Madam Bäuerin & andere Geschichten - Lena Christ - E-Book

Madam Bäuerin & andere Geschichten E-Book

Lena Christ

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Beschreibung

In der Literatur wird Lena Christ oft als weibliches Pendant zu dem bayerischen Schriftsteller Ludwig Thoma beschrieben. Als uneheliches Kind der Köchin Magdalena Pichler wird Lena Christ am 30. Oktober 1881 im oberbayerischen Glonn geboren. Dort verbringt Lena Christ die ersten Lebensjahre auf dem Kleinhäuslerhof der Großeltern. Als uneheliches Kind der Köchin Magdalena Pichler wird Lena Christ am 30. Oktober 1881 im oberbayerischen Glonn geboren. Dort verbringt Lena Christ die ersten Lebensjahre auf dem Kleinhäuslerhof der Großeltern. Der Vater, Carl Christ, ist ein Bediensteter von Rittmeister Hornig aus München. Ihre Eltern lernen sich bei einem Manöver auf dem nahe Glonn gelegenen Schloss Zinneberg kennen. Die hohe Mitgift, über die die Familie Pichler in Zukunft verfügt, lässt jedoch Fragen in Bezug auf die Vaterschaft offen. Lena wird erzählt, dass Carl Christ Ende 1883 beim Untergang des Passagierschiffs Cimbria ums Leben gekommen ist. Dafür gibt es keine Belege, die Wege von Carl Christ verlieren sich. Als Schriftstellerin nimmt die Tochter seinen Namen an. Im Alter von sieben Jahren erfährt Lena Christ, dass die Mutter geheiratet hat. Die Mutter holt Lena Christ nach München und missbraucht sie als billige Arbeitskraft. Sie wird von der Mutter gedemütigt und geschlagen. Nach der glücklichen Kindheit in Glonn straft Magdalena Pichler das Kind mit brutaler Gewalt und Verachtung. Um ihrem Martyrium zu entkommen, tritt Lena Christ im Alter von 17 Jahren als Novizin im schwäbischen Kloster Ursberg ein. Nach einem bewegten Leben, erkrankte sie schwer an Tuberkulose und Depressionen. Die Schriftstellerin sieht sich 1920 in einer ausweglosen Situation. Am 30. Juni 1920 vergiftet sie sich auf dem Waldfriedhof - München mit Zyankali. Heute ist Lena Christ als bedeutende deutsche Autorin anerkannt. Mit Erinnerungen einer Überflüssigen, Die Rumplhanni und Mathias Bichler schuf sie drei bleibende Werke. Beeindruckend ist unter anderem die Verarbeitung ihrer eigenen Beobachtungen und Erlebnisse in ihren Büchern, die einen tiefen Einblick in das ärmliche Leben der Arbeiterklasse, der Dienstboten und der Landbevölkerung Anfang des 20. Jahrhunderts geben.

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Lena Christ

Madam Bäuerin & andere Geschichten

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Gesammelte Werke - Lena Christ

Die Rumplhanni

Der Wirt

Der Hauser

Der Ödenhuber

Die Resl

Die Resl

Herrgott!

Erinnerungen einer Überflüssigen

Großmutter

Am nächsten Tag

Andenken

Lausdirndlgeschichten

In der Spinnstuben

Die Feuersbrunst

Der Bettelsack

Die Obstlese

Das Verbrechen

Ich bin wieder da

Der verlorene Sohn

Die Frau Bas

Das Femgericht

Das gute Geschäft

Die ganze Sippschaft

Die Gabler Minna

Die Familienfeier

Wo ist mein Vater?

Mathias Bichler

Die Wallfahrt

Im Waldhaus

Lieb und Tod

Die Hexenjungfer

Das Vermächtnis

Die Herrische

Von Mathäi zu Laurenzi

Kindlnot und Brautschau

Kindstauf und Einstand

Brautfahrt

Hochzeit

Alle Herrlichkeit des Menschen ist wie Staub

Um zwei Gulden

Der Bildlmacher

Das Tiroler Katherl

Die Marktreis

Allerhand um fünf Kreuzer

Komedie

Falsche Lieb

Auf der Landstraße

Johannes Schröckh

Im Turm

Lehrjahre und glückhafte Zeit

Heimkehr

Abend

Madam Bäurin

Sommerfrische

Die Verlobung

Die Schiermoser

Franzl

Übertragung einiger mundartlicher Wörter

Impressum neobooks

Gesammelte Werke - Lena Christ

In der Literatur wird Lena Christ oft als weibliches Pendant zu dem bayerischen Schriftsteller Ludwig Thoma beschrieben. Als uneheliches Kind der Köchin Magdalena Pichler wird Lena Christ am 30. Oktober 1881 im oberbayerischen Glonn geboren. Dort verbringt Lena Christ die ersten Lebensjahre auf dem Kleinhäuslerhof der Großeltern. Der Vater, Carl Christ, ist ein Bediensteter von Rittmeister Hornig aus München. Ihre Eltern lernen sich bei einem Manöver auf dem nahe Glonn gelegenen Schloss Zinneberg kennen. Die hohe Mitgift, über die die Familie Pichler in Zukunft verfügt, lässt jedoch Fragen in Bezug auf die Vaterschaft offen. Lena wird erzählt, dass Carl Christ Ende 1883 beim Untergang des Passagierschiffs Cimbria ums Leben gekommen ist. Dafür gibt es keine Belege, die Wege von Carl Christ verlieren sich. Als Schriftstellerin nimmt die Tochter seinen Namen an.

Im Alter von sieben Jahren erfährt Lena Christ, dass die Mutter geheiratet hat. Die Mutter holt Lena Christ nach München und missbraucht sie als billige Arbeitskraft. Mit ihrem Ehemann, dem Metzger Josef Isaak, betreibt Magdalena Pichler eine Wirtschaft in der Sandstraße 34 (heute „Deutsche Eiche“, Sandstraße 45). Die „Wirtsleni“ muss im Haushalt mitarbeiten, wird von der Mutter gedemütigt und geschlagen. Nach der glücklichen Kindheit in Glonn straft Magdalena Pichler das Kind mit brutaler Gewalt und Verachtung. Um ihrem Martyrium zu entkommen, tritt Lena Christ im Alter von 17 Jahren als Novizin im schwäbischen Kloster Ursberg ein. Nach einem Besuch der Mutter entschließt sich die junge Frau jedoch zur Rückkehr in die Münchner Maxvorstadt.

Weiterhin gequält und geschlagen, heiratet Lena Christ mit 20 Jahren einen Buchhalter aus der Nachbarschaft. Die Ehe endet tragisch, Anton Leix trinkt, wird gewalttätig und verspekuliert die Mitgift. Der soziale Abstieg schreitet immer rascher fort, die Familie zieht von Wohnung zu Wohnung, während die Schulden wachsen. Lena Christ trennt sich 1909 von ihrem Mann. Die beiden Töchter Magdalena und Alexandra Eugenie bleiben bei der Mutter; der Sohn Anton wächst in der Familie des Vaters auf.

Lena Christ, mittellos und krank, wird von der Fürsorge der Stadt München in ein Krankenhaus eingewiesen. Die Töchter kommen in ein katholisches Heim auf dem Land. Der Sohn wächst ohne Kontakt zur Mutter bei den Großeltern Leix auf. Nach verschiedenen Tätigkeiten findet Lena Christ 1911 eine Stelle als Diktatschreiberin bei dem Schriftsteller Peter Jerusalem (später Peter Benedix). Ein Jahr später heiratet sie Peter Jerusalem und holt die beiden Töchter zurück nach München. Peter Jerusalem ermutigt seine Frau, die Eindrücke und Erfahrungen ihres bisherigen Lebens niederzuschreiben.

Während Lena Christ auf den Schriftsteller auf einer Parkbank vor der Neuen Pinakothek wartet, beginnt sie mit den autobiografischen „Erinnerungen einer Überflüssigen“ (1912). Mit Unterstützung des Schriftstellers Ludwig Thoma erscheint ihr erstes Buch 1912 beim Verlag Albert Langen. Die Kritik ist gespalten. Es folgen die „Lausdirndlgeschichten“ (1913) und der Roman Mathias Bichler (1914). Ein erster wirtschaftlicher Erfolg werden die patriotischen Kriegsgeschichten Unsere Bayern anno 1914/15 (1914-1915). Selbst Ludwig III. lädt die „Militärschriftstellerin“ nun zum Essen ein. 1915 wird Peter Benedix einberufen. Der Roman Die Rumplhanni – eine Erzählung erscheint 1916 und wird von der Kritik bejubelt. Lena Christ besucht ihren Mann regelmäßig und zieht schließlich in die Nähe seines Regiments nach Landshut, wo sie zwei Jahre lebt. 1918 muss Peter Benedix an die Front. Während seiner Abwesenheit beginnt Lena eine Affäre mit dem Sänger Ludwig Schmidt. Als Sohn deutscher Eltern in Italien geboren, nennt sich der Künstler Ludovico Fabbri. Zu diesem Zeitpunkt ist die Ehe mit Peter Benedix bereits in die Brüche gegangen. Die beiden trennen sich 1919. Doch auch die Beziehung mit Ludovico scheitert.

Für Lena Christ bleibt die wirtschaftliche Situation angespannt. Der Roman Madam Bäuerin erscheint 1920. Artikel in Zeitschriften bringen ein wenig Geld, immer wieder helfen Stiftungen aus. Unter ständiger Geldnot leidend, „adelt“ die Dichterin einige wertlose Bilder aus ihrem Besitz mit der Signatur bedeutender Maler. Der Betrug fliegt auf. Das Geld aus dem Verkauf kann nicht zurückgezahlt werden, und Lena wird angeklagt. Die Presse schreibt von der „Bilderfälscherin“ Lena Christ.

