Madam Bäuerin - Lena Christ - E-Book

Madam Bäuerin E-Book

Lena Christ

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Beschreibung

In 'Madam Bäuerin' führt Lena Christ die Leser in die ländliche Welt des späten 19. Jahrhunderts ein, in der die titelgebende Protagonistin unerwartet in die Rolle einer mächtigen Bäuerin schlüpft. Durch ihren präzisen und realistischen Schreibstil zeichnet die Autorin ein lebendiges Bild des bäuerlichen Lebens und thematisiert dabei die Stellung der Frau in dieser Zeit. Der Roman ist von einer starken sozialen Kritik durchdrungen, die sowohl Unterdrückung als auch Solidarität innerhalb der Dorfgemeinschaft beleuchtet. Lena Christ's Werk wird oft mit den Schriften von Annette von Droste-Hülshoff verglichen, da sie ähnliche Themen mit derselben Authentizität behandeln. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes. - Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten. - Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben. - Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen. - Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.

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Seitenzahl: 203

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Lena Christ

Madam Bäuerin

Bereicherte Ausgabe. Stadt- und Landleben prallen aufeinander
Einführung, Studien und Kommentare von Carolin Vogler

Books

- Innovative digitale Lösungen & Optimale Formatierung -
Bearbeitet und veröffentlicht von Musaicum Press, 2017
ISBN 978-80-7583-151-4

Inhaltsverzeichnis

Einführung
Synopsis
Historischer Kontext
Madam Bäuerin
Analyse
Reflexion
Unvergessliche Zitate
Notizen

Einführung

Inhaltsverzeichnis

Zwischen dem verheißungsvollen Glanz gesellschaftlichen Aufstiegs und der starren Ordnung eines Dorfs entfaltet sich die Geschichte einer Frau, deren Wille zur Selbstbehauptung, ihr Sinn für Ansehen und Besitz sowie die unerbittlichen Blicke der Gemeinschaft ein Geflecht aus Macht, Moral und Schein knüpfen, in dem jede Zuwendung zur Verbindlichkeit wird, jede Zier zur Herausforderung, jede Entscheidung zum Prüfstein, weil Zugehörigkeit nicht geschenkt, sondern täglich durch Arbeit, Verhalten und Sprache neu verhandelt wird und der Titel der Bäuerin eine soziale Rolle meint, die sich mit dem Zusatz Madam zugleich erhöht und infrage stellt.

Madam Bäuerin von Lena Christ ist ein realistisch geprägter Gesellschafts- und Bauernroman, der im bayerischen Dorfmilieu angesiedelt ist und die sozialen Dynamiken einer ländlichen Gemeinschaft des frühen 20. Jahrhunderts sichtbar macht. Christ, eine der markanten Stimmen der bayerischen Literatur dieser Zeit, verbindet genaue Milieubeobachtung mit psychologischer Schärfe. Der Roman erschien im frühen 20. Jahrhundert und gehört zu jenen Werken, in denen sich Heimatdarstellung und Sozialkritik durchdringen. Nicht pittoreske Idylle, sondern die Verästelungen von Besitz, Arbeit und Ruf bilden den Schauplatz; die Felder, Stuben und Wirtshäuser werden zu Arenen, in denen Status und Zugehörigkeit ausgehandelt werden.

Im Zentrum steht eine Frau, die in einer bäuerlichen Welt Verantwortung übernimmt und ihren Platz mit Entschlossenheit gestaltet. Der Alltag auf Hof und Feldern, die Verwaltung von Vorräten, Knechten und Terminen, die Pflicht gegenüber Familie und Nachbarschaft: all dies formt ihren Handlungsspielraum. Zugleich haftet ihr ein Beiname an, der bewundernd und spöttisch zugleich klingen kann, und der die Reibung zwischen Anspruch und Erwartung bezeichnet. Aus dieser Konstellation erwächst die Ausgangslage: ein sichtbares Ringen um Anerkennung und Respekt, um Ordnung und Selbstbestimmung, das ohne Sensationslust, aber mit leiser Spannung entfaltet wird.

