1,99 €
In "Matto regiert" präsentiert Friedrich Glauser einen fesselnden Kriminalroman, der tief in die psychologischen Abgründe seiner Charaktere eintaucht. Die Geschichte entfaltet sich in einer Nervenheilanstalt, wo der Protagonist, der Insasse und Ex-Polizist Géza von Rittber, den mysteriösen Mord an einem weiteren Patienten untersucht. Glausers stilistische Finesse verbindet klare, knappe Sprache mit einem atmosphärischen Setting, das sowohl bedrückend als auch aufschlussreich ist. In diesem literarischen Werk spiegelt sich der Einfluss des frühen 20. Jahrhunderts wider, als sich die Grenzen zwischen Realität und Wahnverstellung zunehmend verwischten. Friedrich Glauser, ein Schweizer Schriftsteller und Mitbegründer des deutschsprachigen Kriminalromans, kämpfte zeitlebens mit persönlichen Dämonen, darunter Sucht und psychische Erkrankungen. Diese Erfahrungen prägen seine Erzählweise und Charakterzeichnung, wodurch eine authentische und eindringliche Atmosphäre in "Matto regiert" entsteht. Glauser fördert intime Einblicke in die menschliche Psyche und skizziert zugleich die gesellschaftlichen Konventionen seiner Zeit. Dieses Buch ist nicht nur für Liebhaber des Kriminalgenres von Interesse. Es bietet auch eine faszinierende Untersuchung menschlicher Abgründe und der komplexen Beziehungen zwischen den Menschen in einer Einrichtung. Leser, die sich für psychologische Spannung und tiefgreifende Charakterstudien begeistern, werden von Glausers meisterhaftem Schreiben und der komplexen Handlung unwiderstehlich angezogen. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes. - Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten. - Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben. - Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen. - Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2023
Im Spannungsfeld von Vernunft und Verirrung, zwischen dem Bedürfnis nach Ordnung und den unberechenbaren Kräften einer geschlossenen Institution, entfaltet sich ein Kriminalroman, in dem nicht nur ein Gesetzesbruch verfolgt wird, sondern vor allem die fragile Linie verhandelt wird, auf der menschliche Identität, Schuld und gesellschaftliche Kontrolle balancieren, während ein Ermittler mit ruhiger Hartnäckigkeit in Räume vordringt, in denen Sprache stockt, Machtverhältnisse sich verschieben und das Wort für das Unfassbare zum unscheinbaren Regisseur wird, ein Terrain, in dem die Suche nach Wahrheit unweigerlich zur Erkundung der Grenzen von Normalität, Fürsorge und Verantwortung wird.
Matto regiert ist ein Kriminalroman des Schweizer Autors Friedrich Glauser und gehört zum Zyklus um Wachtmeister Studer, dessen Ermittlungen ihn immer wieder an die Ränder gesellschaftlicher Normalität führen. Das Buch spielt überwiegend in einer psychiatrischen Anstalt in der Schweiz und nutzt dieses abgeschlossene Umfeld, um Wahrnehmungen, Hierarchien und Routinen unter Druck zu setzen. Erstmals in den 1930er Jahren erschienen, verbindet das Werk die Logik des klassischen Detektivromans mit einem scharfen Blick für soziale und psychologische Realitäten der Zeit. So entsteht ein Schauplatz, der zugleich konkret und symbolisch aufgeladen ist und lange nachhallt.
Ausgangspunkt ist ein Alarm innerhalb dieser Institution: Routinen geraten ins Stocken, eine Person bleibt unauffindbar, und Hinweise deuten darauf, dass sich hinter verschlossenen Türen mehr ereignet haben könnte, als Berichte und Formulare erkennen lassen. Studer wird hinzugezogen, nicht als reiner Techniker der Spurensicherung, sondern als geduldiger Beobachter, der zuhört, abwägt und Verbindungen sucht, wo andere Grenzen ziehen. Das Ermittlungsfeld liegt in Fluren, Sprechzimmern und Archiven, die zugleich Schutzraum und Bühne sind. Von Beginn an entsteht Spannung weniger aus Spektakel als aus präziser Verunsicherung. Jedes Detail wirkt bedeutsam, ohne dem Leser vorschnelle Gewissheiten zu liefern.
Die Erzählstimme bleibt nahe an Studers Wahrnehmung und verweigert dennoch einfache psychologische Etiketten. Glausers Stil ist nüchtern, lakonisch und zugleich durchlässig für Zwischentöne: Dialoge sind sparsam, Beschreibungen präzise, und kleine Verschiebungen im Ausdruck tragen viel Bedeutung. Der Ton ist ruhig, gelegentlich melancholisch, durchsetzt mit trockener Ironie, nie sensationsheischend. Das Tempo ist bedächtig, die Spannung wächst aus Beobachtung, Rhythmus und Wiederholung. Wer liest, spürt die Sorgfalt, mit der die Sprache Räume öffnet und verschließt, und erlebt eine Untersuchung, die methodisch ist, ohne mechanisch zu wirken, empathisch, ohne sentimental zu werden und präzise, ohne kalt zu bleiben.
Zentral ist das Nachdenken über die Grenze zwischen Normalität und Abweichung: Wer definiert sie, und mit welchen Folgen? Die geschlossene Anstalt wird zum Modell gesellschaftlicher Ordnung, in dem Regeln Schutz versprechen, aber auch dem Verschweigen Vorschub leisten können. Machtverhältnisse, Loyalitäten und Abhängigkeiten durchziehen jede Aussage, jede Akte, jedes Schweigen. Der Roman interessiert sich für Schuld und Verantwortung, ohne Krankheit als einfache Entlastung oder Erklärung zu instrumentalisieren. Matto – als Chiffre für das Unberechenbare – steht nicht nur für Wahnsinn, sondern für das, was bürokratische Sprachen nicht fassen: Brüche, Verletzlichkeit, verdrängte Motive.
