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Flucht ins Tal der Freiheit Danika und ihre Gefährten sind weiterhin auf der Suche nach dem sicheren Magnetic Valley, verfolgt von Sharr Morrigan, der unerbittlichen königlichen Jägerin. Um das Tal zu erreichen, müssen sie das Grenzland überqueren – Schmugglergebiet: gesetzlos, wild und durchtränkt mit uralter Magie. Als einer der Gefährten sich schwer verletzt, bleibt Danika keine andere Wahl: Sie bittet die Schmuggler um Hilfe und lässt sich auf einen vielleicht tödlichen Handel ein.
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Seitenzahl: 422
Veröffentlichungsjahr: 2015
Skye Melki-Wegner
Magnetic Valley
Der Clan der Schmuggler
Aus dem australischen Englisch von Reiner Pfleiderer
Deutscher Taschenbuch Verlag
Für Jack Melki –
Großvater, Golfer und Meistergärtner.
Danke, dass du mich zu meinen ersten literarischen
Ausflügen ermuntert hast.
In der sechsten Nacht finden uns die Jäger.
Ich habe mich freiwillig zur Wache gemeldet und sitze darum in der Kälte am Rand unseres Lagers. Meine Gefährten schlummern gemütlich in den warmen Schlafsäcken im hinteren Teil einer Höhle. »Höhle« ist vielleicht etwas übertrieben. Es ist mehr eine Nische in einer Felswand, hoch oben in einer engen Schlucht, die »das Messer« genannt wird.
Wir sind an einem schartigen Felssims knapp unter dem oberen Rand des Messers entlanggekrochen. Der Grund der Schlucht liegt weit unter uns, in schwindelerregender, dunkler Tiefe. Das Messer ist unser Weg in das sagenumwobene Magnetic Valley – und letztlich unsere einzige Hoffnung, aus Taladia zu entkommen.
In Taladia wirft der König Alchemie-Bomben auf unsere Städte, unterdrückt Auflehnung mit Magie und Feuer. In Taladia werden Jugendliche zur Armee eingezogen und sterben in Kriegen, durch die der König sein Reich vergrößert. Und in Taladia habe ich auf der Straße gehungert, mich vor den Wächtern versteckt und zusehen müssen, wie meine Familie verbrannt ist.
Das Messer ist mehr als nur eine Schlucht. Es ist unser Weg in die Freiheit.
Aber die Jäger des Königs sind uns auf den Fersen. Wir haben ihre Luftwaffenbasis in die Luft gesprengt und dafür haben sie uns ganz oben auf ihre Todesliste gesetzt.
Ich schlinge die Arme um meine Knie, stoße eine Atemwolke aus und starre in die Dunkelheit. Der Wind kommt heute Nacht nicht zur Ruhe und es riecht nach Regen. Wenn man auf der Straße aufwächst, lernt man, den richtigen Zeitpunkt zu erkennen, sich einen Unterschlupf zu suchen. Es ist nicht derselbe Geruch, den ich aus Rourton kenne – der vertraute Gestank von Müll in feuchter Luft –, aber ich spüre trotzdem die Gefahr.
Ein Unwetter zieht auf.
Wenn wir Glück haben, hält es die Jäger auf, die uns verfolgen – oder sie überlegen es sich zweimal, bevor sie uns nachklettern. Aber wenn eine Jägerin wie Sharr Morrigan in der Nähe ist, sind wir in ernster Gefahr. Das Messer ist selbst bei schönem Wetter tückisch. Ein paarmal wäre ich beinahe in die Tiefe gestürzt. Und falls wir heute Nacht noch um unser Leben rennen müssen, im Dunkeln, im Regen …
Ich schlucke und schiebe den Gedanken beiseite. Kein Grund zur Panik. Vielleicht sind die Jäger ja noch gar nicht in der Schlucht, vielleicht haben wir sie abgehängt. Vielleicht können wir in unserer Höhle, geschützt von den Felsen und unseren Schlafsäcken, abwarten, bis das Unwetter vorüber ist. Und natürlich habe ich eine Illusion erzeugt, die unser Lager in ein Trugbild aus unberührtem Felsgestein hüllt.
Das dürfte genügen. Es muss.
Ich spähe zu meinen Gefährten. Von meinem Platz aus kann ich Lukas sehen, der zusammengekauert am Eingang der Höhle liegt. Eigentlich sollte er weiter hinten schlafen, bei den warmen Körpern der anderen. Aber sein Kopf ragt ins Freie heraus, sein Gesicht ein schmales Oval im Mondlicht.
In den ersten Nächten hier in der Schlucht dachte ich, Lukas würde deshalb etwas abseits schlafen, weil er nach Vögeln Ausschau hält. Seine magische Neigung ist nämlich Vogel – das bedeutet, dass er sich in die Gedanken von Vögeln einklinken kann, und manchmal kann er die Welt sogar mit den Augen eines vorüberfliegenden Falken betrachten. Aber dann ist mir klar geworden, dass Lukas immer nur dann halb im Freien schläft, wenn ich Wache schiebe.
Ich weiß nicht, was ich davon halten soll. Es ist jetzt eine Woche her, dass wir uns in dem Gefängnisturm geküsst haben. Eine Woche, dass wir zusammen auf unsere Hinrichtung gewartet haben. Doch ich weiß noch immer nicht, was mir Lukas bedeutet, und noch weniger, was ich ihm bedeute. Es ist schwer, sich über solche Gefühle klar zu werden, wenn man mit drei anderen Teenagern auf der Flucht ist. Gemeinsam zu kampieren mag für uns das Sicherste sein, aber ungestört mit jemandem reden kann man dabei nicht.
Eine Windböe fegt über die Felskante und kitzelt Lukas. Er grunzt leise, verlagert sein Gewicht, schlägt aber nicht die Augen auf. Ich muss lächeln. Lukas sieht so friedlich aus, wenn er schläft. Keine Falten in den Augenwinkeln, kein bitterer Zug um den Mund. Im Schlaf ist er nicht der Sohn des Königs, nicht der Prinz, nicht auf der Flucht vor den Jägern seines Vaters. Er ist dann nur Lukas Morrigan. Nicht mehr und nicht weniger.
Eine zweite Böe zerzaust sein Haar. Am liebsten würde ich hinkriechen und es wieder glatt streichen, aber ich muss mich auf meine Wache konzentrieren. Ich hole tief Luft, schüttele den Kopf und richte den Blick wieder nach vorn in die Dunkelheit.
Dann höre ich es.
Vielleicht ist es nur der Wind oder der Schrei eines Vogels in der Ferne.
Aber da ist es wieder. Lauter und deutlicher diesmal. »Da lang!«
Mein Körper verkrampft sich. Ich spähe hierhin, dorthin, versuche etwas zu entdecken. Nichts. Der Mond versteckt sich hinter einem Wolkenknäuel, sodass ich nur ein paar Meter weit sehen kann. Dahinter ist wogende Dunkelheit.
»Beeilt euch! Da rüber!«
Ich spähe noch angestrengter, kann aber nichts erkennen. Mir schnürt sich die Kehle zusammen. Ob sie unsere Spur entdeckt haben? Wir haben diesen Felssims gewählt, damit wir keine Fußabdrücke hinterlassen, aber die Jäger genießen als Fährtensucher einen legendären Ruf. Das sind keine Stadtwächter oder junge Wehrpflichtige aus König Morrigans Armee. Jäger sind Profis mit jahrelanger Erfahrung in der Wildnis. Das Knacken eines Zweiges würde genügen und sie hätten uns.
Aber alles, was ich wahrnehme, ist ein geisterhaftes Echo irgendwo in der Dunkelheit. Ich kann nicht rausfinden, ob der Sprecher einen Kilometer oder nur zwanzig Meter entfernt ist.