Christ erzählt in einer klaren, zugespitzten Sprache, die Alltagsdetails präzise einfängt und soziale Zwischentöne hörbar macht. Der Ton schwankt zwischen ernster Nüchternheit und feiner Ironie; er lässt Nähe entstehen, ohne die Figuren zu verklären. Wortwahl und Rhythmus tragen Spuren mündlicher Rede und regionaler Färbung, ohne den Zugang zu versperren. Szenen bauen sich aus konkreten Handgriffen, Blicken und Gesten, wodurch die Konflikte nicht behauptet, sondern sichtbar werden. Das Erzähltempo ist gleichmäßig, die Spannungsbögen entstehen aus Konsequenzen des Handelns; der Roman vertraut auf Beobachtung und Verdichtung statt auf grelle Wendungen. So entsteht eine dichte, aber zugängliche Prosa.

Zentrale Themen sind soziale Mobilität und ihre Kosten, die Verquickung von Eigentum, Arbeit und Ansehen sowie die Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern. Christ zeigt, wie Rollenbilder Körper, Sprache und Zeit strukturieren, und wie Öffentlichkeit im Dorf durch Gerede, Blicke und Rituale hergestellt wird. Eigentum erscheint als Schutz und als Fessel, Fürsorge als Arbeit und als Mittel der Kontrolle. Religiöse und moralische Normen geben Halt, begrenzen aber auch Wege. Die Figur der Bäuerin wird so zur Projektionsfläche für Erwartungen, zu einer Instanz, an der sich Gemeinschaftsordnung, Ehrbegriff und individuelle Wünsche reiben. Darin liegt ihre Tragweite.

Für heutige Leserinnen und Leser bleibt das Buch relevant, weil es Mechanismen sichtbar macht, die nicht auf die Vergangenheit beschränkt sind: die Politisierung des Privaten, der Druck zur Selbstdarstellung, die Bewertung von Care-Arbeit, die Wirksamkeit informeller Regeln. Wer über Geschlechterrollen, soziale Herkunft, Aufstiegschancen und die Rhetorik der Respektabilität nachdenkt, findet hier eine präzise Fallstudie im Kleinen. Der Roman zeigt, wie Zugehörigkeit durch Leistung versprochen, aber durch symbolische Grenzziehungen verweigert werden kann, und wie Sprache selbst – Titel, Anreden, Gerüchte – soziale Räume öffnet oder verschließt. Damit beleuchtet er Fragen, die Beruf, Familie und Öffentlichkeit bis heute verbinden.

Madam Bäuerin bietet ein konzentriertes Leseerlebnis, das Nähe zur Figur schafft und zugleich die Mechanik des Milieus offenlegt. Die Erzählung arbeitet mit Spannung, die aus Alltäglichem wächst, und mit einem Humor, der nie verletzend wird, weil er auf Beobachtung beruht. Die dichte Darstellung erlaubt es, Nuancen zu erkennen: die kleinen Siege, die stillen Niederlagen, die Kompromisse, die eine Ordnung zusammenhalten. Wer sich auf den genauen Blick und die sensible Sprache einlässt, erhält mehr als ein Zeitbild: eine Einladung, über Macht und Haltung nachzudenken und die leisen Stellen gesellschaftlicher Veränderung zu hören.

Synopsis

Inhaltsverzeichnis

Der Roman Madam Bäuerin von Lena Christ spielt in einem bayerischen Dorfmilieu und zeichnet mit realistischem Blick und feinsinnigem Spott den gesellschaftlichen Aufstieg einer wohlhabend gewordenen Bäuerin. Im Zentrum steht ihr entschlossener Wille, sich vom Alltäglichen abzuheben und als vornehme Dame zu gelten, woraus der ironische Beiname der Dorfbewohner resultiert. Zu Beginn nutzt sie den wirtschaftlichen Erfolg des Hofes, um Haus, Kleidung und Umgangsformen zu verändern. Die Erzählung führt in die Gesetze einer eng vernetzten Gemeinschaft ein, in der Ansehen, Frömmigkeit und Besitz zusammenwirken und in der neugierige Blicke und geteilte Erinnerungen jede Bewegung kommentieren.

Sie pflegt Kontakte zu einflussreichen Dorffiguren, lässt sich bei Märkten sehen und ahmt städtische Gewohnheiten nach, ohne die feinen Grenzen des Dorfkodex genau zu kennen. Aus kleinen Gesten – ein neuer Hut, ein französisch klingendes Wort, ein ungewohnter Gruß – erwachsen Missgunst und Bewunderung zugleich. In Gesprächen, die zwischen Küche, Kirchplatz und Stube pendeln, wird Prestige zur gehandelten Ware. Dabei verhandelt der Text die Frage, ob Wohlstand automatisch Bildung und Autorität ersetzt, oder ob er neue Verpflichtungen schafft. Erste Reibungen treten auf, weil Nachbarn ihre Rolle bedroht sehen und vermeintliche Unarten mit moralischem Eifer markieren.

