1,99 €
In »Marie Antoinette. Bildnis eines mittleren Charakters« verleiht Stefan Zweig der historisch umstrittenen Figur der österreichischen Prinzessin und späteren französischen Königin ein vielschichtiges Porträt. Der Text durchdringt die Facetten des Lebens von Marie Antoinette, indem er die politischen, sozialen und persönlichen Konflikte auf eindringliche Weise miteinander verwebt. Zweigs eleganter und ansprechender Stil, geprägt von psychologischer Einsicht und emotionaler Tiefe, ermöglicht es dem Leser, sich in die Gefühlswelt einer oft missverstandenen Monarchin hineinzuversetzen. In diesem Werk wird die monarchische Dekadenz des 18. Jahrhunderts ebenso beleuchtet wie die Tragik einer Frau, die zwischen den Erwartungen ihrer Rolle und der Suche nach persönlicher Freiheit gefangen ist. Stefan Zweig, ein österreichischer Schriftsteller und einer der bedeutendsten Biografen des frühen 20. Jahrhunderts, war von der Geschichte und den Schicksalen außergewöhnlicher Persönlichkeiten fasziniert. Seine own Erfahrung als Emigrant und die dramatischen Ereignisse der Zeit brachten ihn dazu, in Marie Antoinette nicht nur ein historisches Objekt, sondern ein Sinnbild seiner eigenen existenziellen Fragen zu erkennen. Seine Fähigkeit, historische Kontexte mit emotionaler Resonanz zu verbinden, zeigt sich hier auf beeindruckende Weise. Dieses Buch ist eine eindringliche Einladung an alle Leser, die die psychologischen und historischen Dimensionen von Macht und Verlust verstehen wollen. Zweigs differenzierte Analyse bietet nicht nur einen tiefen Einblick in das Leben von Marie Antoinette, sondern öffnet auch Türen zur Reflexion über weibliche Identität, gesellschaftliche Erwartungen und individuelle Sehnsüchte. Ein unverzichtbares Werk für Geschichtsinteressierte und Literaturfreunde gleichermaßen. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes. - Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten. - Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben. - Eine Autorenbiografie beleuchtet wichtige Stationen im Leben des Autors und vermittelt die persönlichen Einsichten hinter dem Text. - Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen. - Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2023
Ein Gesicht im Kerzenschein, zwischen Hofglanz und Schatten der Geschichte, tritt an den Rand der Bühne. In dieses Bild schreibt Stefan Zweig seine Biografie, die den Konflikt zwischen privater Person und öffentlicher Legende zum Kern macht. Er beobachtet, wie eine junge Frau in den Strudel von Erwartungen, Ritualen und Projektionen gerät und dabei zur Chiffre ihrer Epoche wird. Das Buch richtet den Blick nicht auf heroische Ausnahme, sondern auf die Spannung zwischen alltäglichem Charakter und übergroßem Ereignis. So entsteht ein Porträt, das weniger richtet als versteht und dennoch die Wucht politischer Umbrüche spürbar macht.
Dieses Werk gilt als Klassiker, weil es die Gattung der Biografie literarisch erhob und zugleich popularisierte. Zweig verbindet erzählerische Verdichtung mit quellenbasierter Genauigkeit und erreicht damit eine seltene Balance von Nähe und Distanz. Seine psychologische Feinzeichnung, sein Sinn für dramatische Konstellationen und sein eleganter Stil prägten das Bild biografischen Erzählens weit über seine Zeit hinaus. Viele Leserinnen und Leser fanden darin ein Modell, wie Geschichte nicht nur erklärt, sondern erlebt werden kann. Die anhaltende Präsenz des Buches in Kanons und Neuauflagen bezeugt seine beständige Strahlkraft und Relevanz.
Die klassischer Status speist sich auch aus der Zeitlosigkeit der behandelten Themen: Macht und Erscheinung, Gerücht und Öffentlichkeit, Geschlecht und Politik. Zweig macht sichtbar, wie politische Wirklichkeit durch Rituale, Bilder und Rollen geformt wird – eine Einsicht, die die Literatur des 20. Jahrhunderts nachhaltig beeinflusst hat. Seine biografische Methode, Persönlichkeit im Brennpunkt historischer Kräfte zu zeigen, war wegweisend für spätere erzählerische Sachliteratur. Das Werk erweist sich als Schule der Wahrnehmung: Es schärft das Gespür für Zwischentöne, für Ambivalenz und moralische Komplexität, ohne den Reiz einer spannenden, klar geführten Erzählung zu verlieren.
Marie Antoinette. Bildnis eines mittleren Charakters erschien 1932 und stammt von dem österreichischen Schriftsteller Stefan Zweig. Entstanden in der Zwischenkriegszeit, spiegelt das Buch die Sensibilität einer Epoche, die das Verhältnis zwischen Individuum, Masse und Macht neu verhandelte. Zweig, einer der meistgelesenen Autoren seiner Zeit, nutzt die Biografie, um Geschichte über eine gestaltete Lebensspur zu erkunden. Der Publikationskontext ist geprägt von politischer Unsicherheit und kultureller Verdichtung; entsprechend richtet der Autor die Aufmerksamkeit auf Mechanismen der Öffentlichkeit, auf die Rolle des Zufalls und auf die Last der symbolischen Erwartungen, die ein Hof wie ein Labor sichtbar macht.
Inhaltlich folgt das Buch dem Weg einer österreichischen Erzherzogin an den Hof von Versailles und zeichnet die Verwandlung zur Königin in einem komplexen System der Etikette nach. Es schildert frühe Prägungen, höfische Spiele der Nähe und Distanz sowie das Ringen um Einfluss in einer Welt strenger Formen. Zugleich zeigt es, wie private Impulse und politische Realitäten unauflöslich ineinander greifen. Ohne der Handlung vorzugreifen, lässt sich sagen: Das Leben der Protagonistin entfaltet sich im Spannungsfeld von Selbsterkenntnis und Fremdzuschreibung, von Vergnügen und Pflicht, von Intimität und dem unablässigen Blick einer urteilenden Öffentlichkeit.
Zweigs Absicht ist programmatisch im Untertitel formuliert: kein Geniekult, keine Dämonisierung, sondern das Porträt eines durchschnittlichen Charakters unter außerordentlichem Druck. Das verleiht der Biografie eine besondere ethische und ästhetische Pointe. Er fragt, wie weit Charakter trägt, wo er überformt wird und wo er sich wandelt, wenn die Umstände sich verfinstern. Die Darstellung sucht Empathie, nicht Entschuldigung; sie bemüht sich um Maß, nicht um Mythos. So entsteht ein Untersuchungsraum, in dem Verantwortung, Zufall und die Logik der Ereignisse einander bedingen, und in dem der Mensch hinter der Maske sichtbar bleibt.
Methodisch stützt sich das Buch auf zeitgenössische Zeugnisse – Briefe, Erinnerungen, Berichte – und formt daraus eine Erzählung mit klarem Spannungsbogen. Zweig montiert Beobachtungen, historische Kontexte und psychologische Hypothesen zu Szenen, die die Atmosphäre von Hof und Stadt erfahrbar machen. Seine Darstellung respektiert die Quellenlage, ohne im Archivhaften zu erstarren; sie nutzt die Möglichkeiten literarischer Verdichtung, ohne der Faktentreue untreu zu werden. Diese Verbindung aus Dokument und Dramaturgie ist ein Grund, warum das Werk Leserinnen und Leser über Generationen bindet: Es macht Verstehen zu einer Erfahrung, nicht nur zu einer Information.
Stilistisch glänzt die Biografie durch Prägnanz und rhythmische Klarheit. Metaphorische Bilder öffnen Assoziationsräume, die Syntax trägt die Bewegung der Handlung, und die Wortwahl bleibt zugleich präzis und anschaulich. Zweig meidet polemische Zuspitzung und sucht dennoch die energetischen Knotenpunkte der Geschichte. Er zeigt, wie Gefühle – Eitelkeit, Charme, Furcht, Leichtsinn – politische Folgen annehmen können, wenn sie in ritualisierte Räume hineinwirken. Diese Kunst der psychologischen Nahaufnahme, verbunden mit souveräner Erzählökonomie, macht das Buch zu einer Schule des Lesens: Man lernt, auf Nuancen zu achten, auf Pausen, Gesten, Takt.
Zentrale Themen des Buches sind die Macht des Scheins, die Dialektik von Intimität und Öffentlichkeit, die Geschlechterordnung des Ancien Régime und die Dynamik von Gerücht und Propaganda. Zweig zeigt, wie der Hof als Bühne funktioniert, auf der Rollen verteilt, Erwartungen choreografiert und Missverständnisse vergrößert werden. Die Figur im Mittelpunkt wird zum Schirm, auf den Ängste und Wünsche projiziert werden. Daraus erwächst eine tragfähige Reflexion darüber, wie Bilder Gesellschaften regieren. Die Biografie fragt, wie Verantwortung sich verteilt, wenn nicht nur Entscheidungen, sondern auch Erzählungen über Entscheidungen die politischen Kräfteverhältnisse verändern.
Gerade darin liegt die heutige Relevanz: Das Buch beleuchtet Mechanismen der Sichtbarkeit, die uns in Medienöffentlichkeiten erneut begegnen. Es zeigt, wie sich Identität unter Beobachtung formt und wie Meinungen Tatsachen überlagern können. Es sensibilisiert für die sozialen Kosten von Rollen, die man nicht selbst gewählt hat, und für die Gewalt einer Sprache, die Menschen zu Symbolen verdichtet. Wer Zweig liest, gewinnt nicht nur ein Bild einer Epoche, sondern ein Instrumentarium, um Gegenwart zu befragen: Was bedeutet Urteil? Welche Verantwortung hat Empathie? Wie lässt sich zwischen Person und Projektionsfläche unterscheiden?
Als Werk der Weltliteratur behauptet sich die Biografie durch ihre Lesbarkeit, ihre interpretative Zurückhaltung und ihre dramaturgische Stringenz. Sie lädt dazu ein, Geschichte als Erfahrungsraum zu betreten, ohne die Komplexität zu nivellieren. Das erklärt, warum Generationen von Leserinnen und Lesern darin Zugang zu einer scheinbar fernen Welt finden. Das Buch steht exemplarisch für eine Form des Schreibens, die Wissen vermittelt und zugleich ästhetisch befriedigt. Seine Wirkung reicht über den historischen Stoff hinaus: Es hat die Erwartung geprägt, dass Biografien weder hagiografisch noch denunziatorisch sein müssen, sondern nachvollziehbare, vielstimmige Annäherungen.
