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In "Maupassant: Die beliebtesten Erzählungen" entfaltet Guy de Maupassant sein meisterhaftes Erzähltalent durch eine Auswahl prägnanter Geschichten, die von der menschlichen Psyche und der Gesellschaft des späten 19. Jahrhunderts zeugen. Maupassants stilistische Brillanz, geprägt von klaren, präzisen Bildern und einer packenden Erzählweise, schafft es, die Leser in die emotionale Tiefe und die oft düstere Realität seiner Protagonisten zu ziehen. Der Autor beleuchtet Themen wie Liebe, Eifersucht, Verzweiflung und den vergeblichen Kampf des Individuums gegen soziale Konventionen und ökonomische Zwänge, was diese Erzählungen zeitlos relevant macht und die literarische Strömung des Naturalismus unterstreicht. Guy de Maupassant, ein Schüler von Flaubert, gilt als ein Meister der Kurzgeschichte und hat durch seine Lebensumstände, darunter Armut und eine instabile Beziehung zur Familie, einen tiefen Einblick in das menschliche Gefühl entwickelt. Seine Erfahrungen als Offizier im Deutsch-Französischen Krieg und die unbarmherzige Beobachtung des Alltagspragmatismus in der französischen Gesellschaft flossen direkt in seine Arbeiten ein. Diese Einflüsse prägten seine oft pessimistische, jedoch tiefgründige Sichtweise auf das Leben und die menschliche Natur. Dieses Buch ist eine unverzichtbare Lektüre für alle, die sich für die Grundlagen der modernen Erzählkunst interessieren oder sich näher mit den komplexen Themen der menschlichen Existenz auseinandersetzen möchten. Maupassants Geschichten laden dazu ein, die Grenzen zwischen dem Glauben an das Gute im Menschen und der Realität der menschlichen Schwächen zu hinterfragen, und sind somit eine Bereicherung für jeden Literaturfreund. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine umfassende Einführung skizziert die verbindenden Merkmale, Themen oder stilistischen Entwicklungen dieser ausgewählten Werke. - Die Autorenbiografie hebt persönliche Meilensteine und literarische Einflüsse hervor, die das gesamte Schaffen prägen. - Ein Abschnitt zum historischen Kontext verortet die Werke in ihrer Epoche – soziale Strömungen, kulturelle Trends und Schlüsselerlebnisse, die ihrer Entstehung zugrunde liegen. - Eine knappe Synopsis (Auswahl) gibt einen zugänglichen Überblick über die enthaltenen Texte und hilft dabei, Handlungsverläufe und Hauptideen zu erfassen, ohne wichtige Wendepunkte zu verraten. - Eine vereinheitlichende Analyse untersucht wiederkehrende Motive und charakteristische Stilmittel in der Sammlung, verbindet die Erzählungen miteinander und beleuchtet zugleich die individuellen Stärken der einzelnen Werke. - Reflexionsfragen regen zu einer tieferen Auseinandersetzung mit der übergreifenden Botschaft des Autors an und laden dazu ein, Bezüge zwischen den verschiedenen Texten herzustellen sowie sie in einen modernen Kontext zu setzen. - Abschließend fassen unsere handverlesenen unvergesslichen Zitate zentrale Aussagen und Wendepunkte zusammen und verdeutlichen so die Kernthemen der gesamten Sammlung.
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Veröffentlichungsjahr: 2023
Diese Werksammlung versammelt vier prägende Erzählbände und Einzeltexte von Guy de Maupassant: Tag-und Nachtgeschichten, Der Horla, Nutzlose Schönheit und Die kleine Roque. Sie ist darauf angelegt, einen konzentrierten Überblick über die Spannweite seiner Kurzprosa zu geben und zentrale Facetten seines erzählerischen Könnens sichtbar zu machen. Anstelle einer vollständigen Editions- oder Gesamtausgabe präsentiert diese Zusammenstellung eine repräsentative Auswahl, die sowohl realistische Gesellschaftsbilder als auch psychologisch verdichtete, bisweilen unheimliche Stoffe umfasst. Das Ziel ist, Maupassants Erzählkunst in ihrer Vielfalt zu erleben: in Ton, Thema und Perspektive wechselnd, doch stets getragen von souveräner Formbeherrschung und präziser Beobachtungsgabe.
Im Fokus dieser Sammlung stehen Erzählungen und Novellen, also kurze bis mittlere Prosatexte, die auf pointierte Situationen, prägnante Figuren und wirkungsvolle Verdichtung hin komponiert sind. Maupassant bewegt sich darin zwischen realistischen Milieustudien, satirischen Gesellschaftsbildern, psychologischen Skizzen, Kriminal- und Liebesgeschichten sowie Elementen des Fantastischen. Essays, Briefe, Gedichte oder Dramen sind nicht Gegenstand dieser Auswahl; sie bündelt vielmehr die Kurzprosa, in der Maupassant seine unverwechselbare Stimme fand. Die Texte zeigen, wie flexibel die Erzählform auf wechselnde Themen reagiert und wie subtil Ton und Haltung einem jeweiligen Stoff angepasst werden können, ohne die Klarheit der Darstellung zu verlieren.
Tag-und Nachtgeschichten demonstrieren die Breite von Maupassants Themen und Motiven exemplarisch. Die Spannweite reicht von alltäglichen Begegnungen und sozialen Konstellationen bis zu scharf konturierten Momentbildern, die aus kleinen Anlässen große Wirkung entfalten. Der Titel weist auf eine Poetik der Kontraste: zwischen Helligkeit und Schatten, Vernunft und Trieb, öffentlicher Fassade und privater Regung. Die Erzählungen verbinden Beobachtungsschärfe mit ökonomischem Erzählen; sie lassen Figuren und Situationen in wenigen Zügen plastisch werden. So entsteht ein Panorama menschlicher Möglichkeiten, in dem Glück und Enttäuschung, Berechnung und Zufall, Zärtlichkeit und Härte ständig neu austariert werden.
Der Horla führt Maupassants Kunst in den Bereich des Unheimlichen. Die Erzählung erkundet die Grenzlinie zwischen Wahrnehmung und Wahn, zwischen erklärbarer Realität und einer Wirklichkeit, die sich dem Zugriff entzieht. Das Unbestimmte wird nicht als bloßes Effektmittel genutzt, sondern öffnet einen psychologischen Raum, in dem Angst, Zweifel und Selbstverlust Gestalt annehmen. Der Text arbeitet mit Steigerung, Wiederholung und feinen Verschiebungen, sodass eine Atmosphäre der Verunsicherung entsteht, die den Lesenden in den inneren Konflikt des Erzählers hineinzieht. Fantastik wird hier zum Prüfstein des Realismus: plausibel, kontrolliert, aber bewusst offen gehalten.
Nutzlose Schönheit wendet sich dem Feld von Liebe, Ehe und gesellschaftlichen Erwartungen zu. Maupassant zeigt, wie Normen und Rollenbilder das Intime prägen, und wie hinter bürgerlicher Etikette Macht, Begehren und Verletzlichkeit wirken. Die Titelgeschichte ist Namensgeber eines Bandes, in dem Ironie, Mitgefühl und analytischer Blick ineinandergreifen. Ob in scharfem Dialog oder leiser Andeutung: stets richtet sich der Fokus auf die feine Rhetorik der Gefühle und die Zwänge der Konvention. Das Spannungsverhältnis zwischen Selbstbestimmung und sozialer Erwartung bildet den Motor der Erzählungen, deren Prägnanz sich auch in sorgfältig gebauten Übergängen zeigt.
Die kleine Roque führt die Leserinnen und Leser auf ein Terrain, in dem Schuld, Begierde und Machtgefälle in besondere Zuspitzung geraten. Maupassant entfaltet eine dichte, atmosphärisch geladene Geschichte, die soziale Mechanismen ebenso beleuchtet wie individuelle Motive. Ohne Sensationslust, aber mit unbestechlichem Blick für Ambivalenzen, zeigt der Text, wie rasch öffentliche Moral und privates Interesse miteinander kollidieren. Die erzählerische Spannung speist sich aus genauen Beobachtungen, einer kontrollierten Perspektivführung und der Fähigkeit, moralische Gewissheiten ins Fragen zu bringen. So wird aus einem konkreten Geschehen ein vielschichtiges Bild gesellschaftlicher Verhältnisse.
Gemeinsam ist den hier versammelten Texten ihr Interesse an Situationen, in denen das Sichtbare und das Verborgene aufeinandertreffen. Tag und Nacht stehen als Metaphern für Bewusstsein und Unterbewusstsein, für Klarheit und Opazität, für soziale Rolle und inneren Antrieb. Das Unheimliche in Der Horla akzentuiert diese Grundspannung, während die gesellschaftlichen Erzählungen die verborgenen Dynamiken des Alltags entfalten. Überall geht es um die Kunst des Andeutens: Maupassant zeigt oft mehr, als er ausspricht, und gewinnt gerade dadurch eine Wirkung, die über die letzte Seite hinaus nachhallt.
Stilistisch zeichnen sich die Erzählungen durch Ökonomie und Präzision aus. Maupassant beherrscht die Kunst, mit wenigen Strichen Charaktere zu skizzieren, Orte zu etablieren und Konflikte anzulegen. Der Ton variiert von lakonisch bis poetisch, von ironisch bis ernst, bleibt jedoch stets transparent. Rhythmus und Satzbau fördern Lesbarkeit und Spannung, ohne ins Rhetorische zu driften. Die Pointierung des Schlusses – nicht als bloßer Effekt, sondern als logische Konsequenz der Anlage – verleiht den Texten besondere Geschlossenheit. Beschreibungen dienen nicht der Ausschmückung, sondern fokussieren auf Details, die Handlung und Psychologie zugleich prägen.
Die erzählerische Perspektive wechselt zwischen einfühlsamer Nähe und distanzierter Beobachtung. Nicht selten entsteht daraus eine Ambivalenz, in der Sympathie und Skepsis nebeneinander bestehen. Maupassant nutzt diese Spannung, um moralische Eindeutigkeiten zu unterlaufen und die Komplexität menschlichen Handelns sichtbar zu machen. Die Figuren sind weder bloße Typen noch psychologische Rätsel; sie erhalten Kontur durch ihre Entscheidungen, ihre Sprache, ihre Reaktionen. Der Blick bleibt dem Konkreten verpflichtet, doch das Konkrete öffnet sich auf allgemeine Fragen hin: nach Freiheit und Zwang, nach Verantwortung, nach dem Verhältnis von Körper, Gefühl und gesellschaftlicher Norm.
