Magicalia - Das Geheimnis des Schattendiebs - Jennifer Bell - E-Book

Magicalia - Das Geheimnis des Schattendiebs E-Book

Jennifer Bell

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Beschreibung

Lass den Gefühlen freien Lauf und beschwöre unglaubliche Tierwesen herauf! In Band 2 der Magicalia-Reihe wird die magische Schule bedroht Die aufregenden Abenteuer rund um Magicalia gehen weiter. Bitsy und Kosh können es kaum erwarten, mehr über Magicores zu lernen und zu üben, wie sie ihre Emotionen zum Heraufbeschwören der fantastischen Tierwesen nutzen können. Doch ihre magische Schule wird vom Schattenschmied angegriffen, einem mächtigen Dieb, dem es gelungen ist, die Dunkelheit zu lenken und als Waffe einzusetzen. Schnell gerät Kosh unter Verdacht, etwas mit der Sache zu tun zu haben. Bitsy, Kosh und ihrem neuen Freund Mateo bleibt nichts anderes übrig, als selbst zu ermitteln, wer sich hinter dem düsteren Umhang des Diebs verbirgt. Es beginnt ein Katz-und-Maus-Spiel gegen die Zeit, denn der Schattenschmied hegt zerstörerische Pläne gegen die Allianz der Heraufbeschwörer.

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Seitenzahl: 328

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Das ist das Cover des Buches »KB_Bell_28591_Magicalia02_final« von Jennifer Bell

Über das Buch

Die aufregenden Abenteuer rund um Magicalia gehen weiter. Bitsy und Kosh können es kaum erwarten, mehr über Magicores zu lernen und zu üben, wie sie ihre Emotionen zum Heraufbeschwören der fantastischen Tierwesen nutzen können. Doch ihre magische Schule wird vom Schattenschmied angegriffen, einem mächtigen Dieb, dem es gelungen ist, die Dunkelheit zu lenken und als Waffe einzusetzen. Schnell gerät Kosh unter Verdacht, etwas mit der Sache zu tun zu haben. Bitsy, Kosh und ihrem neuen Freund Mateo bleibt nichts anderes übrig, als selbst zu ermitteln, wer sich hinter dem düsteren Umhang des Diebs verbirgt. Es beginnt ein Katz-und-Maus-Spiel gegen die Zeit, denn der Schattenschmied hegt zerstörerische Pläne gegen die Allianz der Heraufbeschwörer.

Jennifer Bell

Das Geheimnis des Schattendiebs

Aus dem Englischen von Friedrich Pflüger

Hanser

Für Mum

Aus dem Notizbuch von Bitsy Wilder

HERAUFBESCHWÖREN — DIE GRUNDLAGEN:

Magicores — fantastische Kreaturen mit besonderen Fähigkeiten. Jede Art wird aus einer anderen Ursprungsemotion heraufbeschworen, die das Verhalten, Aussehen und ihre Fähigkeiten bestimmt.

Magicore-Typen — die Arten werden in sechs Typen gegliedert:

Waffenmeister-Magicores haben rote Augen und eine bemerkenswerte körperliche Fähigkeit.

Hellseher-Magicores haben weiße Augen und können die Gedanken anderer beeinflussen.

Elemental-Magicores haben blaue Augen und die Gabe, eine bestimmte Kraft, Energie oder ein Element zu kontrollieren.

Metamorph-Magicores haben gelbe Augen und ein Talent für Verwandlungen.

Weber-Magicores haben grüne Augen und können erstaunliche Gegenstände erschaffen.

Jäger-Magicores haben violette Augen und sind sehr geschickt darin, bestimmte Dinge aufzuspüren.

Pfennigstein — ein seltsamer Meteorit, der vor Jahrtausenden auf der Erde eingeschlagen ist. Er verleiht einigen Menschen die Macht, Magicores heraufzubeschwören.

kosmodynamisch — kosmodynamische Menschen können die Energie in ihrem Körper mithilfe von Pfennigstein in Magicores umwandeln. Allerdings sind die meisten Menschen kosmotypisch. Pfennigstein hat für sie keinen besonderen Nutzen.

Energielevel — je mächtiger die Fähigkeit einer Magicore-Art, desto mehr Energie wird zum Heraufbeschwören benötigt. Es gibt fünf verschiedene Energielevel:

ALPHA · BETA · GAMMA · DELTA · OMEGA

(Anmerkung: Omega-Level-Magicores können nur mithilfe von Arkwoods Kreiselrad heraufbeschworen werden, einer sehr alten, magisch gewobenen und vom Gründer der Weberzunft Gilander Arkwood erfundenen Apparatur.)

Akademie — ein streng geheimes Institut, an dem kosmodynamische Kinder, die sogenannten Eingeweihten, zu Heraufbeschwörerinnen und Heraufbeschwörern ausgebildet werden.

Zunft — eine Organisation von Heraufbeschwörerinnen und Heraufbeschwörern, die ihre Fähigkeiten im Geheimen zum Wohl der Menschheit einsetzen. Es gibt sechs Zünfte:

ZUNFT DER WAFFENMEISTER

Zunftfarbe: Rot

Rolle: Sicherheit und Transport

Hauptquartier: Rote Zitadelle

Eigenschaften: entschlossen, mutig und stolz

ZUNFT DER HELLSEHER

Zunftfarbe: Weiß

Rolle: Medizin und Heilkunde

Hauptquartier: Wolkengärten

Eigenschaften: aufmerksam, gütig und rücksichtsvoll

ELEMENTALZUNFT

Zunftfarbe: Blau

Rolle: Wissenschaft und Forschung

Hauptquartier: Azur-Institut

Eigenschaften: wissbegierig, experimentierfreudig und einfallsreich

METAMORPHZUNFT

Zunftfarbe: Gelb

Rolle: Handel

Hauptquartier: Goldener Palast

Eigenschaften: anpassungsfähig, geistesgegenwärtig und scharfsinnig

ZUNFT DER WEBER

Zunftfarbe: Grün

Rolle: Kunst und Technik

Hauptquartier: Smaragdhöhlen

Eigenschaften: aufgeschlossen, kreativ und spontan

ZUNFT DER JÄGER

Zunftfarbe: Violett

Rolle: Spionage

Hauptquartier: Geheimes Lager

Eigenschaften: willensstark, ehrgeizig und treu

1

Bitsys Stuhl vibrierte, als sich mitten im Laborsaal eine Falltür öffnete, unter der ein brodelnder Kessel voll giftgelbem Schleim zum Vorschein kam.

»Wenn ihr Heraufbeschwörer werden wollt, müsst ihr lernen, euch auch unter Druck zu konzentrieren. Dieser Test wird zeigen, wie gut ihr das schafft.« Vorn im Saal schloss Professorin Doyle die Finger um die an ihrer dunkelblauen Latzhose befestigte halbmondförmige Brosche. Als diese blau aufleuchtete, war Bitsy klar, dass sie aus Pfennigstein gefertigt sein musste.

