Magisterium - Cassandra Clare - E-Book

Magisterium E-Book

Cassandra Clare

4,4
6,99 €

Beschreibung

Nachdem Call und seine Freunde unter Einsatz ihres Lebens den Feind des Todes abgewehrt haben, richtet das Magisterium eine Party für sie aus. Statt zu feiern, muss Call jedoch den Angriff eines Chaosbesessenen abwehren. Eigentlich sollte das Wesen im Verließ unter der Schule festsitzen, doch irgendjemand hat es herausgelassen. Es muss im Magisterium jemanden geben, der Call töten will. Oder sind vielleicht sogar beide Makaris in Gefahr? Die Freunde setzen alles daran, um dem Spion in den eigenen Reihen auf die Schliche zu kommen - und bemerken fast zu spät, wer es ist, dem sie auf gar keinen Fall vertrauen dürfen ...

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 331

Bewertungen
4,4 (60 Bewertungen)
39
6
15
0
0



Inhalt

CoverTitelImpressumWidmungErstes KapitelZweites KapitelDrittes KapitelViertes KapitelFünftes KapitelSechstes KapitelSiebtes KapitelAchtes KapitelNeuntes KapitelZehntes KapitelElftes KapitelZwölftes KapitelDreizehntes KapitelVierzehntes KapitelFünfzehntes KapitelSechzehntes Kapitel

Holly Black & Cassandra Clare

Der Schlüssel aus Bronze

Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch von Anne Brauner

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

Dieser Titel ist auch als Hörbuch erschienen Titel der englischsprachigen Originalausgabe: »Magisterium – The Bronze Key« Für die Originalausgabe: Copyright © 2016 by Holly Black and Cassandra Clare LLG Für die deutschsprachige Ausgabe: Copyright © 2016 by Bastei Lübbe AG, Köln Umschlaggestaltung: FAVORITBUERO, München Umschlagmotiv: FAVORITBUERO, München, unter Verwendung von Motiven von © shutterstock/Hein Nouwens; © shutterstock/akiyoko; shutterstock/microvector E-Book-Produktion: Dörlemann Satz, Lemförde ISBN 978-3-7325-2938-4

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

 

Für Jonathan Lowell Churchill,der vielleicht der böse Zwilling ist

ERSTES KAPITEL

Call nahm die letzten Feineinstellungen an seinem Roboter vor und sandte ihn dann direkt in den »Ring« – einen mit blauer Kreide umrissenen Bereich auf dem Garagenboden. Das war die Kampfzone für die Roboter, die Aaron und er mühevoll mit Autoersatzteilen, Metallmagie und viel Paketband gebastelt hatten. Auf dem mit Benzin getränkten Betonboden würde einer der beiden Roboter tragisch in Stücke gerissen werden, während der andere den Sieg davontrug. Der eine war dem Aufstieg, der andere dem Niedergang geweiht. Aarons Roboter tuckerte vorwärts, stieß einen Arm nach vorn, schwankte und riss Calls Roboter den Kopf ab. Funken stoben.

»Voll unfair!«, schrie Call.

Aaron antwortete mit einem Schnauben. Er hatte einen Schmutzstreifen auf der Wange, und seine Haare standen hoch, nachdem er sie frustriert zerwühlt hatte. Die erbarmungslose Sonne von North Carolina hatte ihm einen Sonnenbrand auf der Nase und Sommersprossen beschert. Er hatte keinerlei Ähnlichkeit mehr mit dem eleganten Makar, der den vergangenen Sommer auf Gartenpartys verbracht und mit langweiligen Wichtigtuern gepflegte Unterhaltung betrieben hatte.

»Tja, ich kann offenbar besser Roboter bauen als du«, sagte Aaron lässig.

»Ach ja?«, entgegnete Call und konzentrierte sich. Schließlich bewegte sich sein kopfloser Roboter vorwärts, erst langsam, dann, von der Metallmagie wiederbelebt und beflügelt, immer schneller. »Und was ist damit?«

Calls Roboter hob den Arm, aus dem Feuer wie Wasser aus einem Schlauch schoss, und besprühte Aarons Roboter mit Flammen. Sein Gegenspieler rauchte plötzlich am ganzen Körper, und obwohl Aaron zum Löschen Wassermagie beschwor, kam jede Hilfe zu spät. Das Paketband brannte lichterloh, und sein Roboter löste sich in einen Haufen rauchender Einzelteile auf.

»Krass!«, jubelte Call, der den Rat seines Vaters, sich als großzügiger Gewinner zu erweisen, in den Wind schlug. Mordo, Calls chaosbesessener Wolf, schreckte aus dem Schlaf hoch, als ein Funke sein Fell traf. Er bellte aus vollem Hals.

»Hey!«, schrie Calls Vater Alastair; er kam aus dem Haus und sah sich mit wildem Blick um. »Nicht so nah an meinem Auto! Das habe ich gerade erst repariert.«

Call reagierte entspannt auf den Vorwurf. Er fühlte sich schon den ganzen Sommer ziemlich locker und hatte sogar aufgehört, Kriegstreiberpunkte an sich selbst zu verteilen. Alle gingen davon aus, dass der Feind des Todes, Constantine Madden, tot war – besiegt von Alastair. Nur Aaron und Tamara, Calls eher widerstrebender Freund Jasper DeWinter und Calls Vater kannten die Wahrheit – nämlich, dass Call selbst der wiedergeborene Constantine Madden war, allerdings ohne dessen Erinnerungen und hoffentlich auch ohne seinen Hang zum Bösen.

Da alle Constantine für tot hielten und Calls Freunde kein Problem mit ihm hatten, war er aus dem Schneider. Aaron, der Makar, konnte wieder mit ihm herumblödeln, und bald würden sie alle gemeinsam ins Magisterium zurückkehren. Mittlerweile waren sie bereits Bronzeschüler, sodass sie sich mit richtig toller Magie befassen durften – zum Beispiel mit Kampfflüchen und Flugzauber.

Alles war besser als vorher. Alles war super.

Außerdem war Aarons Roboter ein qualmendes Wrack.

Wirklich, Call konnte sich kaum vorstellen, was noch besser werden könnte.

»Ich hoffe, ihr zwei denkt dran«, sagte Alastair, »dass heute Abend die Feier im Kollegium stattfindet. Ihr wisst schon – euch zu Ehren.«

Aaron und Call tauschten einen erschrockenen Blick. Selbstverständlich hatten sie das vergessen. Die Tage waren in einer verschwommenen Abfolge von Skateboardfahren, Eisessen, Filmegucken und Videospielen verstrichen, und sie hatten vollkommen verdrängt, dass das Magierpräsidium ein Fest im Kollegium gab. Sie wollten feiern, dass der Feind des Todes nach einem kalten Krieg, der dreizehn Jahre gedauert hatte, endgültig besiegt worden war.