Für heutige Leserinnen und Leser bleibt das Buch relevant, weil es Fragen verhandelt, die weiterhin brennen: Wie sprechen wir über psychische Krisen, ohne zu stigmatisieren? Wie kontrollieren Institutionen, ohne zu entmenschlichen? Wo endet Fürsorge und beginnt Machtmissbrauch? Glausers Erzählweise zwingt dazu, vermeintliche Gewissheiten zu prüfen und Ambivalenzen auszuhalten. Der Kriminalfall wird zum Prüfstand für professionelle Ethik, für mediale Sensationslust und für das Bedürfnis nach schnellen Ursachen. Wer sich auf diese Lektüre einlässt, findet keine einfachen Thesen, sondern eine Haltung, die Differenzierung verlangt und zugleich Mitgefühl einübt. Gerade darin liegt eine Modernität, die weit über den historischen Rahmen hinausweist.
Matto regiert zeigt, wie weit der Kriminalroman reichen kann, wenn er das Rätsel nicht vom Menschen trennt. Das Buch verbindet sorgfältige Ermittlungsarbeit mit gesellschaftlicher Beobachtung und einer Sensibilität für jene, die leicht an den Rand gedrängt werden. Dadurch entsteht ein Spannungsfeld, das weit über die Frage nach Tätern und Motiven hinaus den Blick auf Strukturen schärft. Für Neueinsteiger ist es zugänglich, für Kenner des Genres anregend, weil es die Regeln nutzt und zugleich prüft. Am Ende bleibt der Eindruck einer klugen, leisen, nachhaltig beunruhigenden Lektüre. Und es erinnert daran, dass Aufklärung ohne Verständnis nur halbe Wahrheit bleibt.
Friedrich Glausers Kriminalroman Matto regiert führt den Leser in eine abgeschlossene Welt: Wachtmeister Studer wird in eine kantonale Heil- und Pflegeanstalt gerufen, nachdem dort Unruhe ausgebrochen ist. Die routinierte Ordnung der Klinik, mit ihren Türschlüsseln, Stationsregeln und Hierarchien, bildet die Bühne für eine Ermittlung unter besonderen Bedingungen. Von Beginn an verschränkt der Roman Beobachtung des Alltags mit leiser Beklemmung: Wer entscheidet hier über Normalität, wer über Abweichung? Studer, nüchtern und beharrlich, bewegt sich als Außenstehender durch Flure und Höfe, während er versucht, hinter höfliche Fassaden, beruflichen Stolz und das Schweigen der Institution zu blicken.
Der Anlass ist doppelt beunruhigend: Nahezu zeitgleich verschwindet eine Person aus der Anstalt, und es kommt zu einem Zwischenfall, der sich nicht bruchlos als Unglück erklären lässt. Studer sichtet Register, überprüft Schichtpläne, befragt Ärzte, Pfleger und Patienten. Die Aussagen passen äußerlich zusammen und widersprechen sich doch in Details; kleine Abweichungen im Ablauf der Nacht gewinnen Gewicht. Während die Leitung auf diskrete Aufklärung drängt, vernimmt der Ermittler unterdrückte Rivalitäten, Erschöpfung und Angst. Er erkennt, dass die Grenzen zwischen therapeutischer Fürsorge und institutioneller Kontrolle fließend sind – und dass beides die Wahrheit über die Ereignisse verschleiern kann.
Schritt für Schritt rekonstruiert Studer Wege und Zeiten: Welche Türen waren wann verriegelt, wer verfügte über Schlüssel, wo blieben Lücken im Protokoll? Die Topografie der Stationen wird zur Landkarte der Verdachtsmomente. Ein erfahrener Chefarzt unterstützt ihn nüchtern, bleibt jedoch schwer einschätzbar, weil Diagnose, Machtbewusstsein und menschliche Loyalität ineinander greifen. Pfleger berichten von Überlastung, manche schützen einander, andere retten ihre eigene Position. In den Gesprächen mit Patienten, deren Wahrnehmungen zwischen Klarheit und Trug schwanken, lernt Studer, Hinweise zu filtern, ohne sie zu entwerten. So entsteht ein Bild, das weniger von Zufall als von planvollem Handeln erzählt.
Eine erste Wendung ergibt sich, als Spuren auf Hilfe von innen deuten: Der mögliche Ausbruch wirkt organisiert, nicht impulsiv. Verdeckte Beziehungen, alte Kränkungen und ökonomische Abhängigkeiten treten hervor. Gleichzeitig begegnet Studer einer im Haus umlaufenden Vorstellung, die die Bewohner Matto nennen – eine Chiffre dafür, dass Unvernunft, Angst und Begierden die Oberhand gewinnen. Der Ermittler fragt sich, wie viel individuelle Schuld bleibt, wenn ein System Menschen deformiert. Ein greifbarer Verdacht entsteht, doch entlastende Details tauchen auf und verwerfen voreilige Schlüsse. Das Netz der Motive wird dichter, je stärker die Institution auf Ruhe und Normalität pocht.
Im weiteren Verlauf stößt Studer auf Unterlagen, die bisher im Verborgenen lagen, und auf räumliche Nischen der Anstalt, in denen Regeln elastisch werden. Verbindungen nach außen zeichnen sich ab, doch entscheidende Fäden führen zurück ins Innere. Dienstwege geraten unter Beobachtung, kleine Gefälligkeiten wirken plötzlich wie Bausteine eines größeren Plans. Während ein Vorgesetzter aus der Stadt schnelle Ergebnisse verlangt, wählt Studer den langsameren Weg: Abläufe zu wiederholen, Wege nachzugehen, Nebensächliches ernst zu nehmen. Eine zweite Entdeckung – unscheinbar, aber präzise – verändert seine Perspektive und lässt ihn die Ereignisse der Nacht in neuer Reihenfolge denken.