»Was wird sie heraufbeschwören?«, zischte Bitsys bester Freund Kosh und spähte über die Spitzen seiner Sneaker zu dem Loch im Boden. »Und was ist das überhaupt für ein Zeug?«

Bitsy hatte das ungute Gefühl, dass es sich um irgendeine Chemikalie handelte. Sie ließ den Blick über die anderen zwölfjährigen Eingeweihten schweifen, die allesamt versuchten, möglichst unauffällig auf Sicherheitsabstand zu gehen. Alle trugen Schutzhelme und die gleichen schwarzen Latzhosen aus einem speziellen feuerfesten, wasserdichten und nicht leitenden Gewebe. »Ich weiß auch nicht, aber ich fürchte, wir werden es erfahren, wenn wir beim Test die falschen Antworten geben.«

Professorin Doyle hing eine Schutzbrille um den Hals, und eine weitere ragte aus ihrer buschigen braunen Mähne heraus, die wild und zerzaust wie ein Vogelnest aussah. Ihre Augen funkelten vor Aufregung, als eine Wolke aus glitzernden Kupferpartikeln — Pfennigstaub — mit leisem Knistern aus ihrer Brosche sprühte. Der Pfennigstaub wirbelte wie Herbstlaub durch die Luft, verdichtete sich aber in Sekunden zu einer gedrungenen Kreatur mit vier kurzen Beinen und Ohren, die wie Kiefernzapfen aussahen. Das Wesen plumpste mit einem lauten Rumms auf den Tisch der Professorin.

Bitsy bekam eine kribbelnde Gänsehaut auf den Armen. So oft sie auch erlebte, wie ein Magicore heraufbeschworen wurde — es erstaunte sie immer wieder von Neuem. Diese Art hier sah aus wie ein Waschbär mit breitem Gesicht, spitzer Schnauze und einem langen Schwanz. Sein gestreiftes Fell glänzte metallisch schwarz und silbern und wirkte stachelig, als würde es aus Eisenspänen bestehen. Seine zickzackförmigen Schnurrhaare vibrierten, während es auf dem Tisch der Professorin herumwuselte und die Apparaturen beschnüffelte.

»Das ist mein Xenom Thermo«, verkündete Professorin Doyle, zog einen Bleistift aus ihrem Haar und deutete damit auf Thermos Po. »Beachtet die charakteristische ringförmige Zeichnung an seinem Hinterteil. Xenome werden aus Neugierde heraufbeschworen und besitzen eine Vielzahl an Fähigkeiten.«

Thermo hob den Kopf, und seine blauen Augen glitzerten wie Saphire. Dann wedelte er mit dem Schwanz … und verschwand spurlos. Einen Augenblick später tauchte er wieder auf, eine Pfote vorgereckt, als wolle er sagen: ta-daa!

Ein paar Eingeweihte applaudierten nervös. Thermo schnupperte nun wieder am Tisch der Professorin herum, und Bitsy beobachtete, wie sich seine Kiefernzapfenohren bald hierhin, bald dorthin drehten wie Satellitenschüsseln auf der Suche nach neuen Signalen. An seinen radarähnlichen Sinnen und seiner vorwitzigen Art konnte Bitsy erkennen, dass seine Ursprungsemotion tatsächlich Neugierde sein musste.

»Frage Nummer eins«, sagte Professorin Doyle. »Wie alle Magicores verfügt Thermo über einen Trick, der ihn unsichtbar macht. Wie nennt man diesen?«

Bitsy reckte selbstsicher die Hand in die Höhe, um zu antworten. Zu ihrer Überraschung hatten alle im Kurs dasselbe getan, außer einem Jungen mit hochgegelten blonden Haaren, der ein paar Plätze links von ihr saß. Professorin Doyle deutete auf ein Mädchen mit Nickelbrille.

»Man nennt das einen Sichtschutz«, sagte das Mädchen und äugte argwöhnisch zu der schleimigen Masse hinüber.

»Das ist korrekt!«, rief Professorin Doyle. Sie schwang ihren Bleistift wie einen Dirigierstab, und Thermos Schnauze zuckte. Mit lautem Kreischen sauste der Stuhl des blonden Jungen auf die Falltür zu, kippte nach vorn und stürzte ihn kopfüber in den Schleim. Mit einem Gurgeln ging er in der Masse unter.

Im Saal waren Schreie und erschrockenes Aufstöhnen zu vernehmen. »Was ist mit ihm passiert?«, rief Bitsy entsetzt.

»Ich kann euch versichern, dass er in Sicherheit ist«, erwiderte die Professorin und grinste verschmitzt. »Er ist im Schleim gelandet, weil er seinem Wissen nicht traute. In Drucksituationen darf man keinesfalls zögern. Jetzt passt gut auf: Xenome können sich der Schwerkraft widersetzen und sich gleichzeitig mit ungeheurer Geschwindigkeit bewegen.«

Auf ein Schnippen ihres Bleistifts hin machte Thermo einen Satz hinüber zum Schleimkessel und stolzierte dann elegant in Richtung Decke, als würde er eine unsichtbare Treppe hinaufsteigen. Im nächsten Moment sauste er unversehens, wie eine Leuchtspur aus Schwarz und Silber, von einem Ende des Laborsaals zum anderen, um dann blitzartig wieder auf dem Tisch der Professorin aufzutauchen.

Allen klappte die Kinnlade herunter. Bitsy blinzelte und schüttelte den Kopf, ganz benebelt vor Erstaunen und Sorge. Sie grinste schief zu Kosh hinüber. Es war immer noch kaum zu fassen, dass sie beide vor drei Monaten nicht einmal gewusst hatten, dass es Magicores überhaupt gab, und jetzt wurden sie hier an der Europäischen Akademie für Heraufbeschwörung ausgebildet. Die Akademie war nur abends, an Wochenenden und in den Schulferien geöffnet, und falls die anderen Kurse ebenso spektakulär sein sollten wie dieser hier, dann konnte der Rest der Sommerferien einfach nur großartig werden.

Professorin Doyle tippte mit dem Bleistift an die Kante des Schreibtisches. »Jede Magicore-Art besitzt eine einzigartige Fähigkeit. Die nächste Frage an euch ist: Was ist also die einzigartige Fähigkeit eines Xenoms?«

Wie auf Kommando sträubte sich Thermos Fell. Im ganzen Laborsaal setzten sich Gegenstände in Bewegung. Ein Mikroskop rutschte über einen Arbeitstisch, ein Becher voller Thermometer kippte um, und eine Stoppuhr fiel scheppernd von einem Regalbrett auf den Fußboden. Die Eingeweihten waren zappelig und blickten sich nervös an. Jeder wollte die Hand heben, aber niemand war sich sicher, was die richtige Antwort war.

»Hast du eine Ahnung, was Thermo da macht?«, flüsterte Kosh.

