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Ein rätselhafter Mord und ein Haus voller Verdächtiger
Marchfield Square. Wie eine Oase im Herzen der Großstadt verströmt die elegante Londoner Wohnanlage das Gefühl von Behaglichkeit und Sicherheit. Bis zu jenem Tag, als Richard Glead, einer der Bewohner, erschossen in seiner Küche aufgefunden wird. Der gewaltsame Todesfall veranlasst die energische Vermieterin Celeste van Duren zu sofortigem Handeln. Ein Mord in ihrem Haus stört den Ordnungssinn der vornehmen alten Dame empfindlich. Und da sie der Polizei nicht allzu viel zutraut, beauftragt sie kurzerhand zwei Mieter mit diskreten Nachforschungen: ihre temperamentvolle Putzfrau Audrey und den eigenbrötlerischen Schriftsteller Lewis. Auf Spurensuche in der illustren Nachbarschaft erkennen diese bald: In Marchfield Square gibt es viele pikante Geheimnisse - und noch mehr Verdächtige ...
"Ein beeindruckendes Debüt - mit Raffinesse und Charme lüftet dieser Krimi die dunklen Geheimnisse hinter den Fassaden einer exklusiven Nachbarschaft." Janice Hallett
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Seitenzahl: 516
Veröffentlichungsjahr: 2025
Als im vornehmen Marchfield Square die Leiche von Richard Glead gefunden wird, sind dessen Nachbarn nur mäßig erschüttert, war das Opfer zu Lebzeiten doch alles andere als beliebt. Allein die Vermieterin des eleganten Wohngebäudes ist besorgt und möchte das Verbrechen lieber heute als morgen aufgeklärt wissen. Da sie der Polizei nicht allzu viel zutraut, beauftragt sie zwei Mieter mit diskreten Nachforschungen: ihre temperamentvolle Putzfrau Audrey und den introvertierten Schriftsteller Lewis. Gemeinsam begibt sich das ungleiche Duo auf Spurensuche in der illustren Nachbarschaft und stellt schon bald fest: In Marchfield Square gibt es jede Menge pikanter Geheimnisse – und noch mehr Verdächtige …
Nicola Whyte studierte Theaterwissenschaft an der Universität Aberystwyth und verbrachte anschließend viele glückliche Jahre als Buchhändlerin, bevor sie schließlich Webentwicklerin wurde. Heute ist sie Mitinhaberin einer Digitalagentur im West Country. Ihrer Liebe zu Büchern ist sie treu geblieben. Mit Marchfield Square hat sie ihr Krimidebüt vorgelegt, das beim Daily Mail First Novel Award den ersten Platz belegte. Nicola Whyte lebt mit ihrer Familie in der Nähe von Stonehenge in Wiltshire.
N I C O L A W H Y T E
Übersetzung aus dem Englischen vonAnke Angela Grube
Vollständige E-Book-Ausgabe
des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes
Titel der englischen Originalausgabe:
»10 Marchfield Square«
Für die Originalausgabe:
Copyright © 2025 by Nicola Whyte
This translation of 10 MARCHFIELD SQUARE is published by arrangement with Nicola Whyte
Für die deutschsprachige Ausgabe:
Copyright © 2025 by
Bastei Lübbe AG, Schanzenstraße 6 – 20, 51063 Köln, Deutschland
Vervielfältigungen dieses Werkes für das Text- und Data-Mining bleiben vorbehalten.
Die Verwendung des Werkes oder Teilen davon zum Training künstlicher Intelligenz-Technologien oder -Systeme ist untersagt.
Textredaktion: Evi Draxl, München
Umschlaggestaltung und Illustration: © Mia Butcher
Innenklappe: © Markus Weber | Guter Punkt München
eBook-Produktion: hanseatenSatz-bremen, Bremen
ISBN 978-3-7517-6126-0
luebbe.de
lesejury.de
Celeste van Duren veränderte ihre Sitzposition und versuchte, nicht einzunicken. Die Spätnachmittagssonne tauchte ihren perfekt platzierten Sessel in goldenes Herbstlicht und schuf die idealen Voraussetzungen für ein angenehmes Nickerchen. Aber heute durfte sie nicht einschlafen. Sie wartete darauf, dass jemand die Leiche fand.
Die Leiche von Richard Glead lag jetzt schon fast einen Tag auf dem Küchenfußboden von Marchfield Square 10. Zuerst hatte Celeste nicht gewusst, ob er wirklich tot war. Verletzt auf jeden Fall, nach dem vielen Blut auf seinem Hemd zu urteilen, aber möglicherweise nur bewusstlos. Zudem standen einige Bierflaschen auf dem Tisch, es lag also durchaus im Bereich des Möglichen, dass der Mann nicht nur verletzt, sondern zudem sturzbetrunken war.
Aber wie sich herausgestellt hatte, war er nur tot.
Celeste hatte erwogen, die Polizei zu rufen, sich dann aber umentschieden: Alles in allem war es besser, keine Aufmerksamkeit auf ihre Angewohnheit zu lenken, dass sie ihre Mieter ausspionierte. Richard Glead war ein schrecklicher Mensch gewesen. Eigentlich kaum als Mensch zu bezeichnen, ihrer Ansicht nach. Es wunderte sie nur, dass ihn nicht schon längst jemand um die Ecke gebracht hatte.
Doch nachdem sie jetzt schon etliche Stunden das Fenster im Auge behalten und darauf gewartet hatte, dass Richards Frau seine Leiche fand, befürchtete Celeste allmählich, dass die Unglückselige überhaupt nicht auftauchen würde. Vielleicht hatte Linda Glead ja endlich den Mut aufgebracht, ihren furchtbaren Mann zu verlassen, und war mitsamt ihren Tränen und Blutergüssen irgendwo anders hingegangen. Oder zu jemand anderem. Celeste wäre über einen solchen Ausgang sehr froh gewesen, aber sie fand auch, wenn irgendjemand es verdient hatte, Mr. Glead tot zu sehen, dann war es Mrs. Glead.
Celeste hob das Fernglas.
Der rote Blutfleck auf Richards Hemd war im Laufe der Stunden nachgedunkelt, doch soweit sie sehen konnte, war kein Blut auf dem Küchenfußboden. Darüber war sie froh. Sie hatte beobachtet, wie Linda Glead den Boden putzte, als hinge ihr Leben davon ab, was an manchen Tagen auch der Fall gewesen war. Die Silbermünze auf dem Küchentisch blitzte ein letztes Mal auf, als die Sonne hinter der Skyline Londons versank.
Vielleicht sollte sie doch die Polizei rufen. Ihr lag wenig daran, in den Ruf einer Klatschbase zu geraten, die stundenlang am Fenster saß, um ihre Nachbarn zu beobachten, aber wie sonst sollte eine Zweiundachtzigjährige mit einer künstlichen Hüfte und zahlreichen bereits verstorbenen Freunden ihre Tage ausfüllen?
Sie ließ ihr Fernglas über den grünen, nur für die Anwohner zugänglichen Platz gleiten. Vom Panoramafenster in der oberen Etage des Stadthauses – Celeste würde ihr Apartment nie als Maisonette bezeichnen – konnte sie in die Fenster der Wohnungen an der rechten und linken Längsseite des Squares sehen. Ihre Putzfrau Audrey, die in Nr. 7 wohnte, im ersten Stock der Häuserzeile rechts von ihr, war gerade nach Hause gekommen, und Celeste sah sie am Küchenfenster stehen. Vielleicht machte sie sich gerade einen Tee.
Mr. Hetherington saß in seinem Rollstuhl im Innenhof und zeichnete, aber gerade kam seine Frau nach draußen, um ihn zurück in ihre Atelierwohnung im Erdgeschoss zu rufen, die direkt unter den Räumlichkeiten von Celeste lag. Es erstaunte sie immer wieder, wie gut die beiden sich verstanden, selten gab es ein böses Wort, obwohl sie fast jede wache Minute aufeinandergluckten. Der verstorbene Mr. van Duren war der wundervollste Mann auf der Welt gewesen und Celeste hatte ihn vergöttert, aber nach seiner Pensionierung hatten sogar sie innerhalb ihrer Beziehung ein wenig Freiraum gebraucht, um die Harmonie zu erhalten.
Sie ließ das Fernglas weiter schweifen. Captain Gordon aus der Nr. 4 saß wie immer auf seiner Bank und las die Times, obwohl das nachlassende Licht ihn sicher bald zwingen würde, ins Haus zu gehen. Brigitte Hildebrandt von Nr. 6 trat gerade durchs Tor, begleitet von ihrem neuesten Freund, der mit Einkaufstüten teurer Boutiquen beladen war. In der linken Häuserzeile schien niemand zu Hause zu sein; alle Fenster waren dunkel, grau und leer.
Ein leises Klirren kündigte das Eintreffen von Dixon an, ihrem Hausangestellten, und schon stand er an ihrem Ellbogen und setzte das Teetablett auf dem kleinen Tisch ab.
»Irgendwas Neues?«, fragte er.
Sie senkte das Fernglas und seufzte.
»Nein.«
»Sieht ihr gar nicht ähnlich, die ganze Nacht auszubleiben«, sagte Dixon, und Celeste unterdrückte ein Lächeln. Dixon missbilligte ihre Angewohnheit, die Leute zu beobachten, kommentierte selten ihre Eindrücke und vermittelte ganz allgemein den Eindruck, das alles sei unter seiner Würde. Doch gelegentlich verriet er sich.
»Diesmal hat er sie ziemlich zugerichtet«, entgegnete sie. »Vielleicht war das der letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte.«
»Würde aber nicht gut für sie aussehen, oder?« Er reichte ihr eine Tasse Tee. »In den Augen der Polizei.«
»Nein, vermutlich nicht.«
Dixon setzte sich in den zweiten Sessel, während Celeste nach einem Keks griff.
