Martin Eden - Jack London - E-Book

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Jack London

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Beschreibung

In "Martin Eden" entfaltet Jack London die faszinierende und tragische Geschichte eines einfachen Schriftstellers, der sich in den Wirren des sozialen Aufstiegs und der persönlichen Selbstverwirklichung verliert. Der Roman ist geprägt von Londons meisterhaftem, realistischer Prosa und spiegelt die tiefen Spannungen zwischen Individualismus und gesellschaftlichen Normen wider, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts vorherrschend waren. Durch die Augen des Protagonisten, Martin Eden, erleben die Leser die Verlockungen und Enttäuschungen des künstlerischen Schaffens, während er sich bemüht, die Höhen der literarischen Welt zu erklimmen und gleichzeitig den schmerzhaften Rückschlägen des Lebens gegenüberzustehen. Jack London, ein leidenschaftlicher Verfechter des Sozialismus und des Individualismus, schöpfte aus seinen eigenen Erfahrungen als gescheiterter Autor und Arbeiter und prägte damit die Charakterzüge und Konflikte Martins. Londons eigenes Aufeinandertreffen mit dem literarischen Establishment und seine unstillbare Sehnsucht nach Erfolg und Anerkennung zeigen sich in jeder Zeile des Romans. Sein biologischer Hintergrund und die Erfahrungen in der rauen Welt des Goldrauschs und der Seevaart geben dem Buch eine authentische Note. "Martin Eden" ist ein unverzichtbares Werk für alle, die die menschliche Erfahrung von Ambitionen, Kämpfen und der Suche nach Identität nachvollziehen wollen. Es fordert den Leser auf, über die wahre Natur des Erfolgs nachzudenken und die Gesellschaft zu reflektieren, in der wir leben. Dieses Buch ist nicht nur eine Erzählung über das Streben eines Mannes, sondern auch eine tiefgründige Auseinandersetzung mit den Werten der Moderne. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes. - Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten. - Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben. - Eine Autorenbiografie beleuchtet wichtige Stationen im Leben des Autors und vermittelt die persönlichen Einsichten hinter dem Text. - Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen. - Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Jack London

Martin Eden

Bereicherte Ausgabe. Ein aufopfernder Kampf um Anerkennung, Liebe und Selbstverwirklichung im Amerika des 20. Jahrhunderts
In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen
Einführung, Studien und Kommentare von Alaric Vance
Bearbeitet und veröffentlicht von Good Press, 2023
EAN 8596547668312

Inhaltsverzeichnis

Einführung
Synopsis
Historischer Kontext
Autorenbiografie
Martin Eden
Analyse
Reflexion
Unvergessliche Zitate
Notizen

Einführung

Inhaltsverzeichnis

Ein junger Matrose schreibt mit Tinte gegen die Schwerkraft seiner Herkunft an. In Jack Londons Martin Eden prallen der Hunger nach Bildung und das Gewicht sozialer Grenzen aufeinander, entzündet durch eine Begegnung, die die Welt plötzlich in zwei Hälften teilt. Der Roman kondensiert den Traum vom Aufstieg und die Härte der Wirklichkeit zu einem Bild von seltener Klarheit: ein Körper vom Meer geprägt, ein Geist vom Buch ergriffen. Wer dieses Buch aufschlägt, begegnet nicht nur einer Figur, sondern einer Versuchsanordnung über Ehrgeiz, Liebe und Preisgabe, deren Intensität bis heute nicht nachgelassen hat.

Warum gilt Martin Eden als Klassiker? Weil der Roman eine künstlerische Selbstwerdung mit der gesellschaftlichen Topografie der Moderne verschränkt und dabei eine exemplarische Geschichte erzählt, die sich immer wieder neu lesen lässt. Er verbindet die Dringlichkeit des amerikanischen Naturalismus mit der Selbstreflexivität des Künstlerromans. Seine Sprache ist energisch, seine Bilder bleiben haften, und seine psychologische Genauigkeit wirkt überraschend zeitlos. Seit seiner Veröffentlichung hat das Werk Diskussionen über den Mythos des Erfolgs, die Mechanik des Literaturbetriebs und die Zerreißproben zwischen Individuum und Gemeinschaft geprägt und spätere Erzählungen über Herkunft, Aufstieg und Entfremdung spürbar mitgeprägt.

Der Autor, Jack London (1876–1916), war einer der prominentesten US-amerikanischen Schriftsteller des frühen 20. Jahrhunderts. Martin Eden entstand am Ende der 1900er Jahre und erschien 1909 erstmals als Buch. London schrieb in einer Phase massiver gesellschaftlicher Umbrüche, geprägt von Industrialisierung, urbaner Verdichtung und neuen Medienmärkten. Sein Roman greift diese Dynamiken auf und führt sie am Einzelschicksal vor. Ohne autobiografisch zu sein, nutzt er Erfahrungen und Beobachtungen eines Autors, der den Weg aus einfachen Verhältnissen in die literarische Öffentlichkeit kannte. So verbindet das Buch individuelle Erfahrung mit einem präzisen Gespür für die Taktungen seiner Zeit.

Entstanden unter dem Eindruck eines expandierenden Zeitschriftenwesens, wurde die Geschichte zunächst in Fortsetzungen publiziert, bevor sie in Buchform weite Verbreitung fand. Das Publikationsjahr 1909 markiert sie als Text an der Schwelle zur Moderne, der zugleich erzählerische Traditionen fortführt. Londons Absicht lässt sich knapp umreißen: Er zeichnet ein Porträt eines Autodidakten, der mit kompromisslosem Eifer schreibt, liest und sich bildet, um die Kluft zur Welt der Gebildeten zu überbrücken. Dabei testet der Roman, was literarisches Talent, Disziplin und Markt voneinander verlangen – und welche Vorstellungen von Selbst und Gesellschaft dabei entstehen.

Im Zentrum steht ein junger Mann aus der Arbeiterklasse, geprägt von körperlicher Arbeit und Seefahrt. Eine zufällige Begegnung mit einer Frau aus bürgerlichen Kreisen öffnet ihm den Blick auf eine andere Sphäre: Bücher, Vorträge, Gesprächskultur. Was als Faszination beginnt, wird zu einer radikalen Bildungsanstrengung. Nächte des Lesens, Tage der Ablehnung durch Redaktionen, die Kollision mit Konventionen und Erwartungen formen seine Laufbahn. Das Begehren nach Anerkennung, Liebe und geistiger Größe verschränkt sich zu einem Projekt, das ebenso existenziell wie riskant ist. Der Roman folgt dieser Anspannung, ohne auf einfache Lösungen auszuweichen.

Zentrale Themen sind Selbsterschaffung, Klassendistanz und die Ambivalenz des Individualismus. Bildung erscheint als Werkzeug der Befreiung und zugleich als Keim neuer Entfremdung. Der literarische Markt lockt mit Sichtbarkeit, fordert aber Anpassung, Geduld und kalkulierte Beharrlichkeit. Liebe dient als Antrieb und Prüfstein, weil sie Erwartungen formuliert, die mit dem Streben nach Autonomie in Konflikt geraten. Der Text verhandelt außerdem die Macht von Sprache: wie sie Türen öffnen, Zugehörigkeiten markieren und Realitäten formen kann. In dieser Vielschichtigkeit liegt eine Modernität, die die Lesenden in eigene Spannungen zwischen Ehrgeiz und Bindung zurückspiegelt.

Londons Erzählweise verbindet anschauliche Szenen, knappe Dialoge und genaue Beobachtungen des sozialen Milieus. Die Perspektive bleibt nah an der Hauptfigur, ohne den Blick für Strukturen zu verlieren, die Verhalten und Optionen rahmen. Durch wiederkehrende Motive – das Meer, die Werkstatt, der Schreibtisch, das Manuskript – entsteht eine symbolische Ökonomie, die Arbeit und Schreiben als verwandte, aber ungleich bewertete Tätigkeiten zeigt. Der Ton ist energisch, bisweilen unerbittlich, und doch durchzogen von Momenten zaghaften Staunens. So entsteht eine Spannung zwischen Körper und Geist, Alltag und Ideal, die den Text vorantreibt.

Im Schatten der frühen Massenkultur und ökonomischer Konkurrenz zeigt der Roman, wie Ideen zirkulieren: über Bibliotheken, Vortragsabende, Zeitschriften, Salons. Debatten um Evolution, Erfolgsdenken und soziale Verantwortung bilden den gedanklichen Resonanzraum. Martin Eden konfrontiert die Lesenden mit einer Frage, die seine Zeit bewegte und weiterhin nachhallt: Was schuldet das Talent der Gesellschaft – und was schuldet die Gesellschaft dem Talent? Indem der Text diese Frage nicht systematisch beantwortet, sondern erzählerisch erprobt, gewinnt er argumentative Tiefe. Er macht spürbar, wie Weltanschauungen nicht nur gedacht, sondern gelebt, verhandelt, bezahlt werden.

Als Schlüsseltext des US-amerikanischen Naturalismus bringt Martin Eden die Härte sozialer Mechanismen mit einer kompromisslosen, fast experimentellen Selbstbeobachtung zusammen. Seine Position in der Literaturgeschichte ergibt sich aus dieser Doppelbindung: Abenteuerliche Lebenswelten werden zum Labor sozialer und ästhetischer Ideen. Das Buch wurde vielfach übersetzt und gehört seit Jahrzehnten zum Kanon der Diskussion um Aufstiegserzählungen und Künstlerromane. Wer die Geschichte der modernen Erfolgsnarrative verstehen will, findet hier eine frühe, hellsichtige Analyse – erzählt als fesselndes Schicksal, das die Gesetze von Markt, Klasse und Anerkennung nicht theoretisiert, sondern im Körper einer Figur erfahrbar macht.

Die Wirkung des Romans zeigt sich weniger in programmatischen Thesen als in Lesebiografien: Generationen von Leserinnen und Lesern haben in ihm einen Spiegel des eigenen Strebens oder eine Warnung vor dessen Kosten gesehen. Er hat spätere Darstellungen des schreibenden Subjekts am Rand der Gesellschaft sensibilisiert für die Dialektik von Entschlossenheit und Isolation. Auch die Institutionen der Literatur – Verlag, Zeitschrift, Kritik – erscheinen hier nicht als neutrale Bühnen, sondern als Akteure mit eigenen Logiken. Diese Perspektive hat das Nachdenken über Autorschaft, Produktionsbedingungen und kulturelles Kapital nachhaltig befruchtet.