Nun ordnet der Ermittler Befunde, die zuvor voneinander getrennt erschienen: die Lage eines Fundortes, eine verschobene Uhrzeit, der Zugriff auf Medikamente, die Bewegung eines Schlüssels. In nächtlicher Beobachtung wagt er eine kontrollierte Probe, die beinahe scheitert und die Anspannung im Haus steigert. Konfrontationen mit zentralen Personen bringen rechtfertigende Erzählungen hervor, die mehr verdecken als erklären. Studer vermeidet vorschnelle Maßnahmen, sichert jedoch still die Möglichkeit, im entscheidenden Moment zuzugreifen. Aus Indizien wird eine belastbare Hypothese, die Täterbild und Tatablauf verbindet – ohne dass der Roman hier bereits seine endgültige Auflösung preisgibt.
Matto regiert verdichtet Kriminalfall, Milieustudie und leise Sozialkritik. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie in einem abgeschlossenen System Verantwortung entsteht: durch individuelle Entscheidungen, durch Strukturen, oder durch ein Klima der Verdrängung, das die Beteiligten in Rollen drängt. Studers Beharrlichkeit und Empathie zeigen eine Ermittlung, die zuhört, ohne naiv zu sein. Der Titel verweist auf eine Macht, die Irrationales und Schuld vermengt und Ordnungen erodieren lässt. So hinterlässt der Roman eine nachhaltige Irritation: Er löst das Rätsel, ohne die Unübersichtlichkeit menschlicher Motive zu glätten, und bleibt dadurch aktuell in seiner skeptischen Menschenkenntnis.
Matto regiert erschien Mitte der 1930er Jahre in der Schweiz und spielt fast vollständig in einer psychiatrischen Anstalt. Die Handlung verankert sich in einer föderal organisierten Gesellschaft, in der kantonale Psychiatrieanstalten, Polizei und Justiz eng verzahnt arbeiteten. Die Schweiz blieb in der Zwischenkriegszeit neutral, war aber wirtschaftlich und sozial von den europaweiten Krisen betroffen. Psychiatrische Kliniken wie die Waldau bei Bern, Münsingen oder das Zürcher Burghölzli prägten Diagnostik, Verwaltung und Pflegepraxis. In diesem Umfeld verlegt Glauser die fiktive Anstalt Randlingen, deren abgeschlossene Welt, Hierarchien und Routinen viele Züge realer Institutionen der Zeit tragen.
Die Schweizer Psychiatrie hatte sich seit dem späten 19. Jahrhundert professionalisiert. Am Burghölzli in Zürich prägten Eugen Bleuler und seine Schule die moderne Diagnostik; Bleuler führte 1911 den Begriff Schizophrenie ein. Anstalten wie die Waldau und Münsingen kombinierten Beobachtung, Aktenführung und Arbeitstherapie mit einem streng hierarchischen Betrieb. Pflegepersonal und Ärzte überwachten große Patientengruppen, oft auf abgetrennten Stationen. Die Anstalten waren nicht nur medizinische, sondern auch ordnungspolitische Einrichtungen. Der Alltag war von Regeln, Disziplin und der Verwaltung von Normalität und Abweichung geprägt; diese Strukturen bilden den historischen Rahmen für die im Roman gezeigte Anstaltswelt.
Die 1930er Jahre brachten international umstrittene Behandlungsinnovationen. Insulinkomatherapie wurde 1933 von Manfred Sakel eingeführt, 1934 folgte die Krampftherapie mit Cardiazol durch Ladislas von Meduna; 1935 stellte Egas Moniz die präfrontale Leukotomie vor, 1938 setzten Ugo Cerletti und Lucio Bini die Elektrokrampftherapie ein. In der Schweiz wurden solche Verfahren diskutiert und teilweise erprobt, während vielerorts weiterhin Pflege, Beruhigungsmittel, Fixierung und Arbeit als Grundpfeiler galten. Diese Mischung aus medizinischem Fortschrittsglauben, Experiment und Verwahrung prägte die Anstaltskultur der Zeit und liefert einen sachlichen Hintergrund für das in einem Klinikmilieu angesiedelte kriminalistische Geschehen damals.
Parallel dazu war rassenhygienisches und eugenisches Denken im deutschsprachigen Raum weit verbreitet. Die Schweiz erließ kein landesweites Sterilisationsgesetz, doch es existierten kantonale Richtlinien und Einzelfälle nicht freiwilliger Eingriffe; zudem wurden fürsorgerische Zwangsmassnahmen und administrative Versorgungen angewandt. Psychiater, Behörden und Fürsorgerinnen konnten über Aufenthalte, Arbeitseinsätze und Entmündigungen mitentscheiden. Diese Praxis rahmte den Umgang mit als abweichend markierten Personen und verstärkte die Machtposition von Anstalten. Der Diskurs über Vererbung, Sozialdisziplinierung und öffentliche Ordnung bildete somit einen unmittelbar spürbaren Horizont, vor dem Erzählungen über geschlossene Institutionen und ihre internen Loyalitäten besonders greifbar wirken.
Im gleichen Jahrzehnt wurde das Schweizerische Strafgesetzbuch politisch beraten und 1937 verabschiedet; in Kraft trat es 1942. Die Reform verankerte neben Strafen auch sichernde Massnahmen für sogenannte Gewohnheitsverbrecher und psychisch abnorme Täter und stärkte die Rolle forensischer Gutachten. Damit wuchs die Schnittstelle von Medizin und Recht, an der Polizeibeamte, Untersuchungsrichter und Anstaltsärzte zusammenwirkten. Zeitgleich professionalisierten sich kriminaltechnische Routinen, doch blieb das Verhör und die Beobachtung von Milieus zentral. Diese rechtlich-institutionellen Verschiebungen liefern einen historischen Schlüssel, um die im Roman beschriebene Nähe zwischen psychiatrischer Anstalt, Polizei und Justiz sachgerecht einzuordnen damals.
