Meereswind und wilder Wein - Claudia Romes - E-Book
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Meereswind und wilder Wein E-Book

Claudia Romes

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Beschreibung

Eine Reise nach Cornwall, die alles verändert.

Die ambitionierte Journalistin Ivory reist nach Cornwall, um ihr Idol, die weltberühmte Schriftstellerin Lydia Sharp, aufzuspüren, deren Identität ein Rätsel ist. Doch schon bald bringt eine Panne ihre Pläne durcheinander. Statt Exklusivinterview erwarten sie das malerische Fischerdorf Portloe, der charmante Cafébetreiber Preston und eine alte Dame, die ihr Herz für sie öffnet. Zwischen Meereswind und Wildem Wein entdeckt Ivory, dass manchmal die schönsten Abenteuer genau dort beginnen, wo man sie am wenigsten erwartet, und ihr wird klar, dass sie längst Teil der Geschichte ist, nach der sie so sehnsüchtig sucht ... 

Ein stimmungsvoller Wohlfühlroman über Neuanfänge, Liebe und Küstenzauber. Für Fans von Katie Fforde und Jojo Moyes.

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Seitenzahl: 355

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Über das Buch

Eine Reise nach Cornwall, die alles verändert.

Die ambitionierte Journalistin Ivory reist nach Cornwall, um ihr Idol, die weltberühmte Schriftstellerin Lydia Sharp, aufzuspüren, deren Identität ein Rätsel ist. Doch schon bald bringt eine Panne ihre Pläne durcheinander. Statt Exklusivinterview erwarten sie das malerische Fischerdorf Portloe, der charmante Cafébetreiber Preston und eine alte Dame, die ihr Herz für sie öffnet. Zwischen Meereswind und Wildem Wein entdeckt Ivory, dass manchmal die schönsten Abenteuer genau dort beginnen, wo man sie am wenigsten erwartet, und ihr wird klar, dass sie längst Teil der Geschichte ist, nach der sie so sehnsüchtig sucht ... 

Ein stimmungsvoller Wohlfühlroman über Neuanfänge, Liebe und Küstenzauber. Für Fans von Katie Fforde und Jojo Moyes.

Über Claudia Romes

Claudia Romes wurde 1984 als Kind eines belgischen Malers in Bonn geboren. Mit neun Jahren begann sie, ihre eigenen Geschichten zu erzählen, und fasste den Entschluss, eines Tages Schriftstellerin zu werden. Nach einigen beruflichen Umwegen widmete sie sich ganz dem Schreiben und lebt heute ihren Traum. Die Autorin wohnt mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern in der Vulkaneifel. Im Aufbau Taschenbuch sind ihre Romane »Das Geheimnis der Hyazinthen«, »Beethovens Geliebte«, »Die Fabrik der süßen Dinge – Helenes Hoffnung«, »Die Fabrik der süßen Dinge – Helenes Träume« und »Das Wunder der Tannenbäume« erschienen.

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Claudia Romes

Meereswind und wilder Wein

Übersicht

Cover

Titel

Inhaltsverzeichnis

Impressum

Inhaltsverzeichnis

Titelinformationen

Informationen zum Buch

Newsletter

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Epilog

Impressum

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Kapitel 1

Ich finde dich in der Unendlichkeit – in allem, was ewig ist. Dem Kreislauf aus Ebbe und Flut. In den Wellen, die mich anstoßen und mich schließlich von der Stelle bewegen, an der ich bis zu den Knöcheln in den Sand eingesunken bin. Ich sehe dich im weichen Licht der Morgendämmerung und im rot leuchtenden Horizont, wenn die Sonne untergeht. Ich fühle dich im Tosen des Windes, der mir entgegenschlägt. Er lässt mich den Atem anhalten und erinnert mich daran, dass ich noch am Leben bin …

Ivory seufzte leise. Sie schlug das Buch zu, strich mit den Fingerkuppen über den marineblauen Einband und ließ das Gelesene in sich nachhallen. Große Worte, die, aneinandergereiht, eine noch viel größere Bedeutung erlangten. Am Ende die Erkenntnis, dass Leid erfahren zu haben, untrennbar mit der Fähigkeit verwoben war, wahres Glück empfinden zu können.

»Das ist gut.« Ivory nickte und hielt diesen zentralen Punkt des Romans in ihrem Notizbuch fest. Ihr Artikel über Lydia Sharps internationalen Bestseller Was ewig ist, der kürzlich als Schmuckausgabe neu aufgelegt worden war, musste brillant werden. Eindringlich und fesselnd. Abgesehen von der Meinung der Leser wollte Ivory aber in erster Linie der Autorin gerecht werden, die sie seit ihrer Jugend verehrte. Obwohl sie sonst keine Schwierigkeiten hatte, die richtigen Formulierungen für ihre Artikel zu finden, machte ihr der Anfang nun Probleme. Mehr denn je stand ihr ihr Perfektionismus im Weg. Sie war wie gelähmt in der Annahme, nicht gut genug zu sein, um über die berühmte Schriftstellerin zu schreiben.

