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Rory Docherty ist nach Hause auf den sagenumwobenen Berg seiner Kindheit zurückgekehrt – eine neblige Wildnis, die ihre Geheimnisse verbirgt und sich von der Außenwelt abschottet. Von einem Holzbein gebremst und von Erinnerungen an den Koreakrieg heimgesucht, schmuggelt Rory im Hochland von North Carolina der 1950er Jahre, in einem nachgerüsteten 40er Ford-Coupé, Whisky für einen mächtigen Berg-Clan. Zwischen Lieferungen an Raststätten, Bordelle und Privatkunden lebt er bei seiner Großmutter, entzieht sich Bundesagenten und schürt den Zorn eines Rivalen. In der Mühlenstadt am Fuße der Berge, eine Brutstätte der Gewalt, wird Rory von der mysteriösen Tochter eines Schlangenpredigers verzaubert. Seine Großmutter ist aus ihren eigenen Gründen gegen diese Verbindung und glaubt, dass "einige Dinge am besten begraben bleiben". Sie ist eine Heilerin, kocht Elixiere und Heilmittel für die Menschen in den Bergen und birgt ein explosives Geheimnis über Rorys Mutter. Als Rorys Leben bedroht ist, muss sie entscheiden, ob sie preisgibt, was sie weiß oder ihren einzigen Enkel vor der Vergangenheit beschützen.
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Seitenzahl: 400
Veröffentlichungsjahr: 2021
DARK PLACES
Taylor Brown
Aus dem Amerikanischen von Susanna MendeHerausgegeben von Jürgen Ruckh
Originaltitel: GODS OF HOWL MOUNTAIN
© 2018 by Taylor Brown
Published by arrangement with St. Martin's Press. All rights reserved.
Deutsche Erstausgabe, 1. Auflage 2021
Aus dem Amerikanischen von Susanna Mende
Gedichtübersetzung aus dem Koreanischen von Sabrina Stemmeler
Mit einem Nachwort von Kirsten Reimers
© 2021 Polar Verlag e.K., Stuttgart
www.polar-verlag.de
Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) oder unter Verwendung elektronischer Systeme ohne schriftliche Genehmigung des Verlags verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
Redaktion: Andrea Kalbe, Andreas März
Umschlaggestaltung: Britta Kuhlmann
Coverfoto: © Adga/Adobe Stock
Autorenfoto: © Taylor Brown
Satz/Layout: Martina Stolzmann
ISBN 978-3-948392-18-5eISBN 978-3-948392-19-2
Für Jason Frye – Freund,Mentor und Sohn der Appalachen
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
I. Erntemond
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
II. Halbmond, abnehmend
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
III. Abnehmender Sichelmond
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
IV. Neumond
Kapitel 19
V. Zunehmender Sichelmond
Kapitel 20
Kapitel 21
VI. Zunehmender Halbmond
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
VII. Jägermond
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Epilog
Danksagung
»Moonshine in North Carolina«
Aus der langen Novembernacht schneide ich ein Stück,
Eingerollt lege ich es unter die Decke, die warm und
süßlich duftet wie die Frühlingsbrise,
Und kommt die Nacht, in der mein Geliebter mich
aufsucht, so entrolle ich es Stück für Stück.
Hwang Jin-I oder Myeng-wol (»Leuchtender Mond«)
Die Zeichen aber, die da folgen werden denen, die da
glauben, sind die: In meinem Namen werden sie Teufel
austreiben, mit neuen Zungen reden; und so sie etwas
Tödliches trinken, wird’s ihnen nicht schaden …
Markus 16: 17-18
Der Wagen setzte sich im Morgengrauen in Bewegung. Die Scheinwerfer warfen ihr Licht auf die alten Serpentinen, welche die Berghänge durchzogen, während Donner und ein Echo des Donners zwischen den Bergkämmen hindurch hallte und ringsherum grollte. Die Straße führte im Zickzack vom Hochland ins Dunkel der Täler hinunter, vorbei an mit Dynamit gesprengten Bergkuppen und bisweilen den blassen Sehnen der alten Forststraßen folgend, die diese Erhebungen vor einem halben Jahrhundert durchzogen hatten. Er fuhr stetig gen Osten, wobei der Wagen brummend endlose Meilen durch die dunkler werdende Landschaft mit ihren Gebirgsausläufern zurücklegte und eine fast unsichtbare Staubwolke hinter sich herzog, die sich auf Briefkästen und Rinder und bereits geerntete Tabakfelder legte. Die Straße führte immer weiter hinab, überließ sich der Geschwindigkeit des Wagens und der Hitze des Motors, während Sterne über der Umgebung kreisten.
Die langen Kurven entfalteten sich vor der Fahrzeugfront. Die Obst- und Gemüsestände, Werbetafeln und Scheunen am Straßenrand waren groß genug, um die Wagen von Männern mit Dienstmarke zu verbergen. Die Straße führte eine Anhöhe hinauf, und das Gelände lag beinahe nackt vor dem weiten blauen Himmel. Die spärlichen Lichter der Fabrikstadt, errichtet auf dem Plateau des Piedmont, brannten in der Ferne. Die Stadt Gumtree. Bald summte die Straße, war asphaltiert und führte durch große Laubwaldbestände. Die Textilfabriken erhoben sich lang und riesengroß auf dem steilen Felsen über der Stadt, während schwarzer Rauch aus den vielen Schornsteinen aufstieg wie bei Ozeandampfern auf einem Meer aus Erdmasse. Sämtliche Fenster waren erleuchtet, als würden sich die Leute drinnen auf einer Party oder einem Ball vergnügen. Die Männer und Frauen kamen aus den Bergen, um stundenlang in der Hitze dieser von Flusen erfüllten Räume zu schuften, wo sie Socken und Strümpfe fertigten. Die zweite Schicht endete um zehn. Dann kamen die Arbeiter wie Gespenster hustend und weiß bestäubt aus den Ziegelbauten, bereit für einen Schluck Whiskey.
Der Wagen überquerte den Damm und fuhr in die Stadt hinein. Das Tal war zur Stromerzeugung vor zwei Jahrzehnten geflutet worden; aus dem Damm entlud sich eine Reihe flacher weißer Wasserfälle im Mondlicht. Der Wagen umrundete den Hauptplatz, wobei der starke Motor die Ladenfronten erschütterte wie menschengemachter Donner. Da waren der Lebensmittelladen, die Apotheke und das Billigwarenhaus. Der Juwelier, der Schuster und das Eisenwarengeschäft. Läden, in denen die Fabrikarbeiter auf Pump kauften und das Geld von ihrem Lohn abgezogen wurde. Der Wagen fuhr weiter, und die Arbeiterviertel ballten sich vor seiner Motorhaube, flache, kleine, sich im Besitz der Fabrik befindliche Häuser, dicht an dicht mit ihren quadratischen, kurz geschorenen Rasen. Häuser, die so klein waren, dass man eine Schrotflinte abfeuern und sämtliche Räume damit treffen konnte. Manche hatten es getan. Der Wagen fuhr zwischen ihnen hindurch bis zur Stadtgrenze, wo die Straße langsam in Richtung See abfiel.
End-of-the-Road hieß sie. Das letzte Überbleibsel der Ortschaft, bevor sie vom Wasser verschlungen wurde. In den Auwäldern standen Kneipen und Bordelle, Häuser für alles, was der Körper brauchte. Schatten zuckten über ihre Fenster, die in einem kränklichen Gelb schimmerten. Ein Ort für einen Drink und einen Streit, ein fremdes Bett, fremde Sterne, die über fremde Himmel flogen, wenn man einen Blick riskierte. Dahinter versank die Straße in der Tiefe. Dort unten befand sich das alte Tal, wo einst Menschen gelebt hatten, lange bevor die energiehungrigen Fabriken kamen. Angeblich gab es dort unten Hütten mit offenen Türen für die Fische, ihre Kiefernholzböden ertränkt und kalt. Es gab Bäume, verkümmert und leblos, die sich in der Tiefe wiegten wie von Zeitlupenwind bewegt. Die Knochen von Landbewohnern lagen dort unten, Wesen, die vor der kommenden Flut nicht gewarnt worden waren. Das Klopfen von Äxten und Hämmern der Maschinen erzeugte keinen grollenden Donner oder düsteren Himmel. Noch nicht. Als das Wasser kam, waren angeblich ein paar übellaunige alte Tabakpflücker auf ihrem Land geblieben, um die Regierung zu ärgern, aber die meisten bezweifelten das. Was nicht schwerfiel, so flach und ruhig war der See, dessen Geheimnisse niemals an die Oberfläche dringen würden.
