Märchen der goldenen Zeit - Dajana Scheffner - E-Book

Märchen der goldenen Zeit E-Book

Dajana Scheffner

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Beschreibung

Es sind keine leichten Zeiten, in denen wir im Moment leben. Überall zeigt sich, wie grausam, egozentrisch und gleichgültig Menschen sein können. Gleichzeitig waren jedoch noch nie so viele Menschen an ihrer persönlichen und spirituellen Weiterentwicklung interessiert. Diese Menschen gehen Fragen nach wie z.B.: Wie soll ich reagieren, wenn mich jemand beleidigt? Wie finde ich den passenden Menschen, mit dem ich mein Leben verbringen kann? Wie rette ich meine Beziehung? Wie werde ich glücklich? Wie kann ich mich von den Schatten meiner Kindheit lösen? Wie können wir eine friedliche Welt erschaffen? Was ist der Sinn unseres Lebens und was folgt nach dem Tod? Dieses Märchenbuch gibt Antworten. Es webt die Lehren weiser Menschen in Geschichten ein und zeigt damit ganz praxistauglich, was dies für unseren Alltag bedeutet. Es lädt ein, sich mit dem eigenen Leben auseinanderzusetzen und zeigt Wege auf, wie wir eine glückliche und liebevolle Zukunft aufbauen können. Dabei verbindet es eine alte Märchensprache mit der aktuellen Zeit und entwickelt auch das ein oder andere Märchen der Gebrüder Grimm weiter.

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Seitenzahl: 226

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Ähnliche


Lass deine Seele tanzen.

Dieses Buch enthält Inhaltswarnungen im Vorwort.

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Die Magd, die Prinzessin sein wollte

Rosalie und das böse Ungeheuer

Das Mädchen und der Traumprinz

Der Mann und das Glück

Das Märchen von den gleichen Schwestern

Der König der Farben

Der Schiffbrüchige

Das Discounter-Mädchen

Die Hexe

Die kluge Fee

Die schwerste Prüfung

Prinz Pechvogel

Das Geheimnis der goldenen Rüstung

Des Kaisers neuer Schutzanzug

Die Frau und der Fuchs

Aaron, Kieran und das Geheimnis des Erfolgs

Die Schuld

Drachenland

Hans, Greta und das Märchen von der Unfreiheit

Die blaue Zauberin

Die Frau und der Albtraumprinz

Vorwort

Gerade als ich die ersten Zeilen von diesem Vorwort schreiben will, erreicht mich die Nachricht, dass es einem mir nah stehenden jungen Menschen sehr schlecht geht. Dieser Teenager ist verzweifelt angesichts all der schrecklichen Ereignisse auf dieser Welt (wir schreiben den März 2022). Krieg und Klimawandel sind im Moment die Themen, die viele junge Menschen in Angst und Schrecken versetzen.

Ich kann das alles nachempfinden, denn ich erinnere mich noch sehr gut an meine eigenen Jugendjahre. Erschreckenderweise waren es damals in den 90er Jahren dieselben Themen, die mich vor Angst lähmten. Kriege überall auf der Welt, entsetzliche Armut und hungernde Menschen, die radikale Abholzung von Wäldern, der damit verbundene Klimawandel, Artensterben und die weltweite Umweltverschmutzung haben mich oft verzweifeln lassen.

Und nun nach 30 Jahren sind all diese Probleme immer noch ungelöst und aktuell wie nie und man fragt sich unweigerlich: Hat die Menschheit überhaupt nichts dazugelernt und hat sie sich keinen Schritt weiterentwickelt?

All das Böse und Schreckliche ist sichtbarer denn je. Kann man da überhaupt von einer »goldenen Zeit« sprechen, auf die wir uns zubewegen? Kann man angesichts all des Elends, der Gewalt, des Hasses und des Chaos überhaupt noch einen positiven Gedanken an eine glückliche, lebendige, friedvolle Welt hegen?

Wenn ich diese Frage nicht mit »ja« beantworten würde, würden Sie dieses Buch nicht in den Händen halten. Denn ich kann sie sehen, die Veränderung auf dieser Welt. Sie ist zugegebenermaßen manchmal sehr leise und kaum sichtbar, doch sie ist da.