»Morgen Abend ist Pokerabend«, sagte sie und tunkte das Gebäck in ihren Tee. »Irgendjemand wird ihn schon finden.«
»Aber dann werden alle hier befragt, und die Polizei wird feststellen, dass Sie das Küchenfenster von Nr. 10 von hier aus sehr gut einsehen können. Sie werden sich fragen, warum wir nicht die Polizei gerufen haben.«
Celeste knabberte an ihrem Keks.
»Das stimmt«, räumte sie schließlich ein. »Unaufmerksamkeit ist schlimmer als Neugierde, zumindest in den Augen der Gesetzeshüter. Wir rufen nach dem Tee an.«
Wie sich herausstellte, war das dann doch nicht nötig. Als Dixon sich erhob, um Celeste aus dem Sessel zu helfen, bemerkte er im Augenwinkel eine Bewegung.
»Moment«, sagte er in seinem unüberhörbaren Yorkshire-Slang und richtete sich auf, um besser sehen zu können. »Sie ist wieder da.«
Sofort griff Celeste nach ihrem Fernglas und sah, dass »sie« tatsächlich wieder da war und gerade den Innenhof überquerte. Dann schloss die verhuscht wirkende Frau, der das mausgraue Haar ins Gesicht hing, ihre Wohnungstür auf. Celeste wartete mit angehaltenem Atem, das Fernglas auf das Küchenfenster von Nr. 10 gerichtet. Nach wenigen Sekunden erschien Linda Glead, blieb in der Küchentür stehen und blickte auf den Leichnam ihres Mannes herab.
Eins Mississippi, zählte Celeste die Sekunden, zwei Mississippi, drei Mississippi …
Linda löste sich aus der Erstarrung und machte einen unsicheren Schritt vorwärts, als wisse sie nicht genau, was sie da vor sich sah. Vielleicht hatte der Tod das Gesicht von Richard Glead verändert, oder vielleicht dachte sie, er schlafe und es werde ihr ein zweites blaues Auge einbringen, wenn sie ihn weckte.
Doch während Celeste die frisch Verwitwete beobachtete, die vor dem Leichnam ihres Mannes stand, fragte sie sich, ob Lindas verzögerte Reaktion vielleicht auf etwas ganz anderes zurückzuführen war.
Vielleicht konnte sie ganz einfach ihr Glück kaum fassen.
Wie jeden Tag, wenn sie von der Arbeit nach Hause kam, trank Audrey Brooks ihren Tee auf der gepolsterten Fensterbank im Wohnzimmer. Sie genoss diese friedliche halbe Stunde, in der sie die Wohnung ganz für sich hatte, bevor sie sich an die Hausarbeit machte, um ihr Gewissen zu beruhigen. Mei versicherte ihr zwar immer wieder, ihr ständiges Reinemachen sei unnötig, dass sie gern den größeren Teil der Miete übernahm, weil sie mehr verdiente (und ein größeres Schlafzimmer hatte), aber Audrey konnte das Gefühl nie ganz abschütteln, ihr zu Dank verpflichtet zu sein. Mei war eine wunderbare beste Freundin, und dass sie hierhergezogen waren, war allein ihre Idee gewesen, aber die ungleichen Anteile bei der Monatsmiete lasteten schwer auf Audrey, und so versuchte sie eben auf diese Weise einen Beitrag zu leisten.
Sie blickte auf den Marchfield Square hinaus, wo Rafik Jones, der Hausmeister, gerade das Herbstlaub von den Steinplatten vor dem großen Haus fegte. Die im georgianischen Stil errichtete Stadtresidenz, die jetzt in zwei großzügige Wohnungen aufgeteilt war, nahm fast die ganze Stirnseite des Squares ein. Rafik sorgte stets dafür, dass das Pflaster frei von allem blieb, was Celeste oder die Hetheringtons behindern könnte.
Als ihr eine Bewegung ins Auge fiel, wandte sie den Kopf und ließ den Blick über den kleinen Garten schweifen, der jenseits des Innenhofs lag, bis zum schmiedeeisernen Eingangstor am anderen Ende des rechteckigen Platzes. Gerade trat Mrs. Hildebrandt in Begleitung ihres neuen Freundes hindurch, ganz der Filmstar, der sie einmal gewesen war. Der hellbraune Wollmantel und die Pelzkappe sorgten für herbstlichen Glamour.
Im Garten saß Captain Gordon auf seiner Bank und löste das Sudoku-Rätsel in einer echten Zeitung aus Papier mit dem silbernen Füllfederhalter, der immer in der Brusttasche seines Blazers steckte. Von Zeit zu Zeit hielt er inne, tippte nachdenklich mit dem Füller gegen seinen grauen Schnurrbart und setzte ihn dann wieder aufs Papier. Der Captain konnte manchmal ein bisschen aufgeblasen sein, aber Audrey mochte ihn gut leiden. Sie mochte alle hier, abgesehen von Richard Glead und dem merkwürdigen Typen aus Nr. 5, der immer so tat, als existierten die übrigen Bewohner gar nicht.
Die alten Wagenschuppen mit den Dienstbotenquartieren darüber, die jetzt zu Wohnungen umgebaut waren, erstreckten sich auf beiden Längsseiten des Gartens, zwischen dem schmiedeeisernen Eingangstor vorne und dem großen Haus. Audrey verfolgte, wie Mrs. H und ihr Freund auf Nr. 6 zuhielten, die Erdgeschosswohnung am Ende der gegenüberliegenden Reihe von Remisenhäusern. Audrey und Mei wohnten in der Nr. 7 auf der anderen Seite des Platzes; die Wohnung ging über zwei Etagen, der Eingang befand sich im ersten Stock. Die Nummerierung der Wohnungen war ungewöhnlich, gezählt wurden im Uhrzeigersinn zunächst die unteren Wohnungen und dann die oberen. Eine Ausnahme bildete das große Haus, das natürlich Marchfield Square Nr. 1 war.
Sie nippte an ihrem Tee und blickte zu Celestes Wohnung hinauf. Das verspiegelte Panoramafenster glänzte in den letzten rosafarbenen Sonnenstrahlen des Tages. Dahinter bewegte sich etwas. Vielleicht Dixon, der Celeste ihren Nachmittagstee brachte. Etwas blitzte hinter der Glasscheibe auf, aber Audrey hatte den Blick bereits abgewandt, um die Skyline der Stadt zu betrachten. Sie und die übrigen Bewohner waren gestern noch bis spätabends draußen gewesen, um das Feuerwerk im Battersea Park vom Laubengang vor ihrer Wohnung aus zu bewundern. Sie hatte sich so geborgen und sicher gefühlt, als sie ganz in der Nähe ihrer Wohnungstür stand, einen Becher Kakao in der Hand, um zusammen mit Mei und den Nachbarn das Spektakel zu verfolgen.
Audrey fragte sich, wie lange sie hier wohl noch wohnen bleiben konnte, in Celestes gepflegtem sicherem Hafen, abgeschirmt vor der Welt. Und was wohl aus alldem werden würde, wenn Celeste nicht mehr war. Sie schüttelte den Kopf, um den Gedanken zu verbannen. Sie wollte hier nicht weg. Und abgesehen von ihrer schlimmen Hüfte erfreute sich Celeste bester Gesundheit. Es würde noch eine Weile dauern, bis Audrey sich deswegen würde Sorgen machen müssen.
Als ihr Handy »pling« machte, griff sie danach und stählte sich innerlich. Schon wieder eine Warnmeldung von ihrer Bank. Eine erneute Abbuchung von ihrem Konto, das bereits am Limit war; bald würde der eingeräumte Dispo überschritten sein. Sie wischte die Nachricht weg, aber das beklemmende Gefühl in der Brust blieb, also atmete sie tief ein und stieß die Luft in kleinen Atemstößen wieder aus. Morgen war sie wieder bei Celeste im Einsatz, und die bezahlte immer bar; das Geld lag stets in einem kleinen braunen Umschlag auf dem Flurtisch für sie bereit. Sie würde es sofort danach zur Bank bringen. Das sollte die Meute für ein paar Tage in Schach halten.
Sie brauchte mehr Putzstellen, aber sie arbeitete sowieso schon jeden Tag in der Woche, und niemand wollte abends oder am Wochenende die Putzfrau im Haus haben. Das machten nur die Büroreinigungs-Agenturen, und die mied sie. Die Optionen, die ihr noch offenstanden, waren also ausgesprochen begrenzt.
Erneut atmete sie tief ein und wieder aus. Dann noch einmal.
Und noch einmal.
Sie trank ihren Tee aus, der bereits kalt wurde. Vielleicht würde sie sich mit dem Dampfreiniger die Kacheln im Bad vornehmen. Das war immer sehr beruhigend, und dann würde Mei nach Hause kommen, und sie konnten überlegen, was sie kochen sollten, und sich Meis Dating-Apps ansehen. Das machte Audrey gern. Es machte Spaß, und für sie war es völlig risikofrei.
Sie war gerade aufgestanden, als sie es hörte.
Einen Schrei. Draußen schrie jemand.
Mit einem Seufzer hielt Lewis McLennon seine Schlüsselkarte vor den Zutrittsleser, drückte das Tor mit der Schulter auf und überlegte, was er heute Abend essen sollte. Ihm war nach Thai-Essen, oder vielleicht nach Pizza. Oder beidem. Gab es irgendwo Thai-Pizza? Er würde die Speisekarten auf seiner App durchgehen, mal sehen, ob er so etwas finden konnte. Das würde den ersten Teil des Abends in Anspruch nehmen. Dann würde er essen und danach, tja … Dieselbe alte Leier.
