Mach dich locker - Ellen Berg - E-Book

Mach dich locker E-Book

Ellen Berg

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9,99 €

Beschreibung

Planst du noch, oder lebst du schon?  

(Noch) nicht perfekt, aber verdammt nah dran: Kontrollfreak Marie hat ihr Leben exakt durchgeplant. Einfach locker laufen lassen? Bloß nicht. Dafür sind ihre Ansprüche an Job, Ehe und Familienalltag viel zu hoch. Dumm nur, dass ihre Familie zunehmend rebellisch reagiert. Vor allem ihr Mann Alexander ist genervt von der ewigen Kritik – und zeigt sich umso interessierter an der provozierend lockeren Babette. Langsam muss sich Marie fragen, ob Perfektionismus wirklich glücklich macht. Doch wie rettet man eine Ehe nach fünfzehn Jahren Beziehungsroutine? Und – will Marie das überhaupt?  

Ein wunderbar beobachteter Roman von Bestsellerautorin Ellen Berg, über das Glück jenseits des Planbaren.

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Seitenzahl: 471

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Ellen Berg

Mach dich locker

(K)ein Frauen-Roman

Übersicht

Cover

Titel

Inhaltsverzeichnis

Impressum

Inhaltsverzeichnis

Titelinformationen

Informationen zum Buch

Newsletter

Widmung

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Nachwort

Impressum

Wer von diesem Roman begeistert ist, liest auch ...

Für alle, die der Perfektion hinterherjagen –

und hoffentlich sich selbst finden

Kapitel 1

Das Leben konnte so wundervoll sein, nahezu perfekt! Marie atmete auf. Soeben hatte sie ihre Präsentation beendet, offensichtlich mit durchschlagendem Erfolg. Unter dem Applaus ihrer Kollegen schwebte sie zu einem der Ledersessel, die sich um einen Konferenztisch aus poliertem Schiefer gruppierten. Präsentationen in der Chefetage waren in etwa so angenehm wie Balancieren auf einer Rasierklinge, umso erleichterter sank sie jetzt auf ihren Platz. Geschafft!

Ihr Blick wanderte zu den bodentiefen Fenstern. Hier oben im zweiundzwanzigsten Stock des vollverglasten Bürogebäudes hatte man eine spektakuläre Aussicht auf die Stadt. Wie hellblaue Seide wölbte sich der Himmel über den Dächern, nur ein paar kleine weiße Wölkchen glitten wie hingetupft durch das unendliche Blau. Fast konnte man ins Träumen geraten bei diesem Anblick. Nein, nicht träumen, ermahnte sich Marie. Du hast die perfekte Präsentation abgeliefert, aber auch eine dicke Suppe muss durch einen dünnen Strohhalm – beziehungsweise durch die anschließende Diskussion. Also bleib konzentriert.

Sieben Männer befanden sich in dem lichtdurchfluteten Raum, sieben Männer und eine Frau: Marie Hasemann, das Kaninchen im Raubtiergehege. Seit fünf Monaten arbeitete sie bei FeelBetterFood, auf Deutsch: Essen zum Besserfühlen, auf Ehrlich: überteuerte, mit Nahrungsergänzungsmitteln vollgepumpte Trendprodukte. Aber irgendwie musste man ja sein Geld verdienen, und Marie brannte leidenschaftlich für alles, was mit gesunder Ernährung zu tun hatte. Warum nicht als Food-Designerin?

Ja, so was gab es wirklich. Ihre Aufgabe bestand darin, Dinge zu erfinden, die frühere Generationen nicht mal hätten aussprechen können. Power-Kichererbsen-Chili-Chips mit Zink und Magnesium zum Beispiel. Oder Advanced-Lavendel-Grapefruit-Popcorn, dem ein Vitamincocktail von A bis K den zeitgemäßen Gesundheitskick verlieh. Und das waren nur zwei der Zungenbrecher, die sie heute vorgestellt hatte.

Vorerst schien alles bestens zu laufen. Sogar ihr Chef, ein smarter Mittdreißiger mit modischem Dreitagebart, hob anerkennend beide Daumen. Dankbar lächelte sie ihm zu und wunderte sich mal wieder im Stillen, wie erfolgreich er seine Firma managte. Holger Christiansen war der Typ Mann, den man sich eher auf einem Surfbrett als am Schreibtisch vorstellen konnte: durchtrainiert, braun gebrannt, lässig und dynamisch zugleich. Wie bei einem berufsjugendlichen Start‑up-Unternehmer kaum anders zu erwarten, trug er einen schwarzen Designer-Hoodie zu sündteuren durchlöcherten Designer-Jeans und schneeweißen Sneakers.

»Sehr cool, Frau Hasemann.« Beiläufig zog er sich die Kapuze vom Kopf. »Ihr Konzept zur Erweiterung der Produktpalette ist mega. Sie sind unsere Star-Performerin!«

»Vielen Dank«, hauchte Marie.

Am liebsten hätte sie jetzt einen hüftwackelnden Freudentanz auf der Tischplatte hingelegt. Auch ein bisschen Konfetti wäre schön gewesen. Das Kind in ihr wollte tanzen und jubeln und in die Hände klatschen. Doch Maries Pokerface saß so untadelig wie ihr grauer Hosenanzug. Gut, äußerlich gab man sich hier betont locker; die Kollegen hingen entspannt in ihren Sesseln, statt Anzug und Krawatte dominierten Jeans, T‑Shirts und Pullover. Was allerdings nichts daran änderte, dass Marie in ihrem Job perfekt rüberkommen musste, perfekt und professionell.

Es war ein harter Lernprozess gewesen. Anfangs hatte sie gedacht, Kompetenz spreche für sich, und war in hübschen Kleidern im Job erschienen, immer freundlich, immer lustig, immer locker drauf. Mit dem Resultat, dass sie keiner ernst genommen hatte. Es war wirklich schlimm, als Frau immer noch um Akzeptanz kämpfen zu müssen. Dass sie diplomierte Ernährungswissenschaftlerin war, interessierte hier keinen. Nach wie vor zählten das Auftreten und die äußere Erscheinung. Seither trug sie bei der Arbeit nur noch uniformartige Hosenanzüge – dress for success! –, verkniff sich jeglichen Hinweis auf ihr Privatleben und setzte eine unverbindliche Maske auf.

Vor allem die Familie ließ man besser unerwähnt. Eine Frau, die von Kindergeburtstagen und Schulfesten erzählte, wurde rasch als unbedarftes Weibchen ohne Ahnung von nix abgestempelt. Deshalb hätte Marie niemals verraten, dass sie heute schon in aller Frühe Muffins für den Elternabend gebacken, den Turnbeutel ihrer siebenjährigen Tochter Lilli gepackt und die Hockeyklamotten ihres pubertierenden Sohns Robin zusammengesucht hatte. Genauso wenig hätte Marie erzählt, dass sie in Gedanken bereits die Einkaufsliste fürs Abendessen durchging. Außerdem musste sie noch zwei Anzüge des werten Gatten von der Reinigung abholen, ein Geburtstagsgeschenk für ihre Schwiegermutter besorgen und die Themenliste für den heutigen Elternabend vervollständigen.

Multitasking war Maries täglich Brot. Weil sie eben eine Frau war, und daran hatte auch der Feminismus nichts ändern können, leider. Mein Leben ist wie Jonglieren mit Dynamit, dachte sie. Einmal die Kontrolle verlieren, und schon fliegt mir alles um die Ohren.

Unhörbar seufzend schaute sie in die Runde. Keiner dieser Herren musste sich so einen irren Hindernisparcours antun. Wenn die mittags zum Lunch verschwanden, koordinierte Marie die Termine ihrer Kinder. Vom Kieferorthopäden über Nachhilfestunden bis zu Lillis Playdates gab es immer was zu regeln. Zischten die lieben Kollegen ein Feierabendbier, sprintete Marie im Zickzack durch Bioläden und Supermärkte. Obendrein kümmerte sie sich auch noch um die Termine ihres Mannes: Tennisclub, Friseurbesuche, ärztliche Kontrolluntersuchungen, es nahm einfach kein Ende. Eigentlich stand sie ständig unter Druck.

Kommt Zeit, kommt Spaß, beruhigte sie sich. Freu dich, dass du alles im Griff hast, weil du die Kunst der perfekten Organisation beherrschst: im Job, im Alltag, bei den Kindern, bei deinem Ehemann. Wobei der neuerdings …

»Besonders hat mir der Quinoa-Proteinriegel mit Goji-Beeren und Coenzym 17 gefallen«, unterbrach der Chef ihre Grübeleien. »Noch Fragen, Leute?«

Marie klappte ihren Laptop auf. Das Palaver, das unweigerlich folgen würde, betrachtete sie als reine Zeitverschwendung. Sie hatte die perfekt durchgegarten Würstchen serviert, nun würde jeder seinen Senf dazugeben. Männer eben. Großes Ego, viel, viel Senf. Da arbeitete sie doch lieber an ihrer Themenliste für den heutigen Elternabend.

Nachdem sie eine geschäftsmäßige Miene aufgesetzt hatte, öffnete sie die Datei Robins Schule, Elternabend XII und überflog ihre bisherigen Stichpunkte. Vollwertigeres Schulessen. Ideen für das alljährliche Schulfest. Erörterung der bevorstehenden Klassenfahrt. Das konnte sich doch schon mal sehen lassen. Auch als Elternsprecherin legte sich Marie selbstverständlich voll ins Zeug. Eskimos hatten fünfzig verschiedene Wörter für Schnee, Marie hatte mindestens hundert für ihre Vorstellung von Perfektion. Was immer sie tat, erledigte sie engagiert und strukturiert.

