Mandelblüten und Lavendelduft - Joy Peters - E-Book

Mandelblüten und Lavendelduft E-Book

Joy Peters

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Beschreibung

Herta Sonnenschein wollte eigentlich nur ihren Tee trinken. Doch als im Sankt Josef Stift rätselhafte Todesfälle, verschwundene Medikamente und merkwürdige nächtliche Besucher auftauchen, wird aus der rüstigen Seniorin mit Rollator eine Ermittlerin wider Willen. Mit scharfem Verstand, trockenem Humor und einem untrüglichen Gespür für menschliche Schwächen deckt Herta auf, was andere übersehen, sehr zum Leidwesen der Täter und zur leisen Verzweiflung der Polizei. Ein warmherziger Cosy Krimi voller Witz, kluger Beobachtungen und liebenswerter Figuren, der beweist: Unterschätzen sollte man Herta Sonnenschein besser nicht. Perfekt für alle, die Krimis mit Herz, Humor und Köpfchen lieben.

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Seitenzahl: 180

Veröffentlichungsjahr: 2026

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INHALTSVERZEICHNIS

Vorwort

Lavendelduft

Wirbelsturm

Der Brief

Tod im Wintergarten

Zweifel und Entschlüsse

Tee, Tratsch und Tarnung

Das Besucherbuch

Der Stoff aus dem die Lügen sind

Eine Nachricht

Das Sommerfest

Die letzten Puzzleteile

Der zweite Schatten

Der Duft des Verrats

Schlaflos

Nächtliche Gefahr

Schlüsselklappern

Unruhige Ruhe

Der Tanz mit dem Teufel

Gefahr im Stillen

Topflappen

Vanillesauce auf sauren Gurken

Alte Rechnungen

Sonnenaufgang im Stift

Epilog

Nachtrag

Die handelnden Personen

Die handelnden Personen

Die handelnden Personen

Über den Autor

Vorwort

Herta Sonnenschein wollte im St. Josef-Stift eigentlich nur ihre Ruhe haben. Ein bisschen Stricken, ein bisschen Klönen, vielleicht auch mal ein zwei Stückchen vom Marmorkuchen mehr als erlaubt – das war der Plan. Doch das Leben hat ja bekanntlich seinen eigenen Humor. Und so stolpert Herta, kaum dass sie sich an die Essenszeiten und den Kampf um den besten Platz beim Bingo gewöhnt hat, mitten hinein in einen echten Kriminalfall. Zum Glück hat sie ihren „neuen“ Freund Fritz Blume an ihrer Seite – pensionierter Kriminalkommissar, Charmeur alter Schule und in Hertas Augen manchmal ein bisschen phlegmatisch. Zusammen bilden sie ein unschlagbares Duo: Sie mit Neugier, Scharfsinn und einer gehörigen Portion Dickköpfigkeit – er mit Erfahrung, Spürsinn und einer Vorliebe für mollige Frauen.

Doch was in der Seniorenresidenz so geschieht, ist alles andere als gemütlich. Zwischen Wollknäueln, Teestunde und seltsamem Verhalten der Stiftsleitung brodelt etwas – und unsere Herta wäre nicht Herta, wenn sie das einfach ignorieren würde. Schließlich hat sie gelernt: Nur weil man graue Haare hat, heißt das nicht, dass man nichts mehr auf dem Kasten hat.

Dies ist kein gewöhnlicher Krimi. Es ist eine Geschichte über Mut, Freundschaft und den Beweis, dass Abenteuer keine Altersgrenze kennen.

Und vielleicht – nur vielleicht – dass man nie zu alt ist, um das Böse beim „five o`Clock Tea“ inflagranti zu erwischen.

