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»Pokémon« trifft »Phantastische Tierwesen«: Jedes Gefühl erschafft ein magisches Wesen. Der packende Auftakt der Magicalia-Reihe von Jennifer Bell Für alle, die schon immer wissen wollten, wo magische Tierwesen wirklich zu finden sind – und wie man sie heraufbeschwört. Als ihr Vater von einer mysteriösen Frau mit einem Hamstozeros – einer Kreuzung aus Hamster und Rhinozeros – entführt wird, entdecken Bitsy und ihr bester Freund Kosh unversehens eine geheime Welt voller Magie. Denn die seltsame Kreatur entpuppt sich als Magicore, ein aus Emotionen hervorgerufenes Tierwesen. Um den Vater zu retten, müssen die beiden ein magisches Relikt finden und dafür schnellstmöglich lernen, selbst Magicores heraufzubeschwören. Ausgestattet mit einem mächtigen Bestiarium namens Magicalia und einer gehörigen Portion Mut, begeben sich die beiden auf eine rasante Jagd, die sie um die ganze Welt führt.
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Seitenzahl: 365
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Eine mitreißende neue Reihe für alle, die schon immer wissen wollten, wo magische Tierwesen wirklich zu finden sind — und wie man sie heraufbeschwört. Als ihr Vater von einer mysteriösen Frau mit einem Hamstozeros — einer Kreuzung aus Hamster und Rhinozeros — entführt wird, entdecken Bitsy und ihr bester Freund Kosh unversehens eine geheime Welt voller Magie. Denn die seltsame Kreatur entpuppt sich als Magicore, ein aus Emotionen hervorgerufenes Tierwesen. Um den Vater zu retten, müssen die beiden ein magisches Relikt finden und dafür schnellstmöglich lernen, selbst Magicores heraufzubeschwören. Ausgestattet mit einem mächtigen Bestiarium namens Magicalia und einer gehörigen Portion Mut, begeben sich die beiden auf eine rasante Jagd, die sie um die ganze Welt führt.
Jennifer Bell
Magicalia
Aus dem Englischen von Friedrich Pflüger
Hanser
Für Beth
Bis ein Monster ihre Sportsachen verschluckte, war Bitsys Abend eigentlich nach Plan verlaufen.
Sie hatte ihre Hausaufgaben erledigt, ihr Zimmer aufgeräumt und ihren besten Freund Kosh bei Mario Kart besiegt. Zweimal. Nach dem Abendessen hatten die beiden eine Luftmatratze aufgepumpt, damit er übers Wochenende bleiben konnte, während seine Eltern weg waren. Am Montag sollte er dann Bitsy und ihren Vater auf eine Reise nach Paris begleiten. Vor dem Schlafengehen war jetzt nur noch eines zu tun.
»Aufnahme ab in drei, zwei …« Bitsy tippte eine Taste auf ihrem Laptop, rückte den Kopfhörer zurecht und beugte sich näher an das Funkmikro auf ihrem Schreibtisch. »Hallo und willkommen zu Poddingham, dem örtlichen Nachrichten-Podcast für Oddingham. Wir haben Freitag, den neunundzwanzigsten März. Ich bin Bitsy Wilder am Mikrofon, und diese Woche zu Gast ist unser Sportredakteur — «
»Koshan Ranasinghe!« Kosh verkündete seinen sri-lankischen Nachnamen wie ein Fußballkommentator, der ein geschossenes Tor ansagt. Er saß neben ihr, wie immer mit seiner üblichen Kombi aus schlabberigem T-Shirt, Trainingshose und einer zerschlissenen FC-Oddingham-Strickmütze über dem glatten schwarzen Haar. »Manche von euch kennen mich auch als den, der die Zeitung bringt und dabei aus Versehen mit dem Rad durch eure Blumenbeete pflügt. Ein besonderer Gruß hier an Mrs Harris in der Bridge Lane, dafür, dass sie das immer total cool nimmt!«
Bitsy drückte den Ärmel ihrer Strickjacke aufs Mikro. »Mrs Harris nimmt das übrigens überhaupt nicht cool. Gestern habe ich gesehen, wie sie deine Mum angeschrien hat.«
»Wirklich?« Kosh stutzte. »Dann schneiden wir das vielleicht besser raus.«
Bitsy schüttelte ihren wuscheligen blonden Lockenkopf und machte weiter: »Gleich hören wir von Kosh das Wichtigste über das Fußballspiel zwischen Oddingham und Bletchy Town gestern Abend. Aber zuerst die Schlagzeilen.« Sie klappte ihr altbewährtes Reporter-Notizbuch auf und versuchte, sich beim Vorlesen nicht eine gewisse Enttäuschung anmerken zu lassen. »Straßen-Schlamassel: Anwohner besorgt über immer mehr Schlaglöcher in der Church Street. Ausgespechtet: Örtliche Ornithologen wegen seltener Spechte ganz aus dem Vogelhäuschen. Und: Ketchup kochen oder einfangen? Tomate in Oddinghamer Gemüsegarten geformt wie Pikachu.«
»Ganz aus dem Vogelhäuschen?« Kosh musste lachen. »Der war gut — vielleicht einer deiner besten bis jetzt.«
Bitsy lächelte gezwungen. Klar, sie ließ sich gern witzige Schlagzeilen einfallen, aber in Oddingham hätte für ihren Geschmack ruhig ein bisschen mehr passieren können. Sie hatte nie begriffen, warum ihr Vater von London ausgerechnet in dieses stinklangweilige Nest am Ende der Welt gezogen war, aber wenn aus ihr wirklich eine gestandene Journalistin werden sollte, dann musste sie zuerst einmal über das berichten, was die Leute in ihrer Gemeinde so erlebten. Selbst wenn es dabei manchmal nur um ulkig geformtes Gemüse ging.
Sie blickte hinauf zur Pinnwand über ihrem Schreibtisch, die übersät war mit Zeitungsausschnitten von Artikeln, die ihre Mum geschrieben hatte. Bitsy war erst fünf gewesen, als Matilda Wilder bei einem Autounfall ums Leben kam, aber Bitsys Dad Eric redete immer noch ständig über sie — wie sie für die BBC als Enthüllungsreporterin auf der ganzen Welt unterwegs gewesen war und für ihre Geschichten wichtige Fälle von Korruption und Ungerechtigkeit aufgedeckt hatte. Auch Matilda hatte ihre Informationen immer in Notizbüchern festgehalten. Und irgendwann — da war sich Bitsy sicher — würde sie in die Fußstapfen ihrer Mum treten.
Mit einem Blick ins Notizbuch wollte sie gerade in ihren Bericht über die Schlaglöcher einsteigen, als das Haus unter einem tief grollenden BUMM erzitterte.
»Was war das?«, fragte Kosh. »Hat sich wie Donner angehört … aber im Haus.«
Bitsy zog den Kopfhörer vom Kopf. Unten waren Stimmen zu hören — ihr Dad und jemand, den Bitsy nicht kannte. Und etwas am Tonfall ihres Vaters ließ Bitsys Puls augenblicklich rasen.