Die Schriftstellerin sieht sich in einer ausweglosen Situation. Am 30. Juni 1920 vergiftet sie sich auf dem Waldfriedhof mit Zyankali.

Heute ist Lena Christ als bedeutende deutsche Autorin anerkannt. Mit Erinnerungen einer Überflüssigen, Die Rumplhanni und Mathias Bichler schuf sie drei bleibende Werke. Beeindruckend ist unter anderem die Verarbeitung ihrer eigenen Beobachtungen und Erlebnisse in ihren Büchern, die einen tiefen Einblick in das ärmliche Leben der Arbeiterklasse, der Dienstboten und der Landbevölkerung Anfang des 20. Jahrhunderts geben.

(Originaltexte)

Die Rumplhanni

Es ist um den Abend des Tags, da man schreibt den fünften August eintausendneunhundertvierzehn. Die Sonn geht langsam hinter den alten Zwiebelturm der Kirche zu Öd, scheint noch eine Zeitlang auf die Bergwände da hinten, weit hinter Höhenrain und Kirchdorf, daß sie flimmern und brennen, und verschwindet dann gemach hinter den Wäldern vor Frauenreuth. Aus der Hufschmiede, die an der Straße gegen Ostermünchen steht, dringt noch beißender Rauch. Der alte Hufschmied schlägt fluchend und kreistend dem feisten Bräundl des Reiserbauern von Vogelried das letzte Eisen an den Huf; sein Gsell, der Pauli, löscht singend und pfeifend die Glut der Feuerung, und der Lehrbub räumt verdrossen die Werkzeuge auf.

»Soo!« sagt endlich der Schmied und strafft seinen Rücken zur Höh; »Herrvergeltsgood, dees hätt' ma wieder! – Jetz schaug nur, Reiser, daß er guat hintrekimmt auf Frankreich, dei Häuter!« Der Reiser verzieht das Gesicht zu einem halben Lächeln.

»Werd scho umifindn!« meint er dann und weist den Gaul gemächlich aus der Schmiede; »und jetz sag i dir halt no an scheen Dank und guat Nacht!«

»Es is scho recht!« sagt der Schmied und hängt sein Schurzfell an den Haken hinterm Tor; »guate Nacht aa!«

»I laß dein Kaschba a guats Hoamkemma wünschen, sagst!« – »I dank dir, Reiser.« – »Und an Franzl aa, balst eahm schreibst!« – »Der is scho dahi – anorts – gega Frankreich, moanet i.«

»Aha.« Der Reiser gibt seinem Bräundl einen Tatsch mit der flachen Hand und ruft: »Hüa, Alter! Zua, sag i. Mit dir geht's morgn aa dahi!« Und lenkt ihn in einem leichten Trab heimzu, indes der Schmied in die Werkstatt ruft: »Alsdann, Pauli, Bua, – Feiramd macha! – Für heunt glangts!" Worauf er zum Brunnen geht und sich wäscht.

»Feiramd! Daß 's Gott gsegn!« sagt der Pauli und reckt sich; »Kreizsakra, heunt hätt' i 'hn bald gspürt, mein Buckl! Zwoaradreißg ham mir heunt beschlagn!« – »Ah was!« brummt der Lehrbub; »dees is ja koa Arbat nimmer! Dees is ja a Schinderei!« Damit schließt er die Torflügel der Schmiede und schiebt die eiserne Sperrstange vor.

»Unsern Kaschba ham mir scho gspürt, heunt«, sagt am Brunnen der Schmied mit einem Seufzer; »der is uns scho recht abgangen! – San halt do zwee Arm weniger gwen!« Worauf er sich gegen das Wirtshaus drüben bei der Kirche wendet.

»Ja, dees is mir aa so vürkemma heunt«, murmelt der Pauli, indem er sich prustend seift und wäscht; »den ham mir freili gspürt, an Kaschba. – Ja, ja, heunt nacht geht's dahi damit; da muaß er fahrn.« Der Lehrbub zieht die Arme aus dem Hemd und pumpt sich einen Strahl Wasser über Hals und Kopf. »Der Wirtsjackl fahrt aa heunt nacht!« schreit er dazu laut und schüttelt sich das Wasser aus den Ohren; »und der Hausersimmerl aa; und der Knecht vom Wirt, und der Fritzl vom Staudnschneider aa.« – »Ja«, sagt der Pauli und wischt sich die Händ an den Hemdärmeln trocken; »i glaab, dreizehne san eahna von Öd und Voglried; i wollt, i waar der vierzehnt! Die ganz Arbat ko mi jetz bald gern habn!« Und geht gleich dem Schmied zum Wirt, dem Ödenhuber.

Ist eine gute Einkehr, dem Ödenhuber seine Wirtschaft; ein saubers, geräumiges Haus, reinlich inwendig und auswendig, mit frischem Bier und gutem Koch, einer Metzgerei dabei und einem großen Höft mit feistem Vieh und reichen Stadeln. Dazu der Mathias Ödenhuber als Wirt; ein aufrechter Fünfziger, der gleich seinen Vorderen sich beizeiten eine riegelsame und werktätige Hausfrau genommen hat und nun seit zwanzig Jahren mit ihr, einer reichen Posthalterstochter aus dem Ebersberger Gau, die Wirtschaft samt dem Hofgut rechtschaffen hält und führt, dabei ihnen ihre beiden Kinder, der Jackl und die Leni, gutding dazu helfen. – Grad steht der Ödenhuber unter der breiten Haustür mit dem buntverglasten Oberlicht, als sich der Hufschmied in den kleinen Wirtsgarten mit den drei alten Kastanienbäumen und den zwei wurmstichigen Tischen setzt, auf denen ein grünlicher, moosiger Reif wuchert und darauf Ameisen und Fliegen geschäftig hin und her laufen.

»Grüaß di Good, Schmied!« sagt der Wirt. – »Grüaß di Good aa.« – »Kriagst a Maß?« – »A Maß bringst ma, ja.« – »Resl,.der Schmied kriagt a Maß!« Der Wirt ruft's ins Haus, und die Schenkkellnerin läuft mit dem Krug. Der Ödenhuber setzt sich zum Schmied. »Hast Feiramd gmacht?« – »Jaa. – Waar mir a so bald liaber, es wurd für ganz Feiramd!« Die Resl stellt ihm das Bier hin. »Was möchst? – An ewigen Feiramd?! – Zum Wohlsein! – Du waarst net viel gschlecki!« – »Heunt no durft Feiramd sei, sag i! – Nachher gang i glei aa no mit, mit insane Buam! – Heunt no! ... Wann i no jung waar!« Er trinkt hastig. Der Ödenhuber schmunzelt. »Du wurdst eahna koa geringe Angst net einjagn, moan i! ... Ah! Grüß di Good, Pauli!« Er macht dem Gesellen Platz. Der setzt sich. »'n Abnd. A Halbe möcht i. – Zum Abgwohna.« Die Resl lacht. »Jetz hab i schon gjammert, daß ins alle insane Buam davongengan in Kriag; derweil is do no oana dabliebn! Hams di net gfunden? Oder is's eahna um dein scheena Kopf load?« Der Pauli zieht gemächlich seine kurze Pfeif aus dem Joppensack, stopft sie und sagt bloß: »Schnabel halten! – A Halbe kriag i!« Dann zündet er sie an. Die Resl lacht: »Raucht er dir jetz?« und geht darnach.

Der Ödenhuber holt ein Zeitungsblatt aus dem Brustlatz seines weißen Schawers (Schurzes) und liest die Aufrufungen und Anzeigen. Der Schmied hockt stumm vor seinem Krug.

»Was bist jetz du für a Jahrgang, Pauli?« Der Wirt fragt's. – »Achtadachzg.« – »Deant?« – »Naa.« – »Ah so.« – »Warum fragst?« – »No, i moan halt, sunst tatn s' di wohl a so bald holn?« – »Kunnt scho sein.«

Der Schmied starrt stumpf und trüb vor sich hin. Jetzt sagt er langsam: »Vo heunt auf morgn is der Kriag alleweil net gar. Der frißt schon an etlichs paar Leut, denk i.« – »Da kannst recht habn«, erwidert der Ödenhuber. »Dessell glaab i aa«, meint der Pauli.

Die Resl bringt das Bier. »Sollst lebn, Pauli!« – »Is scho recht, Hex! Und bals mi trifft, denkst dir, nachher derf der ander lebn, gell! D' Ersatzreserve!« – »Warum? – Gehst du leicht aa?« Die Resl fragt's erschrocken. – »Ja no, kunnt scho sein ...« Er raucht, daß sein Gesicht kaum mehr zu sehen ist. – »Hast leicht aa scho an Zettl? ...« – »Naa ... no net. Aber ... i moan gar ...« – »Pauli! Du werst do net! ...«

Der Wirt horcht auf. »Aber, Pauli!« mischt er sich ein; »wia leicht kunnts di dein Kopf kosten! Um dein Kohlrabi waars wirkli schad!«

Der Schmied ist wieder ins Brüten gekommen. Jetzt murmelt er vor sich hin: »Werd scho geh. Mir muaß si halt dreinfinden. Is nur guat, daß d' es nimmer derlebn hast müassn ... Muatta ... daß alle zwee ... dahigengan. – Ja no ...« Er schrickt auf an seinem Seufzen und trinkt. Dann beschattet er die Augen mit der Hand und schaut nach der Kirchenuhr. »Geh, Ödnhuaber, siechst net, wia spat daß 's is?« fragt er.