Er überquerte den Innenhof, nickte dem Captain zu, der wie immer auf seiner Bank saß, schloss auf, drückte die Tür hinter sich ins Schloss und warf die Schlüssel mit einem erneuten Seufzer in die Porzellanschale.
»Gut«, sagte er laut zu niemandem. Er war an diesem Tag früher gegangen, hatte furchtbare Kopfschmerzen vorgetäuscht und seinem Chef versichert, alle Anrufe für heute seien erledigt. »Mein Kopf hämmert wie verrückt«, so hatte er es natürlich formuliert, und sein Chef hatte genickt und »Geht klar, Mate« gesagt, und das war’s.
Gott, wie er seinen Job hasste.
Aus dem Anzug raus und schnell unter die Dusche, und dann würde er bis morgen früh nicht mehr an seinen grässlichen Job denken müssen.
Lewis hatte noch nicht einmal den Mantel abgelegt, als er den Schrei hörte. Er war laut, sehr laut, und schien ganz aus der Nähe zu kommen. Vielleicht aus einer der Wohnungen oben? Lewis griff nach seinen Schlüsseln und lief nach draußen.
Captain Gordon war aufgesprungen, die Zeitung in der Hand, und der Gärtner kam auf sie zugeeilt. Lewis machte den Mund auf, um die beiden zu fragen, ob sie es auch gehört hätten, aber es war offensichtlich, dass dem so war.
»Da oben«, sagte der Captain und deutete mit der Hand.
Lewis drehte sich um und sah die Frau, die über ihm wohnte – Linda irgendwas –, oben auf dem Laubengang stehen und durch die offene Eingangstür in ihre Wohnung starren.
»Alles in Ordnung?«, rief er zu ihr hoch. Eine dämliche Frage. Selbstredend war nicht alles in Ordnung, schließlich hatte sie gerade wie am Spieß geschrien. Kein Wunder, dass seine Lektorin der Ansicht war, er müsse an seinen Dialogen arbeiten.
Linda Wie-auch-immer-sie-hieß drehte sich um, ohne zu antworten, und in diesem Moment hörte Lewis schnelle Schritte. Eine junge Frau – rötliches Haar, rosa Wangen – kam über den Innenhof gerannt. Sie lief die Außentreppe zum ersten Stock hoch, wobei sie immer zwei Stufen auf einmal nahm, und steuerte auf Linda und die offen stehende Tür von Nr. 10 zu. Lewis und der Captain wechselten einen Blick, und Lewis wurde klar, dass er das vielleicht auch längst hätte tun sollen. Er tröstete sich mit dem Wissen, dass die Evolution für eine natürliche Auslese sorgte, wobei Menschen im Nachteil waren, die auf Schreie zurannten, wenn sie welche hörten, und nicht von ihnen weg.
Beschämt wurde er endlich aktiv, folgte der Frau und lief die Treppe hinauf.
»Was ist los?«, fragte er Linda und berührte ihre Schulter. Sie zuckte zurück.
»Ich … er …«
Sie deutete auf die offen stehende Tür, also folgte er der jungen Frau in die Wohnung.
Der Flur war kaum möbliert und makellos sauber. Lewis warf einen Blick durch die erste Tür rechts, hinter der das Wohnzimmer lag, aber dort schien alles in Ordnung zu sein. Die nächste Tür, zu seiner Linken, führte in die Küche, wo das Mädchen stand und auf etwas starrte, das am Boden lag.
»Was ist passiert?«, fragte er. Sie fuhr zusammen und schaute ihn erschrocken an, die Augen weit aufgerissen und verblüffend grün in dem jetzt aschfahlen Gesicht. Sie trat zur Seite, damit er die Küche betreten konnte. Auf dem Küchenfußboden lag ein Mann.
Lewis machte ein paar Schritte auf den Körper zu. Es war Lindas Mann, die Brust blutüberströmt und das Gesicht von einem wächsernen Grau. Lewis sah sofort, dass er tot war. Offensichtlich eine Schusswunde.
Er ging um den Toten herum, um ihn besser betrachten zu können. Der Mund des Mannes war zu einer Grimasse verzerrt, als hätte er versucht, in seinen letzten Augenblicken noch etwas zu sagen. Was auch immer einen Menschen lebendig hielt, es hatte diesen Mann eindeutig verlassen. Wie hieß er noch? Robert? Richard? Irgendetwas mit R jedenfalls.
Lewis hatte noch nie eine Leiche gesehen. Am liebsten hätte er sein Handy gezückt, fotografiert, sich ein paar Notizen gemacht, doch der Anstand – oder zumindest das Mädchen, das ihn beobachtete – verhinderte das. Er musste sich unbedingt den merkwürdigen schwachen Schimmer am Kopf des Mannes merken und die Veränderungen der Farbe seiner Haut im Bereich der Ohren.
»Was tun Sie da?«, fragte das Mädchen. Die Frau. Vermutlich Ende zwanzig. Eindeutig kein Mädchen. Jetzt sah sie ihn an, nicht mehr die Leiche, und runzelte die Stirn.
»Ich wollte nur sichergehen.«
»Wir müssen gehen«, sagte sie. »Die Polizei rufen. Und einen Rettungswagen. Oder sonst irgendwas.«
Lewis nickte. »Oder sonst irgendwas.«
Die Frau machte allerdings keine Anstalten, den Raum zu verlassen oder jemanden anzurufen. Vielleicht der Schock? Er ging um die Leiche herum auf sie zu, aber sie machte sofort einen Schritt rückwärts.
Lewis hob beschwichtigend die Hände.
»Entschuldigung. Ich dachte, Sie wären vor Schreck erstarrt. Ich rufe an, einverstanden?«
Sie nickte, drehte sich dann abrupt um und verließ den Raum. Lewis holte sein Mobiltelefon hervor und wählte die 999.
»Notrufzentrale. Wie können wir Ihnen helfen?«
»Bitte geben Sie mir die Polizei«, sagte er entschieden. »Ich möchte einen Mord melden.«
Audrey saß neben Linda Glead auf der Bank des Captains. Mrs. Hildebrandt hatte eine Tasse mit starkem gesüßtem Tee gebracht, an der Linda nur dann nippte, wenn Audrey sie daran erinnerte. Hin und wieder schüttelte sie leicht den Kopf, als falle es ihr schwer, das Geschehene zu verarbeiten. Rafik Jones, der Hausmeister, saß schweigend zu ihrer Linken, das Gesicht still und verschlossen.
Mittlerweile war es dunkel, und die viktorianischen Straßenlaternen erhellten den Innenhof mit ihren goldgelben Lichtkegeln. Der Captain stand am Seiteneingang und unterhielt sich mit einem Polizisten, der dort postiert war, während zwei weitere Uniformierte am Haupttor standen und die eintreffenden Einsatzkräfte dirigierten. Der Mieter aus Nr. 5 stand derweil vor Lindas Wohnung herum. Sie sah den Mann heute zum ersten Mal aus der Nähe, und er benahm sich eindeutig merkwürdig. Er war überdurchschnittlich groß, hatte dunkles lockiges Haar und braune Augen. Sie schätzte ihn auf Mitte dreißig, aber er führte sich auf wie ein Kind in einem Freizeitpark. Er schien höchst interessiert an allem, was vorging, hielt die ganze Zeit aufgeregt sein Telefon in der Hand und tippte wie wild, sobald die Polizisten nicht hinsahen. Wahrscheinlich postete er alles auf Social Media oder markierte den dicken Max in irgendeinem Jungs-Gruppenchat. So sah er jedenfalls aus, mit seinem Börsenmakler-Anzug und den auf Hochglanz polierten Schuhen.
Neben der Bank stand eine uniformierte Polizistin. Gelegentlich blickte sie zu Linda hinüber und lächelte beruhigend, aber Audrey sah, dass ihr Blick an dem blauvioletten Hämatom unter Lindas rechtem Auge hängenblieb, das sie nicht ganz hatte überschminken können, und an den blauen Flecken an ihren Handgelenken. Audrey konnte sich vorstellen, was die Polizistin dachte, und musste dem Drang widerstehen, Linda zu sagen, sie solle ihre Ärmel weiter herunterziehen.
Es war unmöglich, am Marchfield Square zu leben und nicht zu wissen, was bei den Gleads vorging. Einmal war die Polizei gekommen, aber das hatte nichts geändert, und jedes Mal, wenn Richards Freunde auf dem Weg zu Nr. 10 über den Square schlichen, murmelten die übrigen Anwohner in sich hinein und tauschten wissende Blicke. Audrey wäre die Letzte, die Linda einen Vorwurf machen würde, wenn sie die Sache endlich in die eigenen Hände genommen hatte.
Wenn Linda nur so tat, als wäre der Tod ihres Mannes ein großer Schock für sie, machte sie ihre Sache jedenfalls sehr gut.
»Audrey, hallo«, sagte Mei, die aus der Dunkelheit aufgetaucht war, und Audrey fuhr zusammen. Mei trug ihre Aktentasche, und das maßgeschneiderte Kostüm war kaum zerknittert trotz des Neun-Stunden-Tags, den sie hinter sich hatte. »Ich bin losgefahren, sobald ich deine Nachricht abgehört habe. Was ist passiert?«
Audrey warf einen raschen Blick auf Linda, stand auf und zog Mei etwas zur Seite. »Richard Glead ist tot. Erschossen.«
Mei hob die Augenbrauen und schaute um Audrey herum zu Linda.
»Hat sie es getan?«, flüsterte sie.
