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30 Jahre Mauerfall
Berlin, 1988: Julia ist fünfzehn Jahre alt und lebt im Osten der Stadt, direkt an der Mauer. Ihre Nachbarin „Oma Ursel“ vermittelt ihr eine Brieffreundschaft mit der dreizehnjährigen Ines aus Westberlin, Ursels Enkelin. Doch die Brieffreundschaft muss streng geheim bleiben: Julias Vater duldet keine Westkontakte und Ines‘ Mutter will nichts mehr zu tun haben mit dem Staat, aus dem sie einst floh. Brief für Brief kommen Ines und Julia einem großen Familiengeheimnis auf die Spur …
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Seitenzahl: 359
Veröffentlichungsjahr: 2019
Anne-Ev Ustorf (geboren 1974) ist Journalistin, Dozentin und Sachbuchautorin. Seit 2003 ist sie als freiberufliche Journalistin mit den Schwerpunkten Psychologie und Bildung tätig. Sie unterrichtet Journalismus an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg. Maike Dugaro (geboren 1977) ist Journalistin, Dozentin und Biografin. Sie war lange als Redakteurin bei GEO.de beschäftigt und schreibt heute freiberuflich Reisetexte und Biografien. Sie unterrichtet Journalismus an der Akademie für Publizistik in Hamburg.
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© 2019 by cbj Kinder- und Jugendbuchverlag in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München
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Umschlaggestaltung: init | Kommunikationsdesign, Bad Oeynhausen
Umschlagmotive: © Plainpicture (Folio Images/Lena Katarina Johansson, Image Source, harry + lidy)
Berlin-Karte: Georg Behringer
MI · Herstellung: eR
Satz und E-Book-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck
ISBN 978-3-641-22791-3V002
www.cbj-verlag.de
Wir widmen dieses Buch allen Kindern, deren Familien durch die DDR zerstört wurden.
Stadtplan Berlin
Glossar unbekannter Wörter
Chronik der historischen Ereignisse
Vorbemerkung:
Im Text fett gesetzte Wörter werden im Glossar ab S. 295 erklärt. Um den Lesefluss nicht zu stören, werden Begriffe aus dem Glossar im Text nur einmal markiert.
Wilhelmsruh, 16.2.1988
Liebe Ines,
es ist ein bisschen seltsam, jemandem zu schreiben, den man gar nicht kennt. Aber ich probiere es einfach mal. Ich heiße Julia und wohne bei Deiner Oma Ursel im Haus in Ostberlin. Ich bin 15 Jahre alt und gehe in die 9. Klasse der 22. POS Wilhelmsruh. Mein nerviger kleiner Bruder Mirko auch, aber zum Glück will er nicht mit mir zusammen zur Schule laufen.
Ich möchte mich bei Dir bedanken, denn Du hast mir eine ziemlich große Freude gemacht! Und das total unerwartet! Denn der Tag, an dem Oma Ursel mir Deinen Umschlag mit der Michael-Jackson-Kassette gab, hatte begonnen wie jeder andere: Herr Krause von unten hatte mich mit einem seiner polternden Hustenanfälle pünktlich um dreiviertel sechs geweckt und Mirko war nebenan laut fluchend und wie immer viel zu spät im Badezimmer verschwunden. Meine Eltern sind beim Frühstück meist so in Gedanken oder Zeitungen versunken, dass sie kaum merken, wenn ich mich dazu setze. Erst wenn es kurz nach sieben ist und mein Bruder und ich das Haus verlassen müssen, legt Mutti die Zeitung zur Seite und scheucht uns in Schuhe und Jacken, damit wir auch ja nicht zu spät kommen.
Ich hoffe, es stört Dich nicht, dass ich Oma Ursel sage. Sie ist natürlich nicht meine Oma, aber ich nenne sie trotzdem so, weil meine Omas schon lange tot sind. Meistens fühlt es sich an, als seien wir Freundinnen. Eine sehr alte und eine sehr junge zwar, aber was spielt das für eine Rolle, wenn man sich versteht? Seit Oma Ursel zu uns ins Erdgeschoss gezogen ist, schaue ich oft am Nachmittag bei ihr vorbei, wenn meine Eltern noch nicht zu Hause sind. Dann kocht sie mir einen warmen Kakao und manchmal gibt es sogar ein Stück Kuchen dazu. Bei Oma Ursel sieht es aus wie in einer Wohnung aus einer anderen Zeit. Ihre Möbel sind dunkel und mächtig, die Vorhänge so dicht, dass kaum Licht hereindringt, und an den Wänden hängen jede Menge Fotos von Menschen aus ihrer Familie. Ihr müsst eine große Familie sein! Aber Besuch bekommt sie trotzdem nur selten. Deshalb freut sie sich auch immer, wenn ich klingele. Heute bin ich gleich nach der Schule zu ihr gegangen. Und als hätte sie es gewusst, stand der Kakao schon fertig auf dem Tisch. Alles war gedeckt, als hätte jemand Geburtstag. Mit Kerzen und feinem Geschirr. Als ich meinen Kakao ausgetrunken hatte, zog Oma Ursel plötzlich einen Umschlag mit einer Kassette hinter dem Rücken hervor. Und ich konnte kaum glauben, was darauf geschrieben stand: BAD. Das neue Album von Michael Jackson!
Dann erzählte Oma Ursel von Dir, ihrer Enkelin aus dem Westen, und dass Du sie für mich aufgenommen hättest. Wie alt bist Du eigentlich? 13, oder? Ines, Du bist jetzt schon die tollste 13-Jährige, die ich kenne! Und wenn Du meinen Musikgeschmack so genau kennst, weißt Du bestimmt auch schon vieles andere über mich. Bin gespannt, was Oma Ursel Dir alles geschrieben hat. (Hoffe, nur Gutes!)
Während ich Dir schreibe, höre ich die Kassette. Ganz leise, versteht sich. Meine Eltern müssen ja nicht alles wissen. Von unseren Briefen erzähle ich ihnen auch nichts. Westkontakte gehören sich nicht, findet mein Vater. Und mein nerviger Bruder Mirko findet das leider auch. Er ist zwar erst zwölf, aber dafür wahnsinnig besserwisserisch und selten eine Hilfe. Wenn Du auch einen Bruder hast, weißt Du ja sicher, wovon ich rede. Aber Du hast keinen, oder?