Lavendelduft

Der Morgen im St. Josef-Stift begann wie so viele andere. Mit dem leisen, unerquicklich vertrauten Klirren von billigem Porzellan, dem müden Summen der alten Kaffeemaschine, die schon bessere Zeiten gesehen hatte, und dem allgegenwärtigen Geruch nach Haarspray, Haferschleim und einer Spur Desinfektionsmittel, die sich hartnäckig in den Fluren hielt. Herta Sonnenschein war der festen Überzeugung, dass sich Gerüche in solchen Häusern irgendwann verselbstständigten. Sie blieben. So wie Erinnerungen oder Gerüchte. Manche ließen sich einfach nicht mehr vertreiben. Frau von Rosenhof-Bernburg, verwitwete Offiziersgattin und selbsternannte Hüterin vergangener Tischsitten, hatte die Abwesenheit von edlem Tafelgeschirr bereits des Öfteren lautstark moniert. Sie tat dies mit einer Vehemenz, als hinge der moralische Zustand der gesamten Nation davon ab, ob man ihr das Frühstücksei auf feinem Porzellan oder auf dickwandigem Kantinengeschirr servierte. Sie war offenbar seit ihrer nun doch schon eine ganze Weile zurückliegenden Kindheit Besseres gewohnt. Sie erzählte jedem, der es hören wollte oder auch nicht, dass man in dieser, wie sie es ausdrückte, „überteuerten Bruchbude“ doch zumindest anständiges Geschirr verlangen könne. Herta hörte ihr meist nur mit halbem Ohr zu. Menschen, die ständig von früher sprachen, waren entweder sehr glücklich gewesen oder sehr unzufrieden mit dem Jetzt. Wenn man Herta Sonnenschein fragte, wie sie das Leben im St. Josef-Stift fand, antwortete sie meist: „Ruhig, aber nicht tot. Und das ist in meinem Alter bereits ein Qualitätsmerkmal.“ Dabei sagte sie das mit einem kleinen Lächeln, das nichts beschönigte, aber auch nichts verteufelte. Sie hatte gelernt, dass Zufriedenheit eine Frage der Perspektive war. Und der Erwartungen. Ihre Freundin Berta, mit der sie quasi ihr Seniorenleben im St. Josef-Stift angetreten hatte, war bereits nach kürzester Zeit mit einem „wohlhabenden“ Mann, den sie beim Einkaufen kennengelernt hatte, nach München gezogen. Wohlhabend war in dieser Beziehung vermutlich das Hauptargument gewesen. Denn was Schönheit betraf, konnte er wahrlich keinen Blumentopf gewinnen. Ein Hoch auf die inneren Werte. Herta erinnerte sich an ein Buch, das sie in ihrer Jugend in Wien gelesen hatte: „Die Tante Jolesch.“ Dort sagte die Hauptfigur: „Was ein Mann schöner ist als ein Aff, ist ein Luxus.“ Und ihre Mutter hatte ihr damals geraten: „Suche dir einen reichen Mann oder einen, der ein Kunststück kann.“ Was davon die bessere Alternative sei, darüber ließ sich streiten. Soweit sich Herta erinnerte, war ihr Mann weder reich noch besonders begabt. Und ihre Ehe war trotzdem fast fünfundsechzig Jahre lang glücklich gewesen. Oder zumindest zufriedenstellend. Was, wie sie fand, vollkommen ausreichte. Leider konnte man das von Bertas wohlhabender Beziehung in der Münchner Schickeria nicht behaupten. Wie sich mittlerweile herausgestellt hatte, war der Auserwählte ein gewissenloser Heiratsschwindler. Einer von der Sorte, die nicht nur Herzen brachen, sondern auch Konten plünderten. Und offenbar hätte er auch vor Schlimmerem nicht zurückgeschreckt. Berta hatte seinetwegen bereits einen Tag und eine Nacht, wegen des Verdachts auf Schmuggel illegaler Rauschmittel, im Untersuchungsgefängnis verbracht. Ein Erlebnis, das sie nachhaltig geprägt hatte. Gott sei Dank konnte ihre Unschuld recht schnell bewiesen werden. Es stellte sich heraus, dass sie doch keine gefährliche Drogenoma war, die ein international operierendes Kartell skrupelloser Dealer kontrollierte. Ihre Befürchtung, den Lebensabend mit Fußmattenknüpfen oder ähnlichen therapeutischen Beschäftigungen hinter Gittern verbringen zu müssen, erwies sich glücklicherweise als unbegründet. Trotzdem hatte Berta entschieden, in München zu bleiben und nicht mehr nach Brandenburg ins gemütliche St. Josef-Stift zurückzukehren. Im ersten Moment war Herta darüber traurig gewesen. Sehr sogar. Aber seit sie mit Rosi Schmidt, eine Weltreise auf einem Kreuzfahrtschiff gemacht hatte, wusste sie, dass Einsamkeit hier im Stift kein zwingendes Schicksal war. Auch wenn Rosi einen völlig anderen Lebensrhythmus hatte, andere Ansichten und ein höchst kreatives Verhältnis zu Ordnung und Sauberkeit pflegte, war sie im Kern eine treue, warmherzige Freundin.