Sie stopfte das Notizbuch in die Tasche ihrer Jeans, lief zur Zimmertür und riss sie auf. Etwas mit einem seltsamen Schatten arbeitete sich die Treppe herauf — der Silhouette nach ein großes Tier mit langen Schnurrhaaren und einem dicken Kopf. »Dad?«, rief Bitsy unsicher. Ihr Vater hatte einen ziemlich schrägen Humor, und vielleicht war das ja einer seiner Späße. »Dad, bist du — ?«
Aber die Frage blieb ihr im Halse stecken, als sich ein Hamster von der Größe einer Badewanne heftig keuchend auf den oberen Treppenabsatz wuchtete. Sein Fell war violett, mit einer kahlen Stelle über der Nase, aus der ein schwarzes, gezacktes Horn wie bei einem Nashorn ragte. Die ebenfalls violetten Augen des Monsters funkelten, als es auf dem Treppenabsatz den Weidenkorb für die Wäsche entdeckte. Es preschte nach vorn, fasste den Korb mit den Klauen, riss das Maul auf — wobei vier lange Schneidezähne zum Vorschein kamen — und verschlang den gesamten Inhalt, darunter auch Bitsys Sportsachen.
»Um Himmels willen, was ist denn das?!«, brachte Kosh hervor und sprang von seinem Stuhl hoch.
Bitsy stolperte rückwärts. Einen kurzen Moment glaubte sie, sich das alles einzubilden — so ein riesiges violettes Hamstozeros konnte es einfach nicht geben —, aber wie war dann zu erklären, dass Kosh das Monster ebenfalls sehen konnte? »Ich weiß nicht!«, stotterte sie und flüchtete hinter ihre Zimmertür. »Versteck dich!«
Kosh hastete herüber und drückte sich neben Bitsy an die Wand. »Glaubst du, es ist vielleicht gutmütig? Was, wenn es uns fressen will?«
Seine Stimme zitterte genauso, wie es sich in Bitsys Magengegend anfühlte. Sie spähte durch den Türspalt. Das Hamstozeros saß nun auf den Hinterbeinen und verspeiste in aller Ruhe den Inhalt des Bücherschranks. Offenbar war es, was seine Nahrung betraf, nicht besonders wählerisch …
»Wir müssen uns nach unten schleichen und Dad finden — vielleicht ist er in Schwierigkeiten«, flüsterte sie und hoffte inständig, dass bei ihrem Vater alles in Ordnung war. Das Hamstozeros trottete gerade in dessen Schlafzimmer hinüber. Bitsy fasste sich ein Herz und schob sich hinter der Tür hervor. »Los, das ist unsere Chance.«
Auf Zehenspitzen schlichen sie zur Treppe. Das Haus war alt — wie die meisten in Oddingham — und hatte fürchterlich knarrende Dielen. Mit zitternden Knien schob Bitsy sich weiter und versuchte sich zu erinnern, wo man halbwegs lautlos vorankam. Kosh trat behutsam auf dieselben Stellen, die Arme fürs Gleichgewicht zur Seite ausgestreckt. An der Treppe angekommen griff Bitsy nach dem Geländer und setzte ihren Hausschuh auf die oberste Stufe …
Aber gerade als sie ihr Gewicht nach vorn verlagerte, klapperte die Schlafzimmertür ihres Vaters, und das Hamstozeros kam herausgewatschelt, wobei es auf einer von Dads Bürokrawatten kaute. Seine Backen waren inzwischen dick wie Strandbälle und von den verschiedensten Gegenständen so ausgebeult, dass der Kopf kaum durch die Tür passte.
Bitsy erstarrte, als die Bestie sie entdeckte. Hastig schluckte das Wesen den Rest von Dads Krawatte hinunter und senkte dann das Horn, als wolle es sich verbeugen.
Kosh zögerte. »Was will es — ?«
»Jiieeeh!« Mit einem hohen Quieken preschte das Hamstozeros heran.
»Nicht gutmütig!«, schrie Kosh und schob Bitsy vorwärts. »Los!«
Sie hasteten, zwei Stufen auf einmal, die Treppe hinunter, während das Hamstozeros mit seinem Horn hinter ihnen in der Wand einschlug. Das ganze Treppenhaus wackelte wie bei einem Erdbeben. Von der Decke rieselte Putz, und ein paar Bilder fielen von den Wänden und krachten auf die Stufen. Hustend vor lauter Staub landete Bitsy unten im Erdgeschoss und jagte über den Flur. Im Wohnzimmer waren Stimmen zu hören.
»Her mit dem Buch!«, fauchte eine Frau.
»Auf keinen Fall«, entgegnete Bitsys Dad scharf. »Es gehört nicht dir.«
Bitsy sprintete an Kosh vorbei durch die Tür und kam mitten auf dem Teppich zum Stehen.
Vor dem Fernseher ging eine hochgewachsene Frau mit rabenschwarzem Haar auf und ab. Bitsy hatte sie noch nie gesehen, aber mit ihrem markant ausrasierten Undercut, dem dunklen Lidstrich, der Kampfhose und den schweren Bikerstiefeln war sie eine auffallende Erscheinung.
»Bitsy!« Eric Wilder blinzelte sie durch seine Nickelbrille an. Er hatte einen Teefleck auf dem Pullover, und vor seinen Füßen rollte ein leerer Becher hin und her. »Ich muss mich, äh, hier um unerwarteten Besuch kümmern. Geh bitte mit Kosh wieder nach oben und — «
Bevor er den Satz beenden konnte, kam hinter ihnen mit wütendem Gebrüll das Hamstozeros ins Wohnzimmer geschossen. An seinem Horn hingen Fetzen herabgerissener Tapeten, und seine staubigen Schnurrhaare sahen aus, als hätte es die Schnauze in Puderzucker gesteckt. Das Monster blickte sich im Raum um und fixierte Bitsy und Kosh dann mit bedrohlichem Funkeln in den Augen, ganz so als wolle es sagen: Gleich werdet ihr eurer schmutzigen Wäsche Gesellschaft leisten.
Eric erstarrte. »Vielleicht ist es doch besser, ihr beide kommt hinter mich. Und zwar sofort!«
Bitsy packte Kosh am Arm, und sie duckten sich hinter das nächstgelegene Sofa. »Was ist hier los, Dad?«, fragte sie atemlos. »Was ist das überhaupt?«
»Es ist ein Magicore«, antwortete Eric, während er langsam vor dem Hamstozeros zurückwich. »Das sind machtvolle Kreaturen, die mithilfe von emotionaler Energie heraufbeschworen werden. Diese spezielle Art hier ist aus Gier entstanden.«
Eine aus Gier heraufbeschworene Kreatur? Die Vorstellung sprang wie eine Flipperkugel in Bitsys Kopf herum, sodass ihr fast schwindlig davon wurde. »Das kapiere ich nicht. Was hat es hier verloren? Und wer ist sie überhaupt?«
Die Frau mit den schwarzen Haaren bedachte Bitsy mit einem schiefen Lächeln. Ihre Hände steckten in nietenbesetzten Lederhandschuhen, aus ihrem Ohrläppchen ragte ein dolchförmiger Ohrstecker aus Bronze. Eric blickte sie wütend an, und dann huschte ein schmerzlicher Ausdruck über sein Gesicht wie manchmal, wenn er über Bitsys Mum sprach. »Das erkläre ich später. Ihr bleibt erst mal dort hinten, alle beide.«
Bitsy wurde es kalt ums Herz, als hätte jemand einen Eiszapfen hineingestoßen. Warum wusste ihr Dad etwas über Magicores und das alles? Hatte er etwa Geheimnisse vor ihr? Das Ganze ergab einfach keinen Sinn.