Jetzt gebe ich diesen Brief Oma Ursel, und die wird ihn hoffentlich bald ihrer Schwester Christa geben, die ja bei Euch in der Nähe wohnt, oder? Ursel sagt, dass sie ungefähr einmal im Monat zu Besuch kommt, manchmal auch öfter. Sie ist ab jetzt unsere geheime Brieftaube! Irgendwie gefällt mir das. Schreib bald zurück!
Deine Julia
Kreuzberg, 22. Februar 1988
Hallo Julia,
vielen Dank für Deinen Brief, den Tante Christa mir gestern Nachmittag vorbeigebracht hat. Sie kam direkt von ihrem Besuch bei Oma Ursel und zog plötzlich einen Brief aus ihrem Pulli. Der Brief war ganz warm, ich glaube, sie hatte ihn vor den Grenzbeamten in ihrem Büstenhalter versteckt. Ich habe ihn sofort aufgerissen und mich total gefreut, von Dir zu hören! Schön, dass die Michael-Jackson-Kassette Dir gefällt. Ich höre sie auch ganz oft. Wusstest Du, dass Michael Jackson dieses Jahr ein Konzert in Westberlin gibt? Ich möchte da unbedingt hin. Wenn ich Dir andere Kassetten überspielen soll, sag Bescheid. Ich gebe sie dann Christa mit, für ihren monatlichen Erbsensuppe- und Rommé-Besuch bei Ursel. Manchmal denke ich fast, die Mauer ist gar nicht da, so oft, wie Christa Richtung Osten über den Grenzübergang Bornholmer Straße spaziert und dann nach dem Kaffeetrinken wieder zurück in den Westen läuft. Aber dann hört man wieder, dass jemand an der Grenze beim Fluchtversuch erschossen wurde. Und mir fällt wieder ein, dass die Mauer für manche Menschen lebensgefährlich ist.
Ich weiß noch gar nicht sooo viel über Dich. Du bist 15. Wahrscheinlich kennst Du meine Oma inzwischen besser als ich. Ich hab sie ja noch nie gesehen, weil sie nicht nach Westberlin reisen darf. Wie gern würde ich in ihrer Wohnung auch mal Kakao trinken. Aber meine Mutter erlaubt es mir nicht. Sie will keinen Fuß mehr nach Ostberlin setzen, und deshalb darf ich es auch nicht. Blöd gelaufen. Aber manchmal schreibt Oma Ursel mir oder schickt mir Pakete. Das will meine Mutter auch nicht. Aber zum Glück kriegt sie das nicht mit, denn ich wohne bei meinem Vater. Meine Eltern haben sich ja getrennt, als ich vier war. Weiß nicht, ob Oma Ursel Dir das schon erzählt hat.
Übrigens, einen Bruder habe ich nicht. Gar keine Geschwister! Manche würden vielleicht sagen, ich habe überhaupt keine richtige Familie – Vater hier, Mutter da, keine Geschwister und dann noch eine Oma hinter der Mauer. Aber für mich fühlt sich das total normal an. Ich kenn es ja nicht anders. Wir wohnen in Kreuzberg, gar nicht weit von der Mauer, per Luftlinie wohl nur ein paar Kilometer von Dir entfernt. Unsere Wohnung ist riesengroß, ich habe ein tolles Zimmer mit Blick auf den Chamissoplatz, allerdings wohnen wir leider direkt über einem griechischen Restaurant und es stinkt in meinem Zimmer dauernd nach Hammel. Das hat aber auch gute Seiten, denn abends gehen wir oft einfach die Treppe runter zum Essen, Bifteki mit Pommes, mein Lieblingsgericht. Mein Vater kocht nämlich sehr schlecht. Sehr, sehr schlecht. Wir haben auch noch einen Hund. Einen Collie-Terrier-Mischling, der auf den bescheuerten Namen Jacques hört, benannt nach irgendeinem französischen Philosophen, das hat sich natürlich mein Vater ausgedacht. Aus Protest nenne ich den Hund aber Jackie. Nachmittags muss ich mit Jackie immer spazieren gehen, was ehrlich gesagt keinen Spaß macht, weil er mich dann von Hundehaufen zu Hundehaufen schleift – und hier in Kreuzberg gibt es viele davon. Außerdem muss ich mich auf dem Weg dauernd mit Omas unterhalten, die ihre fetten Dackel hinter sich herziehen.
Was gibt’s sonst über mich zu sagen? Ich höre gern Musik, das hast Du ja schon mitbekommen. Leider muss ich auch selbst musizieren, ich habe Klavierunterricht, aber ich versuche, durch beständiges Nicht-Üben meine Eltern davon zu überzeugen, dass ich dringend damit aufhören sollte. Ich bin schon ganz nah dran. Ich liebe allerdings Judo, dreimal die Woche gehe ich zum Training und lasse mich dabei ordentlich von meinem Trainer anschreien. Gerade übe ich für den blauen Gürtel. Mein Vater macht sich schon Sorgen, dass ich zu viele Muskeln zulege und bald aussehe wie ein Schrank. Er steht auf große Blondinen, aber will ich so aussehen wie die Freundinnen meines Vaters? Ganz bestimmt nicht. Bald will ich mit der Recherche zu meinem Schulprojekt anfangen, ich möchte eine Biografie über Kimura Masahiko schreiben, den besten Judoka, der jemals lebte. Nach ihm wurde sogar eine Hebeltechnik benannt, der Kimura. Unglaublich. Vielleicht schicke ich Dir mal ein Foto von ihm.
Apropos Foto: Wie siehst Du eigentlich aus? In welche Klasse gehst Du? Und was ist los mit Deinem Bruder, warum ist der so nervig?