Das Präsidium hatte fünf Ehrengäste erkoren: Call, Aaron, Tamara, Jasper und Alastair. Zu Calls großer Überraschung hatte Alastair zugesagt – solange Call sich erinnern konnte, hatte Alastair das alles gehasst, die Magie, das Magisterium und überhaupt alles, was mit den Magiern zu tun hatte. Call hatte ihn im Verdacht, dass er nur mitkam, um zu erleben, wie das Präsidium Call applaudierte und wie alle bekräftigten, dass Call zu den Guten gehörte. Dass er ein Held war.

Call musste schlucken, so nervös war er auf einmal. »Ich habe überhaupt nichts anzuziehen«, sagte er.

»Ich auch nicht.« Aaron wirkte überrumpelt.

»Aber Tamaras Familie hat dir letztes Jahr so viele schicke Sachen gekauft«, protestierte Call. Tamaras Eltern hatten es so spannend gefunden, dass ihre Tochter mit einem Makar befreundet war, einem der wenigen Magier, die Chaosmagie bewirken konnten, dass sie Aaron praktisch adoptiert hatten. Sie hatten ihn zu sich eingeladen und viel Geld für Friseure, Kleidung und Partys ausgegeben.

Call konnte immer noch nicht verstehen, warum Aaron diesen Sommer mit ihm und nicht mit den Rajavis verbrachte, doch Aaron hatte darauf bestanden.

»Das ist mir alles zu klein«, antwortete Aaron. »Ich habe nur noch Jeans und T-Shirts.«

»Darum gehen wir jetzt shoppen, Jungs.« Alastair ließ die Autoschlüssel klimpern. »Los geht’s.«

»Tamaras Eltern sind mit mir zu Brooks Brothers gefahren«, sagte Aaron, als sie zur Sammlung von Alastairs restaurierten Autos gingen. »Das war schon komisch.«

Call musste grinsen, als er an das Mini-Einkaufszentrum in seinem Ort dachte. »Dann mach dich auf was gefasst; komisch wird es gleich auch«, sagte er. »Eine Zeitreise, nur ohne Magie.«

»Ich glaube, dagegen bin ich allergisch«, sagte Aaron. Er stand vor dem Ganzkörperspiegel im hinteren Teil von JL Dimes. Hier gab es einfach alles – von Traktoren über Kleidung bis zu preiswerten Spülmaschinen. Alastair kaufte dort seine Overalls für die Werkstatt. Call konnte den Laden nicht ausstehen.

»Sieht doch gut aus«, sagte Alastair, der auf ihrem Rundgang durchs Einkaufszentrum einen Staubsauger aufgegabelt hatte, den er nun genauer in Augenschein nahm. Vermutlich wollte er herausfinden, ob sich etwas davon als Ersatzteil verwenden ließ. Er hatte auch schon ein Jackett gekauft, das er gar nicht erst anprobiert hatte.

Aaron musterte sich erneut in dem alarmierend glänzenden grauen Anzug. Die Hosenbeine krumpelten sich um die Knöchel, und die Jackenaufschläge erinnerten Call an Haifischflossen.

»Okay«, sagte Aaron unsicher. Er war sich immer bewusst, dass alles, was man ihm kaufte, geschenkt war. Er hatte weder Geld noch Eltern, die ihm etwas spendieren konnten. Aaron war stets die Dankbarkeit in Person.

Aarons und Calls Mütter waren gestorben. Aarons Vater lebte noch, doch Aaron wollte für sich behalten, dass er im Gefängnis saß. Call fand das nicht so schlimm, aber das lag wahrscheinlich daran, dass sein eigenes Geheimnis viel schwerer wog.

»Also, ich weiß nicht, Dad«, sagte Call mit einem kritischen Blick in den Spiegel. Er trug einen Anzug aus dunkelblauem Polyester, der unter den Armen spannte. »Das passt irgendwie alles nicht.«

Alastair seufzte. »Ein Anzug ist ein Anzug. Aaron wird schon noch hereinwachsen und du … du probierst am besten noch einen anderen an. Wir wollen nichts kaufen, das nur einen Abend lang passt.«

»Ich mache ein Foto«, sagte Call und holte sein Handy aus der Tasche. »Tamara soll uns beraten. Sie weiß bestimmt, was man zu einer steifen Magierveranstaltung anzieht.«

Es klickte, als Call ihr das Foto schickte. Kurz darauf simste sie zurück: Man könnte meinen, Aaron wäre ein geschrumpfter Gauner und du wärst einer katholischen Grundschule entsprungen.

Aaron las über Calls Schulter mit und zuckte zusammen.

»Und?«, fragte Alastair. »Wir könnten die Beine mit Paketband abkleben, dann passt das schon.«

»Oder wir fahren zu einem anderen Laden und blamieren uns nicht vor dem versammelten Präsidium.«

Alastair sah von Call zu Aaron und willigte seufzend ein. Dann gab er den Staubsauger zurück. »Meinetwegen, fahren wir.«

Alle waren erleichtert, als sie das stickige überhitzte Einkaufszentrum verließen. Nach einer kurzen Autofahrt standen Call und Aaron vor einem Secondhandladen, in dem es allen möglichen alten Kram gab, von Zierdeckchen über Frisiertische bis zu Nähmaschinen. Call war mit seinem Vater schon einmal dort gewesen und erinnerte sich an die Besitzerin Miranda Keyes, die für die Mode früherer Epochen schwärmte. Sie trug selbst nichts anderes, ohne Rücksicht auf die Farbzusammenstellung oder einen bestimmten Stil. Da konnte es schon mal vorkommen, dass sie in einem Tellerrock, mit GoGo-Stiefeln und einem paillettenbesetzten Tanktop, das als Motiv wütende Katzen zeigte, durch die Stadt lief.

Von all dem wusste Aaron nichts. Als er sich mit einem zögerlichen Lächeln umschaute, wurde Call unruhig. Das würde noch schlimmer enden als im JL Dimes. Es hatte ja ganz lustig begonnen, doch allmählich wurde ihm übel von dieser Aktion. Er wusste, dass sein Vater als »exzentrisch« galt – ein beschönigendes Wort für »wunderlich« – und es war ihm eigentlich auch egal, doch es war nicht gerecht, dass nun auch Aaron »exzentrisch« eingekleidet werden sollte. Was, wenn Miranda nur rote Samtsmokings oder noch etwas Schlimmeres auf Lager hatte?