Der Wirt

Der Wirt fährt aus der Zeitung auf: »Wia spat, sagst?« Er zieht die Uhr. – »Drei Viertel auf simme.« – »Scho! – Er werd si do net versaama, der Kaschba!« – »Ah, naa! Der versaamt si net! Is ja der meine aa dabei. Sie san halt beim Pfüagoodn.« – »Ja, ja. Aber um halbe zehne geht der letzt' Zug vo Osterminga.« – »Den kriagn s' leicht no!« – »Jano. – Aber i hättn halt no gern daghabt, mein Kaschba. – Mir hat do no allerhand zum redn, mitanand.« – »Dessell is ja wahr ...« – »Mir möcht halt no sagn ... was oan druckt ... bevor oana a so dahingeht ... mir woaß net, wohi ... und wias außigeht damit.«

Der Wirt nickt und legt seine Zeitung zusammen. »Ja ja. A Feldzug is halt koa Keglscheiberts.« Der Schmied schnauft tief auf. »Schaug, mein' Franzl hab i aa nimmer gsehgn.

Der is glei von der Kasem aus weiterkemma.« »I woaß 's a so.«

Die Resl hat derweil halblaut auf den Pauli eingeredet. »Warum möchst denn scho zahln? – Warum gehst denn scho? Bist harbisch auf mi?« – »Naa. – Aber an kloan Weg mach i no, verstehst!... Herrgott, mi druckts a so, daß i grad Landsturm bin...« Er trinkt hitzig aus. Die Resl starrt ihn angstvoll an. »Pauli! – ja, was hast denn? ...« Er setzt das Krügl auf den Tisch, daß es scheppert. »Woaß 's der Teixl, Dirndl ... i moan... i mach gar aa Feiramd mit der Arbat! ... I geh aa! ... I meld mi freiwilli ... i kann's net dawartn, bis daß's mi holn ...« Da springt die Resl auf. »Furt, sagst? ... Freiwilli ... Pauli! ... Ums Christi ...«

Der Schmied fährt zusammen. »Was hast gsagt? Du gehst aa? ... Ja, – was tua denn nachher i ...?« Er starrt den Gesellen an und sinkt dann wieder in sich zusammen. »Ja no, ... muaß i di halt geh lassen. Da kann ma nix macha. Bist ja gsund. Geh nur zua in Gottsnam ... geh nur ... geht's nur allsamm ...«

Der Wirt mischt sich ein: »Aber, was waar denn jetz net dees, Pauli! Werst 'hn do net alloa lassen, an Scmied! den altn Mo!«

Der Pauli ist in einem verlegenen Kampf mit sich selber. »I woaß 's scho. Aber ... in mir wurlt grad alls! Ödnhuaber, i sag dir's, wia's is, i schaam mi!« Er springt auf und reckt sich. »Bei meiner Postur! Und bei dem Gsund! Was?! Waar's da net a Schand?« Die Resl kämpft ein Weinen nieder. Der Schmied betrachtet den Burschen mit trübem Aug. Da tritt der Pauli zu ihm: »I ko net anderscht, Moasta ... i muaß dir Pfüagood sagn. Lohn hab i a so grad nur vier Mark fuchzge z' kriagn, mei Kuferl is glei packt, bis die andern gengan, bin i aa firti!« Er wendet sich zur Resl: »Dirndl! Alsdann ... zahln, sag i! Da! ... Und sei net harb auf mi ... i kimm scho wieder! ...« – »Is 's wirkli dei Ernst?« fragt der Wirt verstört. Die Resl geht aufschluchzend ins Haus. – »Ödnhuaber ... es geht um d' Hoamat! – I muaß mit!« Der Pauli klopft hastig seine Pfeife aus und schiebt sie ein.

Und der Schmied zieht langsam seinen ledernen Zugbeutel, entnimmt ihm zwei Taler, legt sie auf den Tisch und wickelt bedächtig die Schnur mit den Muscheln daran wieder um den Beutel. Dann sagt er: »Da ... i konn di net haltn. Da san sechs Mark. Weil i di guat leidn hab kinna. Laß dir's guat geh. Und ... balst wieder kimmst ... bist da. D' Arbat wart't scho auf di.« Der Gsell schiebt das Geld ein. Und sagt mit unsicherer Stimm: »Moasta, i dank dir und sag halt Geltsgood. I kimm scho wieder, bals sein will. Und wann net, ... na muaßt dir halt um an andern schaugn.« Und reicht ihm die Hand. »Alsdann. Jetz pfüat di halt Good.«

Tonlos dankt ihm der Schmied. »Pfüa Good aa. I konn di net aufhaltn.« Und er stützt die Ellenbogen auf den Tisch und hält den Kopf zwischen den Händen. Der Pauli wendet sich zum Wirt. »Alsdann, Ödnhuaber ... bleib gsund ...« Er streckt ihm die Hand hin, und der Wirt drückt und schüttelt sie. »Na wünsch ich dir halt Glück, Pauli! – Pfüat di der Himmi!«

Die Resl tritt mit verweinten Augen aus dem Haus und gibt dem Burschen ein kleins Packerl in die Hand. »Pauli ... leb wohl. Und sagn mir halt: aufs Wiedersehng ...« Sie drückt die Schürze ans Gesicht. Aber der Pauli lacht und sagt lustig: »Servus, Resl! Aufs Wiedersehng ... hast recht! Und jetz woan net! I schreib dir scho amal aus Paris ... oder aus Rußland. – Alsdann! Pfüate!« Damit reißt er sie schnell an sich und läuft alsdann eilig dahin, ins Schmiedhaus, indes die Resl langsam in die Gaststube geht.

Stumm sitzt der Schmied. Der Ödenhuber zieht seine Uhr, dann meint er: »Sakra! Glei simme! jetz durftn s' aber bald kemma! –« Und steht auf und geht mitten auf die Straße, zu schauen, ob er keinen sieht von den Buben.

Da fährt ein Leiterwagen vorbei, hoch aufgesetzt mit Weizen; und der Hauserbauer lenkt laut die beiden Ochsen: »Wühlöh, Alter! Ziag o! Hott eina! Hoott!« Aber da er den Ödenhuber stehen sieht, fährt ihm eine jähe Röte ins Gesicht; er speizt giftig aus und plärrt den Sattelochsen an: »Hott eina, hab i gsagt, sag i! Was der wieder zum gaffa und zum spioniern hat, da drent!« Und der Wirt seinerseits hat kaum den Hauser ersehen, als er auch schon die Händ in die Hosensäck vergräbt, die Füß weitmächtig auseinanderspreizt und spöttisch vor sich hinsagt: »Dem geht's aber no dick ein, heunt, dem Hungerleider! Der legat aa liaber dreizehn Aufsetzn auf sei Kinderwagl auf, bals gang! – Bei dem möcht i amal Handochs sei!« In diesem Augenblick ruft eine gschnappige Weiberstimm vom Wagen herunter: »Was gaffst denn, Bamperlwirt? Schaug liaber, daß dir dei Essig net no saurer wird!« Worauf der Ödenhuber voller Wut murmelt: »Schnappen, elendige!« Und eilig ins Haus geht.

Die ihn aber zum Gehen gebracht, ist ein saubers, molligs Frauenzimmer mit festen Armen, feisten roten Backen und kohlschwarzen Haaren. Es ist die Rumplhanni, des Hausers Dirn.

Die Tenne des Hauserbauern von Öd ist sperrangelweit offen, und dem Hauser sein Sohn, der Simmerl, schiebt grad einen abgeleerten Leiterwagen zum hintern Tor hinaus und hinein in den Wagenschuppen. Danach schaut er hinüber gegen die Straße, ob der Alt noch nicht bald einfahrt mit dem letzten Fuder. Derweil biegen auch schon die Ochsen bei dem Gartenzaun des Ödenhubers ums Eck; der Hauser legt sich dem Sattelochsen fest in die Seite und zieht am Leitwayla, was er kann. »Wühlöh, Alter! Wühst umi! Wühst, sag i! Toifi, bollischer! Wühlöh! Gehst net ummi, moanst, Pandur, miserabiger!« Und vom Fuder herab schreit die Hanni, daß es drüben im Holz widerhallt: »Holliho! Ablaarn!«

Die Hauserin hat grad in der Speiskammer die frischgemolkene Milch mit einem Spritzer Weichbrunn gesegnet und in die Weidlinge zum Aufsetzen eingegossen, sich auch hie und da mit dem Handrücken oder dem Schürzenzipfel Augen und Nase abgewischt; denn sie weint, wie ihr Alter, der Lenz, sagt, Rotz und Wasser, weil ihr Simmerl heut zur Nacht noch dahin muß, in den Krieg. Jetzt wendet sie sich langsam um, daß sie mit ihrer Fülle und Breite nicht etwan hinter sich was hinabstoße, und nimmt den Rahm ab fürs Butterausrühren. Vorsichtig fährt sie mit dem feisten Zeigefinger um den Milchrand im Weidling, leckt ihn ab und streift dann mit dem flachen Holzlöffel behutsam die fette, säuerliche Rahmhaut in den Hafen auf dem Bänklein. Danach gießt sie die abgeblasene Milch in den Topfenkessel und seufzt: »Hach ja. Ins haßts halt. Mir ham halt koa Glück net ... Ja ja ...«