Viele Grüße über die Mauer, schreib bald wieder und grüß mir meine Oma,
Deine Ines
Wilhelmsruh, 12.3.1988
Liebe Ines,
ich höre die Kassette jeden Tag und muss immer ein bisschen an Dich denken, auch wenn ich Dich eigentlich gar nicht kenne. Wenn mein Vater plötzlich reinkommt, mache ich sie schnell aus. Zum Glück hat er noch nicht bemerkt, was ich höre. Auf meinen Bruder Mirko muss ich dagegen aufpassen. Der will immer alles wissen und kann nichts für sich behalten. Eine richtige Nervensäge. Sei froh, dass Du keine Geschwister hast. Ich wäre manchmal lieber allein. Neulich war meine Freundin Tina zu Besuch und Mirko kam alle zwei Minuten zu uns ins Zimmer, um irgendetwas Unwichtiges zu fragen. So was wie »Musst du nicht noch den Müll runterbringen?« Natürlich wollte er nur sehen, was wir machen oder hören oder reden. Wir sind ihn kaum losgeworden. Meine Eltern konnten auch nicht helfen. Die kommen immer erst so gegen sechs nach Hause. Mirko und ich sind dagegen schon um fünf von der Schule zurück. Eine ganze Stunde Zeit für Mirko, sich haufenweise Zeug einfallen zu lassen, um mir auf die Nerven zu gehen. Bis meine Eltern kommen, muss der Tisch gedeckt sein. Auch darüber streiten mein Bruder und ich täglich. Er führt Listen darüber, wie oft er schon dran war und behauptet, dass ich das angeblich nie mache und überhaupt total faul sei.
Dabei schläft er morgens so lange, dass wir fast immer zu spät aus dem Haus kommen. Ich sag’s ja – sei froh, dass Du keine Geschwister hast.
Wenn unsere Eltern dann da sind, essen wir zusammen und jeder erzählt ein bisschen von seinem Tag. Ohne Deine Mutter zu sein, ist doch bestimmt komisch oder? Seit wann ist denn das so? Wie oft seht Ihr Euch?
Ich kann mir gar nicht vorstellen, nur bei meinem Vater zu wohnen. Er ist sehr streng und hält dauernd Vorträge, die niemand hören will. Immer muss alles ordentlich sein, und Pünktlichkeit ist auch total wichtig. Aber am allerwichtigsten ist die Partei. Denn die hat immer recht. Sagt er. Manchmal könnte man den Eindruck bekommen, er sei mit der Partei verheiratet und nicht mit Mutti.
Wir wohnen ganz in der Nähe der Mauer, in Wilhelmsruh in der Fontanestraße, und wenn ich mich aus dem Fenster lehne, kann ich sie sehen. Unsere Wohnung liegt im ersten Stock, mit Blick auf die Mauer. Eigentlich stört sie mich nicht wirklich. Sie war ja schon immer da und gehört irgendwie zur Straße dazu.
Unsere Wohnung ist nicht groß, aber auch nicht klein. Eine Vierraumwohnung. Es gibt ein Wohnzimmer, ein Schlafzimmer, ein kleines Zimmer für mich und ein kleines für meinen Bruder, das wir allerdings morgens und abends als Esszimmer nutzen. Dann muss das Bett umgeklappt werden und schon haben alle Platz. Die Küche ist zu klein – da können wir nicht essen. Und dann ist da noch das Bad, sogar mit Badewanne. Es ist ein modernes Haus mit Balkonen und richtigen Heizungen. Viele meiner Freundinnen wohnen in alten Häusern und müssen noch Kohlen in die Wohnung schleppen. Bin ich froh, dass uns das erspart bleibt, sonst müsste ich mich auch noch darüber mit Mirko streiten.
Ich bin meist eh schon ziemlich erledigt, wenn ich nachmittags nach Hause komme, denn ich habe dreimal in der Woche Schwimmtraining. Im Sommer soll ich bei den DDR-Jugendmeisterschaften mitschwimmen. Judo klingt auch super. Ich glaube, mir würde Ballett am besten gefallen, aber das ist kein richtiger Sport, sagt mein Vater. Da kann ja niemand der Schnellste sein oder am höchsten springen oder am weitesten werfen. Ich weiß schon, was er meint, aber es hätte mir eben trotzdem am besten gefallen.
Wenn wir samstagsabends zusammen fernsehen, schaue ich mir immer am liebsten das Fernsehballett an.
Was kommt bei Euch so im Fernsehen? Ein bisschen weiß ich das ja, weil ich manchmal heimlich Westfernsehen schaue, wenn meine Eltern noch nicht da sind und mein Bruder mal wieder auf dem Heimweg trödelt. Wenn ich ihn dann auf der Treppe höre, schalte ich schnell wieder um.
Ach ja – wie ich aussehe, wolltest Du noch wissen. Ich hab grad kein Foto hier, also beschreib ich es Dir: Ich bin ungefähr eins siebzig groß, habe lange braune Haare und grüne Augen. Ich trage Schuhgröße 39, unter meinem Kinn habe ich einen Leberfleck und über dem rechten Auge eine kleine Narbe. Da bin ich als Kind mal die Treppe runtergefallen. Und in den Ohren trage ich im Moment am liebsten meine neuen kreischroten Ringe. Mutti nennt sie Gardinenringe, aber ich finde, die fetzen.
Und Du, wie siehst Du aus? Bei Ursel steht ein Foto von Deiner Einschulung, aber seitdem hast Du Dich garantiert verändert. Und welche Fächer magst Du in der Schule? Erzähl mal!
Ich schicke Dir unsere Brieftaube und hoffe, dass sie bald zurückkommt. Deine Oma lässt Dich grüßen. Sie freut sich immer, wenn ich von Dir erzähle. Die Briefe lese ich ihr natürlich nicht vor, Briefgeheimnis! Aber ich erzähle ihr ein bisschen von dem, was Du schreibst. Den Namen von Eurem Hund findet sie auch ziemlich dämlich. Morgen gehe ich wieder zu ihr.
Bis ganz bald,
Deine Julia
Kreuzberg, 27. März 1988
Liebe Julia,
vielen Dank für Deinen Brief und entschuldige, dass ich erst jetzt zurückschreibe. Tante Christa hat mir Deine Post erst vor ein paar Tagen gebracht, sie war mal wieder auf Reisen mit ihrem Kirchenchor und konnte deshalb nicht rüber zu Oma Ursel. Der Chor ist ganz schlimm, fünfzig Omas in blauen Blusen singen mit zittrigen Stimmen Gottesdienstmusik. Sie nennen sich »Vokalensemble Dahlem«, mein Vater nennt sie nur »Folterensemble Dahlem«. Neulich musste ich mit meiner Mutter zu einem ihrer Konzerte. Wenn Du mal die Gelegenheit bekommst: Geh nicht hin!
