Märchen von Bäumen -  - E-Book

Märchen von Bäumen E-Book

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Beschreibung

Im Märchen sind auch Bäume etwas Wundersames: Die einen wachsen bis in den Himmel und stellen so eine Verbindung zwischen zwei Welten her, andere tragen besondere Früchte, wieder andere sprechen oder singen und einige helfen den Protagonisten, ihr Ziel zu erreichen. Es kommen Verwandlungen von Menschen in Bäume vor und es gibt noch manch anderen ungeahnten Aspekt, von dem diese Sammlung internationaler Volksmärchen erzählt.

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Seitenzahl: 269

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Über dieses Buch

Bäume sind faszinierende, achtunggebietende Wesen, die uns im Märchen und Mythos als etwas Wundersames begegnen.

Der Baum ist verwurzelt in der Erde, im Urgrund des Lebens, aber er strebt mit seinen Ästen auch dem Licht zu, den himmlischen Gefilden. So verbindet er beide Pole miteinander, ordnet das Leben und ist weltumfassend. Nicht umsonst ist vom »Weltenbaum« die Rede, der nicht nur die ganze Welt umspannt, sondern zugleich ihr Mittelpunkt und ihre Achse ist, z.B. die Esche Yggdrasil der nordgermanischen Mythologie.

Bäume haben in der Regel in den Märchen eine positive und wundersame Funktion: Sie können sprechen, singen, helfen, beschützende Zuflucht und Heimat sein oder auch der Ort spiritueller Erfahrungen.

Die Vielfalt der Bäume hat die Menschen schon immer beeindruckt, und es gibt zahlreiche ätiologische Märchen, die von der Entstehung besonderer Eigenschaften der Bäume, bestimmter Baumsorten oder außergewöhnlicher Früchte erzählen. Dabei kommt immer wieder zur Sprache, dass auch die Bäume eigentlich beseelte Wesen sind. So erzählen einige Märchen auch von Verwandlungen der Menschen in Bäume oder von Bäumen in Menschen. Noch viele weitere ungeahnte und faszinierende Aspekte findet man in den Baummärchen dieser internationalen Märchensammlung.

Über die Herausgeber

Sabine Lutkat studierte Erziehungswissenschaften, Germanistik und Psychologie. Sie arbeitet freiberuflich in der Erwachsenenbildung mit Vorträgen und Seminaren zu Märchenthemen, als Märchenerzählerin sowie als Reiseleiterin in Irland. Seit 2004 ist sie Präsidiumsmitglied und seit 2012 Präsidentin der Europäischen Märchengesellschaft e. V. Sabine Lutkat ist Mitherausgeberin von Kongressbänden der Europäischen Märchengesellschaft, Autorin diverser Artikel darin und Herausgeberin u.a. der Märchenbände »Feenmärchen« (2007/Neuauflage 2015) und »Ein Koffer voller Märchen – Märchen zum Erzählen und Vorlesen für Kinder ab 4 Jahren« (2016).

Wolfgang Schultze ist passionierter Sammler von Märchen- und Sachbüchern und Mitherausgeber mehrerer regionaler Sagen- und Märchenbücher. Er war viele Jahre Schatzmeister der Europäischen Märchengesellschaft e.V. und fungiert als Mitbegründer und Vorstandsmitglied der Stiftung Europäische Märchenbibliothek. Zusammen mit Sigrid Früh, der bekannten Märchenforscherin und -erzählerin, publizierte er den Märchenband »Pferdemärchen« (2006/Neuauflage 2012).

Gemeinsam gaben Sabine Lutkat und Wolfgang Schultze 2017 bereits die »Märchen von Füchsen« im Königsfurt-Urania Verlag heraus.

Märchenvon Bäumen

Herausgegebenvon Sabine Lutkat undWolfgang Schultze

Bibliographische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliographie; detaillierte bibliographische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

E-Book-Ausgabe

Krummwisch bei Kiel 2018

© 2018 by Königsfurt-Urania Verlag GmbH

D-24796 Krummwisch

www.koenigsfurt-urania.com

Lektorat: Dr. Jennifer Lorenzen-Peth, Quarnbek

Satz: Stefan Hose, Götheby-Holm

Umschlaggestaltung: Jessica Quistorff, Rendsburg, unter Verwendung des folgenden Motivs von Fotolia.com: »Giant tree« © kevron2001