Die Schwarzhaarige marschierte jetzt zum Hamstozeros hinüber. »Und?«, fragte sie scharf und musterte die prallen Hamsterbacken. »Hast du das Buch gefunden?«
Das Tier schnaubte, als hätte es die Frage der Frau verstanden. Es ließ die Hamsterbacken schlackern, und dann spie es eine ganze Anzahl von Gegenständen aus dem Besitz von Bitsys Vater aus: zwei Paar Schuhe, ein Dutzend Astronomiebücher, ein langes schwarzes Teleskop und einen flauschigen Morgenmantel mit Schottenkaro und einem Loch im Ärmel. Zuletzt kam die Schmutzwäsche einer ganzen Woche zum Vorschein.
Die Schwarzhaarige verzog die Nase und stocherte mit dem Stiefel in dem vollgesabberten Haufen herum. »Hier ist es nicht. Such weiter.«
Das Hamstozeros schnaufte. Seine Wangen waren nun wieder auf die Größe von Wassermelonen geschrumpft, und es trottete auf eine Vitrine zu, die an der Wand stand. Bitsy erstarrte. Hinter den Glasscheiben befanden sich eine Reihe von Urkunden und Preisen, die ihre Mutter als Journalistin erhalten hatte, und dazu zahlreiche Andenken von ihren Reisen.
Bitsy sprang auf, als die Kreatur einfach die Glasscheiben eindrückte, die Schnauze in den Schrank steckte und damit begann, den Inhalt zu verschlingen. »Dad, tu doch was!«
Erics Miene wurde hart. Er blickte zwischen Bitsy und dem Hamstozeros hin und her, als würde er um eine Entscheidung ringen. Schließlich zog er einen Füllfederhalter aus der Hosentasche und richtete ihn wie zur Drohung auf die Frau. »Ich zähle bis drei, dann bist du mit deinem Magicore verschwunden. Eins …«
»Was will er denn damit?«, flüsterte Kosh, während sich Bitsy wieder hinters Sofa kauerte. »Ihr Tinte ins Gesicht spritzen?«
Bitsy schüttelte den Kopf. Sie hatte diesen Füller noch nie gesehen.
»Zwei …«
Die Nasenflügel der Frau bebten. »Für so etwas habe ich keine Zeit. Wenn du mir das Buch nicht gibst, muss ich mir das Nächstbeste nehmen.« Dem Hamstozeros rief sie zu: »Bereit machen zum Rückzug.«
Die Kreatur sträubte das Fell, ließ ab von einer kleinen Statue, die sie gerade hatte verschlingen wollen, und bleckte die Zähne in Erics Richtung.
Erics Finger schlossen sich fester um den Füller. Bitsy sah, dass der Schaft jetzt bläulich leuchtete.
»Drei!«
Mit leisem Knistern stob eine Wolke kupferfarbener Partikel aus dem Füller heraus, wogte durch die Luft wie ein Starenschwarm und verdichtete sich zu einem gewundenen Schlauch, der etwa so dick wie Bitsys Oberschenkel war. Der Schlauch pulsierte, die Partikelwolke verzog sich …
… und zurück blieb eine fliegende, silberfarbene Raupe. Ihre Haut war durchsichtig, und ihr Körper schien aus dichtem Nebel zu bestehen, in dem fortwährend Blitze zuckten.
Kosh fiel die Kinnlade herunter. »Du siehst doch dasselbe, oder …?«
»Ich sehe es«, sagte Bitsy und kniff ihn in den Arm. Ihr Puls raste. Hatte ihr Dad eben ein — wie hieß das noch? — Magicore heraufbeschworen?
Die Raupe hatte ein rundes Gesicht mit einem winzigen schwarzen Mund, blauen Neonaugen und einem glitschigen Paar Fühler. Sie schoss durch die Luft und wechselte dabei ständig die Richtung, als wisse sie nicht, wohin.
Bitsys Dad lächelte die Raupe an wie einen alten Freund. »Quasar, hier bin ich. Ich brauche deine Hilfe.«
Die Raupe schoss zu Eric hinüber und rieb den Kopf an seinem Brustkorb, worauf sich Erics sandfarbenes Haar durch statische Aufladung wie eine Bürste aufstellte. War Quasar der Name dieses Magicores? Eric war von Beruf Astrophysiker und hatte Bitsy einmal erklärt, dass ein Quasar ein Kern im Weltall ist, der sehr hell leuchtet …
»Du musst Bitsy und Kosh unter allen Umständen beschützen«, befahl Eric dem Wesen. Er deutete auf das Hamstozeros. »Und lösche dieses Magicore aus!«
Augenblicklich wirbelte Quasar zu der gefräßigen Bestie herum. Unter heftigem Schlagen mit dem Schwanzende schoss die Raupe wie ein gigantisches silbernes Projektil auf ihren Gegner zu. Dieser knurrte und senkte das Horn. Als er lospreschen wollte, schleuderte Quasar einen Blitz, der in den Tatzen der Bestie einschlug.
Es gab einen ohrenbetäubenden Knall, bei dem Bitsy zusammenzuckte. Das Hamstozeros heulte auf und schoss in einer Rauchwolke hinauf zur Zimmerdecke. Kreischend vor Wut stürzte es sich auf Quasar und hieb mit den Klauen nach ihm. Die beiden Magicores rangen in einem violett und silberfarbenen Knäuel so heftig miteinander, dass geborstene Möbelstücke nur so herumflogen. Dabei verhedderte sich eine Tatze des Hamstozeros im Kabel einer Tischlampe. Diese schleuderte durch die Luft und traf Eric an der Schläfe.
»Dad!«, schrie Bitsy und sprang auf.
»Bitsy …?«, stammelte er und wankte ein paar Schritte vorwärts. »Bleib — «
Aber dann rollten seine Augen nach hinten, und er plumpste wie ein Sack Kartoffeln auf den Boden. Bitsy konnte zwar sehen, dass sich seine Brust hob und senkte, aber ansonsten lag er regungslos da.
»Achtung!« Kosh riss sie am Bein, und sie duckte sich gerade noch rechtzeitig, bevor ein brennendes Tischbein wie eine Frisbeescheibe über ihre Köpfe zischte und hinter ihnen in der Wohnzimmerwand einschlug.
Bitsy schützte ihr Gesicht mit den Armen, während die Bruchstücke in einem Funkenregen über sie niedergingen. »Wir müssen meinem Dad helfen!«
Ihre Stimme wurde vom nächsten donnernden Grollen übertönt. Blitze zuckten über die Zimmerdecke. Der Boden bebte.
Und dann war es mit einem Mal totenstill.
Bitsy lauschte, ob sich irgendwo etwas rührte, aber da war nichts.
»Ist es vorbei?«, fragte Kosh und streckte den Kopf unter seinen Armen hervor.
Bitsy fasste die Sofakante und zog sich hoch.
Im Zimmer sah es aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen. Die Wände waren mit Brandspuren übersät, am Boden lagen aufgeplatzte Kissen und zersplitterte Möbel, und im Fernseher klaffte ein tiefer Riss. Mitten auf dem Teppich, wo der Couchtisch gestanden hatte, lag nur noch ein Haufen Kleinholz.