»Es gibt da noch einigen Gesprächsbedarf«, mäkelte jemand. »Ehrlich, Holger, deine Begeisterung in allen Ehren, aber das war mir jetzt zu viel Konsensklebstoff.«

Marie sah auf. Ein rundlicher junger Mann hatte sich zu Wort gemeldet, Ben Haller, seines Zeichens für die Pressearbeit zuständig. Das Milchgesicht. Als Expertin für Ernährung kannte sich Marie mit dem sogenannten Face Mapping aus. Demnach waren Gesichter Landkarten, von denen man die Essgewohnheiten ablesen konnte. Ben Haller hatte ein typisches Milchgesicht: Zu viel Laktose sorgte für geschwollene Augenlider, weiße Flecken auf der Haut und kleine Unreinheiten im Kinnbereich. Es gab auch Glutengesichter, Koffeingesichter und Zuckergesichter. Marie las darin wie in einem offenen Buch.

»Man müsste erst mal sehr genau prüfen, ob die Kunden solche Produkte wollen«, fügte das Milchgesicht hinzu.

»Die Leute wissen gar nicht, was sie wollen, bevor man es ihnen vorsetzt«, entgegnete der Chef. »Im Ernst, Bennie, hättest du vor zehn Jahren gedacht, dass du deine Kohle mal mit Banane-Kresse-Spinat-Smoothies machen würdest? Früher hieß das: Spiel nicht mit dem Essen. Heute ist das Power Food.«

»Trotzdem.« Ben Haller feuerte einen vorwurfsvollen Blick auf Marie ab. »Mir ging das alles viel zu schnell.«

»So was höre ich öfter.« Sie lächelte verbindlich. »Bei mir geht immer alles schnell.«

Weil ich längst hupend im Stau stand, als du dir bei der Verteilung typischer Eigenschaften eine Extraportion Bedenkenträgerei abgeholt hast, fügte Marie innerlich hinzu. Sie hatte einfach keine Zeit für langatmige Diskussionen. Unauffällig linste sie zur Uhr. Wenn diese Konferenz länger dauerte als geplant, würde sie den Telefontermin mit Lillis Klavierlehrer verpassen. Und das Zeitfenster auf Ebay, in dem sie das Geschenk für ihre Schwiegermutter zu ersteigern gedachte, eine antike Kuchenplatte aus weißem Marmor.

»Wir brauchen detaillierte Zahlen und Fakten über die Marktchancen«, insistierte Ben Haller.

»Nein, wir brauchen spontane Kreativität, und genau die hat uns Frau Hasemann geliefert«, hielt Holger Christiansen dagegen. »Wer immer weiß, was er tut, bleibt unter seinem Niveau.«

Starke Worte. Staunend registrierte Marie, wie ritterlich ihr der Chef zur Seite sprang.

»Gern maile ich Herrn Haller die relevanten Daten«, sagte sie, um ihren guten Willen unter Beweis zu stellen. »Ich kann Ihnen versichern, dass sämtliche Produktideen auf den Erkenntnissen der aktuellen Trendforschung beruhen und in puncto Datenlage perfekt abgesichert sind.«

»Super, Frau Hasemann, ich habe nichts anderes erwartet.« Holger Christiansen strich sich durch den gepflegten Dreitagebart, in seine goldbraunen Augen trat ein belustigtes Funkeln. »Wissen Sie, Ben nimmt es eben immer sehr genau. Bevor der ein Ei isst, pellt er erst mal das Huhn. Vielleicht reden wir lieber über die einzelnen Produkte. Ich bitte um fundierte Wortbeiträge.«

Wie die ausfallen würden, ahnte Marie ja bereits. FeelBetterFood war halt ein Männerding. Die glorreiche Firmengeschichte hatte in einer Garage begonnen, wo Holger Christiansen aus einer Katerlaune heraus mit ein paar Kumpels schräge Energydrinks zusammengebraut hatte. Wodka-Litschi mit Basilikum zum Beispiel, oder Aquavit-Gurke auf Mangobasis. Mittlerweile lief alles alkoholfrei, doch die alten Kumpels gehörten nun zur Führungsriege des Start‑up-Unternehmens. Das Durchschnittsalter lag bei knapp dreißig, Marie war der einzige Neuzugang, die einzige Frau und mit ihren neununddreißig Jahren auch die weitaus Älteste. Eine Außenseiterin. Ihre einzige Vertraute war ihre Assistentin Scarlett, eine junge Frau mit dem Herzen auf dem rechten Fleck. Mit ihr konnte Marie auch mal lachen über diesen testosteronhaltigen Club. Scarlett nannte es die Hengstparade.

»Frau Hasemann«, drang eine sonore Stimme an ihr Ohr. »Glauben Sie wirklich, dass vitaminisiertes Lavendel-Grapefruit-Popcorn die Zukunft ist?«

Es war der Kollege vom Marketing, der die Frage gestellt hatte. Ein Weingesicht. Marie erkannte es an den tiefen Nasolabialfalten und am feinen Geflecht roter Äderchen auf den Wangen. Ein Grund mehr, warum sie ihren Weinkonsum drastisch eingeschränkt hatte, obwohl ihr hektisches Leben durchaus betrinkenswert gewesen wäre.

»Wie Sie ja sicherlich wissen, geht der Trend zum gesunden Snack in exotischen Geschmacksrichtungen«, erklärte sie freundlich. »Auf diese Weise kann man Genuss und Gesundheit verbinden.«

»Sehr richtig«, pflichtete der Chef ihr bei. »Man nennt es übrigens Snackification. Popcorn ist die geniale Antwort darauf.«

Wow. Marie hielt die Luft an. Noch mehr Schützenhilfe vom Chef? Dies war wirklich ein wundervoller Tag. Holger Christiansen zwinkerte ihr sogar zu – oder flirtete er etwa mit ihr? Obwohl das im Grunde durchaus schmeichelhaft war, konnte so was kompliziert werden. Aber nein, das mit dem Flirt hatte sie sich bestimmt nur eingebildet.

Während das Lavendel-Grapefruit-Popcorn weitere Senfkleckse abbekam, widmete sich Marie wieder ihrer Liste. Beim Stichpunkt Klassenfahrt blieb sie hängen. Achtung, Achtung, da lauerten gewisse Fallstricke. Schon die bloße Vorstellung, ihr vierzehnjähriger Sohn könnte auf der geplanten Amsterdamreise etwas Dummes anstellen, trieb ihr kalte Schweißperlen auf die Stirn. Amsterdam, das bedeutete ja nicht nur Grachten, Gouda und Museen, dort lauerten auch Marihuana-Shops und Prostituierte, die ihre weiblichen Reize ungeniert in Schaufenstern präsentierten. Pures Gift für eine naive Seele wie Robin. Zwar fühlte er sich unheimlich erwachsen, doch wie reif er tatsächlich war, bewies er damit, dass er jedem, aber auch wirklich jedem vorführte, wie musikalisch er »Hänschen klein« rülpsen konnte.

Bis jetzt hatte Marie Schlimmeres verhindern können, weil sie regelmäßig Robins Zimmer checkte. Heimlich natürlich. Als selbst ernannte Miss Marple fahndete sie nach Spuren von Alkohol, Zigaretten und – Gott behüte! – Joints. Bei der Gelegenheit durchforstete sie auch Robins Laptop nach verdächtigen Webadressen. Seit sie ihn einmal dabei erwischt hatte, wie er die Droge Ecstasy googelte, waren ihre Antennen voll ausgefahren. Auch Pornoseiten hatte sie schon in seinem Browserverlauf gefunden. So ein pubertierender Junge war halt eine tickende Zeitbombe. Da wirkte es fast schon harmlos, dass sie unlängst ein Herrenmagazin unter seinem Bett gefunden hatte, mit einer weitgehend textilfreien Sexbombe auf dem Cover. Robins Reaktion: »Ich lese nur die Artikel.« – »Ja, wer liest die nicht«, hatte Marie ironisch erwidert und das Heft in den Müll geschmissen.

Ihr Mann nannte sie einen Kontrollfreak. Der hatte gut reden. Als Anwalt war Alexander Granate, im wahren Leben so gut wie orientierungslos. Er gehörte zu jenen Männern, die zwei verschiedene Socken trugen, wenn man nicht aufpasste. Das war irgendwie süß, andererseits konnte er nicht mal einen Aufzug betreten, ohne sich zu verlaufen.

Du hast einen Penis, damit du weißt, wo vorn ist, sagte Marie manchmal, was nicht gerade ladylike klang, in Alexanders Fall aber zutraf. Bat sie ihn, Auberginen fürs Abendessen zu besorgen, kam er mit Zucchini angezuckelt. Trug sie ihm auf, Bio-Tee zu kaufen, brachte er garantiert ein billiges Supermarktprodukt mit. Und bei der Hausarbeit stellte er sich so dusselig an, dass er beim letzten Versuch, die Waschmaschine zu bedienen, Maries teuren Kaschmirpullover auf Bonsaiformat geschrumpft hatte. Da war es ihr doch wesentlich lieber, ein Kontrollfreak genannt zu werden, statt in der Dauerkatastrophe zu leben.