Die anhaltende Bedeutung dieser Texte liegt in ihrer doppelten Bewegung: Sie dokumentieren genau, was Menschen tun, und lassen zugleich spüren, was sie treibt. Maupassants Kurzprosa hat als modernes Erzählmodell internationale Wirkung entfaltet, weil sie Dichte mit Klarheit verbindet und die Pointe aus der inneren Logik des Stoffes entwickelt. Die Mischung aus Realismus und fantastischer Irritation, aus Humor und Ernst, macht die Erzählungen dauerhaft anschlussfähig. Sie sprechen Leserinnen und Leser an, die sich für subtile Psychologie interessieren, ebenso wie solche, die formale Strenge und erzählerische Eleganz schätzen.
Diese Sammlung lädt dazu ein, thematische Linien quer durch die Bände zu verfolgen. Wiederkehrende Motive verbinden die Texte, auch wenn Ton und Schauplatz wechseln. Wer aufmerksam liest, bemerkt, wie kleine Gegenstände, beiläufige Gesten oder scheinbar nebensächliche Gespräche Bedeutung tragen. Ebenso aufschlussreich ist, wie unterschiedliche Erzählweisen denselben Grundkonflikt variieren: einmal als scharfe Satire, ein andermal als intime Studie oder als unheimliche Erfahrung. So entsteht ein dialogisches Lesen, bei dem jede Erzählung die andere spiegelt und vertieft, ohne ihre Eigenständigkeit zu verlieren.
Zweck dieser Zusammenstellung ist es, die Vielfalt von Maupassants Erzählkunst in kompakter Form erfahrbar zu machen und zugleich den Blick für die verbindenden Linien zu schärfen. Tag-und Nachtgeschichten, Der Horla, Nutzlose Schönheit und Die kleine Roque markieren Knotenpunkte seines Werks: realistisch, fantastisch, gesellschaftlich und psychologisch. Wer neu in dieses Œuvre einsteigt, findet hier einen verlässlichen Einstieg; Kennerinnen und Kenner erhalten eine Einladung zum Wiederlesen unter neuen Gesichtspunkten. Die Texte behalten ihre Kraft, weil sie weder belehren noch beschönigen, sondern präzise sehen – und dieses Sehen in vollendete Form bringen.
Guy de Maupassant (1850–1893) gilt als einer der prägnantesten Erzähler des europäischen Realismus. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts schuf er mit knapper, präziser Prosa ein Werk, das Alltagsbeobachtung, psychologische Schärfe und oft düsteren Humor verbindet. Besonders in der Kurzgeschichte setzte er Maßstäbe: pointierte Anfänge, ökonomische Szenenführung und überraschende, jedoch folgerichtige Schlüsse. Seine Texte spiegeln Kriegserfahrungen, soziale Spannungen zwischen Provinz und Hauptstadt sowie skeptische Blicke auf Moral und Fortschritt. Zugleich öffnete er den realistischen Blick für das Irrationale und das nicht Fassbare. Maupassant bleibt deshalb für moderne Leserinnen und Leser eine verbindliche Stimme realistischer und unheimlicher Erzählkunst.
Aufgewachsen in der Normandie, besuchte Maupassant Schulen in Rouen, wo ihn die klassische Rhetorik ebenso prägte wie frühes Theater- und Zeitungslesen. Entscheidenden Einfluss gewann Gustave Flaubert, der ihn förderte, stilistische Disziplin einforderte und mit maßgeblichen Autorinnen und Autoren der Zeit bekannt machte. Unter diesem Mentorat lernte Maupassant, Beobachtung vor These zu stellen und das Anekdotische zu verdichten. In Paris fand er rasch Anschluss an literarische Kreise, erprobte sich in Gedichten und ersten Prosaskizzen und verfeinerte sein Erzählen. Die Grundhaltung blieb realistisch, doch offen für naturalistische Verfahren: genaue Milieuschilderung, wirkungsökonomische Dialoge und eine Sprache, die Effekte nicht ausstellt.
Als junger Mann erlebte Maupassant den Deutsch-Französischen Krieg, eine Erfahrung, die seine Sicht auf Gewalt, Opportunismus und Angst tief prägte. Danach arbeitete er über Jahre im Staatsdienst in Paris und schrieb parallel journalistische Feuilletons sowie Prosastücke für große Blätter. Der literarische Durchbruch gelang ihm mit einer meisterhaft gebauten Kriegsnovelle, die rasch Aufmerksamkeit für seine knappe, unerbittliche Erzählweise weckte. In den folgenden Jahren publizierte er mit hoher Regelmäßigkeit Erzählungen und Novellen, verfeinerte die Kunst des pointierten Schlusses und verband soziale Beobachtung mit psychologischer Spannung. Diese Produktivität bereitete den Boden für mehrere markante Sammlungen der mittleren und späten 1880er-Jahre.
Zu diesen zählt Tag-und Nachtgeschichten, eine Sammlung, die den Spannungsbogen zwischen alltäglichem Licht und moralischer Dämmerung exemplarisch ausmisst. Die Texte spielen in Dörfern, an Flussufern, in Amtsstuben und Salons, stets mit prägnanten Details, die Figuren und Milieus scharf konturieren. Maupassant zeigt Verführbarkeit, Eigenliebe und Zufall als bestimmende Kräfte, ohne belehrenden Ton. Ironie und Lakonie erzeugen Distanz, während präzise Dialoge und schnelles Tempo die Handlung vorantreiben. Viele Geschichten enden abrupt, doch unausweichlich, und eröffnen im Nachklang eine zweite Ebene. So demonstriert die Sammlung den Kern seiner Kunst: Beobachtung, Verdichtung, und ein Blick für verborgene Motive.
Mit Der Horla wandte sich Maupassant entschieden dem Unheimlichen zu, ohne seine realistische Methode aufzugeben. Die Erzählung, in Form von Tagebuchaufzeichnungen, zeichnet den geistigen Zerfall eines Erzählers nach, der sich von einer unsichtbaren Macht verfolgt glaubt. Ambivalenz ist Programm: Suggestion, Schlafstörungen, medizinische Diagnosen und moderne Technik erscheinen ebenso wie Aberglaube und metaphysischer Schrecken. Der Text macht Wahrnehmung selbst zum Problem und lässt offen, ob äußeres Wesen oder innerer Wahn die Ursache ist. Dadurch erweitert Maupassant den Erfahrungsraum der Kurzgeschichte: Rationales und Irrationales greifen ineinander, und die sichere Ordnung der Welt wird zur beunruhigenden Frage.
In Nutzlose Schönheit schärft Maupassant den Blick auf gesellschaftliche Rollen und die Macht von Konventionen. Eine aristokratische Protagonistin setzt der ehelichen Instrumentalisierung ihres Körpers eine radikal nüchterne Wahrheit entgegen – ein präzises Psychogramm weiblicher Selbstbehauptung. Die kleine Roque wiederum zeigt die Verknüpfung von Verbrechen, Begehren und sozialem Schein. Ermittlungen, Gerüchte und ländliche Hierarchien verdichten sich zu einer düsteren Studie über Schuld und Vertuschung. Beide Texte illustrieren Maupassants Fähigkeit, moralische Dilemmata ohne moralischen Zeigefinger zu entfalten: nüchtern, spannungsgeladen, mit knappen Bildern und Enden, die eine erschütternde, aber sachliche Klarheit hinterlassen. Die Wirkung ist nachhaltig.
In den späten 1880er-Jahren steigerte sich Maupassants Produktivität weiter, zugleich traten gesundheitliche Probleme und Zeichen psychischer Erkrankung hervor. Nach einem Zusammenbruch wurde er ärztlich behandelt; 1893 starb er in Paris. Sein Nachruhm gründet auf der beispiellosen Beherrschung der Kurzform und dem Mut, hinter gesellschaftliche Fassaden zu blicken. Viele Motive seiner Prosa – die Ironie des Schicksals, die Zerbrechlichkeit der Wahrnehmung, das Grauen im Alltag – prägen bis heute Erzähltraditionen und mediale Adaptionen. Tag-und Nachtgeschichten, Der Horla, Nutzlose Schönheit und Die kleine Roque zeigen seine Spannweite und sichern ihm einen festen Platz im Kanon realistischer Moderne.
Guy de Maupassant lebte von 1850 bis 1893 und schrieb den Großteil seiner Erzählungen während der Dritten Französischen Republik, besonders in den 1880er und frühen 1890er Jahren – einer Phase, die oft zur Belle Époque gezählt wird. Die in dieser Sammlung versammelten Texte stammen aus diesem Zeitraum: Tag-und Nachtgeschichten erschien Mitte der 1880er Jahre, Der Horla liegt in einer früheren und einer erweiterten Fassung von 1886/87 vor, Die kleine Roque datiert aus den 1880ern, und Nutzlose Schönheit aus dem Jahr 1890. Sie spiegeln einen Moment intensiver gesellschaftlicher, technischer und intellektueller Umbrüche in Frankreich wider, denen Maupassants Prosa präzise Beobachtung und knappe Form entgegensetzt.
Politisch war die Dritte Republik von der Niederlage gegen Preußen 1870/71 und den Nachwirkungen der Pariser Kommune geprägt. Nach den Krisen der 1870er Jahre stabilisierten sich Institutionen und Parteienlandschaft zunehmend. Republikanische Reformen, zugleich konservative Gegenkräfte und wechselnde Kabinette prägten den Ton der Öffentlichkeit. Nationale Selbstvergewisserung und der Verlust von Elsass-Lothringen bildeten einen permanenten Hintergrund für Debatten über Militär, Schule, Moral und Nation. In den 1880er Jahren traten zudem Bewegungen wie der Boulangismus auf, die die Presse dominierten und das politische Klima aufheizten – ein Resonanzraum, in dem literarische Kurzprosa besonders rasch zirkulierte.