Bitsy beobachtete, wie eine Büroklammer in ihrem Notizbuch an den Rand der Seite wanderte. »Ich weiß auch nicht recht.«

Beide erschraken, als mit lautem Knall die Türen eines Schranks hinten im Saal aufflogen. Das Möbel klapperte, und ein Haufen Gerätschaften kam herausgeschossen. Im ganzen Raum flogen Pipetten, Spatel und Greifzangen wie im Sturm herum. Scheren wirbelten und Batterien pfiffen wie Geschosse durch die Luft. Ein paar Gegenstände plumpsten in den Schleim und verschwanden unter der brodelnden Oberfläche.

»Pass auf!« Kosh riss Bitsy am Arm und zog sie gerade noch rechtzeitig vor einem vorbeisausenden Bunsenbrenner in Sicherheit, der seinen Gummischlauch wie eine Peitsche hinter sich herzog.

»Danke«, keuchte sie erschrocken. »Pass bloß auf deine Sachen auf!«

Ein paar Eingeweihte schrien auf, als Dinge gegen ihre Helme prallten, und manche krochen zum Schutz unter ihre Stühle, immer darauf bedacht, nicht in die Nähe des Schleims zu geraten. Ein Mädchen mit Sommersprossen und runden Wangen hob unter ihrem Stuhl die Hand. »Können Xenome Gegenstände mit ihren Gedanken bewegen?«, riet sie in Panik. »So wie bei der Telekinese?«

»Gute Idee«, rief Professorin Doyle im allgemeinen Tumult, »aber leider nicht richtig!«

Noch im selben Moment sauste der Stuhl des Mädchens nach vorn und riss die Unglückliche mit sich. Sie versuchte noch, irgendwo Halt zu finden, war aber nicht schnell genug, und der Stuhl beförderte auch sie über die Kante in den Schleim. Bevor sie auch nur aufschreien konnte, war sie schon von der Masse verschluckt worden.

Bitsy zog es die Brust zusammen, und sie hoffte, dass dem Mädchen nichts geschehen war. Während auch sie und Kosh sich unter ihre Stühle duckten, schossen die verschiedensten Utensilien aus den unverschlossenen Taschen der Anwesenden heraus. Handys, stählerne Thermosflaschen, Federmäppchen — selbst eine kleine Spielkonsole — sausten in die Luft und begannen, sich im Laborsaal in einem bedrohlichen Wirbel zu drehen. Bitsy merkte, wie ihre neue Armbanduhr vibrierte, und presste geistesgegenwärtig die andere Hand darauf, um das gute Stück nicht zu verlieren. Erst vor zwei Tagen hatte sie es von ihrem Vater zum Geburtstag bekommen.

»He!«, rief Kosh, als ihm sein Schlüsselbund aus der Tasche flog — mitsamt einem Schlüsselanhänger mit dem Foto von Elvis, dem Schäferhund seiner Großtante. »Gib mir das sofort zurück!«

Hastig kam er unter seinem Stuhl hervor und stieg auf die Sitzfläche, um die Schlüssel noch zu erwischen.

»Vorsicht!«, schrie Bitsy, während er vergeblich nach dem Schlüsselbund grapschte. »Sonst fällst du auch noch rein!«

Thermo saß indessen immer noch auf dem Schreibtisch der Professorin und konzentrierte sich. Seine stacheligen Augenbrauen waren zu einem V zusammengezogen, und seine kleine blaue Zunge ragte seitlich aus dem Maul heraus.

»Denkt alle scharf nach!«, rief Professorin Doyle. »Achtet genau darauf, was passiert!«

Mit pochendem Herzen verfolgte Bitsy die Gegenstände durch den Raum. Es waren so viele, dass sie sich wunderte, warum sie nicht alle gegeneinanderstießen. Wann immer sich zwei Teile einander näherten, schienen sie sich abzustoßen wie …

Magnete.

Das konnte es vielleicht sein! Bitsy wollte keine falsche Antwort riskieren, aber schweigen wollte sie auch nicht, denn beides konnte sehr schnell mit einem Bad im Schleim enden. Vorsichtig reckte sie die Hand über ihren Sitzplatz und hoffte, dass sie nicht von einer herumschwirrenden Kompassnadel aufgespießt würde.

»Ja?«, meinte Professorin Doyle.

»Die Gegenstände verhalten sich ein bisschen wie, äh …« Bitsy starrte auf den Schleim, und ihr Mund war plötzlich wie ausgetrocknet.

»Nur zu«, wurde sie von der Professorin ermuntert. »Du kannst es herausbekommen. Du musst nur wissenschaftlich vorgehen.«

Bitsy klammerte sich für alle Fälle an einem Stuhlbein fest. »Sie verhalten sich wie Magnete. Vielleicht können Xenome elektromagnetische Felder beeinflussen?«

Professorin Doyles Augenbrauen sprangen in die Höhe. Einen entsetzlichen Moment lang dachte Bitsy, sie hätte das Falsche gesagt. Aber dann …

»Korrekt!«, jubelte Professorin Doyle. »Thermo kann im elektromagnetischen Spektrum Energiefelder erzeugen und kontrollieren — und damit Dinge beeinflussen, die magnetische Metalle wie Eisen, Nickel oder Kobalt enthalten.«

Bitsy ließ ihr Stuhlbein wieder los und sank erleichtert zurück. In diesem Moment fühlte sie, wie ihr Anhänger aus Pfennigstein unter dem Kragen ihrer Jacke hervorrutschte. Sie packte ihn, während er vor ihrer Nase hochschwebte. Als sie ihn berührte, leuchtete er in den sechs verschiedenen Farben auf, die für die Magicore-Typen standen, die Bitsy heraufbeschwören konnte: Rot, Gelb, Violett, Blau, Grün und Weiß. Der Anhänger hatte früher ihrer Mum gehört, die gestorben war, als Bitsy noch nicht einmal fünf gewesen war. Sie würde keinesfalls zulassen, dass Thermo ihn ihr wegnahm!

»Ihr Übrigen werdet nicht in den Schleim wandern, wenn ihr euch an der nächsten Frage versucht«, versprach Professorin Doyle. »Woraus besteht Pfennigstein?«

Die Eingeweihten versuchten, die Hände unter ihren Stühlen hervorzurecken, was wegen der vielen immer noch herumsausenden spitzen Gegenstände aber gar nicht so einfach war. Gleichzeitig versuchten sie, ihre Pfennigsteine festzuhalten. Bitsy sah einen Jungen, der mit einem Vorhängeschloss aus Pfennigstein zu ringen schien, während ein anderer unter dem Stuhl daneben eine wild gewordene Stricknadel aus Pfennigstein bändigen wollte.

»Erwischt!«, keuchte Kosh, der endlich seinen Schlüsselbund wieder eingefangen hatte. Sein Stuhl wankte, als er sich duckte, um einem herabstoßenden Taschenrechner auszuweichen. Bitsy befürchtete schon, Kosh könne rückwärts in den Schleim kippen, aber er rettete sich wieder unter seinem Stuhl. Als er die Bemühungen der anderen Eingeweihten sah, ihre Pfennigsteine nicht zu verlieren, machte er ein trauriges Gesicht. Bitsy musste voller Mitgefühl daran denken, dass er noch keinen eigenen Pfennigstein besaß.