Aber es war nicht die Verwüstung, die Bitsy Angst machte.
Als sie sich im Wohnzimmer umblickte, wurde sie von Panik ergriffen. Die Frau mit dem rabenschwarzen Haar, das Hamstozeros, Quasar und ihr Vater …
Sie waren alle verschwunden.
»Das ist unmöglich«, sagte Kosh, der verstört hinter dem Sofa hervorkam. »Sie können sich doch nicht einfach in Luft aufgelöst haben.«
Bitsy rauschte immer noch das Adrenalin in den Adern, als sie in die Mitte des Zimmers wankte. »Aber wo sind sie hin? In den Garten können sie nicht verschwunden sein, weil die Terrassentür abgesperrt war, und der einzige andere Ausgang ist über den Flur hinter uns.« Sie hielt inne und musste daran denken, wie ihr Vater ausgestreckt auf dem Teppich gelegen hatte. »Außerdem war Dad bewusstlos. Aus eigener Kraft konnte er nirgendwohin.« Sie machte sich furchtbare Sorgen. Sie musste ihn finden!
»Dann muss ihn die Goth-Lady mitgenommen haben«, folgerte Kosh. »Das ist die einzig mögliche Erklärung. Die Frage ist nur: Warum?«
Bitsy spürte die Furcht im Nacken hochkriechen, als sie sich erinnerte, was die Schwarzhaarige gesagt hatte. »Sie war auf der Suche nach einem Buch. Und sie hat Dad gedroht, wenn er es ihr nicht gibt, dann würde sie sich eben das Nächstbeste nehmen. Ich glaube … ich fürchte, damit hat sie meinen Dad gemeint. Als sie dem Hamstozeros befohlen hat, den Rückzug vorzubereiten, muss sie ihn gemeint haben! Kosh — er ist entführt worden!«
Bitsy kam es plötzlich vor, als würde sich das ganze Zimmer um sie drehen. Sie hatte keine Ahnung, wo ihr Vater war und was gerade mit ihm geschah. Aber diese Frau hatte gefährlich ausgesehen. Bitsy wurde ganz schwummerig, und sie packte Koshs Arm und hielt sich daran fest.
»Alles wird gut«, sagte er und drückte ihre Schulter. »Hör zu: Wo immer sie ihn auch hingebracht hat, gemeinsam werden wir ihn finden.«
Bitsy nickte, aber in ihrem Kopf ging alles durcheinander. Heraufbeschwören … Magicores … Wie sollte sie ihren Vater retten, wenn sie nicht die geringste Ahnung hatte, was sich hier überhaupt abspielte?
Kosh zog sein Handy aus der Tasche und tippte auf den Bildschirm.
»Die Polizei können wir nicht rufen«, sagte Bitsy und schüttelte den Kopf. »Wenn wir denen erzählen, dass Dad von einer Frau mit einem Hamstozeros gekidnappt wurde, werden sie nur denken, dass wir sie auf den Arm nehmen wollen. Niemand im ganzen Dorf wird uns glauben. Und deine Eltern sind fort.«
»Ich habe nicht vor, die 110 anzurufen. Und auch nicht meine Eltern«, sagte Kosh und hielt sich das Gerät ans Ohr. »Ich versuche, deinen Dad zu erreichen. Wenn er sein Telefon dabeihat, können wir seinen Aufenthaltsort tracken.«
Bitsy schöpfte neue Hoffnung, aber die wurde sogleich zunichtegemacht, als vom Sofa her Buzz Lightyear zu hören war: »Bis zur Unendlichkeit … und noch viel weiter!«
Der Klingelton ihres Vaters. Sie kramte unter den Kissen und fand sein Handy in der Ritze vor der Lehne. Ihre Hoffnung sank noch weiter, als sie über den Bildschirm wischte und sah, dass dieser biometrisch gesperrt war. Nicht einmal an die Informationen auf dem Gerät kam sie heran. »Hast du vielleicht noch eine andere Idee?«
Bevor Kosh etwas vorschlagen konnte, begann etwas unter dem zertrümmerten Couchtisch zu summen. Es klang wie eine gigantische Biene.
Bitsy trat näher heran. Die Splitter vibrierten förmlich. Sie stieß mit dem Fuß sachte in den Haufen und sah etwas Silbernes schimmern. »Das ist Quasar!«, rief sie.
Gemeinsam räumten sie rasch die Bruchstücke beiseite und befreiten das Wesen. Die Fühler der Raupe waren etwas zerdrückt, und die blauen Augen blickten benommen. Das Summen ging ständig an und aus wie bei einem kaputten Generator, aber langsam und unsicher erhob sich das Wesen in die Luft.
»Wow …«, murmelte Kosh und machte große Augen.
Als Bitsy durch Quasars durchsichtige Haut seine wie elektrisch beleuchteten Innereien sah, bekam sie auf den Armen Gänsehaut. In Quasars Nähe roch es frisch und metallisch wie nach einem Gewitterregen. Sie begriff immer noch nicht, wie dieses Wesen existieren konnte; alles an ihm erschien ihr unmöglich.
Kosh deutete auf einen dunklen Riss an Quasars Seite. »Sieht aus, als wäre es beim Kampf verletzt worden. Aber wie sollen wir ihm helfen? Einen Tierarzt können wir wohl nicht rufen, oder?«
»Ich weiß auch nicht«, räumte Bitsy sorgenvoll ein. Behutsam schob sie die Hand in die Nähe von Quasars glasiger Haut. Bei der Berührung kribbelte es sofort in ihren Fingerspitzen, und sie spürte, dass ihr die Haare zu Berge standen wie vorhin bei ihrem Vater.
Quasar wandte den Kopf und blickte sie direkt an. Da es keine sichtbare Nase besaß, formten Augen, Mund und Fühler den Gesichtsausdruck des Magicores. Seine Lippen öffneten sich, und seine Wangen zuckten, fast als würde es versuchen zu lächeln …
Und dann spuckte es Bitsy ins Gesicht.
Ein kleiner Gegenstand traf sie mitten auf die Nase und fiel dann zu Boden. »Autsch!« Sie rieb sich die schmerzende Stelle. »Was soll das?«
»Bitsy, schau doch!« Kosh bückte sich und hob den Füllfederhalter ihres Vaters auf. »Quasar muss ihn in seinem Mund aufbewahrt haben.«
Bitsy hatte keine Ahnung, wie Quasar an den Füller gekommen war. Zuletzt hatte sie ihn in der Hand ihres Vaters gesehen. Sie nahm ihn von Kosh entgegen und wischte ihn am Saum ihrer Strickjacke ab. Der Schaft war aus glattem braunem Stein gearbeitet, durchzogen von feinen Kupferäderchen, die wie Blitze geformt waren. Während sie ihn in der Hand bewegte, leuchtete der Stein an den Stellen auf, wo er ihre Haut berührt hatte: rot, gelb, violett, grün, weiß und blau. Sie erinnerte sich, dass das Schreibgerät zuvor auch auf die Berührung ihres Vaters reagiert hatte, aber nur in Blau. »Glaubst du, er ist wärmeempfindlich?«, fragte sie und reichte ihn an Kosh zurück.