Maupassant erlebte den Krieg von 1870/71 unmittelbar als junger Mann. Diese Erfahrung von Besatzung, Flucht und militärischer Organisation in Nordfrankreich hinterließ Spuren in seinem Blick auf Macht, Angst, Zufall und Gewalt. Das Trauma der Niederlage und die alltäglichen Folgen – Zensur, Hungerjahre, demoralisierte Verwaltungen – prägten seine Generation. Spätere Erzählungen zeigen, ohne Kriegsstoff explizit zu behandeln, eine Sensibilität für Grenzsituationen, soziale Brüche und die Verwundbarkeit bürgerlicher Routinen. In der Stabilisierung der 1880er Jahre blieb diese Erinnerung wirksam, indem sie Erwartungen an Staat und Gesellschaft mit Skepsis unterlief und die Ambivalenzen republikanischer Normalität sichtbar machte.
Ein zentrales Umfeld seiner Produktivität war die neue Massenpresse. Mit dem Pressegesetz von 1881 wurde die Publikationsfreiheit erheblich ausgeweitet, und Feuilletons, literarische Beilagen und Tageszeitungen wie Gil Blas, Le Gaulois oder Le Figaro boomten. Kurzgeschichten wurden dort als serielle, pointierte Texte beliebt, die im Wettbewerb um Aufmerksamkeit standen. Maupassant publizierte viele Erzählungen zunächst in Zeitungen, ehe sie in Sammlungen erschienen. Die rasche Zirkulation förderte eine Poetik der Verdichtung, des klaren Plots und der markanten Pointe – zugleich öffnete sie den Weg für Themen, die am Nerv der Zeit lagen, von urbanen Beobachtungen bis zu juristischen und medizinischen Debatten.
Literarisch stand Maupassant zwischen Realismus und Naturalismus. Er war von Gustave Flaubert gefördert worden, nahm Zolas Forderung nach Beobachtung und „experimenteller“ Haltung auf, blieb jedoch eigenständig in Ton und Form. Seine Erzählungen kombinieren präzise Dingbeobachtung, soziale Typisierung und psychologische Nuancen. Gleichzeitig griff er die Tradition des phantastischen Conte auf, die in Frankreich seit Nodier und Gautier präsent war und von internationalen Vorbildern wie Edgar Allan Poe erneuert wurde. Der Wechsel zwischen nüchterner Darstellung und unheimlicher Irritation prägte den Reiz jener Zeit, in der Wahrnehmung und Wirklichkeit neu austariert wurden.
Die 1880er Jahre waren eine Hochphase wissenschaftlicher Autorität. Die Mikrobiologie um Louis Pasteur veränderte Vorstellungen von Krankheit, Unsichtbarkeit und Ansteckung. Parallel entfalteten sich klinische Psychiatrie und Neurologie – Jean-Martin Charcot an der Salpêtrière und die Nancy-Schule um Hippolyte Bernheim und Ambroise Liébeault prägen den Diskurs über Hypnose, Suggestion und Hysterie. Diese Konstellation nährte literarische Fragen nach dem Status des Ichs und der Zuverlässigkeit der Wahrnehmung. In Erzählungen, die das Unheimliche berühren, resonieren diese Debatten, ohne dass die Texte zu Traktaten werden: Sie spiegeln eine Kultur, die das Unsichtbare wissenschaftlich benennt und zugleich fürchtet.
Mit der Ausweitung psychiatrischer Diagnostik traten Konzepte wie „Degeneration“ (Bénédict Morel) und kriminalanthropologische Theorien (Cesare Lombroso) hervor. Forensik, Gerichtsmedizin und die Rolle des „Irrenarztes“ im Justizsystem gewannen an Gewicht. Diese Entwicklungen beeinflussten Darstellungen von abweichendem Verhalten und Schuld. Literatur beobachtete, wie medizinisches Vokabular moralische Kategorien verschob, und wie Institutionen – Gericht, Klinik, Presse – Deutungshoheit über Einzelschicksale beanspruchten. Maupassants Erzählprosa registriert die Sprödigkeit solcher Deutungen: zwischen nüchterner Fallbeschreibung und der Einsicht, dass Motiv und Zustand nicht restlos erklärbar sind.
Technisch modernisierte sich Frankreich rasant: Eisenbahnen verbanden Provinzen und Hauptstadt, Telegraphennetze beschleunigten Information, Dampfschiffe belebten Handel und Tourismus. Elektrische Beleuchtung und die Weltausstellung von 1889 mit dem Eiffelturm symbolisierten Fortschritt. Zugleich blieb das Land ländlich geprägt; regionale Milieus bewahrten eigene Sitten und Hierarchien. Dieses Nebeneinander von Metropole und Provinz, Glanz und Enge, bildet den sozialen Resonanzraum vieler Erzählungen. Moderne Verkehrsmittel ermöglichen neue Begegnungen, aber auch neue Formen der Anonymität und Entfremdung – eine doppelte Bewegung, die Maupassant mit knappem Realismus registriert.
Ökonomisch und sozial gewann das städtische Bürgertum an Gewicht. Besitz, Ansehen und ordentliche Lebensführung wurden zu normativen Leitbildern, flankiert von Vereinswesen, Salonkultur und neuen Konsummustern. Gleichzeitig verschärften sich Spannungen zwischen Klassen, etwa in Dienstverhältnissen oder bei der Landflucht. Das bürgerliche Ethos verlangte Selbstbeherrschung und Diskretion, doch Boulevardpresse und Skandalgeschichten machten private Verfehlungen öffentlich. Maupassants Erzählungen beobachten diese Moralmuster ohne moralischen Zeigefinger: Status, Geld und Eitelkeit erscheinen als Kräfte, die Beziehungen formen, Bindungen belasten und Selbstbilder brüchig machen.
Debatten um Ehe, Geschlechterrollen und Reproduktion gehörten zu den lautesten Diskursen der Epoche. Der Code civil hielt an der Vormachtstellung des Ehemanns fest, während das Naquet-Gesetz von 1884 die Scheidung in Frankreich wieder einführte. Frauenbewegungen gewannen an Sichtbarkeit, doch rechtliche Gleichstellung blieb fern. Fragen nach Legitimität, Erbschaft, Mutterschaft und gesellschaftlichem Ansehen wurden intensiv verhandelt. Erzählungen, die die Normen bürgerlicher Ehe kritisch ausleuchten – wie in Nutzlose Schönheit – reagieren auf dieses Spannungsfeld: Sie setzen individuelle Erfahrung gegen starre Erwartung und zeigen, wie öffentliches Urteil intime Entscheidungen rahmt.
Auch das Sicherheits- und Rechtssystem modernisierte sich. Polizeiliche Identifizierungsmethoden wurden in den 1880er Jahren durch Alphonse Bertillons anthropometrisches Verfahren professionalisiert, und die Gerichtsmedizin erweiterte ihre Expertise. Zeitungen berichteten ausführlich über Prozesse, Obduktionen und Indizienketten. Diese Aufmerksamkeitsökonomie formte das öffentliche Verständnis von Tat, Täter und Opfer. In Erzählungen, die Verbrechen und Ermittlungen thematisieren, steht weniger die Sensation als die soziale Logik im Vordergrund: wie Gemeinde, Amt und Presse den Fall konstruieren, und wie Unsicherheit, Gerücht und Routine in ländlichen wie städtischen Kontexten zusammenwirken.
Maupassant war in der Normandie verwurzelt; Küstenorte an Seine und Ärmelkanal, Dörfer, Gasthäuser, Flusslandschaften bilden häufige Schauplätze. Der Tourismus entwickelte sich entlang neuer Bahnlinien; Seebäder wie Dieppe, Trouville oder Étretat wurden beliebte Ziele. Gleichzeitig blieben traditionelle Lebensweisen, kleinbäuerliche Ökonomien und lokale Machtstrukturen prägend. Diese räumliche und soziale Konstellation erlaubt Erzählungen, soziale Grenzen, Rituale und Konflikte im Nahbereich sichtbar zu machen. Das Meer, Boote und Ausflüge fungieren nicht nur als Kulisse, sondern als Teil eines Alltags, in dem Mobilität, Beobachtung und Zufall eine besondere Dichte erreichen.
Frankreich erweiterte in den 1880er Jahren sein Kolonialreich in Afrika und Indochina. Diese Expansion prägte Presse, Politik und Alltagswaren; sie schärfte zugleich Debatten über Nation, Rasse und Zivilisation. Auch wer niemals Kolonien bereiste, lebte in einer kulturellen Ökonomie, die Exotik konsumierbar machte und Ängste vor „Eindringen“ und „Kontamination“ artikulierte. Erzählungen, die mit Fremdheit, Sichtbarkeitsgrenzen und unsichtbaren Einflüssen spielen, stehen vor diesem Hintergrund. Sie registrieren, wie globale Verflechtungen und diffuse Bedrohungsgefühle ineinandergreifen, ohne in politische Programmatik zu kippen.
Die Epoche war zugleich von Säkularisierung und kirchlicher Persistenz geprägt. Die Ferry-Gesetze von 1881/82 etablierten eine kostenlose, obligatorische und laizistische Volksschule, was die Alphabetisierung und Leserschaft erweiterte. Antiklerikale und katholische Milieus rangen um Deutungshoheit über Moral und Familie. In diesem Spannungsfeld erscheinen Geistliche, Rituale und kirchliche Feste in der Literatur häufig als soziale Tatsachen, nicht notwendig als Glaubensbekenntnisse. So zeigen Erzählungen, wie religiöse Formen im Alltag wirken – als Rahmen für Gemeinschaft und als Bühne, auf der soziale Erwartungen, Schuldgefühle oder Reputationsfragen verhandelt werden.
Die Künste veränderten den Blick auf Wahrnehmung. Der Impressionismus experimentierte seit den 1870er Jahren mit Licht, Moment und Oberfläche; Naturalisten im Theater suchten Milieutreue; parallel formierte sich in den späten 1880ern der Symbolismus (Manifest 1886). Diese ästhetischen Debatten schufen ein Klima, in dem das präzise Detail, der flüchtige Eindruck und das Andeutende nebeneinander bestehen konnten. Maupassants Prosa nutzt diese Offenheit: Sie setzt auf sinnliche Genauigkeit und öffnet zugleich Räume des Unausgesprochenen. Der Horla etwa steht im Dialog mit einer internationalen Tradition des Phantastischen, ohne den realistischen Grundton ganz zu verlassen.