Wer Martin Eden heute liest, begegnet einer Erzählung, die den Sog des Erfolgs nicht nur beschreibt, sondern erzeugt: Man spürt das Tempo des Lernens, die Routinen des Schreibens, den Rhythmus von Hoffnung und Rückschlag. Zugleich legt der Text die Mechanik dieses Sogs offen und lädt zu einer wachen Lektüre ein. Es lohnt, auf die kleinen Verschiebungen zu achten, mit denen soziale Grenzen internalisiert werden. Ebenso auf die Momente, in denen Sprache als Rettung erscheint – und doch neue Abhängigkeiten stiftet. So wird die Lektüre zur Reflexion über Möglichkeiten und Kosten des Aufbruchs.

Die anhaltende Relevanz des Romans liegt in seiner vielstimmigen Wahrhaftigkeit. Er zeigt, wie Aufstiegserzählungen Hoffnung spenden und zugleich Druck erzeugen; wie Bildung Türen öffnet und neue Schwellen schafft; wie Liebe beflügelt und begrenzt. In einer Gegenwart, die Leistung, Sichtbarkeit und Selbstoptimierung hochhält, liest sich Martin Eden als klarsichtige Prüfung unserer Ideale. Das Buch bleibt fesselnd, weil es die Triebkräfte des Selbstentwurfs nicht karikiert, sondern ernst nimmt – und die sozialen Landschaften, durch die sie sich bewegen, mit scharfem Blick zeichnet. Darin liegt seine dauerhafte Anziehungskraft und sein Rang als Klassiker.

Synopsis

Inhaltsverzeichnis

Martin Eden, ein junger Matrose aus einfachen Verhältnissen in Oakland, gerät zufällig in die Welt des Bürgertums, als er Arthur, einen Studenten, aus einer Gefahrensituation rettet. Aus Dank wird er in dessen Zuhause eingeladen und lernt dort Ruth kennen, deren Bildung, Sprache und Kultiviertheit ihn tief beeindrucken. Die Begegnung öffnet ihm eine fremde Sphäre aus Büchern, Musik und höflichen Umgangsformen. In Martin wächst der Entschluss, sich zu bilden und aufzusteigen. Er erkennt seine sprachlichen und kulturellen Defizite, doch ebenso seinen starken Willen, sie zu überwinden. Dieser Moment setzt seinen Weg der Selbstverwandlung in Gang.

Zurück in seinem bescheidenen Alltag beginnt Martin ein strenges Programm der Selbstbildung. Er studiert Grammatik, Literatur und Philosophie, liest systematisch Klassiker und zeitgenössische Werke und notiert sich Wörter, die er präzise anwenden will. Die Seefahrt lässt er ruhen, nimmt einfache Arbeiten an und strukturiert jeden Tag um Lektüre und Übung. Seine Begegnungen mit Ruth dienen ihm als Maßstab: Er will die Sprache der gebildeten Welt beherrschen, ohne seine Herkunft zu verleugnen. Zwischen Werkbank und Bibliothek formt sich der Wunsch, Schriftsteller zu werden. Aus dem Lernenden wird ein Suchender, der die Kunst als Möglichkeit des Aufstiegs erkennt.

Martin entscheidet, das Schreiben professionell zu verfolgen. Er entwirft Erzählungen, Essays und Gedichte, studiert Zeitschriften und Verlagsprogramme und sendet Manuskripte an Redaktionen. Die Antworten sind meist knapp: Absagen, manchmal ohne Begründung, oft mit dem Hinweis, später wieder vorzulegen. Finanziell gerät er unter Druck, spart am Nötigsten und ringt dennoch um sprachliche Präzision. Ruth ermutigt ihn zunächst, sieht aber die Unsicherheiten und fürchtet um seine Zukunft. Ihre Familie betrachtet seine Pläne skeptisch und drängt auf einen „soliden“ Beruf. Martin hält an seinem Ziel fest, überzeugt, dass Handwerk, Ausdauer und Beobachtungsgabe zu Anerkennung führen werden.

Mit wachsender Belesenheit sucht Martin intellektuellen Austausch. Er trifft auf Arbeiter, Studenten und Diskutanten, die über soziale Fragen, Kunst und Politik streiten. In diesen Gesprächen prallen unterschiedliche Weltbilder aufeinander: individualistische Selbstbehauptung, bürgerliche Moral, sozialistische Kritik an Ausbeutung. Martin prüft Argumente, lehnt Dogmen ab und formt eine eigene Position, die Leistung, Disziplin und künstlerische Wahrheit betont. Zugleich spürt er, zwischen zwei Milieus zu stehen: Für das Bürgertum bleibt er der Außenseiter, für seine alten Kameraden der Abtrünnige. Diese Reibung vertieft sein Nachdenken und fließt in Ton, Thema und Struktur seiner Texte ein.

Die Beziehung zu Ruth vertieft sich, doch der Unterschied der Lebensweisen wird deutlicher. Martins Manieren verbessern sich, dennoch stoßen seine Direktheit und sein Armutshintergrund auf Vorbehalte. Bei Besuchen in Ruths Familie merkt er subtile Herablassung und unausgesprochene Erwartungen: ein sicherer Beruf, verlässliches Einkommen, gesellschaftliche Konformität. Ruth sorgt sich um seinen Ruf und rät zur Vorsicht; Martin hingegen pocht auf geistige Unabhängigkeit und künstlerische Integrität. Zwischen Zuneigung und Anpassungsdruck entsteht Spannung. Martins Schreiben wird zugleich nüchterner und präziser, genährt von Beobachtungen dieser Kluft. Er sieht deutlicher, wie Sprache, Bildung und Besitz soziale Grenzen befestigen.

Ein Wendepunkt ist Martins Bekanntschaft mit literarisch orientierten Kreisen, darunter der kränkliche Dichter Brissenden. In diesen Begegnungen erfährt er eine andere Art von Anerkennung: nicht Status, sondern Gespräche über Form, Rhythmus, Idee. Brissenden bestärkt ihn, Kompromisse zu vermeiden, und konfrontiert ihn mit scharfer Gesellschaftskritik. Martin arbeitet in langen Nächten, überarbeitet Frühwerke und wagt größere Formate. Seine Texte gewinnen an Dichte, Beobachtungen an Schärfe. Trotz dieser inneren Fortschritte bleiben die äußeren Erfolge aus: Redaktionen verwerfen Manuskripte, Honorare bleiben aus. Martins Selbstvertrauen ruht nun weniger auf Zuspruch, sondern auf dem Gefühl handwerklicher Reife.

Die materielle Not spitzt sich zu. Martin lebt von kargen Mahlzeiten, verpfändet Habseligkeiten und schont Papier, während er weiterhin täglich schreibt. Körperliche Erschöpfung und Krankheiten hemmen ihn, doch sein Arbeitsplan bleibt unerbittlich. Er analysiert Absagen, vergleicht Stile und Zeitschriftenprofile, passt Einsendungen an, ohne das Eigene zu verlieren. Gelegentlich blitzt Hoffnung auf: eine kurze Notiz, ein freundlicher Satz, eine fast-Annahme. Diese kleinen Zeichen genügen, um ihn im Rhythmus zu halten. Gleichzeitig verschärfen gesellschaftliche Erwartungen den Druck: Freunde raten zur Aufgabe, Familien wünschen Planbarkeit. Martin bindet sich fester an sein Ziel und sucht Kraft im Werk selbst.

Schließlich zeichnet sich eine Wende ab. Ein früher abgelehntes Manuskript findet Anklang, weitere Texte werden angenommen, und innerhalb kurzer Zeit wächst Martins Reputation. Verlage fragen nach, Leser reagieren, sein Name kursiert in Salons und Redaktionen. Mit dem Erfolg verändert sich die Haltung der Umwelt: Menschen, die ihn ignorierten, suchen Nähe; die gleichen Themen, die zuvor Anstoß erregten, gelten nun als markant. Auch persönliche Beziehungen verschieben sich. Während öffentliche Anerkennung steigt, spürt Martin innere Unruhe: Er prüft, ob Lob den Wert der Arbeit bestätigt oder nur den Geschmack der Menge. Das Spannungsfeld zwischen Ideal und Markt rückt ins Zentrum.

Ohne vorzugreifen, konzentriert sich das Finale auf die Frage, was Erfolg bedeutet und welchen Preis Selbstverwirklichung hat. Martin konfrontiert die Diskrepanz zwischen äußerer Anerkennung und innerer Erfüllung, zwischen sozialem Aufstieg und persönlicher Wahrheit. Das Buch zeichnet ein Bild der modernen Gesellschaft, in der Klassenunterschiede, kulturelles Kapital und Öffentlichkeit den Wert von Menschen und Werken mitbestimmen. Zugleich betont es den Willen zur Bildung und die Verantwortung des Einzelnen, seinen Maßstab zu finden. Martin Eden ist damit Erzählung und Reflexion zugleich: ein Weg der Selbstbildung, eine Kritik sozialer Mechanismen und eine Prüfung künstlerischer Integrität.

Historischer Kontext

Inhaltsverzeichnis

Martin Eden spielt um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert in der San-Francisco-Bucht, vornehmlich in Oakland und San Francisco. Diese Region vereinte Hafenwirtschaft, Eisenbahnknoten und schnell wachsende Vorstädte. Dampfschiffe verbanden die Bucht mit dem Pazifik, während Fabriken, Werften und Lagerhäuser Arbeitskräfte aus der gesamten Westküste anzogen. Zeitlich fällt die Handlung in die frühe Progressive Era (ca. 1890–1917), eine Phase tiefgreifender Reformen und zugleich massiver Ungleichheiten. Die städtische Topographie – viktorianische Villen auf den Hügeln, Arbeiterviertel an den Docks – bildet die soziale Bühne, auf der Martins Aufstieg und Entfremdung sichtbar werden.