»Ich glaube nicht. Sie macht den Eindruck, als wäre es ein richtiger Schock für sie.«
»Aber traurig ist sie nicht«, bemerkte Mei.
»Wärest du das an ihrer Stelle?«
Sie standen schweigend da und sahen zu, wie Mrs. Hildebrandt Linda mit zitternden Händen eine Decke um die Schultern legte. Mei schaute sich um, bemerkte die Polizisten oben auf dem Laubengang und blickte dann zum Tor.
»Oh, Mist«, sagte sie und wandte sich unvermittelt ab. Als Audrey aufblickte, sah sie einen Mann und eine Frau auf sich zukommen. Sie gaben ein seltsames Paar ab. Der Mann war eher klein, mittleren Alters und grobschlächtig trotz des Anzugs, dessen Knöpfe über einem kleinen Bauchansatz spannten, während die Frau jünger war – etwa Anfang dreißig, groß und gertenschlank mit blondgewellten Haaren –, und ihr Hosenanzug wirkte wie Haute Couture.
»Was ist?«
»Sofia«, murmelte Mei.
»Wer?«
»Sofia Larssen. Wir hatten letztes Jahr ein Date.«
»Die von der Kriminalpolizei, die Strafverteidiger und Phil Collins hasste?«
»Genau die. Wie könnte ich mit jemandem zusammen sein, der Phil Collins nicht mag?«
Die beiden Detectives hatten die Bank erreicht und schauten auf Linda hinunter.
»Mrs. Glead?«, fragte der Mann, der ein kleines Notizbuch in der Hand hielt. »Ich bin Detective Inspector Banham, und das ist Detective Sergeant Larssen. Wie geht es Ihnen?«
Linda hob den Kopf, schwieg aber.
»Was glauben Sie wohl, wie es ihr geht?«, fragte Rafik scharf, und Audrey sah ihn überrascht an. Sie hatte ihn noch nie in diesem Ton sprechen hören.
DS Larssen setzte sich neben Linda.
»Linda, nicht wahr?«, fragte sie sanft. Linda nickte. »Können Sie uns sagen, wann Sie Ihren Mann gefunden haben?«
»Als ich nach Hause kam«, sagte Linda leise. Es waren die ersten Worte, die sie von sich gab, seit Audrey hier war.
»Und wann war das?«
»Ich weiß es nicht.« Linda blickte sich um, als hoffe sie, irgendwo eine Uhr zu entdecken.
»Ich habe sie gegen Viertel vor fünf schreien hören«, meldete sich Audrey zu Wort. DS Larssen drehte sich zu ihr um, und als Mei sich neben Audrey stellte, sah sie in den Augen der Kriminalpolizistin Erkennen aufblitzen. Sie nickte kurz, ob als Antwort auf Audreys Bemerkung oder um Mei zu begrüßen, ließ sich unmöglich sagen. Banham blieb ganz auf Linda konzentriert.
»Gingen Sie sofort nach Betreten der Wohnung in die Küche?«
Linda nickte.
»Und was haben Sie getan, als Sie die Leiche Ihres Mannes fanden?«
»Gar nichts.«
»DI Banham meint«, warf DS Larssen ein, »ob Sie Ihren Mann vielleicht berührt haben? Um festzustellen, ob er noch atmet, oder beim Versuch, ihn wiederzubeleben?«
Linda runzelte die Stirn und wirkte ein wenig wacher.
»Er war tot«, sagte sie entschieden. »Alles war voller Blut. Ich habe ihn nicht angefasst, das war nicht nötig.«
Die beiden Detectives wechselten einen kurzen Blick, dann wandte sich DI Banham an Audrey.
»Und Sie? Sind Sie die Frau, die nach Aussage von Mr. McLennon als Nächste nach Mrs. Glead die Wohnung betrat?«
»McLennon?«
DI Banham zog sein Notizbuch zu Rate.
»Lewis McLennon, Nr. 5. Wie heißen Sie, bitte?«
»Audrey Brooks«, antwortete Audrey. Er notierte den Namen. »Ich wohne in Nr. 7. Ich hörte den Schrei und lief hinüber. Wie Linda bereits sagte, es war offensichtlich, dass er tot war. Ich habe auch nichts angerührt.«
Mei ergriff ihre Hand und drückte sie. Die Freundin machte sich Sorgen um sie, das wusste Audrey, aber sie fühlte sich seltsam unbeteiligt.
»Und was haben Sie dann getan?«
»Der Mann aus Nr. 5 sagte, er würde die Polizei rufen, also verließ ich die Wohnung wieder und brachte Linda hier runter.«
DI Banhan nickte und wandte sich wieder an Linda.
»Mrs. Glead, ich glaube, es wäre am besten, wenn Sie mit uns aufs Revier kommen. Wir haben noch einige Fragen, und hier ist nicht der richtige Ort, um das alles zu besprechen. Gibt es jemanden, der Sie begleiten kann, oder würden Sie gern jemanden anrufen? Gibt es jemanden, bei dem Sie heute übernachten können?«
»Meine Schwester Jane.« Linda tastete automatisch an ihre Seite. »Mein Handy! Es ist in meiner Tasche. Ich habe sie liegenlassen …« Sie blickte hilflos hoch zu ihrer offenen Wohnungstür. Drinnen brannte Licht, das schwach in der Dunkelheit leuchtete.
DI Banham wandte sich an DS Larssen.
»Würden Sie Mrs. Glead in ihre Wohnung begleiten und ihr helfen, ihre Handtasche zu finden und ein paar Sachen zusammenzupacken?«
»Natürlich.« DS Larssen legte die Hand unter Lindas Ellbogen, und sie erhoben sich gemeinsam von der Bank.
Mei löste sich von Audreys Seite und eilte zu Linda hinüber.
»Linda, ich weiß nicht, ob Sie einen Anwalt haben«, setzte sie mit einem raschen Seitenblick auf DS Larssen an, »und vielleicht werden Sie auch gar keinen brauchen, aber hier ist meine Karte, nur für alle Fälle.« Sie drückte Linda ihre Visitenkarte in die Hand. »Sie können mich jederzeit anrufen.«
Linda wirkte verwirrt, nickte aber und steckte die Karte ein. Audrey schaute ihr hinterher, als DS Larssen sie wegführte.
»Sie können jetzt nach Hause gehen, Ms. Brooks«, sagte DI Banham. »Ihre Freundin wird jetzt sicher für Sie da sein wollen. Sowas kann ein ziemlicher Schock sein, wenn man eine Leiche findet. Wir melden uns bei Ihnen, falls wir noch weitere Informationen benötigen. Das gilt auch für Sie, Mr. Jones.«
Der Hausmeister beachtete ihn nicht, sondern starrte weiter Linda hinterher. Audrey wollte protestieren, aber Mei nahm ihren Arm.
»Danke«, sagte sie zu dem Detective und zog Audrey weg. »Komm, wir gehen rein. Wir haben so einiges zu bereden.«
Während Mei die Wohnungstür aufschloss, schaute Audrey zum gegenüberliegenden Laubengang hinüber, wo Lewis McLennon mit dem uniformierten Polizisten plauderte, der vor der Wohnung der Gleads Wache hielt. Sie konnte nicht umhin zu bemerken, dass sie weggeschickt worden war, während seine Anwesenheit offenbar toleriert wurde. Morgen würde sie sich bei Celeste nach ihm erkundigen, um herauszufinden, was da los war.
Celeste. Sie musste das ganze Spektakel längst mitbekommen haben. Wie ihr wohl zumute war? War sie entsetzt darüber, dass am Marchfield Square ein Mord begangen worden war? Oder war sie entzückt über die ganze Aufregung? Wie sie Celeste kannte, vermutlich Letzteres, aber schließlich wusste man ja nie.
»Audrey?«
Mei stand in der Tür und wirkte besorgt.
»Entschuldige, ich musste nur gerade an Celeste denken. Ich hoffe, es geht ihr gut.«
Mei lachte.
»Machst du Witze? Celeste wird begeistert sein. Endlich ist hier mal was los! Und jetzt komm rein, ich will alle Details hören. Was zum Teufel ist mit Richard Glead passiert?«
Lewis hatte Hunger. Es war fast elf, und er hatte vollkommen vergessen, etwas zu essen. Er stand vom Schreibtisch auf, der in einer Ecke des Wohnzimmers stand, und öffnete sämtliche Küchenschränke, für den unwahrscheinlichen Fall, dass er noch irgendwelche frischen Lebensmittel vorrätig hatte.
Hatte er nicht, also schüttete er Crunchy-Nut-Cornflakes in eine kleine Schüssel und verzehrte sie über die Spüle gebeugt.
Dann kehrte er zu seinem Computer zurück, setzte sich auf den teuren Bürostuhl aus Leder, der ihm seit dem Kauf absolut keine einzige gute Idee beschert hatte, und rieb sich die Hände.
Harding begutachtete den Tatort, wobei die Papierkapuze seines Einwegoveralls bei jeder Bewegung raschelte. Die Leiche von Ricky Speen lag ausgestreckt auf dem Rücken, die Vorderseite seines gebügelten Hemds steif vor angetrocknetem Blut. Hardings erfahrener Blick bemerkte die Leichenblässe der Haut und die kalten, blaugrauen Flecken um die Ohren herum, wo das Blut allmählich nach unten gesickert war. Ihm fiel die Position der Arme auf, das höhnische Lächeln auf den Lippen, und er schloss daraus, dass Speen sich nicht gegen seinen Angreifer gewehrt hatte, sondern vor ihm gestanden hatte, als er erschossen wurde.