Nie haben sich so viele Menschen wie in den letzten Jahrzehnten für Themen der Spiritualität und der Persönlichkeitsentwicklung interessiert. Nie haben so viele Menschen aktiv an sich und ihren Problemen gearbeitet. Nie haben mehr Menschen versucht, die schwere Last ihrer Kindheit aufzulösen. Nie gab es eine größere und wirkungsvollere, weltweite Bewegung von Eltern, die ihre Kinder in Liebe und Respekt erziehen und damit eine psychisch gesundere Generation hervorbringen werden. Nie gab es mehr Menschen, die sich bewusst mit dem Thema Konsum auseinandersetzen und erkennen, dass materielle Dinge nicht glücklich machen. Nie gab es mehr Menschen, denen das Wohl der Tiere am Herzen liegt und die ihren Lebens- und Nahrungsstil dementsprechend ändern.

Aber vor allem: Nie gab es mehr Menschen, die all dieses Leid und Elend, diesen Hass und Unfrieden auf der Welt so satt haben. Menschen, die beschließen, in diesem Spiel ganz einfach nicht mehr mitzumachen. Das sind Menschen, die sich nicht manipulieren lassen, die nicht auf Spaltung und Hetze reagieren und für die Frieden nicht nur eine leere Worthülse ist, sondern die Frieden in ihrem ganz persönlichen Umfeld bewusst leben.

Doch nun hängt es an jedem einzelnen, mit welchem Beitrag er diese Welt mitgestalten möchte und ob er eine goldene Zeit oder eine düstere Zeit kreieren will. Vielleicht stehen wir an einer Weggabelung und nun entscheidet es sich, wie viele Menschen es tatsächlich sind, die das Gute, das Lichtvolle, die Liebe wählen.

Was haben nun aber Märchen mit dieser Weggabelung zu tun?

Märchen haben seit jeher auch immer eine Botschaft vermittelt. Sie waren den Menschen eine Stütze in ihrem alltäglichen Leben. So handelten sie zum Beispiel von Faulheit und Fleiß, Neid oder Verrat, von Gefahr, Recht und Unrecht oder aber ganz schlicht vom Guten und vom Bösen. Die Menschen konnten sich an Märchen orientieren und aus ihnen Mut und Kraft schöpfen.

Wenn sich die Menschen nun jedoch mit komplexeren Fragestellungen beschäftigen, reichen diese alten Märchen nicht mehr aus. Wir brauchen neue Märchen mit passenden Antworten auf unsere Fragen. Es sind Fragen wie

» Wo komme ich her und wo gehe ich hin?«

» Wie gehe ich mit diesem oder jenem am besten um?«

» Wie erreiche ich Glück und Fülle in meinem Leben?«

»Wie können wir diese Welt zu einem friedlicheren Ort machen?«

» Wie werde ich die schmerzhaften Gefühle meiner Vergangenheit los?«

» Wie kann ich den passenden Menschen für eine Beziehung finden?«

» Wie schaffe ich es, glücklich mit ihm/ihr zusammen zu leben?«.

Um uns für den richtigen der beiden Wege zu entscheiden, braucht es Wissen und Aufklärung. Wissen ist mittlerweile im Überfluss vorhanden. Viele weise Menschen stellen ihr Wissen (sogar kostenlos) zur Verfügung und dank unserer neuartigen Kommunikationswege kann sich dieses Wissen rasant verbreiten.

Doch es sind nicht nur weise Worte, die wichtig sind. Es braucht auch Geschichten, die diese Worte in eine greifbare Form verpacken, damit sie verständlicher und anschaulicher werden. Zudem schwingt in Geschichten etwas mit, das wir rational nicht erfassen, sondern einzig und allein erspüren können. So können Geschichten wesentlich tiefer in unsere Seele vordringen.

Gerade weil dies alles Märchen sind, die sich mit Kernfragen des Lebens befassen, werden einige Geschichten bei Ihnen vielleicht einen inspirierenden Aha-Moment auslösen und zur Selbstreflexion anregen. Andere wiederum werden Sie möglicherweise unangenehm berühren und Gefühle bei Ihnen auslösen, die nur schwer zu ertragen sind. Ich habe lange darüber nachgedacht, ob ich Sie vor einem bestimmten Märchen warnen sollte. Im Grunde genommen müsste ich Sie vor fast jedem Märchen warnen, denn jedes Märchen könnte diese unangenehmen Gefühle in Ihnen auslösen.

Wenn Sie mögen, können Sie zum Umgang mit Gefühlen, die sich in unserer Kindheit festgesetzt haben und nun als Schatten immer wieder in unserem Leben auftauchen, das Märchen »Die Frau und der Fuchs« lesen.