Es sei denn …
Seit Kurzem weiß ich, dass meine magische Neigung Nacht ist. Deshalb müsste ich eigentlich durch die Dunkelheit schweben können, so wie sich Lukas die Augen eines Vogels borgen oder Maisy unser Lagerfeuer kontrollieren kann. Ich könnte mit der Nacht verschmelzen, mich dadurch unsichtbar machen und die Umgebung nach Jägern absuchen. Aber meine magischen Kräfte sind noch unfertig, ich beherrsche sie noch nicht. Die Magie rinnt mir wie Sand durch die Finger, und wenn ich nicht aufpasse, kann mir dasselbe mit meinem Bewusstsein passieren. Beim letzten Mal, als ich meinen Körper mit der Nacht verschmelzen wollte, hätte ich mich fast für immer verloren. Ich bin nicht verzweifelt genug, um dieses Risiko erneut einzugehen. Jedenfalls noch nicht.
So leise wie möglich krieche ich in die Höhle zurück – und blicke in ein funkelndes Augenpaar.
»Jäger?«, flüstert Teddy.
»Ja, ich glaube.«
Er nickt. »Die Foxarys sind etwas nervös. Ich schätze mal, sie haben jemanden gewittert.«
Deswegen ist Teddy wach. Unsere Foxarys schlafen in der Nähe: überdimensionale, streng riechende Fellhaufen. Sie sind eine Kreuzung aus verschiedenen Tierarten, mithilfe verbotener, alchemistischer Experimente gezüchtet und für ihre Bösartigkeit bekannt. Aber Teddy hat eine Tier-Neigung und kann sich mit Tieren auf eine Weise verständigen, die wir anderen nie verstehen werden. Nur seinetwegen gehorchen uns die Biester und lassen uns auf ihrem Rücken durch die Wildnis reiten. Wenn unsere Foxarys unruhig werden, ist Teddy der Erste, der es merkt.
»Wir sollten von hier verschwinden«, sagt er.
Ich zögere. Bald wird das Unwetter über die Schlucht hereinbrechen und eine Kletterpartie über schlüpfrige Felsen kann leicht ein böses Ende nehmen. Aber was können wir sonst tun – hier warten und auf das Beste hoffen?
Ich blicke zu dem Kreis aus Magneten, der unseren Lagerplatz umgibt. Meine Illusion wird durch sie verstärkt und umhüllt uns mit einem Schleier aus Felsen und Schatten. Sie kann uns vor Blicken schützen, aber nicht vor Eindringlingen. Falls die Jäger den schmalen Sims absuchen, stolpern sie mitten in unser Lager.
»Ja, in Ordnung«, sage ich. »Mach die Foxarys fertig.«
Während Teddy forthuscht, lege ich Clementine die Hand auf den Mund und wecke sie. Wahrscheinlich träumt sie gerade von Ballkleidern oder Törtchen und ich will verhindern, dass sie vor Schreck aufschreit, wenn ich sie in die weit weniger angenehme Wirklichkeit zurückhole.
Clementine blinzelt mich an. Ihre blonden Locken glänzen im Mondlicht, als sie sich ruckartig aufsetzt. »Jäger?«, formt sie mit den Lippen, als ich die Hand wegnehme.
Ich nicke. »Wir verschwinden.«
»Ich wecke Maisy«, sagt sie und dreht sich zu ihrer Zwillingsschwester um.
Ihre Selbstbeherrschung beeindruckt mich. Obwohl wir schon seit Wochen auf der Flucht sind, rechne ich immer noch damit, dass die Schwestern irgendwann in einer brenzligen Situation die Nerven verlieren. Clementine und Maisy sind Töchter aus wohlhabendem Haus, reiche Erbinnen, denen Nachmittagstees und Flitterkram den Alltag versüßten. Seitdem wir unterwegs sind, haben sie tausendmal ihren Mut bewiesen und trotzdem werde ich das Gefühl nicht los, dass sie für das Leben in der Wildnis nicht geeignet sind.
Ich sammele die Magneten ein. Dadurch hebe ich den Kreis auf und zerstöre die Illusion. Wir sind jetzt wieder sichtbar. Sichtbar und ungeschützt. Aber hier können wir sowieso nicht bleiben.
Ich besteige einen Foxary und presse die Oberschenkel fest gegen seinen runden, pelzigen Leib. Er heißt Garrum. Ich habe das starke Gefühl, dass er mich nicht mag – oder er wackelt grundsätzlich bei jedem Reiter mit dem Hinterteil, um ihn abzuschütteln. Aber es ist müßig, jetzt darüber nachzudenken. Teddy schwingt sich auf Borrash, der letzte Foxary, der schon seit Rourton bei uns ist, und die Zwillinge erklimmen ihr Lieblingstier. Es heißt Perrim und ist verhältnismäßig friedfertig – obwohl »verhältnismäßig friedfertig« in Bezug auf einen Foxary nur bedeutet, dass er einem wahrscheinlich bloß die Hand und nicht gleich den Kopf abbeißt, wenn man sich ihm nähert, ohne dass ihn Teddy vorher besänftigt hat.
Ein warmer Körper schiebt sich hinter mich.
»Was dagegen, wenn ich bei dir mitreite?«, fragt Lukas.
»Aber klar.« Sein Atem kitzelt mich im Nacken und macht mich leicht nervös. »Ich meine, klar kannst du bei mir mitreiten. Ich meine …«
Ich beiße auf die Zähne, damit ich nicht weiterplappere.
»Sind alle so weit?«, frage ich energischer. »Können wir?«
Die anderen antworten mit einem stummen Nicken. Der bewölkte Himmel dämpft das Mondlicht, aber ich erkenne an ihren steifen Rücken, wie angespannt sie sind.
Ich würde gern etwas sagen wie »Wir sind ihnen einmal entkommen, wir schaffen es erneut!« oder »Wir werden den Jägern zeigen, mit wem sie sich angelegt haben!«. Aber wir sind hier nicht im Kasperltheater. Tatsache ist, dass wir heute Nacht sterben können. Wir haben das Glück schon arg strapaziert, und wenn mich das Leben etwas gelehrt hat, dann dass einer Glückssträhne das Pech auf dem Fuß folgt.
Und so sage ich schließlich nur: »Dann mal los!«
Wir biegen gerade um eine Ecke, als der Regen einsetzt. Zu unserer Linken ragt eine schroffe Felswand empor. Rechts ist ein Abgrund. Die Foxarys drücken unsere Beine gegen den Fels, ihre Klauen suchen auf dem Sims festen Halt.
Als mir die ersten Tropfen auf die Hand klatschen, kralle ich mich noch fester in Garrums Fell. Nicht mehr lange und der Boden wird schlüpfrig.
Innerhalb von Minuten läuft der Himmel über. Ich bin mir nicht sicher, ob das ein natürlicher Regen ist oder ob ein Jäger mit Wasser-Neigung ihn herbeigezaubert hat, um uns fortzuspülen. Eigentlich bezweifele ich, dass jemand die Macht besitzt, Wolken zu lenken. Sie sind zu hoch, zu weit weg, als dass man sie mit magischen Kräften erreichen könnte. Aber vielleicht ist ein begabter Jäger in der Lage, den Regen in die Schlucht umzuleiten.
»Ich wünschte, ich hätte eine Wasser-Neigung.« Lukas muss fast rufen, um das Prasseln zu übertönen. »Ich würde das Unwetter zurückschicken. Dann hätten die Jäger zu tun und wir könnten abhauen.«
»Ich wünschte, ich hätte eine Wasser-Neigung«, setzt Teddy hinzu. »In Rourton wäre die verdammt nützlich gewesen, das kann ich euch sagen. Habt ihr eine Ahnung, um wie viel einfacher es ist, in ein Luxusgeschäft einzubrechen, wenn die Rinnsteine überlaufen und alle ins Freie rennen und Sandsäcke stapeln?«
»Du schreckst echt vor nichts zurück, oder?«, fährt ihn Clementine an.
Teddy dreht sich um und grinst. »Natürlich nicht. Wozu soll das gut sein?«
Sein Grinsen erstirbt, als wir den Schrei hören. Er kommt von weit her und geht fast in Wind und Regen unter, aber er stammt unverkennbar von einem Menschen. Sein Echo hallt hinter uns durch die Nacht. Falls die Jäger unsere Spur bisher noch nicht gefunden hatten, dann haben sie sie jetzt. Darauf würde ich fünfzig Silbermünzen wetten.