Maupassants Erzählungen verdanken ihre Wirkung auch der Publikationspraxis: schnelle Produktion, unmittelbare Reaktionen, spätere Buchausgaben. Sammlungen wie Tag-und Nachtgeschichten ordnen Zeitungsbeiträge neu und lassen thematische Linien sichtbar werden. Die kleine Roque eingebettet in ein Umfeld von Dorf- und Kleinstadtgeschichten zeigt, wie Maupassant Variationen von Gemeinschaft, Gesetz und Gerücht durchspielt. Nutzlose Schönheit knüpft an zeitgenössische Pariser Debatten um Ehe und Gesellschaft an. Diese Bündelungen sind zugleich Lektüreangebote und literarische Archive einer Epoche, deren Tempo und Widersprüche im Kleinformat sichtbar werden.
Zeitgenössisch wurde Maupassant als Meister der Novelle gefeiert und früh in andere Sprachen übersetzt, darunter auch ins Deutsche. Kritiker lobten Stilökonomie, Beobachtungskraft und Pointe, während die phantastischen Erzählungen Diskussionen über psychische Grenzerfahrungen befeuerten. Spätere Lesarten haben Der Horla als Beitrag zur psychologischen Horrorliteratur akzentuiert und Bezüge zur Entwicklung der Psychiatrie, zum Diskurs über Suggestion und zu modernen Angstbildern herausgearbeitet. Zugleich bleibt sein realistisches Werk ein Schlüssel zur Alltagsgeschichte der Dritten Republik: Es dokumentiert soziale Praktiken, Redeweisen und Milieus mit ethnografischer Genauigkeit, ohne Pathos und Systemzwang zu unterliegen, aber mit skeptischem Blick aufs Normale und seine Risse.
Dieser Band versammelt kurze Erzählungen, die zwischen nüchterner Alltagsbeobachtung und einem leisen Zug ins Unheimliche pendeln. In pointierten Szenen legt Maupassant gesellschaftliche Masken frei – Liebe, Eitelkeit, Kriegsnarben und ökonomische Zwänge – und zeigt, wie schnell Gewissheiten kippen. Der Ton ist knapp, ironisch und von kühler Empathie geprägt.
Als Tagebuch eines zunehmend verunsicherten Mannes schildert die Erzählung das Gefühl, von einer unsichtbaren Macht beobachtet und beeinflusst zu werden. Die Grenze zwischen Krankheitserfahrung, Suggestion und möglichem Übernatürlichen bleibt bewusst unscharf und zieht in eine klaustrophobische Innenwelt. Der Ton schwankt zwischen rationalem Selbstversuch und fiebriger Angst.
In einem aristokratischen Ehekampf werden Körper, Wahrheit und Selbstbestimmung verhandelt: Eine Frau stellt die Regeln eines Besitz- und Pflichtdenkens in Frage. In Dialogen von eisiger Höflichkeit prallen Machtstrategien aufeinander und entlarven die Grenzen bürgerlicher Moral. Der Ton ist luzide, bitter-ironisch und auf präzises psychologisches Detail gerichtet.
Der Mord an einem jungen Mädchen erschüttert eine Provinzgemeinde und setzt eine Untersuchung in Gang, die Begehren, Schuld und soziale Fassaden freilegt. Maupassant verfolgt die psychische Erosion der Beteiligten und zeigt, wie öffentliche Ordnung und private Triebe unheilvoll ineinandergreifen. Der Ton ist dunkel-realistisch, mit nüchterner Spannung statt melodramatischer Effekte.
Über die Sammlung hinweg kreist Maupassant um die Spannung zwischen gesellschaftlicher Rolle und unterdrücktem Impuls, zwischen rationaler Fassade und abgründiger Erfahrung. Realismus und das Fantastische stehen nicht gegeneinander, sondern beleuchten sich wechselseitig; pointierte Kürze, szenische Dichte und ironische Brechungen geben den Texten ihre Schärfe. Wiederkehrend rücken Körperlichkeit, Machtverhältnisse sowie Klassen- und Geschlechterordnungen ins Zentrum.
Der Boulevard, dieser Strom des Lebens, wimmelte von Menschen im Goldglanz der untergehenden Sonne. Der ganze Himmel war augenblendend purpurrot, und hinter der Madeleine warf eine riesige leuchtende Wolke einen flimmernden Strahlenregen auf die ganze Straße hinab, die wie vom Dunst eines Hochofens eingehüllt erschien.
Eine lustige Menge wallte auf und ab in diesem flammenden Nebel wie in einer himmlischen Wolke. Die Gesichter strahlten, die Cylinderhüte spiegelten und die schwarzen Röcke glänzten in purpurnem Schein; das Lackleder der Stiefel warf strahlenden Glanz auf den Asphalt der Bürgersteige.
Vor den Cafés saßen eine Menge Menschen und tranken glänzende farbige Getränke, die aussahen wie kostbare, in Krystall eingesetzte Edelsteine.
Mitten zwischen den Gästen, in leichten, dunkleren Anzügen, saßen zwei Offiziere in voller Uniform, und die Vorübergehenden mußten die Augen zukneifen, so glitzerte die Sonne auf dem Gold ihrer Röcke.
Sie plauderten vergnügt ohne besonderen Anlaß, im Strom dieses heiteren Lebens, in der Köstlichkeit dieses strahlenden Sommerabends, und betrachteten die Menschen, die vorübergingen, die langsam schlendernden Männer, die eilig trippelnden Frauen, deren Spur eine Wolke süßen, verwirrenden Duftes bezeichnete.
Plötzlich kam an ihnen ein riesiger Neger vorüber, schwarz gekleidet, wohlbeleibt, auf dessen heller Weste eine Menge Anhänger baumelten. Er sah sehr vergnügt aus, lachte die Vorübergehenden an, lachte den Zeitungsverkäufern zu, lachte in den strahlenden Himmel hinein, lachte auf ganz Paris.
Er war so groß, daß er alles überragte, und hinter ihm drehten sich die Menschen um, um ihn zu betrachten. Aber plötzlich gewahrte er die beiden Offiziere, drängte sich durch die Gäste, und sobald er vor ihrem Tisch stand, sah er sie strahlend, glückselig an, und seine Mundwinkel zogen sich breit bis zu den Ohren, daß man die weißen Zähne sah, hellleuchtend wie der Halbmond an einem dunklen Himmel.
Die beiden Männer waren erstaunt, betrachteten den schwarzen Riesen, ohne seine Heiterkeit zu verstehen, aber er rief mit einer Stimme, daß rundum alles lachte:
– Gute Tag! Gute Tag, Herr Leutnant!
Einer der Offiziere war Major, der andere Oberst. Der erste sagte:
– Ich kenne Sie nicht, ich weiß nicht, was Sie wünschen!
Der Neger antwortete:
– Ich liebe sehr Dich Leutnant Védié, belagert Bézi, viel Weintrauben gesucht ich!
Der Offizier war ganz erstaunt und betrachtete den Mann schärfer, suchte in seinen Erinnerungen und plötzlich rief er:
– Timbuctu Du?
Der Neger war glückselig, schlug sich auf den Schenkel, stieß einen seltsamen wilden Schrei aus und rief:
– Ja, ja, Herr Leutnant, erkennt Timbuctu o ja, gute Tag!
Der Major streckte ihm die Hand entgegen und lachte aus vollem Herzen. Da wurde Timbuctu ernst, und so schnell, daß der andere es nicht hindern konnte, küßte er dessen Hand nach Neger-und Araber-Art. Der Offizier sagte verlegen mit strengem Ausdruck:
– Timbuctu, wir sind nicht in Afrika, aber setz Dich mal her und erzähle mir, wie Du herkommst.
Timbuctu warf sich in die Brust und stammelte sich überstürzend, so schnell sprach er:
– Viele Geld gewonnen, viele Restaurant, gut Essen Preußen ich viel stehlen viel mehr französische Küche. Timbuctu Kaiser Koch 2000 Franki mich hahaha.
Und er wand sich vor Lachen und heulte vor Freude.
Doch der Offizier, der seine seltsame Sprechweise ganz gut verstand, sagte zu ihm, nachdem er noch ein paar Sachen gefragt hatte:
– Na, nun lebe wohl, Timbuctu. Auf Wiedersehen!
Der Neger erhob sich sofort, drückte diesmal die Hand, die der andere ihm reichte, lachte wieder und rief:
– Gute Abend! Gute Abend, Herr Leutnant!
Und er ging so fröhlich davon, daß er noch gestikulierte, als er sich entfernte, und die Leute ihn für verrückt hielten.
Der Oberst fragte:
– Was ist denn das für ein Kerl?
Der Major antwortete:
– Ein braver Kerl und ein guter Soldat. Ich will Ihnen erzählen, was ich von ihm weiß, komisch genug ist es.
Sie wissen, daß ich bei Beginn des 70er Krieges in Beziéres, das der Neger Bézi nennt, eingeschlossen war. Wir waren nicht eigentlich belagert, sondern blockiert. Die preußischen Linien umgaben uns überall; sie beschossen uns nicht, aber allmählich hungerten sie uns aus.
Ich war damals Leutnant. Unsere Garnison war aus Truppen aller Art zusammengesetzt, Überreste von dezimierten Regimentern, Flüchtlingen, Marodeuren der verschiedenen Armeecorps, kurz, es war eigentlich alles da, sogar eines Abends kamen, kein Mensch wußte woher, elf Turcos an.
Sie waren am Stadtthor erschienen, ganz heruntergekommen, abgelumpt und besoffen. Man überwies sie mir. Ich erkannte bald, daß sie keiner Disziplin zugängig waren, immer auswärts und immer betrunken. Ich versuchte, sie in Arrest zu stecken, sogar ins Gefängnis, es half alles nichts; die Kerle verschwanden ganze Tage hindurch, als ob sie in die Erde versunken wären; dann kamen sie wieder, total betrunken. Sie hatten kein Geld, wo besoffen sie sich denn? Wie und wovon?
Das intriguierte mich bald sehr, umsomehr als diese Wilden mit ihrem ewigen Lachen und ihrer Art, wirklich wie große, mutwillige Kinder, mich einigermaßen interessierten.
Da entdeckte ich, daß sie dem größten unter ihnen, den Sie eben hier gesehen haben, blindlings gehorchten. Er beherrschte sie vollkommen; er leitete ihre geheimnisvollen Unternehmen.