Die Weltwirtschaftskrise traf die exportorientierte Schweiz ab 1930 hart. Arbeitslosigkeit, Teuerung und politische Polarisierung prägten das Jahrzehnt; 1932 kam es in Genf bei einer Demonstration zu tödlichen Schüssen. Öffentliche Haushalte gerieten unter Druck, was sich in Personaldebatten, Sparauflagen und engeren Budgets auch im Gesundheitswesen niederschlug. Psychiatrische Kliniken mussten Versorgung, Sicherheit und Kosten gleichermaßen berücksichtigen. Diese Lage stärkte in vielen Einrichtungen Tendenzen zu Kontrolle und Effizienz. Der gesellschaftliche Kontext verschärfter Ordnungsvorstellungen erklärt, warum eine abgeschlossene Institution als Schauplatz eines Kriminalromans zugleich als Mikrokosmos sozialer Spannungen der Zeit lesbar ist und bleibt.
Friedrich Glauser, 1896 geboren und 1938 verstorben, hatte wiederholte Aufenthalte in Schweizer Psychiatrien, unter anderem in der Waldau und in Münsingen, und kannte deren Abläufe aus Patientensicht und als Mitarbeiter. Er entwickelte mit Wachtmeister Studer eine Figur des polizeilichen Alltags, die sich in nüchterner Beobachtung übt. Matto regiert erschien 1936 und verlegt die Ermittlungen in die fiktive Anstalt Randlingen; ein Vorfall innerhalb der Klinik ruft die Polizei auf den Plan. Der Roman nutzt genaue Milieuschilderungen, Routinen und Akten, um Spannungen zwischen Selbstschutz der Institution und der Pflicht zur Aufklärung sichtbar zu machen.
Vor diesem Hintergrund lässt sich der Roman als zeitgenössischer Kommentar zur Verschränkung von Medizin, Verwaltung und sozialer Ordnung lesen. Ohne die Auflösung vorwegzunehmen, zeigt die Handlung, wie Definitionsmacht, Akten und Hierarchien Entscheidungen prägen und Verantwortung verteilen. Die Figuren bewegen sich an der Schnittstelle zwischen Schuld und Krankheit, zwischen individueller Tat und institutioneller Logik. Matto regiert trägt so zur frühen deutschsprachigen Polizeiliteratur bei und dokumentiert zugleich die Kultur geschlossener Anstalten der Zwischenkriegszeit. Das Werk macht die Ambivalenz moderner Rationalität sichtbar, wie sie in der Schweiz der 1930er Jahre erfahrbar war tatsächlich.
Eine Geschichte zu erzählen, die in Berlin, London, Paris oder Neuyork spielt, ist ungefährlich. Eine Geschichte zu erzählen, die in einer Schweizer Stadt spielt, ist hingegen gefährlich. Es ist mir passiert, daß der Fußballklub Winterthur sich gegen eine meiner Erzählungen verwahrt hat, weil darin ein Back vorkam. Ich mußte dann den Boys und anderen Fellows bestätigen, daß sie nicht gemeint waren.
Noch gefährlicher ist das Unterfangen, eine Geschichte zu erzählen, die in einer bernischen Heil- und Pflegeanstalt spielt. Ich sehe Proteste regnen. Darum möchte ich folgendes von Anfang an festlegen:
Es gibt drei Anstalten im Kanton Bern. – Waldau, Münsingen, Bellelay. – Meine Anstalt Randlingen ist weder Münsingen, noch die Waldau, noch Bellelay. Die Personen, die auftreten, sind frei erfunden. Mein Roman ist kein Schlüsselroman.
Eine Geschichte muß irgendwo spielen. Die meine spielt im Kanton Bern, in einer Irrenanstalt. Was weiter?… man wird wohl noch Geschichten erzählen dürfen?
Da wurde man am Morgen, um fünf Uhr, zu nachtschlafender Zeit also, durch das Schrillen des Telephons geweckt. Der kantonale Polizeidirektor war am Apparat, und pflichtgemäß meldete man sich: Wachtmeister Studer. Man lag noch im Bett, selbstverständlich, man hatte noch mindestens zwei Stunden Schlaf zugut. Aber da wurde einem eine Geschichte mitgeteilt, die nur schwer mit einem halbwachen Gehirn verstanden werden konnte. So kam es, daß man die Erzählung des hohen Vorgesetzten von Zeit zu Zeit unterbrechen mußte mit Wie? und mit Was? – und daß man schließlich zu hören bekam, man sei ein Tubel und man solle besser lose!… Das war nicht allzu schlimm. Der kantonale Polizeidirektor liebte kräftige Ausdrücke und schließlich: Tubel… B'hüetis!… Schlimmer war schon, daß man gar nicht recht nachkam, was man nun eigentlich machen sollte. In einer halben Stunde werde man von einem gewissen Dr. Ernst Laduner abgeholt; so hatte es geheißen, der einen in die Heil- und Pflegeanstalt Randlingen führen werde, wo ein Patient namens Pieterlen – ja: P wie Peter, I wie Ida, E wie Erich… – kurz ein Patient Pieterlen ausgebrochen war…
Das kam vor… Und zu gleicher Zeit, das heißt in der gleichen Nacht, sei auch der Direktor der Spinnwinde[1] – so drückte sich der hohe Vorgesetzte aus, der nicht gut auf die Psychiater zu sprechen war – verschwunden. Alles Nähere werde man von Dr. Laduner erfahren, der gedeckt sein wolle, gedeckt von der Behörde. Und über das Wort ›gedeckt‹ hatte der kantonale Polizeidirektor noch einen Witz gemacht, der ziemlich faul war und nach Kuhstall roch… Laduner? Ernst Laduner? Ein Psychiater? Studer hatte die Hände hinter dem Kopf verschränkt und starrte zur Decke. Man kannte doch einen Dr. Laduner, aber wo und bei welcher Gelegenheit hatte man die Bekanntschaft dieses Herrn gemacht? Denn – und das war das Merkwürdigste an der Sache – der Herr Dr. Laduner hatte nach dem Wachtmeister Jakob Studer gefragt, wenigstens hatte der Polizeidirektor dies behauptet. Und am Telephon hatte der Polizeidirektor nach dieser Mitteilung natürlich erklärt, er begreife das gut, Studer sei dafür bekannt, daß er ein wenig spinne, kein Wunder, daß ein Psychiater gerade ihn wolle… Das konnte man als Schmeichelei auffassen. Studer stand auf, schlurfte ins Badezimmer und begann sich zu rasieren. Wie hieß nur schon der Direktor von Randlingen? Würschtli? Nein… Aber ähnlich, es war ein I am Ende… – Die Klinge schnitt nicht recht, langweilig, denn Studer hatte einen starken Bart – … Bürschtli?… Nein… Ah ja! Borstli! Ulrich Borstli… Ein alter Herr, der knapp vor der Pensionierung stand…
Einerseits der Patient Pieterlen, der entwichen war… Anderseits der Direktor Ulrich Borstli… Und zwischen beiden der Dr. Laduner, den man kennen sollte, und der behördlich gedeckt sein wollte. Warum wollte er behördlich gedeckt sein und ausgerechnet durch den Wachtmeister Studer von der kantonalen Fahndungspolizei?… Immer mußte man dem Studer derartig angenehme Aufträge geben. Wie verhielt man sich in einer Irrenanstalt? Was konnte man da machen, wenn die Leute hinter den Gittern hockten und sponnen? Eine Untersuchung führen?… Der Polizeidirektor hatte gut telephonieren und Aufträge geben, spaßig war das Ganze sicher nicht…
Inzwischen war Frau Studer aufgestanden, ihr Mann merkte es, weil der Geruch von frischem Kaffee die Wohnung durchdrang.