Es reichte schon, dass Aaron den ganzen Sommer über Limonade aus löslichem Pulver hatte trinken müssen, statt aus frisch gepressten Zitronen wie bei Tamara. Außerdem musste er auf einer Pritsche schlafen, die Alastair in Calls Zimmer gestellt hatte, und durch einen Wassersprenger laufen, den Alastair aus einem Gartenschlauch gebastelt hatte, in den er mit dem Messer Löcher gebohrt hatte. Ganz zu schweigen von dem Müsli, das es zum Frühstück gab, nachdem er bei Tamara alles nach Wunsch beim Koch bestellen konnte. Wenn Aaron sich bei der Ehrung blamierte, gab ihm das vielleicht den Rest, und Call würde den Kampf, sein bester Freund zu sein, endgültig verlieren.

Alastair stieg aus. Und Call schwante nichts Gutes, als er ihm und Aaron folgte.

Die Anzüge hingen an der Rückseite des Ladens hinter einigen Tischen, auf denen Blechblasinstrumente und eine Jadeitschale mit verrosteten Schlüsseln standen. Es sah hier fast genauso aus wie in Alastairs eigenem Geschäft Now and Again, außer dass an der Decke Mäntel mit Pelzkragen und Seidenschals hingen, während sich Alastair mehr auf klassische Antiquitäten spezialisiert hatte. Miranda kam von hinten und erzählte Alastair, was sie alles bei Brimfield – einem riesigen Antiquitätenaussteller weiter nördlich – gekauft hatte und wen sie dort alles getroffen hatte. Call fühlte sich immer unwohler.

Als Alastair endlich dazu kam, ihr zu sagen, was sie brauchten, musterte sie die beiden Jungen mit einem scharfen professionellen Blick, als würde sie durch sie hindurchsehen und etwas anderes entdecken. Alastair wurde die gleiche Behandlung zuteil, ehe Miranda nachdenklich im rückwärtigen Teil des Ladens verschwand.

Aaron und Call machten sich einen Spaß daraus, den Laden nach dem schrägsten Kleidungsstück zu durchsuchen. Als Miranda summend mit einem Stapel Anziehsachen wiederkam, die sie auf den Tresen legte, hatte Call einen Pullover aus zusammengeklebten Lutschern ausgegraben, während Aaron einen Wecker in Gestalt von Batman entdeckt hatte. Wenn man draufdrückte, erschien die Schrift WAKE UP, WONDER BOY.

Als Erstes zog Miranda ein Smokingjackett für Alastair aus dem Haufen. Es war aus Satin mit einem feinen dunkelgrünen Muster und hellem Seidenfutter und wirkte zwar alt und schräg, aber kein bisschen peinlich.

»So«, sagte Miranda und zeigte auf Call und Aaron. »Jetzt seid ihr an der Reihe.«

Sie reichte jedem von ihnen einen gefalteten Leinenanzug; Aarons war in Cremetönen gehalten, und Calls war taubengrau.

»Passend zu euren Augen«, sagte Miranda zufrieden, nachdem Call und Aaron die Anzüge über ihre Shorts und T-Shirts gezogen hatten. Sie klatschte in die Hände und zeigte ihnen den Spiegel.

Call betrachtete sein Spiegelbild. Mode interessierte ihn eigentlich nicht, aber der Anzug passte und sah nicht komisch aus. Irgendwie wirkte er darin erwachsener. Bei Aaron war es auch so, zumal die hellen Farben ihre Sonnenbräune betonten.

»Braucht ihr das für einen besonderen Anlass?«, fragte Miranda.

»Könnte man sagen.« Alastair klang ebenfalls zufrieden. »Sie bekommen einen Preis, alle beide.«

»Für, äh, gemeinnützige Arbeit«, sagte Aaron. Er tauschte im Spiegel einen Blick mit Call, der das als Notlüge durchgehen ließ, obwohl gemeinnützige Arbeit normalerweise nichts mit abgetrennten Köpfen zu tun hatte.

»Fantastisch!«, rief Miranda. »Ihr seht beide unglaublich attraktiv aus.«

Attraktiv. So hatte Call sich noch nie gesehen. Aaron, ja, der sah gut aus, während Call zu klein war, humpelte und zu scharfe Züge hatte. Doch wer einem etwas verkaufen wollte, musste behaupten, dass man darin gut aussah. Kurz entschlossen machte er ein Foto von ihnen beiden im Spiegel und schickte es Tamara.

Sie antwortete eine Minute später. Cool. Sie hatte einen kurzen Clip angehängt, auf dem jemand staunend vom Stuhl fiel. Call musste lachen.

»Fehlt noch etwas?«, fragte Alastair. »Schuhe, Manschetten … so was?«

»Na ja, Hemden natürlich«, erwiderte Miranda. »Und ich habe schöne Krawatten im Sortiment …«

»Sie müssen mir nicht noch mehr kaufen, Mr Hunt«, sagte Aaron nervös. »Echt nicht.«

»Oh, mach dir deshalb keine Sorgen«, entgegnete Alastair erstaunlich gelassen. »Wir sind Kollegen, Miranda und ich. Das regeln wir über einen Tausch.«

Call sah Miranda an.

Sie lächelte. »Ich habe in deinem Laden eine gewisse viktorianische Brosche gesehen.«

Das schien Alastair zwar ein wenig aus der Bahn zu werfen, doch im nächsten Moment lachte er wieder. »Gut, dann nehmen wir aber wirklich auch Manschetten und Schuhe, wenn du welche hast.«

Als sie das Geschäft schließlich mit vollgepackten Tüten verließen, hatte Call ein gutes Gefühl. Zu Hause hatten sie gerade noch Zeit, zu duschen und die Haare aus dem Gesicht zu kämmen. Als Alastair aus seinem Zimmer kam, roch er nach einem uralten Rasierwasser und sah in seinem neuen Jackett und einer schwarzen Hose, die er offenbar in den Tiefen seines Kleiderschranks gefunden hatte, richtig gut aus. Er murmelte vor sich hin und suchte die Autoschlüssel, während Call seinen Vater kaum wiedererkannte, der normalerweise in Tweed- und Jeans-Overalls durchs Haus schlich und den ganzen Sommer über mit ihnen Roboter aus alten Ersatzteilen gebastelt hatte.

Er sah so fremd aus, dass Call allmählich überlegte, was ihnen eigentlich bevorstand.