Und dann hatte ich in den letzten Tagen ziemlich viel zu tun. Du hattest ja gefragt, welche Fächer ich in der Schule besonders mag. Ich sag’s Dir gleich: auf keinen Fall Mathe, Physik und Chemie. Ich habe in Chemie eine Vier und verstehe meistens gar nix. In Mathe stehe ich auf fünf, da verstehe ich noch weniger als nix. Mit der Versetzung wird es dieses Jahr mal wieder knapp. Noch schlimmer ist aber, dass ich zum Üben immer zu Marion muss. Im Gegensatz zu meinem Vater ist sie – also meine Mutter, ich nenne sie immer bei ihrem Vornamen, Marion – gut in den Naturwissenschaften, sie ist ja Ärztin und hat das ganze Zeug studiert. Ich bin also letzten Samstag nach Steglitz, um mit ihr für meine nächste Chemiearbeit zu lernen. Sie wohnt in einer kleinen Zweizimmerwohnung gleich um die Ecke vom Klinikum, wo sie arbeitet. Es war eigentlich ein schöner Tag, vielleicht erinnerst Du Dich, die Sonne schien und es lag richtig Frühling in der Luft. Doch als ich bei ihr ankam, war alles so düster wie immer. Nicht düster im Sinne von dunkel, sondern irgendwie gedrückt. Sie ist oft total erschöpft und müde, wahrscheinlich liegt das an ihrem Job, sie hat ja viele Nachtschichten im Krankenhaus. Ihre Wohnung ist jedenfalls total karg: Bett, Schrank, Schreibtisch und Stuhl im Schlafzimmer, Sofa, Beistelltisch und Bücherregal im Wohnzimmer. Sonst nichts, keine Bilder, kein Schnickschnack, keine Klamotten, die rumliegen. Nur auf ihrem Nachtschrank steht ein Foto von mir, von meiner Einschulung, wahrscheinlich dasselbe, das Ursel auch hat. Und das war’s dann schon. Es sieht aus, als wäre sie gerade eingezogen oder würde bald ausziehen. Aber sie wohnt da schon seit neun Jahren, seit der Trennung meiner Eltern. Ich bin so froh, dass ich sie nur am Wochenende sehen muss und sonst bei meinem Vater sein kann. Bei ihm ist es viel gemütlicher, zwar total chaotisch – überall sind Bücher und Fotos und Zeitschriften und Zigarettenpackungen und leider auch angefressenes Hundespielzeug – aber dafür eben heimelig.
Also, ich komme bei Marion an und sie ist wieder richtig anstrengend. Nicht: »Hallo Ines, wie geht’s dir, möchtest du einen Tee, was macht das Leben so?«, sondern so ganz leise: »Komm rein, setz dich schon mal, ich habe von meinem Kollegen extra ein Chemiebuch für die achte Klasse ausgeliehen, wir strengen uns diesmal ordentlich an und dann schaffst du schon eine Drei.« Herzlich, oder? Man könnte meinen, sie wäre meine Nachhilfelehrerin und nicht meine Mutter. Es gibt bei ihr nur Arbeit, Arbeit, Arbeit. Der Rest fehlt. Mein Vater sagt immer, ich soll nicht so streng mit ihr sein, sie hatte es schwer. Egal, das Schlimmste war, dass sie mich nach dem Lernen zur Belohnung noch auf ein Eis einlud. Erstens bin ich nicht mehr fünf Jahre alt, man könnte mit mir wirklich bessere Dinge anstellen als ein Eis essen zu gehen. Und zweitens haben wir uns nie was zu sagen. Manchmal stellt sie eine verkrampfte Frage, aber es kommt kein Gespräch in Gang. Ich war froh, als ich wieder in die S-Bahn steigen und nach Hause fahren konnte. Leider muss ich morgen noch mal hin, weil wir nicht mit dem Stoff durchgekommen sind. Ich will einen anderen Nachhilfelehrer.
Na ja, Du hast es anscheinend auch nicht so leicht mit Deinen Eltern. Aber wer hat das schon? Manchmal nerven die halt. Kannst Du Dich mit Deiner Mutter wenigstens besser unterhalten als ich? Dein Vater hört sich ganz schön streng an. Immerhin verstehe ich mich mit meinem Vater ganz gut, auch wenn er wenig Zeit hat, weil er viel arbeitet. Du kannst ihn übrigens mal hören, wenn Du willst: Er hat Samstagvormittags auf dem Radiosender RIAS1 eine Sendung, die er moderiert, über Politik und neue Bücher. Manchmal interviewt er auch Gäste. Ehrlich gesagt schalte ich nicht oft ein, weil es mich nicht interessiert. Ich höre lieber RIAS2, viel Popmusik, kennst Du ja bestimmt, Ihr könnt doch auch RIAS empfangen, oder? Fernsehen interessiert mich nicht so. Am liebsten lese ich. Liest Du auch gern? Und ist Tina eigentlich Deine beste Freundin? Hast Du viele gute Freunde?
Ach ja, Du hast noch gefragt, wie ich jetzt aussehe. Ich bin immer noch ziemlich klein und habe lange dunkelbraune Haare, wie Du. Aber keine grünen Augen, sondern braune. Die habe ich von meinem Vater, der sieht aus wie ein Süditaliener, obwohl er in Hamburg geboren und aufgewachsen ist und seine Eltern plattdeutsch sprechen. Irgendwo in seiner Familiengeschichte muss sich mal ein Sizilianer versteckt haben. Ich habe eine Zahnlücke zwischen den Zähnen, die ich hasse. Du merkst, ich bin nicht gerade begeistert von meinem Aussehen. Egal, dann werde ich halt ein Schrank. Ja, schick mir doch mal ein Foto von Dir, das fände ich schön.
Ich hab’ auf dem Stadtplan übrigens mal geschaut, wo die Fontanestraße liegt und wo Du wohnst. Und da fiel mir auf: Ich war schon ganz bei Euch in der Nähe. Manchmal besuche ich eine alte Schulfreundin im Märkischen Viertel, von Dir aus direkt auf der anderen Seite der Mauer. Wenn ich mal wieder da bin, denke ich an Dich. Und natürlich auch an Oma Ursel, sie wohnt ja jetzt auch in der Fontanestraße. Komisch, dass uns dann nur hundert Meter trennen und wir uns trotzdem nicht sehen können. Irgendwie gemein, oder? Ich habe eine Idee, wir stellen uns einfach jeder auf unsere Seite der Mauer und brennen mit unseren Blicken Löcher durch den Zement. Hab ich mal in einem Science-Fiction-Film gesehen. Wäre schön, wenn’s klappt, was?