Die erste Lieferung an diesem Abend ging an einen heruntergekommenen Bungalow mit vergitterten Fenstern und geriffelten Seitenwänden, als wäre jemand mit einem Spachtelmesser zugange gewesen. Im Dach war eine Delle, in der Regenwasser schwamm. Der Rasen war von Reifenspuren rötlich aufgewühlt. Zerbeulte Autos standen kreuz und quer. Gestalten mit hängenden Schultern, die von Mehl bedeckt zu sein schienen, standen vor dem Küchenfenster an. Münzen glänzten in ihren Händen.
Fünfundzwanzig Cent pro Shot.
Mit großen Augen beobachteten sie, wie der Wagen – ein Ford Coupé – an ihnen vorbei zur Rückseite des Hauses rumpelte. Er hielt, und der Fahrer stieg aus, sein Gesicht unter einer alten schwarzen Melone versteckt. Er klopfte an die Tür und hörte, wie sie mit mehrfachem Klacken entriegelt wurde.
Die Tür ging auf. Ein weißer Mann in einer fleckigen Schürze kam heraus. Dick. Sein Gesicht und seine Haare hatten einen ungesunden Glanz. Die Treppe zitterte unter ihm, als er herabstieg.
»Ich dachte schon, Sie kommen nicht«, sagte er. »Steuerfahnder?«
»Heute Abend nicht«, erwiderte Rory.
Der Mann zuckte mit den Achseln und reichte ihm ein Bündel Geldscheine. Rory öffnete den Kofferraum.
Mit jedem Halt kam der See näher, und die Straße glitt auf die völlige Dunkelheit hinter den Bäumen zu. Mit jedem Halt wurden die Kunden betrunkener und schäbiger. Ein paar, die die Straße so weit heruntergefahren waren, kamen nicht mehr zurück.
Granny May hielt ein Streichholz an das Ende ihrer Maiskolbenpfeife. Ihre Wangen wurden hohl, und ihr Brustkorb schwoll vom Rauch an. Sie machte einen doppelten Zug und hielt die Luft an, was ihr ein Kitzeln in der Brust verursachte. Es gab kein scharfes Stechen wie bei Tabak. Sie wippte nach hinten, senkte den Unterkiefer und entließ eine blaue Rauchwolke in die Morgendämmerung. Die Welt lag nass und dunkel vor ihr und trug letzte Flecken der Nacht. Vor ihr lagen die Berge, gezackt wie verfallene Mauerzinnen, und die taufeuchte Wiese ihres Grundstücks.
Sie blinzelte an ihrer Nase entlang und betrachtete den Baum auf dem Hof. Dieser Baum, der einzige, der die Baumkrankheit überlebt hatte, war das Herzstück von allem, was sie von ihrer Veranda aus betrachtete. Die anderen Kastanien hatten einst den Berg bevölkert, die Rinde ihres Stamms vom Alter zerfurcht wie die Stränge gigantischer Stahlkabel. Ihre Blätter mit den Sägezahnrändern waren golden um diese Jahreszeit, wenn die herabgefallenen Früchte die Tiere nährten und ihrem Fleisch einen süßlichen Geschmack verliehen. Diese Armee aus Laubbäumen war gefallen, war Opfer von tiefschwarzem Baumkrebs geworden, der sie ausgezehrt hatte und umstürzen ließ. Irgendein exotischer Pilz war durch Verletzungen in ihrer Rinde gedrungen, das Werk von Geweihen, Krallen oder Taschenmessern. Dieser Baum mit seiner hohen Krone stand einsam auf der Wiese im nahenden Morgenlicht.
Ein Geisterbaum.
Bunte Glasflaschen, zu viele, um sie zu zählen, hingen an Schnüren von den Ästen. Das Böse, das von weit entfernten Hügeln, aus lichtlosen Bergtälern und trockenen Brunnen herbeigeschlichen war – die Flaschen hatten diese Geister eingefangen. Ließen sie nicht mehr heraus. Hielten sie vom Haus und den Träumen und dem Herzen ihres Enkels fern. Wenn der Wind über die Wiese fegte, hörte man sie stöhnen, gefangen in ihren Flaschen. Die Geister waren böse, aber sie waren nicht sehr schlau.
Der erste Wagen kam kurz nach Sonnenaufgang die Auffahrt heraufgeholpert. Es war ein schickes grünes Coupé, ein tief liegender Hudson, der in der Morgendämmerung tuckerte und die Gestalt von etwas hatte, das sich im Rudel bewegte. Ein Mädchen stieg auf der Beifahrerseite aus. Sie hatte einen schweren Schal um die Schultern drapiert, als trüge sie eine Last. Der Junge, der den Wagen fuhr, saß zusammengekauert hinter dem Steuer und machte ein finsteres Gesicht. Er schaltete den Motor nicht aus. Das Mädchen stellte sich an den Fuß der Treppe.
»Morgen, Ma’am. Sind Sie Maybelline Docherty? Granny May?«
»Die bin ich. Was kann ich für dich tun?«
Das Mädchen blickte zurück zu dem Wagen, der qualmend auf dem Hof stand.
»Das ist Cooley Muldoon«, sagte sie. »Er ist mit einem Mädchen drüben in Linville verlobt. Wir, wir hatt’n heute Nacht ’nen Unfall.«
Granny blickte mit zusammengekniffenen Augen auf den tuckernden Wagen. Die erwachte Sonne schimmerte auf dem Glas und zitterte auf der Motorhaube. Nicht ein Kratzer im Lack.
Das Mädchen hob die Hände.
»Auf dem … Rücksitz«, sagte sie.
»Aha«, bemerkte Granny.
»Die Leute sagen, Sie machen Mondtee.«
»Setz dich einen Moment, mein Kind. Ich lass gerade welchen ziehen. Als hätte ich’s gewusst, dass du kommst.«
Das Mädchen setzte sich in den anderen Schaukelstuhl, und Granny schlurfte leise hinein, als wollte sie das leere Haus nicht wecken. Die Kanne stand auf dem Holzofen, und Dampf stieg kräuselnd auf. Darin befand sich eine Mischung aus Poleiminze, Gänsefingerkraut und anderen Kräutern, ein Gebräu, dessen Rezept von Waldhexen stammte. Wenn die Mischung nicht stimmte, konnte sie tödlich sein. Sie nahm einen der Becher, die auf dem Regal standen. Sie hatte sich das Mädchen genau angesehen, um die richtige Menge einzuschenken.
Granny paffte ihre Pfeife, während das Mädchen den Tee trank. Der Junge saß noch immer hinter dem Steuer und setzte zwischendurch einen Flachmann an die Lippen.
»Hatte er keinen Gummi?«
Das Mädchen hielt den Becher mit beiden Händen, und der Dampf stieg ihr in das gesenkte Gesicht.
»Er will keinen benutzen«, sagte sie. »Er meint, das ist, als würde man ein Beefsteak mit ’ner Socke über der Zunge essen.«
»Stimmt das?«
»Ja. Er meint, er will lieber überall auf den Hügeln uneheliche Kinder haben, als sich unter einer Lümmeltüte zu verstecken.«
Granny konnte spüren, wie der alte Zorn aufwallte. Sie dachte an ihre eigene Tochter, damals, in längst vergangener Zeit. Dachte an den vaterlosen Enkel, den sie unter ihrem Dach beherbergte, der unruhig unter seinem Gewirr aus Decken schlief, als würde ihn das im Krieg verlorene Bein im Schlaf treten und stoßen. Sie steckte den Pfeifenstiel zwischen ihre Zähne und zog fest daran.
