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Das kluge Piratenmädchen Maren lebt mit Ihrer Familie auf der Pirateninsel Tabuga. Durch Zufall taucht eine Schatzkarte auf, die auf ein sagenumwobenes und untergegangenes Volk hinweist. Die Karte ist leider, wegen einer fremden Schrift, nur teilweise zu entziffern. Dennoch begeben sich Maren und die anderen Piraten auf die Seereise, um den Schatz zu finden. Unterwegs freundet sich Maren zufällig und heimlich mit der Meerjungfrau Nia an, die eine entscheidende Rolle bei der Schatzsuche spielt. Während Ihrer abenteuerlichen Reise begegnen sie fantastischen Lebewesen. Zudem verfolgen einige Piraten ihre eigenen Pläne und gefährden die Unternehmung. Ob es Maren gelingt, mit Hilfe Ihres Bruders Finn und dem gutaussehenden Jungpiraten Poker erfolgreich heimzukehren?
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Seitenzahl: 208
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Dieses Buch ist meiner Tochter Marie gewidmet, die ich über alles liebe. Mit dieser Geschichte hoffe ich ihr ein besonderes Geschenk gemacht zu haben.
Insel Tabuga
Der Schatz der Hibukas
Aufbruch zu der Schatzinsel
Eine unerwartete Begegnung
Augustus Geschichte
Eine neuartige Freundschaft
Die Geschichte von Socke
Eine mögliche Verschwörung
Nias Hilfe
Ein aufklärendes Gespräch
Die Hibukainsel
Die Hoppers
Der Betrug
Die Schatzhöhle
Die Strafe
Verderben durch Habgier
Eine sonderbare Begegnung
Die ungemütliche Abreise
Freudiges Wiedersehen
Ein herrlicher Tag und das Geschenk
Die Verabredung
Das Fest auf Tabuga
weit im pazifischen Ozean gab es eine Insel mit einer subtropischen Pflanzenwelt. Im Süden der Insel wuchsen Palmen entlang am weißen Sandstrand, die teils so hoch waren wie ein Leuchtturm. Dahinter zog sich der Dschungel bis tief hinein in die Inselmitte, wo sich eine felsige Berglandschaft befand, und endete im Norden, in steinigen Terrassen herabführend, an der Küste. In der Mitte der Insel erhob sich der Gipfel des höchsten Berges auf einer steinigen Plattform von einem längst erloschenen Vulkan, in dessen Mitte sich ein kleiner See befand, umgeben von wundervollen exotischen Blumen und Sträuchern. An einer Seite des Kraters entsprang eine Quelle zwischen zwei Felsplatten und fiel als Wasserfall über 60 Meter tief über mehrere Steinstufen und sammelte sich in dem glasklaren See. Hier hatten viele verschiedene Fische ihren Lebensraum.
Im Osten der Insel sah es rauer aus, denn der Wind vom Ozean brach dort über die Küste. Entsprechend schief wuchsen hier die wenigen Bäume und Sträucher zwischen den zerklüfteten felsigen Vorsprüngen, die dem Wind standhielten. Auch gab es nur felsige Steilhänge, wo sich das Wasser an großen abgebrochenen spitzen Felsen, die aus dem Wasser ragten, brach. Außer ein paar exotischen Vogelarten, die hier ihre Brutstätte einrichteten, gab es nur kleine Nagetiere und Insekten, die Ihren Unterschlupf in den unzähligen Felsspalten fanden.
Der Süden war, entgegen dem kargen Osten, ein einziges Dschungelparadies. Hier gab es eine bunte Vielfalt an Pflanzen und Tiere, die es sonst nirgendwo anders gab. Ein weißer breiter Sandstrand grenzte das Meer von dem satten Grün des Dschungels ab.
Im Westen der Insel lag vor einer großen Bucht ein kleiner Hafen und dahinter befand sich die kleine Stadt Tabuga mit ihren vielen kleinen unterschiedlichen Holzhäusern und Hütten, die alle in kleinen verwinkelten Gassen verteilt standen. Das Zentrum der Stadt war ein kreisförmiger Platz, auf dem Bänke und Tische des daneben stehenden Wirtshauses standen.