Der Hof wird zur Bühne, auf der die Protagonistin ihre Vorstellungen von Ordnung und Fortschritt durchzusetzen versucht. Sie organisiert Arbeit, kalkuliert mit Preisen, verhandelt Löhne und Kredite und mischt sich in Heiratspläne ein, wenn dadurch Positionen gesichert werden können. Die Macht, Rechnungen zu bezahlen oder ausstehen zu lassen, wirkt als stilles Druckmittel. Zugleich registriert die Erzählung die Spannungen zwischen ihrer durchsetzungsfreudigen Haltung und dem Rollenbild einer dienenden, bescheidenen Bäuerin. Dadurch verschieben sich Loyalitäten: Knechte, Mägde und Verwandte reagieren nicht nur auf Befehle, sondern auf die Frage, wem ein gutes Wort, eine Einladung oder ein Versprechen nützt.

Bei kirchlichen Festen, Vereinsabenden und Jahrmärkten tritt sie offensiv auf und verankert ihr Selbstbild in der Öffentlichkeit. Der Ton bleibt satirisch, weil selbst moralische Instanzen nicht frei von Eigeninteressen erscheinen. Ein zu groß geratener Auftritt, eine unbedachte Bemerkung oder die protzige Ausrichtung eines Besuchs geraten zur kleinen Sensation, die ihre Gegner dankbar aufgreifen. Hier verdichtet sich der zentrale Konflikt: die Kluft zwischen demonstrativer Respektabilität und der zerbrechlichen Balance eines Dorfes, das Abweichung zwar belächelt, aber nicht folgenlos lässt. Ein zunächst überschaubares Ärgernis wächst zu einem Prüfstein für ihren Rang und ihr soziales Netzwerk.

Im privaten Rahmen spitzt sich das Ringen um Deutung weiter zu. Erziehungsfragen, Mitspracherechte und die Verteilung von Zuständigkeiten fordern die Familie, während außen die Stimmen lauter werden. Die Protagonistin investiert in Bildung und Auftritt, stößt aber auf den Vorwurf der Verhätschelung oder des Hochmuts. Die Erzählung zeigt, wie Haushaltsentscheidungen, Briefe und Besuche politische Dimensionen annehmen, sobald sie von Dritten gedeutet werden. Ein äußerer Anlass und die Einmischung respektabler Stimmen setzen zusätzliche Akzente, ohne zur Posse zu geraten. Damit verschiebt sich das Augenmerk von der Ausstattung des Hofes zur Frage, wer Deutungshoheit über Anstand und Ehre beanspruchen darf.

Als wirtschaftliche Unsicherheiten, ungünstige Witterung oder schlicht ein unpassender Zeitpunkt die Kalkulationen erschüttern, erweist sich Ansehen als riskante Währung. Ein groß angelegtes Vorhaben – Anschaffung, Feier oder Ausbau – zeigt exemplarisch, wie dünn die Luft auf dem Gipfel der Aufmerksamkeit ist. Die Nachbarschaft schwankt zwischen Faszination und Schadenfreude; Verbündete werden vorsichtig, Gegner lauter. Die Protagonistin reagiert energisch, mit dem Instinkt einer Praktikerin, die Chancen erkennt und Verluste zu begrenzen sucht. Ein Wendepunkt kündigt sich an, doch der Text hält die endgültige Wertung zurück und lässt die Folgen in Andeutungen und Gesprächen nachhallen.

Am Ende bleibt Madam Bäuerin weniger als Einzelfall denn als präzises Bild einer Gesellschaft, die Modernisierung, religiösen Halt und soziale Kontrolle zugleich verlangt. Der Roman seziert mit humorvoller Schärfe die Mechanismen von Ruf, Besitz und sprachlicher Feinheit, durch die man sich erheben oder isolieren kann. Er fragt, was Selbstbehauptung einer Frau im ländlichen Kosmos kosten darf, und wie weit Gemeinschaft Solidarität gewährt, wenn jemand aus den Reihen tanzt. Die nachhaltige Wirkung liegt in der Mischung aus anschaulicher Milieustudie und zeitloser Beobachtung darüber, wie Status entsteht, verhandelt und in Krisen auf die Probe gestellt wird.