Okay, gleich kommt Tante Christa, dann kann ich ihr den Brief mitgeben. Am Wochenende besucht sie Oma Ursel. Lass Dir nichts von ihr vorsingen! Und schreib mir bald.
Deine Ines
Wilhelmsruh, 15.4.1988
Liebe Ines,
es ist grad mal drei Wochen her, dass Du mir geschrieben hast und doch ist so viel passiert wie sonst manchmal in einem ganzen Jahr nicht. Aber der Reihe nach. Kannst Du Dich noch an meine Freundin Tina erinnern? Sie ist meine beste Freundin. Aber auch meine geheimste. Zumindest seit neulich. Da hat unsere Lehrerin Frau Meinsdorf in der Klasse unsere Aufsätze zurückgegeben und zu Tina gesagt, dass sie sehr enttäuscht sei von ihr. Unter dem Aufsatz prangte eine Fünf. Bei Tina! Sie ist die Beste in der Klasse, wenn nicht sogar an der ganzen Schule. Vor allen anderen hat die Meinsdorf es gesagt. Ich habe Tina angesehen, aber sie hat nur auf den Boden gestarrt, ist immer kleiner geworden auf ihrem Stuhl, hat die Schultern hoch- und den Kopf eingezogen – wie eine Schildkröte. Ich wusste, dass sie am liebsten geweint hätte. Die olle Meinsdorf hat sie nicht mehr beachtet. Als hätte sie etwas Schlimmes getan.
Bis zur Pause musste ich warten, um Tina endlich zu fragen, was los ist. Doch sie wollte nicht damit rausrücken: »Jeder schreibt doch mal eine schlechte Note«, hat sie gemeint. »Aber du bist doch nicht jeder!« Ich habe ihr einfach nicht geglaubt.
Am Nachmittag nach dem Schwimmen habe ich sie besucht. Tina wohnt im Hinterhaus eines alten Gebäudes, das früher bestimmt mal sehr schön war. Jetzt blättert der Putz von der verrußten Fassade. Aber ich mag es da. Es ist irgendwie so geheimnisvoll.
Tina wollte mich erst nicht reinlassen. »Ich muss noch lernen, wegen der Fünf heute.« Aber ich habe sie einfach zur Seite geschoben und bin reingegangen. Schließlich ist sie meine beste Freundin, und da weiß man doch, wenn es dem anderen schlecht geht.
Ihre Mutter war zu Hause. Das ist sie eigentlich immer. Schön, aber auch irgendwie seltsam. Ich kenne sonst niemanden, bei dem die Eltern tagsüber zu Hause sind. Die gehen alle arbeiten. Tina sagt, ihre Mutter sei krank und könne nicht arbeiten. Aber besonders krank ist sie mir noch nie vorgekommen.
Wir haben uns in Tinas Zimmer gesetzt und Musik gehört. Ganz laut. So, dass man sich fast nicht mehr verstehen konnte. Und dann hat Tina erzählt, was los ist. »Aber du musst es für dich behalten. Das ist ganz wichtig«, sagte sie. »Meine Mutter ist gar nicht krank. Sie ist Musikerin. Aber weil sie singt, was sie denkt, darf sie schon seit vielen Jahren nicht mehr auftreten.« Ich war verwirrt. Und irgendwie gar nicht überrascht. Dass die Krankheit ihrer Mutter seltsam war, hatte ich ja schon lange geahnt. Doch bevor ich eine Frage stellen konnte, erzählte Tina das Unfassbare: »Meine Eltern haben einen Ausreiseantrag gestellt. Sie wollen die DDR verlassen.«
Jetzt war ich platt. »Und was ist mir dir?« »Na, ich soll natürlich mit, oder glaubst du, ich bleib hier alleine?« In meinem Kopf begann sich alles zu drehen. »Aber wieso wollt ihr denn weg? Und wann überhaupt?« Die Musik war noch immer ohrenbetäubend laut. Aber Tinas Mutter schien das nicht zu stören. Mein Vater wäre längst reingekommen und hätte den Stecker aus der Wand gezogen. »So schnell wie möglich«, sagte Tina. »Aber man kann nie wissen, wie lang das dauert, sagt meine Mutter. Meine Eltern sehen keine Zukunft für uns hier. Mutti darf nicht auftreten und fühlt sich ständig überwacht. Sie sagt, ihr fehlt hier die Luft zum Atmen. Und meinem Vater haben sie auch gesagt, er müsse nicht mehr kommen. Der hatte immerhin Glück und hat von einem Pfarrer Arbeit als Hilfsgärtner auf einem Friedhof bekommen. Ausreisefriedhof nennen sie den, weil dort nur Leute arbeiten, die einen Ausreiseantrag gestellt haben.« Aus Tinas Mund klang das alles so klar und nüchtern. In meinem Kopf war nichts mehr am selben Fleck. »Und darum kriegste jetzt plötzlich ne Fünf?« »Das weiß ich nicht«, sagte Tina, »vielleicht hatte ich auch nur einen schlechten Tag.«
Zu Hause konnte ich natürlich nicht erzählen, was ich von Tina erfahren hatte. Aber das brauchte ich auch nicht. Irgendwoher wusste mein Vater es nämlich schon. Er war völlig außer sich. Er hätte ja immer gewusst, dass mit dieser Familie was nicht stimme, und nun sei es ja bewiesen. Und dass ich mich auf gar keinen Fall mehr mit Tina treffen dürfe. Das sei schlechter Einfluss für mich. Mutti war etwas ruhiger. Aber auch erst, als Vati nicht mehr im Raum war. Sie hat irgendwie versucht, das zu erklären. Dass im Sozialismus alle an einem Strang ziehen müssen. Und dass, wer abhaut, sich eben genau dagegenstellt. Deswegen sei Vati so wütend. Dann hat sie mich in den Arm genommen und ganz fest gedrückt.
Das war vor drei Wochen. Seitdem ist alles irgendwie anders. Tina kommt in der Schule nicht mehr dran, wenn sie sich meldet. Und wir dürfen auch nicht mehr nebeneinandersitzen. Tina muss jetzt ganz hinten in der Klasse sitzen. Natürlich treffen wir uns aber trotzdem noch. Sie ist jetzt meine geheime Freundin, meine Eltern dürfen nichts davon wissen. Tina darf uns auch nicht mehr besuchen.