Klar, einfach war es bestimmt nicht, mit einer Powerfrau verheiratet zu sein, die noch dazu eine Orga-Queen sein musste. Doch was blieb ihr denn anderes übrig? Da sich Alexander in allen organisatorischen Dingen vornehm zurückhielt, lastete die gesamte Verantwortung auf ihren Schultern. Übermutter? Kontrollfreak? Von wegen. Für Alexander war die Vaterrolle ein Spaziergang, als Mutter befand sich Marie permanent auf einer Hochgebirgstour, und die anderen Mütter führten ihr unablässig die Absturzgefahren vor Augen. Schon im Geburtsvorbereitungskurs hatten sie Marie über die lebenswichtige Bedeutung einer Zweitsprache im Vorschulalter aufgeklärt, und ohne frühmusikalische Erziehung gehe nun wirklich gar nichts. Außerdem dürfe man bloß kein Zeitfenster verpassen, denn gute Kitas, Schulen und Hockeyclubs seien hoffnungslos überlaufen.

Das Ganze lief darauf hinaus, dass man ein kleines Genie von Baby gebären musste, das direkt nach der Geburt zum Nobelpreisträger geformt werden wollte. Als Marie im siebten Monat mit Robin schwanger gewesen war, hatte sie ihn in einer Super-Kita mit Englisch, Musikunterricht und Kinderyoga angemeldet, kurz darauf in einer Grundschule, die sowohl musisch als auch naturwissenschaftlich als Top-Adresse galt. Zur Not hätte sie auch Handtücher auf die Kinderstühlchen gelegt, um sich einen festen Platz zu sichern. Liegestuhlwettläufe und Büfettschlachten in Clubhotels waren nichts dagegen, nur dass es bei Kindern leider kein All-inclusive-Paket gab. Da musste man alles selbst in die Hand nehmen.

Nach Robins Geburt hatte sich der Druck eher noch gesteigert: Was, dein Kind kann noch nicht laufen? Wie, es ist noch nicht trocken. Und es hat wirklich noch nicht Mama gesagt? Vielleicht müsstest du einen Ergotherapeuten oder einen Logopäden zurate ziehen. Übrigens solltest du ihn schon mal im Hockeyclub anmelden. Und kennst du überhaupt diese sagenhaften englischen Internate, in denen Schüler kurz vor dem Abitur den letzten Schliff bekommen?

Während Marie weiter über dem Thema Klassenfahrt brütete, lauschte sie mit einem halben Ohr den Gesprächen am Konferenztisch. Inzwischen war eine Debatte über ihre Algenkekse mit Kurkuma-Zimt-Geschmack entbrannt.

»Zimt? Ja, ist denn schon Weihnachten, Frau Hasemann?«, witzelte der Kollege vom Online-Vertrieb.

»Grenzwertig«, schloss sich der Experte für Verpackungsdesign an.

Letzteren kannte Marie bereits als recht quengeligen Zeitgenossen. Wenn der sich in einen Konflikt einmischte, dann ganz bestimmt nicht, weil er einen Friedensnobelpreis abräumen wollte. Aufmerksam musterte sie sein Gesicht. Zwei winzige Pickel zwischen den Augenbrauen sagten ihr, dass der Verpackungsspezi seinen Körper mit fettigem Essen überforderte. Laut Face Mapping entsprach die Stelle zwischen den Augenbrauen nämlich der Leber, und die nahm übel, wenn man sie mit miesen Transfetten belästigte. Tja, es war schon krass: Alle, die hier saßen, beschäftigten sich den lieben langen Tag mit gesunder Ernährung, stopften sich jedoch frohgemut mit ungesunden Sachen voll.

»Frau Hasemann?« Ihr Chef verschränkte die Arme hinter dem Kopf und lehnte sich zurück. »Was ist Ihr Kekskonzept?«

Marie unterdrückte den Impuls, laut loszulachen. Kekskonzept. Hörte der sich eigentlich selber zu? Klar, sie ging voll in ihrem Job auf, aber manchmal hätte sie sich kringeln können über die Begriffe, die man sich hier so an den Kopf warf.

»Zimt ist längst kein Saison-Geschmack mehr, sondern ganzjährig im Rennen«, erläuterte sie ihre Überlegungen. »Einen Zimt-Latte bekommen Sie an jeder Ecke, und seit die gute alte Zimtschnecke Cinnamon Bun heißt, ist sie in jedem angesagten Café zu haben.«

»Ich hätte ja lieber Kekse mit Leberwurstgeschmack«, sagte das Weingesicht.

Alle brachen in Lachen aus, nur Marie sah wieder zur Uhr. Manchmal sehnte sie sich nach ihrem alten Job in einem kleinen Lebensmittellabor. Dort war sie überqualifiziert und unterbezahlt gewesen, hatte jedoch mehrheitlich mit Frauen gearbeitet, die genauso viel um die Ohren hatten wie sie. Flüssige Abläufe waren deshalb wichtiger gewesen als Selbstdarstellungspirouetten.

»Hallo?« Ungehalten klopfte der Chef mit den Fingerknöcheln auf die Schieferplatte. »Mal bei der Sache bleiben, Jungs, okay?«

»Leberwurstkekse sind gar keine so schlechte Idee«, legte das Weingesicht nach. »Wir brauchen auch was für echte Kerle, so nach dem Motto: Hoffentlich merkt mein Steak nicht, dass ich es mit einem Salat betrüge. Also, Frau Hasemann, wie sieht’s denn aus mit Produkten für die männliche Zielgruppe?«

»Gern gehe ich darauf ein«, versuchte sie ihm den Wind aus den Segeln zu nehmen. »Speziell für die männliche Zielgruppe habe ich einige zusätzliche Innovationen kreiert. Unter anderem Algenkekse mit Frühstücksspeckgeschmack.«

Das kam gut an. Allen lief sichtlich das Wasser im Mund zusammen.

»An dieser Stelle möchte ich nochmals auf meine völlig neue Schwarze Linie hinweisen, die speziell männliche Kunden anspricht«, fuhr sie fort. »Zum BetterBlackPack, wie ich es nenne, gehört ein Brombeer-Kokosflocken-Müsli, das mit gesunder Aktivkohle aus gerösteten Kokosnussschalen veredelt wurde. Auch der Black Velvet Power Drink gehört in diese Linie: eine Mischung aus Granatapfelsaft und schwarzer Johannisbeere, prallvoll mit Antioxidantien und ebenfalls mit gesunder Aktivkohle angereichert. Das ist echtes Super Food. Nebenbei wirkt es verdauungsfördernd, also entgiftend oder, wie wir sagen, ähm …«, sie suchte nach einem schicken englischen Wort, »detox!«

»Hammer!« Ihr Chef riss die Arme hoch. »Frau Hasemann, die Entscheidung, Sie als Food-Designerin einzustellen, war wirklich mega. Schon heute Nachmittag werden wir die ersten Produkte in unseren Fokusgruppen testen lassen!«

Das war der ultimative Ritterschlag. Nur was den Chef überzeugte, durfte anschließend Testessern vorgesetzt werden. Blicke flogen hin und her. Keine sonderlich netten Blicke. Wie hieß das noch? Neid musste man sich genauso verdienen wie Erfolg? Marie war es gewohnt. Dunkel ahnte sie, dass sie eine Spur zu perfekt wirkte, um gemocht zu werden. Dabei war sie gar nicht so perfekt. In ihren eigenen Augen reichte es nie. Obwohl sie sich ungeheuer ins Zeug legte, hatte sie immer das Gefühl, nicht gut genug zu sein.

»Danke, Leute, das war’s für heute«, sagte Holger Christiansen und stand auf. »Marie? Könnten Sie Ihre Präsentation bitte für alle auf dem Server ablegen?«

Eine heiße Röte überlief ihre Wangen. Wenn der Chef sie mit Vornamen ansprach, kam das einem Orden mit drei Sternchen gleich. Alle duzten sich hier, nur Marie wurde nach wie vor gesiezt. Insofern war die vertrauliche Anrede so etwas wie ein vorläufiger Mitgliedsausweis im Herrenclub der Chefetage.

»Gern, Holger«, lispelte sie, verlegen vor Freude.

In diesem Moment surrte ihr Handy. Alexander. Wenn man sich auf die Stimme eines Mannes freute, war man verliebt, wenn man das Gespräch wegdrückte, war man verheiratet. Und Marie war so was von verheiratet. Seit fünfzehn Jahren. Da kamen meist unerfreuliche Dinge angeflogen – entweder Aufträge oder Beschwerden, in jedem Fall aber Probleme, die sie lösen sollte. Deshalb drückte sie den Anruf weg, steckte das Handy ein und wartete auf die üblichen Verabschiedungsfloskeln des Chefs.

Nichts dergleichen geschah. Stattdessen schaute Holger sie länger an als nötig, mit einer irrlichternden Intensität, die Marie einen Schauer über den Rücken jagte. Das kleine Mädchen in ihr reagierte prompt verunsichert. Stimmte was nicht?

Blitzschnell ging sie alle möglichen Pannen durch. Hm. Ihre kinnlange Ponyfrisur mit den frisch eingefärbten hellbraunen Strähnchen saß perfekt, so viel stand fest. Vielleicht hing ja ihre Wimperntusche auf halb neun? Oder war etwa der kussechte Lippenstift verschmiert? Weder das eine noch das andere hätte sie sich verziehen, genauso wenig wie irgendeine Nachlässigkeit im Job oder im Familienalltag. Das war halt die Kehrseite ihres Perfektionismus – Marie gestattete sich keinerlei Schwächen.

»Was ich noch sagen wollte, ich bin wirklich total happy, Sie in unserem Team zu haben«, erlöste sie der Chef aus ihren Selbstzweifeln.

»Danke.« Marie hob das Kinn. »Das bedeutet mir viel.«

Ein Lächeln huschte über Holger Christiansens gebräuntes Gesicht. Es war völlig makellos. Wenn sich hier einer gesund ernährte, dann er.