Ich empfehle Ihnen jedoch explizit, das Märchen »Drachenland« zu überspringen, wenn Sie der Schilderung von gewaltsamen Szenen aus dem Weg gehen möchten. Zudem könnte Sie das Märchen »Die Schuld« triggern, wenn Sie stark auf das Thema »Tod eines Kindes« reagieren. Entscheiden Sie bitte selbst, ggf. mit fachkundiger Hilfe, was Ihnen guttut.

Sie werden feststellen, dass einige der Märchen Sie an die Märchen der Gebrüder Grimm erinnern. Das Märchen »Das Discounter Mädchen« ist eine Weiterentwicklung des Märchens »Aschenputtel«, das Märchen »Rosalie und das böse Ungeheuer« befasst sich mit der Thematik aus dem Märchen »Rotkäppchen und der böse Wolf«, das Märchen »Des Kaisers neuer Schutzanzug« geht auf die Frage ein, was passierte, als das Märchen »Des Kaisers neue Kleider« endete und das Märchen »Hans, Greta und das Märchen von der Unfreiheit« ist eine neue Version von »Hänsel und Gretel«.

Dies war nicht geplant, sondern hat sich ganz von alleine beim Schreiben ergeben. Es hat mir jedoch große Freude bereitet, festzustellen, dass eben jene Märchen sich hervorragend eignen, um Themen der Vergangenheit so weiterzuentwickeln, dass sie in unsere heutige Zeit passen.

Zum Schluss möchte ich mich noch ganz herzlich bei einigen Menschen bedanken. Mein großer Dank gebührt meiner Familie, meinen Freunden und all jenen, die mich in meinem Leben auf positive Weise unterstützt haben. Sie bildeten und bilden auch heute noch das Fundament, auf dem mein Selbstvertrauen und mein Mut wachsen kann.

Auch jenen möchte ich danken, die ihr Wissen der Menschheit frei zur Verfügung stellen und ohne die ich dieses Buch niemals hätte schreiben können. Auch bedanke ich mich herzlich bei meiner Korrektorin für ihr großes Engagement, meinem Text den letzten Feinschliff zu geben, und meiner Coverdesignerin, die meine Vorstellungen sofort mit großer Kreativität umgesetzt hat!

Und ich möchte mich auch bei jenen Menschen bedanken, die mir in meinem Leben Unrecht taten, mich beleidigten oder anderweitige Dinge unternahmen, die nicht in Ordnung waren. Ohne sie hätte ich niemals einen Anlass gehabt, mich auf die Suche zu begeben, meine tiefsten Gefühle zu erforschen und Wissen zu sammeln. Hätte ich immer ein unbeschwertes und leichtes Leben geführt, hätte ich niemals einen Grund dazu gehabt, mich weiterzuentwickeln und innerlich zu wachsen. Diese Menschen sind und waren ein sehr guter Spiegel, um zu erkennen, mit welchen Themen ich mich auseinanderzusetzen habe. Daher gebührt auch diesen Menschen mein Dank.

Ich wünsche Ihnen ein angenehmes, inspirierendes Leseerlebnis und hoffe, dass meine Märchen ihrer Seele guttun.

Herzlichst,

Dajana Scheffner

Die Magd, die Prinzessin sein wollte

Es war einmal eine arme Magd, die wünschte sich nichts sehnlicher, als einmal im Leben reich zu sein.

»Ach, wäre ich nur eine Prinzessin!«, dachte sie, wenn sie in klaren Nächten unter dem Sternenzelt lag und den Himmel nach Sternschnuppen absuchte. »Dann hätte ich Gewänder an, die funkeln würden wie alle Sterne zusammen und niemals mehr müsste ich Schweine füttern oder Gänse hüten. Ich würde von goldenen Tellern essen und in einem herrlich weichen Daunenbett schlafen. Was wäre das Leben dann schön! «

Eigentlich hatte die Magd ein gutes Leben. Sie arbeitete auf einem Hof bei einer Bauernfamilie, die gütig und freundlich war. Sie bekam genug zu essen, hatte ein eigenes Zimmer und wurde für ihre Arbeit gerecht entlohnt. Sie war frei und konnte gehen, wohin sie wollte. In den Stunden, in denen die Magd nicht arbeiten musste, streifte sie in den Wäldern und Feldern umher und unterhielt sich mit Tieren, Bäumen und Steinen. Es ging ihr gut und dennoch war sie unzufrieden.