»Sie kommen«, sage ich. »Wir müssen uns beeilen.«
Und das tun wir. Rutschend und schlitternd kämpfen wir uns voran. Der Regen peitscht mir förmlich ins Gesicht. Eine innere Stimme knurrt mich an – »Such dir sofort einen Unterschlupf, du Vollidiot!« – und es fällt mir schwer, jahrelange Erfahrung mit Füßen zu treten.
Wenn es in Rourton so heftig regnet, suchst du dir einen Hauseingang. Und wenn du keinen findest, der nicht schon überflutet oder von Ratten oder einem anderen Scruffer belegt ist, dann kletterst du eben in die Mülltonne eines Restaurants. Der Geruch ist nicht toll, aber immer noch besser als eine Lungenentzündung – oder Schlimmeres. Ich habe mal von einem Jungen gehört, der bei einem Unwetter draußen schlief, als die Kanalisation überlief. Seine Beine wurden unter Gerümpel eingeklemmt, das in der Gosse trieb. Das Wasser um ihn herum stieg und er ertrank. Ich gebe zu, dass das hier draußen nicht wahrscheinlich ist, aber das bringt meine innere Stimme nicht zum Verstummen. Sie schreit mich weiter an, dass ich mir für die Nacht gefälligst einen Unterschlupf suchen soll.
»… runter«, sagt jemand.
Es dauert einen Moment, ehe ich begreife, dass Teddy etwas zu mir gesagt hat. Ich drehe mich zu ihm um. »Was?«
»Wir sollten da runter!«, brüllt er.
Zwischen den Wolken hat sich eine Lücke aufgetan und lässt etwas Mondlicht durch. Ich spähe über die Felskante. Ein schmaler Pfad führt nach unten in die Dunkelheit.
Ich blicke zu den anderen. Teddy, der ehemalige Einbrecher, könnte mit geschlossen Augen und einer Porzellanvase in der Hand da hinuntertänzeln. Ich auch, glaube ich. Auf der Flucht vor aufgebrachten Reichlingen bin ich in Rourton so manche Mauer rauf- und runtergeklettert. Aber Lukas ist als Prinz aufgewachsen und später Pilot geworden. Nicht unbedingt die besten Voraussetzungen für so eine Kletterpartie. Maisy sieht Teddy entgeistert an, als hätte er vorgeschlagen, in eine Schlangengrube zu springen, und Clementine macht ein Gesicht, als wollte sie ihm eine Ohrfeige verpassen. Nur macht sie fast ständig so ein Gesicht, sodass ich nicht mit Bestimmtheit sagen kann, ob es eine Reaktion auf Teddys Vorschlag ist.
Sie späht in den Abgrund. »Da runter? Hast du jetzt endgültig den Verstand verloren, Nort, oder spricht da nur das Schädel-Hirn-Trauma aus dir?«
»Was für ein Schädel-Hirn-Trauma?«
»Das, das ich dir verpassen werde, wenn du auch nur daran denkst, meine Schwester da runterzujagen. Das ist doch kein Pfad – das ist praktisch eine Felswand!«
»Halt die Luft an, Clem«, entgegnet Teddy. »Wenn wir hier oben bleiben, werden wir noch vor Sonnenaufgang von Pistolenkugeln durchsiebt. So schlimm wird es schon nicht werden. Wir lassen uns einfach Zeit und …«
»… brechen uns den Hals?«
Sie funkeln einander an. Dann muss Teddy plötzlich grinsen. »Komm schon, das wird lustig. Wie auf diesen Wasserrutschen, die ihr Reichlinge in euren schicken Schwimmbädern habt.« In wehmütiger Erinnerung streicht er sich übers Kinn. »Ach, das waren noch Zeiten.«
»Wann hast du denn je …«, beginnt Clementine.
Im selben Moment bemerken wir die Flamme. Bei dem Regen dürfte sie eigentlich gar nicht brennen, aber sie tut es. Sie tanzt weit über uns in Gestalt einer rot-golden flackernden Kugel. Ich kneife die Augen halb zu, um besser durch den Regen sehen zu können … und dann entdecke ich die Gestalt, die den Feuerball kontrolliert. Sie steht hoch oben am Rand der Schlucht und ihr Gesicht leuchtet gespenstisch im Schein der Flammen.
»Zum Henker«, stößt Teddy bestürzt hervor. »Das kann nicht sein. Wie hat sie die Explosion überlebt?«
Es ist Sharr Morrigan.
Lukas ist hinter mir vor Schreck erstarrt. Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Klar, Sharr ist seine Cousine, aber sie ist auch königliche Jägerin und hat versucht, uns alle umzubringen. Sie muss uns in die Wüstlande verfolgt und sich dabei so weit von der Luftwaffenbasis entfernt haben, dass sie die Explosion unverletzt überstanden hat …
Und jetzt ist sie hier. Eine Silhouette vor dem Sternenhimmel, und offensichtlich ist sie mächtig – oder auch zornig – genug, um im Regen Feuerbälle zu erzeugen.
Weitere Gestalten tauchen hinter ihr auf und da weiß ich, dass wir in Schwierigkeiten sind.
Drei, vier, fünf … Klar habe ich damit gerechnet, dass wir verfolgt werden – dass bei der Explosion, die wir ausgelöst haben, nicht alle Jäger getötet und nicht alle Bomber zerstört worden sind. Ja, ich habe sogar gehofft, dass überhaupt niemand ums Leben gekommen ist. Bei dem Gedanken, dass zusammen mit dem Curifer auch Menschen verbrannt sind, dreht sich mir der Magen um. Und trotzdem …
»Natürlich freue ich mich immer über ein Wiedersehen mit alten Freunden«, sagt Teddy, »aber ich dachte, Sharr will dir deinen Platz in der Erbfolge stehlen, Lukas. Sollte sie jetzt nicht im Palast gut Wetter machen?«
Er hat recht. Sharr sollte jetzt eigentlich bei König Morrigan zu Kreuze kriechen und um Verzeihung bitten. Wir haben eine seit Jahren geplante Invasion vereitelt. Der König hat im Norden des Landes Curifer gefördert, eine neue Eisenbahnlinie gebaut und ein aufwendiges Täuschungsmanöver inszeniert, damit er das kostbare Metall auf dem Luftwaffenstützpunkt verstecken konnte. Und dann haben Sharr und ihre Helfer zugelassen, dass wir es in die Luft jagen.
Lukas verstärkt seinen Griff an meiner Schulter. »Mein Vater würde sie nicht am Leben lassen. Nach allem, was passiert ist. Wir haben ihre Aussichten auf den Thron zunichtegemacht.«
»Dann ist sie jetzt auf der Flucht?« Ich drehe mich um und schaue ihm in die Augen. »Genau wie wir?«
»Ja. Genau wie wir. Und ich weiß, warum sie hinter uns her ist.« Lukas holt tief Luft. »Danika, wir haben alles, was ihr etwas bedeutet hat, zerstört. Ihre Träume, ihre Hoffnungen, den Thron zu erben. Sie will Rache.«
Schweigen.
Sein Blick wandert wieder zum Rand der Schlucht. Fünf Gestalten auf der Felskuppe. Fünf Gestalten in der Nacht. Und unwillkürlich kommt mir der Gedanke: Fünf sind ideal für eine Flüchtlingsgruppe.
Offensichtlich haben sie uns noch nicht bemerkt – wir sind durch eine Felsnase geschützt und unser Sims verläuft dicht an der Wand. Aber Sharr hält nach ihrer Beute Ausschau.
Wenn sie uns entdeckt, sind wir geliefert. Maisys Flammen-Neigung kann uns vielleicht vor einem Feuerball schützen, aber was ist mit den magischen Kräften der anderen Jäger? Einer Neigung wie Luft oder Reptilien hätte keiner von uns etwas entgegenzusetzen. Schon ein einziger Jäger mit der Neigung Erde könnte uns erledigen! Er könnte uns im Erdboden versinken lassen und unter Schichten von Gestein begraben.
Ich atme langsam aus. »Teddy hat recht. Hier oben sind wir zu leicht zu entdecken. Wir müssen in die Schlucht runter.«
Clementine öffnet den Mund, um zu widersprechen, aber Maisy fasst sie am Arm. Eine Moment lang herrscht Stille. Clementine krallt sich so fest in das Fell ihres Foxarys, dass sie dem armen Tier wahrscheinlich die Haut abzieht, wenn sie jetzt eine abrupte Bewegung macht.