Das Besondere an dieser Stadt war, dass es der einzige, von Menschen bewohnte Ort der Insel war, und dass es sich um eine reine Piratenstadt handelte. Hier lebten Piraten, die ursprünglich aus allen Teilen der Welt stammten und mit ihren Familien hier ansiedelten. Sie fanden auf Tabuga einen sicheren Ort zum Leben, in der sie keine Konsequenzen von Bestrafungen (aus beruflichen Gründen) zu fürchten hatten und sie unter ihresgleichen leben konnten. Im Laufe der Jahrzehnte entstand hier, eine meist friedliche, freudige und buntgemischte Piratengemeinschaft. Jeder hatte unterschiedliche Talente und Ausbildungen außerhalb der Piraterie, so dass jeder jedem irgendwie nützlich war und so einige für die Gemeinschaft unentbehrlich wurden. Natürlich gab es hier auch einige Regeln einzuhalten, die für ein Zusammenleben unabdingbar sind.
Um diese sicherzustellen, gab es einen Piratenrat, der aus den ältesten Familienoberhäuptern bestand. Als oberster Pirat wurde aus diesem Kreis ein erfahrener und als gerecht geltender Seemann ernannt, der die Aufgabe hatte, die Entscheidungen für das Wohl aller Anwohner zu treffen. Dieser war auch gleichzeitig der Richter und Schlichter für diverse Streitigkeiten. Dieser oberste Pirat von Tabuga hieß Stierkopf, eigentlich Johann aus dem Norden, denn seine Vorfahren waren Wikinger. Aber unter Piraten hat man natürlich Namen, die furchteinflößend auf die Außenwelt wirken und etwas über die Grundeigenschaft der Person Auskunft geben sollen.
Stierkopf, ja das wusste man, war manchmal recht stur und war er mal von einer Sache überzeugt, konnte man ihn so gut wie nie davon abbringen, auch wenn diese völlig aussichtslos war. Ebenso verdankte Stierkopf den Namen seinem Körperbau. Er war groß, muskulös und auf dem etwas zu kurz geratenen Hals befand sich ein breiter bärtiger Kopf. Die blonden lockigen, etwas verfilzten Haare gaben seinen stechend grünen Augen mehr Ausdruck. Wenn er nachdachte, sah sein Gesicht recht finster aus, seine Augen wurden dann zu kleinen Schlitzen und seine Kiefermuskulatur spannte sich sichtbar an. Im Gesamtbild wirkte er dann wie ein wild gewordener Stier. Sein schmaler Mund wurde durch den rotblonden, kraushaarigen Bart fast überdeckt.
Im Grunde war Stierkopf aber ein netter Pirat. Wenn er mal lachte, gerne abends mit Freunden bei reichlichem Verbrauch von Alkohol, sah man einen herzlichen, sympathischen und einfachen Mann in ihm. Er war bekannt für seine Sturheit, aber auch für seinen ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit. Er duldete weder Diskriminierungen über etwaige Abstammungen einzelner Inselbewohner, noch akzeptierte er ungerechte Verteilungen irgendwelcher Besitztümer. Aus diesem Grunde wurde Stierkopf auf unbestimmte Zeit zum obersten Piraten von Tabuga ernannt.
Er hatte auch eine Frau namens Thala – eigentlich Helga. Aber als Piratenfrau erhält man natürlich auch einen passenden Namen. Thala und Stierkopf lernten sich vor über 20 Jahren kennen, als Stierkopf damals als Schiffsjunge auf dem berühmten Piratenschiff „Death“ arbeitete. Es wurde ein schwedisches Schiff geentert und Thala, also damals Helga, wurde von Stierkopf als einzige Überlebende aus dem Gewässer gerettet. Sie verliebten sich sogleich ineinander. Helga war mit ihren Eltern unterwegs in die Neue Welt aufgebrochen, denn sie wollten der heimatlichen Not in Trelleborg, Schweden, entkommen.