»Vielleicht solltest du dann nicht mit ihm mitfahren.«
Das Mädchen blickte auf.
»Das ist Cooley Muldoon, von den Linville-Muldoons. Sie lassen mehr Whiskey von den Hügeln runterfließen als Gott Bäche. Wenn er was von einem will, sagt man nicht Nein.«
»Mehr Whiskey als Eustace Uptrees Truppe?«
Das Mädchen hielt mit der Tasse auf halbem Weg zum Mund inne. Sie sah sich um und schien zu bemerken, wo sie sich befand. Auf wessen Berg. Ihre Augen wurden groß.
»Nein, Ma’am. So viel wohl nicht.«
Der Junge schob den Ellbogen aus dem Wagen, gefolgt von seinem Kopf.
»He«, sagte er. »Wie lange dauert das noch? Ich hab nicht den lieben langen Tag Zeit, euch beim Quasseln zuzuschauen.«
Granny nahm die Pfeife aus dem Mund.
»Es wird den Rest deines Lebens dauern, wenn du einer alten Frau nicht’n bisschen Respekt entgegenbringst.«
Cooley stieg aus dem Wagen und schlug die Tür zu. Er war dünn und drahtig, die Ärmel seines Flanellhemds hatte er über weißen langen Ärmeln aufgerollt, und seine Hosenträgerschlaufen hingen herab wie ein Paar schlaffe Flügel. Ein langes Messer mit einem Hirschhorngriff steckte in einer Lederscheide an seinem Gürtel.
»Hör’n Sie mal«, sagte er, »ich hab nicht zwanzig Dollar springen lassen, um mir das Gemecker von ’ner alten Hure anzuhören.«
Er zeigte vom Hof aus auf sie, nur einen Steinwurf entfernt, aber sie konnte beinahe spüren, wie sich sein Finger prüfend in ihr Herz bohrte. Sie blickte über ihn hinweg zu den Flaschen im Baum. Der Wind bewegte sie sanft an ihren Zweigen, hundert winzige Münder, die ihren Unmut flüsterten.
»Vorsicht«, sagte sie. »Ruf dir lieber ins Gedächtnis, wo du bist.«
»Ich weiß genau, wo ich bin.«
Er überquerte den Hof, den Arm ausgestreckt, um das Mädchen von der Veranda zu zerren, aber er blieb an der Treppe stehen, als wäre plötzlich die Kette zu Ende. Es war ein Dröhnen, das ihn gestoppt hatte und klang, als käme es vom Berg selbst. Ein Beben. Ein einziger Motor im County machte ein solches Geräusch.
Maybelline.
Das Coupé bog in die Auffahrt ein, ein schwarzer 1940er Ford, der wie eine Kanonenkugel aussah. Er bahnte sich einen Weg durch die Spurrillen, wobei der große Krankenwagenmotor die Erde festklopfte. Quietschend blieb der Wagen stehen und stotterte im Leerlauf, so wenig Gas nicht gewohnt. Der Fahrer würgte den Motor ab, und der Wagenschlag wurde knarrend geöffnet. Heraus stieg Granny Mays Enkel in seiner alten Bomberjacke, die Stirn unter einer schwarzen Melone versteckt, die seinem Großvater gehört hatte. Er war klein, aber kräftig, mit breitem Kiefer und dem Unterbiss einer Bulldogge. Jene Sorte Kiefer, die, sobald sie sich in etwas verbissen hatte, nicht mehr losließ.
»Rory Docherty«, sagte Cooley. »Hab gehört, du bist zurück aus Übersee. Oder wenigstens ein Teil von dir.«
Rory humpelte zur Vorderseite seines Wagens, wobei er sein Holzbein nachzog. Er sagte nichts. Cooley spuckte ins Gras.
»Hätte nicht gedacht, dass du noch fährst.«
Rory zog ein Päckchen Lucky Strike aus seiner Brusttasche und zündete sich eine zwischen seinen hohlen Händen an. Das Zippo-Feuerzeug des 5th Marine Regiment in seiner Hand schnappte zu.
»Ist kein Problem«, sagte er, »weil es mein Kupplungsfuß ist.«
Cooley leckte sich die Lippen und blickte auf Rorys linken Stiefel.
»Dieser Rennfahrer, Red Byron, ist jetzt ein Krüppel. Hat ihn anscheinend nicht davon abgehalten, weiter Rennen zu fahren. Er hat das Bein ja noch.«
Rory stieß den Rauch durch die Nase aus, einen sich kräuselnden blauen Schnurrbart.
»Gibt’s hier irgendein Problem?«
»Wir sind für’n Schluck Tee von deiner Granny hier«, sagte Cooley. »Ella hier hat gestern Abend eine Ladung abgekriegt.«
»Na so was«, sagte Rory.
Cooley zog grinsend seine Reithosen vorn hoch.
»Ja, Sir. Wir brauchten bloß ein Kräutermittel dagegen.«
Das Mädchen trank hastig den Tee aus und erhob sich.
»Ich bin so weit«, sagte sie. »Wir sollten fahren. Daddy steht bald auf. Er darf nicht wissen, dass ich nicht zu Hause war.«
»Nein«, sagte Cooley mit anzüglichem Grinsen Richtung Rory. »Das darf er nicht wissen.«
Sie kam von der Veranda herunter und ging zum Wagen, während Cooley sich nicht rührte. Schließlich kehrte er mit federndem Gang zum Wagen zurück, das dämliche Grinsen noch immer im Gesicht. Er stieg in den grünen Hudson und steckte den Kopf durch das Fenster.
»Hab gehört, Docherty, man hat dir ’ne Medaille dafür verliehen, dass du dich hast in die Luft sprengen lassen.«
Rorys Wangen verdunkelten sich, während er an der Zigarette zog. Die Asche glomm auf.
»Stimmt«, sagte er.
»Ganz schön großzügig, wenn du mich fragst.«
»Stimmt.«
»Dort drüben irgendwelche Schlitzaugen gekillt?«
Wieder kam der Rauch aus Rorys Nasenlöchern, als würde in seinen Eingeweiden ein Feuer brennen.
»Wird Zeit, dass du von meinem Grundstück verschwindest, Kleiner. Und zwar auf der Stelle.«
Cooley legte den Rückwärtsgang ein, wobei er Rory ansah. »Pass auf, wie du mit mir redest«, sagte er. »Bis zu Eustace oben auf dem Berg ist es weit.«
Rory humpelte zu dem Wagen hin. Er legte eine Hand auf das Dach und beugte sich mit der brennenden Zigarette zwischen den Fingern nach vorn.
»Sachte«, sagte er mit leiser Stimme. »Es heißt, er hat Ohren in den Bäumen.«
Rory nickte zu dem Geisterbaum hin. Wie er erwartet hatte, wanderte Cooleys Blick an den Zweigen hinauf, und Rory schnippte dem Jungen seine Zigarette in den Schoß. Cooley schrie auf und schlug nach dem Funkenregen, während sich ein Haufen glühender Fliegen auf seinen Schritt stürzte. Das Mädchen auf dem Beifahrersitz hielt sich die Hand vor den Mund und versuchte, nicht zu lachen. Cooley wischte die glühende Asche zu Boden und trat sie aus. Als er aufblickte, war sein Gesicht wutverzerrt.
»Zum Teufel mit dir, Docherty. Das wird dir noch leidtun.«
»Es gibt vieles, was mir leidtut«, sagte Rory. »Das hier bestimmt nicht.«
Er drehte sich um und ging zum Haus. Der Hudson wendete und wirbelte Erde auf, als er schlingernd die Auffahrt hinunterfuhr.