Zusammengefasst bietet dieses Buch ein präzises, spannungsreiches Bild einer Figur, deren Lebensweg in einem Brennpunkt der europäischen Geschichte verläuft. Es verbindet die Einsicht, dass durchschnittliche Charaktere in außerordentlichen Zeiten exemplarisch werden, mit einer Erzählkunst, die das Gewicht von Entscheidungen fühlbar macht. Zeitlose Themen – Macht, Image, Geschlecht, Öffentlichkeit – verleihen ihm dauerhafte Aktualität. Wer hier zu lesen beginnt, findet keine endgültigen Urteile, sondern eine Einladung zur differenzierten Betrachtung. Darin liegt seine Faszination: Es lehrt, hinzusehen, auszuhalten und zu verstehen, warum Menschen und Ereignisse einander formen.
Stefan Zweigs Biografie Marie Antoinette. Bildnis eines mittleren Charakters bietet eine psychologisch erzählende Studie der letzten französischen Königin im Kontext der europäischen Umbruchszeit. Im Mittelpunkt steht die These vom mittleren Charakter: keine außergewöhnliche Genialität oder Bosheit, sondern eine von Herkunft, Gewohnheit und Hofzeremoniell geprägte Persönlichkeit, die unter Druck zu unerwarteter Festigkeit reift. Zweig verbindet Quellen wie Briefe, Memorialien und Zeitungen mit dramatischer Darstellung, um die Wechselwirkung von privatem Temperament und öffentlicher Rolle sichtbar zu machen. Die Lebensgeschichte wird als Spannungsfeld zwischen persönlichem Wunsch nach Unbefangenheit und politischen Zwängen entworfen, das schließlich in der Revolution unauflösbar wird.
Aufgewachsen als Erzherzogin in Wien, erhält Marie Antoinette eine höfische Erziehung, die mehr auf Anmut, Musik und Umgangsformen als auf Staatskunst zielt. Maria Theresia lenkt die Tochter durch Ratgeber wie Mercy-Argenteau und setzt die Heirat mit dem französischen Thronfolger als Baustein der habsburgisch-bourbonischen Allianz durch. Zweig betont Unbefangenheit, Leichtsinn und den Wunsch nach Unterhaltung als Züge der Jugend, die im strengen Rangsystem von Versailles später Belastungen werden. Die Reise nach Frankreich markiert den Übergang von familiärer Bindung zu repräsentativer Pflicht, bei zugleich geringem Verständnis für die politischen Erwartungen, die der künftigen Dauphine unausgesprochen auferlegt sind.
In Versailles trifft sie auf ein formstarres Hofleben und eine distanzierte Umgebung. Die Ehe mit dem schüchternen, schwer entschließbaren Louis, später Ludwig XVI., bleibt zunächst unvollendet und befeuert Klatsch. Zweig schildert, wie Antoinette Zerstreuung sucht: Bälle, Spiel, Theater, Mode, das Rückzugsgebiet Petit Trianon. Politische Fragen interessieren sie anfangs nur am Rand, Vermittler erledigen Geschäfte. Der Hofadel bildet Cliquen, Rivalitäten prägen den Tag. Während die junge Prinzessin um Gunst ringt, setzt sich ein Bild unangebrachter Freigebigkeit fest. Die Kluft zwischen privater Lebenslust und öffentlicher Repräsentationspflicht wird größer, ohne dass sie über verbindliche Autorität oder Erfahrung verfügt, sie zu schließen.
Mit Ludwigs Thronbesteigung 1774 wird Marie Antoinette zur Königin und gerät stärker ins Blickfeld der Öffentlichkeit. Erwartungen an Fruchtbarkeit, Würde und Sparsamkeit treffen auf anhaltende Unbefangenheit. Die Geburt der Kinder stabilisiert die Dynastie, doch die finanziellen Probleme des Staates und Reformversuche von Ministern erzeugen Spannungen. Zweig beschreibt, wie satirische Schriften, Pamphlete und Theaterstücke die Königin zur Projektionsfigur machen: Ausländerin, Verschwenderin, Einflussnehmerin. Die Bezeichnung Autrichienne verdichtet Vorurteile. Zwischen höfischem Vergnügen und wachsender Kritik sucht sie Ansehen durch Wohltätigkeit und Etikette, ohne die Ursachen des Misstrauens – strukturelle Defizite, Steuerungerechtigkeit, soziale Not – wirksam beeinflussen zu können.
Die Halsbandaffäre 1785, in die sie unschuldig verwickelt wird, beschädigt ihr Ansehen nachhaltig. Zweig zeigt, wie die Affäre bestehende Gerüchte bündelt und das Bild einer intriganten, verschwenderischen Königin festschreibt. Zugleich vertieft sich ihr persönliches Umfeld: Der vertraute Rat Mirabeaus deutet Wege einer konstitutionellen Monarchie an, die sie zögernd prüft. Die Beziehung zum Grafen Fersen erscheint als menschliche Stütze in einer feindseligen Öffentlichkeit; politisch hilft sie bei Fluchtplänen. Allmählich entdeckt Marie Antoinette die Notwendigkeit entschiedenerer Haltung, doch die späte Politisierung stößt auf verhärtete Fronten und ein Meinungsklima, das jede Geste als Machenschaft deutet.
Der Beginn der Revolution mit den Generalständen, den Pariser Unruhen und dem Oktoberzug der Marktfrauen zwingt die Familie 1789 nach Paris in die Tuilerien. Dort verliert die Krone Handlungsspielräume. Mirabeaus Tod 1791 nimmt der Königin einen möglichen Mittler. Zweig setzt den Fluchtversuch von Varennes als entscheidende Zäsur: schlecht organisiert, vom Misstrauen beider Lager begleitet, scheitert er und entlarvt die Distanz zwischen Hof und Nation. Die Rückführung unter Bewachung versiegelt das Misstrauen, während eine Verfassung die Macht der Krone begrenzt. Öffentliche Loyalität und geheime Korrespondenz geraten in Widerspruch, der ihre Glaubwürdigkeit weiter erodiert.
Mit dem Krieg 1792 radikalisiert sich die Lage. Das Manifest ausländischer Mächte verstärkt den Verdacht gegen die Königin. Der Sturm auf die Tuilerien am 10. August beendet de facto die Monarchie, die Familie wird im Temple eingesperrt. Zweig konzentriert sich auf das psychologische Porträt: Sorge um die Kinder, Selbstbeherrschung in Verhören, wachsame Abwehr von Demütigungen. Nach der Verurteilung und Hinrichtung Ludwigs XVI. steht sie vereinsamt im Zentrum des Hasses. Die Trennung vom Sohn und die systematische Zersetzung der königlichen Autorität zeigen, wie politische Umbrüche die Privatsphäre durchdringen und persönliche Handlungsräume fast vollständig verschwinden.
Ihr eigener Prozess vor dem Revolutionstribunal im Oktober 1793 vereint politische und moralische Anschuldigungen. Zweig schildert die Dramaturgie der Anklage, die Inszenierung des Gerichts und die begrenzten Möglichkeiten der Verteidigung. Die Königin wahrt Haltung, weist Verleumdungen zurück und akzeptiert das Urteil als unausweichliches Ergebnis der Kräfteverhältnisse. Die letzten Stunden, der Weg zur Guillotine und die zeitgenössischen Reaktionen veranschaulichen die endgültige Verwandlung der öffentlichen Figur in ein historisches Symbol. Ohne die politischen Ursachen zu überdecken, akzentuiert der Autor die Haltung in der Katastrophe als Moment, in dem ein mittlerer Charakter tragische Größe gewinnt.
Am Ende verdichtet Zweig seine Deutung: Marie Antoinette war weder Dämon noch Heilige, sondern ein Mensch mittlerer Begabungen, den Herkunft, Hofzwang und Zeitumstände formten. In Wohlleben und Sicherheit bleibt sie unpolitisch, in Bedrängnis wächst sie zu Standhaftigkeit. Die Biografie versteht sich als Versuch, Mythos und Schmähungen zu korrigieren, indem sie Quellen prüft, Motive rekonstruiert und die Rolle von Gerüchten, Massenstimmung und Propaganda sichtbar macht. Sie zeigt, wie private Neigungen und historische Notwendigkeiten kollidieren und eine Person überfordern können. Damit bietet das Buch eine nüchterne, erzählerische Fallstudie über Charakter und Schicksal in einer Epoche des Umbruchs.
Das Buch entfaltet sich im späten 18. Jahrhundert zwischen Wien, Versailles und Paris, also zwischen der höfischen Welt der Habsburger und dem politisch aufgeladenen Frankreich des Ancien Régime, das in die Revolution stürzt. Versailles ist der ritualisierte Mittelpunkt absolutistischer Herrschaft mit strenger Etikette, während Paris als brodelndes Zentrum von Finanzkrise, öffentlicher Meinung und politischer Mobilisierung auftritt. Die Handlung verläuft von der Geburt Marie Antoinettes 1755 bis zu ihrer Hinrichtung 1793 und folgt den Schauplätzen: Hof und Gärten von Versailles, das private Refugium Petit Trianon, die Tuilerien, schließlich Temple-Gefängnis und Conciergerie in Paris. Die Orte bilden Stationen des raschen Macht- und Autoritätsverlusts der Monarchie.
Zeitlich rahmen die Jahrzehnte nach dem Siebenjährigen Krieg und der Aufstieg der Revolution die Biografie. Die strukturelle Finanznot Frankreichs, verschärft durch Kriegsfinanzierung und veraltete Steuersysteme, trifft auf eine wachsende, pamphletgetriebene Öffentlichkeit und auf eine Elite, die zwischen Reform und Privilegienverteidigung schwankt. Auf Österreichs Seite prägen Maria Theresia und Joseph II. den aufgeklärten Absolutismus. Paris wird zur politischen Bühne und verlagert die Macht aus den Sälen von Versailles in die Clubs, Zeitungen und Plätze. Das Buch setzt seine Figuren in diese veränderliche Topografie ein und macht sichtbar, wie Ort und Zeit die Handlungsmöglichkeiten der Königin einengen.