Die lokalen Milieus sind klar geschichtet: Das bürgerliche San Francisco mit Clubs, Salons und Universitätsnähe kontrastiert mit Oaklands Hafenkante, Kneipen und Pensionen für Seeleute. Elektrische Straßenbahnen erweiterten seit den 1890er Jahren den Zugriff auf Bildung, Theater und bürgerliche Vergnügungen, ohne die Klassengrenzen aufzuheben. Bibliotheken, Zeitungen und Zeitschriften florierten; Verlage und Redaktionen in San Francisco (etwa Overland Monthly) bildeten ein literarisches Ökosystem. Diese urbane Verdichtung, verbunden mit strenger sozialer Etiquette, erklärt die Konflikte zwischen Martins Arbeiterherkunft und dem normensicheren Habitus der wohlhabenden Kreise, die er zu betreten versucht.

Zentrale Prägekraft ist der Übergang von der Gilded Age zur Progressiven Ära: Industriekonglomerate, Trusts und Hafenmonopole verstärkten zwischen 1880 und 1910 Produktivität und Vermögen, aber auch Klassenspannungen. In San Francisco spitzte sich dies 1901 in der City Front Federation zu, einem Bündnis maritimer Gewerkschaften (darunter Teamsters und Hafenarbeiter), das gegen die Waterfront Employers’ Association antrat. Streiks, Streikbrecher, Gewalt und Schiedsverfahren prägten Monate. Martin Eden reflektiert diese Konfliktlinien, indem er Aufstiegsideologie, Lohnarbeit und soziale Anerkennung gegeneinanderhält: individuelle Anstrengung stößt auf die Macht strukturierter Klasseninteressen.

Die maritime Arbeitswelt der Pazifikküste verschärfte soziale Risiken. Die Sailors’ Union of the Pacific (gegründet 1885) kämpfte gegen „crimping“, Ausbeutung durch Heuervermittler, harte Disziplin und mangelhaften Arbeitsschutz. Vor dem Seamen’s Act von 1915 konnten Seeleute wegen Desertion kriminalisiert werden; Vertragsbedingungen waren drückend, Unterkünfte oft prekär. Diese historisch belegten Zustände stehen hinter Martins Biografie als Seemann: die Weite des Pazifiks, die Härten an Bord, das episodische Einkommen. Londons genaue Kenntnis dieser Welt – erworben auf Fahrten im Pazifik – verleiht der Erzählung soziale Faktur und verbindet individuelle Ambition mit globaler Transportökonomie.

Die Konflikte kulminierten erneut 1907 in der San-Francisco-Straßenbahnerstreikbewegung gegen die United Railroads. Zwischen Mai und November kam es zu Zusammenstößen, Sabotagevorwürfen und massiven Polizeieinsätzen; parallel erschütterten Korruptionsprozesse die Stadt (Graft Trials um Bürgermeister Eugene Schmitz und den politischen Boss Abe Ruef, 1906–1908). Die Verquickung privater Verkehrskonzessionen, politischer Bestechung und Arbeitskämpfe beleuchtet die Grenzen des „ehrlichen“ Aufstiegs. In Martin Eden bildet diese Lagekulisse den Hintergrund eines Milieus, in dem Würde, Arbeit und Anerkennung nicht in einem fairen Markt ausgehandelt werden, sondern unter asymmetrischer Macht und öffentlicher Moralpanik.

Ebenso prägend war der Aufstieg der Massenpresse. Der Postal Act von 1879 senkte Zeitschriftenporto; Halbtone-Druck und nationale Werbung explodierten in den 1890ern. Titel wie McClure’s, Everybody’s und The Saturday Evening Post erreichten Millionenauflagen um 1900–1910. Die Westküste partizipierte über Agenturen, Bahnverbindungen und lokale Magazine (etwa Overland Monthly), die Texte aus Kalifornien national zirkulieren ließen. Martin Eden verankert sich in dieser Ökonomie: Der Protagonist schreibt für ein anonymes, aber zahlungskräftiges Magazinpublikum und begegnet Redaktionsbürokratien, Ablehnungen und schwankenden Honoraren.

Die Honorarkultur der Epoche machte Ruhm volatil. Jack London verkaufte 1903 die Vorabdruckrechte von The Call of the Wild an The Saturday Evening Post für etwa 750 US-Dollar; Buchrechte folgten bei Macmillan. Solche Zahlen zeigen, wie Magazine Autorenkarrieren hebelten – doch nur, wenn Namen etabliert waren. Für Unbekannte blieben Wartezeiten lang und Rückläufe hoch. Martin Eden bildet diese Realität exakt ab: monatelange Verzögerungen, fehlende Antwort, erst später plötzliche Nachfrage. Das Werk dramatisiert damit eine reale Marktstruktur, in der kulturelles Kapital zeitversetzt entlohnt wird und prekäre Zwischenphasen existenziell gefährlich sind.

Ein juristischer Angelpunkt ist der Copyright Act von 1909 (4. März 1909), der Autorenschutz und Verwertungsrechte neu ordnete, inklusive Mechanikrechten und formaler Registrierung. Er reagierte auf den expandierenden Zeitschriften- und Musikmarkt und sollte Einnahmen kalkulierbarer machen. Obgleich Martin Eden im selben Jahr erschien und die Reform nicht direkt thematisiert, spiegelt die Handlung den Druck, geistige Arbeit in einem schnell kapitalisierten Medienumfeld zu monetarisieren. Die Erzählung verknüpft Unklarheiten über Rechte, Vorauszahlungen und Nachdrucke mit der psychischen Belastung des Autors, dessen Lebensunterhalt vom unberechenbaren Strom der Periodika abhängt.

Wirtschaftliche Krisen verschärften die Unsicherheit. Die Panic von 1893 brachte Massenarbeitslosigkeit und Bankenzusammenbrüche; die Panic von 1907 löste nach dem Knickerbocker-Trust-Zusammenbruch Kreditklemmen, Börsenstürze und Unternehmenspleiten aus. An der Westküste sanken Frachtvolumina und Hafenumschläge; Wohltätigkeit und Suppenküchen dehnten sich aus. Martin Eden registriert diese Konjunkturbrüche indirekt: Der Protagonist schwankt zwischen materieller Not und plötzlicher Prosperität, während dieselben Kreise, die ihn zuvor ignorierten, nach wirtschaftlicher Stabilisierung sein Werk feiern. Das Buch illustriert so die zyklische Kopplung von Anerkennung, Kaufkraft und Verlagsrisiko.

Amerikanischer Imperialismus im Pazifik prägte die Region. 1898 führte der Spanisch-Amerikanische Krieg zur Annexion von Puerto Rico, Guam und – nach Debatten – zur Kontrolle über die Philippinen (Philippinisch-Amerikanischer Krieg 1899–1902). Hawaii wurde 1898 einverleibt (Organic Act 1900). San Francisco und Oakland fungierten als logistische Drehscheiben für Truppen, Kohle und Handel in Richtung Asien. Martin Eden verknüpft diese Expansion über Martins Seefahrerbiografie und die Reiseroute in die Südsee: Die Erzählung atmet eine Epoche, in der maritime Arbeit, Imperium und Fernhandel eng verwoben waren und Weltreichspolitik individuelle Lebenswege tangierte.

Das Erdbeben und die Feuer von San Francisco am 18. April 1906 (Magnitude etwa 7,9) zerstörten rund 80 Prozent der Stadt; etwa 3.000 Menschen starben, Zehntausende lebten monatelang in Lagern. Der Wiederaufbau veränderte Straßenzüge, Mieten und Eigentumsverhältnisse. Selbst wenn Martin Eden die Katastrophe nicht ausführt, verschiebt sie den sozialen Resonanzraum der Handlung: Verlage, Redaktionen, Ateliers und Salons mussten neu entstehen; Netzwerke brachen ab oder bildeten sich anders. Der Roman, 1909 erschienen, erscheint damit auf einem urbanen Terrain, das gerade erst seine kulturelle Infrastruktur und seine Klassengeographien neu sortiert hatte.

Einwanderung und Ausschlusspolitik strukturierten Arbeitsmärkte. Der Chinese Exclusion Act (1882), verschärft durch den Geary Act (1892) und 1902 auf unbestimmte Zeit verlängert, sowie lokale Segregationspraktiken trafen San Franciscos Chinatown hart. 1906 entzündete sich eine Schulsegregationskrise gegenüber japanischen Schülern; die Gentlemen’s Agreement (1907) zwischen den USA und Japan begrenzte anschließend Einwanderung. Diese Maßnahmen hielten Löhne unten, schürten Ressentiments und prägten Hafen- und Dienstleistungssektoren. Martin Eden reflektiert eine Stadt, in der Rassismus und Konkurrenzdruck die soziale Leiter rutschig machen und moralische Urteile der Oberschicht selektiv angewendet werden.

Die sozialistische Bewegung gewann um 1900 an Sichtbarkeit: Die Socialist Party of America konstituierte sich 1901; Eugene V. Debs kandidierte 1904 und 1908 bundesweit. An der Pazifikküste existierten aktive Ortsverbände; Arbeiterzeitungen debattierten Tariffragen, Arbeitszeit und Eigentum. Jack London trat 1901 der Sozialistischen Partei bei und kandidierte lokal; seine politischen Erfahrungen fließen in die Polemik gegen Ausbeutung und in die Skepsis gegenüber bürgerlicher Wohltätigkeit ein. Martin Eden stellt diese Weltanschauungen nicht als Parteiprogramm dar, sondern als moralisch-gesellschaftliche Kritik eines Autodidakten, der die Widersprüche von Markt und Würde durcharbeitet.

Bildungsexpansion formte die bürgerliche Kultur. Die University of California in Berkeley und das 1891 gegründete Stanford boten der Region akademische Anziehungskraft; die öffentliche Bibliotheksbewegung – unterstützt durch zahlreiche Carnegie-Stiftungen – verbreitete Lesesäle und Kataloge. In der Bay Area entstanden um 1900 mehrere neue Bibliotheksbauten und Lesevereine; Frauen- und Bürgerklubs förderten Vorträge und Debatten. Martin Eden spiegelt diese Infrastruktur: Der Held eignet sich Wissen über Bibliotheken an, während die gebildete Elite ihre Distinktion über formale Bildung, Vortragskultur und Vereinswesen behauptet – eine soziale Mauer, die er intellektuell überwindet, gesellschaftlich aber kaum durchbricht.