eISBN 978-3-86826-422-7

Inhalt

Vorwort

Yggdrasil

Himmelhohe Bäume

Schöner als Himmel und Erde

Die Prinzessin auf dem Baum

Die Frucht des hohen Baumes

Der Wunderbaum zum Himmel

Der Wunderbaum

Von der Herkunft der Bäume und ihren Eigenschaften

Warum die Bäume nicht mehr reden

Warum die Kiefern so struppig sind

Märchen von der Eiche

Steineiche und Steinbuche

Vom Ursprung des Kokosnuss-Baumes

Der Baum und seine Früchte

Der Wunderbaum Allepantepo

Vom Baum, der goldene Äpfel trug

Einen Birnbaum säen

Alle tausend Jahre reift die flache Pfirsichfrucht

Sprechende, singende und helfende Bäume

Die Jungfrau geht nach dem Feuer

Die Töchter des Holzhauers

Das Makassarische Aschenbrödel

Der Fichtling

Springendes Wasser, sprechender Vogel, singender Baum

Bäume als beschützende Zuflucht und Heimat

Das Lorbeerkind

Von den Teufelchen auf dem Eichenbaum

Der Blinde

Lineik und Laufey

Die Heckentür

Der Wacholderbaum

Der Garten der Jadefee

Von Menschenbäumen und Baummenschen

Der Ahornbaum

Die Zauberesche

Die beiden Ebereschenbäume

Gulianar, die Granatapfelblüte

Die Geschichte von dem hölzernen Mädchen

Wundersame Baumgeschichten

Die drei Bäume

Der Schneider im Baum

Die verzauberten Weiden

Der Versöhnungsbaum

Die drei Linden

Der Schatz im Baum

Die Pappel

Der goldene Baum im Meere

Der alte Mann, der die Bäume zum Blühen brachte

Der Zauberwald

Literatur- und Quellenverzeichnis

Vorwort

Bäume sind faszinierende, wundersame, achtunggebietende Wesen, denen wir voller Staunen und Ehrfurcht in unserem Alltag, aber auch im Märchen und Mythos begegnen.

»Mitnichten ist der Baum zuerst Same, dann Spross, dann biegsamer Stamm, dann dürres Holz. Man darf ihn nicht zerlegen, wenn man ihn kennen lernen will. Der Baum ist jene Macht, die sich langsam mit dem Himmel vermählt.«1 So hat es Antoine de Saint-Exupéry ausgedrückt.

Zerlegen lässt sich auch der Baum im Märchen und im Mythos sicher nicht. Wir müssen ihn im Ganzen zu ahnen versuchen. Allumfassend ist er. Er reicht tief ins Dunkle der Erde, ist verwurzelt im Urgrund des Lebens. Aber er strebt mit seinen Ästen auch dem Licht zu, den himmlischen Gefilden. So wie ich mich mit dem Baum verwurzeln kann im Urgrund des Lebens, kann ich mit ihm auch hinaufstreben in die himmlischen Gegenden, in die Bereiche der spirituellen Erfahrungen. Auf diese Art und Weise verkörpert der Baum als Symbol die grundlegenden Erfahrungsbereiche des Menschen. Denn zwischen diesen beiden Polen ist unsere menschliche Existenz aufgespannt, zu uns gehört sowohl die materielle als auch die spirituelle Welt.

Indem der Baum beide Pole in sich vereint und sie miteinander verbindet, ordnet er das Leben und ist weltumfassend. Nicht umsonst ist vom »Weltenbaum« die Rede, dem Baum, der nicht nur die ganze Welt umspannt, durchdringt, sondern zugleich ihr Mittelpunkt und ihre Achse ist.

Der wohl bekannteste Weltenbaum ist die Esche Yggdrasil der nordgermanischen Mythologie.2 Deshalb ist der Sammlung ein Text zur Beschreibung des Weltenbaums einleitend vorangestellt.

Doch auch im Märchen begegnen uns solche Weltenbäume. Besonders schön und anschaulich ist das im italienischen Märchen Schöner als Himmel und Erde, aufgeschrieben von Silvia Studer-Frangi. In ihm steigt ein Märchenheld sowohl an seinen Wurzeln in die Tiefe als auch an seinen Ästen in die Höhe – er durchquert also die entgegengesetzten Ebenen des Seins, um am Ende sein Glück in der Mitte, in der Menschenwelt zu finden.

Vor allem in den osteuropäischen Überlieferungen sind Märchen vom himmelhohen Baum tradiert. Dieser Baum wird bestiegen, der Märchenheld kommt in andere Welten und erfährt Wesentliches; oft genug findet er dort oben seine Jenseitsbraut (Die Prinzessin auf dem Baum, Die Frucht des hohen Baumes). Doch auch von anderen Erfahrungen berichten die Märchen, in denen der Märchenheld den Weltenbaum besteigt (Der Wunderbaum zum Himmel, Der Wunderbaum). Im letztgenannten Märchen möchte der Märchenheld nach seiner Hochzeit den Baum seiner Frau zeigen. Auf ihm hatte er drei Welten vorgefunden, eine kupferne, eine silberne, eine goldene, aus denen er entsprechende Zweige mitgebracht und seine kupfernen Füße, seine silbernen Hände und seine goldenen Haare erhalten hat. Doch der Baum ist verschwunden.

Wenn man die Besteigung des himmelhohen Baumes mit spirituellen Erfahrungen gleichsetzt, scheint es nur folgerichtig zu sein, dass der Baum nicht mehr da ist. Spirituelle Erfahrungen können nicht eins zu eins wiederholt und auch nicht von anderen nachgeahmt werden; und sie können auch nur begrenzt auf die Erde herabgeholt werden.