Thala erhielt ihren Namen, als sie eine Thalassophina, eine giftige Seenatter, zu einem köstlichen Essen für die ausgehungerte Piratenbande zubereitete. Da nur wenige wussten, wie man aus der Schlange überhaupt ein essbares Gericht zubereiten konnte und sie diese auch noch so schmackhaft servierte, wurde Helga mit dem Namen „Thala“ vom Piratenrat in die Gemeinschaft Tabugas aufgenommen. Kaum einer wusste seither, dass Thala nicht ihr richtiger Name war. Sie war eine schlanke, sportliche Frau. Ihre halblangen, glatten, blonden Haare trug sie meist mit einem Tuch zusammengebunden. Ihre himmelblauen Augen waren groß, und ihre Nase, im Vergleich zu ihrem breiten Schmollmund, sehr klein. Thala und Stierkopf hatten zwei Kinder, den 15-jährige Sohn Finn und die 13-jährige Tochter Maren.
Finn war ein echter Lausbub, ganz nach dem Geschmack seines Vaters und zum Leidwesen seiner Mutter. Er war zwar noch nicht so kräftig gebaut wie sein Vater, doch für sein Alter recht stämmig, mit rotblonden lockigen Haaren. Die grünen Augen und die knollige Nase hatte er von seinem Vater, den breiten Mund von seiner Mutter Er tollte täglich mit seinen zwei besten Freunden, Yim und Fred, herum und dachte sich immer irgendwelche Streiche mit ihnen aus. Yim, ein Piratenjunge mit chinesischer, Fred mit schottischer Herkunft, ergänzten sich zu einem dynamischen Trio. Alle drei, vor allem aber Finn, machten sich einen Spaß daraus, die anderen Kinder zu ärgern. Sei es irgendwelche Spinnen oder Käfer in die Kleidung der anderen zu stecken oder und mit ihnen zu raufen. Entsprechend oft war seine Kleidung ramponiert, so dass Thala fast täglich schimpfend das Nähzeug zum Flicken bereithielt.
Maren hingegen, zierlich schlank gebaut, mit glatten strohblonden Haaren, entsprach so gar nicht dem Piratenimage. Auch ihr Benehmen und die Art des Redens waren so vornehm, dass man meinen konnte, sie wäre irrtümlich an diesem Ort gestrandet. Doch Maren war tatsächlich die leibliche Tochter von Thala und Stierkopf. Sie hatte klare blaue Augen, eine kleine Stupsnase und schmale, wohlgeformte Lippen. Sie achtete stets auf ihre Körperhygiene und ihre Kleidung wählte sie, je nach Anlass, bedacht aus. Auf keinen Fall durfte sie unbequem sein oder sie gar in der Bewegungsfreiheit einschränken. Schmuck, wie es gerne viele Inselbewohner trugen, waren ihr nicht wichtig. Allerdings hatte sie eine einzige Kette, die sie ununterbrochen trug. Es war eine silberne Kette mit einer kleinen Meerjungfrau als Anhänger. Ihre Eltern waren sehr stolz auf Maren, denn sie war ausgesprochen klug und für ihr Alter auch sehr mutig. Sie hatte wenig Angst, alleine durch den Dschungel zu wandern, denn Sie hatte genügend Wissen und Einfallsreichtum, sich notfalls selbst zu helfen.
Dank dem umfangreichen Wissen der Mutter über die einheimischen Pflanzen und Tiere, hatte Maren viel gelernt und wusste daher, welche giftig oder gefährlich waren. Marens Vorteil war, dass sie durch ihre Wissbegierde schnell und gerne lernte. Sie las oft Bücher über alles Mögliche und sammelte so ein umfangreiches Wissen an. Natürlich legten die meisten Piratenfamilien großen Wert darauf, dass die Kinder im Dorf sich ein Grundwissen aneigneten und die einzige Schule im Dorf besuchten. Diese war mit keiner sonstigen üblichen Schule vergleichbar. Wenn es Piratenfeste zu feiern gab, was oft vorkam– weil Piraten nun mal gerne feiern, konnte es passieren, dass der Unterricht entfiel oder irgendwann am Nachmittag gehalten wurde. Es gab zwei Lehrerinnen, die tatsächlich vor einigen Jahren an einer richtigen Schule unterrichtet hatten. Madame Claire Grande aus Frankreich für Mathematik und naturwissenschaftliche Fächer und Mrs. Ann Lawrence für Schreiben, Sprachen und Geographie.