Die diplomatische Revolution von 1756 beendete die traditionelle Feindschaft zwischen Bourbonen und Habsburgern und besiegelte im Vertrag von Versailles ein Bündnis gegen Preußen. Der Siebenjährige Krieg (1756–1763) schwächte Frankreichs Finanzen und Ansehen, während Österreichs dynastische Politik auf Heiraten setzte. Diese Konstellation schuf den Rahmen für die Verlobung der Erzherzogin Maria Antonia mit dem französischen Dauphin. Im Buch wird die Ehe als geopolitischer Akt dargestellt: Zweig betont, wie die Königin zur lebenden Garantie eines Bündnisses wird und dadurch von Beginn an politischen Projektionsflächen ausgesetzt ist, ohne eigenen Handlungsspielraum zu besitzen.
Maria Antonia wurde am 2. November 1755 in Wien geboren, als Tochter Maria Theresias und Franz I. Stephan. Ihre Erziehung am Wiener Hof war musikalisch und repräsentativ, jedoch weniger streng in Sprachen und Geschichte, was später am französischen Hof auffiel. Maria Theresia verfolgte eine klare Heiratspolitik zur Stabilisierung Europas zugunsten der Habsburger. Zweig verknüpft diese frühen Jahre mit dem späteren Vorwurf der Fremdheit in Frankreich: Die österreichische Prägung der Königin dient ihm, um die wachsende xenophobe Stimmung in Paris und Versailles zu erklären und die Figur als zwischen zwei Höfen zerrissen darzustellen.
Am 16. Mai 1770 heiratete die 14-jährige Maria Antonia, nun Marie Antoinette, in Versailles den Dauphin Ludwig August. Die Reise über Straßburg und Compiègne und die feierlichen Rituale markierten den Übergang in eine streng codierte Hofwelt. Als Dauphine stand sie unter permanenter Beobachtung und dem Druck, einen Thronfolger zu gebären; die Nichtvollziehung der Ehe in den Anfangsjahren wurde politisiert. Zweig zeigt, wie Zeremoniell und Gerüchtebildung bereits die junge Prinzessin zu einer öffentlichen Person machen, deren Privatheit verflüchtigt und deren Popularität von intimen, teils medizinischen Fragen abhängt.
Mit dem Tod Ludwigs XV. 1774 bestieg Ludwig XVI. den Thron. Sein Finanzminister Turgot (1774–1776) versuchte, Korporationen abzuschaffen und die Fronarbeit zu beenden, scheiterte jedoch an Hof- und Parlamentsopposition. Reformimpulse prallten auf Privilegien und eine blockierende Justiz. Zweig zeichnet die junge Königin in dieser Phase als wenig politisch, zugleich aber als Modemacherin der Hofgesellschaft, was Ressentiments verstärkte. Er zeigt, dass hinter dem Bild der verschwenderischen Königin eine strukturelle Reformkrise steht: Nicht individuelle Verschwendung, sondern institutionelle Erstarrung vertieft die Finanzmisere und bereitet den Konflikt mit der Öffentlichkeit.
Frankreichs Kriegseintritt im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg (1778–1783), besiegelt durch die Allianzen von 1778, brachte militärischen Ruhm (Yorktown 1781) und maritime Siege, aber ruinierte die Staatsfinanzen. Neue Kredite, Anleihen und steigende Schuldzinsen belasteten das Budget, während die Steuergerechtigkeit ausblieb. Hofpracht kontrastierte mit fiskalischer Not. Zweig verbindet dies mit der wachsenden Kluft zwischen Symbolpolitik und Realität: Er zeigt, wie Hofglanz und Feste die Illusion von Stabilität nähren, während unter der Oberfläche die Zahlungsunfähigkeit droht, und wie die Königin als Gesicht des Luxus die Wut auf eine ganze Ordnung stellvertretend anzieht.
Die Mehlunruhen von 1775, ausgelöst durch Liberalisierung des Getreidehandels und schlechte Ernten, führten zu Brotknappheit und Preisexplosionen. Die Gewalt in Paris und der Provinz offenbarte soziale Spannungen. Gleichzeitig verbreiteten libelles den Mythos der leichtfertigen Königin; die apokryphe Kuchen-Sentenz wurde ihr später zugeschrieben. Zweig verknüpft beides: ökonomische Not und publizistische Hetze. Er zeigt, wie ein reales Preisproblem über Gassenhauer dem Hof zugeschrieben wird und wie Marie Antoinette in der kollektiven Vorstellung zur Schuldigen für strukturelle Missstände avanciert, lange bevor die Revolution ausbricht.
Die Halsbandaffäre (1785) kompromittierte die Monarchie massiv. Kardinal de Rohan, getäuscht von Jeanne de La Motte, erwarb ein Diamanthalsband im vermeintlichen Auftrag der Königin; 1786 folgte ein aufsehenerregender Prozess. Obwohl Marie Antoinette juristisch nicht schuldig war, sah die Öffentlichkeit in ihr die treibende Kraft luxuriöser Verschwendung. Zweig nutzt die Affäre, um den irreparablen Reputationsschaden zu zeigen: Die Königin wird zum Inbegriff von Täuschung und Prunksucht, die moralische Autorität der Krone bricht, und von nun an interpretieren Zeitgenossen jede Hofhandlung als Indiz für Korruption.
Die fiskalische Krise eskalierte 1787–1788: Finanzminister Calonne berief 1787 die Notablenversammlung ein, deren Ablehnung von Steuerreformen die Sackgasse offenbarte. Nach Calonnes Sturz scheiterte auch Brienne; am 8. August 1788 wurde die Einberufung der Generalstände für 1789 angekündigt. Schlechte Ernten 1788 verschärften die Not. Zweig zeigt die Königin zwischen Hofparteien und intriganten Erwartungen: Sein Blick legt frei, wie jedes Eingreifen der Königin als Parteinahme galt und wie die Unfähigkeit, eine Lösung zu erzwingen, die Krone in die Hände einer mobilisierten Öffentlichkeit und der Pariser politischen Clubs trieb.
Am 5. Mai 1789 traten die Generalstände in Versailles zusammen; am 17. Juni erklärte sich der Dritte Stand zur Nationalversammlung, am 20. Juni folgte der Ballhausschwur. Der Abzug und die Entlassung Necker am 11. Juli sowie Truppenbewegungen um Paris befeuerten die Angst; am 14. Juli stürmte die Menge die Bastille. In der Folge breitete sich die Große Furcht auf dem Land aus. Zweig schildert diese Zäsur detailreich: Er kontrastiert die rituelle Welt Versailles mit der Selbstermächtigung der städtischen und ländlichen Bevölkerung und zeigt, wie Marie Antoinette vom Symbol höfischer Beständigkeit zum Feindbild einer neuen, souveränen Nation wird.
Der 5.–6. Oktober 1789 brachte den Frauenmarsch nach Versailles und den erzwungenen Umzug der königlichen Familie in die Tuilerien nach Paris. Diese Verlegung entthronte die sakrale Distanz des Königtums; der Hof stand nun im Sichtfeld der Pariser Öffentlichkeit und der Nationalgarde. Der Versuch einer konstitutionellen Monarchie gewann die Oberhand. Zweig verknüpft die Ereignisse mit dem Verlust von Schutzräumen: Er zeigt eine Königin, die nun Politik als permanenten Belagerungszustand erlebt, und betont die psychologische Wende, in der Ritual und Pracht ihre politische Funktion verlieren und der Hof zu einem Gefängnis ohne Gitter wird.
Die Flucht nach Varennes am 20.–21. Juni 1791 scheiterte nach wenigen Etappen; die königliche Familie wurde in Varennes erkannt und nach Paris zurückgeführt. Die Episode diskreditierte die verfassungsmäßige Doppelrolle des Königs, führte zur Aussetzung seiner Befugnisse und radikalisierte die Öffentlichkeit; die Schüsse auf dem Marsfeld am 17. Juli 1791 vertieften die Spaltung. Zweig stellt Varennes als psychologischen Wendepunkt dar: Er zeichnet die Königin als entschlossene Trägerin des Fluchtplans, deren Entscheidung die Restlegitimität der Monarchie verspielt, und zeigt, wie der Vertrauensbruch die nachfolgende Politik unheilbar vergiftet.
1792 erklärte Frankreich Österreich und Preußen den Krieg; nach Anfangsniederlagen folgten Valmy (20. September) und Jemappes. Das Brunswick-Manifest (25. Juli 1792) drohte Paris, was die Radikalisierung beschleunigte. Am 10. August 1792 stürmten Sansculotten und Föderierte die Tuilerien; die Monarchie wurde suspendiert. Vom 2.–6. September kam es zu Massakern in Pariser Gefängnissen. Zweig betont das Zusammenspiel von äußerem Krieg und innerem Bürgerkrieg: Er zeigt Marie Antoinette als Doppel-Symbol von innerer und äußerer Bedrohung und verknüpft die Gewaltkaskade mit der Erosion aller vermittelnden Institutionen.
Nach der Ausrufung der Republik stand der Prozess gegen Ludwig XVI. an; am 21. Januar 1793 wurde der König hingerichtet. Marie Antoinette, in der Conciergerie isoliert, erschien am 14. Oktober 1793 vor dem Revolutionstribunal. Ihr wurden Hochverrat, Verschwendung und sogar eine infame Inzestanklage vorgeworfen; am 16. Oktober 1793 wurde sie guillotiniert. Zweig beschreibt den Prozess als Theater der Politik: Die Anklage spiegelt die Projektionen einer verletzten Nation, während die berühmte Antwort der Königin auf die Inzestverleumdung ihr menschliche Würde zurückgibt, ohne den politischen Ausgang ändern zu können.
Das Buch fungiert als politische Kritik, indem es die strukturellen Ursachen der Revolution sichtbar macht: fiskalische Dysfunktion, Privilegien, Justizkonflikte und die Gewalt der öffentlichen Meinung. Zweig zeigt, wie Personalisierung von Politik – die Reduktion komplexer Krisen auf die Figur der Königin – der Gesellschaft ermöglicht, Schuld zuzuweisen, ohne Institutionen zu reformieren. Indem er Etikette, Hofparteien und Intrigen minutiös dokumentiert, legt er frei, wie symbolische Politik Realpolitik verdrängte und den Staat handlungsunfähig machte, was die Explosion von 1789 und die Eskalation 1791–1793 begünstigte.
Zugleich kritisiert das Werk soziale Ungerechtigkeit und Klassengegensätze, indem es die Lebensrealität von Hof und Volk kontrastiert: Brotpreise, Hunger und Kriegsopfer gegen Luxus, Rituale und Exklusivität. Es problematisiert die Instrumentalisierung der Presse und libelles, die Ressentiments bündeln und Hass schüren. Durch die nüchterne Darstellung des Justiztheaters der Prozesse 1793 prangert es politische Vergeltung statt rechtsstaatlicher Verfahren an. So tritt die Biografie als Warnung vor der Entmenschlichung des Gegners auf und als Plädoyer für Maß und institutionelle Vernunft in Zeiten populären Drucks und geopolitischer Erschütterungen.