Auch bei ihm schimmerte der Schaft in denselben sechs Farben. »Es sah aus, als hätte dein Dad damit Quasar heraufbeschworen. Als wäre Quasar aus dem Füller herausgekommen.«
Er gab ihn wieder Bitsy, die ihn nun vor sich hielt und damit zielte, wie sie es bei ihrem Vater gesehen hatte. Obwohl sie das Schreibgerät nun fester hielt, wollte sich keine glitzernde Staubwolke zeigen. Sie versuchte noch, an der Kappe zu drehen, und drückte die Schreibfeder auf ihren Handrücken, ohne dass etwas geschah.
»Mit ihm stimmt irgendetwas nicht«, bemerkte Kosh und zeigte auf Quasar. Das Magicore zitterte. Der Nebel in seinem Körper hatte sich verdunkelt, und die Blitze zuckten nur noch stockend.
Bitsy steckte den Füller in ihre Tasche und versuchte, Quasar in die Hände zu nehmen. »Was sollen wir tun?!«
»Es besteht aus Elektrizität, also könnten wir versuchen, es mit dem Stromnetz zu verbinden?« Kosh zuckte mit den Schultern. »Oder, was weiß ich, wir füttern es mit Batterien?«
Quasar bewegte sich wippend vorwärts und blieb vor der Vitrine mit Matilda Wilders Urkunden und Andenken stehen. Das Magicore reckte die Fühler, als versuche es, auf etwas auf dem untersten Regalboden zu zeigen.
Bitsy blickte kurz zwischen der Vitrine und dem Raupenwesen hin und her, bis sie begriff, dass das Magicore ihnen etwas zeigen wollte. »Was ist denn da, Quasar?«
Aber es war zu spät. Die letzten Funken in seinem Innern versprühten, und dann zerstob das Magicore zu Kupferstaub. Glitzernd regneten die Partikel herunter auf den Boden.
Kosh ließ den Kopf hängen. »Was jetzt …? Wie konnte …?«
Bitsy bekam einen dicken Kloß im Hals, als sie begriff, dass Quasar fort war. Sie kannte die Raupe zwar erst seit ein paar Minuten, hatte aber gesehen, wie vertraut das Wesen mit ihrem Vater umgegangen war, fast wie ein Haustier.
Sie ging vor der Vitrine auf die Knie, denn sie wollte wissen, was Quasar ihnen hatte zeigen wollen. »Es hat seine letzte Energie dafür benutzt, um uns hierherzuführen. Da muss irgendwas Wichtiges sein, das wir sehen sollten.«
Sie suchte das unterste Regalbrett der Vitrine ab. Hinter ein paar umgestürzten Bilderrahmen stand eine Holzflöte auf einem dreibeinigen, silbernen Gestell. Ihr Vater hatte einmal gesagt, ihre Mutter hätte das Instrument auf einer Reise in die Schweiz gekauft, aber Bitsy hatte nie wirklich verstanden, warum. Ihre Mutter konnte gar nicht Flöte spielen. Sie streckte die Hand danach aus, aber als sie das Instrument herausnehmen wollte, bewegte es sich nicht.
»Hast du irgendwas gefunden?«, wollte Kosh wissen.
»Hier unten ist eine Flöte, aber sie steckt fest.« Bitsy rüttelte an dem Gestell und zog in verschiedenen Richtungen am Instrument, aber es fühlte sich an, als wäre alles am Bodenbrett der Vitrine festgeklebt worden. Als sie die Flöte anders fasste, um einen besseren Griff zu haben, drückte sie versehentlich auf die Klappen des Instruments … und hörte ein leises Klick.
Der Zimmerboden vibrierte. Bitsy wich erschrocken zurück, als die Vitrine an einem senkrechten Riss in zwei Teile sprang. Diese schoben sich lautlos auseinander und gaben den Blick frei auf einen kleinen aus Backsteinen gemauerten Raum, etwa von der Größe einer Umkleidekabine. Darin stand eine reich geschmückte Kommode mit Intarsien aus Ebenholz und Perlmutt.
»Ein Geheimzimmer …« Kosh blieb der Mund offen stehen, während er eintrat. »Das ist ja wie bei James Bond!«
Bitsy stemmte sich hoch und versuchte zu verstehen, warum sie von alldem nichts wusste. Sie führte sich den Grundriss des Hauses hier im Erdgeschoss vor Augen. Hinter dieser Wand lagen eigentlich die Küche und die Diele, aber … irgendwie musste dazwischen noch Platz für diese geheime Kammer sein.
Kaum hatten sie sich über die Schwelle hineingewagt, als sich der Eingang hinter ihnen schloss und ein Licht an der Decke anging. Bitsy entdeckte einen Hebel an der Rückseite der Vitrine und zog daran. Lautlos schoben sich die Teile der Vitrine wieder auseinander. »Immerhin wissen wir, wie wir wieder hinauskommen«, murmelte sie. »Aber was soll das hier? Warum hat Dad das eingerichtet?«
»Ich weiß nicht, aber es muss einen Grund geben, dass Quasar uns das zeigen wollte.« Kosh zog die Schubladen der Kommode auf. Die erste war leer, aber in der zweiten lagen drei seltsame Gegenstände.
»Sind das etwa Blätter?« Bitsy nahm einen kleinen aus Birkenholz gefertigten Kamm heraus. Seine Oberfläche war aus blättriger weißer Birkenrinde, und aus dem Rücken sprossen frische Blätter, als wäre das Holz noch am Leben. »Wie kann das noch wachsen? Hier drin gibt es weder Licht noch Wasser.«
Kosh untersuchte einen anderen Gegenstand — einen kompliziert verknäuelten hölzernen Schlüssel an einer langen Goldkette. Er bestand aus rohen, knotigen Pflanzenwurzeln voller frischer Schösslinge. Die Reite, an der man den Schlüssel hielt, war geformt wie ein großes E. »Auch der komische Schlüssel hier wächst noch. E wie Eric — er muss deinem Dad gehören.«
Bitsy fragte sich, was man mit diesem Schlüssel wohl aufschließen konnte. Er war viel zu groß für ein normales Schlüsselloch.
Der letzte Gegenstand war ein brauner tropfenförmiger Anhänger an einem schwarzen Band. Bitsys Herz machte einen Sprung, als sie ihn sah. »Der hat meiner Mum gehört! Auf alten Fotos sieht man, wie sie ihn trägt.« Sie hob ihn hoch und bemerkte, dass der Anhänger in verschiedenen Farben aufleuchtete, wenn sie ihn berührte. »Er muss aus dem gleichen Stein bestehen wie der Füller meines Vaters. Vielleicht hat auch meine Mum damit Magicores heraufbeschworen …« Dass auch ihre Mutter Geheimnisse gehabt hatte, von denen Bitsy nichts wusste, versetzte ihr einen leichten Stich im Herzen.
Sie steckte den Anhänger in die Tasche, legte die anderen Gegenstände wieder in die Kommode und suchte weiter.
Die restlichen Schubladen waren leer, mit Ausnahme der untersten. Darin wurde ein großes, altes, in Leder gebundenes Buch mit vergilbten Seiten aufbewahrt. Bitsy hob es heraus und legte es oben auf die Kommode. Der braune Einband war voller Wasserflecke und teils von Feuer versengt, und über den Buchrücken zogen sich drei Risse, die verdächtig nach Spuren scharfer Krallen aussahen. Wie bei dem Kamm und dem Schlüssel ragten kleine grüne Sprossen aus dem Kapitelband, als würden die Seiten von einer lebenden Pflanze zusammengehalten. Auf dem Einband prangte in goldenen Lettern ein einziges Wort: MAGICALIA.