Und ihre alte Mutter, die Kollerin von Reigersberg, jetzt Austragmutter vom Hauserlenz, schiebt drüben in der kohlschwarzen Kuchel einen Büschel Reisig ins Ofenloch, entzündet einen dürren Span und hält ihn unter die Reiser, bis sie knistern und rauchen und brennen. Dann löscht sie den Span, legt ihn wieder hinters Ofenrohr zu den dürren Eierschalen und dem Sandriegel, schürt etliche Prügel nach und stellt hüstelnd und seufzend die große Messingpfanne mit dem Kaffeewasser auf den Herd. Dazu sagt sie halblaut immer wieder die Worte – »O mei Herrgott! – Der Kriag, dees Unglück! O mei Herrgott!«

Da scheppert der Rumplhanni ihr Ruf herein ins Haus: »Holliho! Ablaarn!« Und zur gleichen Zeit läuft der Hauserin ihre Jüngste, die Liesl, mit einem weißen Kopftuch auf und einem Endsrechen über der Achsel in den Hausflöz und schreit: »Muatta! Großmuatta! Da san ma! Dees letzte Fuada ham ma dahoam! Zum Ablaarn sollts kemma!« Worauf die Kollerin in die Speis ruft: »Rosina, schaug aufn Kaffee! I muaß zum Woazablaarn!« Dabei fährt sie aus den Lederpantoffeln, humpelt strumpfsöcklig über die Stiegen hinauf zum Söller, öffnet die niedere Tür zum Kriadaboden und läuft in den dunklen, mit neuem, starkduftendem Heu und Klee vollgefüllten Raum. Von da aus schreit sie hinab in die Tenne: »Simmerl! – Lenz! – Bin scho gricht't!«

Nun löst der Simmerl den Wiesbaum vom Fuder und sagt: »Hanni, geh, laß jetz mi auffe am Wagn; pressiern tuats. Um halbe neune muaß i geh!« Die Hanni kriegt eine weinerliche Stimm und erwidert: »So bald scho! Ha, daß d' denn heunt no furt muaßt?!« Und rutscht vom Fuder und läßt sich vom Simmerl auffangen, indes die Großmutter Kollerin brummelt: »Frag net so damisch, Lalln, dumme! Daß er heunt no furt muaß! Weil er halt muaß! Weils di nixen ogeht! Schaug liaber, daß d' auffa gehst zum Fassen!«

Derweil stellt der Simmerl eine Leiter an den Heuboden, zwickt die Hanni schnell in den Arm und schiebt sie lachend die Sprossen hinauf. Die Hanni kichert leise, packt den endslangen Burschen bei seinem rötlichen Haarschüppel und wirft ihm das Hütl ins Gesicht, ehe sie zur Alten hinaufsteigt. Diese aber hat das Kichern gehört und knurrt nun: »Möcht wissen, was 's da lang z'kudern und z'lacha gibt, du ausgschaamts Weibsbild du! Du brauchst mi gar net auszlacha, bal i eppas sag; daß d'es woaßt!« Worauf die Hanni schnippisch erwidert: »Und du brauchst mi gar nix z'hoaßn; daß d'es aa woaßt! Dir hab i no koa Weibsbild net abgebn, gell ja!« Damit steigt sie die Leiter hinauf und zum Kriadaboden. Die Alte murmelt noch was und kriecht dann in die »Obern« empor.

Und der Simmerl besteigt das Fuder, indes der Hauser drüben im Stall die Ochsen tränkt und füttert. Nun faßt der Simmerl Garbe um Garbe mit der Gabel und hebt sie leicht und locker hinüber zur Hanni, die sie ebenso locker abnimmt und der Kollerin hinaufreicht, die sie fürsichtig von der Gabel streift, damit kein Körnl Weiz unnütz verloren geht. Endlich ist die letzte Garbe untergebracht, und die Großmutter steigt wieder hinab in den Heuboden und hinunter ins Haus. Die Hanni steckt ihre Gabel tief in den Heuhaufen vor ihr und kommt die Leiter herab in die Tenne; der Simmerl schiebt den Wagen hinaus in den Hof und schließt das hintere Scheunentor. Dann kehrt die Hanni die ausgefallenen Körnl und Ähren zum vordern Tor hinaus für die Hennen, indem sie sagt: »Den oan Flügl konnst scho zuamacha, Simmerl.« Das tut er. Dann lehnt er sich an die Stalltür und schaut zu, wie die Körnl und Spelzen zur Tenne hinausfliegen. Mittendrin aber kommt's verhalten von seinen Lippen: »Hanni!« – »Simmerl?« – »Jetz san ma firti.« – »Ja.« – »Jetz hoaßt's geh.« – »Und mi laßt hänga!« – Sie lehnt den Besen ins Eck und räumt umständlich die Rechen und Gabeln zusammen.

»Hanni!« – »Was möchst?« – »I muaß di pfüatn ...« – »Und i steh da – im Dreck.« – »Was kann i dafür? – Was soll i denn macha!« – »Hättst mi net ogrührt ...« – »Bal ma oans gern hat ...« – »Aha. Zum Drokriagn!« – »I hab di net drokriagt « – »Aber unglückli gmacht!«

Der Simmerl lehnt langsam den zweiten Torflügel an, so daß es ganz dunkel wird in der Tenne. »Was? Unglückli? I? Di? Wia nachher?« Die Hanni fängt leise zu weinen an. »Ja wia nachher ... weil i dahäng ... am Kreiz! A so ...« – »Was sagst du?« – »Jawoi! Gwiß und wahrhaftig!« – »Vo mir? ...« – »Frag net so dumm! – Dees woaßt du guat selber!« – »I! Da bin i mir gar nixn ...« – »Aha. Möchst di weggaschraufa ...« – »Und i sag, es ko net sei ...« – »Dees sagt a jeder.« – »Da muaß scho a anderner ...«

Die Hanni fährt in die Höh: »Du!

Mach mi net harbisch, sag i! Sinst geh i auf der Stell zu de Altn.« – »Hanni!« – »Dees konnst dir nachher scho denka ...« – »Dees werst dir überlegn!« – »Da überleg i gar nixn! I red ganz oafach!« Der Simmerl tappt ihrer Stimme nach. »I sag ja nixn, Hanni. I bekenn mi ja...« – »Aha. Vor meiner. Aber vor dein Vatan ...« – »Bekümmert di net...« Er sucht sie im Dunkel. »I mach's recht, Hanni. I bekenn alls.« – »Werd viel fürguat sein!« – »Der Alt muaß sorgn ...« – »Der werd a Freud habn!« – »Ja no ...« – Die Hanni drückt sich ausweichend in einen Winkel. »I muaß halt geh –«, sagt sie; »anorts hi, wo mi neamd kennt.« – »Zu was denn? I richt's ja.« – »Moanst, i laß mi oschaugn!« – »Koa Mensch schaugt di o!« – »Aha. Grad mitn Fingern deutn s' auf oan! Mir woaß's ja no – bei der Sixnkathl!« Der Simmerl tappt nach ihren Armen. »Dessell is aa grad der Besenbinderhausl gwen ...« – »Mhm! Du moanst, dei Geldsack stopft an Leutn 's Mäu zua! Da werst di aber stimma!« – »Geh, hör jetz auf...« – »Und mi machst aa net staad mit dein Geld ... daß d' es woaßt!« – Er umfaßt sie. »I bin ja net abgeneigt ...« Sie wehrt leise ab. »Zu was eppan?« – »Daß i di heirat ...« – »Dees sagt a jeder ...« – »Wann i dir's für gwiß hoaß!« – »Ja ja. Jetz, im Krieg, da is leicht, epps versprecha ...« – »Auf Ehr und Seligkeit, Hanni...« – »Dees muaß si erscht weisen.« »I gib dir's schriftli!« Er zieht sie ganz ins Dunkel. »Heunt no kriagst es schriftli ...« – »Und de Altn?...« – »Dees is mir gleich. Die müaßn Torflügel– staad sei ... und du aa...« Er schließt und verriegelt den.

Der Hauser

Der Hauser hat die Ochsen gefüttert und getränkt. Jetzt geht er hinauf in die Schlafkammer, zieht den Schlüssel zu der alten, bemalten Truche aus dem Strohsack seines Eheweibs und schließt seufzend auf. Langsam nimmt er aus einem alten, zinnernen Bierkrug ein etlichs paar Silbertaler, sucht ganz zuunterst im Eck das Salbentiegerl von den wehen Augen seiner Liesl, nimmt den hölzernen Deckel ab und langt zwei Goldfuchsen daraus. Dies Geld also tut er in den Zugbeutel, der noch von dem alten Hauser, Gott hab ihn selig, in der Truche liegt, und schiebt's ein für den Simmerl. Darauf schließt er wieder ab, versteckt den Schlüssel und geht hinunter in die Stube. Sinnierend setzt er sich auf das lederne Kanapee und schaut seiner Rosina zu, wie sie weinend Schnitten um Schnitten von dem Brotlaib fetzt und in die irdene Suppenschüssel fallen läßt, Salz und Pfeffer drüberstreut und einen Büschel Schnittlauch dreinschneidet. Sie sagt nichts, er sagt nichts.

Dann trägt die Hauserin ihre Schüssel hinaus in die Kuchel, gießt die Wassersuppe darüber und schmalzt und zwiebelt sie. Und mit beiden Händen faßt sie die dampfende Schüssel, fährt aus den Holzpantoffeln, damit sie nicht stolpern muß, und trägt also die Suppe barfuß in die Stube. Der Dreifuß steht schon auf dem gedeckten Tisch; vorsichtig hängt sie die Schüssel hinein und sagt dazu: »Lenz, geh, schaug, der Bua! Daß er si net versaamt.« Dazu weint sie heftig auf und läuft weg.