Historischer Kontext

Inhaltsverzeichnis

Zeitlich verortet sich Madam Bäuerin im ländlichen Oberbayern der späten Kaiserzeit, als das Königreich Bayern (bis 1918) innerhalb des Deutschen Reiches weitgehende Eigenständigkeit behielt. Prägende Institutionen waren die katholische Pfarrkirche, die Landgemeinde mit Bürgermeister, das Bezirksamt und die königlich-bayerische Gendarmerie. Rechtsgeschäfte liefen über Notariat und Landgericht; seit 1900 setzte das Bürgerliche Gesetzbuch ein einheitliches Privatrecht durch. Eisenbahnlinien der Königlich Bayerischen Staatseisenbahnen verbanden Dörfer mit Märkten und München. Dorfordnung, Vereinswesen und Bräuche strukturierten den Alltag. Diese Konstellation bildet den institutionellen Hintergrund des Romans und seiner sozialen Konfliktlinien. Auch die regionale Presse prägte öffentliche Debatten.

Die dörfliche Gesellschaft war deutlich hierarchisiert: Vollbauern mit ererbten Höfen standen über Kleinbauern, Söldnern und Tagelöhnern. Dienstboten und Mägde wechselten oft jährlich die Stelle; Anwerbungen erfolgten auf Märkten und Kirchweihen. Heiraten bündelten Besitz und Arbeitskraft; Mitgiften, Ausstattungen und Hofübergabeverträge regelten Vermögen und Versorgung der Alten. Gemeindliche Ämter, Nachbarschaften und Vereine sicherten soziale Kontrolle und gegenseitige Hilfe. Reputation galt als Kapital; Verstöße gegen Sitte oder Arbeitsethos konnten Ausschluss bedeuten. Diese Konstellationen spiegeln sich im Roman in der Darstellung von Rang, Besitz und Abhängigkeit, ohne auf reine Idylle zu setzen. Christ knüpft dabei erkennbar an reale dörfliche Praktiken an.

Die Geschlechterordnung wurde rechtlich und religiös abgesichert. Mit Inkrafttreten des Bürgerlichen Gesetzbuchs 1900 blieb der Ehemann gesetzlich zum entscheidenden Leiter der ehelichen Lebensgemeinschaft bestimmt; zahlreiche Rechtsgeschäfte verheirateter Frauen erforderten seine Zustimmung. In der ländlichen Praxis hatten Bäuerinnen dennoch zentrale ökonomische Funktionen in Haushalt, Stall und Markt, blieben jedoch formal von männlichen Vormündern, Ehemännern oder Notaren abhängig. Ehre, Sexualmoral und Mutterschaft wurden in Predigten, Beichtpraxis und Schulunterricht normiert. Konflikte um Erbteile, Aussteuer oder Vormundschaften berühren deshalb nicht nur Privatleben, sondern auch öffentliches Ansehen. Der Roman reflektiert solche Konstellationen, ohne für das Verständnis wesentliche Handlungsdetails vorwegzunehmen.

Ökonomisch erlebte die Landwirtschaft nach der Gründerkrise eine lange Phase des Strukturwandels. Billige Getreideimporte belasteten ab den 1870er Jahren, doch Schutzzölle von 1879 und eine Spezialisierung auf Vieh, Milch und Hopfen stabilisierten viele Betriebe in Altbayern. Die Ausbreitung von Raiffeisenkassen und Molkereigenossenschaften seit den 1890ern erleichterte Kredit, Absatz und Verarbeitung. Bahnanschlüsse verkürzten Wege zu Märkten in Rosenheim, Augsburg und München; landwirtschaftliche Vereine förderten Technik und Zucht. Gleichzeitig wuchsen Preis- und Witterungsrisiken. Diese Gemengelage aus Modernisierung, Verschuldungspotenzial und neuen Chancen bildet eine reale Folie für Ambitionen, Missgunst und soziale Auf- oder Abstiege, wie sie das Werk thematisiert.

Die katholische Prägung Oberbayerns formte Kalender, Bildung und Wohlfahrt. Pfarrfeste, Wallfahrten und Bruderschaften stifteten Gemeinschaft; kirchliche Sittenaufsicht wirkte bis ins Vereinsleben. Die Volksschulen waren in der Regel konfessionell organisiert, und Geistliche beeinflussten Unterricht, Jugenderziehung und Armenpflege. Der Kulturkampf traf Bayern weniger hart als Preußen, doch die Debatten um kirchliche Kompetenzen schärften das Bewusstsein für konfessionelle Identität. Seelsorge, Beichte und Kanzelworte strukturierten den moralischen Horizont, in dem Ehre, Arbeitspflicht und Geschlechterrollen verhandelt wurden. Der Roman spiegelt diese Verflechtung von Religion und Alltag, ohne über seine Handlung hinausgehende Geheimnisse preiszugeben. Kirchliche Feiertagsruhe prägte zudem den Rhythmus von Feldarbeit und Handel.