»Grüeß Gott, Studer«, sagte Dr. Laduner. Er war barhaupt, sein Haar zurückgeschnitten, vom Hinterkopf stand eine Strähne ab wie die Feder bei einem Reiher. »Wir kennen uns doch, wissen Sie, von Wien her…«
Studer erinnerte sich immer noch nicht. Die familiäre Anrede erstaunte ihn nicht übermäßig, er war sie gewohnt, und er bat den Herrn Doktor sehr höflich und ein wenig umständlich, näher zu treten und abzulegen. Aber Dr. Laduner hatte nichts abzulegen. Darum ging er auch gleich ins Eßzimmer, begrüßte die Frau des Wachtmeisters, setzte sich – all dies mit einer Selbstverständlichkeit und Sicherheit, über die sich Studer wunderte.
Dr. Laduner trug einen hellen Flanellanzug, und zwischen den Kragenspitzen seines weißen Hemdes leuchtete der dick und lasch gebundene Knoten der Krawatte kornblumenblau. Er müsse leider den Herrn Gemahl nun entführen, sagte Dr. Laduner, Frau Studer möge das nicht übelnehmen, er wolle ihn wohlbehalten wieder abliefern. Es sei da eine Sache passiert, kompliziert und unangenehm. Übrigens kenne er den Wachtmeister schon lange und gut – Studer runzelte verlegen die Stirne –, er, Dr. Laduner, habe beschlossen, den Wachtmeister als lieben Gast zu behandeln – übrigens werde es nicht so schlimm werden…
Dr. Laduners Lieblingswort schien »übrigens« zu sein. Auch sprach er ein merkwürdiges Schweizerdeutsch – Ostschweizerisch, dazwischen schriftdeutsche Worte. Seine Sprache war gar nicht urchig. Ein wenig befremdend war sein Lächeln, das an eine Maske erinnerte. Es bedeckte den untern Teil des Gesichtes bis zu den Wangenknochen. Dieser Teil war starr – und nur die Augen und die sehr hohe und sehr breite Stirne schienen zu leben…
Danke, nein, er wolle nichts nehmen, fuhr der Arzt fort, seine Frau warte daheim mit dem Frühstück auf ihn, aber jetzt müßten sie pressieren, um acht Uhr sei Rapport, heute morgen müsse er auf die »große Visite«, das Verschwinden des Herrn Direktor ändere nichts an der Sache, Dienst sei Dienst und Pflicht sei Pflicht… Dr. Laduner machte mit seiner linken, behandschuhten Hand kleine Bewegungen, stand dann auf, packte Studer sanft am Arm und zog ihn mit sich fort. Auf Wiedersehen…
Der Septembermorgen war kühl. Die Bäume zu beiden Seiten der Thunstraße trugen vereinzelte gelbe Blätter. Dr. Laduners niederer Viersitzer benahm sich gesittet, fuhr ohne Geräusch an; durch die offenen Scheiben drang eine Luft, die leicht nach Nebel schmeckte, und Studer lehnte sich bequem zurück. Seine hohen schwarzen Schnürstiefel sahen ein wenig sonderbar aus neben den eleganten braunen Halbschuhen des Dr. Laduner.
Zuerst herrschte ein abwartendes Schweigen, und während dieses Schweigens dachte der Wachtmeister angestrengt über Dr. Laduner nach, den er doch kennen mußte… Von Wien her? Studer war ein paarmal in Wien gewesen, in jener fernen Zeit, da er wohlbestallter Kommissar bei der Stadtpolizei gewesen war, damals, als die Geschichte noch nicht passiert war, jene Bankaffäre, die ihn den Kragen gekostet hatte, so daß er wieder von vorne hatte anfangen müssen, als einfacher Fahnder. Es war eben manchmal schwer, wenn man einen zu ausgeprägten Gerechtigkeitssinn hatte. Ein gewisser Oberst Caplaun hatte damals seine Entlassung beantragt, und dem Antrag war ›stattgegeben worden‹. Es handelte sich um jenen Oberst Caplaun, von dem der Polizeidirektor in gemütlichen Stunden manchmal sagte, er würde niemanden lieber in Thorberg wissen; unnötig, an diese alte Geschichte weitere Gedanken zu verschwenden, man war kassiert worden, gut und schön, man hatte wieder von vorne angefangen, bei der Kantonspolizei, und in sechs Jahren würde man in Pension gehen. Eigentlich war alles noch gnädig verlaufen… Aber seit jener Bankaffäre lief einem der Ruf nach, man spinne ein wenig, und so war eigentlich der Oberst Caplaun daran schuld, daß man zusammen mit einem Dr. Laduner in die Heil- und Pflegeanstalt Randlingen fuhr, um das mysteriöse Verschwinden des Herrn Direktor Borstli und das Entweichen des Patienten Pieterlen aufzuklären…
»Besinnen Sie sich wirklich nicht, Studer? Damals in Wien?« Studer schüttelte den Kopf. Wien? Er sah immer nur die Hofburg und die Favoritenstraße und das Polizeipräsidium und einen alten Hofrat, der den berühmten Professor Groß gekannt hatte, die Leuchte der Kriminalistik… Aber er sah den Dr. Laduner nicht.