In diesem Sommer hatte er sich einiges darauf eingebildet, dass der Feind des Todes für immer erledigt war. Constantine Madden war schon seit vielen Jahren tot gewesen und hatte einbalsamiert in einem unheimlichen Grab darauf gewartet, dass seine Seele seinem Körper wieder zugeführt würde. Doch da das niemand gewusst hatte, war die gesamte Magierschaft jederzeit darauf gefasst gewesen, dass Constantine den Dritten Magischen Krieg anzettelte. Alle Magier hatten erleichtert aufgeatmet, als Alastair den unumstößlichen Beweis seines Todes, den abgeschnittenen Kopf des Feindes, ins Magisterium gebracht hatte.

Doch sie wussten nicht, dass Constantines Seele weiterlebte – in Call. An diesem Abend würde die Versammlung aller Magier eigentlich dem Feind des Todes huldigen.

Obwohl Call nicht vorhatte, jemandem etwas zu tun, konnte der Dritte Magische Krieg tatsächlich erneut ausbrechen. Constantines stellvertretender Kommandeur, Master Joseph, hatte die Befehlsgewalt über Constantines chaosbesessenes Heer. Außerdem war er im Besitz des mächtigen Alkahest, womit er Chaosbeschwörer wie Aaron und Call vernichten konnte. Wenn er keine Lust mehr hatte zu warten, bis Call zu ihm überlief, ging er möglicherweise direkt zum Angriff über.

Als Call sich niedergeschlagen an den Küchentisch setzte, blickte Mordo, der darunter geschlafen hatte, mit seinen Wandelaugen zu ihm auf, als würde er seine Angst spüren. Das hätte Call trösten sollen, tatsächlich verstärkte es seine Sorgen eher.

Er hörte buchstäblich Master Josephs Stimme: Gut gemacht, Call, dass die Magier nun nicht mehr auf der Hut sind. Letztendlich kannst du deiner Natur nicht entkommen.

Er verbot sich diesen Gedanken. In den letzten Monaten hatte er sich bemüht, nicht ständig nach Anzeichen zu suchen, ob er nicht doch zu den Bösen überlief. Den ganzen Sommer über hatte er sich eingeschärft, dass er Callum Hunt war, der Sohn von Alastair Hunt, und dass er niemals die gleichen Fehler begehen würde wie Constantine Madden. Er war ein anderer Mensch. Wirklich.

Als Aaron kurz darauf aus Calls Zimmer kam, hatte er die blonden Haare sorgfältig gekämmt, sogar die Manschettenknöpfe glänzten. Aaron sah in dem beigefarbenen Anzug sehr elegant und genauso glücklich aus wie in den Designeranzügen, die Tamaras Familie ihm geschenkt hatte.

Jedenfalls bis er Call in der Küche sah und vor Schreck zusammenzuckte.

»Was ist los?«, fragte Aaron. »Du bist irgendwie ein bisschen grün um die Nase. Du hast doch nicht etwa Lampenfieber oder so was?«

»Vielleicht doch«, antwortete Call. »Ich bin es nicht gewohnt, angeglotzt zu werden. Gut, manchmal glotzen sie wegen meines Beins, aber das ist was anderes.«

»Stell es dir einfach wie die Schlussszene in Star Wars vor, wenn alle klatschen und Prinzessin Leia Han und Luke ihre Medaillen überreicht.«

Call zog eine Augenbraue hoch. »Und wer ist dann Prinzessin Leia? Master Rufus?«

Master Rufus leitete den Unterricht in ihrer Lehrlingsgruppe im Magisterium. Er war runzelig und barsch und weise und hatte viel mehr graue Haare als Prinzessin Leia.

»Später«, sagte Aaron feierlich, »wird er den goldenen Bikini tragen.«

Mordo bellte. Alastair hielt triumphierend die Autoschlüssel hoch. »Hilft es euch vielleicht, wenn ich euch verspreche, dass der heutige Abend langweilig und ereignislos verlaufen wird? Auch wenn das Fest angeblich uns zu Ehren gegeben wird, will sich das Präsidium doch in Wirklichkeit nur selbst auf die Schulter klopfen.«

»Das hört sich an, als hättest du das alles schon mal erlebt«, sagte Call und stand auf. Nervös strich er seinen Anzug glatt – Leinen knitterte so schnell. Er konnte es jetzt schon nicht mehr erwarten, endlich wieder Jeans und T-Shirt zu tragen.

»Du hast das Armband gesehen, das Constantine trug, als wir zusammen im Magisterium waren«, erwiderte Alastair. »Er hat viele Preise und Auszeichnungen bekommen. Wie alle in unserer Lehrlingsgruppe.«

Call hatte das Armband tatsächlich gesehen, denn Alastair hatte es Master Rufus in Calls erstem Jahr am Magisterium geschickt. Alle Schüler bekamen diese ledernen Armbänder, deren Metallapplikationen mit jedem Schuljahr ergänzt wurden. Außerdem wurden weitere Steine für bestimmte Erfolge oder Begabungen vergeben. Constantines wies mehr Steine auf als Call je an einem Armband gesehen hatte.

Er berührte sein eigenes Armband, an dem immer noch das Kupfer leuchtete, das ihn als Schüler im zweiten Jahr auswies. Sie beide, Aaron und er, trugen zusätzlich den schwarzen Stein der Makaris. Call merkte, dass Aaron ihn ansah, als er die Hand wieder sinken ließ, und konnte sich denken, was ihm durch den Kopf ging – ausgerechnet er bekam nun eine Auszeichnung und wurde für seine guten Taten geehrt, was ihn aber gleichzeitig Constantine Madden immer ähnlicher machte.

Alastair schüttelte den Schlüsselbund, um Call aus seinen Gedanken zu reißen. »Kommt jetzt«, sagte er. »Im Präsidium wird es nicht gern gesehen, wenn die Ehrengäste zu spät kommen.«

Mordo folgte ihnen klammheimlich zur Tür und setzte sich mit einem dumpfen Geräusch und leise winselnd hin. »Darf er mitkommen?«, fragte Call seinen Vater, als sie aus dem Haus gingen. »Er ist ganz brav, und er hat auch einen Preis verdient.«

»Kommt nicht infrage«, antwortete Alastair.

»Weil du ihm nicht traust, wenn er die Abgeordneten sieht?«, fragte Call, obwohl er die Antwort vielleicht nicht hören wollte.

»Weil ich den Abgeordneten nicht traue, wenn sie ihn sehen«, entgegnete Alastair mit einem strengen Blick. Dann ging er zum Auto, und Call blieb nichts anderes übrig, als mitzukommen.