Ivory biss sich auf die Unterlippe, schüttelte unmerklich den Kopf und ließ sich ächzend zurück auf ihren Drehstuhl fallen, dabei blieb ihr Blick beschwörend auf dem Buch haften. Sie hatte nicht mitgezählt. Wie oft hatte sie es schon gelesen? Fast konnte sie es auswendig. Vermutlich gab es niemanden, der es auch nur annähernd so verstanden hatte wie sie. Zitate daraus waren in ihrem Alltag gegenwärtig. Der Roman hatte sie, vor allem aber auch ihre Sprache, geprägt. So sehr sie sich auch anstrengte, sie kam nicht darauf, wie oft sie die Zeilen bereits gelesen hatte. Es spielte auch keine Rolle, denn es kam nicht darauf an. Das Lesen war für sie nie mit Zahlen oder Statistiken verbunden. Sie war niemand, der sich von seinem SuB-Stapel unter Druck gesetzt fühlte, sondern jemand, der stets nach dem Buch griff, das er gerade brauchte.

Dieser eine Roman von Lydia Sharp war eine dieser Geschichten, die auch bei mehrmaligem Lesen nie langweilig wurden und aus denen man jedes Mal etwas für sich herausziehen konnte. Und er hatte sie gefunden, nicht umgekehrt. Er war Ivorys Lieblingsbuch, seit sie damals in der Bibliothek darüber gestolpert war. Das Buch hatte einfach auf dem Boden gelegen, in einem langen Gang von Regalen. Seitdem war sie davon überzeugt, dass Bücher den Leser fanden – nicht umgekehrt.

»Ivory, Callahan will dich sprechen.« Sams Stimme riss Ivory aus ihren Gedanken und ließ sie durch die Glastür auf den Flur schauen. Sie nickte Sam zu, die mit hochgezogenen Brauen ihre Reaktion abwartete.

»Denkst du, es ist … es geht möglicherweise um …«

Sams schwarz geschminkte Lippen verzogen sich zu einem breiten Lächeln. »Warum sollte er dich sonst sprechen wollen?«

»Glaubst du wirklich?«

»Na klar! Du hast diese Beförderung so was von verdient. Es gibt in ganz London keine bessere Redakteurin als dich.«

Ivory sprang vom Stuhl auf. Sie fühlte sich beflügelt vom Lob ihrer Kollegin und Freundin. Sam hatte es immer gut mit ihr gemeint und stand ihr in allen Belangen mit Rat und Tat zur Seite.

»Hol sie dir, Ivory!« Aus Sams Mund klang das wie ein Befehl, und kurz ging etwas von ihrem unerschütterlichen Selbstbewusstsein auf sie über. Nur eine Sekunde später jedoch glitt Ivorys Blick über deren Schulter, durch die Glasfront ihres Arbeitszimmers, und ihr Herz setzte einen Schlag aus.

»Was hat die denn hier verloren?«, stieß sie heiser aus.

Sam wandte sich um. »Natasha«, zischte sie und schüttelte abschätzig den Kopf. »Die Ärmste. Einen kürzeren Rock hat sie wohl nicht gefunden.«

»Vielleicht hat sie sich in der Etage geirrt«, dachte Ivory laut.

»Schon möglich. So eine tägliche Überdosis Haarspray kann einem schon mal das Hirn vernebeln.«

Mit wild pochendem Herzen beobachtete Ivory, wie ihre größte Konkurrentin in der Redaktion zielstrebig zum Büro ihres Chefs ging. Mit einem Mal wurde ihr ganz heiß.

»Sie hat sich nicht geirrt«, murmelte Ivory und schluckte schwer aufgrund der Ahnung, die sie so schlagartig überkommen hatte.

»Du meinst, Callahan hat sie hergebeten?« Sams Blick huschte zwischen Natasha und Ivory hin und her. Ivory nahm einen tiefen, schweren Atemzug, während sie weiter durch die Glasfront blickte. Natasha posierte mit dem Handy in der Hand vor dem Büro des Redaktionsleiters der Zeitschrift Perth, für die sie arbeiteten, und Ivory überkam ein mulmiges Gefühl.

»Selfie-time«, knurrte Sam und checkte ihr Handy. »Und wie ich es mir dachte. Sie hat’s direkt auf Instagram gepostet.«

»Was?« Ivory riss ihr das Handy aus der Hand und las irritiert, was unter Natashas Post stand: So verdient, Babes!

Ivorys Herz pumpte noch schneller das Blut durch ihren Körper.

»Verdammt, sie hat es doch nicht etwa auch auf den Job der Chefredakteurin abgesehen?« Sam sprach aus, was auch Ivory befürchtete.

