Mädchen mit Geheimnissen - Simmone Howell - E-Book

Mädchen mit Geheimnissen E-Book

Simmone Howell

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Beschreibung

--- Ein Sommer in Australien – voller Rätsel, Musik und Liebe. --- Musik ist einfach alles, davon ist Sky überzeugt. Darum liebt sie den Plattenladen ihres Vaters, eine Fundgrube für alte Songs auf Vinyl. Allerdings klingelt die Kasse dort nur selten. Was vielleicht an ihrem Dad liegt, der in der Vergangenheit festhängt. Oder an ihrem kleinen Bruder, der als „Special Agent Gully“ die Kundschaft unter die Lupe nimmt. Höchste Zeit für was Neues, entscheidet Sky. Also plant sie verwegene Aktionen und wilde Partys mit ihrer Freundin Nancy. Sie stellt Nachforschungen an über das Mädchen, dessen Bild plötzlich an jeder Hauswand auftaucht. Und sie beobachtet Luke, den neuen Plattenverkäufer, der voller Geheimnisse steckt. Skys Sommer beginnt sich zu drehen und das Leben kommt ganz schön auf Touren.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Der Wunschbrunnen meines Vaters

Der Song »Wishing Well« von den Millionaires (Decca, 1966) war ebenso selten wie seltsam, und mein Vater hatte seinen Plattenladen nach ihm benannt: Bill’s Wishing Well. Der Typ, der das Stück produziert hatte, Joe Meek, war wohl ziemlich durchgeknallt gewesen, mit einem Hang zum Okkulten und paranoiden Zügen. Er hörte Stimmen, aber er hörte auch Musik, wie sonst niemand sie hörte. Nur wenige Jahre nach seinem größten Erfolg erschoss Meek erst seine Vermieterin und dann sich selbst, und seine Tonbänder blieben lange Zeit in einer Kiste verschlossen. Dad hatte »Wishing Well« nur auf einem Sammelalbum, was er nicht gern zugab (Sammelalben sind geschummelt), aber immerhin dazu führte, dass ich das Stück zu hören bekam. Es war poppig und ziemlich abgedreht. Es klang, als hätten sie es unter Wasser oder auf dem Mond aufgenommen. Dad sagte damals oft, der einzige Grund, warum er überhaupt noch jeden Morgen den Laden aufschließen würde, sei die vage Aussicht, dass jemand reinkommen und ihm die Single verkaufen würde. Jede zweite Woche bekam er diesen albernen, hoffnungsvollen Blick. »Bald kommt sie«, sagte er dann. »Ich hab’s im Urin. Ihr werdet schon sehen, Kinder. Alles kommt irgendwann mal rein.«

Und Gully und ich sagten immer »Jaja, Dad«, hätten aber nie geglaubt, dass es wirklich passieren würde.

Dies ist die Geschichte, wie es dann doch passierte.

Es ist auch die Geschichte von einem wilden Mädchen und von einem Geistermädchen; von einem Jungen, der nichts wusste, und von einem Jungen, der glaubte, alles zu wissen. Eine Geschichte über Leben und Tod, über Schmerz und romantische Liebe. Halt über alles, was gut ist.

Aber erst mal die Fakten, wie Gully sagen würde.

Wir waren nur noch zu dritt in der Wohnung über dem Laden in der Blessington Street von St. Kilda: Dad, Gully und ich. Wir, die Familie Martin, waren so was wie das Gegenteil von Superhelden, denn wir zeichneten uns durch unsere Macken aus. Dad war süchtig nach Bier und Raubkopien. Gully hatte »soziale Schwierigkeiten«, die sich darin äußerten, dass er immer und überall eine Schweinerüssel-Maske trug. Ich wirkte nach außen hin normal, aber unter der Oberfläche brodelte ein abstruses Hormongemisch. Meine Macken sah man nicht auf den ersten Blick. Später kam ich zu dem Schluss, dass sie Symptome von Nancy Cole waren.