Und die alt Kollerin, die Großmutter, steht in der Kuchel vor der Anricht, ordnet die Kaffeeschüsseln und Haferln in eine Reihe und wirft den Zucker darein: drei der Bäuerin, zwei dem Bauern; vier dem Simmerl, vier dem Liesei, zwei sich selber und eins der Magd, der Hanni. Dann schaut sie einmal ins Bratrohr nach den Schmalzkücheln, die zum Aufwärmen drin stehen, und gießt danach den Kaffee ein. Langsam und umsichtig schöpft sie ihn mit einem alten Messinglöffel durch den Seiher in die Schüsseln und Kacherln; und danach die Milch: dem Bauern wenig, der Bäuerin aber viel mitsamt der Haut; dem Simmerl nur ein Tröpferl mit Haut, sich und dem Liesei schier lauter Milch, – und der Hanni den Rest. Dazu seufzt sie immer lauter: »O mei Herr! ... an Lenz ... der Rosina ... mei, wia werd's eahm geh ... an Simmerl ... an Liesei .. O mei, der Kriag ... der andern.« Jetzt ist er eingeschenkt, der Kaffee. Plötzlich fällt ihr ein, daß sie für den andern Tag zum Nachähren ihren Rechen noch nicht eingeweicht hat. »Daß's Gott gsegn!« sagt sie zu sich selber; »dees muaß i glei toa! – Sinst falln eahm morgn bei dera Hitz alle Zähnt außa!« Und sie läuft hinaus zum Brunnengrand vor dem Wurzgarten, den sie selber gepflanzt und mit allerhand Blumen und Sträuchern geziert hat: mit Windpappeln und Rittersporn, Flugs und Dahlien, Nelken und roten Rosen. Mittendrin schreit sie laut auf: »Marixn! – Liesei! Malefixkarwatschn! – Meine scheena Bleame!« Sie rennt ans Gartentürl. »Ja, insa liabe Zeit! Dees ganz Gartl is hi!«

»Noo!« sagt da die Liesl und tappt mit einer ganzen Schürze voll Blumen mitten durchs Gurkenbeet; »i wer wohl no an Simmerl a Bleame ostecka derfa, wo er fürt muaß!« Und beginnt zu heunen: »Gar nix mehr derf ma! – Aber wart no! Bal er derschossen is, nachher siechst es scho! Nachher konnst eahm koa Bleame nimmer gebn!« Worauf die Alte ganz nachgiebig wird und sagt: »Sei staad, sag i! Red koane solchern Dummheitn net! Möcht oan a so schier an Magn abdrucka vor lauter Kümmernis!« Damit läßt sie die Liesl laufen und geht jammernd in ihr Austragstübl. Dort sucht sie ein alts, wächserns Christkindl in einem silbernen Büchslein her. Das wickelt sie samt einem Frauentaler in ein linnenes Tüchlein, mit dem der Herr Pfarrer vor Zeiten unserm lieben Herrn seinen Kelch gehalten hatte, als er den alten Kollervater seligen Angedenkens damit zum letzten Gang verprofitierte. Und sie trägt's andächtig hinüber in die Stube und legt's dem Simmerl an seinen Platz.

Der kommt eben pfeifend und zur Reis fertig aus seiner Kammer und setzt sich munter an den Tisch. Die Hauserin bringt die Schmalznudeln; die Kollerin stellt die Kaffeehaferln an die Plätze, das Liesei steckt den Hut des Bruders voller Nelken und Rosen, und die Hanni kommt zur hinteren Haustür herein und setzt sich summend mit den andern zum Essen. Worauf sie aber die Kollerin scharf anläßt: »Obst glei staad bist, du gottvergessens Weibsbild du! Sie singt und röhrt, wann der oanzig Bua vom Bauern in Kriag furt muaß! Du waarst no so oane! Du hättst no so a Herz in Leib, du!« Aber die Hanni erwidert patzig: »Dees geht di gar nix o, ob i a Herz hab oder koans! I woaß mei Sach, und du muaßt erscht ratn!« Damit gießt sie ihren Kaffee auf einen Zug hinunter, nimmt sich zwei Schmalzküchl und läuft weg. Die Kollerin greint wie das heilig Donnerwetter und ruft ihr nach. »O du ganz miserabige Karwatschn, du!«

»Daß d' gar so grob bist, damit?« meint der Simmerl so nebenbei und löffelt mit dem Hauser die Brotsuppe aus. »Grob!« sagt die Kollerin beleidigt; »grob wer i sei! Weil's wahr aa is! Weil s'alle Tag no bollischer werd und no ohabischer, des Weibsbild, dees ausgschaamt!« – »Du machst es scho bollisch mit dein ewign Geknerr!« mischt sich der Hauser ein und rührt seinen Kaffee um. – »Was willst da? I, sagst! Mit mein Geknerr, sagst? Wer knerrt denn? ...« – »Koa Mensch, wia du!« – »Aha! Weilst mi nur scho wieder hast!« – »Da hab i di gar net. Aber weil's wahr is ...« Er brockt sich ein Küchl in den Kaffee. – »Ja, weil's wahr is! Helfts nur hübsch dazu, zu dem Weibsbild!« Sie löffelt hitzig ihren Kaffee aus. Die Hauserin mengt sich ein: »Jetzt dahacklns halt ananda scho wieder! Wia enk nur der Tag net z'heilig is! Zwegn dem Schlamperl! ...«

Der Simmerl fährt in die Höh. »Hoaßn brauchst es du gar nixn!« sagt er; »werd eahm neamd was Schlechts nachredn kinna, a da Hanni!« – »He, he! Tua di net gar a so z'reißn dafür! ... Für dees herglaaffa ...« Aber der Simmerl fährt dazwischen: »Und i leid's amal net, sag i! Herglaaffa oder net ... d' Arbat tuat s'...« – »Dessell muaß wahr sei«, bestätigt der Hauser; »da derf scho oane hergeh ...« – »Ja, ja. D' Arbat tuat's. Was's eahm ös zwee oschaffts!« spöttelt die Hauserin. »Weil s' es halt mit die Mannaleut überhaupts besser konn, als wia mit die Weibertn!« ergänzt die Kollerin. Und beide, die Alt und die Jung, schauen sich überlegen an und verlassen zusammen die Stube. Die Lies hat unterdessen schweigend und auflusend ihr Schällein leer getrunken; da sie aber jetzt die Mutter samt der Großmutter hinausgehen sieht, macht sie dem Vater und dem Simmerl ein finsters Gesicht hin, nimmt sich etliche Nudeln aus der Schüssel und läuft gleichfalls davon.

Jetzt sind sie allein, die Mannertn. Und der Simmerl sagt, ohne von seiner Schüssel aufzusehen: »Vadda!« Der Hauser wischt seinen Löffel nachdenklich ans Tischtuch und legt ihn in die Schublade. »Was möchst?« – »I hätt epps z'redn ...« – »Mit wem?« – »Mit dir.« Der Simmerl schiebt die Eßschüssel von sich und steht auf. Der Alt erhebt sich gleichfalls und will 's Kreuz machen zum Beten nach Tisch; da sagt der Simmerl grad: »Mit dir.« – »Mit mir? Zwegn was?« – »Zwegn der Hanni.« Der Hauser setzt sich wieder. »Dees versteh i net ...« Der Simmerl tritt an eins der Fenster. »Ja no; a zwiderne Gschicht is's halt ...« – »Da kenn i mi net aus.« – »Es is halt jetz nix mehr dro z'richten.« Er reißt eine volle Geraniumblüte ab und steckt sie ins Knopfloch. »I woaß gar net ... was d' moanst ...«, sagt der Alt. – »I muaß s' halt heiratn.« – »Wer?! – Wem?! –« Der Hauser fährt in die Höh. – »Ja no! ... Großmuatta!« – »Auf dees hör i net ...« – »Und was s' bei dera Bande da drent redn wern ... bein Ödnhuaber! – Wia si die's Mäu zreißn wern ...« – »Dees braucht ins gar nix z'kümmern. Bal i zruckkimm, ... na heirat I d' Hanni ... und bals net is ... nachher hör i's nimmer, was s' sagn. I hab jetz nimmer Derweil, daß i no länger umananddischbedier; i muaß furt.« Damit geht er zur Tür. Aber der Hauser steht breit davor und schreit hitzig: »Du bleibst mir no da, sag i! Die Sach muaß gschlicht wern! Brauchts durchaus net, daß d' aa no protzi bist bei dera Schand! Oder is 's vielleicht koa Schand net?! Aufhänga kunnt i mi, wenns net grad Kriag waar! Aber a so is's mei oanzige Hoffnung, daß die Bande bei dera ganzen Gaude net a so Derweil habn werd zum Aufpassen. Vielleicht is aa der Kriag bald aus, und du kimmst wieder hoam ... nachher redn mir weiter!...« Der Simmerl steht ungeduldig vor dem Alten. »Und was is 's bis dorthin?« – »Ja no...« Der Hauser geht zum Fenster und starrt hinaus. »I tuas net gern; grad, weil i di net a so geh lassen mag; ... muaß i s'halt daghaltn derweil ... und mit der Muader redn.« Er dreht sich um und legt die Händ auf den Buckel. Der Simmerl schnauft erlöst auf. »Herrvergeltsgood. Jetz geh i gern. – Dank dirs Good, Vadda.« Der Alt schiebt die Händ in den Sack. »Ja, gsegn dirs Good, Hallodri! Muaß i halt redn mit der Muada ...« – »Und mit der Hanni, Vadda. Daß s' woaß, wia s' dro is.« – »Wia i sag: Gern tua i's ja net ...« – »I muaß jetz, Vadda. Laß di pfüatn. Und bleib gsund.« – »Muaßt wirkli scho geh!?« – »Ja, i muaß. Woaßt scho, i möcht net gern zsammkemma mit der ganzn Blasn. Bein Ödnhuber drent ham sa si allsamm zsammbstellt. Aber,... wo is denn d' Muatta? ... Muatta! He! Auf gehts!« Er pfeift schrill durchs Haus.