»Na schön«, sagt sie schließlich. »Aber wenn ich abstürze, komme ich als Geist wieder und reiße dich mit in die Tiefe, Teddy Nort. Das schwöre ich dir.«
Wir machen uns an den Abstieg. Egal was Teddy gesagt hat – ich bezweifele, dass man sich so auf einer Wasserrutsche vorkommt. Ich bin nie selbst eine runtergerutscht, ich habe nur anderen heimlich dabei zugesehen, durch Villentore. Diese Rutschbahnen waren golden. An ihrem Ende schwappte klares Wasser und das vergnügte Kreischen von Reichlingskindern erfüllte die Luft.
Hier kreischen nur meine Nerven. Unsere bisherige Route auf dem Felssims war schon schwierig genug, aber jetzt wird es höllisch gefährlich. Der Pfad ist schmal, steil und nass und unsere Foxarys verlieren bei jedem Schritt den Halt. Das Hinterteil in die Luft gestreckt, die Vorderpfoten gespreizt, schlittern sie über den Fels.
Und mit jeder Minute wird der Regen stärker. Er tobt um uns herum und trommelt wie mit tausend Fäusten gegen den Hang. Haare und Kleider werden klatschnass. Wasser dringt mir in die Ohren, läuft mir in den Kragen, rinnt mir über die Haut. Am liebsten würde ich mir die Hände schützend vors Gesicht halten, aber wenn ich den Foxary loslasse, bin ich tot. Also halte ich die Luft an und senke den Kopf, sodass mein Nacken das meiste abkriegt.
»Was hab ich gesagt?«, ruft Teddy. »Eine Wasserrutsche!«
Es ist so albern, dass ich lachen muss – halb panisch, halb gespannt. Mein Herz trommelt noch heftiger als der Regen und Garrums Fell ist ein schmutziges Knäuel in meinen Händen. Von unseren Verfolgern ist nichts zu hören, aber das muss nichts heißen. Wasser rauscht mir in den Ohren, steigt mir in die Nase, brennt mir in den Augen. Ich blinzele verzweifelt, damit ich besser sehen kann.
Der Pfad geht steil bergab. Ich rutsche ständig nach vorn und purzele fast über Garrums Kopf. Ich kralle mich in sein Fell, kneife die Augen zu und zwinge mich zu atmen. Ein und aus, ein und aus.
Ich bin auf Foxarys durch Wälder, über Berge und sogar durch die Wüstlande geritten. Das hier kann doch nicht so viel anders sein. Nur eben steiler, das ist alles. Ein und aus, ein und …
Lukas’ Finger graben sich fester in meine Schultern und sein Körper wiegt sich mit den Bewegungen des Tieres. Er kann besser reiten als ich. Vermutlich hat das mit seiner Pilotenausbildung zu tun, oder auch mit seiner magischen Neigung. Immerhin hat er unzählige Male die Welt durch Vogelaugen betrachtet, hat sich mit den Vögeln vom Wind tragen lassen. Wahrscheinlich ist ihm etwas von ihrem Gleichgewichtssinn in Fleisch und Blut übergegangen.
Und ich dagegen? Unter Teddys Anleitung bin ich zwar besser geworden, aber Reiten ist nicht meine Stärke. Als der Weg sich gabelt und Garrum nach rechts abbiegt, fliege ich nach vorn und pralle, einen spitzen Schrei ausstoßend, mit dem Oberkörper gegen seinen Hals. Klammes Fell nimmt mir die Luft und ich atme eine ekelhafte Wolke Foxary-Schweiß ein, ehe mich Lukas wieder zurückreißt.
»Alles in Ordnung?«, brüllt er gegen das Tosen des Unwetters an.
Ich nicke und sortiere Arme und Beine. Ich weiß nicht, ob ich beschämt, dankbar oder einfach nur entsetzt sein soll. Zum Donnerwetter, wenn die reichen Zwillinge hier klarkommen …
Die Zwillinge! Ich drehe mich nach hinten und spähe durch den Regen. Alles ist grau: der Regen, die Felsen, die Schatten.
»Was ist los?«, keucht mir Lukas ins Ohr.
»Die Zwillinge … wo sind die Zwillinge?«
Lukas wendet den Kopf und erstarrt. Wenn Clementine und Maisy direkt hinter uns wären, müssten wir irgendetwas sehen. Tastende Klauen, glitzernde Foxary-Augen, im Dunkeln wehendes blondes Haar. Aber da ist nichts. Ein neuer Schrecken schnürt mir die Brust zusammen – ein Schrecken, der viel schlimmer ist als alle Angst vor diesem Ritt.
Der Pfad hinter uns ist leer.
Die Zwillinge sind verschwunden.
Wir erreichen den Grund der Schlucht, ehe ich überhaupt merke, dass wir dem Ziel nahe sind. Eben noch ist unser Foxary über den Pfad gerutscht und plötzlich haben wir keinen Boden mehr unter den Füßen. Nur einen Augenblick lang hängen wir in der Luft. Dann stürzen wir in einen Teich.
Wasser spritzt auf. Garrum dämpft die Wucht des Aufpralls und trotzdem schießt mir ein heftiger Schmerz in den Rücken. Ich werde zur Seite geschleudert. Wild zappelnd tauche ich in nasse Dunkelheit ein. Ich bekomme keine Luft und stoße mich nach oben ab, durchbreche die Oberfläche und nehme einen tiefen Atemzug.
Neben mir schießt Teddy aus dem Wasser, hustend und prustend, als hätte er den halben Teich verschluckt. »Alles in Ordnung?«, stößt er hervor.
»Ja, und bei dir?«
Er nickt und rudert mit den Armen. Im nächsten Moment taucht Lukas’ Kopf aus dem Wasser, wie ein Sektkorken mit dunklen Haaren und besorgten Augen. »Sind sie hier? Die Zwillinge?«
Ich schüttele den Kopf. Mir wird ganz flau. Zwei Foxarys, drei Reiter und keine Spur vom Rest der Gruppe. Clementine und Maisy sind verschwunden.
Der Teich liegt am Grund der Schlucht. Schwaches Mondlicht erhellt die Umgebung. Über uns krümmen sich Bäume und versperren den Blick zum Himmel, halten aber auch einen Großteil des Regens ab, der hier unten nur als sanftes Rieseln ankommt.
»Sie sind falsch abgebogen, schätze ich mal«, sagt Teddy, während wir ans Ufer patschen. »Ich hab es gespürt, als Perrim einen Schlenker gemacht hat – er hat im Regen Panik gekriegt, aber auf die Entfernung konnte ich ihn nicht beruhigen …«
Tja, so viel dazu, dass Perrim unser folgsamster Foxary ist.
Ich schleppe mich ans Ufer und verschnaufe erst einmal. Um uns herum sind nur Kletterpflanzen zu erkennen, die sich zu einem dichten Gestrüpp emporranken und vor Nässe glitzern. »Wo sind sie?«
Teddy schüttelt den Kopf. »Ich glaube, Perrim ist nach links durchgegangen, als wir rechts abgebogen sind …«
Wir starren in die Dunkelheit. Der Grund der Schlucht ist schmal: ein Streifen Wald zwischen Felsen. Bis zur gegenüberliegenden Wand dürften es gerade mal zwanzig Meter sein.
»Wenn wir uns weiter in östlicher Richtung halten, müssen wir doch irgendwann auf sie stoßen, oder?«
»Vermutlich«, antwortet Teddy.
Ich merke, dass ich friere – meine Finger sind schon fast taub. Wir sollten uns sofort aufwärmen, denn als Eiszapfen sind wir den Zwillingen keine große Hilfe.
Ich überprüfe meine Kleidung und komme zu dem Ergebnis, dass mein Halstuch der Hauptübeltäter ist. Es hat sich mit Wasser vollgesogen und tropft unter der übrigen Kleidung. Trotzdem sträubt sich etwas in mir dagegen, das Tuch abzunehmen. Es ist tabu, sein Neigungstattoo zu entblößen, bevor man achtzehn ist. Meinen Nacken zu zeigen wäre … irgendwie falsch.