Politisch gehörte Bayern seit 1871 dem Reich an, behielt jedoch eigene Ministerien, Justiz und Armeeorganisation. Der Landtag wurde 1906 demokratisiert; im Reichstag galt seit 1871 allgemeines Männerwahlrecht. Auf dem Land mobilisierten Bauernbund und landwirtschaftliche Vereine gegen Steuerlasten und staatliche Eingriffe. Die königlich-bayerische Gendarmerie sicherte Ordnung, während das Bezirksamt Verwaltung und Polizei vereinte. München entwickelte sich gleichzeitig zu einem kulturellen Zentrum mit Zeitschriften wie Simplicissimus (seit 1896) und einem lebendigen Verlagswesen. In diesem Umfeld fand die sozialkritische Heimatliteratur Resonanz, zu der Lena Christ mit realistischen Dorf- und Kleinstadtbildern maßgeblich beitrug. Ihre Stoffe entstammen oberbayerischen Lebenswelten.

Der Erste Weltkrieg (1914–1918) belastete auch bayerische Dörfer durch Einziehungen, Ablieferungspflichten und Knappheiten. Im November 1918 stürzte eine Revolution die Wittelsbacher Monarchie; in München wurde der Freistaat ausgerufen, 1919 folgten kurzlebige Räteregierungen und militärische Gegenmaßnahmen. Diese Krisen verstärkten soziale Spannungen zwischen Stadt und Land. 1919 erschien Madam Bäuerin; zeitgenössische Leser begegneten dem Roman daher vor dem Hintergrund von Kriegsfolgen, politischer Neuordnung und unsicheren Märkten. Obwohl die erzählte Welt vorwiegend der Vorkriegszeit entstammt, wirkt ihre Problemlage – Besitz, Ehre, Abhängigkeit – unmittelbar anschlussfähig an die Erfahrungen einer Gesellschaft im Umbruch. Inflationäre Tendenzen setzten bereits ein, lange vor der Hyperinflation von 1923.

Vor diesem Hintergrund lässt sich Madam Bäuerin als historisch präziser Kommentar zum bäuerlichen Bayern lesen. Der Roman verbindet detailgetreue Milieuschilderung, dialektnahe Redeweisen und nüchterne Beobachtung sozialer Mechanismen. Er zeigt, wie Recht, Religion, Ökonomie und Gemeindesitten den Handlungsspielraum von Frauen und Männern strukturieren, und wie Reputation zu einer harten Währung wird. Als Beitrag zur sozialkritischen Heimatliteratur entlarvt das Buch verklärende Dorfidyllen und dokumentiert Übergänge zwischen Tradition und Moderne. Damit bewahrt es Erfahrungsgeschichte der Region und bietet heutiger Leserschaft ein überprüfbares Zeitbild, ohne den Fortgang der Handlung unnötig vorwegzunehmen. Seine Entstehungszeit erklärt die Schärfe der Beobachtung.

Madam Bäuerin

Hauptinhaltsverzeichnis
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17

Kapitel 1

Inhaltsverzeichnis

Die Geschichte hebt an um die Zeit, da unser lieber Herr bereits seine Himmelfahrt getan, den Heiligen Geist gesendet und das Heu auf den Wiesen gut und dürr genug gemacht hat zum Heimführen.

Um diese Zeit haben die Weibsleute draußen auf dem Lande gemeiniglich ihre großen Wasch- und Putztage[1q]; denn nach altem Brauch und Herkommen räumt man noch vor Beginn der großen Ernte mit dem ganzen rußigen Nachlaß des Winters gründlich auf. Da weißelt und tüncht man Stuben und Kammern, Kuchel und Speis, Hausflöz und Stall, verschönt den ganzen Bauernhof und putzt ihn säuberlich heraus, auf daß der Segen Gottes um so lieber Einkehr darin halten möcht.

Und die Vürhänge und Polsterziechen, das Linnen und Bettzeug wird gewaschen und gebleicht, damit es wieder frisch und sauber ist und seine Schuldigkeit tut so lange, bis die Bäuerin das Kirchweihmehl[1] in die Truhe siebt und das Schmalz ausgängt und siedet für Krapfen und Küchl.