Urbanes Wachstum brachte Gesundheitskrisen. 1900 wurde in San Franciscos Chinatown die Beulenpest bestätigt; Quarantänen, Bundesinterventionen und Stigmatisierung folgten. Eine zweite Welle 1907–1909 führte zu intensiveren Gesundheitsämtern, Hygienekampagnen und Infrastrukturmaßnahmen. Zugleich blühten Billigunterkünfte, Sweatshops und niedrige Löhne in Oakland und San Francisco; Tuberkulose und Unfälle belasteten Arbeiterfamilien. Martin Eden zeigt die prekäre Körperökonomie der Armen: schlechte Ernährung, überlange Arbeitszeit, Krankheit. Die Erzählung macht sichtbar, dass nicht nur Kapitalzugang, sondern auch städtische Umweltbedingungen über die Möglichkeit entscheiden, aus geistiger Arbeit Stabilität zu gewinnen.

Als gesellschaftliche Kritik attackiert das Buch den Mythos meritokratischer Durchlässigkeit. Es zeigt, wie kulturelles Kapital erst nach marktförmiger Validierung zählt und wie Anerkennung an Klassencodes, Empfehlungen und Netzwerke gebunden bleibt. Die ökonomischen Zyklen der 1890er und 1900er, die Macht der Verlage und die Gewalt industrieller Arbeitskämpfe bilden die Folie, vor der Martins Erfolg verspätet und hohl erscheint. Die Romanhandlung entlarvt die Gleichsetzung von Charakter und Einkommen als Ideologie einer Epoche, die Reichtum moralisch überhöht und Armut als individuelles Versagen brandmarkt.

Politisch kritisiert das Werk die Verquickung von Kapital, Stadtpolitik und imperialer Expansion, die Lebensläufe instrumentalisiert. Es legt Klassengegensätze offen, indem es bürgerliche Wohlanständigkeit neben Streikgewalt, Korruption und rassistische Ausschlüsse stellt. Frauen- und Bildungskreise erscheinen als Hüterinnen sozialer Grenzziehung; die Gesundheitskrisen der Städte demaskieren die sozialen Kosten des Fortschritts. Indem Martin Eden die Erschöpfung eines Autors in einem Medienkapitalismus schildert, zeigt es die Entwertung menschlicher Arbeit und Zuneigung durch Marktlogiken – eine Diagnose, die die politischen Konflikte der Progressiven Ära in eine existenzielle Anklage übersetzt.

Autorenbiografie

Inhaltsverzeichnis

Jack London (1876–1916) war ein US-amerikanischer Schriftsteller und Journalist der Progressiven Ära, dessen Werk internationale Popularität erlangte. Bekannt wurde er mit packenden Abenteuerromanen und naturalistischen Erzählungen, die Erfahrungen in Grenzregionen mit Beobachtungen zu Gesellschaft, Arbeit und Macht verbanden. Seine Texte spiegeln die Dynamik einer industrialisierten, expansionistischen Epoche und verknüpfen Überlebensdrama mit sozialer Analyse. Als einer der ersten US-Autoren lebte er materiell vom Schreiben und war zugleich eine öffentliche Medienfigur. Londons Mischung aus Realismus, Naturalismus und reportagehaftem Blick prägte die Literatur des frühen 20. Jahrhunderts nachhaltig und machte ihn zu einem Bezugspunkt für populäre und kanonische Lektüren.

Londons Bildung verlief unkonventionell. Er war weitgehend Autodidakt, nutzte intensiv öffentliche Bibliotheken und besuchte kurz die University of California in Berkeley, bevor finanzielle Zwänge ihn zur Erwerbsarbeit zurückführten. Intellektuell prägten ihn evolutions- und gesellschaftstheoretische Debatten seiner Zeit; er las unter anderem Charles Darwin und Herbert Spencer und rezipierte sozialistische Theorie. Literarisch orientierte er sich an realistischen und naturalistischen Strömungen sowie an Abenteuerschriftstellern wie Rudyard Kipling und Robert Louis Stevenson. Die Schule der Zeitungen und Magazine lehrte ihn Ökonomie, Tempo und Prägnanz, die seine späteren Erzählungen ebenso kennzeichnen wie ihre oft harte, konkrete Dingwelt.

Vor dem Durchbruch sammelte London vielfältige Arbeitserfahrungen, unter anderem zur See und auf Wanderschaft. Entscheidende Impulse erhielt er während des Klondike-Goldrauschs in den späten 1890er-Jahren, dessen Kälte, Entbehrung und soziale Härte sein Themenreservoir nährten. Um die Jahrhundertwende begann er konsequent zu publizieren. Frühwerke wie The Son of the Wolf (1900), The God of His Fathers (1901) und Children of the Frost (1902) etablierten ihn mit Erzählungen aus dem Norden. Der Roman The Call of the Wild (1903) verschaffte ihm internationale Aufmerksamkeit und machte ihn zu einem gefragten Namen auf dem Zeitschriften- und Buchmarkt der Vereinigten Staaten und darüber hinaus.

London entfaltete ein breites Spektrum an Formen: Abenteuerromane, Erzählzyklen, soziale Reportagen, Memoiren und politische Fiktion. Zu den meistgelesenen Werken zählen The Sea-Wolf (1904), White Fang (1906), Martin Eden (1909) und die Erzählung To Build a Fire. Im Sachbuch The People of the Abyss (1903) porträtierte er Armut in Londons East End; The Road (1907) und John Barleycorn (1913) verarbeiteten Erfahrungen als Wanderarbeiter und mit Alkohol. Mit The Iron Heel (1908) trug er früh zur dystopischen Tradition bei. Spätere Bücher wie Burning Daylight (1910), South Sea Tales (1911), The Scarlet Plague (1912) und The Star Rover (1915) erweiterten sein thematisches Feld.

Politisch trat London als überzeugter Sozialist auf, engagierte sich in entsprechenden Organisationen und kandidierte in den frühen 1900er-Jahren zweimal für das Bürgermeisteramt in Oakland. Seine Essaysammlungen War of the Classes (1905) und Revolution and Other Essays (1910) artikulierten Kritik an Klassenherrschaft, Prekarität und imperialer Politik. Als Reporter berichtete er unter anderem über den Russisch-Japanischen Krieg und dokumentierte das Erdbeben von San Francisco. Die Verbindung von Aktivismus, Beobachtung und Fiktion schärfte seine literarische Perspektive: Fragen nach Determinismus, Solidarität und individueller Handlungsfreiheit durchziehen Erzählwerk und Romane, ohne ihre Spannung oder Anschaulichkeit zu mindern.

Reisen und Ortswechsel prägten auch Londons spätere Jahre. Die mehrjährige Fahrt mit der eigenen Yacht Snark durch den Pazifik führte zu Reiseprosa wie The Cruise of the Snark (1911) und prägte die South Sea Tales. In Kalifornien etablierte er einen landwirtschaftlichen Betrieb, dessen ökonomische und ökologische Experimente seiner Arbeitsdisziplin entsprachen. Hohe Produktivität und enge Verträge mit Zeitschriften sicherten Reichweite, erhöhten aber den Druck. Gesundheitsprobleme belasteten die letzten Jahre. London blieb dennoch publizistisch aktiv und starb 1916 in Kalifornien. Sein Spätwerk zeigt formale Risikobereitschaft und thematische Erweiterungen, die über die reinen Nordland- und Seegeschichten hinausreichen.

Jack Londons Vermächtnis verbindet populäre Lesbarkeit mit intellektueller Reibung. Werke wie The Call of the Wild und White Fang gehören weltweit zum festen Bestand; zahlreiche Adaptionen im Film und in anderen Medien belegen die anhaltende Resonanz. In der Forschung wird sein Beitrag zum amerikanischen Naturalismus, zur Abenteuerliteratur und zur frühen Dystopie hervorgehoben, zugleich werden zeitgebundene Haltungen, etwa zu Rasse und Imperialismus, kritisch kontextualisiert. Seine Themen – Natur und Technik, Arbeit und Risiko, Gemeinschaft und Eigenwille – bleiben aktuell. London gilt heute als Autor, der Massenpublikum und literarische Debatte gleichermaßen nachhaltig beeinflusst hat.

Martin Eden

Hauptinhaltsverzeichnis
Band I
Erstes Kapitel
Zweites Kapitel
Drittes Kapitel
Viertes Kapitel
Fünftes Kapitel
Sechstes Kapitel
Siebentes Kapitel
Achtes Kapitel
Neuntes Kapitel
Zehntes Kapitel
Elftes Kapitel
Zwölftes Kapitel
Dreizehntes Kapitel
Vierzehntes Kapitel
Fünfzehntes Kapitel
Sechzehntes Kapitel
Siebzehntes Kapitel
Achtzehntes Kapitel
Neunzehntes Kapitel
Zwanzigstes Kapitel
Einundzwanzigstes Kapitel
Zweiundzwanzigstes Kapitel
Dreiundzwanzigstes Kapitel
Vierundzwanzigstes Kapitel
Band II
Erstes Kapitel
Zweites Kapitel
Drittes Kapitel
Viertes Kapitel
Fünftes Kapitel
Sechstes Kapitel
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Band I

Inhaltsverzeichnis

Erstes Kapitel

Inhaltsverzeichnis

Der eine öffnete die Tür mit einem Drücker und trat ein. Ihm folgte ein junger Bursche, der linkisch die Mütze abnahm. Seine Kleidung war derb und erinnerte an die See; offenbar fühlte er sich in der geräumigen Halle wie ein Fisch auf dem Trockenen. Er wußte nicht, was er mit seiner Mütze anfangen sollte und wollte sie gerade in die Hosentasche stopfen, als der andere sie ihm abnahm. Es war eine ganz ruhige, natürliche Handlung, und der linkische junge Bursche wußte sie zu schätzen. »Er hat Verständnis dafür«, dachte er. »Er wird mir schon weiterhelfen.«

Er folgte dem andern auf den Fersen, indem er die Schultern vor und zurück schob und die Füße unbewußt weit auseinandersetzte, als höbe und senkte sich der ebene Boden wie Meereswogen. Die großen Räume schienen ihm zu eng für seinen rollenden Gang, und er hatte selbst eine furchtbare Angst, daß seine breiten Schultern mit den Türrahmen kollidieren oder die Kunstgegenstände von dem niedrigen Kamin fegen würden. Er prallte zwischen den verschiedenen Dingen hin und her und vervielfältigte dadurch die Gefahren, die in Wirklichkeit nur in seiner Einbildung bestanden. Zwischen einem Flügel und einem bücherbeladenen Tisch in der Mitte des Zimmers wäre Platz genug für ein halbes Dutzend Männer nebeneinander gewesen, aber er wagte den Weg nur mit Angst und Beben. Seine schweren Arme hingen schlaff an seinen Seiten herab. Er wußte nicht, was er mit diesen Armen und Händen anfangen sollte, und als seine geängstigte Phantasie ihm vorspiegelte, daß er die Bücher auf dem Tische berühren könnte, machte er wie ein scheues Pferd einen Satz nach der anderen Seite und entging mit Mühe und Not einem Zusammenstoß mit dem Klavierschemel. Er bemerkte den leichten Gang des andern vor ihm, und zum erstenmal wurde ihm klar, daß sein Gang sich von dem anderer Leute unterschied. Plötzlich überkam ihn ein Gefühl der Scham über seine eigene Ungeschicklichkeit. Der Schweiß brach in kleinen Tröpfchen auf seiner Stirn aus, er blieb stehen und wischte sich das sonnenverbrannte Gesicht mit seinem Taschentuch.