Somit konnten die Kinder recht ordentliches Wissen aneignen, sofern sie lernwillig genug waren und manche hatten nach drei Jahren mehr Allgemeinbildung und Schreibkenntnisse, als ihre eigenen Eltern. Außer den Kindern gehörten Madame Grande und Mrs Lawrence zu den wenigen, die mit ihren echten Namen auf der Insel lebten und angesprochen wurden. Die Kinder durften sie mit Vornamen anreden.
Der Piratenrat hatte mit den Dorfbewohnern vor einigen Jahren und nach Entstehung vieler Familien beschlossen, dass sie nur das Beste für die Zukunft ihrer Kinder haben wollten. Dazu gehörte nun mal die schulische Ausbildung. Bücher und Material besorgten die Väter auf ihren Raubzügen auf dem Meer oder zu Lande. Sie kauften mit Gold aus gefundenen Schätzen das beste Schulmaterial, das es in den einzelnen Ländern zu finden gab. Das Schulhaus war eine größere Holzhütte, unterteilt in zwei Räume mit bequemen Stühlen und Tischen. An den Wänden standen Regale, die mit Büchern aus allen Teilen der Welt befüllt waren. Der Anblick erinnerte einen eher an eine Bibliothek als an eine Schule.
Die großen Wandtafeln in jedem der zwei Räume verrieten dann doch, dass es sich um eine Schule handelte. Im Raum von Mrs. Smith hingen viele Landkarten und Flaggen, die sechs runden Holztische mit je vier Armlehnstühlen im Jugendstil luden eher zum gemütlichen Plausch ein. Der andere Raum von Madame Grande war mit länglichen Tischen zur Wandtafel ausgerichtet. Auch hier gab es gemütliche Armlehnstühle, jedoch eher im französisch-barocken Stil. Anstatt Landkarten hingen hier verschiedene geometrische Figuren zur Verzierung des Raumes von der Decke.
Auf den Regalen standen, außer den unzähligen Büchern, noch technische Gerätschaften, wie ein altes Mikroskop, Teleskop, Reagenzgläser, Utensilien zur Destillation u.v.m. Die Räume wirkten sehr gemütlich. Vielleicht lag es an dem bunt zusammengestellten Mobiliar. Der Unterricht wurde für alle Jahrgangsstufen in einem der zwei Räume gehalten, da es nur zwei Lehrer gab oder weil im allgemeinen nicht alle Kinder erschienen. Entweder verschliefen sie oder halfen ihren Eltern bei wichtigen Unternehmungen oder entschieden sich spontan doch lieber zu schwänzen. Manche Kinder kamen fast täglich, manche sporadisch. Auch gab es keine Benotungen in unserem Sinne. Entweder sagten die Lehrer, der Lehrstoff sei gut begriffen worden und man bekam neue Lerninhalte vermittelt oder man musste eben solange am gleichen Thema üben und lernen, bis es saß. Daher variierte die Gesamtschuldauer für die einzelnen zwischen sechs und zwölf Jahren.
Während Finn gerne die Schule schwänzte und mit seinen Freunden Unfug trieb, lernte Maren gerne und gehörte zu den wenigen Kindern die täglich die Schule besuchten. So war es natürlich nicht verwunderlich, dass sie mit ihren 13 Jahren viel weiter war als ihr älterer Bruder Finn. Selbst daheim kam es nun immer öfters vor, dass selbst Stierkopf seine Tochter nach bestimmten Sachen fragte, z. B. wie weit eine bestimmte Insel von Tabuga entfernt lag. Gewissermaßen gab Maren ihrem Vater ihr erlerntes Wissen weiter.
Stierkopf gehörte eher zu den Abenteurern, die gerne einfach mal mit dem Segelschiff in See stachen. Aber als er einmal mit seiner Crew über eine Woche hinweg letztendlich nur im Kreis entlang schipperte und seine Männer genervt waren – denn diese wollten schnell mit Beute heimkehren, sah Stierkopf die Notwendigkeit des Erlernens von Navigieren und das Lesen der Seekarten. Maren unterstützte ihn gerne, denn schließlich vermisste auch sie ihren Vater, wenn er unnötig lange auf See war. Der alte Kapitän Raufuss, der bisher die Seefahrten unternommen hatte, während Stierkopf nur die Entscheidungen fällte, wurde krank und bekam zudem den grauen Star, so dass er seine letzten Tage lieber in Tabuga verbrachte. Daher wurde Stierkopf nun auch noch der Kapitän des Schiffes.