Zu dem Zeitpunkt, als das alles passierte, kannte ich Nancy seit drei Monaten. Sie war neunzehn und mit allen Wassern gewaschen. Ich war fünfzehn und linkisch. Wir lernten uns kennen, weil Dad sie als Putzfrau einstellte. Ich weiß noch, wie sie in mein Zimmer kam, den Staubsaugerschlauch um ihren Hals geschlungen, wo er so lässig und anmaßend herumbaumelte wie der Arm eines aufdringlichen Typen. Sie machte den Mund auf und all dieses Zeug kam aus ihr heraus. Ob ich wüsste, dass Haie ihr halbes Gehirn abschalten können? Dass ein Mensch im Durchschnitt vierzehn Mal täglich furzt? Dass sich überall in den spießigen Vororten Ehepaare mittleren Alters beim Sex als Plüschtiere verkleiden? Und ich, die sonst nie viel zu irgendwem sagte, ich sagte: »Ach Quatsch!« Schon bald waren wir nur am Gackern und Rumalbern, und der Abwasch wurde nicht mal eines Blickes gewürdigt. Dad musste sie entlassen, aber sie kam trotzdem immer wieder vorbei. Nancys Lachen – ich kann es immer noch hören – war ein überraschendes Gewieher, das so gar nicht zu ihrer glanzvollen Erscheinung passen wollte. »Du bist in Ordnung, Kleines.«

»Kleines« sagte sie immer zu mir. Oder »Schwesterchen« oder »Süße« oder »Schätzchen« oder »Pinseläffchen«. Manchmal nannte sie mich auch bei meinem Namen – Skylark, Sky –, immer in diesem schleppenden Tonfall, der sich so anfühlte, als würde mir jemand ganz sanft mit den Fingernägeln über den Rücken kratzen, an Stellen, von denen ich nicht mal gewusst hatte, dass sie juckten.

ERSTER TEIL

Hoch über all dem Irrsinn

An einem heißen Abend Ende November waren Nancy und ich oben auf dem Dach. Wir hatten unser Abendessen ›al fresco‹ eingenommen (Blitz-Braten aus der Mikrowelle), das Ganze mit Dads selbst gebrautem Bier runtergespült – das wir »Old Dunlops« getauft hatten, weil es nach alten Reifen schmeckte und mich schon nach zwei Schlucken beduselt machte –, und sprachen jetzt über seltsame Todesarten.

Nancy fing an. »Neunte Klasse. Richard Skidmore. Von einem Klavier getötet.«

»Ach Quatsch!«, rief ich.

»Doch, ehrlich. Sein Vater hatte ein Umzugsunternehmen. Richard hat ihm manchmal geholfen und eines Tages ist ein Klavier von der Ladefläche gerutscht und hat ihn zerquetscht. Danach waren plötzlich alle Mädchen in ihn verknallt. Sie hatten Fotos von ihm um den Hals und nannten sich die ›Girlfriends of Richard‹. Das Verrückte ist, dass er vorher überhaupt nicht angesagt war. Er hatte Pickel und spielte Klarinette, und das nicht mal besonders gut.«

Sie nahm einen Schluck von den alten Reifen und schüttelte sich demonstrativ. »Jetzt du.«

Nancys »Jetzt du« machte mich immer ganz nervös. Aber noch schlimmer war ihr »Und sonst?«. Ich konnte es nie mit ihr aufnehmen. Meine seltsamen Todesarten waren erfunden. Meine Geschichten hatten keinen Biss.

Ich erzählte ihr von dem Buch, das ich gerade las.

»Gleich im ersten Kapitel bricht Freddie Frenger junior, der ›unbekümmerte Psychopath‹, einem Hare-Krishna-Jünger den Finger, als der ihm am Flughafen eine Blume überreichen will. Und der Krishna-Typ stirbt an dem Schock!«

»Ach Quatsch!«

»Doch, ehrlich. Überleg mal. Wenn man sich den Zeh verstaucht, bringt einen das doch auch fast schon um. Und stell dir dann einen glatten Bruch vor …« Ich nahm ihren Finger und tat so, als wollte ich ihn umknicken. Nancy überließ ihn mir länger, als für meine Vorführung nötig gewesen wäre.

Das Dach war mein Lieblingsort. Es war kein Dachgarten oder sonst irgendwas Tolles. Eher ein Hochsitz für Sternengucker oder Selbstmörder. Dort oben hatten wir alles, was wir brauchten: Lichterketten, Kissen und ein altmodisches Opernglas, um Leute zu beobachten. Und wir hatten auch den tragbaren Plattenspieler und die alten Platten von meiner Mutter: schnulzige Psycho-Balladen von Männern mit Grübchen im Kinn, einheimischer Pop von jungen Damen im Hausanzug.

Nancy legte »Spooky« von Dusty Springfield auf – cool, mysteriös und endlos. Nancy sang mit, trappelte mit den Füßen und wedelte mit den Armen. Dann hörte sie plötzlich auf.