Eines Tages lief die Magd nach der Arbeit zu ihrem Lieblingsplatz im Wald. Doch noch bevor sie die kleine Lichtung erreicht hatte, hörte sie ein lautes Schluchzen aus dem Gehölz. Die Magd hielt inne und lauschte. Vorsichtig lief sie weiter in die Richtung, aus der das Schluchzen kam, kletterte über Baumwurzeln und krabbelte unter tief hängenden Zweigen hindurch. Da sah sie eine kleine Elfe, deren Fuß zwischen zwei Ästen eingeklemmt war. Offensichtlich konnte die Elfe sich nicht selbst befreien und weinte nun bitterlich.

»Hab keine Angst«, sagte die Magd freundlich. »Wenn du stillhältst, kann ich dir helfen.«

Die Elfe blickte erschrocken auf, denn sie fürchtete sich vor Menschen. Doch die Magd war stehengeblieben und schaute die Elfe abwartend an.

»Muss ich Angst vor dir haben? «, fragte die Elfe.

Die Magd lächelte. »Ich tue dir nichts. Und ich verspreche, vorsichtig zu sein, wenn ich die Äste auseinanderziehe.«

Die Elfe nickte.

Der Magd fiel es nicht leicht, die schweren Äste auseinanderzuschieben. Doch sie wandte alle Kraft auf, die sie hatte, und schließlich gelang es. Die Elfe war frei. Dankbar flog sie in die Luft und drehte sich jauchzend ein paar Mal um die eigene Achse. Dann schwebte sie wieder zur Magd hinab.

»Ich werde nie vergessen, dass du mir geholfen hast. Als Dankeschön möchte ich dir einen Wunsch erfüllen.«

Die Magd bekam große Augen. Bescheiden wie sie war, antwortete sie: »Nein, nein, das habe ich doch gern getan.«

Doch die Elfe ließ sich nicht beirren.

Sie fragte abermals: »Was ist dein größter Wunsch?«

Da wusste die Magd, was sie sich wünschen sollte.

»Ich möchte eine Prinzessin sein«, antwortete sie rasch.

»Wirklich?«, fragte die Elfe erstaunt. »Das kann ich kaum glauben. Das Leben als Prinzessin ist bestimmt kein leichtes. Aber dein Wunsch ist mir Befehl.«

Doch weil sie eine kluge Elfe war, fügte sie augenzwinkernd hinzu: »Zweimal darfst du deinen Wunsch ändern.« Dann schwang sie ihren Zauberstab, winkte der Magd zu und flog davon.

Die Magd konnte kaum glauben, was sie gerade erlebt hatte. Verwundert und lachend trat sie den Heimweg an. Gerade als sie aus dem Wald trat, sah sie eine Kutsche, vor der zwei weiße Pferde angespannt waren. Der Kutscher schien auf sie gewartet zu haben, denn als er sie sah, sprang er vom Kutschbock, öffnete die Tür und winkte sie zu sich heran. Die Magd stieg ein und die Kutsche brachte sie zu einem prächtigen Schloss.

Der König und die Königin empfingen sie herzlich. Sie teilten der Magd mit, dass sie von nun an ihre adoptierte Tochter sei und dass es ihr an nichts fehlen solle. Gemeinsam nahmen sie an einem großen Tisch Platz, auf dem die herrlichsten Speisen standen. Zum ersten Mal in ihrem Leben musste nicht die Magd die anderen bedienen, sondern wurde selbst bedient. Sie probierte exotische Früchte, aß sich an süßen Törtchen satt und hatte fast Tränen in den Augen vor Rührung, als sie sah, dass alles auf goldenen Tellern angerichtet war. Bevor sie in ihr Gemach geleitet wurde, bedankte sie sich beim König und bei der Königin.

»Das ist doch selbstverständlich«, lachte die Königin. »Geh nun schlafen und ruhe dich aus. Morgen wird ein anstrengender Tag.«

Die Magd knickste höflich und ihre Zofe brachte sie in ihr Schlafgemach. Und wieder konnte sie kaum glauben, was sie sah. Mitten im Raum stand ein prächtiges Himmelbett mit weichen Daunendecken und Bettbezügen aus goldenem Samt. Es gab keinen Kleiderschrank, sondern ein eigenes Ankleidezimmer, in dem die prächtigsten Kleider hingen, die die Magd sich je hätte vorstellen können. Sie waren mit Diamanten besetzt und funkelten in allen Farben. Zu jedem Kleid gab es ein Paar passende Schuhe. Ehrfürchtig befühlte die Magd die edlen Stoffe und schlüpfte in das ein oder andere Paar Schuhe. Sie alle passten wie angegossen. Die Magd zog ein weißes Nachtgewand aus kühlem Satin an und fiel müde in ihr weiches Daunenbett. Mit einem Lächeln auf den Lippen schlief sie ein.