Wir treffen uns jetzt bei ihr. Ich sage dann immer, dass ich länger Training habe oder noch bei Oma Ursel bin. Ein- oder zweimal in der Woche klappt das. Dann sitzen wir zusammen, hören Musik und lachen über die olle Meinsdorf mit ihren schrecklichen Haaren, die wie Spinnfäden vom Kopf runterhängen. Dann ist alles so wie immer.
An den anderen Tagen ist Tina oft traurig und still, manchmal weint sie sogar in der Schule. Einfach so. Kannst Du Dir das vorstellen?
Jetzt möchte ich wirklich Löcher in den Zement brennen. Zwei Stück. Und durch die krabble ich mit Tina durch auf die andere Seite. Wo wir einfach Freundinnen sein können. Und dann besuchen wir Dich und Du zeigst uns alles. Deine Schule, Deine Freunde, Deine komische Mutter und Deinen netten Vater. Und den Hund mit dem lustigen Namen will ich auch sehen.
Du findest Tina bestimmt auch super. Und Dein Vater berichtet dann im Radio über zwei seltsame Löcher in der Mauer. Und Tinas Mutter wird eine berühmte Sängerin.
Wäre das nicht schön?
So, und nun muss ich rennen. Runter zu Oma Ursel, die bestimmt schon den Kakao fertig hat. Hoffentlich kommt unsere Brieftaube bald wieder geflogen, damit Du das alles schnell lesen kannst.
Bis bald,
Julia
Kreuzberg, 2. Mai 1988
Liebe Julia,
unsere Brieftaube kam hier mit ziemlicher Verspätung an. Sie hatte Deinen Brief ein paar Wochen in einer dunklen Ecke ihrer riesigen Handtasche vergessen. Erst letzten Sonntag kam Tante Christa zum Mittagessen vorbei und übergab mir Deinen Brief. Ist manchmal ein bisschen schwer, sie hierherzulocken. Christa ist zwar die netteste Großtante, die man sich vorstellen kann, aber sie findet unseren Stadtteil doch etwas gruselig. Wenn sie in ihrer gestärkten weißen Bluse und ihrem Faltenrock unsere Straße herunterspaziert, hält sie ihre Handtasche immer extrafest. Hier gibt’s ihr zu viele Türken und Punks. Sie war also ganz erleichtert, als sie nach dem Kaffee endlich wieder in die U-Bahn nach Dahlem steigen durfte. Dabei ist sie selbst doch der größte Revoluzzer: Wer traut sich schon, Briefe illegal über die Grenze zu bringen?
Sie hätte mal gestern hier sein sollen, da war richtig Krawall. Am 1. Mai ist Tag der Arbeit, da gibt’s in Kreuzberg immer große Demos. Habt Ihr so was in Ostberlin auch? Es flogen Flaschen und Bierdosen quer durch den Stadtteil und die Polizei war im Dauereinsatz. Ich saß gemütlich auf der Fensterbank meines Zimmers und hab mir alles von oben angeschaut. Leider musste ich Jackie dauernd die Schnauze zuhalten, weil der pausenlos kläffte. Irgendwann habe ich ihn auf dem Klo eingesperrt.
Die ganze letzte Woche habe ich nach der Schule an meinem Projekt gearbeitet. Du weißt schon, Kimura Masahiko. Ich war für die Recherche sogar in der Amerika-Gedenkbibliothek. Er war wirklich ein großer Judomeister! Ich habe eine tolle Geschichte über ihn gelesen. Als Japan nach dem Zweiten Weltkrieg von den Amerikanern besetzt war, sah Kimura Masahiko, wie vier amerikanische Soldaten eine Gruppe japanischer Arbeiter misshandelten. Er griff ein und machte alle vier Soldaten nacheinander platt. Sogar der amerikanische Truppenchef war beeindruckt. Kimura Masahiko erteilte ihm dann später Judounterricht und sie wurden sogar Freunde. Moral von der Geschichte: Lass Dir nichts gefallen.
Ich wünschte, Kimura könnte auch Deiner Freundin Tina helfen. An ihrer Stelle wäre mir auch zum Weinen zumute. Warum dürfen ihre Eltern nicht ausreisen, wenn sie nicht in der DDR leben möchten? Wie kann es sein, dass sogar die Schule da mitmacht? Mich macht das wahnsinnig wütend. Ich habe meinem Vater davon erzählt und er hat gesagt, dass das leider oft in der DDR passiert. Dass also nicht nur die Erwachsenen in Schwierigkeiten kommen, wenn sie den Staat kritisieren, sondern auch deren Kinder. Und dann hat er mir noch etwas erzählt, was ich irgendwie vergessen hatte: Dass ja auch meine Mutter als junge Frau die DDR verließ, weil sie dort nicht studieren durfte. Es war anscheinend immer ihr Traum gewesen, Medizin zu studieren. Weil ihr das nicht erlaubt wurde, ist sie geflohen. Ich muss mal rausfinden, wie genau es Marion gelang, rüberzukommen. Vielleicht hilft das ja Tina.
Übrigens ist mein Vater ziemlich besorgt wegen unserer Briefe. Er sagt, wir sollten sehr vorsichtig sein, sonst könnten Tante Christa, Oma Ursel und Du in Schwierigkeiten kommen. Er wollte ganz genau wissen, wie Christa die Briefe über die Grenze schmuggelt (beim letzten Mal hatte sie ihn über dem Steißbein in die Perlonstrumpfhose gestopft, eigentlich keine schöne Vorstellung) und wie oft wir uns schreiben. Er will mit Christa darüber sprechen. Aber keine Angst, er ist nicht sauer. Wahrscheinlich hat er es morgen eh wieder vergessen, er hat nämlich eine neue Freundin. Sie heißt Sabine und sieht aus wie Jodie in »Ein Colt für alle Fälle«. Groß, blond, schlank. Gestern kam Sabine zum Abendessen und es war klar, dass das ein offizieller »Kennenlernbesuch« war. Mein Vater hatte extra Toast Hawaii gemacht, mein Lieblingsessen. Also, sie kommt rein und schüttelt meine Hand. »Hallo Ines, ich bin die Sabine, toll, dich kennenzulernen«, sagt sie und guckt so, als ob sie sich wirklich ganz, ganz doll freut, mich endlich kennenzulernen. Dabei drückt sie aber so brachial meine Hand, dass ich fast in die Knie gehe. Was ist die, Möbelpackerin? So viel Kraft ist nicht normal. Sie hat dann dauernd versucht, sich mit mir zu unterhalten. Aber da kommt sie bei mir leider nicht weit. Ich habe nämlich so was von null Bock darauf, Papas neue Freundinnen kennenzulernen. Erstens sind sie blöd und zweitens eh bald wieder weg. Ich halte Dich auf dem Laufenden, ich gebe ihr sechs Wochen, mehr nicht.