»Wart' ein bißchen, Arthur, mein Junge«, sagte er, indem er seine Angst hinter einem scherzhaften Auftreten zu verbergen suchte. »Das ist zuviel auf einmal für deinen ergebenen Diener. Du mußt mir Zeit lassen, mal Luft zu schöpfen. Du weißt, daß ich nicht mitkommen wollte, und vermutlich wird deine Familie sich auch nicht gerade soviel daraus machen, mich kennenzulernen.«

»Laß nur«, lautete die beruhigende Antwort. »Du brauchst nicht bange vor uns zu sein. Wir sind ganz einfache Menschen. Hallo, da ist ja ein Brief für mich!« Er trat an den Tisch, riß einen Brief auf und begann zu lesen, so daß der Fremde Gelegenheit hatte, sich zu sammeln. Und der Fremde verstand ihn und war ihm dankbar. Er hatte selbst die Gabe des Verstehens, und auch jetzt verließ sie ihn nicht trotz seiner Ängstlichkeit. Er trocknete sich die Stirn und sah sich ruhiger um, wenn in seinen Augen auch der Ausdruck des wilden Tieres war, das die Falle fürchtet. Er befand sich in einer unbekannten Umgebung, fürchtete sich vor dem, was da geschehen mochte, und wußte nicht, wie er sich benehmen sollte; aber er war sich seiner Ungeschicklichkeit wohl bewußt und fürchtete, daß sein Geist und seine Seele ebenso gelähmt waren wie sein Körper. Er war sehr empfindsam, hoffnungslos selbstbewußt, und der belustigte Blick, den der andere ihm heimlich über den Rand des Briefes zuwarf, brannte wie ein Dolchstoß in ihm. Er ließ sich jedoch nichts merken, denn unter den Dingen, die er gelernt hatte, befand sich auch Selbstbeherrschung. Aber der Dolchstoß hatte auch seinen Stolz getroffen. Er verwünschte sich, weil er gekommen war, und beschloß gleichzeitig, die nun einmal begonnene Sache auch durchzuführen. Die Linien in seinem Gesicht wurden schärfer, und ein kampfbereiter Ausdruck trat in seine Augen. Er sah sich mit größerer Sorglosigkeit um und fühlte mit seiner schnellen Auffassungsgabe, wie jede Einzelheit in dem schönen Raum sich seinem Bewußtsein einprägte. Seine Augen standen weit auseinander; nichts innerhalb ihres Gesichtskreises entging ihm; und wie sie die Schönheit, die sie sahen, tranken, schwand der kampfbereite Ausdruck in ihnen und wich einer warmen Glut. Er war empfänglich für Schönheit, und hier gab es genug aufzunehmen.

Ein Ölgemälde fesselte ihn. Schwere Brandung donnerte krachend gegen einen vorspringenden Felsen; drohende Sturmwolken bedeckten den Himmel, und vor der Brandung lag ein Lotsenschoner mit gerefften Segeln, holte gerade über, so daß man jede Einzelheit auf seinem Deck sah, und wurde von den Wellen in ein wolkiges Abendrot gehoben. Das war Schönheit, und er fühlte sich unwiderstehlich davon angezogen. Er vergaß seinen linkischen Gang und trat ganz dicht an das Gemälde heran. Da schwand die Schönheit von der Leinwand. Sein Gesicht drückte Bestürzung aus. Er starrte auf etwas, das scheinbar nichts als eine nachlässige Schmiererei war. Dann trat er wieder zurück. Sofort kehrte alle Schönheit auf die Leinwand zurück. »Ein Trickbild«, dachte er und wandte sich ab, fand aber doch inmitten der vielen Eindrücke, die auf ihn einstürmten, Zeit, sich darüber zu ärgern, daß man soviel Schönheit auf ein Trickbild geopfert hatte. Von Malerei verstand er nichts. Er war zwischen Öldrucken und Lithographien aufgewachsen, die in der Nähe wie aus der Ferne immer gleich scharf und deutlich waren. Zwar hatte er in Schaufenstern Gemälde gesehen, aber die Scheibe hatte ihn verhindert, dicht an sie heranzutreten.

Er blickte sich nach seinem Freunde um, der immer noch seinen Brief las, und sah die Bücher auf dem Tische. In seine Augen trat der träumerische, sehnsüchtige Ausdruck eines Hungrigen, der etwas Eßbares sieht. Einer Eingebung folgend, trat er mit einem einzigen Schritt und einem Ruck der Schultern von rechts nach links an den Tisch, wo er zärtlich über die Bücher zu streichen begann. Er betrachtete Titel und Verfassernamen, las Bruchstücke von ihrem Inhalt, liebkoste die Bände immer wieder mit Augen und Händen und erkannte ein Buch, das er gelesen hatte; die übrigen Bücher und Schriftsteller waren ihm fremd. Ein Buch von Swinburne[1] fiel ihm plötzlich in die Hand. Er begann darin zu lesen, vergaß bald ganz, wo er sich befand, und sein Gesicht leuchtete. Zweimal blätterte er zurück, um den Namen des Verfassers zu sehen. Swinburne! Den Namen wollte er sich merken. Der Mann hatte Augen im Kopf und hatte wahrhaftig Farben und strahlendes Licht gesehen. Aber wer war Swinburne? War er seit hundert Jahren tot wie die meisten Dichter? Oder lebte und schrieb er noch? Er blätterte zur Titelseite zurück. Ja, er hatte noch andere Bücher geschrieben. Schön, das erste, was er morgen früh tun wollte, war, daß er in die Volksbücherei ging und etwas von dem, was Swinburne geschrieben hatte, zu bekommen suchte. Dann kehrte er wieder zu dem Inhalt des Buches zurück und vergaß alles um sich her. Er bemerkte nicht, daß eine junge Dame ins Zimmer trat. Das erste, dessen er sich bewußt wurde, war die Stimme Arthurs, die sagte:

»Ruth, das ist Herr Eden.«

Das Buch wurde über dem Zeigefinger geschlossen, aber noch ehe er sich umgedreht hatte, fühlte er sich schon von einem neuen Eindruck durchbebt, dessen Ursache nicht das junge Mädchen, sondern die Äußerung ihres Bruders war. Dieser muskulöse Körper barg nämlich höchste Empfindsamkeit. Bei dem geringsten Eindruck von der Außenwelt loderten seine Gedanken und Gefühle in hellen Flammen auf. Er war ungewöhnlich empfänglich, und seine Phantasie, die stets unter Hochdruck arbeitete, bemühte sich immer, Gleichheiten und Unterschiede festzustellen. Was jetzt einen so starken Eindruck auf ihn gemacht hatte, war, daß er »Herr Eden« genannt worden war – er, der sein ganzes Leben lang nur »Eden«, »Martin Eden« oder einfach »Martin« geheißen hatte. Und jetzt »Herr!« Das war wirklich ein weiter Schritt vorwärts, sagte er sich. Sein Kopf schien augenblicklich zu einer ungeheuren Camera obscura zu werden, in der eine endlose Reihe von Bildern aus seinem Leben auftauchte, Bilder von Feuerungsräumen und Mannschaftslogis, von Lagern und Küsten, Gefängnissen und Kneipen, Fieberhospitälern und Armenhäusern, deren einzige Ähnlichkeit in der Art bestanden hatte, wie er in den verschiedenen Situationen angeredet worden war.

Und dann drehte er sich um und sah das Mädchen an. Bei ihrem Anblick verschwanden die Schattenbilder in seinem Kopfe mit einem Schlage. Sie war ein blasses, ätherisches Geschöpf mit großen, träumerischen, blauen Augen und einer Flut goldenen Haares. Von ihrer Kleidung wußte er nichts, als daß sie wunderbar anzusehen war. Er verglich sie mit einer blaßgoldenen Blume auf schlankem Stiel. Nein, sie war eine Elfe, eine Gottheit; diese erhabene Schönheit war nicht von dieser Welt. Oder hatten vielleicht die Bücher recht, und es gab viele ihrer Art in den höheren Klassen? Sie hätte gut von diesem Swinburne besungen werden können. Vielleicht hatte er an eine wie sie gedacht, als er in dem Buch, das dort auf dem Tische lag, dieses Mädchen, die Iseult, schilderte. Dies ganze Übermaß an Sinneseindrücken und Gedanken bestürmte ihn in einem Augenblick. Die wirklichen Dinge, zwischen denen er sich bewegte, geboten ihnen keinen Halt. Er sah, wie sie die Hand ausstreckte und ihm gerade in die Augen blickte, wobei sie ihm die Hand so freimütig schüttelte, als wäre sie ein Mann. Die Frauen, die er bisher gekannt hatte, schüttelten die Hand nicht auf diese Weise. Die meisten von ihnen gaben überhaupt nicht die Hand. Eine Flut von Gedankenverbindungen und Erinnerungen daran, wie er die Bekanntschaft von Frauen gemacht hatte, schlug über seinem Bewußtsein zusammen und drohte es unter sich zu begraben. Aber er schüttelte sie ab und betrachtete das Mädchen. Noch nie hatte er ein solches weibliches Wesen gesehen. Die Frauen, die er gekannt hatte! Sofort stellten sich die Frauen, die er gekannt hatte, zu beiden Seiten neben ihr auf. Eine ewig währende Sekunde stand er mitten in einer Bildnisgalerie, deren Mittelpunkt sie bildete, und um sie scharten sich viele Frauen, die alle mit blitzschnellem Blick gewogen und gemessen werden sollten, während sie selbst die Gewichts- und Maßeinheit darstellte. Er sah die blassen, kränklichen Gesichter der Fabrikarbeiterinnen und die albernen, lauten Mädchen südlich der Market Street, Mädchen aus den Viehdistrikten und dunkelhäutige zigarettenrauchende Mexikanerinnen. Aber die wurden wieder verdrängt von puppenhaften Japanerinnen, die auf Holzklötzen einhertrippelten, von Eurasierinnen, deren feine Züge vom Verfall der Rasse gezeichnet waren, von vollblütigen blumengeschmückten, braunhäutigen Südseeinsulanerinnen. Sie alle wurden ausgelöscht durch eine lächerliche und doch furchtbare Brut – tückische, schmutzige Geschöpfe aus den Straßen Whitechapels, branntweinduftende Hexen der Gassen und der ganze große Höllenschwarm von Harpyen, bösmäulig und dreckig, Ungeheuer in Weibergestalt, die auf Seeleute lauerten, der Abschaum der Häfen, der Bodensatz der Menschheit.