Ich schnaube ärgerlich. Wie albern von mir. Wir sind aus unserer Heimatstadt geflüchtet, haben einen königlichen Doppeldecker abgeschossen und einen Luftwaffenstützpunkt in die Luft gesprengt. Verglichen mit all den Gesetzen, die wir in den letzten paar Wochen gebrochen haben, ist ein unbedeckter Nacken einfach lächerlich.
Ich beiße die Zähne zusammen und reiße mir das nasse Tuch vom Hals. Teddy kann sich einen bewundernden Pfiff nicht verkneifen.
Ich funkele ihn zornig an. »Du solltest deins auch abnehmen.«
Er zieht die Brauen hoch. »Hör zu, Danika, ich fühle mich geschmeichelt und alles, aber du bist nicht mein Typ. Ich stehe mehr auf …«
»Erfrieren?«
Er grinst. »Schon gut, schon gut – nur ruhig Blut. Wenn du so wild darauf bist, mein Neigungstattoo zu sehen, hättest du doch nur zu fragen brauchen.«
Es ist schon komisch – noch vor einem Monat hätte ich jeden verprügelt, der mich aufgefordert hätte, vor einem Jungen mein Halstuch abzunehmen. Das wäre so gewesen, als hätte ich mich nackt ausziehen sollen. Der Überlebenswille siegt wohl über die Scham.
Lukas hat mein Tattoo schon gesehen. Aber er ist der Einzige, abgesehen von Sharr Morrigan. Das Zeichen hat sich erst kürzlich herausgebildet und stellt einen Mond, Sterne und wirbelnde Schatten dar. Das bedeutet, dass meine magische Neigung Nacht ist.
Ein Teil von mir würde es am liebsten für immer verstecken. Dämmerung, Nacht, Schatten – das sind alles Neigungen, die zu unehrlichen Menschen gehören, Heimlichtuern, Lügnern. Ich habe den anderen noch nichts davon gesagt. Als Teddy wissen wollte, wie ich aus dem Turm entkommen bin, habe ich so getan, als wäre ich einfach durchs Dachfenster geklettert. Kein Wort von Nacht-Neigung. Kein Wort von Magie.
Aus Scham.
Ich weiß, dass es albern ist – schließlich haben wir es nur meiner Neigung zu verdanken, dass wir überhaupt noch am Leben sind –, und trotzdem zucke ich zusammen, als Teddy mein Tattoo in Augenschein nimmt.
»Hübsch«, sagt er. »Mann, in Rourton wärst du für mich Gold wert gewesen. Na ja, zumindest Silber.« Er grinst. »Vorzugsweise das anderer Leute.«
In seiner Stimme schwingt kein abschätziger Unterton mit. Er scheut nicht vor mir zurück. Ich verberge meine Erleichterung hinter einem finsteren Blick. »He, meine Neigung macht mich nicht gleich zur Diebin.«
»Das hab ich nicht behauptet«, erwidert Teddy. »Aber eine Illusionistin mit einer Nacht-Neigung? Hast du jemals daran gedacht, dich beruflich zu verändern?«
»He, ihr beiden. Wir sollten uns auf die Suche nach den Zwillingen machen«, mischt sich Lukas ein.
Ich wringe mein Halstuch aus, aus dem ein nicht unerheblicher Teil des Teichinhalts ins Unterholz tropft. »Ja, du hast recht. Außerdem wird uns beim Gehen vielleicht etwas wärmer.«
»Kannst du dich nicht in einen Schatten verwandeln und den Weg vor uns absuchen?«, fragt Teddy. »Du weißt schon, mit der Dunkelheit verschmelzen oder was Leute mit einer Nacht-Neigung sonst so anstellen? Ich wette, du würdest sie viel schneller finden.«
Ich schüttele den Kopf. »Ich beherrsche meine Neigung noch nicht. Beim letzten Mal hätte ich fast nicht mehr zurückgefunden.«
Teddys Augen weiten sie ein wenig. »Oh. Dann … versuche es bitte erst wieder, wenn du dir sicher bist, dass du alles im Griff hast. Wir werden sie auch zu Fuß finden.«
Ich habe ihn selten so ernst reden gehört.
»Na, jedenfalls«, fährt er etwas unbekümmerter fort, »wird uns etwas Bewegung guttun, oder? Sonst setzen wir bei der erstklassigen Verpflegung noch Fett an.«
Trotz aller Sorgen muss ich lachen. Wir sind halb am Verhungern. Wildkräuter und Pilze sind ja gut und schön, nur haben wir am oberen Rand der Schlucht kaum welche gefunden. Nur Felsen und Gras. Der Proviant in unseren Rucksäcken geht zur Neige und es wird immer schwieriger, die Rationen zu strecken.
Wir treten unter die Bäume. Die Foxarys trotten hinter uns her. Teddy kann sie leichter ruhig halten, wenn sie keine Reiter tragen müssen. Jetzt, wo ich hinter ihm gehe, sehe ich das Tier-Tattoo in seinem Nacken. Pfoten, Klauen, Schwänze, Zähne.
Natürlich sind Foxarys nicht die einzigen Tiere, die mit Hilfe von Magie gezüchtet worden sind. In den finstersten Gassen von Rourton verkaufen illegale Züchter Katzen mit giftigen Krallen. Die sind bei Banden und Spielern beliebt – oder bei jedem anderen, der offene Rechnungen zu begleichen hat.
Und laut Lukas experimentiert die Königsfamilie mit Greifvögeln, riesenhaften Tieren namens Falkonen. Nur sind die Knochen von Vögeln hohl und spröde – und zum Glück für uns fließt die Magie bei alchemistischen Tieren durch die Knochen. Die Skelette der Falkonen sind für Alchemie zu brüchig und ihre Magie verflüchtigt sich, sobald sie entsteht. Aus diesem Grund ist es bis jetzt noch niemandem gelungen, diese Flugmonster lange in der Luft zu halten. Würden die Jäger auf solchen Biestern reiten, hätten sie uns wahrscheinlich schon vor Tagen geschnappt.
Im Gehen wringe ich meine Kleider aus. Die Jacke, die ich einer Reichen gemopst habe, trocknet schneller als der Rest. Aus dem Hemd, das ich darunter trage, habe ich gerade so viel Wasser herausgequetscht wie möglich, als mich Lukas am Arm fasst. »Da oben.«
Ich folge seinem Blick. Und erstarre. Im nächsten Moment habe ich Teddy am Arm gepackt und ihn ins Unterholz gezogen. Sie war nur kurz zu sehen, ehe sie hinter einem Felsen verschwunden ist, aber ein Irrtum ist ausgeschlossen. Eine Flamme. Und nicht mehr oben am Rand der Schlucht, sondern auf halber Höhe. Sie kommt in unsere Richtung.
»Ob sie uns beim Abstieg gesehen hat?«, frage ich. »Oder hat sie es nur erraten?«
»Ist doch egal«, erwidert Lukas grimmig. »Wir müssen weiter. Wenn sie uns findet …« Er braucht den Satz nicht zu beenden. Würde uns Sharr auf der Stelle töten. Oder würde sie uns dem König ausliefern und sich dadurch seine Begnadigung erkaufen? Nach dem, was wir mit seinem Luftwaffenstützpunkt angerichtet haben, würde König Morrigan sogar ein blutrünstiges Seemonster begnadigen, wenn es ihm unsere Köpfe auf dem Tablett servierte.
Wir verbergen uns im dichten Unterholz. Tropfnasse Zweige bohren sich in meine Haut, aber das ist immer noch besser als eine Kugel. Ein dünner Mondstrahl dringt zu uns herab, sodass ich gerade so die Gesichter der anderen erkennen kann, grau und von Schatten gesprenkelt. Ich ziehe die Knie an die Brust und versuche, gleichmäßig zu atmen. Wir haben keine Chance, Sharrs Jägern davonzulaufen – wir können uns nur verstecken, bis sie an uns vorüber sind. Hoffentlich haben auch Clementine und Maisy ein Versteck gefunden.