Stefan Zweig (1881–1942) war ein österreichischer Schriftsteller jüdischer Herkunft und einer der international meistgelesenen Autoren der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Bekannt wurde er durch psychologisch raffinierte Novellen, populäre Biografien historischer Persönlichkeiten und kulturgeschichtliche Essays. Sein Werk verbindet elegante Erzählkunst mit einem ausgeprägt europäischen, humanistischen Ethos. Zweigs Lebensweg spiegelt die großen Brüche seiner Epoche: Aufgewachsen in der Atmosphäre der Wiener Moderne, erlebte er den Ersten Weltkrieg, den Zusammenbruch der Habsburgermonarchie, die kulturelle Blüte der Zwischenkriegszeit, die nationalsozialistische Verfolgung und das Exil in Übersee. Seine Bücher fanden früh eine weltweite Leserschaft und werden bis heute in viele Sprachen übersetzt und neu aufgelegt.
Zweig wuchs in Wien auf und erhielt dort eine klassische Gymnasialbildung; anschließend studierte er an der Universität Wien Geisteswissenschaften und promovierte in den frühen 1900er-Jahren. Früh veröffentlichte Gedichte und Feuilletons in der Neuen Freien Presse, wo Theodor Herzl ihn förderte. Prägend waren die Ästhetik der Wiener Moderne, die französische und russische Literatur sowie eine intensive Reiselust, die ihm Sprachkenntnisse und vergleichende Perspektiven eröffnete. Einflüsse der zeitgenössischen Psychologie, insbesondere Sigmund Freuds, vertiefte er später essayistisch. Kontakte und Briefwechsel mit europäischen Intellektuellen stärkten sein kosmopolitisches Selbstverständnis. Bereits vor 1914 etablierte er sich als vielseitiger Autor, der zwischen Lyrik, Drama, Essay und Erzählliteratur souverän wechselte.
Zu Beginn seiner Laufbahn profilierte sich Zweig mit fein beobachteten Novellen und Erzählungen, die innere Konflikte, Leidenschaft und soziale Zwänge in zugänglicher Form verdichteten. Frühwerke wie Brennendes Geheimnis (1911) zeigen das Interesse an seelischen Grenzerfahrungen und an der Ambivalenz bürgerlicher Moral. Nach dem Ersten Weltkrieg gelangen ihm international beachtete Novellenbände, darunter Amok, Phantastische Nacht und Brief einer Unbekannten (alle in den frühen 1920er-Jahren), ebenso Die unsichtbare Sammlung (Mitte der 1920er-Jahre). Seine klare, musikalische Prosa, die dramaturgische Zuspitzung und die Emphase für Empathie machten diese Texte zu Publikumserfolgen und prägten maßgeblich das Bild des Autors.
Der Krieg bedeutete für Zweig eine Zäsur. Zunächst in einer administrativen Funktion tätig, wandte er sich zunehmend einer dezidiert pazifistischen Haltung zu. In der Schweiz und anderswo setzte er sich publizistisch für europäische Verständigung ein und pflegte den Austausch mit Gleichgesinnten, etwa Romain Rolland. Sein Drama Jeremias (1917) gilt als eindringliches Plädoyer gegen Fanatismus und Krieg. Zugleich vertiefte er die literarische Porträtkunst: In Drei Meister (frühe 1920er-Jahre) und Der Kampf mit dem Dämon (1925) entwarf er charakteristische Studien großer Schriftsteller und Außenseiter, in denen psychologische Einfühlung, historische Verdichtung und erzählerische Spannung kunstvoll zusammenfinden.
In der Zwischenkriegszeit erreichte Zweig die größte Verbreitung. Seine kulturhistorischen Miniaturen Sternstunden der Menschheit (1927) wurden zu einem Markenzeichen prägnanter Geschichtserzählung. Mit den Biografien Joseph Fouché (1929), Marie Antoinette (1932), Maria Stuart (1935) und Magellan (späte 1930er-Jahre) verband er quellengestützte Recherche mit suggestiver Dramaturgie. Das essayistische Plädoyer Castellio gegen Calvin (Mitte der 1930er-Jahre) formulierte sein Engagement für Toleranz und Gewissensfreiheit. Neben der Kurzprosa entstand mit Ungeduld des Herzens (1939) sein einziger vollendeter Roman, eine psychologisch dichte Studie über Verantwortung und Mitleid. Diese Werke fanden ein großes internationales Publikum und festigten seinen Ruf als meisterhafter Erzähler.
Die Machtübernahme der Nationalsozialisten führte zur Ächtung seiner Bücher in Deutschland und setzte seine europaweite Karriere unter Druck. Zweig verließ Österreich in den 1930er-Jahren, lebte im Exil in Großbritannien und reiste später weiter nach Nord- und Südamerika. In dieser Phase schrieb er seine wohl bekannteste späte Erzählung, die Schachnovelle, eine Studie über geistige Selbstbehauptung unter Druck; sie erschien kurz nach seinem Tod. Parallel entstand Die Welt von Gestern, eine Erinnerungsbuch auf das untergegangene Europa der Bildung und des Austauschs, das postum veröffentlicht wurde. Trotz Entwurzelung blieb sein Bekenntnis zum geistigen Kosmopolitismus ungebrochen.
Zweig starb 1942 im brasilianischen Petrópolis durch Suizid; gemeinsam mit seiner zweiten Ehefrau Lotte Altmann nahm er sich das Leben. Sein Abschiedsbrief verweist auf die Verzweiflung über die Verwüstung Europas, ohne den Glauben an die künftige Verständigung grundsätzlich aufzugeben. Das Nachleben seines Werks ist anhaltend: Novellen, Biografien und Essays werden weiterhin breit gelesen, vielfach verfilmt und neu übersetzt. In Schulen, Bibliotheken und Feuilletons findet die genaue, empathische Darstellung menschlicher Grenzsituationen regelmäßig neue Resonanz. Eine internationale Wiederentdeckung seit dem späten 20. Jahrhundert hat seinen Rang als europäischer Klassiker der Moderne bestätigt und die Aktualität seines Humanismus neu akzentuiert.
Die Geschichte der Königin Marie Antoinette schreiben, heißt einen mehr als hundertjährigen Prozeß aufnehmen, in dem Ankläger und Verteidiger auf das heftigste gegeneinander sprechen. Den leidenschaftlichen Ton der Diskussion verschuldeten die Ankläger. Um das Königtum zu treffen, mußte die Revolution die Königin angreifen, und in der Königin die Frau. Nun wohnen Wahrhaftigkeit und Politik selten unter einem Dach, und wo zu demagogischem Zweck eine Gestalt gezeichnet werden soll, ist von den gefälligen Handlangern der öffentlichen Meinung wenig Gerechtigkeit zu erwarten. Kein Mittel, keine Verleumdung gegen Marie Antoinette wurde gespart, um sie auf die Guillotine zu bringen, jedes Laster, jede moralische Verworfenheit, jede Art der Perversität in Zeitungen, Broschüren und Büchern der »louve autrichienne« unbedenklich zugeschrieben; selbst im eigenen Haus der Gerechtigkeit, im Gerichtssaal, verglich der öffentliche Ankläger die »Witwe Capet«[1] pathetisch mit den berühmtesten Lasterfrauen der Geschichte, mit Messalina, Agrippina und Fredegundis. Um so entschiedener erfolgte dann der Umschwung, als 1815 abermals ein Bourbone den französischen Thron bestieg; um der Dynastie zu schmeicheln, wird das dämonisierte Bild mit den öligsten Farben übermalt: keine Darstellung Marie Antoinettes aus dieser Zeit ohne Weihrauchwolke und Heiligenschein. Preislied folgt auf Preislied, Marie Antoinettes unberührbare Tugend wird ingrimmig verteidigt, ihr Opfermut, ihre Güte, ihr makelloses Heldentum in Vers und Prosa gefeiert; und reichlich mit Tränen genetzte Anekdotenschleier, meist von aristokratischen Händen geklöppelt, umhüllen das verklärte Antlitz der »reine martyre«, der Märtyrerkönigin.
Die seelische Wahrheit liegt hier, wie meist, in der Nähe der Mitte. Marie Antoinette war weder die große Heilige des Royalismus noch die Dirne, die »grue« der Revolution, sondern ein mittlerer Charakter, eine eigentlich gewöhnliche Frau, nicht sonderlich klug, nicht sonderlich töricht, nicht Feuer und nicht Eis, ohne besondere Kraft zum Guten und ohne den geringsten Willen zum Bösen, die Durchschnittsfrau von gestern, heute und morgen, ohne Neigung zum Dämonischen, ohne Willen zum Heroischen und scheinbar darum kaum Gegenstand einer Tragödie. Aber die Geschichte, dieser große Demiurg, bedarf gar nicht eines heroischen Charakters als Hauptperson, um ein erschütterndes Drama emporzusteigern. Tragische Spannung, sie ergibt sich nicht nur aus dem Übermaß einer Gestalt, sondern jederzeit aus dem Mißverhältnis eines Menschen zu seinem Schicksal. Sie kann dramatisch in Erscheinung treten, wenn ein übermächtiger Mensch, ein Held, ein Genius in Widerstreit gerät zur Umwelt, die sich zu eng, zu feindselig erweist für seine ihm eingeborene Aufgabe – ein Napoleon etwa, erstickend im winzigen Geviert von St. Helena, ein Beethoven, eingekerkert in seine Taubheit –, immer und überall bei jeder großen Gestalt, die nicht ihr Maß und ihren Ausstrom findet. Aber ebenso ergibt sich Tragik, wenn eine mittlere oder gar schwächliche Natur in ein ungeheures Schicksal gerät, in persönliche Verantwortungen, die sie erdrücken und zermalmen, und diese Form des Tragischen will mir sogar als die menschlich ergreifendere erscheinen. Denn der außerordentliche Mensch sucht unbewußt ein außerordentliches Schicksal; seiner überdimensionalen Natur ist es organisch gemäß, heroisch oder, nach Nietzsches Wort, »gefährlich« zu leben; er fordert die Welt durch den ihm innewohnenden gewaltigen Anspruch gewaltsam heraus. So ist der geniale Charakter im letzten nicht unschuldig an seinem Leiden, weil die Sendung in ihm diese Feuerprobe mystisch begehrt zur Auslösung einer letzten Kraft; wie der Sturm die Möwe, so trägt ihn sein starkes Schicksal stärker und höher empor. Der mittlere Charakter dagegen ist von Natur aus auf friedliche Lebensform gestellt, er will, er benötigt gar nicht größere Spannung, er möchte lieber ruhig und im Schatten leben, in Windstille und gemäßigten Schicksalstemperaturen; darum wehrt er sich, darum ängstigt er sich, darum flüchtet er, wenn ihn eine unsichtbare Hand in Erschütterung stößt. Er will keine welthistorischen Verantwortungen, im Gegenteil, er fürchtet sich vor ihnen; er sucht das Leiden nicht, sondern es wird ihm aufgenötigt; von außen, nicht von innen wird er gezwungen, größer zu sein als sein eigentliches Maß. Dieses Leiden des Nicht-Helden, des mittleren Menschen, sehe ich, weil ihm der sichtliche Sinn fehlt, nicht als geringer an als das pathetische des wahrhaften Helden und vielleicht noch als erschütternder; denn der Jedermannsmensch muß es allein für sich austragen und hat nicht wie der Künstler die selige Rettung, seine Qual in Werk und überdauernde Form zu verwandlen.