ZWEITES KAPITEL

Wie das Magisterium, war auch das Kollegium so gebaut, dass es nur von Magiern gesehen werden konnte. Es lag unterhalb des Küstenstreifens in Virginia, und die zahlreichen Gänge verliefen tief unter dem Meer. Call hatte eine vage Vorstellung von der Lage und war doch überrascht, als Alastair plötzlich mitten auf einem Landungssteg anhielt und auf ein Gitter zu ihren Füßen zeigte, das halb unter Laub und Schmutz verborgen war.

»Wenn man das Ohr daranlegt, hört man normalerweise einen unglaublich langweiligen Vortrag. Aber heute Abend könnte es tatsächlich mal Musik geben.« Obwohl er dem Kollegium damit nicht gerade ein Kompliment machte, klang Alastair geradezu wehmütig.

»Du warst aber noch nie hier, oder?«, fragte Call.

»Nicht als Schüler«, antwortete sein Vater. »Eine ganze Generation von uns ist nicht dazu gekommen. Wir waren zu sehr damit beschäftigt, im Krieg zu sterben.«

Manchmal dachte Call nüchtern, dass man Constantine Madden einfach hätte in Ruhe lassen sollen. Klar, er hatte schreckliche Experimente durchgeführt, hatte Chaos in die Seelen von Tieren verpflanzt und die Chaosbesessenen erschaffen. Klar, er hatte Tote wieder zum Leben erweckt, weil er auf der Suche nach einem Heilmittel für sich selbst gewesen war und seinen Bruder wiederbeleben wollte. Klar, er hatte das Gesetz der Magier gebrochen. Doch wenn man ihn in Ruhe gelassen hätte, würden so viele andere noch leben. Calls Mutter zum Beispiel.

Und er musste immer daran denken, dass der richtige Call dann auch noch leben würde.

Da er das aber alles nicht sagen konnte, hielt er lieber den Mund. Aaron schaute über die Wellen auf den Sonnenuntergang. In dem langen Sommer, den sie gemeinsam verbracht hatten, war Aaron wie ein Bruder gewesen, jemand, mit dem er rumalbern, Filme gucken oder Roboter zerstören konnte. Doch auf der langen Autofahrt zum Kollegium war er immer stiller geworden, und nachdem Alastair seinen silbernen Rolls-Royce Phantom von 1937 an der Strandpromenade geparkt hatte und sie an einer riesengroßen Poseidon-Statue vorbeigegangen waren, war er endgültig in Schweigen verfallen.

»Alles klar?«, fragte Call, während sie weitergingen.

Aaron zuckte die Achseln. »Weiß nicht. Es ist eben so, dass ich mich damit abgefunden hatte, der Makar zu sein. Es war gefährlich, und ich hatte Angst, aber ich hatte verstanden, worum es ging. Wenn ich etwas geschenkt bekam, verstand ich, warum und was ich ihnen dafür schuldete. Aber jetzt weiß ich nicht mehr, was es überhaupt bedeutet, ein Makar zu sein. Ich meine, es ist großartig, wenn es gar keinen Krieg gegen den Feind des Todes gibt, aber was soll ich dann noch …«

»Wir sind da!«, rief Alastair und blieb stehen. Rechts und links klatschten die Wellen auf die schwarzen Felsen, sprühten Gischt und schäumten in kleinen Pfützen, die von der Flut übriggeblieben waren. Call spürte das sanfte Nieseln wie einen kühlen Hauch im Gesicht.

Er wollte Aaron irgendwie beruhigen, doch der blickte schon woandershin. Stirnrunzelnd betrachtete er einen davonhuschenden Krebs, der über einen Seetangstrang kroch, worin sich ein Stück Tau verflochten hatte. Die fransigen Enden trieben im Wasser wie ein gelöster Zopf.

»Sind wir hier sicher?«, fragte Call stattdessen.

»So sicher wie überall in der Welt der Magier«, erwiderte Alastair und tippte in einem schnellen gleichmäßigen Takt auf den Boden. Einen Augenblick lang geschah gar nichts – doch dann rückte ein viereckiger Stein knirschend seitwärts und enthüllte eine lange Wendeltreppe. Es ging immer weiter nach unten, genau wie in der Bibliothek im Magisterium, außer dass es hier keine endlosen Bücherregale gab, sondern nur diese gewundene Treppe und ganz weit unten ein viereckiges Stück Marmorboden.

Call schluckte entsetzt. Das sah aus, als wäre es für jeden ein anstrengender Abstieg, doch für ihn war er geradezu mörderisch. Schon auf halber Strecke würde er einen Krampf im Bein bekommen, und wenn er fiel, konnte es nur schrecklich enden.

»Äh«, sagte Call, »ich glaube, das geht so nicht …«

»Wie wäre es mit Schweben?«, schlug Aaron in aller Ruhe vor.

»Was?«

»Freies Schweben ist Luftmagie. Wir sind von Stein umgeben – von Fels und Erde. Wenn du sie niederdrückst, heben sie dich in die Höhe. Du musst ja nicht gleich fliegen, es reicht, wenn du ein paar Zentimeter über den Stufen levitierst.«

Call sah Alastair an. Er hatte immer noch ein Problem damit, in Anwesenheit seines Vaters Magie zu beschwören, nachdem Alastair ihm jahrelang erzählt hatte, wie böse Magie war und dass auch die Magier böse und nur darauf aus waren, ihn umzubringen. Doch sein Vater blickte nur kurz auf die Treppe, die in den Abgrund führte, und nickte knapp.

»Ich gehe als Erster runter«, sagte Aaron, »dann kann ich dich auffangen, wenn du fällst.«

»Na, wenigstens fallen wir dann zusammen runter«, sagte Call und machte sich vorsichtig an den Abstieg, indem er einen Fuß vor den anderen setzte. Von unten schallten Stimmen und das Klirren von Tafelsilber herauf. Call holte tief Luft und streckte seine Fühler nach der Erdkraft aus – um hineinzutauchen und sie anzuziehen, bis er sich abdrücken konnte wie bei einem Sprung in den Swimmingpool.

Als er den Sog an seinen Muskeln spürte, wurde er ganz leicht, während sein Körper in die Luft stieg. Er befolgte Aarons Rat, hob nur wenige Zentimeter ab und ließ gerade genug Raum zwischen sich und den Stufen, um sie nicht zu berühren. Dann schwebte er nach unten. Obwohl er Aaron am liebsten versichert hätte, dass er nicht fallen würde, tat es gut zu wissen, dass er ihn im Notfall auffangen wollte.