An diesem Morgen duftete der Garten nach feuchtem Gras und Rosen. Der Gärtner hatte früh mit dem Gießen begonnen. Durch das weit geöffnete Fenster des Speiseraums hörte Herta das monotone Ticken des Rasensprengers. Dieses geduldige, fast hypnotische Geräusch erinnerte sie an Sommerabende ihrer Kindheit. Dazu gesellte sich das gedämpfte Surren eines Staubsaugers im Flur. Alles war, wie es immer war. Ordentlich. Vorhersehbar. Ein bisschen zu ordentlich vielleicht. Herta Sonnenschein saß an ihrem Stammplatz am Fenster des Wintergartens mit direktem Blick auf die überladen blühenden Rhododendronhecken. Jene wunderbaren Rhododendronhecken, unter denen sie erst vor Kurzem den im Swimmingpool ertrunkenen Frosch beerdigt hatte. Sie betrachtete die Welt mit jener besonderen Mischung aus Sanftmut und Argwohn, die nur Menschen besitzen, die schon alles gesehen haben und trotzdem noch genau hinschauen. Ihre Hände lagen ordentlich um die Tasse gelegt. Neben ihr stand der Rollator, akkurat geputzt. Der kleine Korb darin war gefüllt mit Dingen, die ihre ständigen Begleiter waren: ein kleines rotes Notizbuch, ein Füllfederhalter, eine Stricknadel. Man wusste ja nie. Und ein Stück Zucker. „Für Notfälle“, wie sie sagte. Sie war eine ganz leichte Diabetikerin. „Ganz leicht,“ wie sie stets betonte. Und schon ein altes Sprichwort wusste: „Den Diabetiker findet man im Supermarkt immer vor dem Süßigkeitenregal.“

„Na, Frau Sonnenschein, wieder den besten Platz erwischt!“,

Fritz Blume ließ sich mit einem hörbaren Seufzen auf den Stuhl ihr gegenüber fallen. Seine Zeitung raschelte so laut, dass man es vermutlich bis ins Schwesternzimmer hörte. „Es ist erstaunlich, Herr Blume“, erwiderte Herta mit jenem milden Lächeln, das sie meisterhaft beherrschte, „wie Sie jeden Tag denselben Platz beanspruchen und dennoch behaupten, ich hätte ihn Ihnen weggeschnappt.“

„Routine hält fit“, brummte er.

Er blinzelte über den Rand der Times – Herr Blume sprach nämlich, im Gegensatz zu den meisten Bewohnern hier im Stift, hervorragend Englisch und wollte auf diesem Weg seine Kenntnisse vor dem Verkümmern bewahren.

„Dann müssen Sie ja in Kürze die Unsterblichkeit erreichen“, murmelte Herta und nippte an ihrem Eibischtee. Eigentlich konnte sie Eibischtee nicht ausstehen, aber aufgrund eines Einkaufsmissgeschicks der Stiftsleitung gab es im Moment ausschließlich Eibischtee. Fünfundzwanzig Kilo wenn man ganz genau sein wollte.