»Wir sollten uns demnächst mal privat treffen«, schlug er vor. »So ein Gedankenaustausch in entspannter Atmosphäre wäre doch super, damit wir uns ein bisschen näher beschnuppern können.«

Wie war das denn gemeint? Aufregung und Panik trieben noch mehr Blut in Maries Wangen. Aufregung über das Interesse an ihrer Person, Panik, weil die Stimme des Chefs eigentümlich vibrierte. Flirtete er etwa doch mit ihr?

»Wir könnten zum Beispiel tanzen gehen, so zur mentalen Lockerung«, setzte er jetzt noch hinzu.

Tanzen? Herrje, sie war verheiratet, Mutter zweier Kinder und mit ihren neununddreißig Jahren deutlich älter als Holger Christiansen! Das konnte ihm doch eigentlich nicht entgangen sein. Fieberhaft überlegte sie, wie sie sich aus der Affäre ziehen könnte, ohne ihren Chef vor den Kopf zu stoßen.

»Ähm, also, Tanzen sieht bei mir immer ein bisschen nach Waldbrand austreten aus, aber kommen Sie doch demnächst zum Abendessen vorbei«, hörte sie sich sagen. »Mein Mann wollte Sie immer schon mal kennenlernen, und die Kinder brennen förmlich darauf.«

Das war gleich dreifach geflunkert. Marie besaß die Goldene Nadel für Standardtänze, Alexander interessierte sich null für ihren Job, ihre Kinder fanden offizielle Dinner daheim einfach nur öde. Doch etwas Besseres war ihr gerade nicht eingefallen, und Marie folgte stets ihrem Leitspruch, dass der Erfinder der Notlüge die Harmonie mehr geliebt hatte als die Wahrheit.

»Vielleicht am Freitag?«, fragte sie.

»Cool.« Es klang ein bisschen eingeschnappt. Offensichtlich hatte Holger ein etwas intimeres Ambiente erwartet als einen Hausbesuch nebst Gatte, Kind und Kegel. »Freitag passt.«

»Neunzehn Uhr Aperitif?«

»Gebongt. Wir sehen uns.«

»Schön, toll, freu mich«, flötete Marie. »Wir wohnen im Amaryllisweg, ich maile Ihnen die genaue Adresse.«

Im selben Moment bereute sie ihre spontane Einladung schon wieder. Du lieber Himmel, wie konntest du nur?

In Maries Welt war ein Abendessen in den eigenen vier Wänden in etwa so erfreulich wie ein Marathonlauf auf High Heels. Mit Zehn-Kilo-Hanteln. Bei vierzig Grad Außentemperatur. Perfektion hatte halt ihren Preis. Tagelang würde sie das Menü vorbereiten, extravagante Tischdekorationen ersinnen und die Wohnung auf Vordermann bringen. Außerdem musste sie Mann und Kinder instruieren, damit sie auch bloß einen guten Eindruck machten. Das Ganze war megaanstrengend und kostete Zeit – die sie nicht hatte. Mal ganz abgesehen von den tausend kleinen Fettnäpfchen, in die man bei einer Essenseinladung tappen konnte.

»Wäre Weißwein in Ordnung?«, erkundigte sie sich vorsichtig. »Manche Leute vertragen die Sulfate nicht. Wie steht’s mit Nudeln? Sind Sie eventuell auf Low Carb? Na ja, ich könnte Garnelen mit Orangen-Guacamole als Vorspeise machen«, dachte sie weiter laut nach. »Aber eine Freundin von mir hatte neulich einen Herpesausbruch nach Garnelen. Und Orangen sind natürlich pures Gift bei Fruktoseintoleranz. Vielleicht koche ich besser ein Kresseschaumsüppchen, es sei denn, Laktose …«

»Halt, stopp, Marie.« Amüsiert lächelnd legte Holger Christiansen den Kopf schräg. »Hat Ihnen schon mal jemand gesagt, dass Sie dazu neigen, die Dinge zu komplizieren?«

»Mein Mann. Täglich.« Sie brachte ebenfalls ein Lächeln zustande, obwohl sie diesmal die Wahrheit und nichts als die Wahrheit gesprochen hatte. »Ähm, Scherz.«

»Ihr Mann muss sehr stolz auf Sie sein«, schmunzelte Holger Christiansen.

Ganz deutlich hörte Marie den ironischen Unterton heraus, tat jedoch so, als sei sie die Begriffsstutzigkeit in Person.

»O ja«, beteuerte sie, »hinter jeder erfolgreichen Frau steht ein stolzer Ehemann. Und eine fassungslose Schwiegermutter.«

Letzteres stimmte immerhin. Ob sie jetzt wohl endlich in ihr Büro gehen durfte? Marie stand wie auf glühenden Kohlen. Es gab noch einen Berg von Aufgaben zu erledigen, und dieses Gespräch überforderte sie ein bisschen. Lieber wäre sie jetzt mit den anderen Kollegen aus dem Raum geschlendert. Aber keiner fragte, ob sie mit zum Essen kommen wollte. Mittlerweile wusste jeder, dass Marie ihre Mittagspause am Schreibtisch verbrachte, wo sie gleichzeitig telefonierte, mailte und einen Happen aß.

»Heute wieder Mousepad Snacking?«, fragte Holger Christiansen, als hätte er ihre Gedanken erraten.

Heiliger Bimbam, der kannte wirklich für jede Kleinigkeit einen englischen Begriff.

»Mmmm, sieht so aus«, nuschelte Marie, während sie ihren Laptop unter den Arm klemmte. »Jede Minute zählt, wenn man alles perfekt hinkriegen will.«

»Verstehe. Aber nicht das Leben vergessen, ja?«

Stirnrunzelnd sah sie ihn an. Welches Leben? Er war es doch, der völlig selbstverständlich Überstunden und Wochenendarbeit von ihr erwartete. Seit knapp einem halben Jahr ackerte Marie quasi rund um die Uhr für FeelBetterFood, in der Hoffnung, sich hier eine solide Karriere zu erarbeiten, vielleicht sogar einen Platz im Leitungsteam. Der Chef legte Wert auf flache Hierarchien, weshalb jeder im Leitungsteam stimmberechtigt war. Eine verlockende Perspektive. Marie hatte noch so viele Ideen, die sie gern verwirklichen wollte.

»Ich weiß, Sie hängen sich voll rein«, sagte Holger Christiansen anerkennend. »Andererseits braucht jeder mal Auszeiten, um kreativ zu bleiben. Einfach das Nichtstun genießen. Die Gedanken fliegen lassen. Mit der Seele atmen.«

Für Marie hörte sich das an wie Kisuaheli oder eine andere exotische Sprache, die sie nicht beherrschte. In ihrem Kaum-Zeit-Kontinuum musste sie rund um die Uhr funktionieren. Selbst wenn sie zur Pediküre ging, las sie nebenbei Fachartikel oder beantwortete Mails. Das Wort Auszeit existierte einfach nicht in ihrem Wortschatz.

»Sie meinen diese Work-Life-Sache …?«

»Genau das«, bekräftigte Holger Christiansen.

Natürlich hatte Marie schon davon gehört. Alle Welt redete von der berühmten Work-Life-Balance, doch als berufstätige Mutter saß sie nun mal zwischen allen Stühlen. Im Job erwartete man unbegrenzten Arbeitseinsatz ohne Rücksicht aufs Familienleben, von den anderen Müttern hatte sie früher nur kleine Spitzen zu hören bekommen: Wie konntest du nur die Theateraufführung deiner Tochter verpassen? Warum hast du keinen selbst gebackenen Kuchen zum Schulbasar mitgebracht? Den neuen jungen Vätern, die überall bejubelt wurden wie Heilige, die über Wasser liefen, stellte man solche Fragen garantiert nicht. Doch seitdem versuchte Marie, es wirklich allen recht zu machen. Rastlos hetzte sie von Termin zu Termin und fabrizierte zur Not eben schon mal morgens um fünf supergesunde Muffins, die vor den anderen Müttern Gnade fanden.

Im Büro funktionierte sie ebenfalls wie eine Eins. Die Gemeinschaftsräume der Firma, BetterPlayRooms genannt, in denen man Dart und Tischfußball spielen konnte, kannte sie nur vom Hörensagen. Wie festgetackert saß sie mindestens acht Stunden an ihrem Schreibtisch, Sinnfragen stellte sie selten.

Aber dummerweise gab es da dieses kleine Mädchen in ihr, das manchmal keine Lust mehr auf das ewige Hamsterrad hatte. Insgeheim sehnte sich Marie nach einem sorglosen Leben voller Liebe und Wärme und Lachen, nach saumselig verbummelten Nachmittagen in Straßencafés und langen Spaziergängen im Wald. Einmal ausschlafen hätte ihr im Grunde schon gereicht. Doch dann siegte wieder das Pflichtbewusstsein, das ihr einflüsterte, sie müsste sowohl im Job als auch in der Familie ihr Bestes geben. Deshalb machte sie schweigend weiter, immer perfekt, immer professionell, auch wenn’s manchmal wehtat.

»Wer dauernd Vollgas fährt, kann sich leicht ein Burn-out einfangen«, sagte Holger Christiansen etwas leiser. »Da tut es ganz gut, sich an seine Träume von einst zu erinnern, damit das Herz lebendig bleibt. Wovon träumen Sie, Marie?«

Wie viel Zeit haben Sie, Holger? Einen Tag? Eine Woche, einen Monat? Sie räusperte sich.