Der Alt folgt ihm in den Hausflöz. »Was i no sagn möcht, Vadda: D' Spreng von den hintern Truchenwagn hab i heunt fruah zum Schmied umi, daß er a paar starke Bänder drüberschlagt; sinst zreißts es gar amal, balst guatding stark auflegst.« Der Hauser nickt. »Is scho recht. Da hat er mi ausgschmirbt, der Wagnermartl, mit der letzten Arbat! D' Loixna taugn aa nixn. Jessas, ... da, ... i hab no epps für di! Werst es scho braucha kinna draußt, oder wost hikimmst.« Damit gibt er dem Buben den Beutel. »Dees konn ma freili braucha!« lacht der Simmerl und schiebt ihn ein; »i sag dir Dankgood dafür. Und jetz Pfüagood. Himmigreizgruzi ... daß jetz do koane zuawageht vo de narrischn Weibatn. Na muaß i a so geh!...« Er langt noch schnell ins Weichbrunnhaferl drinnerhalb der Stubentür, macht ein gschwinds Kreuz und schreit, indem er aus dem Haus tritt: »Also, pfüat enk! I geh. Bis der Krieg gar is, werds nachher scho amal ausbockt habn, ös bollische Weibsbilder überanand!« In diesem Augenblick blökt das neue Stierkalb. »Jeß, mei Kaibei!– Mei Stierzei! – D' Viecher!« Er rennt noch in den Stall. »Gell, daß si fei nixn feit bei enk!«

Da stehen sie alle und glotzen ihn an, und die vordere Schneiderblassin fährt ihm an den Kopf und holt sich eine von den Blumen. »He, Luada!« schimpft der Simmerl lachend; »friß mi nur net no, bevor mi der Kini kriagt! Säh, ... da habts no epps, ... a Angedenka an mi ....« Und er reißt die Blumen von seinem Hütl und wirft jeder Kuh eine hin. Und dem Kaibl die Geraniumblüh. Dann wischt er sich schnell mit dem Ärmel über die Augen, räuspert und kriegelt rauh, streichelt die Ochsen noch einmal und rennt aus dem Haus.

Aber da stehen die Weibertn und das Liesei im Nachtkittl und heunen und jammern: »Jetz is er furt ... ohne Pfügood und ohne alls ...« – »I bin scho no da!« sagt er und macht einen gschwinden Abschied; »laßts enk koa Traurigkeit gspürn! Und teats net alleweil raaffa! Dees machan jetz nachher scho mir draußt! Und vergeßts mi net ... mitn Schreibn ... und mitn Schicka ...« Er rennt schon dahin – ums Eck.

Grad will er über die Straße, da hört er hinter der Kirche her Ziehharmonikaspielen, Juchzen, Singen und Lachen. Die Reservisten und Burschen ziehen noch zum Wirt, zum Ödenhuber, um dem Jackl seinen Leuten noch mit einer letzten Stehmaß Bescheid zu tun. Dem Simmerl kommt ein Zusammentreffen recht ungelegen; darum schlupft er schnell durch den Stangenzaun und versteckt sich hinter dem Backofen vom Wirt. Aber da fährt er zusammen; grad vor ihm stößt eine Weiberstimm einen unterdrückten Schrei aus, und jemand lehnt sich in den hintersten Winkel der Türnische. »Was gibts? Wer is da?« fragt der Simmerl halblaut; im selben Augenblick aber fährt ihm auch schon das Erkennen durchs Hirn: Die Wirtsleni! – Da flüstert sie auch schon.- »Nixn is's. Bins grad i. D' Leni.« – »Ah so.« Der Simmerl sagts verächtlich. Und es ist ihm zuwider, daß er von ihr auf dem Grund und Boden ihres Vaters angetroffen wird, mit dem er und seine Eltern verfeindet sind; auf dem Grund des Ödenhubers, dessen Alter schon dem einstigen Hauservater, Gott schenk ihm die Ruh, einen Prozeß um den andern angehängt hatte, ihm einen Schabernack um den andern spielte, bloß aus dem Grund, weil einmal einer von den Ödenhuber-Vorfahren eine Hausertochter hätt zum Weib wollen und sie nicht bekam, weil dem Hauserischen der Guldensack des Ödenhubers nicht feist genug war und er seine Mirl lieber dem sündreichen Höchentalerbuben gab, der sie dann leider schandbarlich behandelte und nach kurzer Ehe in die Grube brachte. – Und der Simmerl ist unschlüssig, ob er nicht lieber gehen soll, trotz des Gespötts der Tropfen da drüben. Da fragt die Leni: »Muaßt aa furt?« Worauf er erwidern will: »Dees geht do di nixn o!«, aber keine Silbe herausbringt. Die lärmende Gesellschaft ist derweil von der Kirche her auf das Wirtshaus zugekommen und zieht nun singend in die Gaststube. Da sagt die Leni: »I hätt dir no gern an Gruaß gebn, Simmerl. Pfüate Good! – Viel Glück!« Und legt ihm einen kleinen Büschel Rosen in die Hand und läuft weg. Der Simmerl starrt ihr nach. »Jetz woaß i net ... hats dee dawischt ... oder möcht s' mi grad für an Narrn haltn ...« Er schaut unschlüssig auf die Rosen. »Was eahm die denkt hat! ... Für koan andern hat s'mi net ghaltn; Simmerl hat s' gsagt ...« Geringschätzig will er den Büschel wegwerfen. Aber plötzlich schiebt er ihn rasch in den Sack und rennt dahin.

Drüben beim Wegkreuz wartet die Hanni auf ihn. »Simmerl!« – »Ah so ... du.« – »Scho lang wart i.« – »Was is's denn no?« – »Wia stehts?« – »Was?« – »No – zwegn meiner?« Der Simmerl schaut sie von der Seite an. Die Hanni wartet auf seine Antwort. – »Gricht' is's. Der Alt werd dirs scho sagn.« – »Gibt ers zua, daß d' mi heiratst?« – »Gsagt hat ers.«

Die Hanni will sich plötzlich an ihn hängen und ihn halsen. Aber er hat mittendrin was im Kopf. – Was andres. Und er schiebt die Hand in den Sack und greift nach was. Nach den Rosen. Und sagt auf einmal unwirsch: »Es is scho recht, Hanni. I hab nimmer Derweil zum Scheetoa. I muaß roasn.« Worauf er rasch ihre Händ von seinem Hals löst und forteilt, ohne nochmals umzuschauen.

Eine Weile steht die Hanni und starrt ihm nach. Dann lacht sie leise und geht langsam die Straße zurück gegen Öd.

Der Ödenhuber

Der Ödenhuber zündet gemach die große Hängelampe in der Gaststube an, so daß ein trüber rötlicher Schein über die blankgescheuerten Tische und Bänke leuchtet, die braunen Kacheln des alten Ofens hie und da aufblitzen läßt und sich in den drei – vier Glastafeln zwischen den Schützenscheiben und Rehgewichteln an den Wänden matt spiegelt. Und die Resl läßt vorsorglich einen um den andern von den grünen Rollvorhängen herab, so daß die Efeustöcke samt den blühenden Geranien dahinter im Dunkeln stehen; und man sieht statt der leuchtendroten Blüten und der großgetüpfelten Gingangvorhänge plötzlich allerhand Burgen auf grellgemalten Felsen, bunte Schweizeralmhütten mit Wasserfällen und Sennerinnen, springende Gemsen und weidende Kühe mit flötenblasenden Hirten.

Aus der Wirtskuchel aber dringt lautes Schelten, lärmendes Hantieren mit Tiegeln und Deckeln, mit Herdringen und Schürhaken und das Klappern von Tellern und Schüsseln. Und die Ödenhuberin steht am Hacktisch, zerteilt einen langen Schweinsrücken in gleichmäßige Rippen, schwingt den Holzschlegel und schlägt aufs Fleischbeil, daß die Brüh aufspritzt; und dazu grandelt und schimpft sie giftig: »A saubere Arbat! Der ganze Bratn is no roh und bluatig! Hab i net gsagt, es soll richti eingfeuert werdn! Hab i net gsagt, um halbe achte kemman s'! Aber ös habts ja net Derweil zum Aufpassen! Ös müaßts ja an d' Lumperei denka! Eini damit nomal in d' Rain, sag i! Gwaffa überanand!« Die Kucheldirn rennt hastig und beflissen mit der Bratraine an den Hackstock. »I hab ja a so eingschürt, was i nur grad kinna hab!« sagt sie weinerlich; »'s Röhrl brat't halt nimmer, wia si's ghört!« Damit streift sie die Ripperl mit dem langen Tranchiermesser in die Raine und wischt auch die Brüh mit der Hand hinein, damit der Saft beim Fleisch bleibe; – indes die Ödenhuberin wütend mit dem Schüreisen in der Glut herumfährt, so daß ihr feistes Gesicht mit den kohlschwarzen Augen voller Feuer scheint und die unter einem seidenen Netz aufgesteckten reichen schwarzen Zöpfe rötlich schillern. Und sie werkt, daß ihre schweren, traubenartigen Ohrgehänge zitternd hin und her schwingen; danach blickt sie zornig auf die Magd, trinkt hastig aus einem bemalten Steinkrügl, wischt sich mit der härwenen Schürze den Mund und die schier bärtige Oberlippe trocken und brummt: »Grad daß ma enk für's Fressen zahlt!« Worauf sie in die Gaststube geht, indes die Kucheldirn erlöst ein Kreuz hinter ihrem Rücken schlägt: »Herrvergeltsgott, daß s' geht!«-