»Wollen Sie nicht Platz nehmen, Herr Eden?« sagte das Mädchen. »Seit Arthur uns von Ihnen erzählte, habe ich mich so darauf gefreut, Sie kennenzulernen. Es war tapfer von Ihnen –«

Er machte eine abwehrende Handbewegung und murmelte, das, was er getan habe, sei nicht der Rede wert. Jeder andere hätte genau so gehandelt. Sie bemerkte, daß seine Hand von frischen, in der Heilung begriffenen Hautabschürfungen bedeckt war, und ein Blick auf die andere Hand zeigte ihr, daß sie sich in derselben Verfassung befand. Ihr schneller prüfender Blick entdeckte auch eine Narbe an seinem Kinn, eine zweite unter den Haaren verschwindende Narbe auf seiner Stirn und eine dritte am Halse, wo sie unter dem steifen Kragen verschwand. Sie unterdrückte ein Lächeln beim Anblick des roten Strichs, den der Kragen in die sonnenverbrannte Haut gerieben hatte. Er war offenbar nicht gewohnt, steife Kragen zu tragen. Ihr weiblicher Blick schweifte auch über seine Kleidung und bemerkte den schlechten, ungeschickten Schnitt, den Rock, der sich an den Schultern beutelte, und die Falten in den Ärmeln, die seine mächtigen Muskeln ahnen ließen.

Während er die Handbewegung machte und murmelte, daß er nichts getan hätte, kam er ihrer Aufforderung, sich zu setzen, nach. Er hatte gerade noch Zeit, die Leichtigkeit zu bewundern, mit der sie sich setzte, dann taumelte er nieder auf einen Stuhl, der dem ihren gegenüberstand, überwältigt von dem Bewußtsein seiner eigenen Ungeschicklichkeit. Das war ihm etwas ganz Neues. Sein ganzes Leben, bis zu diesem Tage, hatte er nicht darüber nachgedacht, ob er gewandt oder linkisch war. Er war gar nicht auf derartige Gedanken gekommen. Er setzte sich vorsichtig auf die Stuhlkante und wußte durchaus nicht, wo er mit seinen Händen bleiben sollte. Wohin er sie auch steckte, waren sie im Wege. Arthur verließ das Zimmer, und Martin Eden sah ihm mit sehnsüchtigen Blicken nach. Wie er allein mit diesem blassen Mädchen hier saß, kam er sich ganz verloren vor. Hier gab es keinen Kellner, bei dem er sich etwas zu trinken bestellen, keinen Jungen, den er nach einer Kanne Bier um die Ecke schicken konnte, um mit Hilfe eines gemeinsamen Trunkes die Grundlage für eine freundschaftliche Verständigung zu schaffen.

»Sie haben eine Narbe am Hals, Herr Eden«, sagte das Mädchen. »Wie haben Sie die bekommen? Das ist sicher ein ganzes Abenteuer.«

»Ein mexikanisches Messer, Fräulein«, antwortete er, indem er sich die trockenen Lippen anfeuchtete und sich räusperte. »Es war nur eine Schlägerei. Als ich ihm das Messer weggenommen hatte, versuchte er mir die Nase abzubeißen.«

So nüchtern er das sagte, stand doch vor seinem Auge das farbenprächtige Bild jener heißen, sternenklaren Nacht in Salina Cruz, der schmale weiße Strand, die Lichter der Zuckerdampfer im Hafen, die Stimmen der betrunkenen Seeleute in der Ferne, die fleißigen Güterpacker, die flammende Leidenschaft im Gesicht des Mexikaners, das Funkeln seiner Raubtieraugen im Sternenlicht, der Stich in den Hals, das hervorschießende Blut, die schreiende Menge, die beiden Körper – seiner und der des Mexikaners –, die, ineinander verschränkt, wütend über den Sand rollten, und weit in der Ferne das weiche Klimpern einer Gitarre. Das war das Bild, das er sah, und das ihn völlig in Anspruch nahm, während er darüber nachdachte, ob der Mann, der den Lotsenkutter an der Wand gemalt hatte, auch das wohl malen könnte. Der weiße Strand, die Sterne, die Lichter auf dem Zuckerdampfer müßten ein prachtvolles Bild ergeben, dachte er, und mitten auf dem Strand dazu die dunkle Gruppe, die die Kämpfenden umgab. Das Messer würde auch seinen Platz auf dem Bilde haben, entschied er, und es würde großartig aussehen, wie es im Sternenlicht funkelte. Aber von alledem wurde seine Erzählung nicht berührt. »Er versuchte, mir die Nase abzubeißen«, schloß er.

»Oh!« sagte das junge Mädchen mit leiser, ferner Stimme, und er bemerkte den erschrockenen Ausdruck in ihren beweglichen Zügen.

Er erschrak selbst, und eine schwache Röte der Verlegenheit stieg ihm in die sonnenverbrannten Wangen, aber er hatte das Gefühl, daß sie ebenso stark brannten, wie wenn er vor der offenen Heizungstür im Feuerungsraum gestanden hätte. Derartige schmutzige Dinge wie Messerstechereien waren offenbar kein Unterhaltungsgegenstand für eine Dame. In den Büchern sprachen Menschen ihres Standes nicht über derlei – wußten vielleicht gar nichts davon.

Eine kurze Pause trat in dem Gespräch ein, das sie gerade in Gang zu setzen versuchten. Dann fragte sie nach der Narbe an seiner Wange. Als sie fragte, merkte er, daß sie sich bemühte, so zu sprechen, wie er zu sprechen gewohnt war, und er beschloß, in ihrer Sprache zu antworten.

»Das war nur ein Unfall«, sagte er und legte die Hand an die Wange. »Eines Nachts, bei stillem Wetter und schwerer See, sprang die Großbaumtopnant[2] und gleich darauf die Talje. Die Topnant war aus Stahldraht und fuhr wie eine Schlange hin und her. Die ganze Wache versuchte sie einzufangen, und ich kriegte beim Zupacken mächtig eins in die Fresse.«

»Oh!« sagte sie, diesmal in einem Ton, als hätte sie alles verstanden, obwohl seine Sprache das reine Griechisch für sie gewesen war und sie gern gewußt hätte, was eine Topnant war und was Fresse bedeutete.

»Dieser Mann, der Swineburne«, begann er mit einem Versuch, seinen Plan zur Ausführung zu bringen.

»Wer?«

»Swineburne,« sagte er mit derselben falschen Aussprache, »der Dichter.«

»Swinburne«, berichtigte sie.

»Ja, das meine ich auch«, stammelte er wieder mit heißen Wangen. »Wann ist er gestorben?«

»Wie bitte? Ich habe nie gehört, daß er tot ist!« Sie betrachtete ihn neugierig. »Wo haben Sie seine Bekanntschaft gemacht?«

»Ich habe ihn nie gesehen«, lautete die Antwort. »Aber ich habe einige von seinen Gedichten in dem Buch dort auf dem Tisch gelesen, ehe Sie hereinkamen. Wie finden Sie seine Gedichte?«

Und jetzt begann sie schnell und leicht über den Gegenstand zu sprechen, den er aufs Tapet gebracht hatte. Er fühlte sich wohler und setzte sich etwas mehr auf den Stuhl, stützte sich aber immer noch fest mit den Armen auf die Lehnen, als fürchtete er, daß er unter ihm hinwegschlüpfen würde. Es war ihm geglückt, sie zum Sprechen zu bringen. Und während sie drauflos redete, strengte er sich an, ihr zu folgen, verwundert über all das Wissen, das in dem reizenden Köpfchen steckte, und freute sich über die blasse Schönheit ihres Gesichts. Er folgte ihr auch, obwohl ihn unbekannte Worte, die leicht von ihren Lippen glitten, und kritische Bemerkungen und Gedanken störten, die ihm fremd waren, die aber doch seinen Geist reizten und entflammten. Hier war geistige Regsamkeit, dachte er, und hier war Schönheit, eine warme, wunderbare Schönheit, wie er sie sich nie hatte träumen lassen. Er vergaß sich und starrte sie mit gierigen Augen an. Hier war etwas, für das es sich lohnte zu leben, vorwärtszukommen, zu kämpfen – ja, und zu sterben. Die Bücher sprachen die Wahrheit[1q]. Es gab solche Frauen in der Welt. Sie war eine von ihnen. Sie verlieh seiner Phantasie Schwingen, und große leuchtende Bilder erschienen vor seinem Blick, undeutliche, riesige Bilder, die Liebe, Romantik und Heldentum um einer Frau willen darstellten – um einer bleichen Frau, einer goldenen Blume willen. Und hinter der zitternden schwingenden Vision sah er wie hinter einer Fata Morgana das lebendige Weib, das hier saß und von Literatur und Kunst sprach. Er hörte auch zu, aber er blickte sie dabei an, ohne sich bewußt zu sein, wie starr sein Blick war, und daß alles, was seine Natur an Männlichkeit besaß, ihm aus den Augen leuchtete. Sie aber, die wenig von der Welt der Männer wußte, weil sie ein Weib war, sie fühlte deutlich seine brennenden Augen. Sie war noch nie auf diese Weise angesehen worden, und es machte sie verlegen. Sie stockte und suchte nach Worten. Sie verlor den Faden ihrer Erklärungen. Er erschreckte sie, und doch wurde sie wieder von einer seltsamen Freude durchbebt, daß jemand sie auf diese Weise ansah. Ihre Erziehung warnte sie vor der Gefahr, die in dieser geheimnisvollen, seltsamen Lockung lag; aber ihre Instinkte klangen wie helle Fanfaren durch ihr ganzes Wesen und zwangen sie, die Hindernisse von Kaste und Stand zu nehmen und zu einem Wanderer aus einer anderen Welt zu gelangen, diesem linkischen jungen Burschen mit den zerrissenen Händen und dem roten Strich am Halse von dem ungewohnten Kragen, diesem Menschen, der, allzu offenkundig, von einem harten, strengen Dasein beschmutzt und angesteckt war. Sie war rein, und ihre Reinheit empörte sich dagegen; aber sie war Weib, und sie hatte gerade das Paradoxe der weiblichen Natur kennengelernt.