»Ich habe keine Träume, ich habe Ziele.«

Und zwar zumindest einen unbefristeten Arbeitsvertrag zu bekommen, verbunden mit der überfälligen Gehaltserhöhung.

»Ziele? Ist das so?« Holgers hellbraune Augen funkelten auf einmal wie Bernstein in der Sonne. »Aber nicht übers Ziel hinausschießen, ja? Loslassen ist genauso wichtig. Hey, Marie, ich meine es gut mit Ihnen.«

Sacht berührte er sie an der Schulter. Wie vom Blitz getroffen zuckte sie zusammen, und dann passierte auf einmal etwas mit ihr, etwas sehr, sehr Beunruhigendes. Lag es an der Berührung? Am warmen Timbre seiner Stimme? Bislang hatte sie Holger Christiansen immer nur unter der Rubrik Chef einsortiert, jetzt wurde ihr plötzlich bewusst, dass er ein Mann war, ein ziemlich attraktiver dazu. Sie schluckte. Er sah nahezu erschreckend gut aus. Und nicht nur das. Eine spielerische Leichtigkeit umgab ihn, etwas unwiderstehlich Jungenhaftes, das Maries Herz gefährlich flattern ließ.

»Ich, ich, also …«, stammelte sie.

»Schon gut.« Er zog sich die Kapuze über den Kopf. »Ich gehe jetzt eine Runde joggen – und Sie hoffentlich in sich. Nicht vergessen: Der Herzmuskel sollte immer größer sein als das Hirn. Ciao, Marie.«

Sprachlos schaute sie ihm hinterher, wie er federnden Schritts den inzwischen leeren Konferenzraum verließ. Alles, was blieb, war der Duft eines hippen Rasierwassers und das abgründige Gefühl emotionaler Auflösung. Sekundenlang starrte Marie die abstrakten Gemälde an, die die Wände zierten. Lauter bunte Linien und Schnörkel, die keinen Sinn ergaben. So wenig wie das Verhalten ihres Chefs.

»Hey, Frau Hasemann!«

Eine junge Frau mit blonder Raspelfrisur und schwarzer Nerdbrille stürmte herein, Maries Assistentin, die wie stets ein weißes T‑Shirt mit FeelBetterFood-Aufdruck zur figurbetonten Jeans trug.

»Da sind Sie ja«, hechelte sie außer Atem. »Ich habe schon überall nach Ihnen gesucht.«

Es kostete Marie einige Mühe, in die Realität zurückzukehren. Durch ihren Kopf gondelten bernsteinfarbene Linien und Schnörkel, ihre Knie waren weich wie Mascarpone. Sie versuchte, sich zu sammeln. Einfach weitermachen, Marie.

»Hallo Scarlett.« Sie zog eine hübsch verpackte Schachtel aus ihrer Tasche. »Schauen Sie mal, ich habe Ihnen was mitgebracht.«

»Etwa die vegane Bodylotion, die überall ausverkauft ist?«

»Ehrensache. Sie tun so unendlich viel für mich, da möchte ich mich auch mal revanchieren.«

Aufgeregt riss ihre Assistentin die Verpackung auf, schraubte den Deckel der Flasche ab und schnupperte daran.

»Mmmh, Kokosduft! Danke!«

Ein warmes Gefühl durchströmte Marie, als sie Scarletts freudig gerötetes Gesicht sah. Sie waren einander auf Anhieb sympathisch gewesen, obwohl ihre Assistentin deutlich jünger war. Inzwischen hatte sich ein fast freundschaftliches Verhältnis zwischen ihnen entwickelt. Für Marie war das ein Labsal, weil sie schon lange keine Freundin mehr hatte. Eine nach der anderen hatte sich in Luft aufgelöst. Kein Wunder, wenn man nie Zeit hatte und selbst die wenigen Verabredungen oft absagen musste.

»Was gibt es denn so Wichtiges, das Sie mir mitteilen wollten, Scarlett?«, fragte sie.

Ihre Assistentin stopfte die Schachtel samt Bodylotion in den Hosenbund ihrer Jeans, dann schaute sie auf ihr Tablet, das sie stets bei sich trug, und scrollte eine Liste entlang.

»War einiges los, während Sie die Jungs mit Ihren neuen Produkten beglückt haben. Die aktualisierten Termine finden Sie im elektronischen Kalender, daneben gab es diverse Bitten um Rückruf: vom Quinoa-Lieferanten, von der Klassenlehrerin Ihres Sohns, von der Firma, die unsere Verpackungen herstellt, ach ja, und Ihr Mann braucht für sein Tennismatch morgen Nachmittag ein neues Polohemd.« Sie scrollte weiter. »Lillis Klavierlehrer hat sich mehrmals gemeldet, eine Bioladenkette und Ihre Schwiegermutter.«

»O nein!«, entfuhr es Marie. »Ich habe die Ebay-Versteigerung verpasst!«

»Haben Sie nicht«, strahlte Scarlett. »Ich war so frei, die Kuchenplatte für Sie zu ergattern.«

»Von welchem Planeten kommen Sie? Danke, Sie sind ein Engel.«

»Nein, Ihr glühendster Fan.« Mit einem treuherzigen Augenaufschlag presste Scarlett das Tablet an ihren Oberkörper. »Wie gewünscht, steht auch schon die Salat-Bowl mit Avocado, Kürbiskernen und Joghurtdressing auf Ihrem Schreibtisch. Kann ich sonst noch was für Sie tun?«

Erschöpft legte Marie eine Hand auf die Stirn. Ihr schwirrte immer noch der Kopf, kein Wunder nach dem seltsamen Gespräch mit Holger Christiansen. Holger.

»Die Blumendekoration im Eingangsbereich sollte erneuert werden«, antwortete sie nach kurzem Überlegen. »Unsere neuen Flyer haben eine etwas zu kleine Schrift, die müssen zurück in die Druckerei, und der Hausmeister sollte unbedingt die Fußleisten im Chefbüro überstreichen, die sehen etwas ramponiert aus.«

»Kein Problem, ist so gut wie erledigt.« Ihre Assistentin nickte eifrig. »Wenn Sie möchten, besorge ich auch das Polo-Shirt für Ihren Gatten.«

Marie fiel ein Stein vom Herzen. »Wirklich?«

»Ich halte es mit Margaret Thatcher, der Eisernen Lady«, schmunzelte Scarlett. »Sie sagte: Wenn Sie wollen, dass man Ihnen etwas erklärt, fragen Sie einen Mann, wenn Sie etwas erledigt haben wollen, fragen Sie eine Frau. Was darf’s denn sein?«

Auch Marie musste schmunzeln. Scarlett war wirklich unglaublich auf Zack.

»Weiß, Größe L«, erwiderte sie. »Slim-Line, doppelt gesteppter Kragen, Perlmuttknöpfe, Stoff aus Baumwolle mit genau zehn Prozent Elastan, nicht mehr, nicht weniger. Die Marke maile ich Ihnen, es kommt auf die exakte Schreibweise an.«

Mit gesenktem Kopf tippte Scarlett alles in ihr Tablet. Dann seufzte sie tief.

»Bei Ihnen muss immer alles perfekt sein, stimmt’s? Hundertprozentig? Rund um die Uhr?«

»Genau«, nickte Marie.

»Ich verstehe gar nicht, wie Sie da noch schlafen können.«

»Wer sagt denn, dass ich schlafe?«

»Haha, guter Witz«, lachte Scarlett. »Ehrlich, Sie sind mein großes Vorbild. Sensationell, wie Sie das alles schaffen. Ich stehe ja noch ganz am Anfang meiner Laufbahn, aber später möchte ich genauso ein Leben wie Sie.«

Willst du nicht, dachte Marie. Und wie, bitte schön, atmet man mit der Seele?

Kapitel 2

Marie liebte es, abends mit Lilli zu kuscheln. Das waren die kostbarsten Momente des Tages, wenn sie zu ihrer Tochter ins Bett krabbelte und dieses ganz besondere Gefühl der Geborgenheit genoss, wie es einem nur kleine Kinder schenken konnten. Überhaupt war ihre siebenjährige Lilli das süßeste kleine Mädchen der Welt. Goldbraune Löckchen umrahmten das rosige Gesicht, auf der kleinen Stupsnase tummelten sich allerliebste Sommersprossen. Anders als der vierzehnjährige Robin, dessen Aufsässigkeit Marie langsam in den Wahnsinn trieb, war die siebenjährige Lilli noch herrlich pflegeleicht. Aus ihren himmelblauen Augen leuchtete das Urvertrauen eines Kindes, das die Mutter als Zentralgestirn seines Universums empfand.

Warum konnte es nicht immer so bleiben? Aber vielleicht änderte sich ja auch gar nichts? Eine Welle der Zärtlichkeit überrollte Marie, als sie Lilli sacht an sich drückte. Nie, nie würde sich ihr kleiner Goldschatz in einen garstigen Teenager verwandeln.

Sie ließ ihren Blick durchs Zimmer schweifen. So einen Traum in Rosa hatte sie sich damals als Kind vergeblich gewünscht. Alles war farblich exakt aufeinander abgestimmt: die Wände mit der rosa schimmernden Strukturtapete, die rosa Möbel im Prinzessinnenstil, die duftigen rosa Tüllgardinen mit eingestickten Einhörnern. Selbst das Klavier hatte Marie rosa lackieren lassen. Aus den Boxen der Musikanlage plätscherten romantische Harfenklänge, die Kinder angeblich schneller zum Einschlafen brachten.