Da sagte der Arzt, und seine Augen blickten angestrengt auf die Landstraße:
»An Eichhorn[1q] erinnern Sie sich nicht mehr, Studer?«
»Exakt, Herr Doktor!« sagte Studer, und er war geradezu erleichtert. Darum legte er auch seine Hand auf den Arm seines Begleiters. »Eichhorn! Natürlich! Und Ihr seid jetzt bei der Psychiatrie? Ihr wolltet doch damals die Jugendfürsorge in der Schweiz reformieren?«
»Ach, Studer!« Dr. Laduner bremste ein wenig, denn ein Lastauto kam ihnen entgegen und hielt die Mitte der Straße. »In der Schweiz treffen sie nur Maßnahmen, und was das Traurigste ist, sie treffen sie gewöhnlich nicht einmal, sondern schießen daneben…«
Studer lachte; sein Lachen war tief. Dr. Laduner stimmte ein: das seine war ein klein wenig höher…
Eichhorn !…
Studer sah eine kleine Stube vor sich, darin acht Buben, zwölf- bis vierzehnjährig. Das Zimmer war ein Schlachtfeld. Der Tisch demoliert, die Bänke zu Brennholz zerkleinert, die Scheiben der Fenster zersplittert. Er stand unter der Tür und sah, wie gerade ein Bub auf einen andern mit dem Messer losging. »Ich mach dich hin!« sagte der Bub. Und in einer Ecke stand Dr. Laduner und sah zu. Als er Studer in der Türe bemerkte, winkte er ganz sanft mit der Hand ab – Machen lassen! Und der Bub warf plötzlich das Messer von sich, begann zu heulen, traurig und langgezogen, wie ein geprügelter Hund, während Dr. Laduner aus seiner Ecke hervorkam und mit ruhiger, sachlicher Stimme sagte: »Bis morgen ist dann das Zimmer in Ordnung und die Scheibe eingesetzt… Ja?« Und der Knabenchor sagte: »Ja!«
Das war in der Anstalt für Schwererziehbare in Oberhollabrunn gewesen, sieben Jahre nach dem Krieg. Eine Anstalt ohne Zwangsmittel. Und ein gewisser Eichhorn, ein unscheinbarer, hagerer Mann mit braunem, schlichtem Haar hatte es sich in den Kopf gesetzt, einmal ohne Pfarrer, ohne Sentimentalität, ohne Prügel zu versuchen, ob nicht aus der sogenannten verwahrlosten Jugend etwas herauszuholen sei. Und es war ihm gelungen. Das Erziehungswesen hatte damals gerade ein Mann unter sich, der zufälligerweise Grütze im Kopf hatte. So etwas kommt vor. In diesem besondern Falle war es also ein Mann gewesen, dem die höchst einfache Idee des Herrn Eichhorn eingeleuchtet hatte. Diese Idee war folgende: Die kleinen Vaganten kennen nur einen ewigen Kreislauf: Verfehlung, Strafe, Verfehlung, Strafe. Durch Strafe wird der Protest gereizt, und der Protest macht sich Luft, indem er zu neuen ›Schandtaten‹ treibt. Wie nun aber, wenn man die Strafe ausschaltet? Muß sich da der Protest nicht einmal leerlaufen? Vielleicht kann man dann von neuem beginnen, vielleicht aufbauen, ohne moralischen Schwindel oder, wie Dr. Laduner damals gesagt hatte: ›ohne religiösen Lebertran…‹
In Fachkreisen hatte man von den Eichhornschen Versuchen viel gesprochen, und als Studer damals nach Wien gefahren war, hatte man ihm empfohlen, sich die Sache einmal anzusehen.
Er war gerade in dem Moment erschienen, als der Protest bei der bösesten Bande ›am Ablaufen war‹. Und das hatte ihm Eindruck gemacht. Am Abend war noch etwas hinzugekommen. Als Landsmann hatte ihn Dr. Laduner, der bei Eichhorn als Volontär arbeitete, zu dem Direktor mitgenommen. Man hatte gesprochen, langsam, bedächtig. Studer hatte von Tessenberg erzählt, der Erziehungsanstalt im Kanton Bern, und wie bös es eine Zeitlang dort zugegangen sei… Da war es zehn Uhr, und es läutete an der Haustür. Eichhorn ging öffnen und kam mit einem Knaben zurück, sagte zu ihm: »Setzen Sie sich. Haben Sie Hunger?«, ging dann selbst in die Küche und brachte belegte Brote. Der Knabe war ausgehungert… Bis elf Uhr war er mit den drei Männern zusammen, dann führte ihn Eichhorns Frau ins Gastzimmer. Nachher erzählte Dr. Laduner, der Junge sei schon zum dritten Male durchgebrannt. Diesmal sei er freiwillig zurückgekommen. Darum der freundliche Empfang. Und Studer hatte für die beiden Männer, den Dr. Laduner und den Herrn Eichhorn, ehrliche Hochachtung empfunden…
»Was macht der Herr Eichhorn jetzt?« fragte Studer.