»Wie gesagt – ja, was sagte ich doch?« Sie unterbrach sich plötzlich und lachte heiter über ihre eigene Verlegenheit.

»Sie sagten, daß dieser Mann, der Swinburne, kein großer Dichter wurde, weil ... und weiter kamen Sie nicht, Fräulein«, half er ihr, während ihm schien, als ob er plötzlich hungrig würde und ein wundervolles leises Zittern ihm bei ihrem Lachen das Rückgrat entlang kroch. Wie Silber, dachte er, wie klingende, silberne Glocken, und im selben Augenblick, aber nur eine Sekunde lang, fühlte er sich in ein fernes Land versetzt, wo er unter rosa Kirschblüten saß, eine Zigarette rauchte und auf die Glocken der spitzen Pagode lauschte, die Gläubige mit Strohsandalen zur Andacht rief.

»Ja, danke«, sagte sie. »Das Höchste erreicht Swinburne nicht, weil er – nun ja, weil er unzart ist. Viele seiner Gedichte sollte man gar nicht lesen. Jede Zeile der wirklich großen Dichter ist von Schönheit erfüllt und wendet sich an alles, was erhaben und edel im Menschen ist. Von den Werken der großen Dichter könnte man nicht eine Zeile entbehren, ohne daß die Welt dadurch ärmer würde.«

»Ich fand es großartig,« sagte er zögernd, »das bißchen jedenfalls, das ich las. Ich hatte keine Ahnung, daß er so ein – ein Schurke war. Das wird wohl in seinen andern Büchern zum Vorschein kommen.«

»Viele Zeilen in dem Buch, das Sie gelesen haben, hätte er sich sparen können«, sagte sie, und ihre Stimme klang streng und lehrhaft.

»Die muß ich übersehen haben«, erklärte er. »Was ich las, war wirklich gut. Und es war so strahlend und schimmernd, es schien gerade in mich hinein und erleuchtete mich inwendig wie die Sonne oder ein Scheinwerfer. So wirkte es jedenfalls auf mich, aber ich verstehe ja nicht viel von Dichtkunst, Fräulein.« Er hielt erschrocken inne. Er war verwirrt und hatte ein peinliches Gefühl von seiner eigenen Unfähigkeit, seinen Gedanken Ausdruck zu verleihen. Er hatte die große und lebendige Glut in dem, was er las, gefühlt, aber sein Wortschatz reichte nicht hin. Er konnte nicht ausdrücken, was er fühlte, und er verglich sich selbst mit einem Seemann, der sich in dunkler Nacht auf einem fremden Schiffe befand und sich mit einer Takelung abquälte, mit der er nicht vertraut war. Nun ja, sagte er sich, ich muß eben sehen, mich in dieser neuen Welt zurechtzufinden. Er hatte noch nie etwas gesehen, hinter das er nicht gekommen war, wenn er es ernstlich darauf anlegte, und es war Zeit, daß er lernte, sich über das, was in seinem Innern vorging, verständlich zu machen. Sie erweiterte seinen Horizont mächtig.

»Longfellow zum Beispiel –«, sagte sie.

»Ja, den habe ich gelesen«, unterbrach er sie, angespornt von dem Ehrgeiz, soviel wie möglich von seinen Kenntnissen zu zeigen, und bemüht, ihr verständlich zu machen, daß er kein dummer Tölpel war. »Der Psalm des Lebens«, »Elysium« und ... ich glaube, das ist alles.«

Sie nickte lächelnd, und er hatte das Gefühl, daß ihr Lächeln ein wenig nachsichtig war – mitleidig nachsichtig. Er war ein Narr, daß er versuchte, sich auf diese Weise aufzuspielen. Dieser Longfellow hatte wahrscheinlich zahllose Gedichtbücher geschrieben. »Entschuldigen Sie, Fräulein, daß ich so drauflosschwatze. Ich weiß ja eigentlich nicht viel von diesen Sachen. Es gehört nicht zu meinem Beruf. Aber ich will es zu meinem Beruf machen.«

Das klang wie eine Drohung. Seine Stimme war entschieden, seine Augen blitzten, die Linien in seinem Gesicht wurden hart. Ihr schien, daß sein Kinn sich verändert hätte; es wirkte fast unangenehm anmaßend. Gleichzeitig aber war es, als ob ihr eine Woge starker Männlichkeit von ihm entgegenschlug.

»Ich glaube wirklich, Sie sollten es zu Ihrem ... Beruf machen«, schloß sie lachend. »Sie sind sehr stark.«

Ihr Blick weilte einen Augenblick auf dem muskulösen, sehnigen, fast stierartigen Nacken, der von der Sonne gebräunt war und von roher Kraft und Gesundheit strotzte. Und obwohl er rot und verlegen dasaß, fühlte sie sich doch von ihm angezogen. Zu ihrer eigenen Überraschung schoß ihr plötzlich ein toller Gedanke durchs Hirn. Ihr schien, sie müsse ihre beiden Hände um seinen Hals legen, und all seine Stärke und Kraft würden auf sie überströmen. Ihr schien, daß sich ihr plötzlich eine ungeahnte Verderbnis ihrer Natur offenbarte. Zudem war Stärke für sie etwas Grobes, Brutales. Ihr Ideal männlicher Schönheit war immer schlanke Anmut gewesen. Aber der Gedanke verließ sie nicht. Es verwirrte sie, daß sie wirklich den Wunsch verspüren sollte, ihre Hände um diesen sonnenverbrannten Hals zu legen. Tatsächlich war sie selbst zart, und das, was ihr Körper und ihre Seele brauchten, war eben Stärke. Aber das wußte sie nicht. Sie wußte nur, daß kein Mann je eine solche Wirkung auf sie ausgeübt hatte wie dieser, der sie jeden Augenblick durch seine schreckliche Sprache erschreckte.

»Nein, ein altes Weib bin ich nicht«, sagte er. »Wenn es darauf ankommt, kann ich altes Eisen verdauen. Aber jetzt bin ich gerade ein bißchen verstopft. Das meiste von dem, was Sie gesagt haben, kann ich nicht verdauen. Ich habe mich nie mit dem Zeug abgegeben, wissen Sie. Ich habe Bücher und Poesie gern, und wenn ich mal Zeit hatte, habe ich gelesen, aber ich habe nie so drüber nachgedacht wie Sie. Darum kann ich nicht drüber reden. Mir geht es wie einem Seemann, der ohne Karte und Kompaß auf einem fremden Meer treibt. Jetzt möchte ich gern peilen. Vielleicht können Sie mir dabei helfen. Wie haben Sie all das gelernt, was Sie da erzählen?«

»In der Schule wohl und durch Studium«, antwortete sie.

»Ich bin auch zur Schule gegangen, als ich klein war«, wandte er ein.

»Ja; aber ich meine das Gymnasium und Kurse und die Universität.«

»Sie sind auf der Universität gewesen?« fragte er ehrlich erstaunt. Er fühlte, daß sie einen Abgrund von mindestens einer Million Meilen zwischen sich und ihn gelegt hatte.

»Ich besuche jetzt noch die Universität. Ich höre Vorlesungen im Englischen.«

Er verstand nicht, was sie mit »Englisch« meinte, merkte sich aber diesen Mangel in seinem Wissen und fragte weiter:

»Wie lange müßte ich lernen, um auf die Universität kommen zu können?«

Sie lächelte ermutigend über seinen Lerneifer und sagte: »Das hängt davon ab, was Sie schon gelernt haben. Sie haben nie ein Gymnasium besucht? Natürlich nicht. Aber haben Sie die Gemeindeschule ganz durchgemacht?«

»Es fehlten zwei Jahre, als ich abging«, erwiderte er. »Aber ich war immer sehr gut in der Schule.«

Im nächsten Augenblick ärgerte er sich so über seine Prahlerei, daß er die Stuhllehne packte, bis die Fingerspitzen ihm förmlich brannten. Da bemerkte er, daß eine Frau ins Zimmer trat. Er sah, wie das Mädchen vom Stuhl aufstand und der Eintretenden entgegeneilte. Sie küßten sich und kamen dann Arm in Arm auf ihn zu. Das muß ihre Mutter sein, dachte er. Sie war eine hochgewachsene blonde Frau, schlank, stattlich und schön. Ihre Kleidung war so, wie er sie in einem solchen Hause erwartet hatte. Seine Augen hingen mit Entzücken an den anmutigen Linien. In ihrer Tracht erinnerte sie ihn an Frauen, die er auf der Bühne gesehen hatte. Dann erinnerte er sich, daß er ähnlich gekleidete Damen in die Londoner Theater hatte hineingehen sehen. Er hatte ihnen nachgesehen, bis der Schutzmann ihn in den Sprühregen vor der Markise geschoben hatte. Gleich darauf machten seine Gedanken einen Sprung nach dem Grand Hotel in Yokohama, wo er auch vom Bürgersteig aus große Damen gesehen hatte. Dann begann Yokohama selbst mit seinem Hafen in tausend Bildern vor seinen Augen zu erscheinen. Aber er löste sich schnell von diesem Kaleidoskop der Erinnerung, in dem Bewußtsein, daß er jetzt seine ganze Geistesgegenwart nötig hatte. Er wußte, daß er aufstehen mußte, um vorgestellt zu werden, und so erhob er sich denn beschwerlich und stand da, mit Hosen, die sich an den Knien beutelten, mit hängenden Armen und zusammengebissenen Zähnen, bereit, die bevorstehende Prüfung über sich ergehen zu lassen.