»Mami?« Ungeduldig zupfte Lilli an Maries Jackett. »Liest du jetzt weiter?«

»Sicher, Liebling.«

Das Buch war Marie vom Schoß geglitten. Sie angelte danach und schlug es auf.

»Dann sagte der Drache zur Prinzessin, du musst nicht extra den Grill anwerfen, ich speie eine Runde Feuer, dann sind die Würstchen im Handumdrehen heiß«, trug sie mit sanfter Stimme vor.

»Vegane Würstchen?«, hakte Lilli nach.

»Selbstverständlich. Prinzessinnen essen nur gesunde Sachen, damit sie so wunderschön bleiben. Junkfood und Süßigkeiten kommen nicht infrage, weil sie zu Fettleber, Konzentrationsschwierigkeiten und hässlichem Teint führen. Auf einem Schloss wird nur gesundheitsbewusst gespeist.«

Gut, das war vielleicht ein bisschen dick aufgetragen und stand so auch nicht im Buch. Marie wählte ausschließlich Geschichten mit pädagogischem Mehrwert aus, besserte die Inhalte bei Bedarf aber ein wenig nach. Man konnte gar nicht früh genug damit anfangen, Kindern das richtige Weltbild zu vermitteln.

»Der ganze Hofstaat war entzückt von dieser Freundschaft«, las sie weiter. »Das Orchester fing an zu spielen, die Prinzessin wiegte sich im Takt eines Walzers, und der Drache flog eine Extrarunde durch den Schlosssaal.«

Sie schaute zur Uhr. Es ging auf halb acht zu, höchste Zeit, sich auf den Weg zu Robins Schule zu machen. Behutsam gab sie ihrer Tochter einen Kuss auf die rosige kleine Wange. Noch einen. Und noch einen.

Heute Abend fiel es Marie besonders schwer, Lilli der Obhut einer Babysitterin zu überlassen. Doch sie liebte ihre Kinder nicht nur über alles, sie war auch überzeugt, dass so einiges schiefgehen konnte, wenn man sich nicht selbst um jedes Detail kümmerte. Schließlich ging es darum, die richtigen Weichen für die Zukunft zu stellen. In diesem Zusammenhang waren Elternabende eine Kontaktsportart der gehobenen Art. Man konnte auf die Lehrer einwirken, auf die anderen Eltern, sogar der Hausmeister hörte Marie bereitwillig zu. Nur aus diesem Grund hatte sie sich für den Posten der Elternsprecherin zur Verfügung gestellt, obwohl sie eigentlich gar keine Zeit dafür hatte.

»Das war’s für heute«, seufzte sie und klappte das Buch zu. »Das Ende der Geschichte lese ich dir morgen vor. Mami muss los.«

»Och nee.« Lilli zog einen Flunsch, was äußerst niedlich aussah, dann trat ein ungewohnt kritischer Ausdruck in ihr Gesicht. »Sag mal, kannst du mir morgen was anderes vorlesen? Ich möchte lieber was mit gruseligen Vampiren, die nachts das Blut aus den Leuten saugen. So Geschichten, wie sie Luna-Rosé vorgelesen bekommt.«

Ein Nadelstich bohrte sich in Maries Herz. Alarmiert setzte sie sich auf.

»Wie – wer?«

»Luna-Rosé, die Neue in unserer Klasse.« Lilli pustete sich ein Löckchen aus der Stirn. »Die ist echt cool und hat immer ganz, ganz krasse Sachen an. Kriege ich auch Jeans wie Luna-Rosé? Eine mit Rissen und Flicken?«

Ach, du große Güte. Maries Kleidergeschmack war nicht gerade dehnbar. Sie hielt sich viel darauf zugute, dass Lilli zu den am besten angezogenen Kindern der Schule gehörte. Kein Mädchen trug so hübsche Faltenröcke und Pullover, keines sah so perfekt aus. Zerrissene Jeans mit aufgenähten Flicken gehörten definitiv nicht in Maries textiles Programm.

»Wir sprechen morgen darüber«, bog sie das Thema ab.

»Das sagst du immer: morgen.«

»Versprochen, Kleines«, versicherte Marie. »Großes Ehrenwort.«

Nach einem vierten Gutenachtkuss erhob sie sich aus dem Bett und schlüpfte in ihre Pumps. Sie musste unbedingt herausbekommen, wer diese Luna-Rosé war. Das Mädchen schien einen ausgesprochen schlechten Einfluss auf Lilli zu haben. Wehret den Anfängen! Aber wenigstens erzählte Lilli noch arglos alles, was sie erlebte. Robin hingegen ließ seine Eltern bei der Frage »Wie war’s in der Schule?« mit einem notorischen »Keine Ahnung« abtropfen. Umso wichtiger nahm Marie den heutigen Elternabend. Im besten Falle erfuhr sie dort ganz nebenbei, was der Herr Sohn hinter ihrem Rücken anstellte. Letzthin hatte er eine Mülltonne auf dem Schulhof angezündet, so jedenfalls die Version des Hausmeisters, der Marie zuliebe dichtgehalten hatte.

Ja, Robin war eine tickende Zeitbombe. Doch auch bei Lilli musste man genau hinsehen. Maries Blick fiel auf das Ungetüm aus Pappe und Papier, das in der Ecke stand. Es war ein Projekt für den Sachkundeunterricht und sollte eigentlich einen Vulkan darstellen, sah aber eher nach einem vergammelten Komposthaufen aus. Was bedeutete, dass Marie die Nacht mit Schere, Kleber und Malkasten verbringen würde, um das Machwerk zu perfektionieren. Tja, was tat man nicht alles für seine über alles geliebte Tochter?

»Hab dich ganz doll lieb, Lillimaus«, murmelte sie.

»Ich dich auch, Mami«, piepste es aus den rosa Kissen. »Wer passt denn heute auf mich auf?«

»Warte, lass mich überlegen – es ist Tamara.«

»Tamaaaraa!«, jubelte Lilli. »Danke, Mami!«

Ihre unverhohlene Begeisterung weckte sofort Maries Misstrauen. Jetzt fiel ihr wieder ein, dass sie nach Tamaras letztem Babysittereinsatz Bonbonpapier im Kinderzimmer gefunden hatte, und das, obwohl Süßigkeiten in diesem gesundheitsbewussten Haushalt streng verboten waren. Nun, der Spuk würde nicht lange währen. Voller Genugtuung schaute Marie zu dem neuen altrosa Plüschteddybären, der dem Bett gegenüber auf einer Kommode hockte. Es war ein Spionageteddy. In seinem linken Auge befand sich eine Weitwinkelkamera, deren Aufnahmen man wahlweise auf dem Handy oder auf dem Laptop anschauen konnte. Marie hatte eingehend recherchiert. Es war die beste Überwachungskamera im Nanny-Segment und die technikgewordene Erfüllung ihrer geheimsten Wünsche.

»Schlaf schön, träume süß«, sagte sie weich. »Der Teddy wird gut auf dich aufpassen.«

Zu ihrer größten Verwunderung zog Lilli eine abfällige Schnute.

»Boah, Mama, ich bin doch kein Baby mehr, ich weiß, dass Teddybären nur Spielzeug sind. Kann ich zum Geburtstag ein Handy haben?«

Na toll. Erst wollte Lilli abartige Vampirgeschichten, jetzt ein Handy. Bestimmt lag das an dieser Luna-Rosé.

»Für ein Handy ist es viel zu früh, sei froh, dass du noch nicht rund um die Uhr erreichbar sein musst«, beendete Marie die Diskussion, bevor sie anfing. »Heute hat sich übrigens dein Klavierlehrer im Büro gemeldet, ich hatte nur keine Zeit zurückzurufen. Gibt es Probleme?«

»Ich mag nicht dauernd Klavier üben.« Lilli zog die Mundwinkel herab, was ihren kindlichen Gesichtszügen etwas unangenehm Erwachsenes verlieh. »Luna-Rosé spielt Schlagzeug. Ich will auch ein Schlagzeug, Mami. Das fetzt. Klavier ist soooowas von langweilig.«

»Nein, Klavierspielen ist eine Eintrittskarte für die gute Gesellschaft«, widersprach Marie, höchst irritiert von Lillis neuer Widerspenstigkeit. »Ich mache euch nicht fit für die Straße, ich mache euch fit fürs Parkett!«

»Ich bin aber kein – Paket«, sagte Lilli nach kurzem Nachdenken.

»Parkett, Liebling, es heißt Parkett. Morgen werde ich persönlich dafür sorgen, dass du vor dem Schlafengehen eine Stunde Klavier übst.«

»Aber …«

»Nichts aber. Und jetzt muss ich wirklich los.«

Nachdem Marie die Tür hinter sich geschlossen hatte, atmete sie einmal tief durch. Wie konnte es sein, dass Lilli gegen ihr perfektes Erziehungskonzept aufbegehrte? Ohne Zweifel lag es an dieser unmöglichen Luna-Rosé.

Verstimmt lief sie ins Badezimmer, wo sie ihre Frisur mit einer Extradosis Haarspray fixierte und ihrem blassen Gesicht mit Bräunungspuder ein erholtes Aussehen verpasste. Niemand brauchte zu sehen, dass ihr Stresspegel heute besonders hoch lag. Bis zum letzten Moment hatte sie im Büro geackert, danach eingekauft, die Anzüge des Gatten von der Reinigung abgeholt, daheim ein veganes Chili sin carne im Thermomix zubereitet und die Hausaufgaben der Kinder durchgesehen. Der übliche Hindernisparcours. Ganz zu schweigen von den goldfunkelnden Bernsteinpünktchen, die immer noch vor ihren Augen tanzten. Nicht mal dran denken, Marie. Holger Christiansen ist tabu!