Wichtig in diesem Zusammenhang ist noch, dass die himmelhohen Bäume der ungarischen und angrenzenden Überlieferung weniger mit der Weltenesche Yggdrasil in Verbindung gebracht werden als vielmehr mit der Schamanenreise. Der Weg des Märchenhelden wird von der Märchenforschung mit der Schamanenreise verglichen. Kovács schreibt in der »Enzyklopädie des Märchens«: »Besteigt der Schamanenkandidat die Stufen des Baumes, verschafft er sich die wichtigsten Zaubermittel (Trommel, Pferd etc.); erklimmt der Schamane selbst den Baum, zieht er die Geister der Ahnen zu Rate oder wendet sich mit den Wünschen der Gemeinschaft an den Hauptgott, der auf dem Wipfel wohnt.«3

Ein weiteres Beispiel für einen Weltenbaum: »In der Volksdichtung der Jakuten, eines nordostasiatischen Steppenvolkes, wird jener Baum besungen, der Himmel und Erde, Menschen und Götter miteinander verbindet: ›Am gelben Nabel der achteckigen Erde steht ein üppiger Baum mit neun Ästen. Seine Runde und Knospen sind silbern, die Blätter sind so groß wie eine Pferdehaut. Auf dem Wipfel des Baumes fließt schäumend der göttliche, gelbe Saft. Wenn die Vorübergehenden davon genießen, werden die Müden erfrischt und die Hungernden satt.‹«4

Zusammenfassend schreibt Ward in der »Enzyklopädie des Märchens« über den Baum, dass er, »auf Grund seiner Größe, seines oft hohen Alters, seiner Fruchtbarkeit, seiner jährlichen Wiederbelebung oder seines Immergrüns (Koniferen) zum Mittelpunkt zahlreicher kosmogonischer, anthropogonischer oder mit Vergehen, Auferstehung und ewigem Leben verbundener religiöser Vorstellungen werden musste.«5

Die Vielfalt der Bäume, die Tatsache, dass manche ihre Blätter abwerfen und manche nicht, ihr unterschiedliches Aussehen, all das hat die Menschen schon immer beeindruckt, und es gibt viele ätiologische Märchen, die von der Entstehung besonderer Eigenschaften der Bäume oder bestimmter Baumsorten selbst erzählen. Dabei kommt immer wieder zur Sprache, dass auch die Bäume eigentlich beseelte Wesen sind (Warum die Bäume nicht mehr reden). Warum die Kiefern so struppig sind und Märchen von der Eiche erklären ein bestimmtes Aussehen dieser Bäume, während Steineiche und Steinbuche und Vom Ursprung des Kokosnussbaumes die Entstehung dieser Baumsorten thematisieren.

Ebenso fasziniert waren und sind die Menschen von der Vielzahl der wunderbaren Früchte an den Bäumen. Wie die Früchte insgesamt auf die Erde kamen, davon erzählt Der Wunderbaum Allepantepo. Überaus kostbar ist der Baum, der goldene Äpfel trug und oft genug weisen die Äpfel den Weg zum Partner/zur Partnerin. Einen Birnbaum säen erzählt davon, dass die Gaben, die uns durch die Bäume und die Natur geschenkt werden, und der Geiz unaufhebbare Gegensätze sind. Und die Frucht in Alle tausend Jahre reift die flache Pfirsichfrucht ist glückverheißend schlechthin.

Bäume haben in der Regel in den Märchen eine positive Funktion. In unserer Sammlung gibt es nur ein Märchen, in dem die Bäume eher dämonisch wirken (Die verzauberten Weiden). Wenn die Erfahrungen mit Bäumen sonst negativ sind, hängt das eher mit Verzauberung und Verwünschung (Die Zauberesche) oder mit dem mangelndem Respekt vor ihnen zusammen (Der Schneider im Baum). Einige Bäume helfen den Guten und bestrafen die Bösen (Der Fichtling, Der Zauberwald, Die Jungfrau geht nach dem Feuer). Es gibt eine Fülle von Bäumen, die den Märchenhelden und Märchenheldinnen helfen und oft hängt ihr Gedeihen mit dem Glück derselben zusammen (Die Töchter des Holzhauers, Das Makassarische Aschenbrödel, Springendes Wasser, sprechender Vogel, singender Baum).

Für Gerd Haerkötter »verkörpern die Bäume die uralte Sehnsucht des Menschen nach dem sich immer erneuernden ewigen Leben. Denn ihre Fähigkeit, ihre Lebenskraft von Jahr zu Jahr zu regenerieren, macht sie zum Sieger über den Tod.«6

Das ist etwas, was über den Menschen und das Menschenmögliche hinausgeht. Die Worte Ehrfurcht und Demut kommen einem beim Nachdenken über Bäume und ihren Symbolgehalt unweigerlich in den Sinn, sie stehen in unabdingbarem Zusammenhang mit Bäumen. Zu anderen Pflanzen muss ich hinabschauen, zu Bäumen muss ich hinaufschauen!