»Eigentlich ganz gemütlich.« Teddy lehnt sich an einen Foxary. »Wenn wir lebend hier herauskommen, mache ich einen neuen Laden auf: einen Foxary-Kissenverleih. Ich vermiete Perrim für eine Nacht und sage ihm, dass er den Kunden nicht fressen soll, bevor er bezahlt hat.«
»Glaubst du, Clem und Maisy sind in Sicherheit?«, frage ich.
Teddy antwortet mit einem Grinsen, aber es ist eine Spur zu breit, um ganz aufrichtig zu sein. »Es wird ihnen schon nichts zustoßen. Falls die Jäger sie finden, braucht Clementine sie nur in ihrem hochnäsigsten Ton anzuschreien, dann nehmen sie panisch Reißaus.«
Wir warten. Die Bäume und der steile Felshang über uns halten einen Großteil des Regens ab. Wir atmen in kurzen, leisen Stößen. Schatten kriechen über meinen Körper. Wenn ich mir den Hals verrenke, kann ich den Nachthimmel durch die Blätter blinzeln sehen, aber er ist so weit weg, dass sich der Blick kaum lohnt. Plötzlich komme ich mir sehr klein vor. Die Felswände dieser Schlucht ragen wahrscheinlich schon seit Jahrtausenden empor. Und die Bäume wuchsen hier schon, bevor ich geboren war, und werden weiterwachsen, wenn ich tot bin. Ihnen könnte es nicht gleichgültiger sein, ob die Jäger uns heute Nacht töten …
»Das sind sie«, flüstert Lukas.
Die Flamme kommt wieder in Sicht. Sharr hat den Grund der Schlucht erreicht. Offensichtlich ist sie nicht in den Teich geplumpst, sondern mit sicherem Schritt vom Pfad in den Wald herabgestiegen. Ich kann sie mir vorstellen: den dunklen Bubikopf, die flackernde Flamme, lange Beine, die zielstrebig durchs Unterholz schreiten. Geschmeidig wie ein Leopard auf der Jagd. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass Leoparden nur jagen, um zu fressen, und nicht, um ihre Beute absichtlich zu quälen. Nur Menschen sind zu dieser Grausamkeit fähig. Menschen wie Sharr.
Fünf Minuten später brauche ich mir Sharr nicht mehr vorzustellen. Ich kann sie sehen. Ihre Flamme kommt im Dunkeln immer näher und verschwindet dann flackernd zwischen den Bäumen. Die Stämme versperren mir die Sicht. Zweigen teilen sich, Blätter rascheln … und da ist sie, das Gesicht von der Flamme in ihrer Hand grell erleuchtet.
»Etwas entdeckt?«, fragt sie.
Einer ihrer Begleiter schüttelt den Kopf. »Vielleicht sind sie doch nicht hier heruntergekommen, Eure Hoheit.«
Auch eine Jägerin begleitet Sharr. Sie und der Mann strotzen vor Muskeln. Im Dunkeln sind ihre Gesichter nur undeutlich zu erkennen, aber sie sind beide erwachsen, wahrscheinlich schon über dreißig oder vierzig. Sie haben ihre magischen Neigungskräfte voll im Griff … und werden sich nicht scheuen, von ihnen Gebrauch zu machen.
Die beiden anderen Jäger kann ich nicht entdecken. Ob sie Clementine und Maisy verfolgen? Bei dem Gedanken schnürt sich mir die Kehle zusammen.
»Möglich«, antwortet Sharr. »Aber wo sollen sie sonst sein? Ich dachte, meine Flamme würde sie aus ihrem Versteck scheuchen.« Ihre Stimme klingt angespannt. »Wir dürfen keine Zeit verlieren. Wir müssen diese Gören finden, bevor …«
Die anderen Jäger schweigen. Ich weiß, dass sie am liebsten »Bevor was?« fragen würden, denn mir liegt dieselbe Frage auf der Zunge. Aber wenn sie nicht lebensmüde sind, werden sie sich hüten, eine unpassende Bemerkung zu machen. Ich habe einmal erlebt, wie Sharr einem Jäger das Gesicht versengt hat, weil er auf eine Fangfrage von ihr geantwortet hat.
Und tatsächlich bricht Sharr selbst das Schweigen. »Ihr kennt meinen Onkel. Ihr wisst, wozu er fähig ist. Glaubt ihr wirklich, dass er keinen Plan B hat?« Sie stößt ein höhnisches Lachen aus. »Mein wunderbarer Cousin mag den ursprünglichen Plan des Königs vereitelt haben, aber es führen viele Wege zum Ziel. Und es gibt mehrere Möglichkeiten für eine Invasion. Der König hat immer einen Ersatzplan in der Hinterhand.«
Sharr tritt näher zu ihren Begleitern. Dabei kommt ihr Gesicht den Flammen so nahe, dass ich nicht überrascht wäre, wenn ihre Haare Feuer fingen. Aber das Feuer scheint sie zu lieben, sie zu streicheln – eher wie ein alter Freund als eine todbringende Kraft. Für die anderen Jäger gilt das nicht. Sie schrecken vor dem Feuerball zurück, als würde Sharr ihn gleich auf sie schleudern.
»In weniger als einer Woche«, sagt Sharr, »wird die ganze Gegend hier von Soldaten des Königs wimmeln. Desselben Königs, der uns für unser schmähliches Versagen ohne Zweifel auf dem Palastplatz aufknüpfen möchte. Wollt ihr noch hier sein, wenn sie eintreffen?«
Die Jäger schütteln die Köpfe.
»Dann schlage ich vor, ihr macht euch auf die Suche«, sagt Sharr. »Mit diesen Gören können wir die Gunst des Königs zurückgewinnen – und wenn wir sie nicht bald finden, ziehe ich euch dafür zur Verantwortung. Verstanden?«
Die Jägerin holt zittrig Luft. »Jawohl, Eure Hoheit.«
»Gut. Bewegt euch.«
Lukas und Teddy sehen mich schweigend an. Lukas ist angespannt wie ein Flitzebogen und selbst Teddy wirkt alles andere als optimistisch. Wir haben es mit Palastjägern zu tun: der besten Spürtruppe von ganz Taladia. Sie werden unsere Spur finden, selbst im Dunkeln. Wir haben uns keine besondere Mühe gegeben, sie zu verwischen – wir haben unsere Kleider ausgewrungen, Zweige geknickt, uns durchs Unterholz geschlagen. Wäre jetzt heller Tag, hätten sie uns schon längst.
Ich blicke wieder zu den Jägern. Sie haben sich aufgeteilt. Ich zermartere mir das Hirn. Was sollen wir tun? Irgendetwas müssen wir tun, egal wie verrückt es ist. Alles ist besser als sterben.
Ich könnte uns mit einer Illusion tarnen. Aber den Trick haben wir schon einmal angewandt und ich glaube nicht, dass Sharr ein zweites Mal darauf hereinfällt. Und ohne den magnetischen Kreis kann ich sowieso keine Illusion erzeugen, die länger als ein paar Sekunden bestehen bleibt. Die Magneten stecken in den Rucksäcken und ich kann sie nicht herausholen, ohne Lärm zu machen.
Meine Gedanken kehren zu dem Gespräch zwischen den Jägern zurück. Sharr ist sich nicht hundertprozentig sicher, dass wir hier unten sind. Sie vermutet es nur. Nach allem, was sie weiß, könnten wir ebenso gut noch oben am Rand der Schlucht entlangwandern …
Und mit einem Mal weiß ich, was ich zu tun habe.
Ich hebe den Kopf. Hoch über dem dichten Geäst kann ich einen dunklen Streifen in der Felswand erkennen. Das muss unser Sims sein. Wenn ich Sharr vorspiegeln kann, dass wir noch da oben sind …
Fernillusionen sind viel schwieriger als Illusionen, mit denen man nur die eigene Person tarnt, und mehr als ein kurzes Flackern habe ich bislang nie zustande gekriegt. Ich bezweifele, dass es länger als eine Sekunde anhält. Aber heute Nacht ist eine Sekunde alles, was ich brauche. Solange die Jäger es bemerken, und sei es nur aus dem Augenwinkel.