Wie einen solchen mittleren Menschen aber manchmal das Schicksal aufzupflügen vermag und durch seine gebietende Faust über seine eigene Mittelmäßigkeit gewaltsam hinauszutreiben, dafür ist das Leben Marie Antoinettes vielleicht das einleuchtendste Beispiel der Geschichte. Die ersten dreißig ihrer achtunddreißig Jahre geht diese Frau gleichgültigen Weg, allerdings in einer auffälligen Sphäre; nie überschreitet sie im Guten, nie im Bösen das durchschnittliche Maß: eine laue Seele, ein mittlerer Charakter und, historisch gesehen, anfangs nur Statistenfigur. Ohne den Einbruch der Revolution in ihre heiter unbefangene Spielwelt hätte diese an sich unbedeutende Habsburgerin gelassen weitergelebt wie hundert Millionen Frauen aller Zeiten; sie hätte getanzt, geplaudert, geliebt, gelacht, sich aufgeputzt, Besuche gemacht und Almosen gegeben; sie hätte Kinder geboren und sich schließlich still in ein Bett gelegt, um zu sterben, ohne wahrhaft dem Weltgeist gelebt zu haben. Man hätte sie als Königin feierlich aufgebahrt, Hoftrauer getragen, aber dann wäre sie ebenso dem Gedächtnis der Menschheit entschwunden wie alle die unzähligen anderen Prinzessinnen, die Marie-Adelaiden und Adelaide-Marien und die Anna-Katharinen und Katharina-Annen, deren Grabsteine mit lieblosen kalten Lettern ungelesen im Gotha stehen. Nie hätte ein lebendiger Mensch das Verlangen gefühlt, ihrer Gestalt, ihrer erloschenen Seele nachzufragen, niemand hätte gewußt, wer sie wirklich war, und – dies das Wesentlichste – nie hätte sie selber, Marie Antoinette, Königin von Frankreich, ohne ihre Prüfung gewußt und erfahren, wer sie gewesen. Denn es gehört zum Glück oder Unglück des mittleren Menschen, daß er von selbst keinen Zwang fühlt, sich auszumessen, daß er nicht Neugierde fühlt, nach sich selber zu fragen, ehe ihn das Schicksal fragt: ungenützt läßt er seine Möglichkeiten in sich schlafen, seine eigentlichen Anlagen verkümmern, seine Kräfte wie Muskeln, die nie geübt werden, verweichlichen, bevor sie nicht Not zu wirklicher Abwehr spannt. Ein mittlerer Charakter muß erst herausgetrieben werden aus sich selber, um alles zu sein, was er sein könnte, und vielleicht mehr, als er selber früher ahnte und wußte; dafür hat das Schicksal keine andere Peitsche als das Unglück. Und so, wie sich ein Künstler manchmal mit Absicht einen äußerlich kleinen Vorwurf sucht, statt eines pathetisch weltumspannenden, um seine schöpferische Kraft zu erweisen, so sucht sich das Schicksal von Zeit zu Zeit den unbedeutenden Helden, um darzutun, daß es auch aus brüchigem Stoff die höchste Spannung, aus einer schwachen und unwilligen Seele eine große Tragödie zu entwickeln vermag. Eine solche Tragödie und eine der schönsten dieses ungewollten Heldentums heißt Marie Antoinette.
Denn mit welcher Kunst, mit welcher Erfindungskraft an Episoden, in wie ungeheuren historischen Spannungsdimensionen baut hier die Geschichte diesen mittleren Menschen in ihr Drama ein, wie wissend kontrapunktiert sie die Grundsätze um diese ursprünglich wenig ergiebige Hauptfigur! Mit diabolischer List verwöhnt sie erst diese Frau. Als Kind schon schenkt sie ihr einen Kaiserhof als Haus, der Halbwüchsigen eine Krone, der jungen Frau häuft sie verschwenderisch alle Gaben der Anmut, des Reichtums zu und gibt ihr überdies ein leichtes Herz, das nicht fragt nach Preis und Wert dieser Gaben. Jahrelang verwöhnt sie, verzärtelt sie dieses unbedachte Herz, bis ihm die Sinne schwinden und es immer sorgloser wird. Aber so rasch und leicht das Schicksal diese Frau auf die höchsten Höhen des Glücks emporreißt: um so raffiniert grausamer, um so langsamer läßt es sie dann fallen. Mit melodramatischer Kraßheit stellt dieses Drama die äußersten Gegensätze Stirn an Stirn; es stößt sie aus einem hundertzimmerigen Kaiserhause in ein erbärmliches Gefängnisgelaß, vom Königsthron auf das Schafott, aus der gläsern-goldenen Karosse auf den Schinderkarren, aus dem Luxus in die Entbehrung, aus Weltbeliebtheit in den Haß, aus Triumph in die Verleumdung, immer tiefer und tiefer und unerbittlich bis in die letzte Tiefe hinab. Und dieser kleine, dieser mittlere Mensch, plötzlich inmitten seiner Verwöhntheit überfallen, dieses unverständige Herz, es begreift nicht, was die fremde Macht mit ihm vorhat, es spürt nur eine harte Faust an sich kneten, eine glühende Kralle im gemarterten Fleisch; dieser ahnungslose Mensch, unwillig und ungewohnt alles Leidens, wehrt sich und will nicht, er stöhnt, er flüchtet, er sucht zu entkommen. Aber mit der Unerbittlichkeit eines Künstlers, der nicht abläßt, ehe er nicht seinem Stoff die höchste Spannung, die letzte Möglichkeit entrungen, läßt die wissende Hand des Unglücks nicht von Marie Antoinette, ehe sie diese weiche und unkräftige Seele nicht zu Härte und Haltung gehämmert, ehe sie nicht alles, was von Eltern und Urahnen an Größe in ihrer Seele verschüttet lag, plastisch herausgezwungen hat. Aufschreckend in ihrer Qual erkennt endlich die geprüfte Frau, die nie nach sich gefragt, die Verwandlung; sie spürt, gerade da ihre äußere Macht zu Ende geht, daß in ihr innen etwas Neues und Großes beginnt, das ohne jene Prüfung nicht möglich gewesen wäre. »Erst im Unglück weiß man wahrhaft, wer man ist«, diese halb stolzen, halb erschütternden Worte springen ihr plötzlich vom staunenden Munde: eine Ahnung überkommt sie, daß eben durch dieses Leiden ihr kleines mittleres Leben als Beispiel für die Nachwelt lebt. Und an diesem Bewußtsein höherer Verpflichtung wächst ihr Charakter über sich selber hinaus. Kurz bevor die sterbliche Form zerbricht, ist das Kunstwerk, das überdauernde, gelungen, denn in der letzten, der allerletzten Lebensstunde erreicht Marie Antoinette, der mittlere Mensch, endlich tragödisches Maß und wird so groß wie ein Schicksal.
Jahrhundertelang haben Habsburg und Bourbon auf Dutzenden deutscher, italienischer, flandrischer Schlachtfelder um die Vorherrschaft in Europa gerungen; endlich sind sie müde, alle beide. In zwölfter Stunde erkennen die alten Rivalen, daß ihre unersättliche Eifersucht nur andern Herrscherhäusern den Weg freigekämpft hat; schon greift von der englischen Insel ein Ketzervolk nach dem Imperium der Welt, schon wächst die protestantische Mark Brandenburg zu mächtigem Königtum, schon bereitet sich das halbheidnische Rußland vor, seine Machtsphäre ins Unermeßliche auszudehnen; wäre es nicht besser, so beginnen sich – wie immer zu spät – die Herrscher und ihre Diplomaten zu fragen, man hielte miteinander Frieden, statt abermals und abermals zugunsten ungläubiger Emporkömmlinge das verhängnisvolle Kriegsspiel zu erneuern? Choiseul[2] am Hofe Ludwigs XV., Kaunitz als Berater Maria Theresias schmieden ein Bündnis, und damit es sich dauerhaft und nicht bloß als Atempause zwischen zwei Kriegen bewähre, schlagen sie vor, die beiden Dynastien Habsburg und Bourbon sollen sich durch Blut binden. An heiratsfähigen Prinzessinnen hat es im Hause Habsburg zu keiner Zeit gefehlt; auch diesmal steht eine reichhaltige Auswahl aller Alterslagen bereit. Zuerst erwägen die Minister, Ludwig XV. trotz seines großväterlichen Standes und seiner mehr als zweifelhaften Sitten mit einer habsburgischen Prinzessin zu vermählen, aber der Allerchristlichste König flüchtet rasch aus dem Bett der Pompadour in das einer anderen Favoritin, der Dubarry. Auch Kaiser Joseph, zum zweitenmal verwitwet, zeigt keine rechte Neigung, sich mit einer der drei altbackenen Töchter Ludwigs XV. verkuppeln zu lassen – so bleibt als natürlichste Verknüpfung die dritte, den heranwachsenden Dauphin, den Enkel Ludwigs XV. und zukünftigen Träger der französischen Krone, mit einer Tochter Maria Theresias zu verloben. 1766 kann die damals elfjährige Marie Antoinette bereits als ernstlich vorgeschlagen gelten; ausdrücklich schreibt der österreichische Botschafter am 24. Mai an die Kaiserin: »Der König hat sich in einer Art und Weise ausgesprochen, daß Eure Majestät das Projekt schon als gesichert und entschieden betrachten können.« Aber Diplomaten wären nicht Diplomaten, setzten sie nicht ihren Stolz daran, einfache Dinge schwierig zu machen und, vor allem, jede wichtige Angelegenheit kunstvoll zu verzögern. Intrigen von Hof zu Hof werden eingeschaltet, ein Jahr, ein zweites, ein drittes, und Maria Theresia, nicht mit Unrecht argwöhnisch, fürchtet, ihr ungemütlicher Nachbar, Friedrich von Preußen, »le monstre[3]«, wie sie ihn in herzhafter Erbitterung nennt, werde schließlich auch noch diesen für Österreichs Machtstellung so entscheidenden Plan mit einer seiner machiavellistischen Teufeleien durchkreuzen; so wendet sie alle Liebenswürdigkeit, Leidenschaft und List an, um den französischen Hof aus dem halben Versprechen nicht mehr herauszulassen. Mit der Unermüdlichkeit einer berufsmäßigen Heiratsvermittlerin, mit der zähen und unnachgiebigen Geduld ihrer Diplomatie läßt sie immer wieder die Vorzüge der Prinzessin nach Paris melden; sie überschüttet die Gesandten mit Höflichkeiten und Geschenken, damit sie endlich aus Versailles ein bindendes Eheangebot heimholen; mehr Kaiserin als Mutter, mehr auf die Mehrung der »Hausmacht« bedacht als auf das Glück ihres Kindes, läßt sie sich auch durch die warnende Mitteilung ihres Gesandten nicht abhalten, die Natur habe dem Dauphin alle Gaben versagt: er sei von sehr beschränktem Verstand, höchst ungeschlacht und völlig gefühllos. Aber wozu braucht eine Erzherzogin glücklich zu werden, wenn sie nur Königin wird? Je hitziger Maria Theresia auf Pakt und Brief drängt, desto überlegener hält der weltkluge König Ludwig XV. zurück; drei Jahre lang läßt er sich Bilder und Berichte über die kleine Erzherzogin schicken und erklärt sich grundsätzlich dem Heiratsplan geneigt. Aber er spricht nicht das erlösende Werbungswort, er bindet sich nicht.