Beim Schiermoser zu Berganger aber haben sie heut noch einen besonderen Grund zu solcher Stöberei und Arbeit: ihre langjährige Sommerfrischlerin, die verwitwete Frau Rechtsrätin Scheuflein, hat für die nächsten Tage ihre Ankunft gemeldet.

Nun sind ja im allgemeinen die Stadtleut keine absonderlich willkommenen Gäste auf dem Land. Aber so im besonderen macht doch manche Bäuerin eine Ausnahme und läßt ein paar von den Städtischen in ihren üppigen Flaumbetten schlafen. Freilich nur gegen gutes Entgelt. Denn umsonst ist der Tod, und der kostet das Leben. Und wenn sie auch darüber brummt, daß ihr die »verhungerten Stadterer den Schmalzhafen, die Mehltruhen und die Eierschüssel leer fressen«, so ist ihr das Geld, welches die Sommergäste bei ihr sitzen lassen, doch eine so willkommene Nebeneinnahme, daß sie willig für etliche Wochen auf ihren angestammten Groll gegen sie vergißt.

Denn der Hunger nach Profit ist bei jeder Bäuerin so groß, daß sie gern auf weiß Gott was alles verzichtet, wenn nur ihr Geldbeutel Nutzen davon hat.

Und dann ist doch auch noch die Nachbarin da; wenn die hörte, daß drüben beim Nachbarn Sommergäste abgewiesen wurden, so liefe sie ihnen sicherlich nach und böte ihnen die beste Stube des Hauses an, bloß um die andere zu ärgern! Darum schränkt man sich über Sommer ein, so gut man nur kann.

Das eheliche Schlafgemach wird zur Rumpelkammer, in der man alles aufstapelt, was sonst in den verschiedenen Kammern hing, lag und stand. Da türmen sich Pappschachteln mit Strohhüten, Pelzen, Atlaskränzen und Brautkronen; Totenkränze hängen neben Flachszöpfen und Kümmelbüscheln, Honighäfen stehen neben Schnapskrügeln und Spinnradeln, und zwischen Schüsseln mit Bienenwaben liegen Berge von Flickwäsche. Darunter aber sind die Schätze an Eiern und Schmalz verborgen, die man nicht jedem zeigen will, der ins Haus kommt.

Hat die Bäuerin Kinder, so liegen sie während dieser Zeit droben im Gret, auf dem Vorplatz neben der Stiege, immer zwei in einer mageren Betthaut. Und die alte Großmutter muß es sich auch noch gefallen lassen, daß man ihr eine zweite oder dritte Bettstelle in das Austragstüblein rückt, darin noch ein paar Söhne oder Töchter des Hauses ihre Schlafstatt einrichten.

Und dann werden die guten Stuben und Kammern gekehrt und geschruppt, von Spinnweben gesäubert und mit Rupfenplachen belegt.

Aber nur ein paar Monate lang hält die Bäuerin dies Leben aus.

Nur während der Zeit der Ernte, da sie selber entweder viel mit ihren Leuten auf dem Felde ist oder aber den ganzen Tag in Stall und Küche werkt und den Hof versorgt, indes die andern Weizen, Korn und Grummet einernten. In diesen Tagen hat sie nicht Derweil, die Stadtleut viel zu betrachten und sich über ihr Tun zu ärgern; im Herbst aber oder gar im Frühjahr, da ist sie anders. Da kann ihr kein Sterbensmensch auf Gottes Erdboden ungelegener ins Haus kommen, als so ein Stadtfrack! Und es kann kein Städter etwas Ungeschickteres tun, als sich in einem Bauernhof einzuquartieren, ehe die Erde und die Sonne ins Zeichen der Hundstage tritt.

Darum findet man auch heute die Schiermoserin greinend und brummend über den Unverstand der Stadtleut, die mitten unterm Heuen und Ausweißeln daherrumpeln, an dem endsgroßen Waschzuber stehend und eine Bettzieche um die andere reibend und schwenkend.

»Naa, naa. Wia i halt sag: lange Haar, kurzer Verstand, hoaßts. Und d' Stadtleut ham überhaupts koan, wähn i. Sinst kunntens oan net scho im Auswärts aufm Gnack hocka. Daß s' net glei scho auf Liachtmeß oder z' Weihnachtn in d' Sommerfrisch gehn! Jetz', kaam daß der Schnee weg is. Mitten unterm Heuen und Ausweißeln!«

Sie werkt und hantiert wütend weiter und kann nicht aufhören, über die Städter im allgemeinen und die Rechtsrätin Scheuflein im besonderen zu wettern.