Granny sah ihrem Jungen dabei zu, wie er mühsam die Treppe erklomm.
»Du sollst keinen Rauch in eine Schlangenhöhle blasen, Junge.«
»Das war nicht seine Höhle, sondern unsere.« Er machte Anstalten hineinzugehen.
»Rory.« Er blieb stehen. »Hast du nicht was vergessen?«
Er beugte sich hinunter und küsste sie auf die Wange.
»Auf dem Ofen stehen Catheads«, sagte sie. »Soße dazu ist im Topf.«
»Danke.«
Sie hörte ihn hineingehen, wobei die Hütte unter seinen Schritten bebte. Sie hörte, wie die Sprungfedern protestierten, als er sich auf sein Bett fallen ließ und sein Frühstück kalt wurde.
Es gab eine dreistufige Pagode, errichtet auf einem kleinen Hügel oberhalb des Flusses, der wie geriffeltes Glas schimmerte. Die Einheit hatte den Fluss zu einem Pool aufgestaut. Sie kauerten darin in ihrem Unterzeug und schrubbten sich mit Seife den Augustdreck aus den Falten und Ritzen ihrer Körper. Haubitzen waren um sie herum auf den Hügeln aufgestellt wie Schutzmonster. Trotzdem wuschen sich die Marines in aller Eile, weil sie sich ohne ihre Stahlhelme, ihr Tarnzeug und ihre gelben Leinenbeinlinge, die seitlich geschnürt waren, ungeschützt fühlten. Erkennungsmarken baumelten um ihre Hälse und blitzten in der koreanischen Sonne.
Rory stand aus dem Pool auf und spürte, wie das kalte Wasser wie ein Umhang an seinem Körper hinabglitt. Seine bloßen Füße mit den weißen Zehen standen auf den runden, glatt gewaschenen Steinen wie die auf dem Berg bei ihm zu Hause. Er ging den Hügel hinauf in Richtung des Tempels mit dem Ziehharmonikadach, wo sie einquartiert waren, vorbei an olivfarbenen Hemden und Hosen, die auf Felsen und Büschen trockneten und wie Tierhäute ausgebreitet waren. Die Luft fühlte sich an, als wäre sie voller Zähne. Früher am Tag, als sie ein verlassenes Dorf durchsucht hatten, waren sie unter Beschuss von Heckenschützen geraten. Ihr erstes Mal. Sie waren zwar Marines, aber trotzdem naiv. Das Knallen der Schüsse hatte ihnen die äußere Schicht Mut vom Rücken gepellt; ihre Knochen waren jetzt dichter unter der Oberfläche.
Ein Paar steinerne Löwen bewachte den Eingang der Pagode, von Flechten überzogene Tiere mit eckigen Köpfen und großen Pfoten. Die Marines nannten sie »Foo dogs«. Es gab einen Nisei in ihrer Einheit, Sato, dessen älterer Bruder im 442. Infanterieregiment im Zweiten Weltkrieg gekämpft hatte. Alles japanischstämmige Amerikaner.
»Komainu«, sagte er. »Wächterlöwen. Sie halten die bösen Geister fern.«
Einer hatte sein Hemd über eins der Tiere geworfen. Rory nahm das Kleidungsstück herunter, damit die Kreatur etwas sehen konnte. Er betrat den Tempel. Die Luft fühlte sich kühl und abgestanden an wie in einer Höhle. Die dunklen Geister abgebrannter Kerzen spukten um die Wandleuchter. Der Ort roch nach Weihrauch und Lucky Strikes und nervösen Marines. Ihre Ausrüstung war an den Wänden aufgereiht. Er war noch nie an einem so alten Ort gewesen. Granny hatte für Kirchen nichts übrig – »Gottesschachteln« nannte sie sie –, und die in den Bergen schienen im Vergleich zu dieser hier nicht sehr stabil zu sein. Hastig zusammengeschusterte Bretter, manche lediglich aus Unterholz. Doch hier halb nackt und allein im Zentrum des Tempels fühlte er sich mit dem Stein von Generationen wie gepanzert. Keine Kugel konnte ihn hier treffen. Kein Gefühl von Angst ihn beschleichen.
Er wollte an diesem Ort bleiben, der so still und freidlich war inmitten der waffenstarrenden Hügel. Aber ein kalter Wind pfiff durch den Tempel und traf ihn am Rücken, und ihm fiel wieder ein, dass der Herbst früh begonnen hatte, für die Blätter und die Menschen. Leuchtendes Blut auf den sägezahnförmigen Gebirgskämmen und das Schreien, das nicht aufhören wollte.
Er konnte es nicht vergessen.
Rory wachte gegen Mittag auf, er hatte die Bettdecke weggestrampelt, und sein Körper war trotz der Oktoberkälte von einem Schweißfilm überzogen. Das Bein, das er verloren hatte, pochte, als befände es sich noch an dem zerbeulten Stumpf unterhalb seines Knies. Er stand auf und zog sich rasch an. Sein Zimmerfenster war beschlagen, und die vier Scheiben schimmerten blassgolden. Bilder ohne Rahmen bedeckten die Wand. Tiere des Feldes, Vögel der Luft – ihre Körper geflammt, wo die Sonne auf sie fiel. Sie erinnerten ihn daran, welcher Tag war: Sonntag.
Er wusch Achseln und Gesicht, gelte das Haar zurück und betupfte seine Halskuhle mit Grannys hausgemachtem Eau de Cologne, das brannte. Er zog ein weißes Hemd an, das man bis zum Hals zuknöpfen konnte, legte eine schwarze Krawatte um und setzte die Melone seines Großvaters Anson auf. Er betrachtete sein Gesicht im Spiegel – es sah aus, als hätte sich über Nacht ein ganzes Jahrzehnt unter seiner Haut eingenistet. Die Haut unter seinen Augen schimmerte, als hätte ihm jemand einen Fausthieb verpasst.
Er saß auf der Veranda und kratzte den Schlamm von seinen Stiefeln, als Granny herauskam. Sie balancierte eine Pastetenform in ihrer Armbeuge.
»Ich nehme das«, sagte er und sprang auf.
»Ich bin vierundfünfzig Jahre alt. Ich bin nicht invalide.«
Sie saß steif und mit geradem Rücken in dem PS-starken Fahrzeug, als wäre es eine Pferdekutsche. Man konnte sich problemlos vorstellen, wie sie auf einer Wells-Fargo-Postkutsche fuhr, eine kurzläufige Schrotflinte im Schoß. Als er hinter das Steuer glitt, blickte sie ihn an.
»Hast du wieder schlecht geträumt?«
»Nein«, log er.
»Du solltest die Tinktur nehmen, die ich für dich zubereitet habe.«
»Das tue ich.«
»Von wegen, du kippst sie immer in das Astloch in der Bodendiele.«
Rory ließ den Motor an und fragte sich, woher sie so etwas wissen konnte.
Innerhalb einer Stunde waren sie unten im Tabakland, Quadrat um Quadrat hügeliger Felder, die links und rechts vorbeizogen, der rote Lehmboden wie Wunden zwischen den Bäumen. Riesige, grob gezimmerte Trocknungsscheunen schwebten oben auf den Hügeln wie verwitterte Archen, die Brightleaf-Tabak enthielten, der die weißen Zigarettenhüllen füllen würde, die mit Trucks im ganzen Land verteilt wurden. Chesterfields und Camels und Lucky Strikes. Pall Malls und Viceroys und Old Golds. Der Highway schlängelte sich durch Winston-Salem, wo das zwanzigstöckige Reynolds-Gebäude wie eine Miniatur vom Empire State Building in den Himmel ragte. Es war nach R. J. Reynolds benannt, der Zeitung lesend auf einem Pferd in den Ort geritten war und das Zigarettenpäckchen erfand, was ihn zum reichsten Mann des Staates gemacht hatte.