Das ahnungslose Unterpfand dieses wichtigen Staatsgeschäftes, die elfjährige, die zwölfjährige, die dreizehnjährige Toinette, zart gewachsen, anmutig, schlank und unbezweifelbar hübsch, tollt und spielt unterdessen mit Schwestern und Brüdern und Freundinnen temperamentvoll in den Zimmern und Gärten von Schönbrunn; mit Studien, Büchern und Bildung befaßt sie sich wenig. Ihre Gouvernanten und die Abbés, die sie erziehen sollen, versteht sie mit ihrer natürlichen Liebenswürdigkeit und quecksilbernen Munterkeit so geschickt um den Finger zu wickeln, daß sie allen Schulstunden entwischen kann. Mit Schrecken bemerkt eines Tages Maria Theresia, die sich bei der Fülle der Staatsgeschäfte nie um ein einzelnes Stück ihrer Kinderherde sorgfältig bekümmern konnte, daß die zukünftige Königin von Frankreich mit dreizehn Jahren weder Deutsch noch Französisch richtig zu schreiben versteht und nicht einmal mit den oberflächlichsten Kenntnissen in Geschichte und allgemeiner Bildung behaftet ist; mit den musikalischen Leistungen steht es nicht viel besser, obwohl kein Geringerer als Gluck ihr Klavierunterricht gab. In zwölfter Stunde soll jetzt das Versäumte nachgeholt, die verspielte und faule Toinette zur gebildeten Dame herangezogen werden. Wichtig für eine zukünftige Königin von Frankreich ist vor allem, daß sie anständig tanzt und mit gutem Akzent Französisch spricht; zu diesem Zweck engagiert Maria Theresia eiligst den großen Tanzmeister Noverre und zwei Schauspieler einer in Wien gastierenden französischen Truppe, den einen für die Aussprache, den anderen für Gesang. Aber kaum meldet dies der französische Gesandte dem bourbonischen Hof, als schon ein entrüsteter Wink aus Versailles kommt: eine zukünftige Königin von Frankreich dürfe nicht von Komödiantenpack unterrichtet werden. Hastig werden neue diplomatische Verhandlungen eingeleitet, denn Versailles betrachtet die Erziehung der vorgeschlagenen Braut des Dauphins bereits als eigene Angelegenheit, und nach langem Hin und Her wird auf Empfehlung des Bischofs von Orléans ein Abbé Vermond als Erzieher nach Wien gesandt; von ihm besitzen wir die ersten verläßlichen Berichte über die dreizehnjährige Erzherzogin. Er findet sie reizend und sympathisch: »Mit einem entzückenden Antlitz vereint sie alle erdenkbare Anmut der Haltung, und wenn sie, wie man hoffen darf, etwas wächst, wird sie alle Reize haben, die man für eine hohe Prinzessin wünschen kann. Ihr Charakter und ihr Gemüt sind ausgezeichnet.« Bedeutend vorsichtiger äußert sich jedoch der brave Abbé über die tatsächlichen Kenntnisse und die Lernfreude seiner Schülerin. Verspielt, unaufmerksam, ausgelassen, von einer quecksilberigen Munterkeit, hat die kleine Marie Antoinette trotz leichtester Auffassung nie die geringste Neigung gezeigt, sich mit irgendeinem ernsten Gegenstand zu beschäftigen. »Sie hat mehr Verstand, als man lange bei ihr vermutet hat, doch leider ist dieser Verstand bis zum zwölften Jahr an keine Konzentration gewöhnt worden. Ein wenig Faulheit und viel Leichtfertigkeit haben mir den Unterricht bei ihr noch erschwert. Ich begann während sechs Wochen mit den Grundzügen der schönen Literatur, sie faßte gut auf, urteilte richtig, aber ich konnte sie nicht dazu bringen, tiefer in die Gegenstände einzudringen, obwohl ich fühlte, daß sie die Fähigkeiten dazu hätte. So sah ich schließlich ein, daß man sie nur erziehen kann, indem man sie gleichzeitig unterhält.«
Fast wörtlich werden noch zehn, noch zwanzig Jahre später alle Staatsmänner über diese Denkunwilligkeit bei großem Verstand über dieses gelangweilte Davonhuschen aus jedem gründlichen Gespräch klagen; schon in der Dreizehnjährigen liegt die ganze Gefahr dieses Charakters, der alles könnte und nichts wahrhaft will, völlig zutage. Aber am französischen Hofe wird seit der Mätressenwirtschaft die Haltung einer Frau mehr geschätzt als ihr Gehalt; Marie Antoinette ist hübsch, sie ist repräsentativ und anständigen Charakters – das genügt, und so geht denn endlich 1769 das lang ersehnte Schreiben Ludwigs XV. an Maria Theresia ab, in dem der König feierlich um die Hand der jungen Prinzessin für seinen Enkel, den zukünftigen Ludwig XVI., wirbt und als Termin der Heirat die Ostertage des nächsten Jahres vorschlägt. Beglückt stimmt Maria Theresia zu; nach vielen sorgenvollen Jahren erlebt die tragisch resignierte Frau noch einmal eine helle Stunde. Gesichert scheint ihr jetzt der Frieden des Reiches und damit Europas; mit Stafetten und Kurieren wird allen Höfen feierlich verkündet, daß Habsburg und Bourbon für ewige Zeiten aus Feinden Blutsverbündete geworden sind. »Bella gerant alii, tu, felix Austria, nube«; noch einmal hat sich der alte Hausspruch der Habsburger bewährt.
Die Aufgabe der Diplomaten, sie ist glücklich beendet. Aber nun erst erkennt man: dies war der Arbeit leichterer Teil. Denn Habsburg und Bourbon zu einer Verständigung zu überreden, Ludwig XV. und Maria Theresia zu versöhnen, welch ein Kinderspiel dies im Vergleich zu der ungeahnten Schwierigkeit, das französische und österreichische Hof-und Hauszeremoniell bei einer so repräsentativen Festlichkeit unter einen Hut zu bringen. Zwar haben die beiderseitigen Obersthofmeister und sonstigen Ordnungsfanatiker ein ganzes Jahr lang Zeit, das ungeheuer wichtige Protokoll der Hochzeitsfestivitäten in allen Paragraphen auszuarbeiten, aber was bedeutet ein flüchtiges, nur zwölfmonatiges Jahr für derart verzwickte Chinesen der Etikette. Ein Thronfolger von Frankreich heiratet eine österreichische Erzherzogin – welche welterschütternden Taktfragen löst solcher Anlaß aus, wie tiefsinnig muß hier jede Einzelheit durchdacht werden, wieviel unwiderrufliche Fauxpas heißt es da durch Studium jahrhundertealter Dokumente vermeiden! Tag und Nacht sinnen die heiligen Hüter der Sitten und Gebräuche in Versailles und Schönbrunn mit dampfenden Köpfen; Tag und Nacht verhandeln die Gesandten wegen jeder einzelnen Einladung, Eilkuriere mit Vorschlägen und Gegenvorschlägen sausen hin und her, denn man bedenke, welche unübersehbare Katastrophe (ärger als sieben Kriege) könnte hereinbrechen, würde bei diesem erhabenen Anlaß die Rangeitelkeit eines der hohen Häuser verletzt! In zahllosen Dissertationen rechtsüber, linksüber den Rhein erwägt und erörtert man heikle Doktorfragen, etwa diese, wessen Name an erster Stelle im Heiratskontrakt genannt sein solle, derjenige der Kaiserin von Österreich oder des Königs von Frankreich, wer zuerst unterzeichnen dürfe, welche Geschenke gegeben, welche Mitgift vereinbart werden solle, wer die Braut zu begleiten, wer sie zu empfangen habe, wieviel Kavaliere, Ehrendamen, Militärs, Gardereiter, Ober-und Unterkammerfrauen, Friseure, Beichtiger, Ärzte, Schreiber, Hofsekretäre und Waschfrauen dem Hochzeitszug einer Erzherzogin von Österreich bis zur Grenze gebühren und wie viele dann der französischen Thronfolgerin von der Grenze bis nach Versailles. Während aber die beiderseitigen Perükken über die Grundlinien der Grundfragen noch lange nicht einig sind, streiten ihrerseits schon, als gälte es den Schlüssel des Paradieses, an beiden Höfen die Kavaliere und ihre Damen untereinander, gegeneinander, übereinander um die Ehre, den Hochzeitszug sei es begleiten, sei es empfangen zu dürfen, jeder einzelne verteidigt seine Ansprüche mit einem ganzen Kodex von Pergamenten; und obwohl die Zeremonienmeister wie die Galeerensträflinge arbeiten, kommen sie doch innerhalb eines ganzen Jahres mit diesen weltwichtigsten Fragen des Vortritts und der Hofzulässigkeit nicht völlig zu Rand: im letzten Augenblick wird zum Beispiel die Vorstellung des elsässischen Adels aus dem Programm gestrichen, um »die langwierigen Etikettefragen auszuschalten, die zu regeln keine Zeit mehr bleibt«. Und hätte königlicher Befehl das Datum nicht auf einen ganz bestimmten Tag festgesetzt, die österreichischen und französischen Zeremonienhüter wären bis zum heutigen Tag über die »richtige« Form der Hochzeit noch nicht einig, und es hätte keine Königin Marie Antoinette und vielleicht keine Französische Revolution gegeben.