Die Magd erwachte aus Gewohnheit früh am Morgen, doch kurz nachdem sie ihre Augen geöffnet hatte, klopfte es an der Tür. Es war ihre Zofe, die sich vielmals entschuldigte und die Magd freundlich bat, ihr beim Ankleiden helfen zu dürfen, damit sie sie zum Frühstück geleiten könne. Und wieder war der Tisch mit den herrlichsten Speisen gedeckt. Doch viel Zeit zum Frühstücken blieb der Magd nicht. Der König und die Königin trieben sie zur Eile an. Obwohl die Dämmerung noch nicht eingesetzt hatte, standen schon viele Termine auf dem königlichen Programm.

Die Magd schluckte. Sie war es zwar gewohnt, mit den Hühnern aufzustehen, aber natürlich hatte sie gehofft, jetzt als Prinzessin endlich ausschlafen zu können.

Der Tag war lang. Und noch nie hatte sich die Magd so gelangweilt. Der König und die Königin empfingen hohe Staatsmänner, andere Adelige und auch zahlreiche Menschen aus dem Volk. Die Magd musste die beiden zu Empfängen und Wohltätigkeitsveranstaltungen begleiten. Bei allen Terminen durfte sie selbst fast nie reden, sondern musste nur Hände schütteln und vor allem freundlich lächeln. Lächeln, immer nur lächeln, den ganzen Tag.

Am Anfang gefiel der Magd noch, dass sie so viele unterschiedliche Menschen kennenlernen durfte. Es gefiel ihr, dass sie bewundernde Worte für ihre wunderschönen Kleider erhielt. Aber nie konnte die Magd mit den Menschen ein längeres Gespräch führen. Nie erfuhr sie, wer da eigentlich vor ihr stand, was die Person dachte, was ihre Träume und Sehnsüchte waren.

Bald war es der Magd sehr langweilig. Sie kam sich vor wie eine leblose Staffage, die nur dazu da ist, schön auszusehen. Die Tage begannen früh und endeten spät. Es gab keine Feier- und keine Sonntage und ausruhen konnte sich die Magd selten. In ihrem geliebten Wald war sie, seitdem sie Prinzessin war, nie wieder gewesen. Abends schlief die Magd meist so erschöpft ein, dass sie nicht einmal ihr weiches Daunenbett genießen konnte.

Mit der Zeit wurde die Magd traurig. So hatte sie sich das Leben einer Prinzessin nicht vorgestellt. Doch da erinnerte sie sich an die kleine Elfe, die ihr gesagt hatte, dass sie ihren Wunsch zweimal ändern dürfe. Die Magd dachte nach.

»Reich zu sein, gefällt mir«, überlegte sie. »Das Himmelbett, die goldenen Teller und meine prächtigen Gewänder möchte ich nicht missen. Ich will ja auch gern arbeiten, aber die Arbeit müsste mir mehr Freude bereiten.«

Dann sagte sie laut: »Ich ändere meinen Wunsch. Ich möchte von nun an eine berühmte und reiche Schauspielerin sein.«

Und kaum hatte sie ihren Wunsch ausgesprochen, da hörte sie ein lautes Hupen vor dem Palast. Sie ahnte, dass dies ihr galt und eilte schnell nach draußen, nicht jedoch, ohne sich bei der Königin und dem König für ihre Gastfreundschaft zu bedanken.

Vor dem Palast wartete eine schwarze Limousine. Ein elegant gekleideter Chauffeur stieg aus und öffnete ihr die Tür. Dann fuhr er mit ihr in die Nacht hinaus. Die Magd war aufgeregt und neugierig. Was würde sie in ihrem neuen Leben als berühmte Schauspielerin erwarten?

Und wieder staunte die Magd, als sie zum ersten Mal die große Villa betrat, die nun ihr gehören sollte. Fast schien es ihr, als sei alles noch prächtiger als im Schloss. Ganze 14 Zimmer zählte die Villa und eines war geschmackvoller als das andere eingerichtet. Sofort fühlte sie sich wohl.