»Es heißt, es sei das höchste Gebäude in beiden Carolinas«, sagte Rory.
Granny saugte an ihren Zähnen und trug eine verächtliche Miene zur Schau, wie sie es immer tat, wenn sie gezwungen war, den Berg zu verlassen.
»Das is’n Fliegenschiss verglichen mit der Höhe, in der mein Haus steht, oder?«
Sie fuhren an Greensboro und Burlington vorbei, wo sich riesige Fabriken aneinanderreihten, deren Schornsteine Tag und Nacht schwarzen Rauch ausstießen, während weiter unten hübsche, kleine Städte mit Straßenbahnen und straff gespannten Telefonleitungen erblühten. Sie fuhren vorbei an Durham, dem Sitz von Duke Power, das beinahe den gesamten Staat mit Strom versorgte, dann hinein nach Raleigh, wo sie die von Eichen beschatteten Straßen entlangfuhren, und schließlich hinauf zur staatlichen Irrenanstalt namens Dix Hill. Es war ein riesiger, doppelflügeliger Sandsteinbau, der über der Stadt aufragte, vierstöckig, die schmalen Fenster dicht an dicht wie mittelalterliche Schießscharten. Der Mittelbau sah aus, als wäre er von Griechen errichtet worden, vier riesige Säulen, die ein dreieckiges Gesims trugen, mit einer Glaskuppel obendrauf.
Sie unterschrieben die Papiere, setzten sich und warteten. Als die Krankenschwester kam, um sie abzuholen, ging Rory als Erster hinein. Seine Mutter durchquerte leichtfüßig den Besucherraum, die Sohlen ihrer weißen Leinenschuhe kaum hörbar. Ihre Gestalt war dementsprechend, beinahe durchscheinend wie ein Windhauch. Sie konnte im selben Raum mit einem sein, ohne dass man es bemerkte. Ihr schwarzes, mit silbernen Strähnen durchzogenes Haar war nach hinten gekämmt und reichte ihr bis zur Taille. Ihre Haut war geisterhaft weiß, so als bestünde sie aus Licht. Als könnte man, wenn man nur kräftig genug zwinkerte, ihre Knochen sehen.
»Wirst du gut behandelt?«, fragte Rory.
Sie nickte und nahm seine Hände. Ihre Augen strahlten so hell bei seinem Anblick, dass sie ihm Löcher ins Herz bohrten. Sie sagte nichts. Sagte nie etwas. Sie sei schon immer ein stilles Mädchen gewesen, hatte Granny ihm erzählt, das in seiner eigenen Welt lebte. Verrückt, wie manche behauptet hatten. Sonderlich. Dann kam der Abend, als Gaston ermordet worden war, und sie sprach nie wieder ein Wort. Rory hatte noch nie ihre Stimme gehört. Er kannte ihren Geruch, wie bevorstehender Regen, und die langen, v-förmigen Sehnen, aus denen ihr Hals bestand. Er kannte die winzigen Fältchen von der Größe eines Kolibrikrallenfußes in ihren Augenwinkeln. Er wusste, wie sich ihre Hände anfühlten, so leicht und kühl. Hände, die mit einer Nagelklaue einem Mann ein Auge herausgerissen und den Augapfel anschließend in der Tasche ihres Kleids versteckt hatten.
Sie waren zu dritt gewesen, Night Riders, alle drei mit Sackkapuzen. Es war das Jahr 1930 gewesen. Die Männer hatten sie mit dem Sohn eines Fabrikbesitzers in einer leeren Hütte am Fluss erwischt. Der Ort war aufgegeben worden, dazu bestimmt, überschwemmt zu werden, wenn das Wasser stieg. Sie prügelten den Jungen mit Axtstielen zu Tode, aber sie wehrte sich, fand eine Nagelklaue in einem Haufen Werkzeug, gespalten wie eine Zunge. Sie teilte aus, so gut sie konnte.
Und erbeutete ein Auge.
Keiner von ihnen wurde je erwischt.
Der Junge, den sie totgeschlagen hatten, hieß Connor Gaston. Er sei ein seltsamer Kerl gewesen, sagten die Leute. Aber klug. Er hatte Vögel gemocht, Violine gespielt. Sein Vater leitete die Strumpffabrik am Ort. Ein Junge mit beträchtlichen Privilegien, wohingegen sie die Tochter einer Prostituierten war. Wahrscheinlich war sie selbst eine, hieß es. Lebte sie nicht in einem Hurenhaus? War sie bei den Blicken und dem Aussehen nicht schon volljährig? Hatte sie den Jungen nicht dorthin gelockt, damit er zusammengeschlagen und ausgeraubt wurde?
Sie lehnte es ab, sich zu verteidigen. Ein paar behaupteten, ein kräftiger Schlag auf den Kopf hätte sie verstummen lassen. Andere meinten, es sei Gott gewesen. Die Ärzte waren sich nicht sicher. Sie schien mit einem Bein in einer anderen Welt zu stehen. Sie hatte die Schwelle zum Tod teilweise überschritten. Die Gastons wollten nichts mit ihr zu tun haben, begraben und vergessen. Dieser Schandfleck auf dem Namen ihres Sohnes. Der Richter hatte sie für geistesgestört erklärt und sie dem Staat übergeben. Ihr Bauch war bereits zu sehen gewesen, als man sie fortgebracht hatte. Rory kam im Krankenhaus von Dix Hill zur Welt. Die Gastons waren verschwunden – hatten ihre Sachen gepackt und waren nach Connecticut zurückgekehrt, ohne Nachsendeanschrift.
Rory und seine Mutter saßen lange Zeit am Tisch und hielten Händchen. Rory stellte ihr Fragen, und sie nickte oder schüttelte den Kopf, als wäre sie zum Sprechen zu schüchtern.
»Irgendwelche neuen Bilder?«
Sie nickte und nahm den Notizblock von ihrem Schoß. Es waren hauptsächlich Vögel, Schornsteinsegler und Raubwürger und Rauchschwalben. Spechtmeisen, bläulich mit rotem Bauch, und eisengraue Goldhähnchen mit rubinrotem Scheitel. Carolinazaunkönige, haselnussbraun mit weißen Streifen über den Augen, rotschwarze Stare, die weiß gesprenkelt waren. Walddrosseln mit zimtfarbenen Schwingen, die helle Brust braun gesprenkelt, und Seidenschwänze mit zitronenfarbener Brust und einer schwarzen Maske über den Augen. Rotkardinale, mit einer hohen Haube auf dem Kopf, und rotschwänzige Habichte, die todbringend über der Erde kreisten.
Sie waren nicht wie die Druckgrafiken an den Wänden. Diese Vögel waren wie aufs Papier geworfen, jede Kreatur kantig und ungestüm und leuchtend, die Flügel ein geisterhafter Anklang an Flugbewegungen. Sie waren mit Wasserfarben gemalt, ein wenig durchscheinend, so als hätte sie nicht den Körper, sondern den Geist des Vogels aufs Papier gebracht, jede Feder wie eine züngelnde Flamme. Es waren seltsame Feuer, die grün und violett, rostfarben und königsblau brannten. Rory wusste, dass Adler mehr Farben sehen konnten als Menschen. Sie sahen ultraviolettes Licht, das von Schmetterlingsflügeln abgestrahlt wurde, und Spuren von Urin ihrer Beute, erkannten die wachsartige Schicht auf Beeren und Früchten. Manchmal fragte er sich, ob seine Mutter auch so war, ob sie die Welt in Schattierungen unterteilte, die andere nicht sehen konnten. Ob das Kreisen und Gleiten eines Vogelflugs für sie eine Figur bildeten, ein in einer fremden Sprache hingekritzeltes Gedicht, das die anderen nicht kannten.
Sein Herz wurde wie immer schwer. Tränen traten ihm in die Augen.
»Sie sind wunderschön«, sagte er.