Auf beiden Seiten wird, obwohl Frankreich wie Österreich Sparsamkeit bitter nötig hätten, die Hochzeit auf höchsten Pomp und Prunk gestellt. Habsburg will hinter Bourbon und Bourbon hinter Habsburg nicht zurückbleiben. Das Palais der französischen Gesandtschaft in Wien erweist sich als zu klein für die fünfzehnhundert Gäste; Hunderte von Arbeitern errichten in fliegender Eile Anbauten, während gleichzeitig ein eigener Opernsaal in Versailles für die Hochzeitsfeier vorbereitet wird. Für die Hoflieferanten, für die Hofschneider, Juweliere, Karossenbauer kommt hüben und drüben gesegnete Zeit. Allein für die Einholung der Prinzessin bestellt Ludwig XV. bei dem Hoffournisseur Francien in Paris zwei Reisewagen von noch nie dagewesener Pracht: köstliches Holz und schimmernde Gläser, innen mit Samt ausgeschlagen, außen mit Malereien verschwenderisch geschmückt, von Kronen umwölbt und trotz dieses Prunks herrlich federnd und schon bei leichtestem Zug fortrollend. Für den Dauphin und den königlichen Hof werden neue Paraderöcke angeschafft und mit kostbaren Juwelen durchstickt, der große Pitt, der herrlichste Diamant jener Zeit, schmückt den Hochzeitshut Ludwigs XV., und mit gleichem Luxus bereitet Maria Theresia den Trousseau ihrer Tochter: Spitzenwerk, eigens in Mecheln geklöppelt, zartestes Leinen, Seide und Juwelen. Endlich trifft der Gesandte Durfort als Brautwerber in Wien ein, herrliches Schauspiel für die leidenschaftlich schaulustigen Wiener: achtundvierzig sechsspännige Karossen, darunter die beiden gläsernen Wunderwerke, rollen langsam und gravitätisch durch die bekränzten Straßen zur Hofburg, hundertsiebentausend Dukaten haben allein die neuen Livreen der hundertsiebzehn Leibgarden und Lakaien gekostet, die den Brautwerber begleiten, der ganze Einzug nicht weniger als dreihundertfünfzigtausend. Von dieser Stunde an reiht sich Fest an Fest: öffentliche Werbung, feierlicher Verzicht Marie Antoinettes auf ihre österreichischen Rechte vor Evangelium, Kruzifix und brennenden Kerzen, Gratulationen des Hofes, der Universität, Parade der Armee, Théâtre paré, Empfang und Ball im Belvedere für dreitausend Personen, Gegenempfang und Souper für fünfzehnhundert Gäste im Liechtensteinpalais, endlich am 19. April die Eheschließung per procurationem[4] in der Augustinerkirche, bei der Erzherzog Ferdinand den Dauphin vertritt. Dann noch ein zärtliches Familiensouper und am 21. feierlicher Abschied, letzte Umarmung. Und durch ein ehrfürchtiges Spalier fährt in der Karosse des französischen Königs die gewesene Erzherzogin von Österreich, Marie Antoinette, ihrem Schicksal entgegen.
Der Abschied von ihrer Tochter war Maria Theresia schwer geworden. Jahre um Jahre hat die alternde, abgemüdete Frau diese Heirat um der Mehrung der habsburgischen »Hausmacht« willen als das höchste Glück erstrebt, und doch macht in letzter Stunde das Schicksal ihr Sorge, das sie selbst ihrem Kinde bestimmt. Blickt man tiefer in ihre Briefe, in ihr Leben, so erkennt man: diese tragische Herrscherin, der einzige große Monarch des österreichischen Hauses, trägt die Krone längst nur noch als Bürde. Mit unendlicher Mühe, in immerwährenden Kriegen hat sie das zusammengeheiratete und in gewissem Sinne künstliche Reich gegen Preußen und Türken, gegen Osten und Westen als Einheit behauptet, aber gerade jetzt, da es äußerlich gesichert erscheint, sinkt ihr der Mut. Eine merkwürdige Ahnung bedrängt die ehrwürdige Frau, dieses Reich, dem sie ihre ganze Kraft und Leidenschaft gegeben, werde unter ihren Nachfolgern verfallen und zerfallen, sie weiß, hellsichtige und fast seherische Politikerin, wie locker dieses Gemisch zufällig gekoppelter Nationen gefügt ist und mit wieviel Vorsicht und Zurückhaltung, mit wieviel kluger Passivität einzig sein Bestand verlängert werden kann. Wer aber soll fortführen, was sie so sorglich begonnen hat? Tiefe Enttäuschungen an ihren Kindern haben einen Kassandrageist in ihr erweckt, bei ihnen allen vermißt sie, was die ureigenste Kraft ihres Wesens war, die große Geduld, das langsame sichere Planen und Beharren, das Verzichtenkönnen und das weise Sich-selbst-Beschränken. Aber von dem lothringischen Blut ihres Mannes muß eine heiße Unruhewelle in die Adern ihrer Kinder geströmt sein; alle sind sie bereit, für die Lust eines Augenblicks unabsehbare Möglichkeiten zu zerstören: ein kleines Geschlecht, unernst, ungläubig und nur um vergänglichen Erfolg bemüht. Ihr Sohn und Mitregent Joseph II. umschmeichelt voll Kronprinzengeduld Friedrich den Großen, der sie ein Leben lang verfolgt und verhöhnt hat; er buhlt um Voltaire, den sie, die fromme Katholikin, als den Antichrist haßt; ihr anderes Kind, das sie gleichfalls für einen Thron bestimmt hat, die Erzherzogin Maria Amalia, hält, kaum nach Parma verheiratet, ganz Europa mit ihrer Leichtfertigkeit in Atem. In zwei Monaten zerrüttet sie die Finanzen, desorganisiert sie das Land, vergnügt sich mit Liebhabern. Und auch die andere Tochter in Neapel macht ihr wenig Ehre; keine von den Töchtern zeigt Ernst und sittliche Strenge, und das ungeheure Werk aufopfernder und pflichthafter Bemühungen, dem die große Kaiserin ihr ganzes persönliches und privates Leben, jede Freude, jeden leichten Genuß unerbittlich aufgeopfert hatte, erscheint ihr sinnlos vollbracht. Am liebsten würde sie in ein Kloster flüchten, und nur aus Angst, aus dem richtigen Vorgefühl, der eilfertige Sohn werde mit unbedachtem Experimentieren sofort alles zerstören, was sie erbaut, hält die alte Kämpferin das Zepter fest, dessen ihre Hand längst müde geworden ist.
Auch über ihr Nesthäkchen Marie Antoinette gibt sich die starke Charakterkennerin keiner Täuschung hin; sie weiß um die Vorzüge – die große Gutmütigkeit und Herzlichkeit, die frische muntere Klugheit, das unverstellte humane Wesen – dieser ihrer jüngsten Tochter, sie kennt aber auch die Gefahren, ihre Unausgereiftheit, ihre Leichtfertigkeit, Verspieltheit, Zerfahrenheit. Um ihr näherzukommen, um noch in letzter Stunde eine Königin aus diesem temperamentvollen Wildfang zu formen, läßt sie Marie Antoinette die letzten zwei Monate vor der Abreise in ihrem eigenen Zimmer schlafen: sie sucht sie in langen Gesprächen auf ihre große Stellung vorzubereiten; und um die Hilfe des Himmels zu gewinnen, nimmt sie das Kind zu einer Wallfahrt nach Mariazell mit. Je näher indes die Stunde des Abschieds kommt, um so unruhiger wird die Kaiserin. Irgendeine finstere Ahnung verstört ihr das Herz. Ahnung kommenden Unheils, und sie setzt alle Kraft ein, die dunklen Mächte zu bannen. Vor der Abreise gibt sie Marie Antoinette eine ausführliche Verhaltungsvorschrift mit und nimmt dem achtlosen Kinde den Eid ab, sie jeden Monat sorgfältig zu überlesen. Sie schreibt außer dem offiziellen Brief noch einen privaten an Ludwig XV., in welchem die alte Frau den alten Mann beschwört, Nachsicht mit dem kindischen Unernst der Vierzehnjährigen zu haben. Aber noch immer ist ihre innere Unruhe nicht beschwichtigt. Noch kann Marie Antoinette nicht in Versailles angelangt sein, und schon wiederholt sie die Mahnung, jene Denkschrift zu Rate zu ziehen. »Ich erinnere Dich, meine geliebte Tochter, an jedem 21. des Monats jenes Blatt nachzulesen. Sei verläßlich im Hinblick auf diesen meinen Wunsch, ich bitte Dich darum; ich fürchte ja bei Dir nichts als Deine Nachlässigkeit im Beten und in der Lektüre und die daraus folgende Unachtsamkeit und Trägheit. Kämpfe gegen sie an … und vergiß nicht Deine Mutter, die, wenn auch entfernt, nicht aufhören wird, bis zum letzten Atemzug um Dich besorgt zu sein.« Mitten im Jubel der Welt über den Triumph ihrer Tochter geht die alte Frau in die Kirche und betet zu Gott, er möge ein Unheil wenden, das sie allein von allen vorausfühlt.