Die Magd war nun viel freier als vorher. Sie konnte selbst bestimmen, wann sie arbeitete, wie lange sie arbeitete und mit wem sie zusammenarbeitete. Es war ein angenehmes Leben und ihr fehlte es an nichts. Zudem machte ihr die Schauspielerei große Freude.

Doch etwas machte ihr sehr zu schaffen. Sie war nun berühmt und konnte keinen Schritt mehr vor die Tür setzen, ohne von ihren Fans belagert zu werden. Es waren sehr aufdringliche Menschen dabei. Die Magd konnte nicht einkaufen gehen, sie konnte nicht ins Kino gehen oder am Abend ins Restaurant. Ständig wurde sie fotografiert, ständig wurde sie angefasst und oft kamen Reporter, die am nächsten Tag eine falsche und reißerische Geschichte über sie veröffentlicht hatten. Bald wurde der Magd das alles zu viel.

»Die Schauspielerei ist ja schön«, dachte sie. »Die Arbeit macht mir viel Spaß. Und reich bin ich selbstredend auch gern. Wenn nur diese Berühmtheit nicht wäre.«

Und sie erinnerte sich daran, dass sie ihren Wunsch ein letztes Mal ändern konnte.

»Ich möchte eine Schauspielerin sein, die reich ist, viele Rollen hat, aber die niemand kennt«, sprach sie ihren Wunsch aus.

Und wie durch ein Wunder verschwanden von einer Minute auf die andere die Heerscharen von Fans, die meist Tag und Nacht vor ihrer Villa ausgeharrt hatten. Erleichtert atmete die Magd auf. Endlich war sie reich, hatte einen schönen Beruf und war so frei, dass sie hingehen konnte, wo auch immer sie hingehen wollte.

Am Anfang ging es der Magd mit ihrem neuen Leben ganz wunderbar. Sie arbeitete viel, genoss ihren Reichtum und ging einkaufen und essen, wann immer es ihr beliebte. Endlich konnte sie nachts wieder allein nach draußen gehen und den großen, weiten Sternenhimmel beobachten. Doch weil niemand die Magd kannte, war sie immer allein. Zwar hatte sie ihre Schauspielkollegen am Set und auch ihre Bediensteten, doch Freunde waren dies nicht. Es fehlten ihr Menschen, mit denen sie lachen und ihr Glück teilen konnte. Immer dann, wenn sie jemanden kennenlernte, der ihr gut gefiel, hatte derjenige sie am nächsten Tag wieder vergessen. Der Wunsch, dass niemand sie kennen sollte, wirkte zuverlässig.

»So gefällt mir mein Leben nicht«, dachte die Magd traurig. »Was nützt mir mein Reichtum, wenn ich einer furchtbaren Arbeit nachgehen muss? Was nützt es mir, eine schöne Arbeit zu haben, wenn der Preis ist, dass mich ständig unangenehme Menschen bedrängen? Und was nützt es mir nun, das perfekte Leben zu haben, wenn ich einsam bin? Das wollte ich alles nicht.«

Da wusste sie plötzlich, was sie wollte. Sie packte schnell einen goldenen Teller, eine weiche Daunendecke und das schönste, funkelndste Kleid ein, das sie besaß, verabschiedete sich von ihren Bediensteten und verließ ihre Villa. Sie atmete einmal tief durch und machte sich dann zu Fuß auf den Weg.

Als sie vor dem Haus der Bauernfamilie stand, atmete sie abermals tief durch und klopfte. Doch ihre Angst war unbegründet. Die Bauernfamilie freute sich sehr, sie wiederzusehen, und nahm sie wie eine eigene Tochter bei sich auf. Sie durfte in ihrem Zimmer wohnen, ihre alte Arbeit verrichten und obwohl sie bescheiden lebte, so fehlte es ihr doch an nichts.

Und in manchen Nächten sieht man sie, wie sie an ihrem Lieblingsplatz, auf der Waldlichtung, in ihrem funkelnden Kleid unter dem Sternenhimmel tanzt. Und dann kommt ihre Freundin, die Elfe, hinzu und tanzt mit und sagt dann immer lachend: »Eigentlich hättest du dir ja auch nur goldene Teller, ein weiches Daunenbett und ein funkelndes Kleid wünschen können.«

Und dann lacht auch die Magd und weiß, dass sie glücklich ist mit ihrem ganz bescheidenen, wunderschönen Leben.