Drin nimmt der Ödenhuber eben ein volles Zigarrenkistl vom Schenkkasten und riecht prüfend am Inhalt. »Aha. Die san net so rass' wia die andern«, sagt er; »die schmecken net so hantig.« Die Ödenhuberin nimmt ihm das Kistl aus der Hand und geht zum Licht. »Sand dös die vom Juden?« – »Ja.« – »Wenn hat er denn die gschickt?« – »Die verganga Woch.« – »Hast von die andern koa mehr?« – »Jo, schon. Aber sie taugn nixn.« – »Sand s' wirkli so hantig?« – »Gallhantig san s'!«– Sie gibt ihm das Kistl wieder zurück. »Ja no, wegschmeißen ko ma s' aa net.« – »Freili net!« – »Muaßt es halt billiger herlassen!« Sie sucht nach der Schachtel mit den bitteren. Er schneidet das Band eines Bündels von den neuen entzwei und sagt gar nichts. »Konnts es net herschenka?« – »Ah mei; a Glump is's halt.« Er zählt der Resl fünfzig von den Judenzigarren in die Schublade des Gläserkastens. »Zum Herschenka werdn sie's scho toa«, meint jetzt die Wirtin und mustert etliche von den rassen; »muaßt es halt heunt die Mannsbilder mitgebn auf d' Roas'.« – »Da kunnt i no so a Ehr aufhebn!« – »Ah, was! An gschenktn Gaul ... hoaßts ... schaut ma net ins Maul!« Sie trägt das Kistl an den Ofentisch und leert es aus. »Waar net zwider! Schaugn do ganz schee her!« Der Wirt folgt ihr brummend. »Geh, laß do die Giftstengl jetz in der Ruah!« Aber sie zählt schon aus: »Drei ... sechs ... nei... zwülf ... i woaß's gar net, was d' hast? ... fufzecha... achzecha ... warum soll ma s' denn net hergebn, bals a so nix taugn ... oasazwanzg ... nacha sans glei gar. – Die raachan s' scho, wenn s' sinst nix habn! ...« Der Ödenhuber geht unwillig auf und ab. »Laß di do net auslacha!« – »Warum? Daß s' fei net guat gnua san!« Die Resl schwenkt Krüge und Gläser. Jetzt mischt sie sich drein: »Du, Ödenhuaberin, daß d' es woaßt: i gib s' eahna fei net, dees Gift! Da kannst di scho selber damit auslacha lassen!« Die Wirtin wirft voller Zorn die leere Schachtel auf den Tisch. »Du haltst dei Schnappen! Du hast gar nix z' redn! Was gehts denn di o? Schaug sie net o ... d' Schnappen, die vorlaut!« Sie läßt alles liegen und geht wieder hinaus in ihre Kuchel.

Die Resl

Die Resl lächelt leise. Plötzlich aber verzieht sie das Gesicht zum Trauern und Seufzen und schwenkt wieder weiter, indes der Wirt eilends die ganzen Giftstengel ins Kistl wirft und wegräumt. – Mittlerweile kommt der Hufschmied in die Gaststube, stellt seinen Maßkrug an den Schenktisch zum Neueinfüllen und setzt sich danach an den Tisch beim Herrgottswinkel. »I woaß's net«, sagt er, »daß s' denn gar so lang ausbleibn! Jetz is's scho achte vorbei! Geh, Ödnhuaber, magst net dei Leni a bißl umanandsuacha lassen, wo s' sand? I fürcht, sie versaamen si!« Der Wirt schaut besorgt nach der Uhr: »Dees versteh i selber net«, meint er; »sie werden do net a so davon sei!« Und er ruft hinaus in die Kuchel: »Leni! Is d' Leni net da?« Worauf die Ödenhuberin mürrisch erwidert: »Was woaß i! Suach dir s'! Dees is bei uns alleweil scho a so der Brauch gwen, daß koans da is! Für dees hat ma ja Kinder, daß ma s' gar nia net hat, bal mir s' braucht!« Sie nimmt den Bratspieß und zieht die Raine aus der Bratröhre. »Was is's denn überhaupts anderschts?« fährt sie fort, indem sie prüfend ins Fleisch sticht; »grad für ander Leut ziagst dir s'! Hängst dro hin und opferst hin und ziagst es groß, und was hast nachher? – Nix. Gar nix!« Sie schiebt die Raine wieder ins Rohr. »Is's a Madl, na heirat s'; und is's a Bua ... jeß ... der Bua! Der Jackl! Er muaß do furt mitn Halbezehnezug!« Sie bricht plötzlich in ein hartes Weinen aus. »Daß aa grad alls über mi kimmt! – Jetz waar er hergwachsen ... und jetz kimmt der Kriag ...« Der Ödenhuber geht ans Kuchelfenster und starrt zwischen den Obstbäumen durch hinüber zum Hof des Hauser. »Ja no«, murmelt er halb für sich; »geht halt koan' anderscht. Dem da drent der seinige muaß aa furt.« Die Wirtin wischt sich rasch die Augen trocken. »Warum? Soll der vielleicht net furtmüassen! Solls für den vielleicht epps anderschts gebn? Is der mehra wia der unser? Der Lackl is groß gnua dazua! Ja – dem vergunn i's!«

Von der Kirche her ertönt plötzlich das Singen und Lärmen. Da nimmt die Ödenhuberin eilig einen hohen Stoß von Tellern aus dem Geschirrschrank, reiht sie klappernd auf der Kupfereinfassung des Herdes nebeneinander und reißt die Bratraine heraus. Und ruft. »Resl! Zähl glei, wieviel daß kemman! A jeder kriagt an Bratn, an Salat und a Maß! Was oana mehra hat, zahlt er!« Der Ödenhuber wendet sich um. »Ja, freili! Was dir net eifallt! Nix werd zahlt heunt! Gar nix; verstanden! Den letzten Trunk braucht mir koana z' zahlen! Gar koana!« – »No, wennst du so viel übrigs Geld hast ... mir konns ja recht sei! Aber bal jetz a jeder fünf Maß hat? ...« – »Nachher hat ers. Wer woaß's, obs net die letzten fünfe san bei dem oan oder andern.« Die Wirtin hantiert wütend mit dem Geschirr. »Ah, was! Du mit dein Getua! Werd net so gfahrli werdn! Die gehngan scho net so nahend zuawe! Vo mir aus tuast, was d' magst. Mit mein Geld konnst ja leicht umwirtschaften! Mit dem dein' alloa gangs scho net!« Sie spießt voll Erregung die Bratenstücke aus der Raine und wirft sie auf die Teller. »Meine Leut wanns no inne wordn waarn, wias du mit mein Sach umhaust, ... die kehratn si heunt no im Grab um!« – »Geh, laß mir do mein Ruah mit dem Gschwatz, narrischs Weibsbild! Mit dir is ja net zum redn ...« – Der Wirt geht verärgert in die Stube. Da steht schon die Resl in der matt erleuchteten Schenke und füllt Krug um Krug, indes das Juchzen und Singen immer deutlicher ins Haus dringt. »Herrvergeltsgott, daß s' da sind!« murmelt der Hufschmied.

Da kommen sie auch schon herein mit Ungestüm, – schreiend, lachend, lärmend, ihre Hüte schwingend und ihre Koffer und Päcklein. Und allerhand Maidln und Jungfern begleiten sie, kichernd und scherzend, und halten ihre Schürzen voller Blumen, die Burschen damit zum Abschied zu schmücken. Die Resl rennt und läuft mit den vollen Krügen und trägt ihrer fünf in einer Hand; die Kucheldirn bringt den Braten und stellt jedem einen Teller hin, der Ödenhuber hilft rasch dazu; allein Eile tut not, und so packt der Jackl, der Wirtssohn, frisch mit an und trägt den Salat auf, indes die Wirtin gellend durchs Haus schreit: »Leni! – Lenih!!« Da kommt das Maidl auch schon zum hintern Tor herein, brennrot übers ganze Gesicht; und sie läuft sogleich in die Gaststube, packt etliche Krüge und bedient die Gäste, ohne der Ödenhuberin zu antworten auf das erboste: »Wo kimmst her? Wo bist gwen?«

Nun sitzen sie also alle beieinander, die Burschen samt ihren Weiberten: der Hufschmiedkaspar bei der Schustermirl, der Müllermartl bei der Schneidersusann, der Reiserfranzl bei der Seilerchristl, der Wirtsknecht bei der Bachmaurerlies, der bei dieser, und der ander bei der andern.