»Verschollen.«
So war das immer! Einer versuchte etwas Neues, Nützliches, etwas Vernünftiges, das ging zwei, drei Jahre… Dann war er plötzlich verschwunden, untergegangen. Nun, Dr. Laduner hatte zur Psychiatrie hinübergewechselt… Fragte sich nur, wie er mit dem alten Ulrich Borstli ausgekommen war, mit dem Direktor, der verschwunden war.
Einen Augenblick dachte Studer daran, nach den nähern Umständen des Verschwindens zu fragen, ließ es aber sein, denn das Bild des jungen Dr. Laduner in der Ecke des demolierten Zimmers vor dem Buben, der auf seinen Kameraden mit gezogenem Messer losging, wollte ihn nicht loslassen… Den psychologischen Moment erfassen, an dem eine Situation reif ist!… Er hatte damals schon allerhand verstanden, der Dr. Laduner!… Und Wachtmeister Studer fühlte sich geschmeichelt, daß er angefordert worden war, und daß er Dr. Laduners Gast sein sollte…
Eins war immerhin merkwürdig: Damals in Wien hatte der Arzt noch nicht das Maskenlächeln getragen, das Lächeln, das aussah, als sei es vor einem Spiegel aufgeklebt worden… Und dann: vielleicht war der Eindruck falsch, kontrollieren ließ er sich nicht, aber es schien doch, als hocke Angst in den Augen des Dr. Laduner.
»Da ist die Anstalt«, sagte der Arzt und zeigte mit der rechten Hand durch ein Seitenfenster. Ein roter Ziegelbau, soviel man sehen konnte in U-Form, mit vielen Türmen und Türmchen. Tannen umgaben ihn, viele dunkle Tannen… Nun war der Bau verschwunden, er tauchte wieder auf, da war das Hauptportal, und zum Eingangstor führten abgerundete Stiegen empor. Der Wagen hielt. Die beiden stiegen aus.
Auf das erste Fenster rechts vom Eingang wies Dr. Laduner und sagte:
»Das Büro des Direktors…«
Ein faustgroßes Loch in der untern Scheibe links… Glassplitter lagen auf dem Fenstersims und auf dem Beet verstreut, das die Einfahrt von der roten Mauer trennte.
»Drinnen sieht es ziemlich grausig aus. Blut am Boden, die Schreibmaschine neben dem Fenster streckt alle Tasten von sich, der Bürostuhl ist in Ohnmacht gefallen… Wir können uns die Bescherung später ansehen, es pressiert nicht, und dann können Sie ja Ihre kriminologischen Fachstudien in Ruhe betreiben…«
Warum klang nur das Witzeln so gezwungen?… Gekünstelt?… Studer blickte auf Dr. Laduner, so, als müsse er ein Bild festhalten, das im nächsten Augenblick ganz anders aussehen würde… Der graue Anzug, das leuchtende Kornblumenblau der Krawatte und die Strähne, die abstand wie der Federschmuck vom Kopfe eines Reihers… Das Lächeln – die Zähne des Oberkiefers waren breit, wohlgeformt, elfenbeingelb… Sicher rauchte Dr. Laduner viele Zigaretten…
»Kommen Sie, Studer, wir wollen nicht anwachsen. Eins will ich Ihnen sagen, bevor wir eintreten durch dieses Tor: Sie kommen zum Unbewußten zu Besuch, zum nackten Unbewußten, oder wie es mein Freund Schül poetischer ausdrückt: Sie werden eingeführt ins dunkle Reich, in welchem Matto regiert. Matto!… So hat Schül den Geist des Irrsinns getauft. Poetisch, gewiß…« – Dr. Laduner betonte das Wort auf der ersten Silbe. – »Wenn Sie aus der ganzen Sache klug werden wollen, und ich habe eine dunkle Ahnung, daß sie komplizierter ist, als wir jetzt meinen, wenn Sie klug werden wollen, so werden Sie in viele Häute schlüfen müssen…« (›schlüfen‹ sprach der Arzt wie ein schriftdeutsches Wort aus)… »in meine Haut zum Beispiel, in die vieler Pfleger, diverser Patienten… ›Patienten‹ sage ich, und nicht ›Verrückte‹… Dann dämmert Ihnen vielleicht langsam das Verständnis auf für den Konnex zwischen dem Verschwinden unseres Direktors und der Flucht des Patienten Pieterlen… Es sind da Imponderabilien…«
›Imponderabilien!‹… ›Konnex!‹… und ›ge-wiß‹, auf der ersten Silbe betont. Das alles gehörte zur Persönlichkeit, die Laduner hieß.
»Übrigens, die Diskrepanz, die zwischen der realen Welt und unserem Reich besteht«, sagte Dr. Laduner und stieg langsam die Stufen empor, die zum Eingangstor führten, »wird Sie vielleicht am Anfang unsicher machen. Sie werden sich unbehaglich fühlen, wie jeder, der zuerst eine Irrenanstalt besucht[2q]. Aber dann wird sich das legen, und sie werden keinen großen Unterschied mehr sehen zwischen einem schrulligen Schreiber Ihres Amtshauses und einem wollezupfenden Katatonen auf B.«
An der Mauer rechts vom Eingangstor hing ein Barometer, dessen Quecksilbersäule im Morgenlicht rötlich schimmerte. Eine Turmuhr schlug mit saurem Klange vier Viertel und dann, kaum süßer, die Stunde: sechs Uhr. Der letzte Schlag schepperte. Studer wandte sich noch einmal um. Der Himmel hatte die Farbe jenes Weines, den man Rosé nennt; Vögel schrieen in den Tannen, die zu beiden Seiten der Auffahrt hinter eisernen Gittern wuchsen. Der schwarze Kirchturm des Dorfes Randlingen war weit weg.