Schwester Ingeborg hatte sie „aus Versehen“ erworben, und die mussten jetzt erst mal weg, bevor sie wieder bereit wäre, andere Geschmacksrichtungen herauszurücken. Herta ließ den Blick durch den Speiseraum wandern. Sie tat das unauffällig, beinahe beiläufig. So wie andere Menschen die Wetter-vorhersage studierten. Doch in Wahrheit war es eine Gewohnheit aus längst vergangenen Zeiten: beobachten, einordnen, merken. Man wusste nie, wofür es gut sein konnte. Fritz Blume rührte in seinem Kaffee, als wolle er etwas darin ertränken.

„Wie immer zu dünn“, murmelte er.

„Ich weiß“, sagte Herta, „aber Sie beschweren sich seit zwei Jahren darüber. Vielleicht ist das einfach Ihr Schicksal.“

Er warf ihr einen Blick zu. Halb missmutig, halb amüsiert.

„Und Sie sind zu wach für diese Uhrzeit.“

„Ich bin nicht wach, Herr Blume. Ich bin aufmerksam. Das wird oft verwechselt.“

Sie führten diese kleinen Wortgefechte fast jeden Morgen. Eine harmlose Kabbelei, die für Außenstehende vielleicht unerquicklich klang. Für sie beide jedoch war sie so etwas wie ein stilles Übereinkommen. Widerspruch ohne Konsequenzen. Ein Luxus, den man im Alter zu schätzen wusste. Herta mochte Fritz Blume. Nicht trotz, sondern wegen seiner Unbequemlichkeit. Er war ein ehemaliger Kriminalhauptkommissar mit Auszeichnung, wie er nicht müde wurde zu betonen. Mit einer Meinung zu allem und einem unaus-gesprochenen Anspruch darauf, stets recht zu behalten. Ein Spürhund im Ruhestand. Einer, der nie ganz aufgehört hatte zu schnüffeln.

„Haben Sie schlecht geschlafen?“, fragte sie.

Mehr aus Gewohnheit als aus Sorge.

„Wie immer“, knurrte er. „Zu viele Geräusche. Zu viele Leute. Zu wenig Wahrheit.“

Herta hob leicht die Augenbraue. „Das klingt nach einem philosophischen Problem.“

„Nein“, sagte er und klappte die Zeitung zusammen. „Nach Erfahrung.“

Sie nickte nur. Erfahrung war etwas, das man hier im St. Josef Stift im Übermaß besaß. Jeder trug sie mit sich herum wie einen unsichtbaren Koffer, vollgestopft mit Erinnerungen, Enttäuschungen, verpassten Chancen und gelegentlichen Triumphen. Anfangs, als Herta ins St. Josef-Stift eingezogen war, gab es zwischen ihr und ihrer „besten“ Freundin Rosi, liebevoll auch „die Schmidten“ genannt, eine gewisse Rivalität, wer von den beiden Damen die Zuneigung des begehrtesten Junggesellen im Stift erringen würde. Aber das relativierte sich ziemlich schnell, nachdem man gegenseitig der diversen Macken und Eigenheiten gewahr wurde, und Rosi zügig das Interesse verlor – und sich damit auch Hertas Kampfgeist in Wohlgefallen auflöste.

Herr Blume hatte also vorerst Ruhe vor einem eventuellen Eifersuchtsdrama der Damen Herta und Rosi.

Im Speiseraum herrschte inzwischen das gewohnte Gewusel. Ein Geräuschpegel, der jedem mittelgroßen Bahnhof zur Ehre gereicht hätte. Frau Gisela Behr, ihres Zeichens ehemalige Chef-Souffleuse am Stadttheater Bielefeld, suchte seit nunmehr fünf Minuten ihre Brille, (diese saß auf ihrem Kopf oder war wahlweise gerne auch mal im Kühlschrank zu finden). Sie sprach dabei ununterbrochen über ihre Arthritis, als sei sie eine eigenständige Person mit ausgesprochen schlechten Manieren.