Als der Blick der Professorin auf ihn fiel, riss Kosh hastig die Hand hoch.

»Ja?«, sagte sie.

»Ähm, Pfennigstein ist ein Stein-Eisen-Meteorit«, antwortete er, während er seine Schlüssel in einer Klettverschlusstasche seines Rucksacks verstaute. »Deswegen ist er magnetisch.«

Die Professorin lächelte und nickte einem Mädchen zu, das sich gerade nach einem Schraubenschlüssel aus Pfennigstein reckte, der aus ihrer Tasche geschwebt war. »Hast du noch etwas hinzuzufügen?«

Das Mädchen schluckte. »Pfennigstein besteht aus verschiedenen Mineralen und Metallen und außerdem einem rätselhaften, auf der Erde nicht vorkommenden Element namens X-412, das uns erlaubt, Magicores heraufzubeschwören.«

Professorin Doyle klatschte in die Hände. »Das ist korrekt! Ihr seid hervorragend konzentriert! Seht ihr nun, wie nützlich es sein kann, unter Druck zu arbeiten?«

Bitsy erschrak, als etwas gegen die Sitzfläche ihres Stuhls krachte. Sie wusste nicht so recht, ob sie mit den Lehrmethoden von Professorin Doyle einverstanden war, aber spannend war der Unterricht schon.

Es ertönte eine Glocke, und alles Glasgeschirr in den Regalen klirrte leise. Die Wände erbebten, und draußen auf dem Gang wurde es laut, als die Eingeweihten aus den anderen Hörsälen stürmten.

»Leider ist unser Quiz mit diesem Ton beendet!«, erklärte Professorin Doyle und zwinkerte Thermo zu. Sein Fell sträubte sich, und mit einem langen Ächzen schloss sich die Falltür in der Mitte des Bodens. Bitsy atmete erleichtert durch, während die Professorin hastig ihre Sachen zusammensuchte und sich den Bleistift wieder ins Haar steckte.

»Und vergesst nicht, ihr müsst auch alle vier folgenden Praktikumsstunden besuchen, um euer Abzeichen für THEORIE DES HERAUFBESCHWÖRENS zu erhalten«, rief sie und nahm dann Thermo in ihre Arme. Der ließ seinen Schwanz einmal schnalzen, hüpfte auf ihre Schulter und legte sich wie ein Schal um ihren Hals. »Ich muss mich jetzt wirklich beeilen, also seid so gut, legt die Helme zurück und verlasst zügig den Laborsaal.«

Sie hatte sich schon zur Tür gewandt, als jemand leise fragte: »Was ist mit unseren Sachen?«

Professorin Doyle blickte auf den Tornado herumwirbelnder Laborgeräte und persönlicher Habseligkeiten. »Ach ja, nehmt eure Gegenstände an euch, bevor ihr geht!«

Thermos Fell sträubte sich, und als er und die Professorin durch die Tür hinausschlüpften, prasselten alle fliegenden Dinge herunter.

Bitsy duckte sich, als verschiedene Gegenstände wie in einem Hagelgewitter auf dem Stuhl über ihrem Kopf einschlugen. Handys krachten auf den Boden. Münzen prallten von Regalböden zurück. Durch die Luft wirbelte ein Schraubenzieher heran, und Kosh schrie auf, als das Werkzeug seinen Sneaker traf.

Und dann war alles vorbei.

Im Saal erhob sich besorgtes Geflüster.

»Bei dir alles okay?«, fragte Kosh atemlos.

Bitsy nickte, obwohl ihr Herz noch immer raste, als würde es ihr gleich aus der Brust springen.

Sie griffen nach ihren Taschen und krochen unter den Stühlen hervor. Im Laborsaal sah es aus, als wäre ein Wirbelsturm hindurchgefegt. Der Boden war mit Glasscherben übersät, Regale waren zusammengebrochen, und überall lagen zerbrochene Geräte herum.

Der Rest des Kurses tauchte gerade unter den Sitzen hervor, als an der Seite eine Tür aufschwang und zwei ziemlich schmuddelige Eingeweihte hereinwankten, von Kopf bis Fuß mit gelbem Glibber bedeckt. Bitsy erkannte sofort den Jungen mit den blonden Haaren.

»Nichts passiert«, verkündete er mit einem schiefen Lächeln und wischte sich Schleim aus dem Gesicht. »Es ist Vanillepudding.«

Kosh setzte seinen Schutzhelm ab. »Los, verschwinden wir, bevor das hier alles noch schräger wird.«

2

Vor dem Laborsaal herrschte munteres Treiben, und Eingeweihte eilten quatschend und lachend von einer Unterrichtsstunde zur nächsten. Bitsy wusste, dass sie viele unterschiedliche Muttersprachen hatten, denn die Eingeweihten stammten aus ganz Europa. Die Eingänge der Akademie waren allerdings magisch gewoben, also von Magicores erschaffen, sodass man nach dem Eintreten alles in der eigenen Sprache hörte. Bitsy spielte in der Tasche an den Ringen ihres Reporter-Notizbuchs herum. Schon immer hatte sie, wie ihre Mum, eine Enthüllungsjournalistin werden wollen, und es juckte sie mächtig in den Fingern, über ihre Erlebnisse an der Akademie zu schreiben, obwohl sie kosmotypischen Menschen nichts davon berichten durfte.

»Bald bekommst du auch einen Pfennigstein«, flüsterte Bitsy aufmunternd, als sie sah, wie sehnsüchtig Kosh den Pfennigstein-Füller anblickte, der jemandem aus der Tasche ragte. »Alle, die keinen Pfennigstein von zu Hause haben, dürfen sich während der ersten Woche einen aus dem Vorrat der Akademie aussuchen, hat Dad gesagt.«

Kosh hielt den Blick gesenkt. »Fühlt sich trotzdem beschissen an, dass ich als Einziger keinen habe. So kommt es mir vor … als würde ich nicht hierhergehören. Es ist schon schlimm genug, dass niemand sonst in meiner Familie Heraufbeschwörer ist. Jedenfalls niemand, mit dem ich noch sprechen könnte.«

Bitsy zog es den Magen zusammen, als sie seine Enttäuschung sah. Ihre eigene Mum, ihr Dad und ihre Tante waren allesamt kosmodynamisch. Bei Kosh hatte ein DNA-Test jedoch kürzlich ergeben, dass sein schon vor seiner Geburt verstorbener Urgroßvater Tavish Ranasinghe sein nächster kosmodynamischer Verwandter war. Keines von Tavishs Kindern — Koshs Großvater und Koshs Großtante Ravi — hatten positive kosmodynamische Tests vorweisen können. Die Fähigkeit hatte offenbar zwei Generationen übersprungen.