Eines Abends in der Dorfkneipe saßen wieder einmal die Piraten gemütlich beisammen, tranken ordentlich Rum und tauschten sich alte Geschichten aus. Aufgeregt erschien der Beuteverwalter Adlerauge (ihm entging kein Schatz) mit einem alten Pergament in der Hand und eilte zum Tisch von Stierkopf, Schweinebauch (der Schiffskochgehilfe mit einem großen Hängebauch) und Hasenzahn (ein fleißiger Matrose mit einem großen Überbiss). Mit einer, für Adlerauge ungewohnt aufgeregten Stimme sagte er: „Ich glaube, ich habe hier eine alte Schatzkarte gefunden – wenn ich mich nicht irre, ist es sogar die Schatzkarte des geheimnisvollen Hibukaschatzes!“ Schlagartig wurde es in der Wirtschaft leise. Stierkopf sah Adlerauge an. „Der Hibukaschatz?“, fragte er. „Das gibt es doch nur in Märchen!“, mischte sich Schweinebauch ein. „Meinst du den Schatz nachdem so viele Piraten und Schatzsucher gesucht hatten und keiner von denen je zurückkam?“, hakte Hasenzahn nach. „So scheint es, ja!“, antwortete Adlerauge. „Die Karte war in einer Kiste im Unterboden versteckt. Ich habe sie zufällig entdeckt, als mir die Kiste beim Aufräumen aus der Hand fiel und ein Teil des Bodens der Kiste zersplitterte. Als ich die Kiste aufhob schaute ein Stück Pergament raus und bitteschön, hier ist es.“ Er reichte Stierkopf das Pergament. „Und wenn ihr mich fragt, ich glaube, dass es die echte Karte mit den echten Koordinaten zu dem echten Hibukaschatz ist!“
Alle in der Kneipe kamen zum Tisch von Adlerauge und Stierkopf und wollten einen Blick auf das Schriftstück werfen. Sie kannten alle die Geschichte über den Hibukaschatz. Es gab wohl vor langer langer Zeit ein sagenumwobenes Volk, die Hibukaner, die auf einer Inselgruppe gelebt hatten und wegen einer drohenden Umweltkatastrophe, einem Vulkanausbruch, verschwanden. Laut den Geschichten hatten die Hibukaner die Fähigkeit, sich in Wasserwesen zu verwandeln und konnten so ihrem Untergang entkommen. Jedoch blieb der an Land gesammelte Schatz bis heute unentdeckt. Der größte Schatz sei sogar noch verhext, so dass keiner, der danach gesucht hatte, jemals lebend zurückkehrte. Dies sei alles vor hunderten von Jahren geschehen.
Stierkopf entrollte die Karte auf dem Tisch und betrachtete sie mit den anderen. Sie war offensichtlich sehr alt und mit einer unbekannten Sprache beschriftet. Stierkopf war froh, das Lesen von Karten erlernt zu haben. Die Karte zeigte eine von Tabuga etwa 5-tägige Schifffahrt entfernte Inselgruppe. Diese Inselgruppe wurde unter Seefahrern gern gemieden, denn sie barg mehrere Gefahren, wie starke Strömungen und dadurch unkontrollierbare Seegänge. Von Seeleuten, die diese Inselgruppe doch passierten, wurden sonderbare Geschichten von Seeungeheuern oder Erscheinungen von merkwürdigen Tierwesen, die mit dem Fernrohr gesichtet wurden, berichtet.