Wie immer gab sie ihm eins mit. Diesmal war es ein Papagei, lindgrün mit roten Punkten um die Augen. Er würde es in seinem Zimmer an die Wand hängen, ein neues Mitglied in seinem voller werdenden Vogelhaus, das ihm Gesellschaft leistete.
Es war später Nachmittag, als sie sich wieder auf den Heimweg machten. Rory zündete sich eine Zigarette an, Granny ihre Pfeife. Ihr Rauch zerstob im Fahrtwind. Sie fuhren an Stadtautos in Schwanenweiß oder Flamingorosa, Grasgrün oder Babyblau vorbei – schimmernd wie Kaugummikugeln unter den Bäumen. Sämtliche Gärten waren hübsch gepflegt, in vielen prangten eingepflockte Schilder mit der Aufschrift »We like Ike«. Die Leute, an denen sie vorbeikamen, wirkten seltsam reinlich und frisch und gleichförmig, wie Mitglieder derselben Modellreihe.
Rasch ließen sie die von Eichen beschatteten Straßen hinter sich, und der Verkehr wurde schwächer, löste sich schließlich ganz auf, und das Land begann in sanfte Hügel überzugehen wie ein Meer aus Erde.
Früher hatte Rory Granny immer gebeten, ihm Geschichten über seine Mutter zu erzählen. Darüber, wie wunderschön und gütig sie war. Wie sie einmal Totenwache für einen riesigen Grashüpfer gehalten hatte, den sie sterbend auf der Veranda gefunden und dem sie leise Wiegenlieder gesungen hatte, während er auf dem Rücken gelegen und gestrampelt hatte, grün wie ein Blatt im Frühling. Wie sie ihn mit einem Kreuz aus Streichhölzern hinterm Haus begraben hatte.
»Das Mädchen hatte Engelsblut«, pflegte Granny zu sagen. »Keine Ahnung, woher sie das hatte. Jedenfalls nicht von mir.«
Die alten Geschichten waren wieder und wieder erzählt worden, bis auf eine. Bis auf die Geschichte, die nur seine Mutter erzählen konnte.
Darüber, was wirklich an jenem Abend im Tal passiert war.
Das Land erhob sich vor ihnen, immer zerklüfteter und steiler, und die Berge schwebten wie Rauch über dem Horizont. Howl Mountain war der höchste und steilste unter ihnen. Er erhob sich breitschultrig und gezackt wie der abgebrochene Eckzahn eines Riesentiers. Auf seinem Gipfel schwebte eine mit Tannen und Fichten gesprenkelte Insel, ein Relikt prähistorischer Zeit in großer Höhe. Der Wind peitschte und jagte zwischen den alten immergrünen Bäumen hindurch und pfiff wie eine Turbine, und er tat seltsame Dinge. Es hieß, die Schwerkraft sei auf der Bergspitze aufgehoben und im Herbst würden sich die Blätter wie von selbst vom Boden erheben und säuselnd durch den Wald schweben, als wollten sie zu den Ästen zurückkehren, die sie verlassen hatten.
Rory wusste, dass der Boden dort oben von Blut getränkt war. Widerstandskämpfer aus dem Bürgerkrieg, die Kehle durchgeschnitten oder erschossen oder am Strick baumelnd. Vor ihnen waren es Grenzbewohner gewesen, Siedler in den Bergen mit langen Gewehren, die sich mit den Cherokee bekriegt hatten und mit den Pfeilspitzen aus Feuerstein in ihren Leibern und Musketenkugeln zwischen den Zähnen gestorben waren. Und wer kannte schon die vielen rivalisierenden Stämme aus früheren Jahrhunderten, längst vergessene Blutfehden, lange bevor der erste Weiße aufgetaucht war, die Knochen der Gefallenen, die wie Auszüge aus Geschichten über den Berg verstreut lagen. Manche behaupteten, es wären die Seelen all derer, die sich zu erheben versuchten, welche die toten Blätter aufwirbeln ließen.
Rory dachte an das, was Eustace ihm erzählt hatte, als er klein war, wie die Menschen in den Bergen damit prahlten, einander die Augen auszustechen und die Nasen abzubeißen. Wie sich diese in der Wildnis geborenen Waldbewohner in einem Kreis aus johlendem, wettsüchtigem Volk wiederfanden, ihre langen, gekrümmten Daumennägel über Kerzenflammen gehärtet und mit Öl eingerieben, und wie Davy Crockett sich persönlich einmal damit gebrüstet hatte, einem anderen so leicht, wie man eine Stachelbeere auslöffelt, ein Auge ausgestochen zu haben. Damals gab es keine größere Trophäe, als das Auge eines anderen in seiner Tasche zu haben, dicht gefolgt von einer abgebissenen Nasenspitze. Eine grausame Geschichte, wie alle von Eustace, aber vielleicht deshalb so erzählt, damit der Junge stolz auf das war, was seine Mom in ihrer Bedrängnis getan hatte.
Was er auch war.
Er wünschte nur, es hätte sie nicht ihrer Stimme beraubt, und er fragte sich manchmal, ob mit ihm vielleicht alles in Ordnung war, dass gar nicht das, was er in Korea gesehen und getan hatte, ihn hatte verstummen lassen.
Er blickte zu Granny.
»Stimmt es, dass du das Auge von ’nem verknallten Deputy gestohlen und irgendwo versteckt hast?«
Sie schnaubte.
»Dieses Auge bringt nichts als Ärger, Junge. Manche Dinge lässt man besser ruhen.«
»Ich habe ein Recht darauf, es zu sehen.«
»Na klar. Und ich habe ein Recht darauf, dir zu sagen, dass du mich mal kannst.«
Granny May saß in ihrem Schaukelstuhl auf der Veranda. Die Hügel lagen goldbestäubt von der Herbstsonne da. Bald würden aschehafte violette Flecken auftauchen, die blutigen Stichwunden des Rotahorns. Die Farben würden an Intensität zunehmen, das Gelb sich in flüchtiges Gold verwandeln – die vielen Kronen, die majestätisch und zahlreich zur Sonne zeigten –, bevor die Blätter schließlich braun verfärbt und raschelnd zur Erde fielen.
Das war die beste Jahreszeit für die Wurzelsuche, für das Ausgraben von Rohstoffen, aus denen sie ihre Medizin machte. Die Tees und Tinkturen, Arzneien und Umschläge. Im Sommer brauchten die Pflanzen ihre Energie dafür, Blätter, Blüten und Früchte zu produzieren. Im Herbst versenkten sie ihre Nährstoffe in der Erde, verankerten sich dort, um die harten Wintermonate zu überstehen. Wenn sie durch den Wald ging, war sie von Freunden umgeben. Von Nachbarn. Sie kannte mehr als ihre Namen, kannte die Form ihrer Blätter, winzige Wimpel oder Messer oder Herzen, und die Größe ihrer Knollen, Beeren und Früchte. Sie kannte die dunklen Schluchten, in denen sich manche von ihnen gern versteckten, und die lichten Waldränder, wo sich andere der Sonne entgegenstreckten. Sie kannte den Geruch ihrer Blätter und Wurzeln, rieb sie zwischen den Fingern und schnupperte daran. Es gab Pflanzen, die das Herz oder die Lunge, die Haut, den Darm oder das Blut heilen konnten. Pflanzen, die den Körper reizen oder besänftigen, den Geist anregen oder dämpfen konnten. Es gab Wurzeln, die einem halfen, sich von sich selbst zu lösen oder sich dem Geisterreich zu nähern, und welche, die einen wurzeltief erdeten. Es gab Pflanzen, die töten konnten.