»Aber mit mir kannst du sprechen«, entgegnete Bitsy und wünschte sich, sie könnte etwas tun, um ihm die Sache zu erleichtern.

»Ja, weiß ich doch.« Kosh zog den Mund breit, aber das Lächeln reichte nicht bis zu seinen Augen.

In diesem Moment war auf dem Korridor eine vertraute Stimme zu hören.

»He, Kosh, Bitsy, wartet!« Ein hoch aufgeschossener Junge mit dunklen Locken und goldbrauner Haut schlängelte sich durchs Gedränge zu ihnen durch. Unter seiner Latzhose trug er ein Stranger Things-T-Shirt, und um den Hals hing ihm ein altmodischer Fotoapparat.

»Mateo!« Bitsy freute sich, ihren guten Freund zu sehen.

»Wie war euer erster Kurs?«, fragte Mateo und legte seine Arme um die Schultern der beiden. »Habt ihr irgendwelche Magicores heraufbeschworen?«

Kosh setzte sich eine Mütze mit dem Logo seiner Lieblingsfußballmannschaft, dem FC Oddingham, auf. »Nein, aber Professorin Doyle hat zwei Eingeweihte in Vanillepudding versenkt, und dann hat sie ein Xenom heraufbeschworen, das mir die Schlüssel stehlen wollte. Ach ja, und ein fliegender Bunsenbrenner hätte Bitsy um ein Haar einen fetten blauen Fleck verpasst — es war also richtig was los.«

Mateo kicherte, als sie sich am Ende des Korridors durch die Tür drängten. »Das Übliche also. Bei Professorin Doyle hatte ich allerdings noch keinen Kurs. Sie muss wohl neu sein.«

Ihre Stimmen hallten deutlich, jetzt wo sie im weiten Lichthof im Zentrum der Akademie angelangt waren. Der glänzende Marmorfußboden und die hoch aufragende Glaskuppel ließen Bitsy immer an die großen Ballsäle in königlichen Palästen denken. An den Wänden der großen Halle entlang zogen sich in mehreren Etagen Galerien mit polierten Messinggeländern, die sich wie Zahnräder in einem Getriebe in entgegengesetzte Richtungen bewegten. Auf allen Stockwerken hasteten Eingeweihte durch Türen oder wechselten über Wendeltreppen und Messingaufzüge in andere Etagen. Manche wurden von Magicores begleitet, die über ihren Köpfen schwebten oder neben ihren Füßen huschten.

»Oje! Das sieht aber schmerzhaft aus«, bemerkte Kosh, als ein blasses Mädchen mit langen Zöpfen, das sich einen Eisbeutel an den Kopf drückte, an ihnen vorbeihumpelte. Sie blutete an der Wange, und ihre Lippe war ebenfalls aufgeplatzt. Eine Frau mit voluminös toupiertem Haar in der weißen Latzhose der Hellseherzunft begleitete sie durch eine Tür.

»Und, wie sieht euer Stundenplan aus?«, fragte Mateo vergnügt. »Wenn ihr Pech habt, geht’s gleich am ersten Tag los mit LUBBERWHARLS REITEN. Dann braucht ihr nämlich Wochen, bis ihr den tranigen Mief wieder aus den Latzhosen gewaschen habt.«

Bitsy zog ein dünnes Ringbuch aus ihrem grünen Lederbeutel. Vorne war das Emblem der Europäischen Akademie für Heraufbeschwörung aufgeprägt — eine von sieben silbernen Sternen eingefasste Galeone. Bitsy schlug die zweite Seite auf. Dort war feinsäuberlich ihr Stundenplan abgedruckt. »Um eins habe ich Magicore-Studien mit Meister Ollennu, und dann um drei eine Flabbergraus-Vorführung mit Miss Wu. Da steht: Alle Uhrzeiten sind in SAZ angegeben. Was heißt das?«

»SAZ bedeutet Standard-Akademie-Zeit«, erklärte Mateo. »In den meisten Großstädten eines Kontinents kann man Akademien über magisch gewobene Eingänge betreten. Da aber Leute aus verschiedenen Zeitzonen eintreffen, muss es eine einheitliche Zeit geben, damit die Angstellten und Eingeweihten bei den Terminen nicht durcheinanderkommen.«

Kosh studierte nun den Stundenplan in seinem eigenen, äußerlich identischen Ringbuch. »Ich habe in zwanzig Minuten etwas namens Chrysaliden. Stattfinden soll es in 3-18-TUNNEL. Was soll das bedeuten?«

»Das ist der Navigationscode.« Mateo blickte hinauf zu den rotierenden Galerien. »Die erste Zahl steht für das Stockwerk — insgesamt gibt es dreißig davon. Und auf jedem gibt es fünfundzwanzig nummerierte Türen — das ist die zweite Zahl. Der Code endet immer mit einem Wort, aber was dieses bedeutet, musst du herausfinden, wenn du dort bist.«

»Ach so …« Kosh rieb sich die Schläfen. »Wie soll man sich das alles bloß merken?«

Mateo grinste und deutete auf zwei bunte Aufnäher an den Trägern seiner Latzhose. »Es dauert ein bisschen, bis man sich daran gewöhnt hat, aber vergesst nicht: Sobald ihr die langweiligen Abzeichen für SICHERHEITSTRAINING und THEORIE DES HERAUFBESCHWÖRENS erworben habt, könnt ihr euch die Kurse selbst aussuchen. Ich bin euch ja nur ein halbes Semester voraus, aber ab nächster Woche lerne ich MAGICORE-KAMPF, OZOZ-REITEN und NARPHIN-SURFEN!«

Beim Gedanken an all die interessanten Seminare wurde Bitsy ganz kribbelig vor Aufregung. Ihr war aber klar, dass mit dem Heraufbeschwören ein wichtiges Ziel verfolgt wurde: Verbunden als eine Allianz, nutzten die verschiedenen Zünfte Magicores, um in der kosmotypischen Welt Gutes zu tun; bei spektakulären Rettungseinsätzen beispielsweise, im heimlichen Kampf gegen tödliche Krankheiten oder beim Einsatz neuer technischer Möglichkeiten. Kosmotypische Menschen mochten nichts von der Existenz ihrer kosmodynamischen Mitbürger wissen, aber beide Welten lebten nun schon seit fast vierhundert Jahren harmonisch zusammen. Bitsy konnte es gar nicht erwarten, Teil der Allianz zu werden, aber nach allem, was Mateo über das Training mit seinen Magicores erzählte, blickte sie ihrer Zeit hier an der Akademie noch ungeduldiger entgegen.