Dann blickte er auf die Pantoffeln an den Füßen des Opfers und die Überreste einer Pastete auf dem Teller, der auf dem Küchentisch stand, und kam zu dem Schluss, dass der Mann vermutlich am Vorabend irgendwann zwischen achtzehn und zweiundzwanzig Uhr gestorben war. Auf dem Tisch stand kein zweiter Teller, also war Speen wohl beim Essen unterbrochen worden, es sei denn, der Täter hatte danach noch abgewaschen.
»Wahrscheinlich ist er zwischen sechs und zehn Uhr gestern Abend gestorben«, teilte er dem wartenden Detective Sergeant mit, einer jungen Frau, deren Namen er sich noch nicht gemerkt hatte. »Der Rechtsmediziner wird das nach Untersuchung des Mageninhalts bestätigen.«
»Das haut hin«, sagte sie und schaute in ihr Notizbuch. »Ein Zeuge hat ihn kurz vor achtzehn Uhr nach Hause kommen sehen.«
Es war ein gutes Gefühl, endlich wieder zu schreiben. Natürlich hatte er auch vorher geschrieben, klar. Aber mit dieser Intensität zu schreiben, wie unter Zwang, sodass die ganzen Informationen in seinem Hirn geradezu auf die Seiten drängten und er sich sicher war, dass es gut werden würde … es war schon sehr lange her, seit er das zuletzt erlebt hatte.
Die letzten beiden Stunden hatte er damit zugebracht, seine Notizen abzutippen. Über die Leiche, die Verfärbung der Haut, den verzerrten Mund, die Position der Hände, die Form des Blutflecks. Er hatte sogar notiert, was für ein Gefühl es gewesen war, mit dem Leichnam in einem Raum zu sein – eine seltsame Mischung aus Anspannung und Frieden. Es war, als würde der Leichnam durch seine völlige Abwesenheit von Leben alle Aufmerksamkeit absorbieren. Er hatte sämtliche Fragen notiert, die die Polizei ihm gestellt hatte, und jede Frage, die er PC Singh gestellt hatte, der bereit gewesen war, mit ihm zu reden, und das auch schon, bevor Lewis sich als Schriftsteller vorgestellt hatte.
Dann hatte er die Eröffnungsszene geschrieben. Die Beschreibung des Toten und des Tatorts, dann die Details, der Teller, die Bierflaschen und die seltsame, altmodisch wirkende Münze. Das war noch nicht viel, aber es war dabei, sich zu etwas zu entwickeln. Der Kern einer Idee begann sich durch die kompakte Sedimentschicht aus den verworfenen Ideen der letzten fünf Jahre hochzuarbeiten. Bloß ein winziger Keim, noch nicht einmal richtige Blätter, aber mit vielversprechenden Möglichkeiten. Jetzt musste er das Pflänzchen wässern, es an die Sonne lassen.
Die Figuren. Er sollte eine Liste aller Personen erstellen, die heute am Tatort gewesen waren, und sich Figuren ausdenken, die auf diesen Personen basierten. Alle Polizisten und Zeugen, und natürlich das Opfer und seine Frau. Alles in allem war es wahrscheinlich, dass Richard Glead von seiner Frau umgebracht worden war – er musste sich dringend ihren Namen aufschreiben, bevor er ihn wieder vergaß –, aber ein Krimi musste komplizierter sein als das wahre Leben. Interessanter.
Er nickte den Worten auf dem Bildschirm zu.
Gott, fühlte sich das gut an.
»Ich bin froh, dass du heute bei Celeste bist«, sagte Mei am nächsten Morgen, ohne den Blick vom Toaster zu wenden. »Du solltest heute allein sein.«
»Mir geht’s gut, ehrlich«, versicherte Audrey, die gerade die Nase in den Wasserkocher steckte. »Aber ich bin auch froh darüber. Ich würde mich gern selbst davon überzeugen, dass sie okay ist.«
Der Toast sprang hoch.
»Celeste geht’s sicher gut.« Mei beförderte die Toastscheibe mit einer schnellen Bewegung aufs Brotbrett. »Sogar bestens, vermute ich mal. Ihr Urlaub in der Schweiz hat ihr wirklich gutgetan. Was um alles in der Welt machst du da?«
»Ich rieche am Wasserkessel. Ich habe ihn vorhin entkalkt, aber ich glaube, er riecht immer noch nach Essig.« Sie streckte Mei den Wasserkocher hin. »Oder?«
Mei schnüffelte.
»Nein. Und es ist noch nicht mal acht Uhr morgens. Wann hast du denn angefangen?«
»Ich bin um sechs aufgestanden.« Audrey setzte sich wieder an den kleinen Tresen. »Meinst du nicht, dass es uns mehr belasten sollte? Dass einer unserer Nachbarn ermordet wurde? Nur weil der Dreckskerl seine Frau geschlagen hat, kann uns das doch nicht egal sein.«
Mei blickte so mitfühlend drein, wie sie es mit dem Mund voller Toast konnte. Sie schluckte den Bissen hinunter und sagte: »Das wird keine Zufallstat gewesen sein.« »Höchstwahrscheinlich war es Linda, und wer könnte es ihr verdenken? Wenn ich ihre Anwältin wäre, würde ich eindeutig auf Notwehr plädieren.« Sie überlegte. »Obwohl die Pistole das natürlich verkompliziert. Weist auf Vorsatz hin. Aber wie dem auch sei, Marchfield Square ist noch genauso sicher wie gestern, nur dass es hier ein Arschloch weniger gibt.«
Audrey kränkte es, dass ihr moralisches Dilemma als Eigeninteresse interpretiert wurde, also ließ sie das Thema fallen, und nach dem Frühstück umarmten sie einander und gingen beide zur Arbeit, Mei mit ihrer Lederaktentasche, Audrey mit ihrer Tasche Putzutensilien.
Sie schleppte die Tasche die Treppe hinunter und über den Innenhof zum Eingang von Marchfield Square 1. Celeste hatte nie erläutert, warum sie und ihr Mann auch die große Stadtresidenz in Wohnungen aufgeteilt hatten, warum sie einen Aufzug eingebaut hatten und in die beiden oberen Stockwerke gezogen waren. Sie waren reicher als Krösus, am Geld konnte es also nicht gelegen haben, aber es war wirklich ein sehr großes Haus, und die beiden hatten keine Kinder, also war es ihnen vielleicht wie Verschwendung von Wohnraum vorgekommen. Eins der vielen kleinen Rätsel um die Familie van Duren.
Audrey, die einen Schlüssel hatte, schloss die Eingangstür auf und nahm die Treppe. Wegen Celestes schlimmer Hüfte wurde darauf geachtet, dass der Aufzug immer funktionsfähig war, aber Audrey brauchte zu Fuß weniger als dreißig Sekunden, bis sie oben auf dem Treppenabsatz stand. Sie blickte auf die Uhr, ehe sie klingelte. Acht Uhr dreißig, auf die Minute.
Dixon öffnete ihr.
»Guten Morgen«, sagte er, trat zur Seite und ließ sie ein. Anders als sonst war er nicht im Anzug, sondern trug Jeans und ein T-Shirt, und sie lächelte ihn an, als sie an ihm vorbeiging. Dixon war etwa Mitte vierzig, stammte aus Yorkshire und sah auf eine kantige, etwas ungeschliffene Weise gut aus, aber wegen seiner Förmlichkeit und würdigen Haltung konnte sie sich in seiner Gegenwart nie so richtig entspannen, obwohl er ihr durchaus sympathisch war.
»Audrey, Liebes!«, rief Celeste, die in ihrem Ohrensessel am Panoramafenster saß, und winkte ihr zu. Audrey ließ ihre Putztasche am Eingang fallen und durchquerte den prachtvollen Raum, um die ältere Frau zu begrüßen.
»Guten Morgen, Celeste.« Sie hockte sich auf die Armlehne des zweiten Sessels. »Wie geht es Ihnen?«
»Mir geht’s bestens«, versicherte Celeste lächelnd. Auf ihrem Schoß lag eine sauber gefaltete Zeitung. »Ist das nicht aufregend?«
»Aufregend?«
»Ja! Und das ganze Kommen und Gehen. Die Polizei war die ganze Nacht hier, wissen Sie, hat alle möglichen Dinge rein- und rausgeschafft. Ich hatte eigentlich angenommen, es würde schon in der Zeitung stehen, aber nein, kein Wort.«
Natürlich hatte Mei recht gehabt. Celeste war geradezu begeistert.
»Machen Sie sich denn keine Sorgen? Wegen der Sicherheit?«
Celeste tätschelte Audreys Knie.
»Nein, Liebes. Mr. Glead bekam Besuch von allen möglichen zweifelhaften Gestalten und hat vermutlich seinen Mörder selbst eingelassen. Aber sobald die Polizei herausgefunden hat, was passiert ist, werde ich tun, was nötig ist, um die Sicherheitsvorkehrungen noch zu verbessern. Mein Wort darauf.«
»Sie glauben also nicht, dass es Linda war?«
»Gütiger Himmel, nein.« Celeste wirkte schockiert. »Als Linda nach Hause kam, hat sie die Leiche doch entdeckt. Wir haben sie alle schreien hören.«
»Sie ist nach Hause gekommen und hat geschrien«, bemerkte Audrey. »Das heißt nicht unbedingt, dass sie die Leiche entdeckt hat.«
Die alte Frau kniff kurz die Augen zusammen.
»Vermutlich nicht. Was für einen scharfen Verstand Sie haben. Halten Sie denn Linda für die Täterin, Audrey?«
Sie biss sich auf die Lippen.