Ich ließ ihn kommen und befragte ihn. Unsere Unterhaltung dauerte wohl drei Stunden, so schwer war es, das Kauderwelsch zu verstehen, aber der arme Deubel machte alle möglichen Versuche, um sich verständlich zu machen, erfand Worte, gestikulierte, schwitzte vor Anstrengung, wischte sich die Stirn, schwieg, redete dann wieder los, wenn er meinte ein neues Verständigungs-Mittel gefunden zu haben.
Ich erriet, daß er der Sohn irgend eines großen Häuptlings sein mußte, so einer Art König aus der Nähe von Timbuctu. Ich fragte nach seinen Namen, er antwortete so etwas wie:
– Chevaharibuhalikbranafotapola. Mir schien es einfacher, ihn nach seinem Lande Timbuctu zu nennen, und acht Tage später nannte ihn die ganze Garnison nicht anders.
Aber wir starben vor Neugierde zu erfahren, wie es der afrikanische Prinz a.D. fertig kriegte, sich zu betrinken, und das entdeckte ich auf ganz seltsame Weise.
Eines Morgens war ich auf den Wällen und sah in die Ferne hinaus, da gewahrte ich in einem Weinberg etwas, das sich bewegte. Es war zur Zeit der Weinlese, die Weintrauben waren reif, aber daran dachte ich kaum, ich meinte vielmehr, ein Spion nähere sich der Stadt, und ich stellte sofort eine Patrouille zusammen, um den Kerl zu erwischen.
Ich übernahm die Führung, nachdem ich vom General die Erlaubnis erhalten. Aus drei verschiedenen Thoren hatte ich drei kleine Trupps ausfallen lassen, die sich in der Nähe des verdächtigen Weinberges treffen und ihn umzingeln sollten. Um dem Spion den Rückzug abzuschneiden, mußte das eine Detachement mindestens eine Stunde marschieren. Ein Mann, den ich als Beobachtungsposten auf der Mauer gelassen, gab mir ein Zeichen, ob der Mensch den Weinberg auch noch nicht verlassen hätte.
Wir gingen stillschweigend, kletterten, schlichen beinahe auf dem Bauche hin, endlich kamen wir an den bezeichneten Punkt. Plötzlich gebe ich meinen Soldaten ein Zeichen, sie stürzen sich in den Weinberg und finden Timbuctu, der auf allen Vieren zwischen den Stämmen hinkriecht und Weintrauben ißt, oder vielmehr verschlingt wie ein Hund, der sein Fressen hinunterwürgt, mit vollem Mund vom Weinstock selbst, indem er jedes Mal mit den Zähnen die Traube abreißt.
Ich wollte ihn aufstehen lassen, es ging nicht, und nun begriff ich, warum er auf Händen und Knieen rutschte. Sobald man ihn auf die Beine gestellt hatte, schwankte er, streckte die Arme aus und schlug der Länge nach hin. Er war so betrunken, wie ich noch nie einen Menschen gesehen habe.
Wir schleppten ihn in die Stadt. Den ganzen Weg über lachte er und schlug um sich mit Armen und Beinen. Das war also das ganze Wunder: Die Kerle besoffen sich am Stock selbst; wenn sie dann betrunken waren, daß sie sich nicht mehr regen konnten, schliefen sie, wo sie gerade lagen, ihren Rausch aus. Timbuctus Leidenschaft für den Weinberg überstieg aber alle Maße und alles für möglich gehaltene, er lebte förmlich dort.
Eines Abends rief man mich. Auf der Ebene sah man etwas, das sich uns näherte. Ich hatte meinen Feldstecher nicht bei mir und konnte nichts erkennen, es war wie eine große Schlange, die sich fortrollte.
Ich schickte ein paar Mann der seltsamen Karawane entgegen, die bald im Triumph einzog. Timbuctu und seine neun Begleiter trugen auf einer Art Altar aus Feldstühlen gemacht, acht abgeschnittene, blutige, grinsende Köpfe; der zehnte Turco hielt ein Pferd am Schwanz, an den ein anderer gebunden war und sechs andere Tiere folgten in gleicher Weise.
Ich erfuhr folgendes: Als die Afrikaner wieder in den Weinberg gegangen waren, hatten sie plötzlich ein preußisches Detachement entdeckt, das sich dem Dorf näherte. Statt zu fliehen, hatten sie sich versteckt und dann, als die Offiziere am Wirtshaus abgesessen, um sich zu erfrischen, hatten sich die elf Kerle auf sie gestürzt.
Die Ulanen, die sich angegriffen wähnten, waren geflohen; die Afrikaner töteten zwei Posten und den Oberst und fünf Offiziere seines Stabes.
An diesem Tage umarmte ich Timbuctu. Aber ich bemerkte, daß er sich kaum schleppen konnte. Ich meinte, er sei verwundet, doch er begann zu lachen und sagte:
– Ich müssen für die Land!
Timbuctu führte nämlich Krieg nicht der Ehre halber, sondern wegen des Gewinnes. Alles was er fand und was ihm irgend einen Wert zu haben schien, vor allen Dingen, was glänzte, steckte er in die Tasche.
So hatte er das Gold von den preußischen Uniformen abgetrennt, die Beschläge der Helme, die Knöpfe u.s.w., und alles in die Tasche gesteckt, die beinahe platzte. Täglich stopfte er dort hinein jeden glänzenden Gegenstand, der ihm unter die Augen kam, ein Geldstück oder ein Stück Metall, so daß er manchmal ganz verrückt aussah.
Alles das wollte er später in das Land der Strauße mitnehmen, und was hätte er anfangen sollen ohne seine Tasche? Aber jeden Morgen war seine Tasche leer; er mußte also ein Hauptmagazin haben, wo er alle seine Reichtümer aufstapelte, aber wo, konnte ich nicht entdecken.
Der General, dem Timbuctus That gemeldet worden war, ließ sofort die Körper der Enthaupteten, die im nächsten Orte lagen, beerdigen, damit man nicht etwa merken sollte, daß ihnen der Kopf abgesäbelt worden. Am nächsten Tage kehrten die Preußen dorthin zurück. Der Ortsvorstand und sieben der angesehensten Einwohner wurden standrechtlich erschossen, zur Strafe, weil sie die Anwesenheit der Deutschen uns verraten hätten.
Der Winter war eingebrochen, wir waren vollständig verzweifelt; täglich fanden jetzt Gefechte statt. Nur die acht Turcos (einer war getötet worden) blieben dick und fett, kräftig und immer kampfbereit. Timbuctu war sogar ganz wohlbeleibt, er sagte mir eines Tages:
– Du viel Hunger, ich gute Fleisch!
Und in der That brachte er mir ein ausgezeichnetes Filet, aber woher? Wir hatten keine Ochsen mehr, keine Schafe, keine Ziegen, keinen Esel, keine Schweine, es war sogar unmöglich, sich ein Pferd zu verschaffen.
Nachdem ich meinen Braten verzehrt, dachte ich über all dies nach. Da kam mir ein furchtbarer Gedanke: Diese Neger waren geboren nicht weit von dem Lande, wo man Menschenfleisch ißt! Und täglich fielen soviele Soldaten in den Kämpfen um die Stadt.
Ich fragte Timbuctu, aber er wollte nicht antworten. Ich bestand nun nicht weiter darauf, aber fortan nahm ich von ihm nichts mehr zu Essen an.
Er liebte mich. Eine Nacht überraschte unsere Feldwache ein Schneegestöber. Wir saßen am Boden: mitleidig betrachtete ich die armen Neger, die unter diesem weißen weichen Staub klapperten. Da ich tüchtig fror, begann ich zu husten. Da fühlte ich etwas um die Schultern wie eine große, weiche Decke. Es war Timbuctu’s Mantel, den er mir um die Schultern hing.
Ich stand auf, gab ihm das Kleidungsstück zurück:
– Behalte Du’s mein Junge, Du brauchst’s nötiger als ich!
Er antwortete:
– Nein, Herr Leutnant, für Dir, ich nicht, ich heiß, heiß!
Und er betrachtete mich flehend. Ich antwortete:
– Also gehorche, behalte Deinen Mantel, ich befehle es Dir!
Da stand der Neger auf, zog seinen Säbel, den er scharf zu machen verstand wie eine Sense, und indem er mit der anderen Hand den großen Mantel, den ich nicht haben wollte, hielt, rief er:
–- Du nicht Mantel behalten, ich zerschneiden Mantel!
Er hätte es wirklich gethan, und ich gab nach.
Acht Tage darauf hatten wir kapituliert. Ein paar von uns hatten fliehen können, die anderen marschierten aus der Stadt in die Gefangenschaft der Sieger.
Ich begab mich zum Sammelplatz, da blieb ich ganz erstaunt vor einem riesigen, in weißes Leinen gekleideten Neger stehen, der einen Strohhut auf dem Kopf hatte, es war Timbuctu.
Er schien glückselig zu sein und lief, die Hände in den Taschen, vor einer kleinen Bude auf und ab, auf der als Aushängeschild zwei Teller und zwei Gläser prangten. Ich fragte ihn:
– Was treibst Du denn?
Er antwortete:
– Ich nicht fort, ich gut koch, haben Oberst essen gemacht in Allgier, ich essen Preuße, viel gestohlen, viel, viel.
Es waren zehn Grad Kälte; ich zitterte beim Anblick dieses Negers in seinem weißen Leinen-Anzuge. Da nahm er mich beim Arm und ließ mich eintreten.
Nun sah ich ein Riesenschild, das er vor die Thür hängen wollte, sobald wir abmarschiert wären, denn er schämte sich doch etwas, und ich las von der Hand irgend eines Mitschuldigen Folgendes geschrieben:
Militär-Restaurant des Herrn Timbuctu
Küchen-Chef Seiner Majestät des Kaisers.
Pariser Küche – Mäßige Preise.
Trotz der Verzweiflung, die ich im Herzen trug, konnte ich nicht anders, ich mußte lachen, und ich überließ meinen Neger seinem neuen Beruf, war das nicht besser, als ihn in die Gefangenschaft mit zu nehmen?
Sie haben eben gesehen, daß es ihm geglückt ist, dem Kerl. Heute gehört Béziéres Deutschland, aber das Restaurant Timbuctu ist der erste Schritt zur Revanche.