Und zuoberst an der langen Tischreih sitzt die uralt Rumplwabn, die Großmutter der Rumplhanni. Eigentlich ist sie ja schon seit Jahr und Tag nimmer in des Ödenhubers Wirtshaus gekommen; denn da gemeiniglich einerseits Dienstboten, wenn sie was taugen sollen, zu der Herrschaft helfen müssen, also des Hausers Feind auch der Hanni ihr Feind war; andererseits aber wiederum Feindschaften gewöhnlich sich auch auf die Freundschaft und Sippe der Verfeindeten ausdehnen, so hatte die Wabn als Ahnl der Hanni nicht grad bsunders große Gastfreundschaft von seiten der Ödenhuberischen vorausgesetzt, also auch dieselbe gar nicht lang auf die Probe gestellt. Heute aber, da ein ganzes Trumm jugendlichen bodenständigen Lebens durch den Krieg der Heimat entrissen wurde, da wollte sie nicht abseits stehenbleiben; wollte vielmehr als eine, die es gut mit ihnen meinte, noch die letzte Abschiedsstunde mitten unter ihnen verbringen und jedem ein Stümperlein Trost und Hoffnung – und dazu ein Häuflein ehrlicher Segenswünsche mit auf den weiten Weg geben. Darum schert sie sich heute auch rein gar nichts um Haß und Streit, tut, als wär sie erst gestern das letztemal hier als Gast gesessen, und zwar als ein wohlangesehener.

Und da eben die Resl fragt: »Hat jetz a jeds sei Sach?« und dazu prüfend von einem zum andern schaut, da ruft die Wabn: »Was is's denn mit mir, Resl? – Kriag i heunt gar nix? – Mei Stamperl möcht i!« Die Resl lacht. »Ach, liabe Zeit! D' Wabn! Di hätt' ma jetz bald vergessen, Wabn! Vor lauter Kriag! Was magst denn für oan: an Kräuter oder an Zwetschben oder an Kronawitta?« Worauf die Alt aufsteht, ein nachdenklichs Gesicht macht und sagt: »Was für oan welchan, fragst; ja, – wart amal: heunt ham mir Mariä Schnee, da tuat oan der Kräuter nimmer weh, hoaßts. Sinst kunnt i ja aa an Zweschben trinka. Vorgestern hat ma Steffanie Auffindung gfeiert, und mir sagt: Nach der Auffindung von Sankt Steffanus macht oan der Zweschbn koa Bitternus.« Die Resl wird ungeduldig. »Ja, – was willst nachher trinka?« Da mischt sich der Wirtsjackl drein: »Bring nur glei alle zwee Sorten, Resl! Oder bring an Kronawitter aa no mit! Is ja der Abschiedstrunk!« Die Resl will eilig nach der Schenke. Doch die Wabn schüttelt den Kopf so heftig, daß ihr die endsgroße schwarze Spitzenhaube mit den Perlenfransen und Bändern daran wackelt und das Augenglas schier von der Nase rutscht. »Naa, naa! Resl! Um Gottswilln, naa, sag i! Durchaus gar net! Der Kranawitt taugt mir net! In dera Woch scho überhaupts net!« – »Aber, Wabn!« schreit in dem Augenblick der Schmiedkaspar drein; »wiast nur a so redn magst! Net taugn! Heunt – an Reservisti Auszug!« Alles lacht. Aber die Wabn bleibt tiefernst. »Naa, sag i, – durchaus gar net! Vor Laurenzi, hoaßts, laß den Kranawitt steh, – sinst muaßt an Tiburzi zum Aderlaß geh!« – »Ja no«, meint der Wirtsjackl schmunzelnd; »dees is freili ganz epps anderschts. – Vo dene Bauernregeln verstehngan halt mir junge Leut no z' weni! – Aber, woaßt was? – Na, trinkst ganz oafach um a Stamperl Kräuter mehra! – Und laßt dir von der Muatta a Braterl gebn oder a Bröckl Gselchts.« Die Wabn setzt sich und sucht umständlich in ihrem Rocksack nach der Tabakdose; denn sie nimmt nicht ungern hie und da eine kleine Prise. Besonders, wenn sie was zu überdenken hat. »Balst moanst, Jackl; i sag net naa zum Kräuter!« meint sie, langsam und mit Überlegung redend; »aber dees Braterl – dees laß ma liaber steh, moan i. Es kunnt mir net taugn!« – »Net taugn! – Warum denn net?« Der Jackl winkt der Resl. »No, – bei dera Liab, die dei Muatta zu mir und zu meiner Hanni hat, Jackl, – da is's net gwiß, ob s' mir net eppa an guatn Glückwunsch mit drunter schneidt!« Die Resl bringt den Kräuter. »Geh, Resl, bring der Rumplwabn an Bratn!« befiehlt der Jackl. »Is koana mehr da!« tönt's vom Kuchlschiebfenster her. »Nachher bringts a Gselchts!« Die Ödenhuberin läßt das Schiebfenster herab.

Die Resl läuft hinaus in die Kuchel. Aber sie kommt leer zurück und ist verlegen um die Red; und sie flüstert dem Jackl ins Ohr: »Jackl ... mir ham nixn... sie gibt nix her ... hat s' gsagt ... für d'Wabn ... sie soll beim Hauser drent schauen ... hat s' gsagt ... und bei der Hanni.« Die Wabn lust auf und versteht gar gut, wenn sie's gleich nicht hört. »Ja, ja«, sagt sie; »i woaß's scho. Aber i bin ja gar net kemma zwegn der Ödnhuaberin ihran Bratn! Grad zwegn insane Buam! – Gell ja, Buam!« Und die Burschen nicken ihr zu, schutzen geringschätzig die Achseln gegen die Kuchel und geben ihr Bescheid mit einem Trunk: »Mach dir nix draus, Wabn! – Zum Wohlsein!« Der Jackl aber springt auf und rennt hinaus zur Wirtin. »Wo ist der Bratn?« – »Im Röhrl drin!« sagt die Dirn. Aber die Ödenhuberin fragt: »Für wem?« und stellt sich vor die Bratröhre. – »Frag net lang! – An Bratn will i!« – »I hab koan Bratn für die alt Hex.« – »Du gibst oan her!« – »Naa, sag i!« – »Muatta! – Tua mi net ärgern!« – »Soll nur zu dene da drent ume geh!« – »Du gibst eahm an Bratn, sag i!« »Naa, gar nia net.« – »I wills habn!« – »Dees kümmert mi gar nix.« – Der Jackl wird langsam bleich. Seine Red ist heiser. »Du gibst eahm koan?« – »Naa. – Durchaus gar net.« – »Guat. – I geh heunt. – Du tuast mir die letzte Bitt, wo i hätt, net z'liab. – Guat. – Alsdann konn i nimmer einigeh zu meine Kameraden, konn i mi nimmer sehgn lassen. Muaß i alloa geh. – Aber... daß d' es woaßt ... mit dir ... hab i nix mehr zum verhandeln ... mi siechst nimmer ...« Draußen ist er in der Schenke, – reißt den Hut vom Nagel, packt das Kofferl und rennt durch die Schenktür davon. Der Ödenhuber läuft ihm nach. Die andern haben's nicht bemerkt. Grad die Wabn hat ihn fortrennen sehen. Die zieht den zahnlosen Mund zusammen, wirft einen herben Blick hinaus in die Kuchel und tut danach, als wäre nichts gewesen. –

Die Ödenhuberin hat den Jackl reden hören, greinen, drohen. Jetzt ist er weg. Sie steht starr am Herd, – eine ganze Weile. Auf einmal hört sie die Schenktür zuschlagen, – sieht den Wirt hinausrennen. Da murmelt sie: »Mariand ... er werd do net am End ...« Und sagt schnell laut zu der Magd: »Richt an Bratn her fürn Jackl!« Und eilt hinaus – aus der Kuchel – aus dem Haus.

Da kommt ihr der Wirt entgegen, zürnend und greinend. »Narrets Weibsbild, narrets! – Net amal an Buam sei letzte Stund dahoam is dir heili gwen ... dir ... du ...« Sie starrt ihn an. »Is er furt? ...« – »Hast 'hn ja triebn dazua!« Er geht müd ins Haus. Sie schaut gradaus »Hast 'hn ja triebn dazua ... Jess' Maria ... er is furt ...« Sie rennt plötzlich dahin. »Jackl! – Jackl! – Bua!« Sie horcht. Da tönt ihr ein spöttisches Lachen in die Ohren. Und eine Stimm sagt höhnend.- »Was plärrst denn a so, Wirtin? – Hast leicht dein Buam verlorn!?« Die Hanni! Die Rumplhanni! – Das ... ! – »Werst 'hn kaam mehr daschrein kinna, dein Jackl! – Der is scho leichtli z' Voglriad! – Und renna tuat er, wia wann der leibhafte Teife hinter eahm her waar! – Aber ... der Teife dawischt 'hn nimmer, denk i! –Mitsamt sein Gschroa: Jackl! – Bua!« Fort ist sie.

Die Ödenhuberin aber schluchzt wild auf, wird plötzlich ganz still, wird abermals laut und beginnt zu jammern, zu schreien, zu fluchen; auf die Alt, die Rumplwabn, auf die Hanni, auf die Hauserischen, – auf alles. Und sie geht zurück ins Haus, – hinauf in die Schlafkammer. Da riegelt sie sich ein, legt sich zu Bett und zieht die Zudeck fest über die Ohren, daß sie nichts mehr hört von dem Lärmen und Singen.

Mittlerweil haben die drunten in der Wirtsstube lachend und stänkernd ihr Freimahl gehalten, und einer um den andern fängt gemach an, Trutzgstanzln abzusingen. Da ist einmal der Müllermartl; der läßt sich zuerst hören:

„ Leut, habts nur koa Angst net,

es hat ja koa Gfahr!

A boarische Watschn

gspürt ma zworavierzig Jahr!

Worauf der Schmiedkaspar dreinsingt:

„ Bua, der Russ“ bal mich siecht,

na‘ roast er wia a Has.

Den wo a Schmiedpratzen hihaut,

wachst drei Jahr lang koa Gras!“