Es gab das Salomonssiegel, das wirbelsäulenförmig in die Erde wuchs, mit perfekten kreisförmigen Wirbeln, für jedes Jahr einen. Es konnte den Magen beruhigen, die Lungen reinigen und eine starke Regelblutung eindämmen. Man konnte es mit der Hand ausreißen. Dann gab es den Sassafrasbaum, dessen Blätter häufig wie Fäustlinge aussahen, den Wasserschierling, der einen grausamen Tod voller Anfälle und Krämpfe verursachte – anders als der Gefleckte Schierling aus Europa, der Philosophen sanft ins Dunkel befördert hatte. Es gab diese und viele andere, ein Wunder an Kräutern und Pflanzen, die über den Berg verstreut und bereit waren, gepflückt zu werden, und dann noch jene, die sie heimlich unter Bäumen züchtete und deren Rauch Schmerzen des Körpers und des Geistes linderte, die Zeit auf Kriechgeschwindigkeit verlangsamte und selbst dem Hartherzigsten ein Kichern entlocken konnte.
An diesem Morgen hatte sie eine siebenblättrige mehrjährige Staude geerntet, die als Hasenklee oder Gemeiner Tarweed bekannt war, wobei sie unter gutem Zureden ihre Pfahlwurzel aus dem feuchten Ufer eines trockenen Flusses ausgegraben hatte, wo ein Bett aus grün bemoosten Steinen den Hang bedeckte. Sie mischte die Wurzel mit Honig und stellte daraus Hustensaft her – um diese Jahreszeit stark nachgefragt – und bewahrte die von Honig umhüllten Wurzelstückchen als Bonbons gegen raue Hälse auf. Sie hatte die feuchte Bergerde von den Wurzeln abgewaschen, und jetzt lagen sie auf einem Holzbrett zum Trocknen in der Sonne, und ihre blassen Arme rollten sich ein wie die Tentakel eines Jungkraken.
Granny lehnte sich in ihrem Schaukelstuhl zurück, stopfte ihre Pfeife und ließ den Blick über das Hochland, das ihr Zuhause war, gleiten. Ihre Vorfahren waren schon vor langer Zeit in diese Berge gekommen, vor fast zweihundert Jahren. Ihre Familie hatte mit Äxten und Schrotsägen Holz bearbeitet, hatte Hütten nicht größer als Bärenhöhlen gebaut. Sie hatten Hausschweine gezüchtet, die sie frei laufen ließen, damit sie sich an den herabgefallenen Nüssen im Wald satt fraßen, und hatten »Whiskeybäume« – Getreide – angebaut und mit handgemachten Kellen die Maische in riesigen Kupferkesseln umgerührt. Sie hatten in jedem Krieg einer noch jungen Nation gekämpft, sich auf die Seite der Union geschlagen, als der Staat sich abgespaltet hatte, und sie hatten Wurzeln gesammelt und alle Arten von Tieren gejagt, indem sie an den Berghängen gezahnte Fangeisen ausgelegt hatten. Sie hatten getan, was sie konnten, um zu überleben, das Gleiche, was auch sie getan hatte, aber sie waren gestorben wie die Fliegen. Sie waren an Grippe oder im Kindbett gestorben. Sie waren von Totholzästen erschlagen oder von Eseln getreten worden oder hatten sich bei Unfällen mit dem Destilliergerät verbrannt. Ein paar verschwanden in den Wäldern und kehrten nie zurück. Nur wenige starben an Altersschwäche.
Sicher, sie wurde langsam älter. Ihre Schritte waren schwerer als früher, ihre Füße platter, ihre Gelenke bei Wetterumschwüngen empfindlicher. Ihr Haar, das einst schwarz wie eine Krähenschwinge gewesen war – angeblich der Einfluss von Cherokeeblut –, hatte sich zu einem gräulichen Eichenton aufgehellt. Doch ihre hohen Wangenknochen – vielleicht ein weiteres Geschenk ihrer gemischten Herkunft – sanken nicht herab. Und ihr Verstand funktionierte einwandfrei. Zum Teufel mit ihr, wenn sie den je verlieren sollte.
Immer um diese Jahreszeit ertappte sie sich dabei, wie sie an Anson, ihren Mann, dachte, der vor langer Zeit in Frankreich gefallen war. Sie hatte ihn kurz vor dem ersten Frost kennengelernt. Es war eins der Erntedankfeste am westlichen Ende des Countys gewesen, und sie war zusammen mit ein paar Nachbarmädchen hingegangen, wobei einer der älteren Brüder die Kutsche gefahren hatte. Sie war gerade mal vierzehn gewesen. Die Scheune, die im Dunkeln blau wirkte, war im Innern von warmem Licht erfüllt, das wie goldener Whiskey durch Türritzen und kaputte Verkleidung quoll. Fiedler hatten stampfend auf ihren Instrumenten gesägt, ihre Lieder quicklebendig und nur von einer flüchtigen Trauer erfüllt.
Sie trug ein Kleid mit rot-weißem Vichy-Muster, das ihre Mutter ihr genäht hatte, und ihr Haar war schwarz wie die Nacht und mit Nadeln hochgesteckt gewesen. Ihre Mutter hatte Stunden damit zugebracht, es hochzustecken, es irgendwie zu befestigen – eine Frau, die ihr Haar höchstens zu einem Dutt gebunden getragen hatte. Jetzt, nach Jahren, wusste Granny, weshalb. Damals war sie zur Frau geworden, ihre Brüste waren angeschwollen und zwischen ihren Schenkeln schimmernde schwarze Locken gesprossen. Ihre Regel hatte eingesetzt. Und ihr Vater, diese nichtsnutzige Ausgeburt einer alten, hartgesottenen Linie von Bergbewohnern, hatte sie, wenn er zu tief ins Glas geschaut hatte, merkwürdig angesehen. Ihre Mutter wollte sie aus dem Haus haben. Wollte, dass ihre Tochter einen Mann fand.
Es gab Jungs, die draußen vor der Scheune im Dunkeln auf Nagelfässern lümmelten, während sie an etwas nippten, das sie zum Kichern brachte, das sie aber versteckten. Eustace Uptree war der Stärkste von ihnen. Der Anführer. Sie hatte ihm keine Beachtung geschenkt. Keinem von ihnen. Anson gehörte nicht dazu. Sie kannte ihn bereits von einer Tanzveranstaltung im Sommer, und sie hielt Ausschau nach ihm.
Er tanzte so, wie sie es sich vorgestellt hatte. Wie sie es sich erhofft hatte. Er war in ihrem Alter, schmal gebaut, aber groß, mit langen Beinen in eng geschnittenen Hosen und glänzenden Stiefeln. Er trug ein Hemd aus Chambray, das bis zum Hals zugeknöpft war, und seine hellen Haare in einem saloppen Wuschel. Er hatte ein breites Lächeln aufgesetzt, das er die ganze Zeit beibehielt. Die Tanzenden drehten sich in einem einzigen großen Kreis und hielten sich dabei an den Händen, teilten sich dann in vier Gruppen zu jeweils vier auf, wobei sie sich immer weiter drehten, und Anson gab in den Armen seiner Partnerinnen Eulenschreie von sich, während er seine langen Beine beugte und spreizte, mit den Hackeneisen auf den Dielenboden stampfte und sein Lächeln so breit wie ein quer liegender Halbmond war.
Nachdem das Lied vorbei war, ging sie geradewegs zu ihm hin. Sie kannte keine Angst, außerdem war sie die Hübscheste von allen. Er blickte lächelnd zu ihr hinunter.
»Kenne ich dich?«, fragte er.
»Nein.« Sie legte den Kopf schräg und zeigte ihre gebogene Halslinie. »Aber das solltest du.«
Sein Lächeln wurde noch breiter, falls das überhaupt möglich war.
Himmel, konnte sie tanzen. Die ganze Nacht, wenn sie wollte, und das taten sie auch. Die Musik setzte ihre Füße in Bewegung und brachte ihre Augen zum Strahlen. Seine ebenfalls, und seine Hände waren groß und trocken und warm, sein Körper stark und straff, als er sie berührte. Danach traten sie hinaus unter den Klingenmond, um im Schutz der Scheune zu schmusen. Ihr Blut wallte heiß. Sie wollte ihn erklettern wie einen Baum und sich in seinen Ästen wiegen.