»Die Frau, die meinen Dad entführt hat, suchte doch nach einem Buch«, meinte Bitsy mit einem nervösen Blick zu Kosh. »Das hier könnte es sein.«
Voller Neugierde schob sie die Finger unter den Einband, und als sie ihn anhob, hörte sie die Seiten leise knistern. Der Vorsatz war mit einer detaillierten Weltkarte in gedämpften Grün- und Blautönen bedruckt. Darüber standen in schwungvoller Schreibschrift die Worte CARTA MAGICORIA und die Jahreszahl 1676. Bitsy hatte in Museen schon andere alte Karten gesehen, aber diese hier war anders. Die Ozeane und Landflächen waren übersät mit Darstellungen seltsamer Lebewesen, die mit winzigen roten Buchstaben bezeichnet waren.
»Magicores«, sagte Kosh voller Bewunderung. Mit zusammengekniffenen Augen entzifferte er eine Beschriftung in der Ecke oben links. »Unter jedem steht der Artname und die Ursprungsemotion. Sagte dein Dad nicht, Magicores würden aus emotionaler Energie heraufbeschworen? Ursprungsemotion könnte doch genau das bedeuten — eine Emotion, aus der eine Art heraufbeschworen wird.«
Es gab so viele verschiedene Arten, dass Bitsy gar nicht wusste, wo sie anfangen sollte. Beim Überfliegen sah sie einen gewaltigen Grolliath mit flammenden Hufen, der aus Wut heraufbeschworen wurde; einen geisterhaften Flabbergraus, dessen Ursprungsemotion offenbar Überraschung war, und ein zwergenhaftes, aus Ungeduld heraufbeschworenes Proxiwig. Sie deutete auf eine silberne Raupe, die über Brasilien schwebte. »Das hier sieht genauso aus wie Quasar — ein Wegwurm, der aus Verwirrung entsteht.«
Zwischen Koshs Augenbrauen bildete sich eine tiefe Furche. »Quasar wirkte tatsächlich ziemlich verwirrt. Es sauste ziellos herum, als wäre es völlig ohne Orientierung, und sein Körper bestand aus Nebel — genauso fühlt sich das Gehirn an, wenn man verwirrt ist.«
»Du hast recht«, pflichtete ihm Bitsy bei. »Vielleicht sind Magicores ihren Ursprungsemotionen ja irgendwie ähnlich? Das Hamstozeros kam mir ziemlich gierig vor — wie es alles an sich riss, als würde es einen unbändigen Drang dazu verspüren.«
Kosh tippte auf die Jahreszahl oben auf der Karte. »Wenn diese Karte tatsächlich 1676 gezeichnet wurde, dann muss es Magicores schon seit fast dreihundertfünfzig Jahren geben. Warum also haben wir noch nie von ihnen gehört?«
»Mein Dad wüsste wahrscheinlich die Antwort«, sagte Bitsy tonlos. Dass er so etwas Ungeheures vor ihr verschwiegen hatte, war wirklich eine bittere Pille, die sie schlucken musste. Eigentlich hätte sie ihn am liebsten sofort mit Fragen bombardiert, aber zunächst einmal war sie einfach nur enttäuscht, dass er sie nie in diese Dinge eingeweiht hatte. Gab es vielleicht noch mehr, was er ihr nicht gesagt hatte?
Doch die Fragen mussten warten. Zuerst mussten sie ihn finden!
Sie blätterte weiter zum Anfang von Magicalia. Auf der ersten Seite war folgender Abschnitt abgedruckt:
HINWEIS AN ALL JENE, DIE DIES LESEN:
Magicalia ist der Name eines Reichs von Organismen, die man Magicores nennt. Diese außergewöhnlichen Kreaturen teilen zwar gewisse Fähigkeiten, doch besitzt eine jede Art ihre eigene Gabe. Man unterscheidet sechs Typen, die an der Augenfarbe des jeweiligen Magicores zu erkennen sind:
Waffenmeister-Magicores haben rote Augen und verfügen über eine bemerkenswerte körperliche Fähigkeit.
Hellseher-Magicores mit weißen Augen sind in der Lage, die Gedanken anderer zu beeinflussen.
Elemental-Magicores verfügen über blaue Augen und können eine bestimmte Kraft, Energie oder ein Element kontrollieren.
Metamorph-Magicores haben gelbe Augen und ein Talent für Verwandlungen.
Weber-Magicores sind grünäugig und können erstaunliche Gegenstände erschaffen.
Jäger-Magicores haben violette Augen und sind sehr geschickt darin, bestimmte Dinge aufzuspüren.
Die Leser seien gewarnt, dass sie Magicores stets auf eigenes Risiko heraufbeschwören. Der Herausgeber übernimmt keine Haftung für Verletzungen, Verlust von Gliedmaßen oder Todesfälle, die sich aus den in diesem Buch enthaltenen Informationen ergeben.
Bitsy warf Kosh einen besorgten Blick zu, bevor sie umblätterte. Oben auf der folgenden Seite prangte ein großes in Gold geprägtes A. Darunter folgte eine alphabetische Auflistung von Magicores gemäß ihrer Ursprungsemotion:
A
Aufregung
HAFFLAFF
[Waffenmeister, Gamma-Level]
Das Hafflaff ist ein extrem unruhiges Magicore mit einem flachen, rechteckigen Körper, der erschlafft, wenn das Hafflaff sich fürchtet. Seine Augen, Ohren, Nase und Mund befinden sich auf der glatten, rosafarbenen Unterseite; sein Rücken ist mit borstigem grauen Haar bedeckt. Das Hafflaff ist ein eleganter Flieger, selbst mit schwerer Last auf dem Rücken. Wegen seiner Ruhelosigkeit bleibt es nie lange am selben Ort.
Bitsy blätterte weiter:
E
Erstaunen
LORPEL
[Jäger, Beta-Level]
Das nachtaktive Lorpel ist ein pelziges Wesen von etwa sechs bis zehn Kilogramm. Es ist leise, bewegt sich langsam und besitzt lange Arme und Beine. Von allen Magicore-Arten besitzt das Lorpel die größten Augen, und diese durchdringen selbst massivste Stoffe wie Blei. Wie alle Jäger-Arten verfügt es über einen ausgezeichneten Spürsinn und besitzt eine besondere Gabe für das Auffinden von Wissen und Informationen. Es heißt, dass sich wilde Lorpel gern auf Hügeln mit schöner Aussicht versammeln.
V
Vergnügen
HIX
[Hellseher, Alpha-Level]
Das Hix ist immer für einen Spaß zu haben. Auffallend ist sein äußerst kitzeliges Haar, das bis zu einem halben Meter lang werden kann. Es erreicht ein Gewicht von drei bis sechs Kilogramm und eine Breite von etwa einer Handspanne. Es ist kugelrund, bewegt sich rollend fort und erreicht dabei hohe Geschwindigkeiten. Hat das Hix jemanden einmal zum Lachen gebracht, dann kann es ihn zumindest vorübergehend von allem überzeugen. Seine Fellfarbe variiert zwischen Tieforange, Rot und Gold.