„Man muss teilen, meine Lieben! Teilen hält jung!“, rief sie, während sie Marmeladebrote schmierte.

Herr Kappelhoff zählte laut die Kalorien in seinem Erdbeerjoghurt.

„Morgen, Frau Sonnenschein!“, rief er.

„Morgen, Herr Kappelhoff. Schon etwas Weltbewegendes passiert?“ „Ein Erdrutsch in Bayern“, sagte er mit gewichtiger Stimme. „Das passiert, wenn man zu viel Bier trinkt“, erwiderte Herta trocken. Ohne wirklich gehört zu haben worum es eigentlich ging. Und auch Herr Kappelhoff war mit seinen Gedanken bereits wieder ganz woanders, denn wahrscheinlich hatte er Herta ohnedies wieder mal nicht richtig verstanden. In der Regel pflegte er sein Hörgerät meist nur auf die niedrigste Stufe zu stellen oder es gleich ganz ausgeschaltet zu lassen.

Aus der Küche erklang die Stimme von Schwester Ingeborg. Resolut. Unmissverständlich – resolut wie eine Löwendompteurin:„Bitte nur zwei Brötchen pro Person! Und nein, Frau Schmidt, Butter zählt nicht als Brötchen!“

Herta lächelte in sich hinein. Ordnung musste sein, fand sie. Aber Schwester Ingeborg hatte ein sehr eigenes Verhältnis zu diesem Begriff.

Und Schwester Ingeborg übertrieb es gelegentlich.

Na ja, eigentlich übertrieb sie es immer.

Ihre Kleidung war stets makellos, ihre Frisur unter der Schwesternhaube bombenfest, dass selbst ein Wirbelsturm daran gescheitert wäre. Optisch war also nichts an ihr auszusetzen. Man konnte allerdings nicht behaupten das Schwester Ingeborg das war was man landläufig unter „Sympathieträgerin“ verstand. Sie war eher furchteinflössend und man überlegte sich zweimal ob man sie ansprchen sollte. Manchmal fragte sich Herta, ob Schwester Ingeborg überhaupt schlafen ging oder sich nur in der Wäschekammer auflud wie eine Batterie.

Schwester Ingeborg war eben das, was man ein richtiges „Original“ nannte – mit diesem Gang, der gleichzeitig sanft und befehlshaberisch war. Ein goldenes Kreuz schimmerte an ihrer Brust, und ihr Lächeln war das einer Frau, die gewohnt ist, dass man ihr gehorcht.

Guten Morgen, meine Lieben!“, verkündete sie plötzlich mit einer Fröhlichkeit, die so unerwartet war, dass mehrere Köpfe ruckartig hochgingen. „Heute ist Waffeltag!“

Ein kollektives Aufatmen ging durch den Raum. „Waffeltag“, sagte Herta. „Wie aufregend.“

Frau Behr klatschte begeistert in die knochigen Hände. Herr Kappelhoff jubelte. Rosi schwieg. Für sie waren Milchreis, Pfannkuchen, Grießbrei und Waffeln Kindergartenessen, und es reichte ihr schon, wenn man im Stift von manchen Leuten wie ein Kind behandelt wurde – da weigerte sie sich vehement, auch noch diese Art Speisen zu sich zu nehmen.