Übrigens finde ich es sehr nett von Dir, dass Du so zu Tina hältst, obwohl alle dagegen sind. So eine Freundin würde ich mir hier auch wünschen. Habe ich leider nicht. Mit den Mädchen aus meiner Klasse komme ich nicht besonders klar, die meisten sind Tussis. Ich hasse die Schule eh. Und in der Nachbarschaft ist auch keine dabei, mit der ich mich gut verstehe. Der Einzige, den ich mag, ist Stefan. Er ist mein Kampfpartner beim Judo, also leider auch so klein und leicht wie ich! Wir haben viel Spaß, vor allem, seit wir die Würgetechniken gelernt haben. Aber ich fürchte, dass wir bald nicht mehr kämpfen können, er fängt nämlich endlich an zu wachsen. Gut für ihn, blöd für mich.
Übrigens, wusstest Du, dass Michael Jackson am 19. Juni in Berlin spielt? Er gibt am Brandenburger Tor ein Konzert, also direkt an der Mauer. Anders als Zehntausende Berliner habe ich leider keine Karte, mein Vater sagt, so viel Geld gibt er dafür nicht aus. Ich werde mich aber irgendwo auf eine Wiese setzen und zuhören. Und an Dich denken.
Schreib mir bald wieder!
Deine Ines
Wilhelmsruh, 18.6.1988
Liebe Ines,
seit Deinem Brief habe ich viel über Kimura nachgedacht. Viel weiß ich ja nicht über ihn, aber das, was Du mir geschrieben hast, klingt wirklich beeindruckend. Ja – so jemanden könnte ich hier manchmal gebrauchen. Tina wohl noch mehr. Seit es in der Klasse alle wissen, dass sie und ihre Eltern eigentlich nicht mehr hier sein wollen, geht sie nicht mehr gern in die Schule. Ich versuche immer, sie aufzumuntern, aber das ist gar nicht so einfach.
Ich gebe mir wirklich Mühe, aber manchmal fällt es mir auch schwer zu verstehen, was hier so falsch sein soll. Eigentlich ist doch alles ganz in Ordnung. Tina und ihre Eltern haben eine alte, aber ganz schöne Wohnung. Tina hat viele Freunde, geht gern zum Schwimmen (wie ich) und ist richtig gut in der Schule (anders als ich). Na ja, wenn man ehrlich ist, dann war sie richtig gut in der Schule. Ich hatte ja schon geschrieben, dass sie jetzt nur noch schlechte Noten bekommt, obwohl sie natürlich nicht plötzlich dümmer geworden ist. Mein Vater sagt, dass das nicht sein kann und dass sie wohl andere Dinge im Kopf hätte und deswegen nicht mehr genug lerne. Und das sei jetzt auch das Letzte, was er zu dem Thema sagen würde. Im Übrigen verbiete er mir den Kontakt mit Tina.
Ich verstehe ja, dass ihm das irgendwie Sorgen macht, aber warum sollte ich denn hier wegwollen? Gut, mein Bruder nervt ganz schön, aber das ist ja kein Grund, gleich die Koffer zu packen.
Dein Vater hat bestimmt recht, wenn er sagt, dass wir mit unseren Briefen aufpassen müssen, aber bisher weiß hier ja nur Oma Ursel davon und warum sollte die einer kontrollieren? Nur dem Krause, dem traue ich zu, dass er hier jeden im Haus überwacht.
Herr Krause wohnt im Erdgeschoss, gegenüber von Oma Ursel. Er ist ein buckliger, kleiner Mann mit kaum drei Haaren auf dem Kopf und einer viel zu großen Brille. Er nimmt sich wahnsinnig wichtig, denn jeder Besuch, der etwas länger bleibt, muss sich bei ihm anmelden. Dann räuspert er sich immer und holt ganz umständlich das Hausbuch heraus. Darin sind alle Menschen eingetragen, die in unserem Haus wohnen. Und solche, die über Nacht bleiben, muss er eintragen. Westbesuch muss sowieso eingetragen werden, egal wie lang der bleibt.
Herr Krause nimmt seine Aufgabe sehr ernst. Der scheint regelrecht hinter der Tür zu stehen, und immer, wenn einer nach Hause kommt, öffnet er sie einen Spalt, um herauszulinsen. Ich sag dann immer ganz freundlich »Guten Tag, Herr Krause!« und er murmelt dann irgendwas wie »Wollte grad den Müll rausbringen« oder »Erwarte meine Schwester«. Mir ist natürlich völlig klar, dass er einfach nur wissen will, wer im Haus aus- und eingeht.
Herr Krause ist mit Sicherheit jemand mit besonders großen Ohren, wie Oma Ursel immer sagt. Zum Glück bewahre ich unsere Briefe in einem Versteck auf. Ich schreibe Dir nicht, wo, falls doch mal jemand einen unserer Briefe bei unserer Brieftaube entdeckt.
Ich kann mir allerdings nicht vorstellen, was irgendjemand damit anfangen können soll. Wir sind doch bloß zwei Mädchen, die sich Briefe schreiben.
Weißt Du, warum Deine Mutter weggegangen ist aus der DDR? Wäre sie hiergeblieben, könnten wir uns heute besuchen. Aber dann würden wir uns jetzt auch keine Briefe schreiben.
Wie findet sie denn die neue Freundin von Deinem Vater? Oder kennt sie die noch gar nicht? Tut mir leid, dass das für Dich so doof ist. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie das ist. Dass Mutti und Vati mal nicht mehr zusammen sind – unvorstellbar. Die erzählen immer davon, wie sie sich kennengelernt haben (in der Schule) und dass sie gleich wussten, dass sie die Richtigen füreinander sind. Also – wenn ich ehrlich bin, erzählt das nur Mutti. Mit Vati kann ich über sowas nicht reden. Einmal hat er gesagt, dass sie schnell geheiratet haben, damit sie eine Wohnung bekommen konnten. Klingt irgendwie nicht besonders romantisch.