Sie war eines jener bildhübschen, reizenden Mädchen, die, wie durch einen Irrtum des Schicksals, in einer kleinen Beamtenfamilie geboren sind[1q]. Sie besaß keine Mitgift, keine Hoffnungen, kein Mittel, um in der Gesellschaft bekannt, geliebt und von einem reichen, vornehmen Manne heimgeführt zu werden.
Und da ließ sie sich mit einem kleinen Beamten aus dem Unterrichtsministerium verheiraten. Sie war einfach, da sie sich nicht elegant anziehen konnte und fühlte sich unglücklich wie eine Deklassierte.
Denn die Frauen gehören weder einer Kaste noch Rasse an, ihre Schönheit, ihre Grazie, ihr Reiz, sind für sie Geburtsschein und Familie. Ihre natürliche Feinheit, ihre geistige Anschmiegsamkeit geben ihnen die einzige Anwartschaft zum Herrschen und stellen die Tochter aus dem Volk mit der größten Dame gleich.
Sie litt unausgesetzt, denn sie fühlte sich für allen Luxus und für alles Schöne des Lebens geboren. Sie litt unter der Armseligkeit ihrer Wohnung, dem Elend in ihren vier Pfählen, unter den abgetragenen Sesseln, der Häßlichkeit der Stoffe.
All diese Dinge, die einer anderen Frau ihrer Kaste vielleicht nicht einmal auffielen, quälten sie und empörten sie. Der Anblick ihres kleinen Bretonischen Dienstmädchens, die ihre einfache Wirtschaft besorgte, erweckte in ihr verzweifeltes Bedauern und jammervolle Träume. Sie dachte an Vorzimmer mit orientalischen Teppichen behangen, in denen hohe Bronceleuchter brannten und wo in tiefen Sesseln zwei Diener in Kniehosen warteten, bei der Wärme des großen, schweren Kamins.
Sie dachte an Salons, mit Seide bespannt, und mit zarten Möbeln, mit köstlichen Nippes und Nichtsen; an kleine, reizende, duftgeschwängerte Boudoirs, die eigens gemacht schienen für eine kleine Unterhaltung Nachmittags zur Theestunde mit den intimsten Freunden, bekannten und bedeutenden Männern, deren Aufmerksamkeit alle Frauen wünschen und neiden.
Wenn sie sich zu Tisch setzte, an den runden Tisch, auf dem das Tischtuch schon tagelang lag, ihrem Manne gegenüber, der den Deckel von der Terrine abnahm und schmunzelnd sagte:
– O, die gute Suppe, das bleibt doch das beste!
Dann dachte sie an großartige Diners, mit glänzenden Silbersachen, wo die Wände bespannt waren mit Gobelins, auf denen seltsame Vögel mitten in einem Feenwald herumflatterten. Sie dachte an außergewöhnliche, herrliche Speisen in köstlichem Geschirr angerichtet, dachte an die Galanterien, die zugeflüstert und angehört werden mit Sphinxartigem Lächeln, während man das rosige Fleisch einer Forelle kostet oder am Flügel eines Birkhuhns knabbert.
Sie hatte keine Toiletten, keinen Schmuck, nichts, und doch liebte sie nur das, sie fühlte sich dazu geschaffen, sie hätte so gern gefallen, beneidet, gesucht und verführerisch sein mögen.
Sie besaß eine reiche Freundin, mit der sie im Kloster erzogen worden, aber sie mochte sie nicht aufsuchen, denn so schrecklich war es ihr jedesmal, wenn sie von dort zurückkam; sie weinte dann tagelang vor lauter Kummer, Verzweiflung und Elend.
Da kam eines Abends ihr Mann mit Siegesmiene herein, einen großen Brief in der Hand.
– Da ist was für Dich! sagte er.
Sie riß schnell das Couvert auf und fand darin eine gedruckte Einladung folgenden Inhalts:
»Seine Excellenz der Unterrichtsminister und Frau Georg Ramponneau geben sich die Ehre Herrn und Frau Loisel für Montag den 18. Januar zur Soiree ergebenst einzuladen.«
Statt glücklich zu sein, wie ihr Mann es erhofft, warf sie die Einladung mit gerümpfter Nase auf den Tisch und murmelte:
– Was soll mir das nützen?
– Aber liebes Kind, ich dachte, Du würdest glücklich sein. Du kommst nie heraus, und da hast Du nun einmal eine schöne Gelegenheit dazu. Es war schwer genug, die Einladung zu kriegen, alle Welt will eine haben, und nicht alle Beamten kriegen eine. Alle offiziellen Persönlichkeiten werden da sein.
Sie sah ihn erregt an und sagte ungeduldig:
– Was soll ich denn anziehen, um dorthin zu, gehen?
Daran hatte er nicht gedacht und stammelte:
– Gott das Kleid, das Du zum Theater anziehst, das scheint mir doch ganz nett!
Er schwieg, auf den Mund geschlagen, ganz verzweifelt, als er sah, daß seine Frau weinte.
Zwei große Thränen rollten langsam aus den Augenwinkeln herab, und er stammelte:
– Was hast Du denn? Was hast Du denn?
Mit aller Gewalt kämpfte sie ihre Verzweiflung nieder und sagte mit ruhiger Stimme, indem sie ihre nassen Wangen abwischte:
– Garnichts! Aber ich habe kein Kleid und kann also auf das Fest nicht gehen. Gieb die Einladung nur irgend einem Kollegen, dessen Frau besser herausstaffiert ist als ich.
Er war traurig, er antwortete:
– Aber sei doch vernünftig, Mathilde. Wieviel soll denn eine anständige Toilette kosten, die Du vielleicht noch bei anderen Gelegenheiten benutzen könntest. Sie braucht ja nur ganz einfach zu sein!
Sie dachte ein paar Sekunden nach, rechnete und überlegte auch, welche Summe sie wohl verlangen könnte, ohne daß der sparsame Beamte sofort nein gesagt hätte und außer sich gewesen wäre.
Endlich antwortete sie zögernd:
– Ich weiß nicht recht, aber ich denke mit vierhundert Franken müßte es gehen.
Er war bleich geworden, denn er wollte gerade diese Summe bei Seite legen, um sich ein Gewehr zu kaufen und einmal auf die Jagd zu gehen, den folgenden Sommer in Nanterre, wo er mit ein paar Freunden Sonntags sich vergnügen konnte. Aber dennoch sagte er:
– Gut, Du sollst vierhundert Franken bekommen, Und nun sieh zu, daß Du ein schönes Kleid kriegst.
Der Tag des Festes rückte heran, aber Frau Loisel schien traurig, unruhig, ängstlich, obgleich ihre Toilette fertig war. Da sagte eines Tages ihr Mann zu ihr:
– Was hast Du denn, Du bist seit einiger Zeit so sonderbar!
Und sie antwortete:
– Ach, mir ist es so unangenehm, daß ich keinen Schmuck habe, keinen Stein, nichts anzuthun. Ich werde eine recht traurige Figur machen, ich möchte am liebsten garnicht hingehen.
Er antwortete:
– Nimm doch natürliche Blumen, das ist sehr chik jetzt, und für zehn Franken bekommst Du zwei oder drei prachtvolle Rosen.
Doch sie war nicht davon überzeugt:
– Nein, es giebt nichts Demütigenderes, als unter all den reichen Frauen so armselig aufzutreten!
Aber ihr Mann rief:
– Sei doch nicht dumm, geh doch mal zu Deiner Freundin Forestier und bitte sie, sie soll Dir irgend einen Schmuck borgen. Du kennst sie doch genau genug dazu.
Sie stieß einen Freudenschrei aus. Das war eine gute Idee, daran hatte sie nicht gedacht.
Am nächsten Tage ging sie zu ihrer Freundin und teilte ihr den Grund ihrer Niedergeschlagenheit, mit. Frau Forestier trat an ihren Spiegelschrank, nahm daraus einen großen Kasten, brachte ihn, öffnete ihn und sagte zu Frau Loisel:
– Bitte, such Dir etwas aus.
Sie sah zuerst Armbänder; dann ein Perlenhalsband, dann ein Venezianisches Kreuz aus Gold, eine wundervolle Arbeit, und all den Schmuck probierte sie vor dem Spiegel an. Sie zögerte, sie konnte sich nicht entschließen, die Sachen aus der Hand zu geben, und sie fragte immer:
– Hast Du noch etwas anderes?
– Aber gewiß, wühle nur, ich weiß ja nicht, was Dir gefällt.
Plötzlich entdeckte sie in einem Etui von schwarzem Satin eine wundervolle Diamanten-Riviere, und ihr Herz begann vor Sehnsucht danach zu schlagen. Ihre Hände zitterten, als sie den Schmuck in die Hand nahm sie legte ihn um den Hals auf dem geschlossenen Kleid, sie war ganz weg über sich selbst.
Dann fragte sie zögernd, voller Angst:
– Willst Du mir das borgen? Nur das?
– Aber gewiß, sehr gern!
Sie fiel ihrer Freundin um den Hals, küßte sie herzlich und lief mit ihrem Schatze davon.
Der Tag des Festes kam, Frau Loisel hatte einen großen Erfolg. Sie war hübscher als alle, elegant, graziös, lächelte und war vor Freude ganz verrückt.
Alle Herren blickten sie an, fragten, wer es wäre, ließen sich ihr vorstellen. Alle jungen Beamten wollten mit ihr tanzen, sogar der Minister ward auf sie aufmerksam. Sie tanzte wie trunken vor Freude und Glück, dachte an nichts mehr im Triumph ihrer Schönheit, in der Wonne ihres Erfolges, wie von einer Art Wolke umhüllt, aus all dieser Bewunderung, aus all diesem Courmachen gewoben, von all den geheimem Wünschen umgeben, durch diesen vollständigen Sieg, der den Frauenherzen so teuer ist.
Gegen vier Uhr Morgens ging sie fort. Ihr Mann schlief schon seit Mitternacht in einem kleinen verlassenen Salon mit drei anderen Herren, deren Frauen sich auch gut unterhielten.
Er warf ihr die Überkleider um die Schultern, die er vom Eingang geholt, bescheidene Alltagsgegenstände, deren Ärmlichkeit gegen die Eleganz der Balltoilette abstach. Sie fühlte es und wollte entfliehen, um von den anderen Frauen die sich in kostbare Pelze hüllten, nicht gesehen zu sein.