Schwester Ingeborg trat näher. „Liebe Frau Sonnenschein, ich freue mich sehr, dass ich Ihnen mit dieser Kostlichkeit eine solche Freude bereiten kann. Aber Sie haben sich ja noch gar nicht für den Kreativkurs eingetragen. Wir basteln Bilderrahmen aus getrockneten Nudeln.“

„Na da denkt man der Tag könne gar nicht mehr schöner werden und dann kommen sie mit so einer tollen Nachricht, ich bin mir aber nicht sicher, ob ich mich einer solch aufregenden Tätigkeit erneut aussetzen möchte,“ sagte Herta trocken und erinnerte sich an den langweiligen Bastelabend, an dem sie im letzten Advent teilgenommen hatte. Am Ende des Abends schlief die Hälfte der Teilnehmer an ihren Tischen, und Herta war nicht sicher, ob nicht auch einige ob der aufregenden Bastelei still und heimlich dahingeschieden waren.

„Beschäftigung tut der Seele gut“, flötete Schwester Ingeborg.

„Ich sehe lieber zu“, sagte Herta mild.

„Sie haben immer eine Antwort, nicht wahr?“

„Natürlich. Meine Tassen stehen noch in der richtigen Reihenfolge.“

In diesem Moment betrat Dr. Elisabeth Storch den Raum, freundlich lächelnd, aber mit diesem Blick, den Menschen haben, die es gewohnt sind, gleichzeitig drei Katastrophen zu jonglieren. Ihr Handy vibrierte, sie flüsterte etwas in das Gerät und verschwand wieder in ihrem Büro.

„Sie hat gelächelt“, murmelte Fritz ohne aufzusehen. „Ist denn schon Weihnachten?“

Herta wollte gerade antworten, als eine fremde Frau in der Tür stand.

„Ah“, flüsterte Herta. „Neuzugang – offenbar aus besserer Gesellschaft.“

„Das sieht man schon an der Handtasche“, murmelte Herr Blume.

„Oder am Gang“, erwiderte Herta. „Menschen, die es gewohnt sind, bedient zu werden, laufen nie schnell.“

Die Dame – später würden sie erfahren, dass sie Sylvia Martens hieß – ließ den Blick durch den Raum schweifen, leicht unsicher, als suche sie einen vertrauten Anker in dieser neuen Welt aus Linoleum und Lavendelduft.

Je nachdem, in welchem Raum man sich gerade befand, dominierte auch 4711 oder Tosca.

Dr. Storch hatte ihr Kommen offenbar bemerkt oder sie sogar erwartet und eilte zu ihr, nahm ihr den Mantel ab, sprach leise. Sylvia Martens nickte dankbar.

„Die ist ganz bestimmt nicht hier, weil sie muss“, sagte Herta leise, aber so, dass Fritz es hören konnte.

Er hob eine seiner üppigen Augenbrauen im Theo-Weigel-Stil. „Wie meinen Sie das denn nun wieder?“

„Menschen, die wollen, bringen ihre Topfpflanze mit. Menschen, die müssen, bringen nur das Nötigste.“

Fritz grinste. „Sie sehen am helllichten Tag Gespenster, Frau Sonnenschein.“

„Vielleicht“, antwortete sie. „Aber manchmal lohnt es sich, hinzuschauen, bevor sie wieder verschwinden.“

„Gespenster lieber Herr Blume, sind nämlich kleine, scheue Geschöpfe, die es gar nicht gerne haben, wenn man sie zu lange beobachtet. Und außerdem war an einem Ort wie diesem niemals etwas so harmlos, wie es auf den ersten Blick klingt.“

Davon war Herta überzeugt.

Später, als sie durch den Flur zurück zu ihrem Zimmer ging, sah sie Schwester Ingeborg sehr vertraut mit Frau Martens sprechen – elegantes Kostüm, teure Tasche, das Lächeln etwas zu perfekt. Herta blieb unauffällig stehen und beobachtete sie still. Etwas an dieser Frau passte nicht ins Bild. Vielleicht der Schatten in ihrem Blick.

Oder die Art, wie sie die Hände aneinanderpresste, als hielte sie etwas fest, das niemand sehen durfte.

Als Sylvia Martens an ihr vorbeiging, nickte sie freundlich.