»Sie sieht traurig aus. Warum sieht sie so traurig aus?«

Zuerst dachte ich, sie meinte Dusty Springfield, aber dann folgte ich ihrem Blick. Das Plakat war in der vorigen Woche an der Hauswand gegenüber dem Laden aufgetaucht. Es zeigte das Porträt eines Mädchens als Schwarz-Weiß-Schablone, fast einen Meter hoch, vor einem Himmel aus Beton. Sie hatte schwarze Haare und Augen. Ihre Lippen waren leicht geöffnet und drei dicke schwarze Tränen rollten ihr über die Wange.

»Das ist bestimmt eine Schauspielerin oder ein Model.«

Nancy nickte. »Ich frag mal Ray. Der weiß so was.«

Ray war Nancys Vermieter. Er war irgendwas Mitte vierzig, arbeitete bei der Stadt und besserte sein Einkommen auf, indem er sonntags auf einer Decke in der Nähe des Kunstmarkts Bücher verkaufte. Er bezeichnete sich als Anthropologen, oder wie Nancy es ausdrückte: »Er schaut gern zu.« Ihr zufolge trug er zu Hause immer nur einen ausgeblichenen Kimono, der so kurz war, dass man sein Gemächt sehen konnte.

Nancy klopfte eine Zigarette aus der Packung und wandte sich ihrem zweitliebsten Thema zu: ihrer großen Flucht.

»In Wales gibt es ein Dorf, das im 13. Jahrhundert ins Meer gespült wurde. Da will ich hin. Das Geld hab ich fast schon zusammen.«

»Wie kommt man denn dahin, wenn’s unter Wasser ist?«

»Hab ich dir schon von der Kapelle aus Menschenknochen erzählt? In Tschechien? Und von dem Hotel aus Eis? In Finnland? Ich will nicht die Welt sehen, Kleines. Mich interessiert nur dieses irre Zeug.«

»Aha.« Ich biss mir auf die Lippen. Ich wollte nicht daran denken, dass Nancy fortgehen könnte. Manchmal, wenn ich sie ansah, konnte ich gar nicht mehr damit aufhören. Ihr Haar hatte die Farbe von Orangenblütenhonig und fiel ihr in perfekten Wellen über die Schulter. Meine Haare waren kurz, dunkel und nichtssagend. Mein ganzes Aussehen war nichtssagend. Ich brauchte keinen BH und dafür war ich dankbar. Je weniger sich da ausbeulte und Blicke auf sich zog, desto besser, fand ich.

Die Nacht senkte sich herab, sanft wie ein Tuch. Ich war kurz vorm Einschlafen. Selbst die Palmen sahen müde aus, wie Showgirls, die nur noch darauf warten, dass man ihnen den Lohn auszahlt. Nancy wandte sich wieder ihrem Teller zu. Sie steckte eine Möhre in den Mund, schnitt eine Grimasse und spuckte sie übers Geländer. Dann nahm sie eine Kartoffel und machte eine Ausholbewegung. »Soll ich?«

»Tu dir keinen Zwang an.«

Sie warf die Knolle, und wir sahen zu, wie sie von der Markise des Fleischerladens abprallte und auf der Schulter eines Passanten zerplatzte. Er blieb stehen und schaute hoch. Wir duckten uns lachend. Nancy griff nach dem Opernglas, um ihn aus der Nähe zu betrachten.

»Der ist hübsch.«

Ich sah genauer hin. Der Junge, den sie erwischt hatte, war groß und dünn – vielleicht siebzehn. Er hatte eine schwarz gerahmte Brille, strubbeliges Haar und Kunstlederflicken an den Ellbogen seiner Jacke.

Nancy schnalzte mit der Zunge. »Er geht zu deinem Vater in den Laden. Vielleicht will er euch ausrauben?«

»Da ist nicht viel zu holen.«

Unter uns quietschte das Schild mit der Aufschrift Bill’s Wishing Well im Wind. Die einzigen Leute, die über unsere Schwelle traten, waren tragische Vinyl-Anhänger, Sonderlinge und ein paar verirrte Touristen. Ich fragte mich, zu welcher Kategorie wohl dieser Junge gehörte.