In den hier nicht aufgenommenen Grimmschen Märchen von Aschenputtel und Einäuglein, Zweiäuglein und Dreiäuglein, aber auch in Von dem Machandelboom sind Motive der Verbindung zwischen Mensch und Baum und ihrer Lebenskraft enthalten. Bäume spenden nicht nur Gaben, sondern im Brauchtum und im Märchen gibt es die Lebensbäume, die Sympathiebäume, die Grabbäume. Die Märchen Das Makassarische Aschenbrödel und Der Wacholderbaum greifen diese Gedanken auf. Dass aus dem Grab zweier Geschwister Bäume wachsen, die sich über dem Kirchendach berühren und so auf ihre Unschuld hinweisen, ist ein besonders schönes Motiv (Die beiden Ebereschenbäume). Aber auch andere magische Wesen können zum magischen Baum und aus dem verbrannten Baum kann wiederum zauberkräftige Asche werden (Der alte Mann, der die Bäume zum Blühen brachte).

Zwischen Mensch und Baum besteht ein enger Zusammenhang. Auch unsere Sprache spiegelt solches wider. Wir sprechen vom Stammbaum, Stammhalter, Zweig der Familie, unserer Abstammung. Aber auch sonst benutzen wir in unserer Sprache oft Bilder, die mit Bäumen zu tun haben: baumstark, stämmig, verwurzelt, entwurzelt, aus gutem Holz geschnitzt, astrein, ungehobelt/ungehobelter Klotz, sich aufbäumen, ein Kerl wie ein Baum, back to the roots.

Darüber hinaus sind Bäume wichtige Orte und spielen im Brauchtum ihre Rolle: Es gibt Grenzbäume, den Maibaum, den Weihnachtsbaum, die Gerichtslinde und die Dorflinde.

Die enge Verwandtschaft von Mensch und Baum wird natürlich auch in all den Märchen und mythologischen Erzählungen sichtbar, in denen sich Menschen in Bäume verwandeln.

Aus Ovids »Metamorphosen«7 ist die Geschichte von Daphne bekannt, die Jungfrau bleiben möchte. Apollo, getroffen von Amors Pfeil, stellt ihr unnachgiebig nach, so dass sie die Götter um Hilfe anruft und in einen Lorbeerbaum verwandelt wird.

In den »Metarmorphosen« findet sich auch die Geschichte von Myrrha, die sich der verbotenen Liebe zu ihrem Vater nicht erwehren kann, unerkannt mehrfach bei ihm liegt und sich dann aus Scham und Verzweiflung in eine Myrrhe verwandelt. Ihre Tränen sind das Harz. Und ihr Sohn aus dieser verfluchten Verbindung ist Adonis, aber das ist eine andere Geschichte.

Auch im Märchen gibt es die Verwandlung aus oder in Pflanzen/Bäume: Neben den zahlreichen Orangen- oder Apfelmädchen gibt es Das Lorbeerkind, sicher ein Nachhall auf Daphne. Getötete können sich in Bäume verwandeln, aus denen Musikinstrumente gemacht werden, die die böse Tat ans Licht bringen, und in der hier aufgenommenen Variante kommt am Ende das getötete Mädchen aus dem Musikinstrument wieder hervor (Der Ahornbaum). In Gulianar, die Granatapfelblüte verwandeln sich getötete Kinder in einen Baum und seine Blüten bzw. Früchte daran, bevor sie erlöst werden. Ganz besonders apart ist Die Geschichte vom hölzernen Mädchen, in dem zuerst eine aus Holz geschnitzte Gestalt zum lebenden Mädchen wird, dann aber wieder zu ihrem Ursprung in einen Baum zurückkehrt.

Viele andere Aspekte spielen ebenfalls eine wichtige Rolle in den Baummärchen. Bäume sind bewohnt, beseelt von Baumgeistern oder der Wohnort von Andersweltwesen: Der Garten der Jadefee, Der goldene Baum im Meer. In einem Fall sind sie auch der Wohnort von Ungeheuern und müssen vernichtet werden (Die drei Bäume).

Bäume können Schutz- und Heilungsort sein für Mädchen wie Allerleirauh, die in der Baumhöhle Schutz suchen, hier sind sie im Märchen Lineik und Laufey Schutzort für zwei Geschwister.

Außerdem findet man noch die Vorstellung der heiligen Haine und Bäume, die aufs Schärfste vom Christentum bekämpft wurde (das bekannteste Beipsiel ist, dass Bonifatius die Donareiche gefällt hat). Eventuell ist in der Sage Der Schatz im Baum noch etwas davon erhalten.

Andere Märchen wiederum stellen einen Zusammenhang her zwischen dem Grünen und Blühen eines Baumes und einer göttlichen Vergebung (Der Versöhnungsbaum, Die drei Linden).

Des Weiteren kann der Baum sowohl Treffpunkt von Geistern und Übernatürlichem sein als auch Schutz gewähren (Die Heckentür, Die Teufelchen auf dem Eichenbaum, Der Blinde).

Bäume sind Magie schlechthin (Die Pappel).

Es gäbe noch weitere Aspekte wie z.B. das Motiv von Baum, Schlange und Früchte, aber der Umfang dieses Bandes ist begrenzt. Die wichtigsten Aspekte im Zusammenhang mit dem Symbol des Baumes im Märchen sind aber in dieser Sammlung von Märchen aus aller Welt enthalten.