Daneben an der Waschbank steht ihre jüngste Tochter, die Barbara, seift und bürstet grobe Hemden und singt dazu mit weinerlicher Stimme ein rührseliges Lied vom Herzverbittern und Vonmirgehn.

Und dazu schleppt eine Magd in zwei Eimern bald kaltes, bald heißes Wasser herbei und läßt geduldig ein Donnerwetter ums andere über sich ergehen, weil sie der Schiermoserin zu langsam, der Barbara aber zu schnell werkt, der einen das kalte und der anderen das heiße Wasser über die Füße gießt und endlich gar noch der alten Großmutter, die strickend und nörgelnd auf der Hausbank sitzt, den knallroten Wollknäuel mit ihrem klappernden Holzschuh mitten in eine trübe Wasserlache stößt.

Drinnen in der Wohnstube aber werkt der alte, taube Großvater, taucht den langgestielten, altmodischen Malerpinsel in die himmelblaue Kalkbrühe und streicht bedächtig Fleck um Fleck, bis zu guter Letzt die ganze Stube gleich dem sommerlichen Himmel draußen im schönsten Blau erstrahlt.

Danach trägt er seinen Farbkübel hinaus in die Kuchel, mischt ein Päcklein helles Gelb unter den blauen Kalk und beginnt sodann auch hier das Werk der Verschönerung.

Des Schiermosers zweite Tochter, die Mariedl, hantiert derweil in den fertigen Räumen frisch mit Schrubber und Besen, und der Ochsenbub zieht bedächtig rings an den getünchten Wänden mit dunkelbrauner Farbe breite Striche als Zierde und Abschluß und pfeift dazu den neuesten Gassenhauer.

So hat ein jedes im Haus seine Arbeit.

Draußen auf den Wiesen aber werkt der Schiermoser mit den Knechten und Dirnen. Die einen mähen, die andern wenden, und die dritten wiederum häufeln das trockene Heu und führen es heim.

Des Schiermosers einziger Sohn aber, der Franz, war zu Holzkirchen auf dem Viehmarkt und fährt nun gemächlich heimzu.

Langsam läßt er den Braunen über die bergige Straße hinauftraben und pfeift dazu die Melodie eines derben Landlers.

An der Wegkreuzung zwischen Straß und Au steht der Hof des Straßlerbauern.

Und hinter der Streuschupfe des Hofes steht die Nanndl, des Straßlerbauern Tochter, und schaut auf das herankommende Fuhrwerk des Schiermoserfranzl.

Denn die Nanndl wär in ihrer Seel nicht abgeneigt, einmal Schiermoserin zu werden.

Als daher der Franzl in ihre Nähe kommt, begrüßt sie ihn mit breitem Lachen und fragt: »He, du! Wo aus denn?«

»Hoamzua«, erwiderte der Franzl und will weiterfahren.

Aber die Nanndl fragt weiter: »Wo kimmst denn her?«

»Vo Holzkirch. Am Viehmarkt bin i gwen.«

Nun hält er doch sein Fuhrwerk an. Denn die Nanndl wird anzüglich.

»Hast dir nachher a saubers Stuck außagschaut?«

»Balst eppa a zwoahaxats moanst, nachher muaß i naa sagn!« erwidert er ihr schmunzelnd und steigt vom Wagen: »D' Holzkirchner Kaibeln san gar net darnach, daß oana an Fiduz drauf kriagn kunnt!«

»Ja no«, meint die Nanndl, »du bist aber aa glei a so a hoaklicher! Bis dir amal epps taugt...«

Sie lacht kokett.

Der Franzl faßt sie um die Hüften.

»Moanst, daß d' mir du net taugen tätst?« fragt er halblaut und sucht ihren Mund. Die Nanndl lacht laut und geziert auf.

»Du bist aber a Schlankl, du!«

Sie entwendet sich seinem Arm. »Ja ja. Zum Fürn-Narrn-Halten tät dir wohl jede taugn, gell! Aber zum Heiratn...«

»Geh, brummel net, Dirndl!« unterbricht der Tropf ihre Betrachtung und verschließt ihr den Mund auf eine Weis', daß sie das Weiterschwatzen von selber vergißt.