Als Nächstes musste sie ihren Mann vom Fernseher loseisen, was ein hartes Stück Arbeit werden würde. Alexander hielt Elternabende für eine weibliche Domäne, im Übrigen fand er sie komplett überflüssig. Gut möglich, dass ein gewisser Zusammenhang zwischen diesen beiden Einschätzungen bestand.

Marie entdeckte ihn im Schlafzimmer, wo er in einem ausgeleierten Jogginganzug auf dem Bett herumlümmelte. Wie hypnotisiert starrte er auf den Fernseher. Gegen Maries Protest hatte das Gerät das Schlafgemach erobert, wo es sich über dem stilvollen Elektrokamin breitmachte. Seitdem schaute Alexander vor dem Einschlafen Krimiserien, während Marie Ratgeber über das Geheimnis glücklicher Ehen las, in denen stand, wenigstens vor dem Schlafengehen sollten sich Paare ausgiebig unterhalten. Finde den Fehler.

Neuerdings zappte sich der werte Gatte durchs Vorabendprogramm. Und dann dieser Schlabberlook. Das edle Polsterbett mit der weinroten Samtbespannung schien ihn ebenso wenig zu interessieren wie der handgeknüpfte weinrote Teppich, die rötlich schimmernden Schränke aus Wurzelholz und die aparte Kakteensammlung auf dem Fensterbrett. Unausgepackt lag das funkelnagelneue weiße Polohemd auf seinem Nachtschrank.

»Alex. Schatz.« Marie schlug bewusst einen beiläufig unaufdringlichen Ton an, so stand es nämlich in ihren Ratgebern. »Du solltest dich allmählich für den Elternabend umziehen. Schau, ich habe dir die dunkelblaue Hose und das blau-weiß gestreifte Oberhemd rausgelegt.«

»Wieso, die anderen Eltern rüschen sich doch auch nicht übertrieben auf«, sagte er, ohne sie anzusehen. »Warum so förmlich?«

»Weil wir mit korrekter Kleidung unseren Autoritätsanspruch unterstreichen«, erwiderte sie ruhig. »Es hat mich Jahre gekostet, zu den tonangebenden Müttern in Robins Schule zu gehören, das sollten wir jetzt nicht mit Schluffiklamotten gefährden. Und wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf: Auch hier zu Hause könntest du dich etwas adretter anziehen.«

Gleichgültig schaute Alexander an sich herab.

»Wieso, für dich und die Kinder reicht das doch wohl, oder?«

»Und da sage noch einer, die Romantik stirbt, nachdem man Ja gesagt hat«, lächelte Marie, obwohl sie dieses Lächeln einige Anstrengung kostete.

»Romantik?« Er blinzelte sie an. »Ich befürchte, die ist mausetot, weil du selbst die schönsten Momente mit deinem Perfektionismus zerstörst.«

»Wie kommst du denn darauf?«

»Na ja, ich mache es mir hier gerade gemütlich, aber dich stört mein Jogginganzug, weil er nicht deinen Vorstellungen eines adretten Ehemanns entspricht. Und weißt du noch, als wir das letzte Mal essen waren? Der Kellner war dir nicht höflich genug, das Risotto zu salzig, der Wein zu warm, schon war die Stimmung im Eimer.«

»Ich gebe mich halt nicht mit Mittelmaß zufrieden«, verteidigte sie sich. »Sei froh, dass ich gut auf alles achtgebe, übrigens auch auf dich und dein gesundheitliches Wohlergehen.«

Er lächelte schief. »Auch der Weg zur Hölle ist bekanntlich mit guten Vorsätzen gepflastert.«

Marie fand das ziemlich undankbar. Für seine Anfang vierzig sah Alexander noch recht passabel aus, allerdings war nicht zu übersehen, dass der Lack langsam abblätterte. Er naschte heimlich Gummibärchen und tendierte daher zum Zuckergesicht, was sich durch beginnende Tränensäcke und Stirnfalten ankündigte. Auch sein Teint, der trotz der Tennisstunden im Freien leicht fahl wirkte, zeugte von unkontrolliertem Zuckerkonsum.

Ein Satz aus ihrer Hochzeitsrede fiel ihr ein: »Ich habe nicht auf den perfekten Mann gewartet, ich habe den genommen, der da war, und werde ihn jetzt perfektionieren.« Alexanders Gesicht – unbezahlbar. Natürlich hatte Marie den Satz damals als Scherz gemeint und die Lacher auf ihrer Seite gehabt. Doch mittlerweile war voller Ernst daraus geworden. Das Projekt »Ich bastele mir den idealen Ehemann« hatte höchste Dringlichkeit, denn nach fünfzehn Jahren Ehe zeigten sich gewisse Ermüdungsbrüche.

Was Alexanders Gewicht betraf, hatte Marie bereits die Notbremse gezogen. Den kleinen Bauchansatz, den das XXL-Sweatshirt gnädig kaschierte, würde er mithilfe des neu angeschafften Rudergeräts wegtrainieren müssen. Bekanntlich erhöhte Bauchfett das Herzinfarktrisiko, und Alexanders recht beleibter Vater war an einem Herzleiden gestorben. So weit durfte es nicht kommen. Marie hatte ihrem Mann das Rudergerät zum letzten Hochzeitstag geschenkt, einstweilen verstaubte es in der Abstellkammer. Leider. Alexander ließ sich gehen, ein Zeichen seiner unfassbaren Antriebsschwäche, die auch sein Desinteresse an Hausarbeit und Familienpflichten erklärte. Er gehörte halt zu jener männlichen Spezies, die man am besten als aktiven Nichtstuer bezeichnete. Gern sagte er, sein größtes Talent bestehe darin, Dauerkuhlen in neue Sofas einzusitzen.

Maries Ansprüche waren keineswegs hoch. Sie wollte nur etwas mehr Lebendigkeit in ihrer Ehe, mehr intensive Momente, mehr emotionale Erlebnisse. Und nicht das Gefühl, sie veranstalte eine Art betreutes Wohnen für ihren Mann. Manchmal kam es ihr vor, als sei Alex nur noch ein Gast, der ihre Gastfreundschaft über Gebühr strapazierte.

Seit Jahren wünschte sie sich zum Beispiel einen gemeinsamen Tangokurs. Doch Alex erfand immer neue Ausflüchte, warum das gerade nicht passte. Kam es hart auf hart, schützte er einfach einen Kumpelsabend vor und ward nicht mehr gesehen. Dabei hatte Marie den Wunsch jüngst erneuert, weil ihr vierzigster Geburtstag unmittelbar bevorstand. Sie träumte davon, zu heißen Tangorhythmen in ihr neues Lebensjahrzehnt zu schweben. In Alexanders Armen. Aber vermutlich würden sie nur wieder mit einem Piccolo auf der Couch rumsitzen und darauf warten, dass es endlich Mitternacht wurde.

War es ungerecht, Alex mit Holger Christiansen zu vergleichen? Ja, war es. Dennoch konnte Marie nicht anders, als gedanklich Holger auf das Bett zu beamen, in der ganzen Herrlichkeit seiner sportlichen Erscheinung und seines energetischen Charismas. Wie kaum anders zu erwarten, fiel der Vergleich zu Alexanders Ungunsten aus.

»Was ist denn mit deinem Haar?«, fragte sie nicht mehr ganz so sanft, während sie unruhig auf und ab tigerte. »Hinter den Ohren ist es viel zu lang. So sieht ein windiger Gebrauchtwagenhändler aus, aber doch kein Anwalt. Ich hatte dir extra für heute Mittag einen Friseurtermin gebucht – hast du den etwa versäumt?«

»Ja … nein … ach, was soll’s«, brummte Alexander in sich hinein. »Bevor du hier Kornkreise in den Teppich läufst, solltest du wissen, dass dein Optimierungswahn langsam zum Tick wird. Dauernd schickst du mich zum Friseur, dauernd muss ich fürs berufliche Networking Tennis spielen, nun willst du mich auch noch in so einen Tangokurs schleppen. Das Programm der Kinder ist ähnlich vollgestopft. Und überall hängen Listen: am Kühlschrank, im Badezimmer, sogar im Klo hast du eine To‑do-Liste an die Wand gepinnt!«

Ja, weil ich hier diejenige bin, die den ganzen Laden zusammenhält, dachte Marie. Wer sorgt denn dafür, dass immer Essen auf dem Tisch steht, dass die Kinder pünktlich mit Hausaufgaben und Pausenbrot zur Schule kommen und keiner seine Termine versäumt? Aber das durfte sie nicht sagen, weil es nach Vorwürfen geklungen hätte, und die waren in Eheratgebern verboten.

»Was ich für dich und unsere Kinder tue, kommt einem Job im mittleren Management gleich«, erinnerte sie Alexander an das Wesentliche. »Meine Liebe gibt’s gratis obendrauf.«

»Irrtum, deine Liebe kostet mich eine Menge Nerven«, erwiderte er mit einem kleinen Lächeln. »Findest du es etwa normal, dass du täglich Buch über mein Gewicht führst? Sogar die Gummibärchen hast du mir verboten, dabei hat ein bisschen Beziehungsspeck noch keiner Ehe geschadet.«

So kamen sie nicht weiter. Kinder wurden erwachsen, Ehemänner blieben Kindsköpfe, und Erziehung beruhte bekanntlich auf geschickter Manipulation. Deshalb musste Marie es raffinierter angehen. Ihr Blick wanderte zum Fernseher, wo eine alberne Pannenshow lief. Auch so eine unsägliche Vorliebe von Alexander – er amüsierte sich über Pannen, während sie um Perfektion kämpfte. Marie schaute genauer hin. Gerade versuchten zwei ebenso betagte wie beleibte Camper im scheußlich bunten Freizeitdress, ein Zelt aufzubauen. Immer wieder brach das Zeltgestänge mit Getöse zusammen, untermalt von blechernem Konservenlachen.