Bäume scheinen im Märchen immer Frage und Aufforderung zugleich zu sein. Sie fragen uns, wo unsere Wurzeln sind, aber auch, wohin wir wachsen wollen und in welche spirituellen Bereiche wir uns begeben möchten. Sie fordern uns auf, all das, was als Same in uns angelegt ist, zum Wachstum und zur Entfaltung zu bringen. Sie fordern uns auf, nicht einseitig zu werden, sondern uns gut zu verwurzeln und mit der Erde und den dunklen Tiefen ebenso zu verbinden wie mit den lichten Höhen und den himmlischen Regionen. Sie sagen uns, dass das menschliche Leben zwischen diesen beiden Polen aufgespannt ist, dass wir Anteil am Dunklen haben und Anteil am Lichten, dass unser Zuhause aber die Mitte, die Erde, das menschliche Leben im Hier und Jetzt ist.

Schließen möchte ich mit einem Zitat von Hermann Hesse:

»Bäume sind wie Heiligtümer. Wer mit ihnen zu sprechen, wer ihnen zuzuhören weiß, der erfährt die Wahrheit. Sie predigen nicht Lehren und Rezepte, sie predigen, um das einzige unbekümmert, das Urgesetz des Lebens.«8

Anmerkungen

1Antoine de Saint-Exupéry, zitiert nach Laudert, Doris: »Mythos Baum. Geschichte – Brauchtum – 40 Baumporträts«. München: BLV Verlagsgesellschaft mbH, 2003. S. 33.

3Kovács, Agnes: »Der himmelhohe Baum«. Brednich, Rolf Wilhelm (Hrsg.): Enzyklopädie des Märchens. Handwörterbuch zur historischen und vergleichenden Erzählforschung. Begründet von Kurt Ranke. Hrsg. v. Rolf Wilhelm Brednich zusammen mit Hermann Bausinger u.a. Berlin, New York: de Gruyter, 1999. Bd., Sp. 1381-1386, hier Sp. 1385.

4Haerkötter, Gerd: »Das Geheimnis der Bäume. Sagen, Geschichten, Beschreibungen«. Köln: Anaconda Verlag, 2006. S. 27.

5Ward, Donald: »Baum«. EM (wie Anm. 3), Bd. 1, Sp. 1366-1374, hier Sp. 1366.

6Haerkötter (wie Anm. 4), S. 24

7Vgl. Ovid: »Metamorphosen«. Stuttgart: Reclam, 1972, 2015.

8Hesse, Hermann, zitiert nach Haerkötter (wie Anm. 4), S. 25.

Yggdrasil

In der nordischen Mythologie hat Yggdrasil, die Weltenesche, eine ganz besondere, eine außergewöhnliche Bedeutung. Sie ist Trägerin des ganzen Weltgebäudes; ihre Wurzeln reichen in die untere Welt, während ihr Wipfel bis in die obere Welt, die Götterwelt, reicht und sich über das ganze Himmelsgewölbe ausbreitet.

Ihre Wurzeln sind dreigeteilt, eine sprudelt aus dem Brunnen Hwergelmir im urkalten Niflheim und ist Quelle der Meere, aller Ströme, Flüsse und Bäche der Erde, und hierher kehrt alles Wasser nach vollendetem Kreislauf zurück. Dies ist die Unterwelt, Hel (Totenreich) genannt; hier befinden sich die Wohnungen der Toten. In diesen Gefilden lebt die Schlange Nidhögg, die an den Wurzeln der Yggdrasil nagt, und mit ihr unzählige weitere Schlangen.

Der zweite Brunnen ist die Mimirquelle, im Land der Reifriesen, Jötunheim genannt. Sie gehört Mimir, der weiseste und friedlichste aller Riesen. In diesem Brunnen sind alle Weisheiten verborgen. Täglich trinkt Mimir aus dieser Wunderquelle. Ihm werden die uralten Geheimnisse der Vorzeit kund. Einmal begab sich Odin zu Mimir und bat um einen Trank aus dieser Quelle. Der Riese forderte einen hohen Preis, und zwar ein Auge Odins, das dieser als Pfand hinterlegte. Odin beherrscht nun die Runenkunde und kennt alle Weisheiten der Ahnen.

Die dritte Wurzel ist im Himmel und hier befindet sich der heilige Urdbrunnen. Täglich reiten die Götter über Bifröst (Regenbogen), die Asenbrücke dorthin, um Gericht zu halten. Das Wasser dieses Brunnens ist so heilig, dass alles, was in den Brunnen kommt, so weiß wird wie die Haut, die inwendig in der Eierschale liegt. Der Tau, der von der Esche auf die Erde fällt, nennt man Honigfall; davon ernähren sich die Bienen. Auch nähren sich zwei Schwäne in Urds Brunnen, und von ihnen kommt das Vogelgeschlecht dieses Namens.