Dann lacht er belustigt auf, steigt auf sein Fuhrwerk und ruft: »Zum Fürn-Narrn-Haltn hast gsagt, gell! Zu epps andern taugts aa net, ös Weiberkittel übereinand! Hüa, Alter! Fahr zua!«

Und er fährt davon, indes die Nanndl dasteht und ihm mit einem Gemisch von Zorn und Sehnsucht nachschaut, bis er hinter den ersten Bäumen des nahen Waldes verschwunden ist.

Mit der Erkenntnis, daß alle Mannsbilder, besonders aber der Schiermoserfranzl lose Rüppel seien, geht sie endlich aufseufzend wieder zurück ins Haus zu ihrer Arbeit.

Der Franzl aber versetzt seinen Braunen in einen frischen Trab, rückt das Plüschhütl keck aufs linke Ohr und singt:

»Aber gell, du Blauaugete, Gell, für di tauget i, Gell, für di waar i recht, Wann i di möcht!«

Kapitel 2

Inhaltsverzeichnis

Des Schiermosers Franz ist gerade am Tage des heiligen Antonius fünfundzwanzig Jährlein alt geworden, hat außer seinem körperlichen Ebenmaß und seinem strohgelben Schnurrbart auch noch einen ebenso blonden Lockenkopf und dazu ganz dunkelbraune Augen.

Dies alles schätzen die Weiberleut der Umgegend an ihm[2q].

Seine Kameraden aber und die Burschen der Gemeinde achten sein manniges Wesen und seine bäuerische Schlauheit, zählen auf sein gegebenes Wort und fürchten ihn in seinem Zorn. Was ihn aber besonders seinem Vater lieb und wert macht, ist seine Brauchbarkeit zu allem, was den Schiermoserhof und sein Gedeihen betrifft.

Soll ein Roß vertauscht oder eine Kuh gehandelt, ein Stadel gebaut oder Geld auf die Bank gelegt werden, der Franzl wird zuerst darüber gehört. Und hat er einmal eine Sache als gut und recht befunden, so dürfte der ganze übrige Schiermoserhof und ganz Berganger dazu dagegen sein; es würde doch nur so gemacht, wie der Franzl meinte, und nicht anders.

Denn erstlich hatte er die drei Jahre drinnen in der Residenz bei den schweren Reitern gedient und sich dabei so ausgezeichnet, daß man ihm die goldenen Borten des Unteroffiziers auf die königsblaue Reitermontur setzte, und dann war er ein ganzes Jahr auf einem wirklichen königlichen Gutshof gewesen als Oberschweizer[2].

Ein naher Verwandter hatte nämlich daselbst eine Verwalterstelle, und der gute Vetter wollte nun auch dem Franzl einen Einblick in den Betrieb einer solchen Wirtschaft geben, auf daß es ihm einmal droben in seinem Schiermoserhof zu Nutz und Frommen gereichen möchte.

Also hatte Franz doch allerhand gesehen, gehört und gelernt und konnte wohl ein Wörtlein mitreden, wenn es sein mußte.

Er tat dies auch zur rechten Zeit und brachte allmählich einen ziemlich neumodischen Zug in die väterliche Wirtschaft; allerdings sehr zum Verdruß seiner Mutter, die alles, was neu oder aus der Stadt war, haßte und verwarf, und nicht minder zum Ärger seiner Großeltern, der alten Schiermoserleut, die in allem Neumodischen eine Quelle von Unkosten, Verdruß und Unbehagen sahen und viel lieber an dem Althergebrachten und Gewohnten hingen.

Aber, wie gesagt, es half nichts, daß die drei anderer Meinung waren. Franzl hatte recht, auch wenn er einmal nicht ganz recht hatte, und sein Vater, der selber schon immer ein wenig zu den modischen Bauern und ihren Maschinen hielt, stand fest auf seiten seines Sohnes.

Wie war's doch gewesen damals, als der neue Motorpflug auf den Schiermoserhof kam und die Dreschmaschine?

Natürlich, der Franz hatte das Zeug beim Herrn Vetter droben im königlichen Gutshof gesehen, und sofort hieß es: »So a Motor muaß her und so a Maschin. Da hat ma grad mehr die halbate Arbat und dabei den doppelten Nutzen. Dees langweilige Drischeldreschen paßt mir eh scho lang nimmer. Den ganzen Winter wieder aufn Dreschbodn außegfriern! Mir waars recht!«