Während die riesige Kavalkade – dreihundertvierzig Pferde, die an jeder Poststation gewechselt werden müssen – langsam durch Oberösterreich, Bayern zieht und sich nach zahllosen Festen und Empfängen der Grenze nähert, hämmern Zimmerleute und Tapezierer auf der Rheininsel zwischen Kehl und Straßburg an einem sonderbaren Bau. Hier haben die Obersthofmeister von Versailles und Schönbrunn ihren großen Trumpf ausgespielt; nach endlosem Beraten, ob die feierliche Übergabe der Braut noch auf österreichischem Hoheitsgebiet oder erst auf französischem erfolgen solle, erfand ein Schlaukopf unter ihnen die salomonische Lösung, auf einer der kleinen unbewohnten Sandinseln im Rhein, zwischen Frankreich und Deutschland, im Niemandsland also, einen eigenen Holzpavillon für die festliche Übergabe zu erbauen, ein Wunder der Neutralität, zwei Vorzimmer auf der rechtsrheinischen Seite, die Marie Antoinette noch als Erzherzogin betritt, zwei Vorzimmer auf der linksrheinischen Seite, die sie nach der Zeremonie als Dauphine von Frankreich verläßt, und in der Mitte den großen Saal der feierlichen Übergabe, in dem sich die Erzherzogin endgültig in die Thronfolgerin Frankreichs verwandelt. Kostbare Tapisserien aus dem erzbischöflichen Palais verdecken die rasch aufgezimmerten hölzernen Wände, die Universität von Straßburg leiht einen Baldachin, die reiche Straßburger Bürgerschaft ihr schönstes Mobiliar. In dieses Heiligtum fürstlicher Pracht einzudringen ist bürgerlichem Blick selbstverständlich verwehrt; ein paar Silberstücke jedoch machen Wächter allorts nachsichtig, und so schleichen einige Tage vor Marie Antoinettes Ankunft einige junge deutsche Studenten in die halbfertigen Räume, um ihrer Neugier Genüge zu tun. Und einer besonders, hochgewachsen, freien leidenschaftlichen Blicks, die Aura des Genius über der männlichen Stirn, kann sich nicht satt sehen an den köstlichen Gobelins, die nach Raffaels Kartons gefertigt sind; sie erregen in dem Jüngling, dem sich eben erst am Straßburger Münster der Geist der Gotik offenbart hatte, stürmische Lust, mit gleicher Liebe klassische Kunst zu begreifen. Begeistert erklärt er den weniger beredten Kameraden diese ihm unvermutet erschlossene Schönheitswelt italienischer Meister, aber plötzlich hält er inne, wird unmutig, die starke dunkle Braue wölkt sich fast zornig über dem eben noch befeuerten Blick. Denn jetzt erst ist er gewahr geworden, was diese Wandteppiche darstellen, in der Tat eine für ein Hochzeitsfest denkbar unpassende Legende, die Geschichte von Jason, Medea und Kreusa, das Erzbeispiel einer verhängnisvollen Eheschließung. »Was«, ruft der genialische Jüngling, ohne auf das Erstaunen der Umstehenden achtzugeben, mit lauter Stimme aus, »ist es erlaubt, einer jungen Königin das Beispiel der gräßlichsten Hochzeit, die vielleicht jemals vollzogen wurde, bei ihrem ersten Eintritt so unbesonnen vor Augen zu führen? Gibt es denn unter den französischen Architekten, Dekorateuren und Tapezierern gar keinen Menschen, der begreift, daß Bilder etwas vorstellen, daß Bilder auf Sinn und Gefühl wirken, daß sie Eindrücke machen, daß sie Ahnungen erregen? Ist es doch nicht anders, als hätte man dieser schönen und, wie man hört, lebenslustigen Dame das abscheulichste Gespenst bis an die Grenze entgegengeschickt.«
Mit Mühe gelingt es den Freunden, den Leidenschaftlichen zu beschwichtigen, beinahe mit Gewalt führen sie Goethe – denn kein anderer ist dieser junge Student – aus dem bretternen Haus. Bald aber naht jener »gewaltige Hof-und Prachtstrom« des Hochzeitszuges und überschwemmt mit heiterem Gespräch und froher Gesinnung den geschmückten Raum, nicht ahnend, daß wenige Stunden zuvor das seherische Auge eines Dichters in diesem bunten Gewebe schon den schwarzen Faden des Verhängnisses erblickte.
Die Übergabe Marie Antoinettes soll Abschied von allen und allem veranschaulichen, was sie mit dem Hause Österreich verbindet; auch hierfür haben die Zeremonienmeister ein besonderes Symbol ersonnen: nicht nur darf niemand ihres heimatlichen Gefolges sie über die unsichtbare Grenzlinie begleiten, die Etikette heischt sogar, daß sie keinen Faden heimatlicher Erzeugung, keinen Schuh, keinen Strumpf, kein Hemd, kein Band auf dem nackten Leib behalten dürfe. Von dem Augenblicke an, da Marie Antoinette Dauphine von Frankreich wird, darf nur Stoff französischer Herkunft sie umhüllen. So muß sich im österreichischen Vorzimmer die Vierzehnjährige vor dem ganzen österreichischen Gefolge bis auf die Haut entkleiden; splitternackt leuchtet für einen Augenblick der zarte, noch unaufgeblühte Mädchenleib in dem dunklen Raum; dann wird ihr ein Hemd aus französischer Seide übergeworfen, Jupons aus Paris, Strümpfe aus Lyon, Schuhe aus Hofkordonniers, Spitzen und Maschen; nichts darf sie als liebes Andenken zurückbehalten, nicht einen Ring, nicht ein Kreuz – würde die Welt der Etikette denn nicht einstürzen, bewahrte sie eine einzige Spange oder ein vertrautes Band? –, nicht ein einziges von den seit Jahren gewohnten Gesichtern darf sie von jetzt an um sich sehen. Ist es ein Wunder, wenn in diesem Gefühl so jäh ins Fremde-gestoßen-Seins das kleine, von all diesem Pomp und Getue erschreckte Mädchen ganz kindhaft in Tränen ausbricht? Aber sofort heißt es wieder Haltung bewahren, denn Aufwallungen des Gefühls sind bei einer politischen Hochzeit nicht statthaft; drüben, im andern Zimmer, wartet schon die französische Suite, und es wäre beschämend, mit feuchten Augen, verweint und furchtsam diesem neuen Gefolge entgegenzutreten. Der Brautführer, Graf Starhemberg, reicht ihr zum entscheidenden Gang die Hand, und, französisch gekleidet, zum letztenmal gefolgt von ihrer österreichischen Suite, betritt sie, zwei letzte Minuten noch Österreicherin, den Saal der Übergabe, wo in hohem Staat und Prunk die bourbonische Abordnung sie erwartet. Der Brautwerber Ludwigs XV. hält eine feierliche Ansprache, das Protokoll wird verlesen, dann kommt – alle halten den Atem an – die große Zeremonie. Sie ist Schritt für Schritt errechnet wie ein Menuett, voraus geprobt und eingelernt. Der Tisch in der Mitte des Raumes stellt symbolisch die Grenze dar. Vor ihm stehen die Österreicher, hinter ihm die Franzosen. Zuerst läßt der österreichische Brautführer Graf Starhemberg die Hand Marie Antoinettes los; statt seiner ergreift sie der französische Brautführer und geleitet langsam, mit feierlichem Schritt, das zitternde Mädchen um die Flanke des Tisches herum. Während dieser genau ausgesparten Minuten zieht sich, langsam rückwärts gehend, im selben Takt, wie die französische Suite der künftigen Königin entgegenschreitet, die österreichische Begleitung gegen die Eingangstür zurück, so daß genau in demselben Augenblick, da Marie Antoinette inmitten ihres neuen französischen Hofstaates steht, der österreichische bereits den Raum verlassen hat. Lautlos, musterhaft, gespenstig-großartig vollzieht sich diese Orgie der Etikette; nur im letzten Augenblick hält das kleine verschüchterte Mädchen dieser kalten Feierlichkeit nicht mehr stand. Und statt kühlgelassen den devoten Hofknicks ihrer neuen Gesellschaftsdame, der Komtesse de Noailles, entgegenzunehmen, wirft sie sich ihr schluchzend und wie hilfesuchend in die Arme, eine schöne und rührende Geste der Verlassenheit, die vorzuschreiben alle Großkophtas der Repräsentation hüben und drüben vergaßen. Aber Gefühl ist nicht eingerechnet in die Logarithmen der höfischen Regeln, schon wartet draußen die gläserne Karosse, schon dröhnen vom Straßburger Münster die Glocken, schon donnern die Artilleriesalven, und, von Jubel umbrandet, verläßt Marie Antoinette für immer die sorglosen Gestade der Kindheit; ihr Frauenschicksal beginnt.
Der Einzug Marie Antoinettes wird eine unvergeßliche Feststunde für das mit Festen schon lange nicht mehr verwöhnte französische Volk. Seit Jahrzehnten hat Straßburg keine künftige Königin gesehen und vielleicht noch nie eine derart bezaubernde wie dieses junge Mädchen. Aschblonden Haars, schlanken Wuchses, lacht und lächelt das Kind mit blauen, übermütigen Augen aus der gläsernen Karosse den unermeßlichen Scharen zu, die, in schmucker elsässischer Landestracht aus allen Dörfern und Städten herangeströmt, den prunkvollen Zug umjubeln. Hunderte weißgekleideter Kinder schreiten Blumen streuend dem Wagen vorauf, ein Triumphbogen ist aufgerichtet, die Tore sind bekränzt, auf dem Stadtplatz fließt Wein aus dem Brunnen, ganze Ochsen werden auf Spießen gebraten, Brot aus riesigen Körben an die Armen verteilt. Abends werden alle Häuser illuminiert, feurige Lichtschlangen züngeln den Münsterturm empor, durchsichtig erglüht das rötliche Spitzenwerk der göttlichen Kathedrale. Auf dem Rhein gleiten, Lampions wie glühende Orangen tragend, zahllose Schiffe und Barken mit farbigen Fackeln, in den Bäumen schimmern, von Lichtern angestrahlt, bunte Glaskugeln, und von der Insel her flammt, allen sichtbar, als Abschluß eines grandiosen Feuerwerks, inmitten mythologischer Figuren das verschlungene Monogramm des Dauphins und der Dauphine. Bis tief in die Nacht zieht das schaulustige Volk die Ufer und Straßen entlang. Musik dudelt und dröhnt, an hundert Stellen schwingen Männer und Mädchen sich munter im Tanz; ein goldenes Zeitalter des Glücks scheint mit dieser blonden Botin aus Österreich gekommen, und noch einmal hebt das verbitterte, verärgerte Volk Frankreichs sein Herz heiterer Hoffnung entgegen.