Je länger Stierkopf und seine Männer die Karte betrachteten, umso überzeugter wurden sie, dass es sich um die echte Karte handelte. Es waren mit nicht bekannten Zeichen die Himmelrichtungen markiert und die Inselgruppe gut eingezeichnet. Auf einer der drei Inseln waren Striche und Zeichen und ein mit Blattgold verziertes X zu sehen. Dies war eindeutig ein Hinweis auf einen Schatz. Merkwürdig war nur die Zeichnung am Rand der Karte. Hier war eine Meerjungfrau abgebildet, deren Gesicht irgendwie nass aussah, denn es waren Wassertropfen, ausgehend vom Kopf bis zu der abgebildeten Inselgruppe, verstreut eingezeichnet. Die unbekannte Schrift über der Zeichnung war mit Blattgold verziert und wirkte beim Betrachten irgendwie bedrohlich. Mit Sicherheit stand hier etwas außerordentlich Wichtiges, nur konnte es keiner der Anwesenden entschlüsseln.
Stierkopf musste nicht lange überlegen, um zu entscheiden, wohin seine nächste Reise gehen sollte. Er wollte unbedingt die Karte seiner klugen Tochter Maren zeigen und Rat bei den klügsten Inselbewohnern einholen. Vielleicht konnte doch irgendjemand die eigentümliche Schrift auf der Karte übersetzen. So wurde in den nächsten Tagen in Tabuga von nichts anderem gesprochen als über die Karte und dem sagenumwobenen Hibukaschatz. Gerade die ältesten Piraten im Dorf wussten Geschichten aus überlieferten Erzählungen zu verbreiten. Auch in der Schule lauschten die Kinder, allen voran Maren, den Ausführungen der Lehrerin Ann. Diese machte damals auf dem Schiff, der sie vor Jahren nach Tabuga brachte, eine merkwürdige Beobachtung. So behauptete sie, auf etwa der Höhe von den Hibukainseln, an der Reling stehend und zu der Inselgruppe schauend, das Gefühl zu haben, ganz aus der Nähe beobachtet zu werden. Sie konnte aber außer einem größeren Fisch, der mit seiner Schwanzflosse in der Tiefe des Meeres verschwand, niemanden entdecken. Das Merkwürdige war, so sagte Ann, dass das Wasser an der besagten Stelle in bunten Farben schimmerte. Aber das war auch schon alles was Ann zu berichten hatte. Maren entging nicht, dass Anns Gesicht bei der Schilderung etwas verängstigt wirkte. Hatte Ann noch etwas zu erzählen und wollte es nicht?
In den darauffolgenden Tagen blieb Maren länger in der Schule und suchte nach allen möglichen Büchern, die etwas über die Hibukainseln und deren damaligen Einwohner Auskunft geben konnten. Nach längerem Suchen wurde sie fündig. In dem Buch „die Bewohner der pazifischen Inseln“ las sie, dass das Volk, die Hibukaner, ein sehr altes Volk, die mit der Natur, vor allen mit dem Meeresleben, sehr vertraut waren. Angeblich beherrschten sie mehrere Tiersprachen und konnten mit größeren Meerestieren kommunizieren. Sie waren in der alten Zeit bekannt für ihr Wissen um die Pflanzenwelt. Auch brauten sie diverse Zaubersäfte, die ihnen zu unglaublichen Fähigkeiten verhalfen. So konnten sie mit Hilfe von Pflanzenextrakten bewirken, dass sie für längere Zeit und ohne Sauerstoff, unter Wasser verweilen konnten. Im Meer fanden sie dann noch mehr, das ihr Wissen so erweiterte, dass sie im Laufe der Zeit als das fortschrittlichste Volk der Welt galten. Zudem verhalf ihnen ihr Können, dass sie unsagbare Schätze aus dem Grund des Meeres bergen konnten und die kostbarsten von ihnen in großen Kisten auf einer ihrer Inseln aufbewahrten. Auf dieser Insel hielten sie sich aber nur kurzweilig auf und wohnten auf der Nachbarinsel, die kaum 50 Meter entfernt lag. Um den Schatz vor Plünderern zu schützen, wurden, so hieß es in diesem Buch, die Kisten verhext. Wie und in welcher Form, ist bis heute ungeklärt, da ja niemand diesen Schatz jemals gefunden hatte, jedenfalls niemand, der danach gesucht hatte und lebend zurückkam. Es gab auch eine Schilderung über einen Hibukaner, der aus Groll auf sein Volk letztendlich die besagte Schatzkarte erstellt hatte. Groll darüber, dass seine Gemeinschaft als zu leichtgläubig und großzügig gegenüber Fremden auftrat und er mit seiner Kritik auf Ablehnung seines Volkes stieß. Da er Fremden gegenüber seine Feindseligkeit unaufhörlich freien Lauf ließ, fiel er irgendwann in Ungnade und wurde aus der Gemeinschaft der Hibukaner ausgeschlossen und verbannt. Aus Rache soll er eine Schatzkarte erstellt haben, um den Hibukanern ihren kostbarsten Schatz zu nehmen. Da er selbst bereits kränklich und dem Sterben nahe war, konnte er seinen Plan nicht mehr selbst verwirklichen und hinterließ diese Schatzkarte seiner Nachwelt.