Am Fuße des Baumes sitzen die Nornen, die Schicksalsgöttinnen, Urd (Vergangenheit), Werdandi (Gegenwart) und Skuld (Zukunft). Sie sitzen am Brunnen, ritzen Runen und spinnen und weben die Schicksale der Götter und der Menschen. Täglich besprengen die Nornen mit dem heiligen Wasser den Weltenbaum, damit er, trotz der fortgesetzt an seinen tiefsten Wurzeln und an seinen Zweigen nagenden Feinde, nicht verdorre.

In dem immergrünen Wipfelwalde weidet die Ziege Heidrun, und wunderkräftig muss wohl ihre Speise sein, denn diese Geiß gibt so viel Met, dass alle Götter und Helden Walhalls sattsam davon zu trinken haben. Weitere vier Hirsche nähren sich von den Blättern und Knospen der Esche. Auf der Krone des Weltenbaumes wacht der heilige Hahn mit einem goldenen Kamm. Er hält immer Ausschau nach Feinden, die sich der Götterwelt nähern. Ebenfalls auf dem Gipfel des Baumes sitzt ein Adler, und zwischen seinen Augen rastet ein Habicht (Wedrfölnir), der Wettermacher.

Das am Stamm hurtig auf- und niederhuschende Eichhörnchen Ratatosk (Rattenzahn) eilt zwischen der Schlange Nidhögg und dem Adler im Wipfel unermüdlich hin und her und trägt die gegenseitigen gehässigen Worte der Verwünschungen und Drohungen, die ausgestoßen werden, von einem zum anderen.

Wenn aber die Weltenesche Yggdrasil erbebt, so ist das das erste Zeichen des Weltuntergangs.

Himmelhohe Bäume

Schöner als Himmel und Erde

Es war einmal ein Mann und eine Frau. Lange Jahre warteten sie vergeblich auf ein Kind. Endlich wurde ihnen ein Knabe geboren. Alle Leute kamen herbei, um das Kind zu sehen und zu bewundern. In der ersten Nacht, als die Gäste fortgegangen waren und im Hause alles schlief, setzte sich eine große, schöne Frau neben das schlafende Kind. Sie legte ihm einen goldenen Stern zwischen die Augenbrauen, sang ein Wiegenlied und verließ den Ort.

In der zweiten Nacht, als alles ruhig war, stellte sich ein dunkler Mann neben die Wiege, zeichnete dem Kind einen schwarzen Punkt auf jeden Fuß, seufzte und ging von dannen.

In der dritten Nacht weinte das Kind im Schlaf, Vater und Mutter aber hörten es nicht. Da war auf einmal ein Kind bei dem Neugeborenen, das zugleich weinte und lachte. Das legte sich zu dem Kleinen und tröstete ihn.

Als der Knabe herangewachsen war, zog er in die Welt hinaus. Er wanderte und wanderte, bis er in die Mitte der Welt kam. Da wollte er das Apfelmädchen holen, das schöner war als Himmel und Erde. Jetzt kam er zum Baum. Er ging den Wurzeln nach in die Tiefe, es wurde immer dunkler, und seine Füße taten ihm weh.

Mit äußerster Anstrengung konnte er das Mädchen sehen, aber nur für die Zeit eines Mäusepfiffs. Da beschloss er, auf den Ästen in die Höhe zu klettern, aber je höher er kam, desto mehr wurde er vom Licht geblendet, und das Gewicht des Sterns zwischen den Augen tat ihm weh. Mit äußerster Anstrengung vermochte er die Umrisse des Mädchens zu sehen, aber nur für die Zeit eines Vogelschreis. Er kletterte wieder auf die Erde hinunter. Müde und elend lehnte er sich an den Stamm des Apfelbaums. Da fiel plötzlich ein Apfel herunter und heraus sprang ein Mädchen, das war schöner als Himmel und Erde!

»Du hast mich erlöst«, sprach sie und umarmte ihn. »Es war höchste Zeit, wärest du bis Mitternacht nicht gekommen, wäre ich mein Leben lang eingeschlossen geblieben, wo es zu dunkel und zu hell ist.«

Dann gingen sie Hand in Hand den weiten Weg zurück. Sie hatten einander viel zu erzählen und manchmal weinten sie und manchmal lachten sie.

Märchen aus Italien

Die Prinzessin auf dem Baum

Es war einmal ein armer Junge, der musste Tag aus Tag ein die Schweine in den Wald treiben, dass sie bei Bucheckern und Eichelmast fett würden. Dabei war er nach und nach achtzehn Jahre alt geworden. Eines Tages trieb er seine Schweine noch tiefer in den Wald, als er es bisher getan hatte. Da sah er plötzlich einen allmächtig hohen Baum vor sich, dessen Zweige sich in den Wolken verloren. »Das ist aber ein Baum!«, sagte der Junge bei sich. »Wie mag es wohl sein, wenn du dir von seinem Wipfel aus die Welt beschaust?!« Gedacht, getan: Er ließ seine Schweine im Boden wühlen und kletterte an dem Stamme empor. Er kletterte und kletterte, aber es wurde Mittag, die Sonne ging unter, und noch immer war er nicht in das Geäst gekommen. Endlich, da es schon zu dunkeln begann, erreichte er einen armlangen Ast, der in die freie Luft hinausragte. Daran band er sich mit der neuen Peitschenschnur, die er in der Tasche trug, fest, dass er nicht hinabstürzte und Hals und Bein bräche, und dann schlief er ein.