Rosalie und das böse Ungeheuer

Es war einmal ein kleines Mädchen, das wurde sehr geliebt von Mutter und Vater. Und auch die Großmutter liebte es so sehr, die wusste gar nicht, was sie dem Kind alles schenken sollte, um ihm ihre Liebe zu zeigen. Einmal nähte sie ihm ein Mäntelchen aus schönem Stoff, der war natürlich rosa, denn das Mädchen liebte Rosa über alles, und es ist schließlich nichts Verwerfliches daran, dass viele kleine Mädchen gerne rosa Kleidung tragen. Und weil das Mädchen so lieblich aussah und es von diesem Tage an nichts anderes mehr tragen wollte als nur sein rosa Mäntelchen, so nannten es die Leute bald nur noch liebevoll Rosalie.

Eines Tages sprach das Kind: »Ich will heute zur Großmutter laufen und ihr ein wenig Kuchen und Saft bringen.« Denn die Großmutter war schon seit einigen Tagen krank.

Selbstverständlich war die Mutter dagegen, dass das kleine Mädchen allein lief, denn so sind die Mütter von heute – sie haben viel zu viel Angst, dass ihre Kinder dem Bösen begegnen. Doch Rosalie ließ sich nicht davon abbringen zu gehen, und weil die Mutter keine Zeit hatte, ließ sie sie schweren Herzens allein ziehen.

Rosalie jedoch versprach, ihr Handy mitzunehmen und sich sogleich zu melden, wenn sie sicher bei der Großmutter angelangt war. Und dann trabte sie munter und unbekümmert von dannen.

Wie nun die kleine Rosalie am Felde entlang lief, da begegnete sie einem bösen Ungeheuer. Es war natürlich kein Wolf, denn Wölfe sind nicht böse, sie haben einfach nur einen Jagdtrieb und Hunger und töten aus diesem Grunde.

Nein, es war also kein Wolf und auch kein anderes gewöhnliches Tier, sondern ein Ungeheuer. Rosalie aber wusste nicht, was das für ein böses Ungeheuer war, und so fürchtete sie sich nicht vor ihm. Doch das Ungeheuer war durch und durch böse, es hatte nichts anderes im Sinn, als die arme Rosalie aus reiner Lust zu verschlingen. Hier am Felde jedoch war das zu gefährlich, da die letzten Häuser zu nah waren und das Ungeheuer fürchtete, gesehen zu werden.

Also sprach es mit List: »Guten Tag, kleines Rosalieschen, wohin gehst du denn?«

Und Rosalie antwortete geradeheraus: »Ich besuche die Großmutter. Sie ist krank und ich bringe ihr Kuchen und Saft.«

»Willst du der Großmutter denn keine Blumen bringen?«, fragte das Ungeheuer. »Sie wird traurig sein, denn kranken Menschen bringt man doch Blumen mit!«

Da wurde Rosalie ganz betrübt, denn das hatte sie nicht bedacht. Das Ungeheuer deutete mit seiner großen Pranke zum Wald.

»Hier wachsen keine Blumen, aber dort drüben im Wald, da gibt es ein schönes Blumenfeld. Ich zeig es dir, wenn du willst.« Und dann führte das Ungeheuer die kleine Rosalie in den Wald.

Doch wie sie so durch den Wald liefen und Rosalie hier und da eine Blume abpflückte, da trafen sie ganz unvermittelt auf das Gute in Form eines wunderschönen, feengleichen Wesens, das wie ein schimmernder Hauch zwischen den Baumstämmen hindurchschwebte. Die gute Fee erkannte gleich die Gefahr und blieb stehen.

»Guten Tag, Rosalie, guten Tag, Ungeheuer, wohin des Weges?«, fragte die Fee mit freundlicher Stimme.

Das Ungeheuer knurrte nur, denn es war erzürnt darüber, die Fee getroffen zu haben. Rosalie erzählte jedoch von dem geplanten Besuch bei der Großmutter und dass sie hier im Wald noch einige Blumen pflücken wollte.

»Ich begleite dich gern«, sprach die gute Fee, doch da wurde das Ungeheuer sehr wütend.

»Dann fress ich euch eben beide!«, schrie es.