Maren legte das Buch zurück und dachte sich, dass dies wohl eher ein Märchenbuch sei. Sie war zwar noch ein Kind, aber dass es Menschen gegeben haben soll, die auch unter Wasser leben konnten, hielt sie dann doch für eine Phantasterei des Autors. Allerdings interessierte sie sich für die Schrift auf dem Pergament, die ihr Stierkopf am Morgen nachdem besagten Abend in der Dorfkneipe zeigte.
Da Maren die Entschlossenheit ihres Vaters, diesen Schatz zu finden, ansah, fühlte sie sich verpflichtet ihm ihre größtmögliche Hilfe anzubieten. Die Schatzkarte befand sich derzeit ohnehin bei ihr zu Hause, denn Stierkopf als oberster Pirat gebührte die Aufgabe des Aufbewahrens und der Entschlüsselung. Maren sah sich die Karte an und grübelte was wohl, die in Blattgold, gedruckte Schrift bedeuten sollte. Irgendwie empfand sie beim bloßen Betrachten etwas Bedrohliches. So ging es allen, die die Karte begutachteten, aber keiner konnte es sich so recht erklären woran es eigentlich lag. Waren es die so befremdlichen Zeichen? Alle hatten ein ungutes Gefühl, denn alle wussten, dass eben diese nicht entzifferbare Schrift etwas ganz Entscheidendes zu bedeuten hatte. Vielleicht wurde vor etwas gewarnt? Auf alle Fälle signalisierte es etwas, was es noch zu enträtseln galt. Bei der Zeichnung der Meerjungfrau fiel auf, dass von dieser Nixe irgendeine Flüssigkeit auf der Karte ausgeschüttet wurde. Es waren Tropfen, beginnend aus den Haaren und dem Gesicht der gezeichneten Meerjungfrau, bis zu dem besagten eingezeichneten X. Sollte es Meerwasser heißen? War der Schatz etwa unter Wasser? Oder wurde die Karte einfach nur mit der Meerjungfrau verziert, weil sie ein schönes Symbol darstellt? Maren und die anderen wussten es einfach nicht. Selbst die Lehrerinnen Ann und Claire hatten keinen Rat.
Stierkopf, wie auch seine Männer waren fest entschlossen sich bald auf die Suche nach dem verlorenen Schatz zu machen. Sie hielten es nicht zwingend notwendig, außerdem auch aussichtslos, die Schrift zu entschlüsseln. Sie waren Piraten und hatten jetzt eine Karte mit bereits berechneten Routen. Was sollten sie sich noch so lange an Land aufhalten?
Thala, die sonst ihrem Mann freie Entscheidungen überließ, hatte Sorge über den Entschluss der Männer den Schatz zu suchen. Genau wie Maren hatte sie ein ungutes Gefühl. Eher auch deshalb, weil sie ihre Tochter kannte und wusste, wenn Maren ein Bedenken verspürte, hatte es meist einen berechtigten Grund. Natürlich gefiel ihr auch nicht das Gerücht, dass bisher niemand, der nach dem Schatz suchte, jemals heimkehrte.
Finn hingegen, der zwar gerne auf der Insel seine Streiche spielte, hoffte dass sein Vater nun endlich bereit wäre, ihn mit auf die Reise zu nehmen. Finn wollte sobald wie möglich in die Fußstapfen seines Vaters treten und ein echter Pirat werden. Was wäre denn toller, als sich mit dem Fund des Hibukaschatzes für den ersten Pirateneinsatz zu schmücken?