Auch Alastairs gleichmäßige Schritte beruhigten Call, und so stiegen sie behutsam hinab, Aaron und Alastair zu Fuß, Call schwebend. Kurz bevor sie wieder sicheren Grund erreicht hatten, ließ er sich herab, landete auf einer Stufe und stolperte.

Alastair hielt ihn rasch an der Schulter fest. »Immer mit der Ruhe«, sagte er.

»Geht schon«, brummte Call und humpelte eilig die letzten Stufen hinunter. Seine Muskeln schmerzten ein wenig, doch im Vergleich zu dem, was er hätte erleiden müssen, wenn er gelaufen wäre, war das gar nichts. Aaron stand bereits unten und grinste breit.

»Sieh dir das an«, sagte er. »Wir sind im Kollegium.«

»Wahnsinn.« So etwas hatte Call noch nie gesehen. Im Magisterium gab es viele fantastische Räume, die zuweilen auch sehr weitläufig waren, doch man merkte stets, dass es sich um unterirdische Höhlen handelte, die aus dem Fels gemeißelt waren. So war es hier nicht.

Vor ihnen lag eine riesige Halle, in der die Wände, der Boden und die Säulen, die das Dach stützten, aus goldgesprenkeltem weißem Marmor bestanden. An einer Wand hing ein bestickter Teppich mit der Karte des Kollegiums, und auf der gegenüberliegenden Seite stand ein Podium, hinter dem bunte Spruchbänder an der Wand hingen. Sie waren in Goldbuchstaben mit Zitaten aus den Werken von Paracelsus und anderen berühmten Alchemisten bedruckt. Alles hängt zusammen, stand auf dem einen. Feuer und Erde, Luft und Wasser. Sie sind eins, nicht vier, nicht zwei und nicht drei, sondern eins. Wo sie nicht beisammen sind, bleibt etwas unvollständig.

An der Decke hing ein großer Kronleuchter, von dem dicke Kristalle wie Tränen tropften und Licht in alle Richtungen über die versammelte Menge sandten – die Präsidiumsmitglieder in ihren goldenen Gewändern, die Lehrer des Magisteriums in schwarzen Roben und alle anderen Gäste in eleganten Kleidern und Anzügen.

»Schick«, knurrte Alastair. »Zu schick.«

»Echt«, sagte Call. »Dagegen ist das Magisterium das letzte Loch. Ich hatte ja keine Ahnung.«

»Es gibt keine Fenster«, bemerkte Aaron. »Wieso gibt es keine Fenster?«

»Wahrscheinlich weil wir unter Wasser sind«, meinte Call. »Würde der Druck nicht die Scheiben sprengen?«

Ehe sie mit diesen Überlegungen fortfahren konnten, kam Master North, der Vorsteher des Magisteriums, auf sie zu. »Alastair. Aaron. Call. Ihr seid spät dran.«

»Unterwasser-Stau«, erwiderte Call.

Aaron stieß ihn mit dem Ellbogen an.

Master North musterte Call streng. »Hauptsache, ihr seid endlich da. Die anderen warten mit den Abgeordneten.«

»Master North.« Alastair schenkte ihm ein knappes Nicken. »Ich bitte, die Verspätung zu entschuldigen. Aber wir sind immerhin die Ehrengäste. Ohne uns könnt ihr schlecht anfangen.«

Master North lächelte dünn. Sowohl er als auch Alastair machten den Eindruck, dass ihnen das höfliche Getue bald zu anstrengend werden würde. »Kommt bitte mit.«

Aaron und Call tauschten einen Blick, bevor sie den Erwachsenen folgten. Je weiter sie gingen, umso voller wurde es, und die Leute drängelten, um Aaron und auch Call anzustarren. Ein Mann mittleren Alters mit einem Bierbauch hielt Call am Arm fest.

»Vielen Dank«, flüsterte er, ehe er ihn losließ. »Danke, dass du Constantine umgebracht hast.«

Hab ich nicht. Call taumelte durch das Meer von ausgestreckten Händen weiter, schüttelte hier und da jemandem die Hand, wich anderen Menschen aus und klatschte sogar jemanden ab. Doch dann kam er sich blöd vor.

»Und so ist das für dich immer?«, fragte er Aaron.

»Erst seit letztem Sommer«, antwortete Aaron. »Wieso, ich dachte, du wolltest unbedingt ein Held sein?«

Ich schätze, ich bin lieber ein Held als das Gegenteil, dachte Call, aber dann schluckte er die Worte herunter.

Schließlich gelangten sie dorthin, wo die Präsidiumsmitglieder auf sie warteten; schwebende silberne Absperrseile trennten sie von der Menge. Anastasia Tarquin, eine der mächtigsten Abgeordneten, unterhielt sich mit Tamaras Mutter. Mrs Tarquin war eine ungewöhnlich große, ältere Frau, die strahlend silbernen Haare zu einer Hochsteckfrisur aufgetürmt, und Tamaras Mutter musste sich den Hals verdrehen, um zu ihr hochzublicken.

Tamara stand bei Celia und Jasper, und alle drei lachten über etwas. Call hatte Tamara seit dem Sommeranfang nicht mehr gesehen. Sie trug ein hellgelbes Kleid, das ihre braune Haut betonte, und ließ ihre Haare in schweren dunklen Locken um das Gesicht und über den Rücken fallen. Celia dagegen hatte etwas Sonderbares und Kompliziertes mit ihren blonden Haaren angestellt und sich in ein gischtartiges grünes Gazegewand gekleidet, das sich luftig um ihren Körper bauschte.

Als die beiden Mädchen sich zu Call und Aaron umdrehten, leuchtete Tamaras Miene auf, und Celia lächelte. Call fühlte sich, als hätte ihm jemand gegen die Brust getreten. Irritiert stellte er fest, dass das gar nicht so ein unangenehmes Gefühl war.

Tamara lief zu Aaron und schloss ihn kurz in die Arme, doch Celia blieb zurück, als wäre sie plötzlich zu schüchtern. Dafür ging Jasper zu Call und schlug ihm auf die Schulter – eine große Erleichterung für Call, zumal Jasper an diesem Tag nicht so aussah, als wäre er eine Gefahr für ihn. Er wirkte so überheblich wie eh und je und hatte seine dunklen Haare mit Gel nach oben frisiert.

»Und, wie geht es dem F-d-T denn so?«, flüsterte er. Call zuckte zusammen. »Du bist heute voll der Star.«

Es machte Call wahnsinnig, dass Jasper sein Geheimnis kannte. Obwohl er ziemlich sicher war, dass er es niemandem verraten würde, genoss Jasper es sichtlich, Kommentare dazu abzugeben und ihn bei jeder sich bietenden Gelegenheit damit aufzuziehen.