Ich versetze mich in den vertrauten magischen Zustand – ein Prickeln in den Adern, das Gefühl von Farbe an den Fingern – und stelle mir das Bild, das ich erzeugen möchte, vor. Einen Feuerschein oben am Rand der Schlucht, der den Eindruck erweckt, wir wären noch auf dem Felssims. Ich schiebe das Bild höher, richte meine Gedanken auf diesen Punkt in der Dunkelheit. Dorthin, denke ich, dorthin, dorthin. Ich stelle mir ein Feuer vor, ein Aufflammen, ein Auflodern …
Und dann läuft die Sache aus dem Ruder.
Das erste Anzeichen ist ein Ruck in der Magengrube. Ich hatte dasselbe Gefühl schon einmal – als ich das letzte Mal mit der Nacht verschmolzen bin. Mir ist, als würde ich kopfüber in ein Becken mit schwarzem Wasser stürzen, nur dass auch mein Körper aus Wasser besteht und das Becken mich verschlucken will. Dann ein zweiter Ruck und die Luft um mich herum kräuselt sich. Dunkelheit umschließt mich, zieht mich in eine Umarmung. Und auf einmal wird mein Körper ganz schlaff, als würden sich Haut, Augen und Finger von ihm abschälen und abtrennen. Ich habe das Gefühl, auseinanderzubrechen, mich aufzulösen und in die Nacht hineinzugleiten …
Halt! Hier stimmt was nicht. Ich möchte nicht mithilfe meiner Neigung zu dem Felssims hinaufschweben, ich möchte dort nur eine Illusion erzeugen …
Ich ziehe mich schleunigst in mich zurück. Die Welt fühlt sich kantig an. Zerrissen. Zuerst weiß ich überhaupt nicht, was geschieht. Da ist nur Dunkelheit, Schmerz, ein Wirbel aus Blättern und Dornen auf meiner Haut. Ein ferner Teil von mir nimmt ein Flackern im Dunkeln wahr – Feuer auf dem Felssims – und da weiß ich, dass meine Illusion funktioniert hat. Das Flackern erlischt sofort wieder, aber Sharr stößt einen Warnruf aus und im nächsten Moment stürzen die Jäger davon. Unter wütendem Gebrüll stürmen sie wieder den Hang hinauf.
Ich liege verdutzt im Unterholz.
»Danika?« Lukas packt mich an den Schultern. »Danika, alles in Ordnung? Was ist passiert?«
Ich brauche eine Minute, um mich zu fassen. Über mir verschwommen ein Gesicht, dann zwei, und schließlich blickt ein dreifacher Lukas auf mich herab. Ist doch gar nicht so schlimm, denkt ein Teil von mir, aber dann schüttele ich den Kopf und verscheuche das Bild.
»Eine Illusion«, bringe ich hervor. »Ich dachte, damit kann ich sie täuschen.«
Teddy sieht mich beeindruckt an. »Also, ich schätze mal, es hat funktioniert. Ich wusste gar nicht, dass du auf so große Entfernung Illusionen erzeugen kannst.«
»Ich auch nicht.« Ich richte mich mühsam auf und stütze mich auf die Ellbogen. »Aber anscheinend hat sich der Versuch gelohnt.«
»Aber was ist mir dir geschehen?«, fragt Lukas. »Du hast irgendwie gezuckt und dann hast du plötzlich am Boden gelegen. Ich dachte schon …« Er streicht sich mit der Hand übers Kinn. »Ich dachte, du wärst erschossen worden oder so was.«
Ich schüttele den Kopf. Die Welt verschwimmt. »Mir geht es gut. Ich glaube, es war nur etwas anstrengend, wegen der großen Entfernung.«
»Aber Danika, du hast gezuckt. Das kann doch nicht normal sein, wenn …«
»Ich sag doch, mir geht es gut.«
Natürlich ist das gelogen, denn ich komme mir vor, als hätten ein Dutzend Besoffene meinen Schädel in Beschlag genommen. Jede Bewegung tut mir weh und lässt mich stöhnen. Was immer gerade geschehen ist, es hat nichts damit zu tun, dass ich eine Illusion erzeugt habe. Ich wäre beinahe in meine Neigungsmacht hineingezogen worden. In die Nacht.
Aber das kann doch nicht sein. Meine illusionistischen Kräfte sind nur eine zusätzliche Gabe, eine Laune der Natur wie Augenfarbe, Intelligenz oder sportliches Talent – etwas, mit dem ich zufällig auf die Welt gekommen bin. Mit meiner magischen Neigung hat das nichts zu tun. Es gibt keinen vernünftigen Grund, warum sie sich gegenseitig ins Gehege kommen sollten. Außer ich habe meine Nacht-Kräfte noch weniger unter Kontrolle, als mir bisher bewusst gewesen ist … und das ist keine angenehme Vorstellung.
Ich setze mich auf. Diesmal ist der Schmerz etwas weniger stark und ich ringe mir ein Grinsen ab. »He, es hat funktioniert, oder?«
»Und wie.« Teddy grinst zurück. »Habt ihr Sharr schreien gehört, als sie gemerkt hat, dass wir oben auf dem Felssims sind?« Er japst übertrieben nach Luft, wirft theatralisch die Hände in die Luft und ruft: »O nein, mein dämonischer Plan schlug fehl.«
Ich gluckse, dann stehe ich mühsam auf. Lukas macht Anstalten, mir zu helfen, aber ich will nicht wie ein Schwächling wirken. Immerhin bin ich vorhin praktisch in Ohnmacht gefallen. Das ist peinlich genug und reicht für eine Nacht.
»Also gut.« Ich versuche so zu klingen, als wäre ich wieder voll da. »Was haltet ihr davon, wenn wir jetzt von hier verschwinden und die Zwillinge suchen?«
Und genau in diesem Moment hören wir Clementine schreien.
Ohne lange nachzudenken, springen wir auf die Foxarys und preschen in die Dunkelheit zwischen den Bäumen, in die Richtung, aus der der Schrei gekommen ist.
Ich sehe sie vor mir, wie sie tot oder sterbend im Unterholz liegen. Clementine mit einer Kugel im Kopf, Maisy zu Füßen eines Jägers. Nein, nein, nein … Mir wird schlecht, ich krümme mich vornüber. Der Geruch von nassem Foxary-Fell steigt mir in die Nase und davon wir mir noch übler.
»Die sind zäh«, stößt Teddy hervor, während wir zwischen den Bäumen dahinjagen. »Sie sind zwar Reichlinge, aber ich schätze mal, sie können auf sich aufpassen. Dieser Jäger weiß nicht, was ihm blüht.«
Diese Jäger, denke ich. Plural. Oben am Rand der Schlucht waren es fünf und Sharr hatte eben nur zwei bei sich. Also sind noch zwei da draußen und durchstreifen die Dunkelheit.
Mein Foxary prescht zwischen zwei Bäumen hindurch, die so dicht beieinanderstehen, dass meine Beine gegen die Stämme krachen. Lukas stöhnt hinter mir vor Schmerz auf und ich weiß, dass wir morgen blaue Flecken haben werden. Ich beiße die Zähne zusammen, ignoriere die Schmerzen und zwinge mich, die Augen offen zu halten. Schneller, schneller …
Ein Schlenker zur Seite, und wir rasen auf die Seitenwand der Schlucht zu. Teddy breitet die Arme aus, als könnte er seine Botschaft so besser in die Köpfe der Foxarys transportieren, dann kommen wir rutschend zum Stehen.
Mein Gehirn braucht einen Moment, um die Szene vor uns zu erfassen. Vier Gestalten, halb im Schatten der Felswand verborgen. Im schwachen Mondlicht sind ihre Umrisse nur schemenhaft zu erkennen.
Die Zwillinge. Und zwei Jäger.
Sie haben Waffen aufeinander gerichtet und halten sich gegenseitig in Schach. Vor einem der Jäger liegt ein offener Rucksack, dessen Inhalt sich über Laub und Steine verteilt hat. Maisy hält ein Streichholz in der Hand, bereit es anzuzünden. Die Jäger wissen offensichtlich, dass sie eine Flammen-Neigung hat, denn sie weichen vorsichtshalber einen Schritt zurück. Doch auch sie sind bewaffnet. Einer richtet eine Pistole auf Clementines Kopf. Sie starrt ihn wütend an und ihre Augen funkeln im Mondlicht.