Da verstand die kleine Rosalie endlich, dass das Ungeheuer gefährlich war, doch Angst bekam sie trotzdem keine. Sie betrachtete die mächtigen Pranken des Ungeheuers und seine spitzen Zähne und dachte kurz nach. Dann fragte sie: »Wer ist eigentlich stärker von euch beiden? «

»Ich! «, rief das Ungeheuer sofort und bleckte seine Zähne.

Die gute Fee jedoch lächelte und antwortete freundlich: »Die Liebe ist die stärkste Kraft. Ich bin pure Liebe durch und durch, deshalb bin ich stärker als alles andere auf der Welt.«

»So kann ich es nicht herausfinden, wenn ihr beide das Gleiche sagt«, lachte Rosalie. »Warum willst du uns denn überhaupt fressen, Ungeheuer?«

»Weil es mir Spaß macht«, sprach das Ungeheuer. »Es macht Spaß, böse zu sein.« Und weil es dem Ungeheuer langsam zu bunt wurde, begann es, die gute Fee zu beleidigen.

»Du bist der letzte Abschaum, nichts als widerwärtiger Abschaum. Die Welt soll endlich verstehen, dass wir mit Gefühlsduselei nicht weiterkommen. Härte und Macht, Hass und Bosheit – darum geht es in dieser Welt.«

Doch die gute Fee war die reinste Liebe selbst und so konnte sie nicht anders, als das Ungeheuer trotzdem liebevoll anzuschauen. Und auch Rosalie war nicht gekränkt durch die bösen Worte, sondern sie war voller Mitgefühl. Sie nahm den Korb mit dem Kuchen und dem Saft, trat auf das Ungeheuer zu und streichelte seine Pranke.

»Ich hab dich trotzdem lieb, Ungeheuer«, sagte sie. »Und wenn du solchen Hunger hast, dann nimm du den Korb, die Großmutter wird doch wohl auch mit den Blumen zufrieden sein.«

Da brach das böse Ungeheuer plötzlich in Tränen aus. Es konnte die Liebe der beiden kaum aushalten.

»Warum bist du denn traurig?«, fragte Rosalie.

Das Ungeheuer wusste es nicht. »Die Liebe von euch beiden tut mir weh«, sagte es. »Ich will sie nicht.«

»Wenn dir die Liebe wehtut, aber umgekehrt du der guten Fee nicht wehtun kannst, dann ist wohl die Fee stärker als du«, sagte das Mädchen.

Doch die Fee sprach: »Es geht nicht darum, wer stärker ist. Wir wollen nun gehen und der Großmutter die Blumen bringen.«

Und sie liefen wieder aus dem Wald heraus, pflückten noch einige Blumen und das Ungeheuer verzog sich unverrichteter Dinge in den Wald zurück.

Auf dem Weg fragte Rosalie die gute Fee: »Hätten wir das böse Ungeheuer denn nicht töten sollen? Was ist, wenn es mich noch einmal fressen will oder die Großmutter oder sonst wen?«

Da sprach die Fee: »Wenn wir das Ungeheuer getötet hätten, so hätten wir es ihm gleichgetan und das wäre nicht recht. Wenn wir eine Welt möchten, in der wir uns sicher und geliebt fühlen wollen, so müssen wir selbst zuerst Liebe sein.«

Und dann brachte die gute Fee Rosalie zu ihrer Großmutter, die freute sich sehr über den Besuch.

Doch damit ist die Geschichte noch nicht zu Ende, denn als Rosalie am nächsten Tag wieder auf dem Weg zur Großmutter war, um ihr diesmal einen neuen Kuchen zu bringen, traf sie das böse Ungeheuer abermals am Feldrand. Rosalie jedoch hatte keine Angst und das Ungeheuer sah heute schon weniger fürchterlich aus als am Tage zuvor. Doch abermals bleckte es seine spitzen Zähne und sprach: »Heute will ich dich fressen.«

Rosalie aber lachte und antwortete: »Nein, das darfst du nicht, du bist doch in Wahrheit ein liebes, kleines Ungeheuerchen.«

Und sie knuffte das Ungeheuer sanft in sein Fell. Dann stellte sie ihren Korb vor dem Ungeheuer ab.

»Na gut«, sagte sie. »Nun will ich heute nicht streng zu dir sein. Hier sollst du den Kuchen noch einmal haben.«

Das Ungeheuer war perplex und wusste keine Antwort, denn das hatte es wahrlich nicht erwartet. Doch weil der Kuchen am Vortage gemundet hatte, gab es sich zufrieden und zog sich mit dem Kuchen in den Wald zurück.