»Also dann, ich muss los«, sagte Mateo mit einem Blick auf seine Uhr. »Sehen wir uns zum Mittagessen in der Mensa? Die findet ihr bei 10-20-SONNE.«

»Na klar. Bis dann.« Als Mateo wegging, steckte Bitsy ihr Ringbuch wieder in den Beutel. »Mein nächster Kurs geht erst in zwei Stunden los. Soll ich dir helfen, dieses Chrysaliden-Dings zu finden?«

Kosh seufzte erleichtert: »Ja, das wäre nett.«

Da der Navigationscode 3-18-TUNNEL lautete und vor den Fahrstühlen lange Schlangen standen, stiegen sie die Wendeltreppe bis ins dritte Geschoss hinauf. Bitsy wusste, dass sich die Etage drehte, aber die Bewegung war so sanft, dass sie kaum zu bemerken war. Auf der Galerie reihte sich eine Messingtür mit Bullaugenfenster an die andere. Sie waren zwar nummeriert, aber nicht der Reihe nach, und Bitsy und Kosh gingen langsam los und musterten im Vorbeigehen jede einzelne Tür.

Auf Zehenspitzen spähte Bitsy durch einige Fenster. Hinter einem sah sie eine altmodische Schmiede mit flackernden Flammen; eine andere Tür führte zu einer verstaubten Töpferwerkstatt, wieder eine andere zu einem topmodernen astronomischen Observatorium voller Sternkarten und Teleskope.

»Nicht. Möglich!«, hauchte Kosh, der seine Nase gegen ein weiteres Bullaugenfenster presste. Völlig verblüfft blickte auch Bitsy auf eine Art Naturreservat im Inneren. Am Ufer großer, von Holzstegen überspannter Teiche wiegten sich Rohrkolben, und Eingeweihte werkelten in schwarzen Taucheranzügen und Taucherbrillen herum, während im Wasser seltsame Gebilde dümpelten. Bitsy entdeckte gleich beim Eingang ein Schild. »Sumpfgebiet«, las sie vor. »Vielleicht geht es hier um im Wasser lebende Magicores?«

Während sie weitergingen, schoben sich murmelnd und lachend drei Mädchen an Bitsy vorbei. Ihr wurde unbehaglich, und sie hatte das Gefühl, von hinten angestarrt zu werden. »Hast du auch schon bemerkt, dass du komisch angeschaut wirst?«, fragte sie Kosh.

Kosh trug unter seiner Latzhose einen Kapuzenpulli und zog die Ärmelbündchen über die Hände herunter. »Ja, ein- oder zweimal, aber das ist wohl, weil alle wissen, dass wir gegen Riddelflax gekämpft haben.«

Bitsy lief es eiskalt den Rücken hinunter. Riddelflax war ein experimentierfreudiger Heraufbeschwörer — und ein durch und durch böser Verbrecher. Er hatte unter anderem die Fähigkeit erlangt, seine Gestalt zu verändern und sich selbst über Hunderte von Jahren am Leben zu erhalten. Riddelflax glaubte, kosmodynamische Menschen wären den kosmotypischen überlegen, und anstatt ihnen zu helfen, wollte er die Kosmotypischen beherrschen. Bitsy blickte über das Geländer hinunter zum Schreibtisch in der Mitte des Lichthofs. Darüber hing an einer rostigen Kette das Kreiselrad — ein machtvolles, magisch gewobenes Gerät mit einer Kugel aus Pfennigstein in der Mitte. Drei Monate zuvor hatte Riddelflax die Akademie angegriffen, um es zu stehlen. Bitsy, Kosh, Mateo und einige Heraufbeschwörer hatten sich ihm entgegengestellt.

»Da haben wir wohl unseren Ruf weg«, räumte Bitsy ein und versuchte, Riddelflax so schnell wie möglich wieder zu vergessen. Er hatte entkommen können, und seitdem hatte zwar niemand mehr von ihm gehört, aber Bitsy ahnte: Leute wie er würden bald wieder von sich reden machen …

Kosh blieb vor der nächsten Tür stehen, hinter der es bedrohlich dunkel war. »Nummer 18. Hier ist es.«

Er zog die Tür auf, und sie gelangten in einen dämmrigen Raum etwa von der Größe einer Doppelgarage. Der Boden war mit schlammigen Spuren überzogen, und in der Luft hing ein erdiger Geruch. Auf einer Seite stand ein kompliziert gebauter Schlitten, auf der gegenüberliegenden war die Öffnung zu einem dunklen Tunnel. Der Schlitten musste magisch gewoben sein, denn überall ragten grüne Schösslinge heraus, als würde er immer noch weiterwachsen.

»3-18-TUNNEL …« Kosh nestelte nervös an seinen Ärmelbündchen, als er den Tunnel betrat. Von den Wänden rieselte Erde herunter, als sei er erst kürzlich gegraben worden.

Aus der Tiefe hörte man leises Donnern.

Bitsy zögerte, als Kosh ins Finstere spähte. Das Getöse wurde lauter, als würde sich etwas nähern. »Raus da!«, schrie sie, packte Koshs Kapuze und riss ihn vom Tunneleingang weg, als auch schon ein sechsbeiniges Magicore von der Größe eines Flusspferds herausgeschossen kam. Die schwarze Schnauze der Kreatur war wie eine gewaltige Schaufel geformt, und sein runder Körper war mit robusten grauen Schuppen bedeckt, die auch sein Gesicht einrahmten. Bitsy und Kosh drückten sich gegen die Wand, und das Herz schlug ihnen bis zum Hals, als die gebogenen Klauen des Wesens über den Boden scharrten. Aber anstatt sie anzugreifen, machte es kehrt, wobei es einen weiteren Holzschlitten hinter sich herzog, und schickte sich an, wieder im dunklen Tunnel zu verschwinden.

Vorn auf dem Schlitten saß eine Frau mit windzerzausten Haaren und schlammverkrusteter Fliegerbrille, die Zügel in den Händen hielt. Auf ihrer scharlachroten Uniform prangte das Abzeichen der Zunft der Waffenmeister: ein roter Schild mit einem Schwert in der Mitte. »Koshan Ranasinghe?«, fragte sie barsch.

Kosh schluckte und nickte schüchtern.

»Steig auf, sonst kommen wir zu spät«, befahl sie. Dann zog sie an einem Hebel; an der Seite des Schlittens klappte eine Tür auf und gab den Blick auf zwei Sitzbänke frei.

Bitsy war angespannt. Waffenmeister waren entschlossen, mutig und stolz. Aus diesem Grund waren sie verantwortlich für die Sicherheit, das Transportwesen sowie für Rettungsmissionen in der kosmotypischen Welt. Trotzdem gab sich diese Waffenmeisterin hier besonders schroff, und Kosh warf Bitsy einen entsetzten Blick zu.

»Na los«, flüsterte Bitsy und schob Kosh in das Gefährt, während die Lenkerin ihnen den Rücken zukehrte. »Ich werde mitkommen.«

Als sie sich nebeneinander auf einer der Bänke einrichteten, rief die Waffenmeisterin über die Schulter: »Ihr haltet euch besser am Sicherheitsbügel fest!«

Dieser Sicherheitsbügel war eine erschreckend dünne, an der vorderen Verkleidung angeschraubte Stange, von der die Farbe schon abplatzte. Bitsy klammerte sich mit beiden Händen fest und hatte das beunruhigende Gefühl, dass sie gleich losschreien würde.