Am andern Morgen hatte er sich so weit erholt, dass er sich mit frischen Kräften wieder an die Arbeit machen konnte. Um die Mittagszeit langte er denn auch in dem Geäste an, und von dort ging das Steigen leichter, doch den Wipfel erreichte er auch diesmal nicht; wohl aber kam er gegen Abend in einem großen Dorf an, das in die Zweige hineingebaut war. »Wo kommst du her?«, fragten die Bauern verwundert, als sie ihn erblickten. »Ich bin von unten heraufgestiegen«, antwortete der Junge. »Da hast du eine weite Reise gehabt«, sprachen die Bauern, »bleib bei uns, dass wir dich in unsern Dienst nehmen!« – »Hat denn hier der Baum schon ein Ende?«, fragte der Junge. – »Nein«, gaben die Bauern zurück, »der Wipfel liegt noch ein gutes Stück höher.« – »Dann kann ich auch nicht bei euch bleiben«, versetzte der Junge, »ich muss in den Wipfel hinauf. Aber zu essen könnt ihr mir geben; denn ich bin hungrig, und müde bin ich auch.« Da nahm ihn der Schulze des Dorfes in sein Haus, und er aß und trank, und nachdem er satt geworden war, legte er sich hin und schlief. Am andern Morgen bedankte er sich bei den Bauern, sagte ihnen Lebewohl und stieg weiter den Baum hinauf.

Die Sonne stand schon hoch am Himmel, als er ein großes Schloss erreichte. Da schaute eine Jungfrau zum Fenster hinaus, die freute sich sehr, dass endlich einmal ein Mensch zu ihr gekommen war. »Komm zu mir herein und bleibe bei mir«, sagte sie freundlich. »Hat hier denn der hohe Baum ein Ende?«, fragte der Junge. »Ja, weiter hinauf geht es nicht«, sprach die Jungfrau, »und nun komm herein, dass wir uns die Zeit vertreiben.« – »Was machst du denn hier oben so alleine?«, fragte der Junge. Antwortete die Jungfrau: »Ich bin eines reichen Königs Tochter, und ein böser Zauberer hat mich hierher verwünscht, dass ich hier leben und sterben solle.« – Sprach der Junge: »Da hätte er dich auch ein wenig tiefer verwünschen können.« Das half nun aber nichts, sie saß da oben und musste da oben bleiben. Und weil die Prinzessin ein so schönes Mädchen war, so beschloss er, nicht wieder zurückzukehren und mit ihr zusammen im Schloss zu bleiben.

Das war ein lustiges Leben, das die beiden da oben im Schloss auf dem hohen Baum führten. Um Speise und Trank mussten sie sich nicht sorgen, denn was sie wünschten, das stand gleich vor ihnen. Nur eines wollte dem Jungen nicht behagen, dass die Prinzessin ihm verboten hatte, in ein bestimmtes Zimmer im Schloss zu treten. »Gehst du hinein«, hatte sie zu ihm gesagt, »so bringst du mich und dich ins Unglück.«

Eine Zeit lang hörte er darauf. Endlich aber konnte er es nimmer mehr aushalten, und, als sie sich nach dem Essen hingelegt hatte, um ein Stündchen zu schlafen, nahm er das Schlüsselbund und suchte den Schlüssel hervor, ging hin und schloss die verbotene Türe auf. Als er drinnen im Zimmer stand, gewahrte er einen kohlschwarzen großen Raben, der war mit drei Nägeln an die Wand geheftet: Der eine ging ihm durch den Hals, und die beiden andern durchbohrten seine Flügel. »Gut, dass du kommst«, schrie der Rabe, »ich bin vor Durst schier verschmachtet! Gib mir von dem Kruge, der dort auf dem Tisch steht, einen Tropfen zu trinken, sonst muss ich elendiglich des Todes sterben.« Der Junge aber hatte über den Anblick einen solchen Schrecken bekommen, dass er auf die Worte des Raben gar nicht achtete und zur Tür zurücktrat. Da schrie der Rabe mit kläglicher Stimme, dass es einen Stein erweichen konnte: »Ach, geh nicht fort, ehe du mich hast trinken lassen. Denke, wie dir zu Mute wäre, wenn dich jemand Durstes sterben ließe.« – »Er hat recht«, sprach der Junge bei sich, »ich will ihm helfen!« Dann nahm er den Krug vom Tisch und goss ihm einen Tropfen Wasser in den Schnabel hinein. Der Rabe fing ihn mit der Zunge auf, und sobald er ihn heruntergeschluckt hatte, fiel der Nagel, der durch den Hals ging, zu Boden. »Was war das?«, fragte der Junge. »Nichts«, antwortete der Rabe, »lass mich nicht verschmachten und gib mir noch einen Tropfen Wasser!« – »Meinetwegen«, sagte der Junge, und goss ihm einen zweiten Tropfen in den Schnabel hinein. Da fiel auch der Nagel, welcher den rechten Flügel durchbohrt hatte, klirrend auf die Erde hinab. »Nun ist’s aber genug«, sagte er. »Nicht doch«, bat der Rabe. »Aller guten Dinge sind drei!« Doch als der Junge ihm auch den dritten Tropfen eingeflößt hatte, war der Rabe seiner Fesseln frei, schwang die Flügel und flog krächzend zum Fenster hinaus.