»Ich will nicht, dass sie es war, aber … also, ich weiß nicht, ob Sie es wissen, Celeste, aber Mr. Glead …«
»Kein Grund, wie die Katze um den heißen Brei herumzuschleichen, Liebes. Jeder hier hat sie gehört und ihre Blutergüsse gesehen. Sie meinen also, die logische Erklärung ist, dass es ihr zu viel wurde und sie durchgedreht ist. Nun ja, ich bin sicher, die Polizei wird das alles aufklären. Die können doch den Todeszeitpunkt feststellen, oder? Hoffentlich kann Linda beweisen, dass sie zu der Zeit woanders war.«
»Ja. Ja, natürlich.« Audrey blickte aus dem großen Fenster zur Wohnung der Gleads hinüber. Jetzt waren die Jalousien heruntergelassen, aber bei den richtigen Lichtverhältnissen konnte man von dieser Warte aus bestimmt so allerlei sehen. Sie schaute zu ihrer eigenen Wohnung hinüber und erkannte zum ersten Mal, dass ihre Vermieterin auch sie und Mei sehr gut im Blick hatte. Details, wie beispielsweise die Pflanze auf der Fensterbank im Wohnzimmer, waren nicht auszumachen, und Celestes Augen waren zweifellos sehr viel schlechter als die einer Achtundzwanzigjährigen mit hundertprozentiger Sehkraft, aber ihre Vermieterin würde es sicherlich erkennen können, wenn sich jemand in der Wohnung bewegte.
»Ich mache mich jetzt auf den Weg«, rief Dixon von der Tür her. »Brauchen Sie noch etwas, bevor ich gehe?«
»Nein, vielen Dank, Dixon.« Celeste lächelte ihn liebevoll an. »Audrey und ich werden bestens zurechtkommen. Einen schönen Tag noch!«
Dixon nickte Audrey zu, und sie erhob sich und folgte ihm in den Flur, um ihn zu verabschieden.
»Sollte ich noch irgendwas wissen?«, fragte sie.
»Diese Geschichte hat sie mehr mitgenommen, als sie sich anmerken lässt«, sagte er leise. »Und wenn sie sich aufregt, wird sie manchmal etwas verwirrt, also lassen Sie sie vielleicht nicht allzu viel darüber reden. Um ehrlich zu sein, ich würde lieber hierbleiben, aber ich habe etwas Geschäftliches zu erledigen. Vermutlich wird die Polizei bald mit der Befragung der Hausbewohner beginnen, und ich wäre gern dabei, wenn sie befragt wird. Bitten Sie sie doch, morgen wiederzukommen, vielleicht klappt es ja.«
Audrey nickte. Celeste wirkte auf sie nicht anders als sonst, aber Dixon wusste es zweifellos besser.
»Klar.«
»Danke. Ich bin zur üblichen Zeit zurück. Rufen Sie mich an, wenn irgendwas ist.«
Sie schloss die Tür hinter ihm und kehrte zu Celeste zurück, die ihre Brille wieder aufgesetzt hatte und mit deutlicher Geringschätzung die mörderlose Titelseite der Zeitung studierte.
»Journalisten sind auch nicht mehr das, was sie einmal waren, oder?«
»Wahrscheinlich steht es in der Online-Ausgabe«, sagte Audrey und setzte sich wieder auf die Sessellehne. Celeste wirkte so geknickt über die fehlenden Schlagzeilen, dass sie sich trotz Dixons Warnung nicht zurückhalten konnte. »Soll ich mal nachsehen?«
Celeste wurde munterer.
»Würden Sie das tun? Ich hätte keinen blassen Schimmer, was ich bei Googly eingeben soll.«
»Google«, sagte Audrey, unterdrückte ein Lächeln und zog ihr Handy aus der Tasche. »Googly ist ein Begriff aus dem Cricket.«
»Gibt es Cricket bei Google? Das wäre lustig, nicht wahr? Ein Googly bei Google?«
»Auf Google gibt es alles, Celeste«, sagte Audrey und gab den Suchbegriff ein. »Auch Googlys.«
»Sie müssen mir mal beibringen, wie das geht. Ich habe Dixon darum gebeten, aber er meinte, die Texteinstellung auf meinem Mobiltelefon sei zu groß, was mir unlogisch vorkam. Je größer, desto besser, das ist mein Motto. Habe ich von dem verstorbenen Mr. van Duren gelernt.«
Audrey stutzte. Celeste zwinkerte ihr über den Rand ihrer Brille hinweg zu.
»Aber Mrs. van Duren«, sagte sie tadelnd, und die alte Dame kicherte. »Ja, es ist in den Lokalnachrichten der BBC.«
»Der BBC? Großartig. Und was steht da?«
»Nach einem Gewaltverbrechen in der Pickering Lane, Chelsea, wurde eine 40-jährige Frau zur Vernehmung aufs Revier gebracht«, las Audrey laut vor. »Ein 45-Jähriger wurde in einer Mietwohnung im Marchfield Square erschossen aufgefunden. Detective Inspector Dean Banham von der Metropolitan Police bittet um sachdienliche Hinweise. Wer hat Informationen zu dem Mord, oder ist jemandem am fraglichen Tag in der Pickering Lane irgendetwas Ungewöhnliches aufgefallen?«
»Und das ist alles?«
»Ja. Ist von gestern Abend. Heute noch nichts Neues, soweit ich sehen kann.«
Celeste schnaubte.
»Und das soll moderner Journalismus sein? Pah.«
»Ich sollte langsam mal anfangen.« Audrey schob ihr Handy wieder in die Tasche. »Brauchen Sie noch irgendwas?«
»Nein, Liebes.« Celeste schlug die Zeitung wieder auf. »Machen Sie nur. Nachher nehmen wir dann einen schönen Lunch ein. Ich rufe, wenn ich Sie brauche.«
Audrey holte die Tasche mit ihren Putzsachen und fing mit der Gästetoilette an. Zuerst kam die oberste Etage an die Reihe – die Gästetoilette, das große Zimmer und, nach dem Lunch, die Küche. Dann unten das große Bad, die Bibliothek und Celestes Schlafzimmer. Das einzige Zimmer, das sie nicht anrührte, war das von Dixon, der die Position vertrat, ein Mann brauche ein wenig Privatsphäre, besonders wenn er mit Celeste van Duren in einem Haus lebe.
Die Gästetoilette war wie immer blitzblank und ordentlich, dennoch öffnete Audrey das Fenster und holte Dixons sorgfältig ausgewählte Reinigungsprodukte aus dem Waschbeckenunterschrank. Dann zog sie ihre Gummihandschuhe über und machte sich an die Arbeit.
»Morgen, Mate«, krächzte Lewis. »Ich fühl mich furchtbar. Muss die Grippe sein, die Sie letzte Woche auch hatten.«
Er saß auf seinem teuren Bürostuhl vor seinem teuren Computer, wie schon die ganze Nacht. Die Worte strömten nur so aus ihm heraus, und er hatte nicht gewagt, ins Bett zu gehen, für den Fall, dass sie versiegten, während er schlief. Er ärgerte sich sogar über die Zeit, die er gerade verschwendete, indem er sich bei seinem furchtbaren Job krankmeldete und diese Scharade für seinen Baby-Boss spielte, der mindestens zehn Jahre jünger war als er. All dieser Mist hinderte ihn nur daran, das zu tun, was er wirklich mit seinem Leben anfangen wollte. Für das er bestimmt war.
»Bis dann, Mate. Mach ich. Bye.«
Er hieb auf die Trenntaste und warf das Telefon wieder auf den Schreibtisch. Wo war er stehen geblieben?
Lewis schrieb weiter, bis sein Magen dermaßen knurrte, dass er es nicht länger ignorieren konnte. Er stand auf und holte sich noch eine Portion Cornflakes, die er sich geistesabwesend am Schreibtisch in den Mund schaufelte, während er die nächste Seite plante.
Ein energisches Klopfen an der Wohnungstür ließ ihn zusammenfahren, und er fluchte, als Milch ihm am Kinn herabrann. Lewis wischte sich mit dem Hemdsärmel den Mund ab und stürzte dann zur Wohnungstür, bereit, dem Besucher gehörig die Meinung zu geigen. Wie dreist, ihn um – er blickte auf die Uhr – halb zehn morgens zu stören.
Vor seiner Wohnungstür stand der Detective Sergeant von gestern, begleitet von einem uniformierten Kollegen. Der Wutausbruch erstarb ihm auf den Lippen.
»Hallo, Mr. McLennon«, sagte die Kriminalbeamtin. »Schön, Sie wiederzusehen.«
»Guten Morgen, DS …« Mist, wie hieß sie noch mal? Hanson? Flarson?
»DS Larssen«, beendete sie seinen Satz und lächelte so höflich, dass er verlegen wurde. »Und das ist PC Edwards.«
»Tut mir leid. Ja, DS Larssen. Ich habe ein miserables Namensgedächtnis.«
»Wir befragen gerade die Anwohner, um festzustellen, was sie gesehen und gehört haben. Wir versuchen, uns ein Bild von dem zu machen, was gestern hier passiert ist. Passt es Ihnen gerade?«
»Ja. Ja, klar. Bitte kommen Sie herein.« Er trat zurück und drückte sich gegen die Wand, damit sie in dem kleinen Flur genug Platz hatten, dann führte er die beiden ins Wohnzimmer. »Möchten Sie etwas trinken? Einen Tee? Kaffee?«
»Nein, vielen Dank.«
Der Constable blieb bei der Tür stehen, während Larssen sich im Wohnzimmer umsah, das Lewis jetzt, wo sich Gäste darin aufhielten, schmuddelig und unordentlich vorkam. Er schnüffelte dezent. Wann hatte er zuletzt gelüftet?
»Darf ich?«, fragte Larssen und deutete auf das Sofa. Lewis nickte.