Als andere Paare herauskamen, um das Gleiche zu tun, zogen sie sich in den Wald zurück. Der Boden war kalt, aber das kümmerte sie nicht. Es war ihr erstes Mal. Er war wie ein Pfannengriff. Er biss sie ins Ohr, als er in sie hineinstieß, und er fühlte sich an wie etwas, das man rot glühend aus den Kohlen geholt hatte. Es tat weh und gleichzeitig nicht. Ein Jahr später waren sie verheiratet, und Bonni war unterwegs, und dann wurde er gemeinsam mit den anderen Jungs nach Frankreich geschickt und in einer Kiste aus Fichtenholz wieder zurückgebracht. Es gab nicht viele Möglichkeiten, sich als Alleinstehende in den Bergen den Lebensunterhalt zu verdienen, und sie hatte für ihre Tochter getan, was sie tun musste. War in eins der Bordelle in Boone und dann ins Vorland nach Gumtree gezogen, als Firmen aus dem Norden damit anfingen, ihre Textil- und Möbelfabriken zu bauen und billige Arbeitskräfte aus den Bergen anlockten. Es gab eine Menge einsamer Männer mit ein bisschen Bargeld in der Tasche.
Sie seufzte. Diese Zeit hatte ihr nicht so sehr missfallen, wie sie es hätte sollen. Einen dicken Packen Bargeld in der Tasche und ein scharfes Rasiermesser zwischen den Brüsten. Und eine Schlange mit Männern, die beim Anblick ihres weichen Körpers hart wurden. Dann war das mit Bonni passiert, weshalb sie der Welt außerhalb der Berge ein für alle Mal abgeschworen hatte. Manchmal fragte sie sich, wie sie ein so wunderschönes und gütiges Geschöpf hatte zur Welt bringen können. So voller Licht. Warum es ihr nicht gelungen war, dieses Geschöpf vor den Übeln der Welt dort unten zu beschützen. Sie hatte die Männer nie gefunden, die es getan hatten, hatte sie nicht mit ihren Kehlen oder Herzen dafür bezahlen lassen. Seit damals war ihre Welt aus dem Lot und glich einem eiernden Kreisel. Trotz weiblicher Waffen und Zauberkräfte war es ihr nicht gelungen, die Balance wiederherzustellen. Und jetzt war ihr Enkel mit dem Krieg im Blut nach Hause gekommen, und sie fragte sich, wohin ihn das womöglich trieb. Auf welche Straßen, die längst in der Flut versunken waren. Sie fragte sich, welche Schmerzen und welche Schuld womöglich kommen würden und sich heimlich in seinem Herzen einnisteten. Sie kannte sie nur zu gut.
Granny schüttelte den Kopf, während sie fest an ihrer Pfeife zog und ihre Lungen mit Rauch füllte, um anschließend den blauen Schwall gemeinsam mit den Sorgen auszustoßen. Die Medizin tat ihre Wirkung, und sie ließ sich in den Schaukelstuhl zurücksinken. Die steifen Spindelstäbe im Rücken, die Füße schwer auf den harten Bodendielen. Der Berg, unerschütterlich wie eine Armee hinter ihr. Sie war hier. Jetzt. Sie war Blut und Knochen.
Sie beobachtete eine Wolfsspinne dabei, wie sie durch einen schrägen Lichtstreifen am Rand der Veranda kroch, und sie konnte beinahe das leise Kratzen ihrer Beine auf den Dielen hören. Sie hörte das Flattern von Moorhühnern, von irgendeinem Jäger aufgeschreckt, deren Flügel knatterten, als sie sich im Schwarm von den Bäumen erhoben. Ganz in ihrer Nähe sangen leise die Flaschen an den Zweigen der goldenen Kastanie, eine wandernde Lichtkaskade, während die Brise sie in Schwingungen versetzte. Darunter kauerte das alte Schmugglercoupé, das mit seiner geöffneten Motorhaube, die einem riesigen Maul glich, böse und gemein aussah. Das große Herz des Wagens glänzte in der Sonne, voller Kammern und Ventile.
Die Jungs kletterten zwischendurch auf das Auto, ohne Hemd und bis zu den Ellbogen voller Schmiere und Öl. Lappen hingen ihnen aus den Gesäßtaschen, und Schraubenschlüssel waren in die Schlaufen ihrer Jeans eingehängt. Wenn sie atmeten, zogen sich ihre Bäuche zu einem Muster aus winkligen Flächen zusammen, und ihre Haut glänzte in der sinkenden Sonne.
Gütiger Himmel, wenn sie doch nur zwanzig Jahre jünger wäre.
Eli hatte sich zu Rory über den Ford gebeugt. Er trug einen langen Bart, der buschig war wie der Schwanz eines Eichhörnchens und ein Eigenleben zu führen schien. In der Hand hielt er einen Flachmann mit etwas, das aussah wie Wasser, aber keins war.
»Deine Großmutter hat mich schon wieder angeglotzt«, sagte er. Er blickte über die Schulter und leckte sich die Lippen. »Das ist nicht gesund.«
Rory trat von dem Motor weg und blickte ihn an.
»Vielleicht solltest du ihr geben, was sie will.«
Eli umfasste sanft seinen Bart, als wollte er ein Haustier streicheln. Er warf einen Blick zur Veranda.
»Scheiße«, sagte er. »Diese alte Päderastin?«
Rory streckte die Hand aus.
»Gib mir die Kerzen da.«
Eli rülpste abgelenkt durch die Zähne und reichte ihm eine Pappschachtel, die neben ihm auf dem Stuhl stand. Er war noch keine dreißig, aber seine Hände waren alt, rau und knotig und verdreckt wie die Wurzeln einer Eiche. Sie waren in die Eingeweide beinahe sämtlicher Fahrzeuge eingetaucht, die diese Berge heraufgekeucht waren. Er hielt eine Flotte Whiskeyautos am Laufen, aufgebockte Coupés, die stotterten und bebten wie tickende Bomben, die kraftvoll explodierten, wenn sie gezündet wurden. Der 1940er Ford – Maybelline – war die Königin seiner Flotte. Angetrieben von einem 5,4-Liter-Krankenwagenmotor.
Er sah dabei zu, wie Rory den Schraubenschlüssel um die erste Kerze legte.
»Hab gehört, Cooley Muldoon war Sonntagfrüh hier.«
Rory blickte nicht auf.
»Wo hast du das denn her?«
»Ach, du weißt schon, so was spricht sich rum.«
»Ach ja?«
»Hab gehört, du hast seinen Johannes angezündet.«
Rory schraubte die Zündkerze in den Motor.
»Das hat er sich selbst zuzuschreiben.«
»Du warst ’ne Weile weg. Die Muldoon-Jungs lassen so was nicht durchgehen. Heute jedenfalls nicht mehr.«
Rory blickte auf das v-förmige Gebilde unter seinen Händen. Es hatte acht Kammern, die schwarz waren und deren Melodien durch die rostfreien Orgelpfeifen des Auspuffs strömten. Dieser Motor hatte ihn ein ums andere Mal gerettet, war verlässlicher als jede Kirche.
»Zum Teufel mit den Muldoons«, sagte er.
Eli drückte seinen Bart zusammen und entkorkte erneut den Flachmann.
»Vielleicht bist du nicht mehr so schnell, wie du glaubst«, sagte er. »Und die Regierung soll angeblich einen Steuereintreiber aus Washington schicken, der sich nicht scheut, von seiner Waffe Gebrauch zu machen.«
Rory zuckte mit den Achseln.
»Besser als ’n Knüppel«, sagte er. »Oder ’ne Schaufel.«
Eli legte den Kopf schräg.
»Was ist?«
Rory schüttelte sich, als hätte ihn ein Schauer überlaufen, und beugte sich erneut über den Motor.
»Nichts«, sagte er.