Loisel hielt sie zurück:
– Warte doch, Du wirst Dich draußen erkälten. Ich werde einen Wagen rufen.
Aber sie hörte nicht auf ihn und lief rasch die Treppe hinunter. Als sie auf der Straße standen, fanden sie keinen Wagen. Sie suchten und riefen die Kutscher an, die sie in der Ferne vorüberfahren sahen.
Frierend und verzweifelt gingen sie nach der Seine hinuter, endlich fanden sie am Quai eines jener alten Nachtcoupés, die man in Paris nur bemerkt, wenn es dunkel wird, als ob sie Tags über sich ihrer Armseligkeit geschämt hätten.
Das brachte sie bis an ihre Thür Rue des Martyrs, und traurig stiegen sie zu ihrer Wohnung hinauf. Für sie war es jetzt aus, und er ärgerte sich, daß er um zehn Uhr im Ministerium sein mußte.
Sie legte vor dem Spiegel die Kleidungsstücke ab, die sie um die Schultern gethan, um sich noch einmal in all ihrer Schönheit zu sehen, aber plötzlich stieß sie einen Schrei aus: Sie trug kein Halsband mehr um den Hals!
Ihr Mann, der sich schon halb ausgezogen hatte, fragte:
– Was hast Du denn?
Erschrocken wandte sie sich zu ihm:
– Ich habe … ich habe den Schmuck der Frau Forestier nicht mehr!
Er fuhr erschrocken herum:
– Was? Wie? Das ist nicht möglich!
Und sie suchten in den Falten des Kleides, in den Falten des Mantels, überall und fanden nichts.
Er fragte:
– Bist Du gewiß, daß Du ihn noch hattest, als wir den Ball verließen?
– Ja, ich habe ihn im Vorsaal, im Ministerium noch angefaßt.
– Aber wenn er auf der Straße verloren gegangen wäre, hätten wir ihn doch fallen hören müssen. Es muß im Fiaker geschehen sein.
– Sehr wahrscheinlich! Weißt Du die Nummer?
– Nein, hast Du sie Dir nicht gemerkt?
– Nein!
Sie blickten sich tötlich erschrocken an, endlich zog Herr Loisel sich wieder an:
– Ich will den ganzen Weg, den wir zu Fuß gegangen sind, noch einmal zurücklegen, um zu sehen, ob ich ihn nicht vielleicht finde.
Und er ging fort. Sie blieb in ihrer Toilette sitzen, sie hatte nicht die Kraft zu Bett zu gehen. Sie hockte auf einem Stuhl, ohne einen Gedanken fassen zu können.
Gegen sieben Uhr kehrte ihr Mann zurück, er hatte nichts gefunden. Er ging auf die Polizei, zu den Zeitungen, um eine Belohnung auszusetzen; ging zu der Droschken-Gesellschaft, kurz, überall hin, wohin ihn der Schimmer einer Hoffnung trieb.
Sie wartete den ganzen Tag in demselben verstörten Zustand, angesichts des furchtbaren Unglücks. Loisel kam am Abend wieder, mit eingefallenen Wangen, bleich, er hatte nichts gefunden.
Er sagte:
– Du mußt Deiner Freundin schreiben, Du hättest das Schloß kaput gemacht und müßtest es erst wieder herstellen lassen, damit wir Zeit haben, uns noch einmal umzusehen.
Und er diktirte ihr den Brief.
Nach einer Woche hatten sie keine Hoffnung mehr, und Loisel, der um fünf Jahre gealtert war, erklärte:
– Wir müssen sehen, daß wir einen anderem Schmuck schaffen.
Am nächsten Tage nahmen sie das Etui, worin der Schmuck gelegen hatte und gingen zu dem Juwelier, dessen Name sich darin verzeichnet fand. Er schlug in seinen Büchern nach:
– Gnädige Frau, ich habe diese Riviere nicht verkauft, von mir ist offenbar nur das Etui.
Da liefen sie von Juwelier zu Juwelier und suchten überall einen ähnlichen Schmuck und strengten ihr Gedächtnis an, beide ganz krank vor Kummer und Verzweiflung.
In einem kleinen Laden im Palais Royal fanden sie eine Brillant-Schnur, die ihnen ganz genau so zu sein schien, wie die, die sie suchten. Sie sollte vierzigtausend Franken kosten, aber man wollte sie ihnen für sechsunddreißigtausend lassen.
Sie baten also den Juwelier, ihnen drei Tage lang das Vorkaufsrecht zu lassen, und sie stellten die Bedingung, daß er ihn für vierunddreißigtausend Franken zurücknehmen mußte, wenn der erste Schmuck sich etwa vor Ende Februar wiederfände.
Loisel besaß achtzehntausend Franken, die er von seinem Vater geerbt, den Rest wollte er borgen. Er borgte ihn zusammen, von diesem eintausend, fünfhundert von jenem, fünf Zwanzigfrankstücke hier oder drei dort, er schrieb Wechsel, machte verzweifelte Geldgeschäfte und trat mit Halsabschneidern und Wucherern aller Art in Verbindung, er kompromittierte seine ganze Existenz und wagte es zu unterschreiben, ohne zu wissen, ob er je würde zahlen können und, unausgesetzt im Gedanken an die Entbehrungen, an die Zukunft, an das Elend, das über ihren Hausstand kommen würde, durch die in Aussicht stehenden leiblichen Entbehrungen, durch die moralischen Qualen, holte er endlich den neuen Schmuck und legte sechsunddreißigtausend Franken auf den Ladentisch.
Als Frau Loisel ihrer Freundin den Schmuck brachte, sagte diese etwas pikiert:
– Du hättest ihn mir auch früher bringen können, ich hätte ihn doch brauchen können!
Sie öffnete garnicht das Etui, wovor sich ihre Freundin gefürchtet. Wenn sie den Ersatz entdeckt, was hätte sie wohl gesagt? Hätte sie sie nicht für eine Diebin gehalten?
Frau Loisel lernte das Leben der Bedürftigen kennen. Sie fügte sich übrigens darein, wie eine Heldin. Diese furchtbaren Schuldscheine mußten eben bezahlt werden, und sie würden sie zahlen.
Sie schickte das Mädchen fort, sie nahm eine andere Wohnung, eine Mansarde unter dem Dach. Nun lernte sie die groben Hausarbeiten kennen, die entsetzlich groben in der Küche.
Sie wusch selber auf und verdarb ihre rosigen Nägel an den fettigen Töpfen und Schüsseln, sie wusch die schmutzige Wasche, Hemden und Wischtücher, die sie auf einer Schnur zum Trocknen aufspannte.
Gegen Morgen brachte sie den Kehricht auf die Straße, trug das Wasser herauf und blieb an jedem Treppenabsatz stehen, um Atem zu schöpfen. Wie ein gewöhnliches Weib gekleidet, ging sie selbst auf den Markt, in die Kolonialwarenhandlung, zum Fleischer, den Korb am Arm, handelte und ließ sich schimpfen, denn Pfennig um Pfennig verteidigte sie ihre jammervollen paar Groschen.
Jeden Monat mußten Wechsel gezahlt werden und andere ausgestellt, nur um Zeit zu gewinnen.
Der Mann arbeitete Abends daran, die Geschäftsbücher eines Kaufmannes zu führen, und Nachts oft fertigte er Abschriften an für fünf Sous die Seite.
Und dieses Leben dauerte zehn Jahre.
Nach zehn Jahren hatten sie alles abgezahlt mit Wucherzinsen und allem.
Jetzt sah Frau Loisel wie eine alte Frau aus, sie war stark und hart geworden, grob wie ein armes Weib. Sie war nicht mehr frisiert, ihre Röcke saßen unordentlich, ihre Hände waren rot, sie sprach laut und scheuerte die Fußböden.
Aber manchmal, wenn ihr Mann auf dem Bureau war, setzte sie sich ans Fenster und dachte an diesen Abend damals, an diesen Ball, auf dem sie so schön gewesen und so gefeiert worden.
Was wäre wohl geschehen, wenn sie den Schmuck nicht verloren? Wer weiß! Wie seltsam veränderlich ist doch das Leben! Wie wenig ist nur von Nöten, uns zu stürzen, oder zu erheben!
Da gewahrte sie eines Sonntags, als sie in den Champs Elysées, um sich von den Mühen der Woche zu erholen, spazieren ging, eine Dame mit einem Kinde an der Hand. Es war Frau Forestier, immer noch jung, hübsch, verführerisch.
Frau Loisel war ganz erregt, sollte sie sie anreden? Ja gewiß! Und nun, wo sie alles bezahlt hatten, wollte sie ihr die Wahrheit sagen, und sie trat an sie heran:
– Guten Tag, Johanna!
Die andere erkannte sie nicht, sie war erstaunt, von dieser Bürgersfrau so angeredet zu werden und sie stammelte:
– Ja, Frau – – ich weiß nicht – – Sie täuschen sich wohl?
– Nein, ich bin Mathilde Loisel!
Ihre Freundin stieß einen Schrei aus:
– Ach, meine arme Mathilde, wie bist Du aber verändert!
– Ja, ich habe schwere Zeiten durchgemacht, seit ich Dich nicht gesehen, und viel Elend und zwar Deinetwegen.
– Meinetwegen? Wieso denn?
– Erinnerst Du Dich der Diamant-Schnur, die Du mir geborgt hast, um auf den Ball ins Ministerium zu gehen?
– Gewiß, und?
– Nun, ich hatte sie verloren.
– Aber wie ist denn das möglich, Du hast sie mir doch wieder gebracht!
– Ich habe Dir eine andere, ganz gleiche wiedergebracht, und seit zehn Jahren zahlen wir daran ab. Du wirst einsehen, daß das für uns eine furchtbare Last gewesen ist, für uns, die wir nichts hatten. Na, nun ist’s vorbei, und jetzt bin ich glücklich!
Frau Forestier war stehen geblieben:
– Du sagst, Du hast eine Diamantschnur gekauft, um meine zu ersetzen?
– Jawohl! Ja, Du wirst das nicht gemerkt haben, sie war ganz gleich.
Und sie lächelte in naivem Stolz.