»Kommt«, sagte Master Rufus, »die Zeit drängt. Wir müssen an dieser Zeremonie teilnehmen, ob wir nun wollen oder nicht.«

Daraufhin wurden Call, Aaron, Tamara, Jasper, Master Rufus, Master Milagros und Alastair auf das Podium gescheucht. Celia winkte ihnen noch einmal zu und verschwand dann. Call begriff, dass es eine längere Prozedur werden würde, als er die Stühle auf dem Podium sah. Und er hatte recht. Von der Zeremonie bekam er nur mit, dass sie endlos lang und öde war. Mehrere Präsidiumsmitglieder hielten Reden darüber, welch eine wichtige Rolle sie bei der Mission gespielt hatten. »Ohne mich hätten sie das alles niemals geschafft«, lobte ein blonder Abgeordneter sich selbst, den Call noch nie zuvor gesehen hatte. Master Rufus und Master Milagros wurden für ihre großartigen Lehrlinge gefeiert. Die Rajavis wurden geehrt, weil sie so eine mutige Tochter hervorgebracht hatten. Alastair wurde gelobt, weil er die Expedition so geschickt geleitet hatte. Und die Kinder waren angeblich die größten Helden ihrer Epoche.

Sie wurden beklatscht, auf die Wangen geküsst und getätschelt. Alastair bekam eine schwere Medaille, die er sich um den Hals hängte. Nachdem sie sich zum sechsten Mal erhoben hatten, um den Applaus entgegenzunehmen, bekam sein Blick allmählich etwas Wildes.

Von abgetrennten Köpfen war ebenso wenig die Rede wie von dem großen Missverständnis, in dessen Folge Alastair im Verdacht gestanden hatte, mit dem Feind gemeinsame Sache zu machen. Es wurde auch nicht erwähnt, dass niemand im Magisterium etwas von der Mission der Lehrlinge gewusst hatte. Alle taten einvernehmlich so, als wäre das die ganze Zeit der Plan gewesen.

Die Schüler bekamen die Armbänder für ihr Bronzejahr sowie rot funkelnde Beryllsteine als Auszeichnung für ihren Erfolg. Call fragte sich, was der rote Stein genau zu bedeuten hatte – denn alle Steine bedeuteten etwas: Gelb stand für Heilung, Orange für Mut und so weiter.

Call ging nach vorne, um den neuen Stein von Master Rufus entgegenzunehmen. Mit einem Klicken rastete der rote Beryll im Armband ein wie ein Stift im Schloss. Callum Hunt, Makar!, rief jemand. Ein anderer stand auf und rief Calls Namen. Call ließ das alles über sich ergehen wie eine Flutwelle. Call und Aaron. Makaris, Makaris, Makaris!

Jemand strich ihm über die Schulter – Anastasia Tarquin. »In Europa«, sagte sie, »wird nicht gefeiert, wenn sich herausstellt, dass jemand ein Makar ist. Er wird direkt umgebracht.«

Call drehte sich um und sah sie schockiert an, doch sie verschwand bereits inmitten der Präsidiumsmitglieder. Master Rufus, der sicher nicht gehört hatte, was sie gesagt hatte – Call war als Einziger in Hörweite gewesen –, gesellte sich zu Aaron und Call. »Makaris«, sagte er, »das hier ist nicht nur eine Feier. Wir haben noch etwas zu besprechen.«

»Hier?«, fragte Aaron überrascht.

Rufus schüttelte den Kopf. »Es ist nun an der Zeit, dass ihr etwas seht, das nur wenige Lehrlinge jemals zu sehen bekommen. Kommt mit in den Kriegssaal.«

Tamara sah Call und Aaron besorgt nach, als sie aus der Menge gelotst wurden. »In den Kriegssaal?«, murmelte Aaron. »Was ist das denn?«

»Keine Ahnung«, flüsterte Call zurück. »Ich dachte, der Krieg wäre vorbei?«

Master Rufus führte sie gekonnt hinter die schwebenden Absperrseile und mied die Blicke der anderen Gäste, bis sie vor einer Tür auf der anderen Seite des Raums standen. Sie war aus Bronze, verziert mit Reliefs von dreimastigen Segelschiffen, Kanonen und deren spritzenden Einschlägen im Meer.

Master Rufus ließ den Jungen den Vortritt in den Kriegssaal. Call erinnerte sich an die Frage, warum es keine Fenster gab, denn hier gab es sehr viele davon. Der Boden bestand aus Marmor, doch alle anderen Oberflächen waren aus Glas, das in verzaubertem Licht leuchtete. Hinter den Scheiben schwamm Meeresgetier: bunt gestreifte Fische, Haie mit pechschwarzen Augen, anmutig wedelnde Rochen.

»Mann«, sagte Aaron und legte den Kopf in den Nacken, »guck mal nach oben.«

Auch über ihnen konnte man das Wasser sehen, erleuchtet vom Licht an der Oberfläche. Ein Schwarm silberner Fische flitzte vorbei, schwenkte dann wie auf Befehl um und raste in die andere Richtung.

»Setzt euch«, sagte der Abgeordnete Mr Graves – ein alter, mürrischer und gemeiner Mann. »Wir wissen, dass dies ein Festakt ist, aber wir haben einiges zu besprechen. Master Rufus, setz dich bitte mit deinen Lehrlingen zu mir.« Er zeigte auf die Stühle neben sich.

Call und Aaron tauschten einen zögerlichen Blick, ehe sie unwillig Platz nahmen. Die übrigen Präsidiumsmitglieder gruppierten sich um den Tisch und unterhielten sich leise. Über ihnen schlängelte sich ein Aal hinter der Scheibe durch die See und verschlang ein langsameres Fischchen. Call fragte sich, ob dies ein verhängnisvolles Zeichen sein konnte.

