen Zeitpunkt dazwischen zu gehen.

Bevor alles, wie sonst bei beiden üblich, wieder völlig entgleiste und schlimmstenfalls sogar seinen guten Ruf in Gefahr brachte.

»Ruhe, ihr zwei! Verdammt nochmal! Wie ich diese gequirlte Kacke zwischen euch beiden inzwischen leid bin? Könntet ihr beide euch mal zusammenreissen, bitte? Ich habe, ehrlich gesagt, noch etwas anderes zu erledigen, als mir euer schwachsinniges Geplänkel anzuhören!«

Beide blickten ihn auf ihre jeweils ganz eigene Art entsetzt an.

Doch zumindest schwiegen sie.

Das Ziel für den Moment schien erreicht.

»Mutter, du packst jetzt bitte endlich aus und sagst uns, was genau du willst? Und du, Hansruedi, hältst bitte ausnahmsweise deine Klappe und hörst einfach mal nur zu!«

Wie enorm er es hasste, seinen besten Freund so anzufahren. Doch es erschien ihm das probateste Mittel auf dem Weg zurück auf seine sonnendurchflutete Veranda und zu einer weiteren Tasse von Luises Kaffee zu sein.

Seine Mutter zögerte.

Dann tauschten Hansruedi und sie Blicke einer Mischung aus Abneigung und Misstrauen aus.

Schliesslich siegte in Franziska Renschler von der Waid der Pragmatismus und sie schien im Geiste zu beschliessen, dass Hansruedi nun einmal die beste Option war, die sie für ihr Anliegen hatte.

»Na ja. Es ist so. Mein Mann Alfons kümmert sich bekanntlich lieber um seine Geschäfte als Rohstoffhändler als um die Bedürfnisse von mir, seiner Frau. Ich war ja ein paar Monate in London gewesen. Das hat natürlich ein kleines Vermögen verschlungen. Ihr kennt ja die Londoner Preise, nicht? Es war schrecklich! In der Zwischenzeit hat sich so mancher angestammte Kunde doch, sagen wir einmal anderweitig orientiert. Und Alfons, dieser Geizkragen, fing doch tatsächlich an, mir die Gelder zu kürzen! Ich und verschwenderischer Lebensstil? Dass ich nicht lache! Da wir Frauen aber finanziell wie körperlich ebenso unsere Bedürfnisse haben, habe ich mir neuerdings immer mal wieder Klienten von Tante Erna, der Betreiberin des Club Pompeji in Zürich, zuschanzen lassen. Immer dann, wenn die Dienstleistungen, die ihre Klientel wünschte, na ja, sagen wir mal von spezieller Natur waren. Die beiden Herren kennen Tante Erna ja recht gut, wie ich von einigen der Mädchen dort hörte.«

Thomas errötete, während sein Freund Hansruedi vergnügt wissend zurücklächelte.

Seine Mutter spielte auf beider gemeinsame und recht regelmässige Ausflüge in dieses von eben jener Tante Erna geführte horizontalgewerbliche Etablissement Zürichs an.

Der anwesende Kurt Hefti schien glücklicherweise völlig ahnungslos zu sein, so dass Thomas die Aussage der Einfachheit halber unkommentiert im Raum stehen liess.