»Keine Bewegung!«, ruft der Mann.
Clementine erstarrt.
Der zweite Jäger hat eine Reptilien-Neigung. Ich glaube, ich habe ihn schon mal gesehen, kurz nach unserer Flucht aus Rourton. Schlangen ringeln sich ihm um Arme, Hals und Oberkörper. Eine stachelige Eidechse hockt auf seiner Schulter und an seinem Hals kriechen kleinere Viecher herum. Geckos vielleicht, oder etwas Giftiges. Jedenfalls nichts Gutes. Er könnte eine dieser Kreaturen durchs Gras kriechen lassen und die Zwillinge würden erst etwas merken, wenn Gift durch ihre Adern fließt.
Niemand rührt sich. Die vier Gestalten starren sich gegenseitig an und atmen kaum. Als einer der Jäger sich unwillkürlich bewegt, zündet Maisy beinahe das Streichholz an.
Stille.
Teddy, Lukas und ich bleiben unter den Bäumen versteckt. Die Jäger haben uns noch nicht bemerkt, wohl aber Clementine. Unsere Blicke begegnen sich. Sie hält kurz den Atem an, schaut aber sofort wieder weg.
»So«, sagt der Reptilienmann, »wir machen jetzt Folgendes.«
Seine Stimme klingt wie ein Zischen, aber wahrscheinlich spielt mir da nur die Fantasie einen Streich.
»Zuerst einmal lässt du die Streichholzschachtel fallen«, sagt er zu Maisy.
Sie presst die Lippen aufeinander und schüttelt den Kopf. »Nein, zuerst nehmen Sie die Pistole runter, mit der Sie auf meine Schwester zielen.«
Maisys Ton ist scharf, ganz anders als sonst. Die meiste Zeit ist sie so still wie eine Maus: das sanftmütige Mädchen, das im Luxus aufgewachsen ist und nie um eine Mahlzeit hat kämpfen müssen. Aber ich weiß, was sie durchgemacht hat – und im Augenblick der Gefahr kann sie so tapfer sein wie wir alle.
Der Repitilienmann kichert leise. »Einfach so? Ich muss sagen, dann ziehe ich einen Kampf vor. Aber bist du dir denn sicher, dass du nicht schon so gut wie tot bist?«
Maisy blickt auf die sich windenden Schlangen. Sie weiß, welche Gefahr ihr droht, aber sie hält die Augen starr nach vorn gerichtet. Ein Blick nach unten – darauf wartet der Jäger nur. Eine kurze Unachtsamkeit …
»Wenn Sie mich erschießen«, sagt Clementine, »fackelt Ihnen meine Schwester den Kopf ab.«
»Vielleicht«, erwidert der Jäger. »Vielleicht auch nicht. Aber wenn ich euch gehen lasse, wird Sharr etwas noch viel Schlimmeres mit uns anstellen. Da versuche ich mein Glück lieber bei dem kleinen Mädchen.«
Maisy hält das Streichholz dichter an die Reibfläche. Der Jäger zuckt unwillkürlich zusammen und Clementine grinst.
Ich schiele zu Teddy und Lukas. Teddy ist wie erstarrt und blickt unverwandt auf Clementine – und die Pistole, die auf ihren Kopf gerichtet ist. Es ist schon komisch, eine grinsende Clementine neben einem angespannten Teddy zu sehen, aber man weiß vorher nie, wie Menschen auf Gefahr reagieren.
Lukas sieht mich an und flüstert: »Eine Illusion.«
Mir stockt der Atem. Ich weiß, dass er recht hat, aber er weiß nicht, was vorhin geschehen ist, dass meine Illusionskräfte und meine Neigung sich gegenseitig ins Gehege kommen. Bei dem Gedanken, erneut eine Illusion zu erzeugen, überläuft es mich kalt.
Aber ich kann nicht einfach hier stehen und zulassen, dass die Zwillinge getötet werden.
Ich beschwöre das vertraute Prickeln herauf und hülle damit meine Gliedmaßen ein. Ich bin nicht hier, sage ich mir vor. Hier ist nur leere Erde. Leere Luft. Mein Körper verblasst. Ich spüre, wie die Illusion zu wirken beginnt. Zumindest ein paar Sekunden lang bin ich unsichtbar.
Und in diesen Sekunden greife ich an.
Zuerst den Mann mit der Pistole. Meine Illusion erlischt in dem Moment, als ich ihn zu Boden reiße, aber da kann er schon nicht mehr reagieren. Er stürzt unter meinem Gewicht und wir wälzen uns, ein Knäuel aus Armen und Beinen, stöhnend am Boden. Hinter mir vernehme ich Geräusche eines anderen Kampfs – einen Schrei, einen dumpfen Schlag, das Aufeinanderprallen von Leibern. Dann liegt der Pistolenmann plötzlich unter mir. Ich drücke ihm die Finger in die Augen und presse seinen Kopf zu Boden. Wenn er sich bewegt, riskiert er, dass ich ihm die Augäpfel zerquetsche.
Lukas stürzt an meine Seite und fummelte an seinen alchemistischen Amuletten herum. Er wählt einen kleinen Silberknoten aus und hält ihn dem Jäger an die Kehle. Schnüre schnellen aus dem Silber hervor, so kalt und verschlungen wie das Amulett selbst. Sie winden sich um den Körper des Mannes wie Schlangen.
Erschrocken springe ich zurück. Im ersten Moment halte ich sie für Reptilien des anderen Jägers. Ich taumele rückwärts in einen Laubhaufen. Adrenalin schießt durch meinen Körper. In panischer Angst suche ich meine Arme nach Bisswunden ab. Ich brauche gut drei Sekunden, ehe ich begreife, dass die Schnüre keine Schlangen sind – und wichtiger, dass meine Freunde noch in Gefahr sind.
Doch als ich herumwirbele, ist es vorbei. Beide Jäger liegen, mit Silberschnüren gefesselt, am Boden. Mehrere Schlangen sind am Körper des Reptilienmanns festgezurrt und versuchen sich unter wütendem Zischen zu befreien. Meine Freunde sehen aus sicherer Entfernung zu und Maisy hält immer noch drohend die Streichholzschachtel umklammert.
Lukas taumelt auf mich zu. »Mit Illusion hab ich gemeint, dass du sie ablenken sollst! Nicht angreifen und …«
»Aber es hat doch funktioniert, oder?«
Lukas fährt sich mit der Hand durch die dunklen Locken. Ich öffne den Mund, um ihn zu beruhigen, aber Clementine kommt mir zuvor.
»Wie geht es jetzt weiter?«, fragt sie. »Wir können sie doch nicht einfach hierlassen.«
Ich blicke zu den Jägern, die hilflos im Laub liegen. »Wieso denn nicht? Sharr und die anderen sind oben auf dem Felssims. Wenn wir die beiden hier liegen lassen, dauert es vielleicht Stunden, bis Sharr sie findet. Bis dahin sind wir schon weit weg.«
Teddy lässt den Blick zwischen den Jägern hin- und herwandern, einen seltsamen Ausdruck im Gesicht. »Radnor hätte gesagt, dass wir sie töten sollen.«
Wir erstarren. Mein Mund klappt zu und ich vergesse, was ich sagen wollte. Ich weiß nicht, was mich mehr schockiert – Teddys Vorschlag oder die Erwähnung von Radnors Namen. Seit dem Tod unseres Anführers haben wir es meistens vermieden, seinen Namen auszusprechen. Nun ist die Erinnerung an seinen Tod wieder da, lebhaft und schmerzlich. Blut im Fluss. Ein Körper, der auf den Wasserfall zutreibt …
»Wir sind keine Mörder«, sagt Lukas.
»Wir haben den Luftwaffenstützpunkt in die Luft gejagt«, entgegnet Teddy. »Dabei sind bestimmt einige Jäger ums Leben gekommen.«
»Das ist etwas anderes«, sagt Lukas. »Wir mussten den Curifervorrat vernichten, um einen Krieg zu verhindern. Der wäre Mord gewesen.«