Sobald es still geworden war, fuhr Mr Graves fort. »Wir haben es dem Einsatz unserer heutigen Ehrengäste zu verdanken, dass es nun um ganz andere Themen geht, als wir hätten hoffen dürfen. Constantine Madden ist tot.« Er ließ den Blick schweifen, als wollte er den Zuhörern Zeit geben, diese Nachricht zu verdauen. Call dachte, wer es jetzt noch nicht begriffen hatte, hatte den Schuss nicht gehört, wenn man bedachte, wie oft der Satz Der Feind des Todes ist tot! im Rahmen der Zeremonie gefallen war. »Aber das heißt noch lange nicht …« Call zuckte zusammen, als Mr Graves mit der Faust auf den Tisch schlug, »… dass wir in unseren Anstrengungen nachlassen dürfen! Auch wenn Constantine Madden besiegt ist, droht uns noch immer seine Armee dort draußen. Deshalb müssen wir jetzt zuschlagen und die Chaosbesessenen sowie Constantines Verbündete mit Stumpf und Stiel ausrotten.«

Ein Murmeln ging durch den Saal. »Seit Maddens Tod ist es niemandem gelungen, auch nur eine Spur der Chaosbesessenen zu finden«, gab Master North zu bedenken. »Es scheint, als seien sie verschwunden, seit er gestorben ist.«

Mehrere Magier hoben bei diesen Worten hoffnungsvoll den Blick, doch Mr Graves schüttelte grimmig den Kopf. »Sie sind irgendwo dort draußen. Wir müssen Teams zusammenstellen, um sie einzufangen und zu vernichten.«

Call wurde mulmig. Die Chaosbesessenen waren im Grunde hirnlose Zombies, nachdem man ihnen ihre Menschlichkeit zugunsten des Chaos ausgetrieben hatte. Doch er hatte sie sprechen hören, hatte gesehen, wie sie umherliefen oder gar vor ihm niederknieten. Die Vorstellung, ihre brennenden Körper auf einem Scheiterhaufen zu sehen, bereitete ihm großes Unbehagen.

»Und was ist mit den chaosbesessenen Tieren?«, fragte Anastasia Tarquin. »Die meisten haben dem Feind des Todes niemals gedient, sondern sind nur die unglückseligen Nachfahren jener elenden Wesen, die ihm gehorchten. Im Gegensatz zu chaosbesessenen Menschen, die ja nur wiederbelebte Seelen sind, sind sie lebendig.«

»Dennoch stellen sie eine Gefahr dar«, sagte Mr Graves. »Ich bin sehr dafür, dass wir sie alle auslöschen.«

»Aber doch nicht Mordo!«, schrie Call, ohne nachzudenken.

Die Abgeordneten drehten die Köpfe. Anastasia lächelte, als würde sie seinen Wutanfall genießen. Offenbar hatte sie nicht unbedingt etwas dagegen, wenn es nicht so lief wie vorgesehen. Ihr Blick schweifte zu Aaron, um seine Reaktion abzuschätzen.

»Das Haustier der Makaris«, sagte sie und konzentrierte sich wieder auf Call. »Für Mordo kann man sicher eine Ausnahme machen.«

»Auch der Orden der Unordnung hat sich mit chaosbesessenen Tieren beschäftigt. Es könnte sich auszahlen, einige zu Forschungszwecken am Leben zu lassen«, ergänzte Rufus.

Der Orden der Unordnung bestand aus einigen wenigen aufrührerischen Magiern, die im Wald vor dem Magisterium lebten und die Chaosmagie näher untersuchten. Call wusste nicht recht, was er von ihnen halten sollte. Sie hatten versucht, Aaron festzuhalten, damit er ihnen bei ihren Experimenten behilflich sein konnte. Besonders nett waren sie nicht mit ihnen umgesprungen.

»Ja, ja«, sagte Mr Graves mit einer wegwerfenden Geste. »Wir können einige am Leben lassen, obwohl ich bekanntlich nie viel für den Orden der Unordnung übrighatte. Wir müssen sie jedoch im Auge behalten, um sicherzugehen, dass sich nicht etwa ein Verschwörer aus Constantines Umfeld unter ihnen versteckt. Und wir müssen dringend Master Joseph finden. Wir dürfen nicht vergessen, dass er weiterhin eine Gefahr darstellt und mit fast hundertprozentiger Sicherheit den Alkahest gegen uns zum Einsatz bringen will.«

Anastasia Tarquin kritzelte etwas auf ein Stück Papier, während mehrere Präsidiumsmitglieder sich leise unterhielten und wieder andere sich gerade hinsetzten, als wollten sie sich wichtigmachen. Master Rufus nickte, doch Call hatte den Verdacht, dass er Graves ebenfalls nicht besonders gut ausstehen konnte.

»Und wir müssen dafür sorgen, dass Callum Hunt und Aaron Stewart ihre makarischen Fähigkeiten in den Dienst des Präsidiums und der Gemeinschaft der Magier stellen. Master Rufus, Sie müssen unbedingt in regelmäßigen Abständen Bericht über ihre Lernfortschritte erstatten, während sie ihre Bronze-, Silber- und Goldschuljahre absolvieren und sich darauf vorbereiten, dem Kollegium beizutreten.«

»Sie sind meine Lehrlinge.« Master Rufus zog eine Augenbraue hoch. »Ich muss unabhängig sein, um sie so zu unterrichten, wie ich es für richtig halte.«

»Darüber können wir uns später unterhalten«, sagte Mr Graves. »Sie sind in erster Linie Makaris und dann erst Schüler im Magisterium. Sie und die beiden täten gut daran, das nicht zu vergessen.«

Aaron warf Call einen nervösen Blick zu, und Master Rufus verzog gereizt das Gesicht.

Mr Graves fuhr fort. »Da das Magisterium in unmittelbarer Nähe zu der größten Gruppe von chaosbesessenen Tieren liegt, gehen wir davon aus, dass die Schule es übernimmt, sie zu vernichten.«

»Sie erwarten doch nicht ernsthaft, dass unsere Schüler ihre Unterrichtszeit damit verschwenden, Tiere abzuschlachten?«, protestierte Master Rufus und stand auf.

»Ich bin ganz seiner Meinung«, sagte Master North nach einer kurzen Pause.

»Das sind keine Tiere, sondern Ungeheuer«, wandte Mr Graves ein. »Die Wälder in der Umgebung des Magisteriums sind seit Jahren mit Chaosbesessenen verseucht, aber wir haben nicht dem Ernst der Lage entsprechend gehandelt, weil der Feind jederzeit weitere chaosbesessene Tiere hätte erschaffen können. Das ist jetzt anders – nun können wir sie ohne Weiteres ausmerzen.«

»Selbst wenn es Ungeheuer sind«, sagte Master Rufus, »sehen sie aus wie normale Tiere. Und es gibt solche wie Mordo, die uns ins Grübeln bringen, ob wir sie nicht lieber retten als vernichten sollten. Es liegt sicherlich im Interesse der gesamten Magierwelt, dass unsere Schüler lernen, Gnade walten zu lassen. Das hat Constantine Madden nie getan«, fügte er leise hinzu.