Wie haben sich denn Deine Eltern kennengelernt? Und warum haben die sich getrennt? Ich wünsch Dir sehr, dass sich die Freundin von Deinem Vater doch noch als nett herausstellt. Hatte er denn schon mehrere Freundinnen, seit Deine Mutter nicht mehr bei Euch wohnt?
So – und nun muss ich lernen. Vor den Ferien müssen wir noch eine Klassenarbeit schreiben. In zwei Wochen ist es endlich so weit: Sommerferien!
Dann fahren wir mit Mutti und Vati eine Woche in ein Ferienheim auf Usedom. Und danach bin ich noch im Ferienlager meiner Schwimmmannschaft. Mein nächster Brief kommt also bestimmt ein bisschen später, aber dafür stecke ich dann ein bisschen Sand von der Ostsee rein.
Bis bald,
Julia
Kreuzberg, 28. Juli 1988
Liebe Julia,
als ich vorgestern Abend aus den Ferien zurückkam, sah ich Deinen Brief auf meinem Schreibtisch liegen. Ich habe mich echt gefreut! Ich hoffe, Du sitzt jetzt noch mit den Füßen in der Ostsee an irgendeinem Strand.
Ich war auch im Urlaub, drei Wochen in Südfrankreich mit Papa und Sabine. Ich habe Dir sogar was mitgebracht: ein paar Zweige Lavendel, riech mal dran. Das duftet wie Sommer im Süden. Den Lavendel habe ich selbst gepflückt. Wir waren auf einem Campingplatz inmitten von Lavendelfeldern, direkt an einem kleinen Fluss. Papa und Sabine hatten ein schön großes luftiges Zelt und ich ein brutal heißes kleines Schlauchzelt – ich müsste das eigentlich beanstanden. Egal, es war trotzdem super. Jeden Morgen bin ich mit Sabine früh aufgestanden und Schwimmen gegangen. Das Wasser war noch ganz klar und kühl, wir sahen überall die Fische und oben zog ein Greifvogel seine Runde. Dann sind wir schnell ins Waschhaus und haben geduscht, um uns herum lauter Franzosen und Holländer in Pyjamas beim Zähneputzen. Zurück beim Zelt gab’s dann französisches Frühstück: Kaffee, Tee, Orangensaft und Croissants. So könnte ich jeden Tag beginnen.
Überhaupt war der Urlaub klasse, vor allem wegen Sabine. Du weißt ja, die Blondine mit den kräftigen Händen, die ich eigentlich doof fand. Okay, sie ist doch ziemlich nett. Während mein Vater sich nämlich die ganze Zeit unter einem Sonnenschirm versteckte und merkwürdige Bücher las – eins hieß »Die Existenz des Universellen« oder vielleicht »Das Universelle der Existenz« oder war es doch »Universelle Existenzen«? – kann man mit Sabine eine Menge anfangen. Sie will andauernd was unternehmen oder Sport treiben. Sabine ist nämlich Sportredakteurin bei RIAS Berlin und deshalb an so gut wie allen Sportarten der Welt interessiert. Und – halt Dich fest – außerdem Karatemeisterin. Deshalb der kräftige Händedruck. Sie kann auch ein bisschen Judo. Sogar für mein Buchprojekt über Kimura Masahiko interessiert sie sich. Mit Sabine bin ich einen Tag Kajak fahren gegangen. Wir haben uns am Beginn einer 15 Kilometer langen Schlucht ein Zweierkajak geliehen und sind gemeinsam runtergepaddelt. Gottseidank bestand ich auf einer Schwimmweste, ich hatte ein bisschen Angst vor den Stromschnellen. Wir sind dann natürlich mitten in einer Stromschnelle auf einen Felsen aufgelaufen und gekentert. Während ich aber schnell wieder aufgetaucht bin, war Sabine ewig unter Wasser. Ich hatte richtig Angst. Als sie wieder auftauchte, hatte sie nur noch ihren Badeanzug und eine Socke an, ihre Shorts und Schuhe waren im Wasser verloren gegangen. Unser Kajak war inzwischen abgetrieben und irgendwo in der Böschung, aber Sabine hat es schließlich rausgezerrt bekommen. Es war alles ein bisschen heikel, aber aufregend! Ich hoffe, es hält zwischen ihr und Papa. Okay, es nervt, dass Papa und sie dauernd knutschen, aber das bin ich bereit, in Kauf zu nehmen. Besser als seine alten Freundinnen ist sie allemal. Die letzte war eine Praktikantin aus dem Sender, die höchstens zehn Jahre älter als ich war und überhaupt keinen Bock auf mich hatte. Sie wollte andauernd, dass ich das Wochenende bei meiner Mutter verbringe – vielen Dank! Die vorletzte eine spießige Literaturagentin, die Haarausfall und bestimmt auch Depressionen hatte.
Stichwort Mutter: Auf der Rückfahrt setzten Papa und Sabine mich in der Schweiz ab, wo ich Marion traf. Sie hatte eine kleine Ferienwohnung in einem Bergdorf in den Alpen gemietet. Die Wohnung war schön, vom Balkon aus schauten wir auf zweitausend Meter hohe Gipfel. Wenn die Sonne abends unterging, strahlten die Berge in rosa und orange. Kein Wunder, dass man das »Alpenglühen« nennt. Wirklich: als ob die Berge glühen. Mit Marion konnte ich im Urlaub allerdings nicht viel anfangen, sie ist ja leider dauererschöpft. Eigentlich saß sie die meiste Zeit auf dem Balkon und las. Vorsorglich hatte sie mir aber einen Kletterkurs gebucht, das war ziemlich nett. Nach dem ersten Tag wollte ich allerdings nicht mehr hin. Hingst Du schon mal in einer steilen Bergwand und konntest nicht mehr vor und zurück? Beine zittern, Arme zittern, unter Dir nur gähnende Leere und nach oben noch mehr Steilwand? So war das. Der Kletterlehrer meinte, ich hätte eine Panikattacke gehabt, das käme am ersten Tag schon mal vor. Er kam mich schließlich retten, was nicht so übel war, weil er ziemlich gut aussah. Aber ab dem nächsten Tag war es dann richtig toll. Wenn man sich erst mal überwunden hat, zu klettern beginnt und irgendwann oben auf dem Berg ist, fühlt sich das großartig an.