Im selben Moment plärrte Nancys Handy los, so laut, dass ich zusammenfuhr. Leise murmelnd wandte sie sich ab und kam dann fröhlich summend zurück. »Das war Federico. Ich muss gehen.«

»Welcher war noch mal Federico?«

»Lange Haare, leichtes Lispeln, magischer Schwanz.«

»Das will ich gar nicht hören.«

Musste ich aber doch. »Wie diese aufblasbaren Puppen vorm Handy-Shop, die immer so in alle Richtungen zucken.« Sie machte es mir vor.

»Ist das ein Date oder ein Rendezvous?« Ich hatte vergessen, wo der Unterschied lag.

»Ein Date«, sagte Nancy.

Ich versuchte abgebrüht zu wirken. Ich ahmte ihre Haltung nach, ihren Tonfall, ihren Stil. »Na dann los, zisch ab, mach die Biege.« Mein Lächeln war unerschütterlich, auch wenn ich gerade versetzt wurde.

Nancy küsste mich leicht auf den Mund. Sie roch nach Teerose und schmeckte nach Bratensoße. Eine seltsame Mischung, aber sie wirkte.

»Keine Sorge, da kommst du auch noch hin.«

Sie setzte ihre verspiegelte Sonnenbrille auf, obwohl es schon dunkel war. Einen Moment lang warf sie mir mein Bild zurück. Ich sah aus wie etwas Kleines, Dunkles. Eine Ratte oder eine Rosine. Ich war noch nie geküsst worden, hatte noch nie einen Freund gehabt. Ich kannte eigentlich kaum Männer oder Jungs, außer Dad und Gully und dem einen oder anderen Kunden. Bevor Nancy kam, hatte ich noch nie geraucht oder getrunken; was ich über Sex wusste, hätte auf die Glasur eines Cupcakes gepasst.

Wir schauten noch ein letztes Mal hinunter, gerade, als der bebrillte Typ wieder aus dem Laden kam. Er hatte die Hände in die Taschen gesteckt, einen lyrischen Gang und einen nachdenklichen, bekümmerten Gesichtsausdruck. Das alles erfasste ich binnen Sekunden im Licht der Straßenlaterne. Er blieb vor dem Mädchen an der Mauer stehen. In der schwachen Beleuchtung sah es so aus, als wäre er ein Teil des Bildes.

»He, mein Hübscher!«, brüllte Nancy übers Geländer. »Lust auf Party?«

Er hob den Kopf, ohne auch nur die Andeutung eines Lächelns.

Nancys Lippen zuckten. »Einer von der ernsten Sorte. Der ist eindeutig was für dich.«

Bei ihr klang das so, als wäre damit irgendwas zu Ende, dabei fing es eigentlich gerade erst an.

Retro-Girls

Wo wir wohnten, war es nie wirklich ruhig. In der guten alten Zeit waren die viktorianischen Damen durch St. Kilda flaniert, ohne dass irgendwer durchs runtergedrehte Fenster eines Ford Falcon abfällige Bemerkungen über ihre Ärsche machte. Aber dann kamen Kriege und Matrosen und Straßenbahnlinien und mit ihnen das einfache Volk: die Arbeiterschicht, Einwanderer, Flüchtlinge. Irgendwann gab es dann nur noch Punks und Junkies und Prostituierte, und dann zog das große Geld hierher. Heutzutage glühte das Rotlicht zwar immer noch, aber sehr viel schwächer. Auf die Touristen konnte ich gut verzichten, aber es gab vieles, was ich nicht missen wollte: die Palmen und Mohn-Gugelhupf; den Monster-Goldfisch im Botanischen Garten und das traurige Lied der Boote im Hafen. Der Wind spielte in ihren Wanten wie auf den Saiten einer Geige, und das klang schön und schauerlich und einsamer als alles, was ich mir vorstellen konnte.