»Was hast du getan?«, rief der Junge erschrocken. »Wenn es nur die Prinzessin nicht merkt!« Die Prinzessin merkte es aber doch, denn er sah kreidebleich aus, als er zu ihr in die Stube trat. »Du bist wohl gar in dem verbotenen Zimmer gewesen?«, sprach sie hastig. »Ja, da bin ich gewesen«, antwortete der Junge kleinlaut, »aber ich habe weiter nichts Schlimmes dort verübt. Es hing nur ein verdursteter schwarzer Rabe an der Wand, dem gab ich zu trinken. Und als er drei Tropfen getrunken hatte, fielen die Nägel, mit denen er angeheftet war, auf den Erdboden herab, und er bewegte die Flügel und flog durch das Fenster davon.« – »Das ist der Teufel gewesen, der mich verzaubert hat!«, jammerte die Prinzessin. »Nun wird’s nicht mehr lange dauern, so holt er mich nach!« Und richtig, es dauerte gar nicht lange, so war eines Morgens die Prinzessin verschwunden, und sie kam nicht wieder, obgleich der Junge drei Tage lang auf ihre Rückkehr wartete.

»Kommt sie nicht zu mir, so gehe ich zu ihr!«, sagte er bei sich, als sie auch am Abend des dritten Tages nicht wieder zurückgekehrt war. Am folgenden Morgen machte er sich auf den Weg, den Baum herab. Als er in dem Dorf ankam, fragte er die Bauern: »Wisst ihr nicht, wo meine Prinzessin geblieben ist?« – »Nein«, sagten die Bauern, »wie sollen wir es wissen, wenn du es nicht weißt, der du von dem Schloss kommst!«

Da stieg der Junge tiefer und tiefer, bis er endlich wieder auf den Erdboden gelangte. »Nach Hause gehst du nicht, da gibt’s Schläge«, dachte er. Darum wanderte er immer waldein, ob er nicht irgendwo eine Spur der Prinzessin ausfindig machen könnte. Nachdem er drei Tage im Wald umhergeirrt war, begegnete ihm ein Wolf. Er fürchtete sich und floh, doch der Wolf rief: »Fürchte dich nicht! Aber sage mir, wohin führt dich dein Weg?« – »Ich suche meine Prinzessin, die mir gestohlen worden ist«, antwortete der Junge. »Da hast du noch weit zu laufen, ehe du sie bekommst«, sagte der Wolf. »Hier hast du drei Haare von mir. Wenn du in Lebensgefahr bist und die Haare zwischen den Fingern reibst, so bin ich bei dir und helfe dir aus der Not.« Der Junge bedankte sich bei dem Wolf und ging weiter.

Über drei Tage kam ihm ein Bär in den Weg, und der Junge war vor Schreck wie versteinert und hielt sich für verloren. Der Bär war aber gar nicht blutrünstig gesinnt, sondern rief dem Jungen freundlich zu: »Fürchte dich nicht, ich tue dir kein Leid an. Erzähle mir nur, was dir fehlt!« Als der Junge sah, wie gutmütig der Bär war, sagte er: »Mir fehlt meine Prinzessin, die hat mir ein böser Zauberer gestohlen, und ich wandere jetzt in der Welt umher, bis ich sie finde.« – »Da hast du noch einen guten Weg, bis du zu ihr gelangst«, erwiderte der Bär. »Hier hast du drei von meinen Haaren! Wenn du in Lebensgefahr kommst und meiner bedarfst, so reibe die Haare zwischen den Fingern, und ich bin bei dir und stehe dir bei.« Der Junge steckte die Haare zu sich, bedankte sich und zog wieder drei Tage im Wald umher.

Da begegnete ihm ein Löwe, und als der Junge vor Angst gerade auf einen Baum klettern wollte, rief das wilde Tier ihm zu: »Nicht doch! Bleib unten, ich tu dir nichts.« – »Das ist etwas anderes«, sagte der Junge und dann erzählte er auch dem Löwen, warum er ohne Weg und Steg in dem Wald herumlaufe. »Da hast du’s gar nicht mehr weit«, antwortete der Löwe, »eine gute Stunde von hier sitzt die Prinzessin in dem Jägerhaus. Mach dich auf und geh zu ihr! Und wenn du in Lebensgefahr kommst und mich brauchen kannst, so nimm diese drei Haare und reibe sie zwischen den Fingern; dann bin ich bei dir und helfe dir aus aller Not.« Damit übergab er dem Jungen die drei Haare und trottete weiter in den Busch hinein. Der Junge aber schritt wacker zu, dass er das Jägerhaus bald erreiche.