»Sorry, klar. Bitte nehmen Sie Platz.«
Lewis setzte sich auf den Sessel, während Larssen ihr Notizbuch hervorholte. PC Edwards blieb stehen.
»Wir würden gern Ihre gestrige Aussage noch einmal durchgehen«, begann sie.
»Ja. Klar.« Das war schließlich alles gutes Material. Unschätzbar wertvolle Recherche.
»Fangen wir mit der Frage an, wann Sie nach Hause kamen. Um welche Zeit war das?«
»Äh … so gegen zwanzig vor fünf? Ungefähr.«
»Kommen Sie üblicherweise um diese Zeit nach Hause?«
»Nein. Normalerweise verlasse ich das Büro um fünf und bin um sechs zu Hause, aber gestern bin ich früher gegangen. Ich fühlte mich nicht gut.«
»Und was machen Sie beruflich, Mr. McLennon?«
»Recruiting. Ist ziemlich langweilig.«
Larssen blätterte eine Seite in ihrem Notizbuch zurück.
»Sagten Sie nicht gestern, Sie seien Schriftsteller? Sie haben viele Fragen gestellt, soweit ich mich erinnere.«
Es klang unverfänglich, aber er glaubte, einen kritischen Unterton herauszuhören.
»Ja, ich bin Schriftsteller. Aber die meisten Autoren brauchen einen Brotjob.« Unnötig zu erwähnen, dass zwei wunderbare Jahre lang das Schreiben sein Brotjob gewesen war. Bis ihm erst die Ideen und dann das Geld ausgingen.
»Verstehe. Also, Sie kamen um vier Uhr vierzig nach Hause, und dann?«
»Ich durchquerte den Innenhof. Grüßte Captain Gordon. Gerade als ich meine Wohnung betreten hatte, hörte ich den Schrei. Es klang, als wäre es ganz in der Nähe, also lief ich wieder nach draußen. Der Captain war aufgestanden und blickte zu Nr. 10 hoch. Dann kam die junge Frau von drüben angerannt, und ich folgte ihr.«
Larssen konsultierte ihr Notizbuch.
»Audrey Brooks? Aus Nr. 7?«
»Vermutlich. Ich habe ihren Namen nicht verstanden.«
»Sie kennen sich demnach nicht?«
»Nein.«
»Also Sie und Ms. Brooks stiegen die Außentreppe in den ersten Stock hoch, um nach Mrs. Glead zu sehen. Und was dann?«
»Die Wohnungstür stand offen. Die Frau – Ms. Brooks – war bereits reingegangen. Mrs. Glead zeigte mit dem Finger in den Flur, also betrat ich die Wohnung ebenfalls und entdeckte ihn in der Küche. Ihren Mann, meine ich. Mr. Glead. Auf dem Fußboden. Mit einem Loch in der Brust.«
»Und wo war Ms. Brooks?«
»Die war auch da. In der Küche. Starrte auf die Leiche. Dann ging sie wieder raus, und ich rief die Polizei.«
Sie machte sich eine Notiz.
»Ist Ihnen irgendwas Ungewöhnliches in der Wohnung aufgefallen, abgesehen von Mr. Gleads Leiche? Unordnung? Anzeichen eines Kampfes?«
Lewis brauchte nicht lange zu überlegen, er hatte sich ja alles ausführlich notiert und die Notizen seitdem schon mehrfach durchgesehen.
»Nein. Alles war sehr sauber und ordentlich. Ein bisschen leer allerdings, fast wie eine Ferienwohnung.«
Larssen nickte.
»Das ist uns auch aufgefallen. Was hielten Sie von den Gleads?«
Jetzt musste er überlegen. Um ehrlich zu sein, hatte er noch nie einen Gedanken an die Gleads verschwendet.
»Ähm, sie schienen ganz okay zu sein. Ich habe sie kurz kennengelernt, als sie eingezogen sind, aber wir haben eigentlich nie miteinander gesprochen. Er war freundlich. Grüßte immer. Sie war sehr ruhig. Ich habe sie nie mit irgendjemandem reden sehen.«
»Und was für einen Eindruck hatten Sie von den Gleads als Ehepaar?«
»Keine Ahnung.«
»Gab es gelegentlich Streit? Haben Sie mal etwas in der Art mitbekommen?«
»Ich glaube nicht. Aber tagsüber bin ich nicht da, und ich habe ein Surround-Sound-System für den Fernseher und setze schalldichte Kopfhörer auf, wenn ich schreibe.« Ein weiteres, eher flüchtiges Nicken der Ermittlerin. Zum ersten Mal dämmerte es Lewis, dass er vielleicht kein so guter Zeuge war, wie er es von sich erwartet hätte. »Warum? Was haben denn die anderen gesagt?«
»Ihre Nachbarn hatten alle den Eindruck, dass die Ehe nicht sonderlich glücklich war. Wir haben uns nur gefragt, ob Sie das bestätigen können, aber offenbar ist Ihnen nichts in der Richtung aufgefallen.«
»Nein, sorry. Damit kann ich nicht dienen.«
Es enttäuschte ihn, dass er nicht mehr beisteuern konnte. Wenn es sich vermeiden ließ, sprach Lewis nie mit irgendeinem seiner Nachbarn. Celeste war eine Ausnahme, aber er hörte auch nie so richtig zu, wenn sie irgendwelchen Klatsch über die übrigen Mieter erzählte. Er war immer ziemlich stolz darauf gewesen, dass er sich so abseits hielt. Bis jetzt.
»Sie haben also die Polizei gerufen. Und danach?«, fragte Larssen.
»Ich bin wieder rausgegangen und habe mich vor der Wohnungstür postiert, während die junge Frau Mrs. Glead wegführte, damit keiner reinging. Um den Fundort gegen weitere Veränderungen zu sichern.« Er lächelte und wartete darauf, dass sich die Profis beeindruckt von seinem Wissen um die Ermittlungsabläufe zeigten.
»Nur noch eins, dann können Sie sich wieder Ihren eigenen Angelegenheiten zuwenden. Waren Sie zwischen sechzehn Uhr am Mittwoch und zwei Uhr morgens am Donnerstag zu Hause? Haben Sie irgendetwas Ungewöhnliches gehört?«
Sein Lächeln schmolz wie Schnee in der Sonne.
»Ich war zu Hause, ja. Ab achtzehn Uhr jedenfalls. Aber nein, ich habe nichts gehört. Glauben Sie, dass er in diesem Zeitraum ermordet wurde?«
»Sie sind nicht rausgegangen, um sich das Feuerwerk anzusehen?«
»Das Feuerwerk?«
»Laut Ihren Nachbarn haben sich die Anwohner alle auf der anderen Seite des Platzes getroffen, um sich das Feuerwerk anzusehen. Sie waren nicht dabei?«
Lewis runzelte die Stirn. Er erinnerte sich vage, dass einer der Nachbarn von oben ihn zu irgendwas eingeladen hatte, aber er hatte automatisch abgelehnt und die Sache sofort wieder vergessen.
»Nein. Abends schreibe ich und habe meine Kopfhörer auf …«
»Kann das jemand bestätigen?«
»Mein Chef kann bestätigen, wann ich das Büro verlassen habe, und der Captain hat mich gesehen, als ich nach Hause kam. Später hatte ich einen Videoanruf, vielleicht hilft Ihnen das weiter? Dauerte ungefähr eine Stunde.« Er entsperrte sein Telefon und hielt es ihr hin, damit sie sich die Anrufliste ansehen konnte. Larssen spähte auf das Display und warf ihm einen kurzen Blick zu, bevor sie sich die Details aufschrieb.
»Sie haben also nichts gesehen oder gehört?«
»Nein. Tut mir leid.«
»Also gut.« Sie klappte ihr Notizbuch zu und stand auf. »Ich glaube, das wäre alles. Vielen Dank, Mr. McLennon.«
»Oh.« Er versuchte, seine Enttäuschung zu verbergen. »Sonst nichts?«
»Nein, aber wenn Ihnen noch etwas einfällt …« Sie fischte eine Karte aus ihrer Tasche. »Lassen Sie es uns wissen.«
»Klar.«
»Sie brauchen uns nicht zur Tür zu bringen«, sagte sie. »Sie müssen sich sicher fürs Büro fertig machen. Vielen Dank für Ihre Zeit.«
Lewis nickte. »Kein Problem.«
Er blieb sitzen, als sie die Wohnung verließen und leise die Tür hinter sich zuzogen, und ärgerte sich über sich selbst. Er war sehr gut in der Lage, über neugierige Nachbarn und aufmerksame Ermittler zu schreiben, und fiktive Motive für fiktive Morde fielen ihm zu Dutzenden ein, aber nun hatte es direkt vor seiner Nase einen Mord gegeben und er hatte nicht die geringste Ahnung, was da passiert sein mochte.
In Zukunft würde er es anders machen müssen. Aufhören, den einsiedlerischen Schriftsteller zu geben. Und keine Kopfhörer mehr. Er musste seiner Umgebung mehr Aufmerksamkeit widmen.
Während Audrey im großen Zimmer wischte, polierte, wachste und staubsaugte, hielt Celeste sie über die Vorgänge auf dem Square auf dem Laufenden.