Als Nancy weg war, stolperte ich beduselt durch die Küche, auf der Suche nach einem Nachtisch. Der Haushalt war meine Sache. Das und auf Gully aufzupassen: dafür zu sorgen, dass er seine Hose nicht falsch rum anzog und dass sich in seiner Frühstücksbox immer annähernd drei Reiswaffeln mit Erdnussbutter (als Doppeldecker) und eine Fruchtrolle (auf keinen Fall Aprikose) befanden. Er schlief schon. Ich konnte sein erdbebenartiges Schnarchen hören. Dad war noch unten im Laden, leerte ein Bier nach dem anderen und hörte den Soundtrack seiner Jugend. Das tat er fast jeden Abend. Er war kein schlimmer Säufer. Er wurde bloß melancholisch. Nur ganz selten ging er zu weit. Letztes Jahr hatte er in den Sommerferien, kurz nach Weihnachten, freiwillig eine Entziehungskur gemacht. Gully und ich mussten solange auf dem Land wohnen, bei unserer Tante, die Mosaiken herstellte, die wie riesige Vaginen aussahen. Tante V war schon nett, wusste aber nichts mit uns anzufangen. Drei Wochen lang gab es für uns nur sehr viel Himmel und konspirierende Kühe. Gully war völlig von der Rolle. Als Dad uns wieder abholte, hatte er rosige Wangen und glänzende Augen. Er sagte, er hätte sich geändert, aber schon nach einem Monat ging er nicht mehr zu den Treffen der Anonymen Alkoholiker.

Ich nahm mir einen Apfel, ging rauf in mein Zimmer und sah meine Plattensammlung durch. Unsere Wohnung stand voll mit Plattenspielern – Berufsrisiko –, und meiner war ein Sanyo aus den Siebzigern, der jede Platte einen Achtelschlag zu langsam abspielte. Ich legte Tom Rush mit »Urge for Going« auf. Seine Stimme war so tief wie das Meer und erinnerte mich an altes, poliertes Holz. Er verspürte zwar den Drang zu gehen, kam aber irgendwie nie los. Ich spielte das Stück immer wieder von vorne ab, bis ich die Trauer auf der Zunge schmecken konnte.

Manchmal dachte ich, wenn es keine Musik gäbe, könnte ich gar nicht weinen oder lachen oder glücklich oder ausgelassen sein. Musik war ein Ventil. Mitte der Neunzigerjahre, in den Tagen des Post-Grunge, waren Mum und Dad unter dem Namen Little Omie in Pubs und auf Festivals aufgetreten. Dad spielte Gitarre und Mum die Melodica. Sie leerte ihr Mundstück immer direkt auf der Bühne aus. Die beiden tourten durchs Land und brachten von jeder Station eine Postkarte mit. Ich reihte ihre Tourneen an meinen Zimmerwänden auf, von der dicht besiedelten Ostküste bis in den hintersten Winkel Australiens. Ich hatte auch ein altes Foto aus dem Rolling Stone: meine Eltern beim Auftritt in einem Club, mit Bärenfellen bekleidet und ein grimmiges Lächeln im Gesicht. Sie sangen Schauerballaden wie die, nach der sie sich benannt hatten und die von einem Mädchen handelt, das geschwängert, betrogen und ertränkt wird, in genau dieser Reihenfolge. Als Little Omie wollten sie Karriere machen; stattdessen machten sie mich und Gully.

Als ich zehn war und Gully sechs, hat Mum uns verlassen, um »sich ihrer Kunst zu widmen«. Sie änderte ihren Vornamen zu Galaxy und zog nach Japan, wo sie von Stipendien, Kapitalanlagen und der Wohltätigkeit »arroganter Kunstschwuchteln« (Dads Bezeichnung) lebte. Mit uns blieb sie sporadisch in Kontakt. Das meiste bekam ich über ihre Webseite mit, die ich mir regelmäßig ansah. Bei ihrer letzten Show trug sie ein Geweih und hatte sich komplett mit Umeboshi-Paste eingeschmiert, während hinter ihr auf einer schwarzen Leinwand die Blitze zuckten. Keine Ahnung, wie man auf so was kommt.

Irgendwann habe ich Dad mal gefragt, welche Eigenschaften ich von Mum geerbt habe. Er hat mich lange angesehen, aber ihm ist trotzdem nur eine eingefallen: Beharrlichkeit.

Mum war früher die Königin der Ramschläden. Sie konnte es stundenlang neben einem Typen aushalten, der sich in die Hose gemacht hatte, wenn sie dafür an irgendwelche guten Sachen rankam. Und gute Sachen gab es immer. Mein Zimmer stand voll mit ihrem Zeug, es war fast wie ein Altar. Ich hatte Maori-Puppen und Tretchikoff-Drucke, zwei zusammenpassende Raketenlampen, ein Nierentischchen und einen Schrank voll atemberaubender Retro-Klamotten. Mir fehlte der Mut, um das Minikleid mit Fledermausärmeln und Bommelbesatz zu tragen, oder den schwarzen sexy Badeanzug aus den Vierzigerjahren, aber ich wusste, dass der Wert dieser Klamotten nicht mit Geld aufzuwiegen war. Sie waren der Grund, warum es zwischen Nancy und mir gleich gefunkt hatte.