»Alex.« Sie holte tief Luft. »Versprichst du mir, dass wir in zehn Jahren nicht genauso aussehen wie diese Typen?«

»Kein Problem«, grinste er, »das schaffe ich in drei Monaten.«

Langsam und kontrolliert ließ Marie die Luft aus ihren Lungen entweichen. Verflixt, er nahm das alles überhaupt nicht ernst. Stattdessen schien er sogar Spaß daran zu haben, die Elastizität ihres Geduldsfadens zu testen.

»Schatz, zieh dich jetzt bitte um. Du kannst es dir aussuchen: die blaue Hose oder gar keine. Ich hole schon mal den Wagen aus der Garage, in elf Minuten bist du unten, okay? Deine Anwesenheit beim Elternabend liegt mir wirklich sehr am Herzen. Betrachte es doch als kleinen Dank dafür, dass ich mich um alles andere kümmere.«

»Na klar«, gähnte Alexander. »Du bist die Oberkümmerin und das ultimative Maximum. In der Schule warst du immer die Jahrgangsbeste, dein Studium der Ökotrophologie hast du mit Auszeichnung abgeschlossen, im Job bist du top. Jetzt arbeitest du an deiner Bilderbuchfamilie, als wären wir auch nichts weiter als ein Vorzeigeprojekt.«

Damit traf er sie an einer verwundbaren Stelle. Ja, Marie wollte unbedingt eine Bilderbuchfamilie, aber nur deshalb, weil sie selbst keine gehabt hatte. Ihre Kindheit war ein einziges Chaos gewesen. Als älteste Tochter eines alkoholsüchtigen Vaters und einer überforderten Mutter, die regelmäßig mit Liebhabern durchbrannte, war es Maries Aufgabe gewesen, sich um alles zu kümmern. Unermüdlich hatte sie für ihre jüngeren Geschwister eingekauft, gekocht, geputzt, und noch immer schämte sie sich für die zerrütteten Verhältnisse, in denen sie groß geworden war. Deshalb wollte sie es besser machen als ihre Eltern. Nein, nicht nur besser, sondern wirklich perfekt.

Aus diesem Grund las sie auch so viele Ehe-, Familien- und Erziehungsratgeber. Früher hatte man geheiratet, Kinder in die Welt gesetzt und sich irgendwie durchgewurschtelt, basta. Heutzutage wusste man nur eins: Die Wahrscheinlichkeit, schwere Fehler zu begehen, war weit höher als die Chance, alles richtig zu machen. Auch die anderen Mütter brachten sich stets auf den neuesten Stand und verunsicherten Marie mit ihrem frisch angelesenen Wissen: Denk dran, Cashewnüsse vor dem Hockeytraining beugen Magnesiummangel vor. Ist dir bekannt, dass Videospiele die Ausprägung emotionaler Intelligenz verzögern? Wusstest du, dass Musik von Mozart die Bildung neuer Synapsen im Gehirn begünstigt? Es gab nichts, was es nicht gab, um den Nachwuchs sachgerecht ins Erwachsenenleben zu begleiten.

»Marie, ich weiß, du meinst es gut und willst nur, dass alles reibungslos läuft«, stimmte Alexander einen versöhnlicheren Ton an. »Aber in letzter Zeit wirkst du irgendwie übersteuert. Ehrlich, ich mache mir ein bisschen Sorgen um dich. Du jagst einer Perfektion hinterher, die vermutlich gar nicht existiert.«

»In meinem Universum schon«, erwiderte sie. »Perfektion ist der Schlüssel zur Zufriedenheit.«

»Woher hast du das denn? Aus einem Glückskeks?« Ein gutmütiges Lachen erschien auf Alexanders Gesicht. »Weißt du, ich finde, jeder sollte jemanden haben, bei dem er nicht perfekt sein muss. Auch du. Das ist übrigens meine Interpretation von Liebe.«

Nach diesen Worten drehte er den Ton des Fernsehers lauter. Soeben sauste ein Hobbyskifahrer in Unterhose von einem dick verschneiten Dach und legte eine Bruchlandung im Vorgarten hin.

Es muss dringend etwas geschehen, ging es Marie durch den Kopf, als sie das Schlafzimmer verließ. Sie musste Alexander irgendwie motivieren, mehr für sich und seine Familie zu tun, subtil natürlich, zur Not mit vollem Körpereinsatz. Seit Wochen, vielleicht auch Monaten hatten sie nicht mehr miteinander geschlafen, was womöglich seine Lethargie erklärte. Da Marie durch ihre Ratgeberlektüre ein wenig mit den Geheimnissen des Hirnstoffwechsels vertraut war, wusste sie, dass eheliche Freuden ein wahres Feuerwerk aus Bindungs- und Wohlfühlhormonen entzündeten. Sie brauchte nur noch einen guten Plan. Einen perfekten Sexplan, um genau zu sein. Aber jetzt stand erst mal der Elternabend auf der Agenda.

Im Laufschritt stieg sie die Treppe zum Erdgeschoss hinunter und durcheilte die unteren Räume, um Handtasche und Laptop zu holen, wobei sie befriedigt feststellte, dass alles tipptopp aussah. Seit drei Jahren wohnten sie in der schicken Doppelhaushälfte mit Vorgarten und überdachter Terrasse, für die sie sich bis über beide Ohren verschuldet hatten. Aber Marie war der Meinung gewesen, es müsse was Standesgemäßes sein, und hatte sich auch um die entsprechende Einrichtung gekümmert.

Das Wohnzimmer bestach durch ein lila Farbkonzept. Zwei Couchen in sattem Aubergine mit je fünf exakt aufgereihten fliederfarbenen Kissen standen vor einem dekorativen Marmorkamin. Im Gegensatz zum Schlafzimmerkamin war er sogar echt, wurde aber nie benutzt, weil Marie befürchtete, es könnte Asche auf die hochflorige Auslegeware geraten. Den gläsernen Couchtisch schmückte eine lila Vase mit drei lila Tulpen, daneben standen fünf lila Kerzen, die Marie im Vorübergehen parallel zur Tischkante ausrichtete. Gut, vielleicht war ihre Vorstellung von Harmonie etwas überkandidelt, aber sie ertrug es nun mal nicht, wenn das Arrangement nicht hundertprozentig stimmig wirkte.

Das Esszimmer hatte ein Farbkonzept in zurückhaltendem Grau. Sogar die Bilder an den Wänden zeigten graue Nebellandschaften, weil nichts von der Nahrungsaufnahme ablenken sollte, und natürlich umstanden die Stühle genau symmetrisch den Tisch. Die Küche erstrahlte in klinischem Weiß. Sie war zweckmäßig eingerichtet, inklusive Thermomix fürs effiziente Kochen und eines Dampfgarers zur schonenden Zubereitung von frischem Gemüse.

Hach, die Küche. Sie war Maries Reich, schon von Berufs wegen. Dementsprechend hatte alles System, von der Anordnung der Lebensmittel im Kühlschrank bis zu der Art und Weise, wie man die Spülmaschine sachgerecht einräumte. In dieser Hinsicht war Marie besonders empfindlich. Niemand durfte an ihre heilige Spülmaschine, vor allem nicht ihre Schwiegermutter. Wenn Frau Hasemann Senior die Küche kaperte, musste man aufpassen wie ein Luchs, damit nicht alles grundfalsch in den Fächern landete.

Marie war sich durchaus bewusst, dass sie es vielleicht ein winziges bisschen übertrieb mit ihrem Ordnungssinn. Aber es war wie bei einer Sekte: War man erst mal drin, kam man nie wieder raus. Sie glaubte an Ordnung, sie liebte Ordnung, Ordnung machte sie glücklich. Deshalb gab es nichts Schöneres für sie, als selbige zu schaffen. Beispielsweise genoss sie den Anblick des Christbaumschmucks erst dann, wenn er Teilchen für Teilchen wieder in Noppenfolie verpackt war, damit die Kugeln und Sterne die nächsten elf Monate ohne Durcheinander überstanden.

Keine Frage, in diesem Haus herrschte Ordnung, das Resultat sorgfältigster Planung und unermüdlicher Aufräumaktionen. Es gab nur eine Ausnahme: Robins Zimmer. Marie hatte heute schon genug Stress gehabt, deshalb ersparte sie sich den Anblick seiner zugekramten Bude, in der Poster mit zwielichtigen Hip-Hop-Stars die Wände verhunzten und sämtliche Möbel unter achtlos hingeworfenen Klamotten versanken. Von einem Einrichtungskonzept konnte beim besten Willen nicht mehr die Rede sein. Und dann dieser Geruch, irgendwas zwischen Turnhallenmief und Raubtierkäfig. Eine Sightseeing-Tour durch die städtische Müllkippe wäre angenehmer gewesen.

Aber was sollte man auch von einem Vierzehnjährigen erwarten, der ein Leben in Großbuchstaben führte? LOL und YOLO kannte Marie noch so gerade. All die anderen Abkürzungen, mit denen Robin seine Handynachrichten spickte wie einen Sonntagsbraten, erschlossen sich ihr nicht, und irgendwann hatte sie es aufgegeben, all diese Dinge zu googeln.