Maren hatte zunehmend „Bauchschmerzen“ bei dem Gedanken, ihren Vater und die Männer losziehen zu lassen. Sie wanderte alleine durch den Dschungel zu ihrem Lieblingsplatz, wo sie am besten nachdenken konnte. Dieser war ein Felsenvorsprung am Rande des Kraters, wo daneben ein kleiner Fluss als Wasserfall in die Tiefe herabfiel. Sie setzte sich auf den Felsen und genoss den Ausblick über die Weite der Insel, sah den glasklaren See in der Mitte des Kraters. Sie hörte dem Rauschen des Wasserfalles und des Windes zu, der ihr um die Ohren wehte und ihr so manche Tiergeräusche zu trug. Hier fühlte sie sich Eins mit der Natur. Sie liebte diesen Platz, da sie hier ungestört und mit völlig klarem Geist nachdenken konnte. Die Schrift auf der Karte und diese Zeichnung der Meerjungfrau gingen ihr nicht aus dem Kopf. Meerjungfrauen, dachte sie, ob es die überhaupt jemals gegeben hat? Natürlich gab es sonderbare Lebewesen auf der Welt, dass wollte sie gar nicht abstreiten. Sie las öfters mal Geschichten von Gnomen, Feen, Baumgeistern, Seeungeheuern und dergleichen, aber dies waren doch nur Hirngespenster, oder doch nicht? Maren konnte sich nur zu gut daran erinnern, dass sie vor etwa zwei Jahren, immer wieder einmal ein etwa 30 Zentimeter hohes Etwas gesehen hatte. Dieses Etwas sah wie ein grünes Wollknäuel aus und verschwand hüpfend, wenn man sich ihm mehr als zwei Meter näherte. Es war immer am Waldessrand zum Krater hin aufgetaucht, wenn Maren, wie so oft, zu ihrem Lieblingsplatz unterwegs war. Sie hatte auch das Gefühl, dass dieses Etwas sie beobachtete, aber Sie konnte es eben nie ganz aus der Nähe begutachten. Als sie damals darüber zu Hause berichtete, wurde sie nur belächelt und ihre Eltern behaupteten, dass ihre Phantasie mit ihr spielte und das es sich dabei bestimmt um eines der exotischen Tiere der Insel handelte.
Allerdings gab es auch eine ältere Dorfbewohnerin, Mütterchen genannt, die ihr durchaus Glauben schenkte, ja sogar sich darüber erfreute, dass endlich mal jemand einen Drachenknopfgnom gesehen hat. Mütterchen war die Medizinfrau von Tabuga. Sie konnte merkwürdige Krankheiten mit noch merkwürdigeren Mitteln heilen. Sie sprach sowohl mit den Pflanzen und Tieren, wie auch mit ihren selbst zubereiteten Heilmitteln. Maren besuchte sie öfters, wenn sie Rat und Auskunft über irgendwelche gefundenen, ihr noch unbekannten, Blumen oder Pflanzen, einholen wollte. Bei einer dieser Besuche, erzählte Maren ihr von diesem komischen grünen hüpfenden Knäuel. Mütterchen erzählte ihr, dass es auf der Insel einige Wesen gäbe, die die meisten Bewohner noch nicht zu Gesicht bekommen hatten. Es seien Wesen, die bestimmte Bäume und Pflanzen behüteten und pflegten, da sie mit und von ihnen lebten. Das grüne Wollknöllchen sei ein Gnom, der sich vorwiegend von der Wurzel des Drachenbaumes ernähre und sich deshalb immer in der Nähe von Drachenbäumen aufhalte. Er beschützt die kleinen, noch empfindlichen Bäumchen und ist ansonsten eher ein scheues aber durchaus neugieriges Geschöpf. Sie sei in Kontakt mit einem Drachenknopfgnom gekommen, als sie für die Zubereitung eines Heiltrankes die Wurzel eines Drachenbaumes benötigte. Der Gnom zwickte sie öfters in den Knöchel, als sie gebückt nach der Wurzel grub. Sie musste ihn beschwichtigen, in dem sie ihm einen Teil eines ausgegrabenen Wurzelstückes hinwarf. Der Gnom hob es auf und hüpfte davon.