»Das ist wie eine Enzyklopädie aller Magicore-Arten«, bemerkte Bitsy. »Ich frage mich nur, was die verschiedenen Levels bedeuten.«
Kosh kratzte sich unter seiner Mütze. »Vielleicht hat es damit zu tun, wie mächtig die verschiedenen Arten sind, oder wie schwierig heraufzubeschwören? Wir sollten mal unter »Gier« nachsehen, ob da etwas über das Hamstozeros steht. Vielleicht erfahren wir ja etwas über Erics Entführerin.«
Genau in diesem Moment raschelte Magicalia. Ein ganzer Stoß von Seiten wurde umgeblättert, als wäre ein Windhauch hineingefahren, ohne dass Bitsy die geringste Luftbewegung gespürt hätte.
»Oookay …«, murmelte Kosh. »Träume ich, oder hat sich Magicalia eben von selbst umgeblättert?«
Bitsys Haut kribbelte, als sie sah, dass die Enzyklopädie nun bei dem Eintrag für »Gier« aufgeschlagen war. »Ich glaube, du hast recht«, pflichtete sie bei. »Schau nur, was hier steht — es ist, als hätte das Buch gehört, was wir sagen.«
Halb erschrocken und halb verwundert wandte sie sich dem Eintrag zu.
Gier
GROBBEL
[Jäger, Gamma-Level]
Mit einem Gewicht von hundert bis zweihundert Kilogramm wirken Grobbel wie riesige, stämmige Nager mit runden Ohren und langen Schnurrhaaren. Ihr dichtes Fell isoliert hervorragend, und das Horn über ihrer Schnauze kann sogar Stahl durchdringen. Sie besitzen die besondere Gabe, Gold zu finden, und spüren Lagerstätten dieses Elements auch aus Entfernungen von weit über einem Kilometer auf. Im Gegensatz zu anderen Jäger-Magicores gewinnen Grobbel Informationen, indem sie umliegende Gegenstände fressen. Von allen Magicores haben sie die robusteste Konstitution, und es wurde beobachtet, dass sie das zweifache ihres Körpergewichts in ihren überaus dehnbaren Backentaschen verstauen.
Bitsy konnte gar nicht glauben, was sie gerade gelesen hatte. Das Grobbel alias das Hamstozeros hatte die Gegenstände in ihrem Haus gefressen, um Informationen zu sammeln. Eine interessante Art, Neues zu lernen, keine Frage — obwohl sie keine besondere Lust verspürte, sich durch das Chemielabor der Schule zu fressen, um mehr über den Aufbau der Atome zu erfahren. Bitsy strich mit dem Finger über die Seite und las den Abschnitt noch einmal. »Wenn Grobbel tatsächlich so gut im Aufspüren von Gold sind, dann ist das hier wahrscheinlich tatsächlich das Buch, das Dads Entführerin haben wollte. Auf manchen Buchseiten ist Blattgold verwendet worden, und genau das wollte sie wahrscheinlich durch das Grobbel aufspüren lassen.«
Bitsy zog ihr Notizbuch aus der Tasche. Wenn sie ihren Vater retten wollte, dann musste sie mehr über die Frau erfahren, die ihn gekidnappt hatte: Wer war sie, was wollte sie, und wo hatte sie ihn hingebracht?
Während sie ihre Fragen aufschrieb, guckte Kosh noch einmal in die unterste Schublade der Kommode. »He, schau mal. Da ist noch was drin.«
Er brachte einen kleinen braunen Umschlag zum Vorschein, der an Eric Wilder adressiert und bereits geöffnet war. Bitsy legte das Notizbuch weg, nahm Kosh den Umschlag aus der Hand und zog ein dickes Blatt Papier heraus. Es handelte sich um ein kurzes Schreiben, oben im Briefkopf das Emblem einer von silbernen Sternen umringten Galeone:
Die Kanzlerin
Europäische Akademie für Heraufbeschwörung
3. Januar 2024
Sehr geehrter Mr Wilder,
es ist meine Pflicht, Sie gemäß der Statuten von 1889 davon in Kenntnis zu setzen, dass sich jede Person mit mindestens einem der Heraufbeschwörung fähigen Elternteil mit Vollendung des zwölften Lebensjahrs bei ihrer nächstgelegenen Akademie für Heraufbeschwörung einem kosmodynamischen Test zu unterziehen hat.
Meinen Unterlagen zufolge wird Ihre Tochter, Miss Elizabeth Wilder, am 26. Juli dieses Jahres ihr zwölftes Lebensjahr vollenden. Daher möchte ich Elizabeth mit Ihrer Einwilligung dazu einladen, sich am 27. Juli d. J. hier zu einem kosmodynamischen Test einzufinden. Aus diesem wird sich ergeben, ob Ihre Tochter eine Begabung für das Heraufbeschwören von Magicores besitzt. Falls die Untersuchung positiv ausfällt, wird sie eingeladen, sich ab dem Sommersemester an der Akademie für das Studium des Heraufbeschwörens einzuschreiben.
Ich habe auch Elizabeths Kosmodiologin Miss G. Greynettle, Andromeda Way 7, brieflich über diese Einladung in Kenntnis gesetzt.
Sie dürfen mich gerne kontaktieren, falls Sie die Angelegenheit näher zu besprechen wünschen.
Mit freundlichen Grüßen
Edith Hershel, Kanzlerin
Als Bitsy zu Ende gelesen hatte, zitterten ihre Hände. »Kosh, da geht es um mich. Sie laden mich ein zu einem Test an irgendeiner Schule, um herauszufinden, ob ich genau wie mein Dad Magicores heraufbeschwören kann.«
»Das meinen sie mit Akademie?«, fragte er, denn er hatte über ihre Schulter mitgelesen. »Eine Schule?«
Sie nickte, den Blick auf den Brief gerichtet. Alles hatte sie erwartet, aber nicht, dass dies etwas mit ihr zu tun haben könnte. Aber warum hatte ihr Vater nichts gesagt? »Der Brief ist von Januar. Mein Dad hat ihn also schon vor drei Monaten bekommen …«
»Vielleicht wollte er es dir ja erzählen, aber irgendetwas ist dazwischengekommen?«, schlug Kosh vor. Mit gerunzelter Stirn überflog er den ersten Absatz. »Hast du eine Ahnung, wer die andere Person ist? Diese Miss G. Greynettle?«
Bitsy schüttelte den Kopf. Kosmodiologin hörte sich wie eine Berufsbezeichnung an, aber das Wort war ihr nie begegnet.
Kosh holte sein Mobiltelefon hervor und googelte die Adresse. Glücklicherweise gab es nur einen Treffer. »Andromeda Way liegt in Kensington, Bezirk West London.«
»Das ist nur ein paar Stunden von hier«, überlegte Bitsy. »Wir sollten uns das ansehen. Es ist die einzige Spur, die wir haben.«
»Stimmt, aber einen Zug nach London erwischen wir heute nicht mehr«, sagte Kosh mit einem Blick auf die Uhr. »Dann müssen wir gleich morgen früh los.«
Bitsys Magen zog sich zusammen. Sie wollte nicht bis morgen warten, sondern sofort mit der Suche nach ihrem Vater beginnen. Sie sah Kosh in die Augen.