„Guten Tag.“

„Willkommen im Paradies“, sagte Herta.

Sylvia lächelte verunsichert, und Herta sah, wie sie kurz innehielt, bevor sie weiterging.

Sie schrieb einen Satz in ihr kleines, rotes, ledergebundenes Notizbuch:

Neue Bewohnerin.

Nervös.

Hände zittern beim Teetrinken.

Augen misstrauisch,

Zu gepflegt für Zufall.

Sollte man im Auge behalten.

Dann ging sie in ihr Zimmer, legte das kleine rote Notizbuch auf ihren Schreibtisch und bereitete sich eine Tasse Eibischtee. Beim letzten Schluck Tee schüttelte sie sich vor Ekel und dachte:

Sieh mal an. Der Tag im St. Josef Stift hatte gerade erst begonnen – und schon roch er verdammt nach einem Rätsel.

Wirbelsturm

Am nächsten Vormittag war der Speisesaal des St. Josef-Stifts ungewöhnlich lebhaft. Schon lange vor dem Frühstück hatte sich eine kleine Menschentraube um den Tisch am Fenster gebildet. Jenen Tisch, an dem sonst Herta Sonnenschein und Fritz Blume residierten wie zwei alte Platzhirsche mit Stammrecht. Der Grund für diese spontane Volksversammlung war weder ein besonderes Menü noch ein medizinischer Notfall. Der Grund war die Neue. Neuzugänge waren selten, und wenn sie vorkamen, wurden sie behandelt wie Staatsgäste. Mit frischen Blumen im Flur, polierten Kaffeelöffeln und einem Kuchen, den niemand essen wollte, weil er von Frau Behr, obgleich mit Liebe, gebacken worden war und man auf gar keinen Fall die Zahngesundheit der Neuankömmlinge schon am ersten Tag auf eine so harte Probe stellen wollte. Frau Sylvia Martens alias “Die Neue“ trug an diesem Morgen einen sanftrosafarbenen Seidenschal, der im Licht der hohen Fenster schimmerte, und eine opulente Perlenkette, die in diesem Ambiente so fehl am Platz wirkte wie ein Schwan im Hühnerstall. Herta konnte nicht anders, als sie mehrfach anzusehen. Nicht aus Neid. Eher aus Neugier. „Jede Perle ein Kerl,“ dachte sie und unterdrückte ein Schmunzeln. Sylvia Martens zog offiziell in Zimmer 17 ein. Ein helles Eckzimmer mit Blick auf den Garten. Herta wusste das, weil ihr Rollator ausgerechnet an diesem Vormittag eine kleine Reparatur im selben Flur „brauchte“. Ein Rad klemmte. Sehr hartnäckig. Als Sylvia Martens aus ihrem Zimmer trat, wäre sie beinahe über die geschäftig vor dem Rollator hockende Herta gestolpert. Sie zuckte zusammen und fasste sich an die Brust.

„Ach! Guten Tag“, sagte sie überrascht.

„Guten Tag“, erwiderte Herta und richtete sich langsam auf.

„Sonnenschein. Herta Sonnenschein.“

„Ein schöner Name.“

„Ich bemühe mich, ihm gerecht zu werden.“

Sylvia lachte kurz. Das Lachen klang hohl, wie Porzellan, das zu dünn gebrannt ist. Herta bemerkte alles. Die gedämpfte Stimme. Die kontrollierten Gesten. Die Art, wie Sylvia Martens die Hände ruhig hielt, als würde sie sie zwingen, nicht zu zittern. Zu kontrolliert, fand Herta. Später im Speiseraum nötigte Schwester Ingeborg Frau Martens mit sanftem, aber bestimmtem Nachdruck, sich doch zu Herta, Rosi und Frau Behr zu setzen. Der sogenannte Neuankömmlingstisch sei „doch sehr einsam“ und sie lege großen Wert auf Integration und Gemeinschaft. Gemeinschaft bedeutete im St. Josef-Stift vor allem eines. Man blieb nicht lange unbeobachtet. Frau Behr nahm ihre Aufgabe sofort ernst.