Der 12. August war in meinem Kalender mit einem Sternchen markiert. Das war der Tag, an dem Nancy meinen Kleiderschrank öffnete und die Luft anhielt. Sie zog eine Caprihose und ein Paar Pumps mit durchsichtigem Keilabsatz heraus.

»Kann ich die mal anprobieren?«

Nancy stellte ein Outfit nach dem nächsten zusammen. Sie bat mich nicht, mich umzudrehen. Ich weiß noch, dass sie einen raffinierten BH trug, aber einen unmöglichen Slip. Sie zog an dem Gummi. »Schick, was? Man muss seine Muschi auch mal atmen lassen.«

Schließlich warf sie sich auf mein Bett, in Mums Einteiler mit Leopardenmuster, der ihr eine Nummer zu klein war. Sie klopfte neben sich auf die Matratze. Ich legte mich dazu, und es fühlte sich gar nicht komisch an. »Ich verrate dir was«, sagte sie. »Nancy ist gar nicht mein richtiger Name. Eigentlich heiße ich Nana, wie Nana Mouskouri. Diese alte Tussi mit der Brille, kennst du die?«

Ich nickte. Klar kannte ich die.

Wir waren uns so nah, dass ich ihren Atem hören konnte.

»Jetzt du«, sagte Nancy.

Ich ging die Möglichkeiten durch: Wenn Dad hackevoll war, kippte ich sein Selbstgebrautes in den Ausguss (er sorgte immer wieder für Nachschub); ich hinterließ meiner Mutter boshafte Kommentare auf ihrer Webseite (sie schrieb nie zurück); ich hatte einen Schuhkarton mit Fotos von schönen Menschen unterm Bett (Männer und Frauen). Das alles hätte ich sagen können, aber als ich den Mund aufmachte, kam nur das hier heraus: »Ich bin einsam.«

Nancy sah mich eine Ewigkeit an. »Das lässt sich ändern.«

Wir lagen ganz still. Miteinander verbunden.

Dann lächelte sie strahlend. »Kann ich mir was ausleihen?«

Damit war der Funke entzündet. Durch Nancy bekam all das Zeug von Mum einen Sinn. Nancy hatte es kapiert: dass alles, was alt war, gut war. Und jetzt waren wir zusammen die Retro-Girls. Von so einer Freundschaft hatte ich nicht mal zu träumen gewagt. Wir hörten alte Platten; wir lasen alte Bücher. Wir guckten alte Filme und klauten die Dialoge:

»Ich frage mich, was Sie damit meinen?«

»Ich frage mich, ob Sie sich das fragen.«

Ich fragte mich auch eine Menge, aber eins wusste ich genau: In den Klamotten meiner Mutter sah Nancy einfach umwerfend aus.

Anarchie

Das Geräusch von splitterndem Glas weckte mich auf. Ich fuhr hoch, und mein Herz klopfte wie ein eingesperrter Vogel. Die Luft im Zimmer war stickig und heiß. Mein Wecker glühte 4.03 Uhr. Vorm Fenster war jetzt alles still, als hätte ein Monstergott die Welt in sich eingesaugt und das Ausatmen vergessen. Dann hörte ich eine Bewegung: Dad, der herumtappte, das Summen der Küchenlampe. Ich hörte, wie er die Treppe hinunterstapfte. Die Haustür musste dringend geölt werden. Seine Stimme stieg von der Straße zu mir auf: »Verfluchte Scheiße.« Und da wunderte er sich, woher ich mein loses Mundwerk hatte.

Ich lief die Treppe hinunter und wäre auf dem Absatz fast mit Gully zusammengestoßen. Er war im Schlafanzug und hatte die Rüssel-Maske auf die Stirn geschoben. Er drückte sich mit dem Rücken an die Wand und stieß aus einem Mundwinkel hervor: »Klang wie ein Schuss. Ist bestimmt die Melbourne-Mafia.«

»So weit nach Süden kommen die nicht. Warte hier, ja?«

»Verstanden. Gib mir so schnell wie möglich die Koordinaten durch. Chhr.« Gully machte eine Faust und pochte dann gegen die Wand hinter ihm, während er sich misstrauisch umsah. Dann zog er sich wieder die Maske übers Gesicht und hielt mir seine hochgereckten Daumen entgegen.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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