Die Lenkerin ließ die Zügel schnalzen, und das Magicore setzte seine sechs Beine in Bewegung. Seine Schuppen rumorten wie ein Traktormotor, als der Schlitten angezogen wurde, und dann tauchten sie in halsbrecherischer Fahrt in den Tunnel.

Bitsy schrie auf.

3

»Ahhhhhhhhh!« Bitsys Lippen flatterten wie ein Windsack. Sie donnerten so schnell in die Finsternis hinunter, dass ihr Erde ins Gesicht prasselte.

»Wir werden s-steeeeeerben!«, schrie Kosh, dem die Zähne aufeinanderschlugen, weil der Schlitten so heftig durchgerüttelt wurde.

Dann erschien um den Kopf des Magicores plötzlich eine Art schimmernder weißer Dunst, der sich nach hinten wie ein Verdeck über den Schlitten ausbreitete. Den Wind und den Dreck spürte Bitsy jetzt nicht mehr; es musste sich um einen durchsichtigen Schutzschild handeln.

Sie blickte sich um. Die Tunnelwände waren roh und brüchig und gänzlich ohne Stützen, die einen Einsturz verhindert hätten. Kurz stemmte sie sich von ihrem Sitz hoch, beobachtete das Magicore im Geschirr und sah, dass es den Tunnel im Laufen freiräumte und loses Material mit seinen gewaltigen Klauen nach hinten scharrte.

Als Bitsy klar wurde, dass nur dieser feine Dunstschleier sie davor bewahrte, unter dem losen Erdreich zerdrückt zu werden, musste sie schlucken. Sie kniff die Pobacken zusammen, als der Schlitten über die nächste Schwelle im Tunnelboden rumpelte, sodass sie von ihrem Sitz hochgeschleudert wurde und gleich darauf wieder schmerzhaft herunterplumpste.

»W-was für eine Art M-m-magicore ist das bloß?«, fragte Kosh verzweifelt.

Noch immer mit einer Hand an den Sicherheitsbügel geklammert, öffnete Bitsy ihren Beutel und zog Magicalia hervor, ein altes Lexikon aller Magicore-Arten, das früher ihrer Mutter gehört hatte.

Zur Antwort auf Koshs Frage klappte der Buchdeckel auf, und die mit Goldschnitt versehenen Seiten blätterten sich flatternd um. Es sah aus, als wäre der Wind in die Seiten gefahren, aber Bitsy wusste, dass das teilweise magisch gewobene Buch seinen eigenen Willen hatte.

In Magicalia waren die Magicore-Arten nach ihrer Ursprungsemotion alphabetisch angeordnet. Als die Seiten irgendwo bei Buchstabe S stoppten, legte Bitsy Magicalia zwischen sich und Kosh auf die Bank, sodass sie beide lesen konnten:

Scham

MOLLOWUP

[Waffenmeister, Beta-Level]

Mit seinem Gewicht von zweieinhalb bis viereinhalb Zentnern ist das Mollowup ein kräftiges Magicore mit langen, scharfen Klauen und einer auffälligen schaufelförmigen Schnauze. Sein Körper wird von robusten panzerartigen Schuppen geschützt, die bei Bewegung gegeneinanderschlagen und dabei ein donnerndes Geräusch erzeugen. Mollowups sind die fähigsten Tunnelbauer des Magicore-Reichs und können unter der Erde in kurzer Zeit kilometerweit graben. Dabei erzeugen Mollowups ein einzigartiges Kraftfeld, um keinen Schaden durch herabstürzendes Erdreich zu nehmen. Anders als andere Magicores kommunizieren sie dabei über weite Entfernungen, um beim Bohren von Gängen Kollisionen zu vermeiden.

Wenn Bitsy an die düstere Färbung und den unter dem Schuppenkranz verborgenen Kopf des Wesens dachte, konnte sie verstehen, dass Scham seine Ursprungsemotion war. Scham war verbunden mit Bedauern und Verlegenheit, als würde man sich am liebsten tief in der Erde vergraben.

Kosh spähte nach dem Lesen besorgt zu dem Kraftfeld hinauf. »Ohne das da w-würden wir also …«

Bitsy drückte ihm beruhigend den Arm, obwohl sie selbst innerlich zitterte.

Der Gang führte nun durch Schichten von Ton und Felsgestein. Bitsy hatte keine Ahnung, wie tief unter der Erde sie sich befanden, aber die Luft war stickig und warm. Die Kufen des Schlittens ratterten über den unebenen Tunnelboden, und es hörte sich an, als würden sie jeden Moment bersten. Bitsy wurde beim Autofahren normalerweise nie schlecht, aber hier war das Gerüttel so heftig, dass sie sich Sorgen um das Frühstück in ihrem Magen machte.

Nach mehreren bangen Minuten gingen die rauen Tunnelwände in eine glatte Verkleidung aus schillerndem Glas über, das wie Opal leuchtete. Das Mollowup wurde langsamer, die Luft kühler, und Bitsy merkte, wie der Schlitten gebremst wurde.

Vor ihnen, wo der Tunnel abrupt endete, sah sie weißlichen Dunst. Kosh und sie blickten sich besorgt an, als sie darauf zusausten. Die Lenkerin zügelte das Mollowup, das Magicore schnaubte, und Bitsy kniff die Augen zusammen. Sie rumpelten ins Licht hinaus …

… und befanden sich in einem gewaltigen Höhlenraum, gegen den der Lichthof der Akademie geradezu wie eine Sockenschublade wirkte.

»Was in aller — ?«, platzte es aus Kosh heraus.

Das schützende Kraftfeld des Mollowups fiel in sich zusammen, und sie glitten nun über glatten Boden. Jeder Zentimeter der Höhle war bedeckt mit Plättchen aus dem schimmernden milchigweißen Glas, das auch die Wände am Tunnelende bedeckt hatte. Aus dem Höhlenboden wuchsen gewundene Treppen empor, die eine weite terrassenförmig gestufte Plattform stützten, auf der Bitsy Menschen herumlaufen sah. Und sie entdeckte sechs riesige eiförmige Kokons, die zwischen der Decke und der Plattform zu schweben schienen.

»Was ist das hier nur für ein Ort?«, hauchte sie.