Aber Frau Forestier faßte sie ganz erschüttert bei den Händen:
– O Gott, o Gott, meine arme Mathilde, meine Schnur war ja falsch! Sie war höchstens fünfhundert Franken wert!
Als der Briefträger Bonifacius die Post verließ, stellte er fest, daß heute sein Bestellgang kürzer sein würde denn sonst, und er freute sich darüber außerordentlich.
Sein Bezirk war die ganze Umgegend von Vireville, und wenn er abends zurückkam in seinem langen, müden Schritt, hatte er manchmal mehr als vierzig Kilometer im Leibe.
Die Briefabgabe würde also heute schnell gehen, er konnte sich sogar unterwegs ein bißchen aufhalten und würde um drei Uhr wieder zu Hause sein. So ein Glück!
Er verließ den Ort, auf dem Wege nach Sennemare und begann seinen Dienst. Es war Juni, und alles grünte und blühte, der schönste Monat im Flachland.
Der Mann, der eine blaue Bluse trug und ein schwarzes Käppi mit roten Streifen, durchschritt die schmalen Wege zwischen den Hafer-oder Getreidefeldern; bis an die Schultern ging ihm das Korn. Sein Kopf ragte über die Ähren, als schwimme der auf einem ruhigen, grünen Meer hin, das sonst eine leichte Brise wellt.
Er betrat die Bauernhöfe durch das Holzthor in der Hecke, die zwei Reihen Buchen beschatteten. Er nannte jedesmal den Bauer beim Namen:
– Morgen Herr Chicot!
Und gab ihm seine Zeitung, den Petit Normand. Der Bauer wischte sich dann die Hand an der Hose, nahm das Blatt in Empfang und steckte es in die Tasche, um es nach dem Mitagessen in Ruhe zu lesen.
Der Hund, der in seiner Hütte zu Füßen eines überhängenden Apfelbaumes lag, bellte wütend und zerrte an seiner Kette, aber der Briefträger ging, ohne sich umzuwenden, in seiner militärischen Haltung davon, große Schritte machend, den linken Arm auf die Tasche gestemmt, im rechten den Stock drehend, der neben ihm dieselben gleichmäßig eiligen Bewegungen machte.
Er verteilte seine Drucksachen und seine Briefe im ganzen Dorf Sennemare, dann ging er weiter durch die Felder, um die Zeitung dem Lehrer zu bringen, der ein kleines, alleinstehendes Haus, etwa zehn Minuten vom Ort entfernt, bewohnte.
Es war ein neuer Lehrer, Herr Chapatis, der erst vorige Woche eingezogen und seit kurzer Zeit verheiratet war. Er hielt ein Pariser Blatt, und ab und zu warf der Briefträger Bonifacius, wenn er Zeit dazu hatte, einen Blick hinein, ehe er das Blatt dem Empfänger zustellte.
Er öffnete also seine Tasche, nahm die Zeitung, schob sie aus dem Kreuzband heraus, faltete sie auseinander und begann sie während des Gehens zu lesen.
Die erste Seite interessierte ihn kaum, die Politik ließ ihn kalt, Finanz-Nachrichten überschlug er, aber der lokale Teil reizte ihn.
Der war gerade heute sehr reichhaltig, und er regte sich lebhaft auf bei der Schilderung eines Verbrechens in der Wohnung eines Jagdhüters, sodaß er mitten in einem Kleefeld stehen blieb, um es noch einmal langsam zu lesen.
Die Einzelheiten waren schrecklich. Ein Holzfäller war früh beim Forsthaus vorüber gegangen und hatte auf der Schwelle ein paar Tropfen Blut gesehen, als ob jemand Nasenbluten gehabt. Er dachte, der Förster wird die Nacht vielleicht ein Kaninchen erlegt haben, aber als er sich näherte, endeckte er, daß die Thür halb offen stand und das Schloß aufgebrochen war.
Da packte ihn die Angst, er lief ins Dorf, den Ortsvorstand zu benachrichtigen. Der nahm den Flurwächter und den Lehrer zur Verstärkung mit, und die vier Männer kehrten zusammen zurück.
Sie fanden den Förster ermordet am Kamin liegen, seine Frau erwürgt unter dem Bett und ihr kleines zehnjähriges Mädchen erstickt zwischen zwei Matratzen.
Der Briefträger Bonifacius war so erschrocken bei dem Gedanken an diesen Mord, dessen furchtbare Einzelheiten eine nach der anderen ihm hier enthüllt wurden, daß er sich ganz schwach auf den Beinen fühlte und laut sagte:
– Gott verdamm mich! was giebts für schlechte Menschen !
Dann steckte er die Zeitung wieder in das Kreuzband und ging weiter, immer noch das Verbrechen im Kopf. Bald kam er an das Haus des Herrn Chapatis. Er öffnete das kleine Gartenthor und näherte sich dem Häuschen. Es war ein niedriges Gebäude, das nur ein Erdgeschoß enthielt mit einem Mansardendach.
Es stand mindestens fünfhundert Meter vom nächsten Hof entfernt. Der Briefträger stieg die zwei Stufen hinauf, legte die Hand auf die Klinke, versuchte zu öffnen und fand die Thür verschlossen.
Da bemerkte er, daß die Läden noch garnicht geöffnet worden waren und daß heute noch niemand ausgegangen war. Eine gewisse Unruhe überfiel ihn, denn Herr Chavatis war seit seiner Ankunft immer sehr zeitig aufgestanden.
Bonifacius zog die Uhr, es war erst sieben Uhr zehn Minuten morgens, er war also fast eine Stunde früher gekommen als sonst.
Ach was, der Lehrer hätte doch schon auf sein müssen!
Und er ging vorsichtig um das Haus herum, als ob irgend eine Gefahr dabei sei. Er bemerkte nichts Verdächtiges, als ein paar Fußtritte in einem Erdbeerbeet.
Aber plötzlich blieb er unbeweglich und vor Entsetzen gebannt stehen, als er an einem Fenster vorüber kam.
Man stöhnte im Haus!
Er stellte sich mit gespreizten Beinen über ein Thymianbeet ganz nah ans Haus und legte sein Ohr an den Fensterladen, um besser zu hören. Wahrhaftig, es stöhnte! Er hörte ganz genau lange, schmerzliche Seufzer, etwas wie ein Röcheln, etwas wie das Geräusch eines Kampfes, dann wurde das Stöhnen stärker, wiederholte sich, ward noch schärfer und wechselte ab mit Schreien.
Da zweifelte Bonifacius nicht mehr daran, daß in diesem Augenblick gerade ein Verbrechen bei dem Lehrer verübt wurde. Er rannte davon was er konnte durch den kleinen Garten, eilte über das Feld hin mitten durchs Korn, lief, daß er ganz außer Atem kam und seine Tasche im Takt gegen die Hüften klatschte.
So kam er, nach Luft schnappend, verzeifelt an der Thür der Gendarmerie an. Der Wachtmeister Malautour war dabei, einen kaputen Stuhl mit Hammer und Nagel wieder zusammen zu schlagen; der Gendarm Rautier hatte das kapute Möbel zwischen den Beinen und hielt an die Bruchstelle einen Nagel, dann schlug der Wachtmeister, indem er dabei seinen Schnurbart kaute, mit aufgerissenen, vor angestrengter Aufmerksamkeit glänzenden Augen mit tötlicher Sicherheit seinem Untergebenen auf die Finger.
Sobald der Briefträger sie sah, rief er:
– Schnell, schnell! Kommen Sie, man ermordet den Lehrer!
Die beiden Leute hielten in ihrer Arbeit inne, hoben den Kopf mit jener erschrockenen Miene von Leuten, die man plötzlich überrascht und stört. Bonifacius, der ihnen mehr Überraschung, als Diensteifer ansah, wiederholte:
– Schnell, schnell! Diebe sind im Haus, ich habe Schreien gehört, es ist höchste Zeit!
Der Wachtmeister legte seinen Hammer bei Seite und fragte:
– Woher wissen Sie denn das?
Der Briefträger erzählte:
– Ich wollte eben die Zeitung und zwei Briefe abgeben, als ich bemerkte, daß die Thür noch verschlossen war und der Lehrer noch nicht aufgestanden sein konnte. Ich ging um das Haus herum, um mich zu überzeugen, und ich hörte Stöhnen, als ob jemand erwürgt würde, als ob man einem die Kehle durchschnitte. Da bin ich so schnell wie möglich fortgelaufen, Sie zu holen. Es ist höchste Zeit!
Der Wachtmeister richtete sich auf und sagte:
– Ja, haben Sie denn nicht selbst Hilfe geleistet!
Der erschrockene Briefträger antwortete:
– Ich fürchtete, einer Übermacht gegenüber zu. stehen.
Da meinte der Beamte überzeugt:
– Ich will mich nur schnell anziehen, dann komme ich.
Und er trat ins Haus, von seinem Gendarm gefolgt, der den Stuhl trug. Beinahe sofort erschienen sie wieder, und die drei setzten sich im Laufschritt in Bewegung nach dem Orte des Verbrechens zu.
Als sie sich dem Hause näherten, gingen sie vorsichtshalber langsamer. Der Wachtmeister zog seinen Revolver, und dann traten sie ganz leise in den Garten und näherten sich der Mauer.
Nirgends waren Spuren zu entdecken, daß die Verbrecher schon entflohen, die Thür war noch geschlossen, ebenso die Läden.
– Jetzt haben wir sie! – sagte der Wachtmeister.
Der alte Bonifacius zitterte vor Erregung, schickte den Wachtmeister auf die andere Seite des Hauses und zeigte ihm den Fensterladen.
– Dort! – sagte er.
Und der Wachtmeister trat ganz allein heran und legte sein Ohr an den Laden. Die beiden anderen warteten, auf alles gefaßt, starr die Augen auf ihn geheftet.
Lange blieb er unbeweglich stehen und lauschte. Um dem Fensterladen näher zu kommen, hatte er seinen Dreimaster abgesetzt und hielt ihn in der rechten Hand.
Was hörte er? Sein unbewegliches Gesicht verriet nichts, aber plötzlich sträubte sich sein Schnurbart, seine Wangen verzogen sich langsam wie zu einem Lächeln und indem er wieder die Wegeinfassung überstieg, näherte er sich den beiden anderen, die ihn unausgesetzt anstarrten.