»Also schön, starten wir morgen früh. Aber bist du dir sicher, dass du mitkommen willst? Es könnte gefährlich werden.«
Kosh machte ein entschlossenes Gesicht. »Ich sagte dir doch, wo immer diese Frau deinen Dad hingebracht hat — wir werden ihn gemeinsam finden. Auch für mich ist er wie ein Teil der Familie, und ich habe nicht vor, dich ihn ohne mich retten zu lassen.« Rasch schob er nach: »Außerdem wird es wohl kaum gefährlicher sein als das Mensaessen in der Schule, und das riskiere ich Tag für Tag.«
Bitsy lachte. Irgendwie schaffte es Kosh auch noch in den schwierigsten Situationen, ihre Stimmung aufzuhellen.
Sie steckte ihr Notizbuch wieder in die Tasche, klemmte sich Magicalia und den Brief unter den Arm und verließ die geheime Kammer. Bei dem Haufen, den das Grobbel erbrochen hatte, blieb sie stehen und zog den Morgenmantel ihres Vaters heraus. Er hatte ihn noch in der Früh getragen, als er ihr Frühstück gemacht hatte. Sie rief sich in Erinnerung, wie er in der Küche gestanden hatte, mit einer Hand ein Glas Orangensaft eingoss und gleichzeitig mit der anderen eine Brotscheibe in den Toaster steckte. Obwohl der Mantel voller Grobbel-Sabber war, presste sie ihn fest an sich. Er roch immer noch nach ihm — nach Bleistiftspänen und Rasierwasser.
Halte durch, Dad. Wir kommen.
Es war noch früh am Morgen, aber die Reihe der Designercafés und Edelboutiquen auf der Kensington High Street brummte schon vor Geschäftigkeit. Die Angestellten deckten eifrig Tische oder saugten die Teppichböden, während die Bewohner der Gegend mit ihren Hunden vorbeischlenderten. Schon sorgten der dichte Verkehr und die vielen Baustellen für durchdringenden Lärm.
Als Bitsy mit Kosh an den Schaufenstern vorbeiging, versuchte sie, ihren Ärger über all die Fragen, die unbeantwortet in ihrem Kopf herumschwirrten, herunterzuschlucken. Während der Zugfahrt hatten sie und Kosh Magicalia durchforstet und dem Buch eine Menge Fragen gestellt — wo befand sich ihr Dad? Wer war Miss G. Greynettle? Was bedeutete Kosmodiologin? Aber das Buch hatte geschwiegen. Entweder hörte es ihnen nicht mehr zu, oder es kannte die Antworten nicht, die sie brauchten.
Kosh blickte auf sein Handy und deutete dann auf eine Allee aus dicht belaubten Kastanienbäumen in der Ferne. »Dort beginnen die Kensington Gardens. Zur Andromeda Way müssen wir dann nach rechts abbiegen. Zu Fuß noch zwölf Minuten.«
Bis jetzt war die Reise sehr einfach gewesen: mit dem Bus von Oddingham zum Bahnhof, dann mit dem Schnellzug nach London und mit der U-Bahn bis High Street Kensington. Bitsy hatte den Geldbeutel ihres Vaters dabei und bezahlte alles mit seiner Kreditkarte; sie vermutete, er würde nichts dagegen haben — unter den gegebenen Umständen. Sie schob die Hand in ihre Umhängetasche, um sich zu vergewissern, dass Magicalia immer noch da war, zusammen mit dem Füllfederhalter ihres Vaters und dem tropfenförmigen Anhänger ihrer Mutter. Den Brief von Kanzlerin Hershel hatte sie neben ihrem Notizbuch in die Jackentasche gesteckt. Der hölzerne Kamm und der Schlüssel lagen zu Hause, verborgen in der geheimen Kammer. »Angenommen, wir finden Miss G. Greynettle unter dieser Adresse, dann sollten wir ihr besser nicht von Magicalia und den anderen Sachen erzählen, die wir entdeckt haben, finde ich«, sagt Bitsy. »Jedenfalls nicht, bis wir uns sicher sind, dass wir ihr vertrauen können.«
»Verstanden«, antwortete Kosh.
Bitsy strich mit den Fingern über den Füller ihres Vaters und fragte sich, ob der — wo immer er sich auch befand — ihn nicht vielleicht gerade dringend brauchte. Hoffentlich nicht.
Sie bogen von der Hauptstraße ab und folgten ein paar Nebenstraßen bis zu einer grob gepflasterten Gasse mit bescheidenen Reihenhäusern. Alles wirkte unauffällig und ruhig — nicht wie ein Ort, an dem man erwartet hätte, dass jemand wohnte, der mit Magicores zu tun hatte.
»Das hier ist es.« Kosh blieb vor einem schäbigen kleinen Gebäude mit rissigem Rauputz stehen. Mehrere Dachziegel fehlten, und ein Loch in der Dachrinne war mit Klebeband und Schnur notdürftig geflickt. Die weiß lackierte Eingangstür hatte einen Klopfer aus Messing, geformt wie ein Wappenschild mit einer Lilie darauf.
Bitsy atmete einmal tief durch und versuchte sich zu konzentrieren, als sie auf die Tür zuging. Jetzt würde sie hoffentlich endlich etwas darüber erfahren, warum ihr Vater entführt worden war und wie sie ihn retten konnten. Sie hob die Hand und betätigte den Türklopfer. Nach einigen Sekunden huschte hinter der Glasscheibe ein Schatten vorüber.
»Einen Augenblick!«, war eine lebhafte, hohe Stimme zu vernehmen.
Einige Male klickte und schabte es, als würden mehrere Schlösser geöffnet. Dann schwang knarrend die Tür auf, und zum Vorschein kam eine stämmige Frau in langärmeliger Bluse und Trägerkleid.
»Ja?«, fragte sie und lächelte. Sie hatte funkelnde haselnussbraune Augen, olivfarbene Haut, und auf ihrem Kopf türmten sich silberne Locken in einem schwankenden, offenbar mit einem Essstäbchen festgesteckten Dutt. Um ihre Augen und ihren Mund zogen sich tiefe Falten.
Betsy kniff kurz die Augen zusammen. »Sind Sie Miss G. Greynettle?«
»Die bin ich.« Miss Greynettle runzelte die Stirn. »Und wer seid ihr beiden?«
Bitsy bemühte sich, die Nerven zu behalten, und zog den Brief von Kanzlerin Hershel hervor. »Ich bin Bitsy, und das ist mein Freund Kosh. Wir haben Ihre Adresse aus diesem Brief. Dort steht, Sie seien meine … Kosmodiologin?«
Miss Greynettles Mund zog sich zu einem kleinen »O« zusammen. »Elizabeth Wilder? Weiß dein Vater, dass du hier bist?«
»Nein«, antwortete Bitsy und war erleichtert, dass die Frau wenigstens wusste, wer sie war. »Genau deswegen sind wir ja hier. Er ist entführt worden, und wir brauchen Ihre Hilfe.«
»Entführt?« Miss Greynettle geriet sichtlich ins Wanken. »Kommt besser herein. Schnell.«
Sie schob die beiden in eine zugige Diele mit abgewetzten Teppichen und schloss hinter ihnen die Tür. Es roch überraschend sauber, nach frischer Bettwäsche.
»Dein Vater hat gar nicht erzählt, dass du Bitsy genannt wirst«, murmelte sie und bedeutete beiden, die Schuhe auszuziehen. »Ihr dürft gerne Giverna zu mir sagen.«