Zweites Kapitel

Inhaltsverzeichnis

Der Weg ins Speisezimmer war ein böser Traum für ihn. Er stolperte und stieß sich, machte entschlossen einen Schritt vorwärts und blieb wieder stehen, und zuweilen schien ihm fast, als würde er nie hineingelangen. Schließlich aber war er drinnen und wurde neben SIE gesetzt. Der Überfluß an Messern und Gabeln jagte ihm Schrecken ein. Sie drohten mit unbekannten Gefahren, und er starrte sie benommen an, bis ihr Glanz der Hintergrund für eine Reihe von Bildern aus der Back wurde, wo er und seine Kameraden saßen und Salzfleisch mit dem Taschenmesser und den Fingern aßen oder dicke Erbsensuppe mit Blechlöffeln in sich hineinschaufelten. Er konnte geradezu den Geruch von verdorbenem Fleisch spüren und das Schmatzen der Essenden zum Knarren der Hölzer und Ächzen der Schoote hören. Er sah die Kameraden essen und kam zu dem Ergebnis, daß sie wie Schweine aßen. Nun, er wollte sich hier schon zusammennehmen. Er wollte kein Geräusch machen. Er wollte ununterbrochen auf sich achten.

Er ließ seinen Blick über den Tisch schweifen. Ihm gegenüber saßen Arthur und Arthurs Bruder Norman. Er dachte daran, daß es ihre Brüder waren, und fühlte warme Freundschaft für sie. Wie alle in dieser Familie sich liebten! Er dachte wieder daran, wie SIE und ihre Mutter sich geküßt hatten und ihm Arm in Arm entgegengekommen waren. In seiner Welt zeigten Eltern und Kinder ihre Gefühle nicht so. Es war eine Offenbarung von den Höhen des Lebens, die man in dieser hoch über der seinen liegenden Welt erreichen konnte. Dieser kleine Einblick in eine neue Welt hatte ihm das Schönste gezeigt, das er je gesehen. Es machte einen tiefen Eindruck auf ihn, und sein Herz strömte über vor mitfühlender Zärtlichkeit. Sein ganzes Leben hatte ihn nach Liebe gehungert[2q]. Sein Wesen brauchte Liebe. Sie war eine Lebensbedingung für seinen Organismus. Und dennoch hatte er sie entbehren müssen, aber er war hart dabei geworden. Er hatte selbst nicht gewußt, daß er Liebe brauchte, und auch jetzt wußte er es nicht. Er sah nur ihr Wirken, und das durchschauerte ihn tief und erschien ihm herrlich und erhaben.

Er freute sich, daß Herr Morse nicht anwesend war. Es war schwer genug, mit ihr, ihrer Mutter und ihrem Bruder Norman bekannt zu werden. Arthur kannte er schon ein wenig. Der Vater, das wußte er, hätte dem Faß den Boden ausgeschlagen. Ihm schien, daß er sich noch nie im Leben so abgemüht hätte. Die schwerste Arbeit war Kinderspiel dagegen. Winzige Schweißtropfen traten ihm auf die Stirn, und sein Hemd war durchnäßt, weil er sich bemühte, soviel Ungewohntes auf einmal zu tun. Er mußte essen, wie er noch nie gegessen hatte, mußte mit seltsamen Geräten hantieren und dabei verstohlene Blicke auf die anderen werfen, um zu sehen, wie sie mit jedem neuen Dinge umgingen; er mußte die Flut von Eindrücken bewältigen, die über ihm zusammenschlug und in seinem Bewußtsein gesichtet und geklärt werden sollte. Dazu fühlte er eine heftige Sehnsucht nach ihr, eine Sehnsucht, die die Form dumpf nagender Rastlosigkeit annahm, und spürte einen heftigen Drang, sich emporzuschwingen zu der Höhe des Lebens, auf der sie sich befand. Immer wieder verirrten sich seine Gedanken in unklaren Plänen, wie er sich auf ihre Höhe schwingen könnte. Wenn sein Blick heimlich zu Norman, der ihm gerade gegenüber saß, oder zu den anderen glitt, um herauszubekommen, welches Messer oder welche Gabel bei einer bestimmten Gelegenheit zu gebrauchen war, so nahm das Gesicht des Betreffenden seine Gedanken in Anspruch, und er versuchte mechanisch zu erraten, was er – stets im Verhältnis zu ihr – war.

Dann mußte er wieder sprechen, hören, was zu ihm gesprochen wurde, und was die anderen unter sich sprachen, und, wenn nötig, antworten mit einer Zunge, die die unangenehme Neigung hatte, durchzugehen, und stets gezügelt werden mußte. Und um seine Verwirrung noch zu vermehren, war der Diener da, eine beständige Drohung, die sich lautlos hinter ihn schlich, ein unheimlicher Spion, der ihm unangenehme Rätsel aufgab, die er stets sofort lösen mußte. Während der ganzen Mahlzeit bedrückte ihn der Gedanke an die Spülkummen. Immer wieder, unaufhörlich mußte er darüber nachdenken, wann sie in die Erscheinung treten und wie sie aussehen würden. Er hatte von diesen Dingen gehört und wußte, daß er sie im Laufe weniger Minuten sehen sollte, daß er mit höheren Wesen bei Tische saß und sie wie diese benutzen sollte. Und das Wichtigste von allem: auf dem Grunde seiner Gedanken und doch stets dicht an der Oberfläche lag die große Frage, wie er sich diesen Leuten gegenüber benehmen sollte. Welche Haltung sollte er einnehmen? Mit diesem Problem kämpfte er andauernd und furchtsam. Da waren feige Einwendungen, die ihn Komödie spielen lassen wollten, und noch feigere, die ihm sagten, daß ein solcher Versuch mißlingen mußte, daß seine Natur sich nicht dazu eignete, und daß er sich zum Narren machen würde. Während des ersten Teiles des Essens rang er mit sich, wie er sich verhalten sollte, und war sehr still. Er wußte nicht, daß er durch sein Schweigen Arthur Lügen strafte, der am Tage zuvor gesagt hatte, er würde einen Wilden mit zu Tisch bringen, daß sie aber keine Angst zu haben brauchten, denn es sei ein interessanter Wilder. Martin Eden hätte sich nicht vorstellen können, daß ihr Bruder sich eines solchen Verrats schuldig machte, zumal er ja ebendiesem Bruder bei einer schlimmen Prügelei geholfen hatte. Und so saß er denn bei Tische, bedrückt durch seine eigene Unwürdigkeit und doch zugleich von allem, was um ihn her vorging, bezaubert. Zum erstenmal erkannte er, daß Essen etwas anderes als eine nützliche Funktion war. Er hatte keine Ahnung, was er aß. Es war eben Essen. Er stillte seinen Schönheitsdurst an diesem Tisch, wo Essen eine ästhetische Funktion war. Aber es war auch eine geistige Funktion. Sein Geist war angestachelt. Er hörte Worte, die keinen Sinn für ihn hatten, und andere Worte, die er nur in Büchern gefunden hatte, und die keiner der Männer oder Frauen seiner Bekanntschaft imstande gewesen wären auszusprechen. Wenn er diese Worte von den Lippen dieser wundervollen Familie – ihrer Familie – aussprechen hörte, als ob es das Natürlichste von der Welt wäre, wurde er von Entzücken durchbebt. Die Romantik und Schönheit, das Erhabene, von dem er in Büchern gelesen hatte, wurde hier Wirklichkeit. Er befand sich in dem seltsamen, seligen Zustand, in dem ein Mann seinen Traum aus den Winkeln der Phantasie herausspazieren und Wirklichkeit werden sieht. Noch nie hatte er auf solchen Höhen des Lebens gestanden, und er hielt sich selbst im Hintergrund, lauschend, beobachtend und sich freuend, während er einsilbig Ja und Nein antwortete. Er mußte sich Mühe geben, daß er ihren Brüdern nicht dieselbe Ehrerbietung wie ihr und ihrer Mutter erwies. Aber er sagte sich, daß das unmöglich sei, wenn er je hoffen wollte, SIE zu gewinnen. Außerdem lehnte sich sein Stolz dagegen auf. »Weiß Gott!« sagte er einmal bei sich, »ich bin genau so gut wie sie, und wenn sie auch vieles wissen, was ich nicht weiß, so könnte ich sie doch auch ein ganz Teil lehren.« Als aber sie oder ihre Mutter ein paar Augenblicke später ihn »Herr Eden« ansprach, vergaß er seinen anmaßenden Stolz und wurde von Freude ganz rot und warm. Er war ein zivilisierter Mensch, jawohl, und er saß hier, Schulter an Schulter, bei Tisch mit Leuten gleich denen, über die er in Büchern gelesen hatte. Jetzt war er selbst mit im Buche, mitten in einem Abenteuer, das die Druckseiten eines dicken Bandes füllte.

Während er aber Arthurs Beschreibung auf diese Art Lügen strafte, und eher ein frommes Lamm als ein Wilder zu sein schien, zerbrach er sich die ganze Zeit den Kopf, wie er auftreten sollte. Er war kein frommes Lamm, und die zweite Geige zu spielen, paßte seiner hochfliegenden Herrschernatur durchaus nicht. Er sprach nur, wenn er mußte, und seine Rede war wie sein Gang, abgebrochen und stolpernd.

Er suchte in seinem Sprachschatz, grübelte, welche Worte wohl bei dieser oder jener Gelegenheit paßten, fürchtete aber, daß er sie nicht aussprechen könnte, und verwarf wieder andere Worte, von denen er wußte, daß sie sie nicht verstanden, oder daß sie in ihren Ohren roh und gewöhnlich klingen würden. Aber die ganze Zeit bedrückte ihn das Bewußtsein, daß diese Vorsicht in der Wahl seiner Worte ihn dumm machte und ihn verhinderte, seinem Innern Ausdruck zu verleihen.