»Bei Brigitte waren sie eine ganze Weile. Ein bisschen Klatsch, oder was glauben Sie? Aber vielleicht hat sie ihnen auch etwas von ihrem Schokoladenkuchen angeboten.«
»Jetzt sind sie bei Lewis. Er ist bestimmt ein wichtiger Zeuge.«
»Die Jungs aus Nr. 9 sind bereits los zur Arbeit. So ein Pech.«
»Aus Captain Gordon haben sie offenbar nicht viel rausbekommen. Nur zehn Minuten.«
»Oh, jetzt klopfen sie bei Ihnen, Audrey, Liebes. Sie kommen ganz gut voran.«
Celeste saß in ihrem Ohrensessel in der Galerienische, wie sie es unerklärlicherweise bezeichnete. Audrey hatte keine Ahnung, wie so etwas eigentlich genannt wurde. Die »Nische« bestand nur aus ein paar Sesseln und niedrigen Bücherregalen, die um das große Fenster herum gruppiert waren. Mit Ausnahme der Küche, der Garderobe und dem Flur war die oberste Etage von Celestes Wohnung ein riesiger offener Raum, wie in einem New Yorker Loft. Durch die Möblierung waren separate Bereiche geschaffen worden. An einem Ende befand sich der Essbereich mit einem Mahagonitisch, grünen Samtkissen und einer mit Silberzeug überladenen Anrichte, während eine dreiteilige, silber-blaue Sitzgarnitur und goldgerahmte Gemälde am anderen Ende den Wohnbereich markierten. Der eigenartige kleine Beobachtungsposten, den Celeste in der Mitte des Raums für sich geschaffen hatte, kam in Country Living oder irgendeiner der anderen gehobenen Wohnzeitschriften, die Audreys Kunden immer herumliegen ließen, nicht vor.
»Glauben Sie, die Polizei spart mich als Letzte auf?«, rief Celeste zu ihr hinüber.
»Wahrscheinlich.« Audrey wischte den Rest der Polierpaste vom Esszimmertisch. »Vermutlich werden sie wissen wollen, was Sie von Ihren Mietern halten.«
»Denken Sie, ich sollte es ihnen sagen?«, fragte Celeste. »Das von Mr. Glead, meine ich. Dass er seine Frau geschlagen hat.«
»Alle anderen werden das bereits getan haben«, sagte Audrey und ging zu ihr hinüber. »Außerdem erwähnten Sie ja, dass Sie deswegen mal die Polizei gerufen haben. Das wird aktenkundig sein.«
»Ach ja.« Sie seufzte. »Die arme Mrs. Glead. Endlich ist sie diesen furchtbaren Mann los, und nun wird sie vielleicht des Mordes verdächtigt. So sollte das nicht laufen, wirklich.«
»Hängt davon ab, ob sie viele Alternativen hatte«, meinte Audrey. »Wenn nicht, dann musste es so laufen, oder?«
Von ihrem Platz am Fenster konnte Audrey direkt in den Innenhof sehen, wo eine blonde Frau in einer grauen Jacke, die sie als DS Larssen erkannte, in Begleitung eines Uniformierten gerade das Apartment der Hetheringtons verließ. Audrey lauschte, in der Erwartung, dass sie gleich bei Celeste klingeln würden, aber stattdessen machten sie kehrt und steuerten auf das Eingangstor am anderen Ende des Squares zu.
»Wer ist der Typ, der in Nr. 5 wohnt?«, erkundigte sich Audrey und beobachtete, wie die beiden Ermittler am schmiedeeisernen Zaun stehen blieben. Sie inspizierten das Zutrittskontrollsystem, erkannte sie. »Vor gestern habe ich noch nie ein Wort mit ihm gewechselt.«
»Lewis McLennon«, antwortete Celeste. »Netter Junge. Schreibt Krimis, hat er jedenfalls früher mal getan. In letzter Zeit hat er nicht viel veröffentlicht.«
»Aha.«
DS Larssen und ihr Kollege hatten dem Haupteingang den Rücken gekehrt und kamen zurück.
»Ich glaube, jetzt sind Sie an der Reihe, Celeste.«
»Ah, gut.« Celeste griff nach ihrem Stock.
»Dixon wollte, dass ich die Polizei bitte, später wiederzukommen. Er möchte gern dabei sein, wenn Sie befragt werden.«
»Ach was.« Celeste tat ihre Besorgnis mit einer Handbewegung ab. »Dixon kann manchmal so ein altes Waschweib sein. Führen Sie sie rein, Liebes.«
Audrey war gerade im Flur angekommen, als es klingelte – die elektronische Nachahmung einer altmodischen Türglocke.
»DS Larssen und PC Edward, wir möchten zu Celeste van Duren«, sagte Larssen und hielt eine Marke in die Kamera. Audrey drückte den Türöffner.
»Kommen Sie rauf«, sagte sie in den Lautsprecher. »Mit dem Aufzug bis ganz nach oben, drücken Sie einfach auf den Knopf.«
Dann öffnete sie die Wohnungstür und wartete.
»Ms. Brooks, nicht wahr?«, sagte Larssen, als die beiden aus dem Aufzug stiegen. »Wir haben vorhin bei Ihnen geklopft.«
»Freitags putze ich bei Mrs. van Duren«, erklärte Audrey. »Ich bin den ganzen Tag hier. Kommen Sie bitte herein.«
Sie führte die Besucher durch den Flur ins große Zimmer, wo Celeste sie erwartete, schwer auf ihren Stock gestützt.
»Guten Morgen«, sagte sie lächelnd. »Nehmen Sie doch Platz. Hätten Sie gern einen Tee? Oder lieber Kaffee?«
»Nein, vielen Dank.« Larssen sah sich um. »Wir wurden bereits reichlich versorgt.«
Celeste wies auf das Sofa, während sie selbst auf dem silber-blauen Sessel Platz nahm wie eine Königin, die Hof hält. Audrey blieb unbeholfen hinter dem Sofa stehen, unsicher, ob sie sich unsichtbar machen sollte oder nicht.
»Eine wunderschöne Wohnanlage«, sagte Larssen und zückte ihr Notizbuch. »Ihnen gehört das Ganze?«
»Es ist nur ein kleines Areal«, sagte Celeste, als wäre es ein Gartenschuppen und kein Wohnkomplex, der Millionen wert war. »Mein Ururgroßvater besaß hier eine Stadtresidenz mit einem Garten und Stallungen. Mein Großvater hat die Stallungen zu Wohnungen umgebaut und diese kleine Enklave errichtet. Mein Vater hat sie geerbt, und dann ich. Leonard und ich haben das Haus dann in Wohnungen aufgeteilt.«
»Leonard ist Ihr Mann?«
»Er war es. Er ist vor einigen Jahren verstorben.«
»Das tut mir leid«, sagte Larssen. »Leben Sie allein hier?«
»Nein, mit Dixon.«
»Mit … Dixon?«
Audrey unterdrückte ein Lächeln.
»Mein Hausangestellter.«
»Er ist so eine Art Butler«, warf Audrey ein, »aber er macht eigentlich ein bisschen von allem.«
»Also Ihr Pfleger?«, fragte Constable Edwards, und Celeste riss empört die Augen auf.
»Ganz bestimmt nicht!«
»Ist er hier?«, fragte Larssen. »Wir werden auch mit ihm sprechen müssen.«
»Er hat heute seinen freien Tag«, erwiderte Celeste knapp.
Larssen warf einen Blick zu Audrey.
»Soll ich in der Küche weitermachen?«, bot Audrey an, die den Wink verstanden hatte. »Damit Sie in Ruhe reden können?«
»Dazu besteht kein Anlass, Liebes«, sagte Celeste. »Eine Frau hat keine Geheimnisse vor ihrer Putzfrau.«
Larssen schien nicht glücklich darüber, schwieg aber, also setzte Audrey sich in den zweiten Sessel und versuchte, sich so klein wie möglich zu machen.
»Also«, begann die Ermittlerin, »wie gut kannten Sie das Ehepaar Glead?«
»Nicht sonderlich gut«, antwortete Celeste. »Sie wohnen seit etwa zwei Jahren hier.«
»Haben Sie sie persönlich kennengelernt, bevor sie den Mietvertrag unterschrieben?«
»Ja, richtig. Sie waren sehr charmant, zumindest Mr. Glead war es. Sie schienen sehr verliebt zu sein.«
»Schienen?«
»Wie Sie sicher bereits gehört haben, hat sich das rasch geändert.«
Larssen nickte.
»Es gab häufiger Streit?«
»Erst waren es Auseinandersetzungen, ja, aber dann wurde er – wie sagt man noch mal? Handgreiflich. Und Mrs. Glead wurde sehr still. Hörte auf, mit den anderen zu plaudern. Bekam keinen Besuch mehr.«
»Verstehe. Und Mr. Glead? Bekam er auch keinen Besuch mehr?«
»Doch, er hatte ziemlich oft Besuch. Männer.«
»Immer dieselben?«
»Ich glaube schon«, sagte Celeste. »Auch wenn meine Augen nicht mehr das sind, was sie mal waren.« Sie warf einen finsteren Blick auf Constable Edwards, als wäre er persönlich verantwortlich für ihre nachlassende Sehkraft.
»Sie sagten, Mr. Glead sei handgreiflich geworden. Haben Sie je gesehen, wie er seine Frau geschlagen hat?«
Celeste zögerte kurz.
»Einmal«, sagte sie schließlich. »Letztes Jahr. Draußen auf dem Laubengang. Ich habe die Polizei gerufen. Meistens habe ich nur ihre blauen Flecken gesehen. Einmal hatte sie einen Gipsverband am Arm.«
Larssen nickte wieder und machte sich eine Notiz.
»Als Sie die Polizei gerufen haben … war das am 28. September letzten Jahres?«
»Du meine Güte.« Celeste hob eine Augenbraue. »Woher wissen Sie das? Das genaue Datum könnte ich nicht beschwören, aber ja, irgendwann um die Zeit muss es gewesen sein. Es war ungewöhnlich warm für die Jahreszeit, soweit ich mich erinnere.«