Nach dem Tor, das ins Innere führte, kamen wieder Stufen. Rechts eine Art Opferstock mit einer Tafel: ›Gedenket der armen Kranken!‹ Darüber eine grüne Marmorplatte. In Goldbuchstaben waren die Donatoren der Anstalt verewigt, und man erfuhr, daß die Familie His-Iselin 5000 Franken und die Familie Bärtschl 3000 Franken gestiftet hatten. Auf der Platte war noch Platz für künftige Wohltäter.
Es roch nach Apotheke, Staub und Bodenwichse… Ein eigenartiger Geruch, der Studer tagelang verfolgen sollte.
Rechts ein Gang, links ein Gang. Beide Gänge waren an ihren Enden durch massive Holztüren verschlossen. Eine Treppe führte in die höhern Stockwerke des Mittelbaues.
»Ich gehe voraus«, sagte Laduner über die Schulter. Er nahm zwei Stufen auf einmal, und Studer folgte keuchend. Im ersten Stock hatte er Zeit, durch ein Gangfenster einen großen Hof zu überblicken, dessen Rasenflächen von Wegen gleichmäßig zerschnitten wurden. Ein niederes Gebäude kauerte in der Mitte des Hofes, und dahinter stach ein Kamin in den Himmel. Rote Backsteinmauern, die Dächer mit Schiefer gedeckt und geschmückt mit vielen Türmen und Türmchen… Da war der zweite Stock, Dr. Laduner stieß eine Glastür auf und rief: »Greti!«
Eine dunkle Stimme antwortete. Dann kam eine Frau in einem roten Schlafrock auf die beiden zu. Ihre Haare waren kurz und blond, leicht gewellt, ihr Gesicht breit, fast flach. Sie blinzelte, wie es manche Kurzsichtige tun.
»Studer, das ist meine Frau… Greti, ist der Kaffee fertig? Ich hab Hunger… Den Wachtmeister kannst du dir beim z'Morgen betrachten… Zeig ihm jetzt sein Zimmer, er wohnt bei uns, das haben wir abgemacht…« Und dann war Dr. Laduner plötzlich nicht mehr da. Eine Tür hatte ihn verschluckt.
Die Frau im roten Schlafrock hatte eine angenehm warme und weiche Hand. Sie sprach Bärndütsch[3], als sie Studer mit ihrer tiefen Stimme begrüßte und sich entschuldigte, daß sie nicht angezogen sei, kes Wunder by dem G'stürm, um drei sei der Mann aus dem Schlaf geschellt worden wegen der Flucht des Pieterlen; dann habe man die Blutspuren im Direktionsbüro entdeckt – und der Direktor sei nirgends zu finden gewesen – verschwunden… Es sei überhaupt eine kurze Nacht gewesen, gestern hätte man d'Sichlete[2] g'ha (›Sichlete?‹ dachte Studer. ›Was für eine Sichlete?‹) und sei erst um halb eins ins Bett gekommen… Aber der Herr Studer werde sich gern ein wenig süübere welle, er möge so gut sein und mitkommen… Der lange Gang war mit bunten, gerillten Fliesen belegt. Hinter einer Tür schrie ein Kind, und Studer wagte schüchtern zu bemerken: ob die Frau Doktor das Kind nicht zuerst beruhigen wolle? – Das habe Zeit, und Schreien sei für Kinder eine gar gesunde Beschäftigung, es stärke die Lungen.
– Da sei das Gastzimmer. – Hier daneben das Bad. Herr Studer möge machen, nume wie daheime… Da sei Seife und ein frisches Handtuch… Sie rufe ihn dann, wenn das Morgenessen parat sei…
Studer wusch sich die Hände, ging hernach in das Gastzimmer, trat ans Fenster. Er sah auf den Hof. Männer mit weißen Schürzen trugen große Kannen, einige balancierten Tablette – wie Kellner.
Ein Ebereschenbaum an der Kante eines Rasenvierecks trug leuchtend rote Beerenbüschel und seine gefiederten Blätter waren goldgelb.
Und hinten, aus einem alleinstehenden, zweistöckigen Gebäude traten zwei Männer. Auch sie hatten weiße Schürzen vorgebunden. Sie gingen hintereinander, im Gleichschritt, und zwischen ihnen schaukelte eine schwarze Bahre, auf der ein Sarg festgebunden war. Da wandte sich Studer ab. Dunkel dachte er, wieviel Menschen wohl in solch einer Anstalt starben, und nach wie vielen Jahren und wie sie den Tod erlebten – aber da rief jene Stimme, die einen so angenehm dunklen Klang hatte:
»Herr Studer, weit-r cho z'Morge näh?«
»Ja, Frau Doktor!« – Und er komme schon.
Das Eßzimmer war gefüllt mit Morgensonne. Das kühle Licht brach durch ein großes Fenster ein, das fast bis zum Boden reichte. Eine Haube, aus bunten Wollen gelismet, war über die Kaffeekanne gestülpt. Honig, Anken, Brot, unter einer Glocke ein rotrindiger Edamerkäse… Die Wände dunkelgrün. Von der Decke hing ein Lampenschirm herab, der aussah wie eine Kleinmädchenkrinoline aus Goldbrokat…
Frau Laduner trug ein helles Leinenkleid. Sie öffnete die Tür zum Nebenzimmer. »Ernscht!« rief sie. Eine ungeduldige Stimme gab Antwort – Knarren und Zurückschieben eines Stuhles…
»So«, sagte Dr. Laduner. Er saß plötzlich am Tisch. Man konnte sein Gehen und Kommen nie recht feststellen, denn er bewegte sich rasch und lautlos. »Und, Greti, wie gefällt dir der Studer?«
– Nid übel, meinte die Frau. Er habe ein weiches Herz, er könne Kinder nicht schreien hören, und sonst sei er ein gar Stiller, man höre ihn kaum. Aber sie müsse den Herrn Wachtmeister doch etwas näher betrachten.
Sie nahm aus einem Etui, das neben ihrem Teller lag, einen Zwicker, klemmte ihn auf den Nasensattel und musterte Studer mit einem kleinen Lächeln. Ihre Stirnhaut war leicht gekräuselt.