»Die Chrysaliden, schätze ich«, antwortete Kosh mit weit aufgerissenen Augen. »Wahrscheinlich die Mehrzahl von Chrysalis — so heißt das Puppenstadium bei Insekten. Wahrscheinlich sind diese großen Eier so was in der Art. Wie die Kokons bei Schmetterlingen in der Natur. Ich habe bloß keine Ahnung, was das mit mir zu tun haben soll …«

Das Mollowup bewegte sich nun nur noch in gemächlichem Trott, bis es schließlich vor einem eingezäunten Bereich stehen blieb, wo eine Auswahl an Mollowup-Geschirren, -Zaumzeug und -Schlitten säuberlich aufgereiht bereitgehalten wurde. Bitsy blickte sich um und sah Waffenmeister-Wachleute, die in Gruppen patrouillierten und dabei in seltsame silberfarbene Funkgeräte sprachen. Einige hatten Magicores dabei, denen Bitsy schon begegnet war, beispielsweise eine kräftige Bestie mit Skorpionsschwanz und vierzig Beinen und mindestens ebenso vielen Augen — ein Scutterflix, das aus Panik heraufbeschworen wurde. Ein anderes Wesen sah aus wie eine riesige Kugel mit roten Stacheln und den gepanzerten Beinen einer Krabbe, die bei jedem Schritt auf dem Glasboden ein Klickgeräusch von sich gaben — ein aus Verärgerung heraufbeschworener Dornspross. Bitsy erstarrte bei dem Anblick, denn ihre bisherigen Begegnungen mit diesen Wesen waren alles andere als angenehm gewesen. Indessen sausten Mollowups mit anderen Passagieren über den Boden der Kaverne in fünf weitere Tunnel hinein oder kamen aus diesen heraus. Neben jeder Tunnelöffnung war ein Schild mit einer krakeligen Kontur auszumachen, die an ein Puzzleteil erinnerte.

»Gerade noch rechtzeitig«, rief ihre Lenkerin von vorn. Sie zog an einem Hebel, und Bitsy hörte, wie sich die Tür neben ihr mit einem Klick öffnete.

Bitsy und Kosh griffen sich ihre Taschen und stiegen unsicher aus dem Schlitten. Kaum war die Tür wieder zu, ließ die Waffenmeisterin die Zügel schnalzen, und das Mollowup wendete so zügig, dass seine Schuppen klapperten. Mit einem lauten Summen spannte das Zugtier die Beine und jagte dann in Richtung eines anderen Tunnels davon.

»Gibt’s auch so was wie Schlittenübelkeit?«, fragte Kosh, der immer noch schwankte. »Ich fühle mich nämlich so, als würden wir immer noch durch diesen Tunnel rasen.«

Bitsy atmete ein paarmal tief durch, bis sich ihr Magen etwas beruhigt hatte.

In diesem Moment kam eine blasse Frau mit Brille in einer senfgelben Latzhose auf sie zugeeilt. Sie trug das Haar in einer gepflegten rotblonden Bobfrisur und hatte eine schwarze Aktentasche dabei.

»Kanzlerin Hershel!«, rief Kosh.

Bitsy kniff die Augen zusammen. Sie hatte nicht damit gerechnet, die Leiterin der Akademie hier zu treffen.

Die Augenbrauen der Kanzlerin zogen sich zusammen, als sie Bitsy erkannte. »Elizabeth Wilder? Was tust du denn hier? Ich hatte doch nur Koshan eingeladen.«

»Äh …« Bitsy trat von einem Fuß auf den anderen und wusste nicht recht, was sie sagen sollte. Sie wollte Kosh auf keinen Fall in Schwierigkeiten bringen. »Ich war einfach nur auf die Chrysaliden neugierig und bin deshalb mit Kosh mitgefahren. Das ist meine Schuld. Es tut mir leid.«

Die Kanzlerin seufzte und blickte über ihre Schulter zurück auf eine Dreiergruppe von Heraufbeschwörern, die sich eben näherte. »Also schön, nur … überlass das Reden mir.«

Als die drei anderen herankamen, musste Bitsy lächeln, weil sie Professorin Doyle erkannte. Die hatte eine offenbar mit Chemikalien bekleckerte Latzhose an und dazu Gummistiefel, als wäre sie eben erst durchs Sumpfgebiet gewatet. Bitsy gefiel es, dass die Professorin ein bisschen verschroben war; das erinnerte sie an ihren Dad, der ebenfalls der Elementalzunft angehörte. Von Thermo war nichts zu sehen. Bitsy erinnerte sich, dass die Professorin gesagt hatte, sie müsse nach ihrem Kurs rasch irgendwohin — das war dann wohl hierher. Nur: Weshalb waren offenbar alle wegen Kosh hier in die Chrysaliden gekommen?

Die beiden anderen Heraufbeschwörer kannte Bitsy nicht. Der eine war ein junger Mann mit Nasenring, Sonnenbrille und dunkelbrauner Haut. Ein Träger seiner schlabberigen grünen Latzhose hing ihm über die Schulter herunter, darunter war eine enge Strickweste zu sehen. Das alles kombinierte er mit einem Paar knallroter Cowboystiefel, von denen einer zur Hälfte eine bis unters Knie reichende Beinprothese verdeckte.

Der andere Heraufbeschwörer war ein furchterregender Berg von einem Mann: groß und breitschultrig, mit dicken Oberarmmuskeln und Händen so groß wie Suppenteller, sodass sich Bitsy neben ihm klein wie eine Erbse fühlte. Unter seinen dichten Augenbrauen stachen stahlgraue Augen hervor, er hatte einen mächtigen schwarzen Bart und einen kahl rasierten, mit roten Tattoos übersäten Schädel. Er trug eine rostrote Einsatzweste, Kampfhosen und hatte ein silbernes Funkgerät am Gürtel hängen. »Sie hatten nicht gesagt, dass es zwei sind«, ließ er ein sonores Knurren vernehmen.

Kanzlerin Hershel grinste verlegen. »Da gab es ein winziges Missverständnis — aber ich kann mich für beide verbürgen, General. Darauf haben Sie mein Wort.«

Bitsy schreckte zurück, als sich der General vor ihr und Kosh aufbaute und die gewaltigen Arme verschränkte.

»Ich bin General Tychon, Anführer der Waffenmeisterzunft. Ihr seid mit meiner Erlaubnis hier.«

Beide nickten hastig, brachten aber keinen Ton heraus.

Für einen Moment herrschte betretene Stille, dann meldete sich Professorin Doyle zu Wort. »General, das hier sind Koshan Ranasinghe und Elizabeth Wilder. Bis vor nicht einmal einer halben Stunde waren beide bei mir in Theorie des Heraufbeschwörens.«

»Wilder …« Der General blickte Bitsy finster an. »Dann bist du also Melasina Spires’ Nichte.« Den Namen spie er förmlich aus.

Bitsy hätte sich am liebsten in ihre Turnschuhe verkrochen. Ihre Tante Melasina war die Anführerin der Jägerzunft, die bis vor Kurzem aus der Allianz verbannt gewesen war, weil man sie für Diebe, Spione und Gesetzesbrecher hielt. Jetzt sollten die Jäger zwar mit der Allianz zusammenarbeiten, aber General Tychon hatte offenbar zu lange gegen sie gekämpft.

Bevor sich alle aufs Neue schweigend anstarrten, trat zum Glück der jüngere Heraufbeschwörer vor, wobei seine Cowboystiefel auf dem Glasboden klickten. »Da werde ich mich mal selber vorstellen, wenn’s kein anderer tut«, schnarrte er etwas verärgert und mit deutlichem spanischen Akzent. Ich bin César Cortez.«