„Und woher kommen Sie, Frau Martens?“

„Aus Hamburg.“

„Ach! So weit!

Und warum gerade jetzt ins St. Josef-Stift?“

Sylvia Martens zögerte einen Moment. Nur einen Augenblick zu lang.

„Ich … wollte einen Tapetenwechsel.“

Herta nippte an ihrem Tee. Tapetenwechsel, dachte sie.

Das sagt man, wenn man flieht und zu müde ist, es zu erklären. Es war nicht, was Sylvia sagte. Es war, wie sie es sagte. Die zu langen Pausen. Der Blick auf den Teller. Das ständige Reiben über den Ringfinger, an dem kein Ring mehr war. Frau von Rosenhof-Bernburg beugte sich zu Herta.

„Also wenn Sie mich fragen – die hatte mal was mit einem Diplomaten. Oder einem Politiker. Oder einem Mafia-Boss.“

„Oder sie hat einfach Geld geerbt“, sagte Herta trocken.

„Oder Lotto.“

„Ach was“, seufzte Frau von Rosenhof-Bernburg. „Das wäre

ja langweilig.“

Herta lächelte höflich. Sie hatte sie gar nicht gefragt. Herr Blume hatte sich, obwohl es Frühstückszeit war, für ein Stück Schwarzwälder Kirschtorte entschieden und schmatzte mit einer Hingabe, die Herta innerlich die Zähne zusammenbeißen ließ.

„Sie sollte mehr essen“, brummte er. „So dünn wie die ist, kippt sie uns beim Bingo um.“

„Sie beobachten sie also auch“, bemerkte Herta.

„Man muss wissen, wer neu im Revier ist“, erwiderte er mit einem Grinsen.

Dr. Storch stellte Sylvia schließlich offiziell vor.

„Frau Martens war lange Zeit im Ausland tätig – Dolmetscherin, wenn ich richtig liege?“

„Teilweise“, antwortete Sylvia mit einem Lächeln, das nichts preisgab. „Ich habe in verschiedenen Häusern gearbeitet.“ „Botschaften? Konsulate?“, fragte Fritz beiläufig.

Ein Schatten huschte über ihr Gesicht. „Nicht nur.“

Herta registrierte es und speicherte es ab. „Na, ob da nicht auch mal ein Freudenhaus dabei war?“ Herta war über ihre erneut zweideutigen Gedanken selbst überrascht.

Schwester Ingeborg erschien mit dem mit allerlei Köstlichkeiten beladenen Frühstückswagen. Auch wenn immer einer was zu meckern hatte, im Grunde war die Versorgung und der Service im St. Josef-Stift doch ganz passabel, und verhungert ist hier garantiert noch niemand.

„Frische Brötchen und alles, was das Herz begehrt“, sagte sie fröhlich. „Und bitte, nicht drängeln, es ist genug für alle da!“

„Ich habe schon Torte,“ sagte Herr Blume mit vollem Mund – etwas, das Herta so gar nicht ausstehen konnte und weswegen es seinerzeit auch mit ihrem Mann immer wieder Diskussionen gab. Sylvia Martens aß kaum etwas. Ein paar Bissen Rührei. Dann stand sie auf und verließ den Raum. Herta sah ihr nach. Der Wirbelsturm hatte begonnen. Nach dem Frühstück verteilten sich die Bewohner des St. Josef-Stifts wie immer nach einem festen, unsichtbaren Plan. Einige zogen sich zum Mittagsschlaf zurück. Andere nahmen Kurs auf den Fernsehraum. Und jene, die noch genug Bewegungsdrang in sich trugen, steuerten den Garten an. Herta gehörte zu Letzteren. Der Garten war ihr Reich. Nicht offiziell, aber praktisch. Hier ließ sich beobachten, ohne aufzufallen.