»Sie ist eine einfache Bloggerin. Ich meine, was hat sie überhaupt gelernt? Du hast ein abgeschlossenes Journalistik-Studium. Und was hat sie?«

»Dreißigtausend Follower«, entgegnete Ivory matt.

»Ach. So viele? Trotzdem … Er kann sie unmöglich in Erwägung ziehen!«

»Er kann. Und er tut es. Ganz offensichtlich.« Ivory ließ die Schultern hängen. »Wie konnte ich das nur übersehen?«

»Mach dir keinen Vorwurf, Ivy. Auch ich vergesse manchmal, dass heutzutage nur noch Reichweite zählt. Wie viele Follower hast du?«

»Zwei …«

»Tausend?«

»Nein. Zweiunddreißig.«

Sam verzog ihren Mund zu einem schiefen Lächeln, dann zuckte sie gleichgültig die Schultern. »Na ja, das wird ohnehin überbewertet. TikTok hat heutzutage viel mehr Einfluss.«

Ivory ging die Apps auf Sams Handy durch, fand Natashas TikTok-Account und schnaufte resigniert aus.

»Wie viele hat sie? Komm schon, so viele können es nicht sein.«

Ivory seufzte. Sam nahm ihr das Handy ab und schaute selbst nach.

»Oh. Dreimal so viel wie auf Instagram. Und wow … Das Video, in dem sie ihrem Pudel den Hintern rasiert, hat ganze zwei Millionen Aufrufe. Wie geht denn so was, bitte? Okay … sie … spricht offensichtlich die Zielgruppe an, die Callahan unbedingt erreichen will.«

»Ich kann also einpacken.« Ivory rieb sich angespannt die Stirn. »Am besten wird es sein, ich ziehe meine Bewerbung zurück. Damit erspare ich mir die Demütigung.«

Sam fasste sie bei den Schultern und drehte sie zu sich um. »Auf keinen Fall! Hör zu! Du gehst jetzt da raus und kämpfst um diesen Job. Du … du bist so viel besser als Natasha. Du hast hart dafür gearbeitet und allein schon deine Erfahrung spricht für sich. Du wirst dir diese Stelle nicht von irgendeiner TikTokerin wegschnappen lassen, die Aufrufe generiert, indem sie die Frisuren wehrloser Hunde verunstaltet. Hast du mich verstanden?«

Ivory nickte gehorsam. Sam konnte sehr überzeugend sein. Trotzdem blieb ein Restzweifel, denn auch Natasha wusste um ihre Wirkung – erst recht, wenn man Männern die Entscheidung überließ. Unwillkürlich schaute Ivory an sich hinunter. Ihr Outfit aus blau geblümtem Sommerkleid über schwarzen Leggings war weniger schön als bequem. Nach einer arbeitsreichen Nacht vor dem Laptop hatte sie am Morgen keine große Lust gehabt, sich zurechtzumachen. Sie hatte einfach nicht damit gerechnet, dass ihr das nun zum Verhängnis werden könnte. Jetzt bereute sie diese Nachlässigkeit. Sam entging ihre Unsicherheit nicht.

»Hätte ich doch nur gewusst, dass Callahan mich ausgerechnet heute zu sich ruft«, murmelte Ivory. Mit der Hand an der Türklinke sah sie zu ihrer Freundin auf. Sam legte den Kopf schief und hob amüsiert die Brauen.

»Was dann? Hättest du dich deswegen etwa in ein hautenges Kostüm gequetscht und die hochhackigen Treter angezogen, in denen du keinen Meter laufen kannst?«

Ivory schluckte. Eine Antwort war nicht nötig. Obwohl sie zu Sam aufsah, die für sie einer der authentischsten Menschen war, die sie kannte, war Ivory die Meinung anderer nicht egal. Da war diese Angst vor Ablehnung, die sie einfach nicht abschütteln konnte. Sam hingegen war immer anzusehen, wie sie tickte. Sie hatte Tattoos auf ihrem Hals, den Armen und dem Rücken. Kleine Kunstwerke waren überall auf ihrem Körper verteilt. Ihr Erscheinungsbild passte zu ihrem Aufgabenbereich bei der Zeitung: dem Crime-Teil. Sie war furchtlos, rebellisch und direkt, was viele Menschen auf Abstand hielt. Im Innern jedoch verbarg sich eine große Persönlichkeit. Herzensgut, verständnisvoll und vor allem witzig. Ivory bewunderte sie für ihre Stärke und die Fähigkeit, nicht an sich heranzulassen, was andere von ihr dachten. Sie spürte Sams Hand auf ihrer Schulter. Zögernd sah sie ihr ins Gesicht.

»Blende Natasha einfach aus. Konzentriere dich auf dich.« Sam lächelte bestärkend.

»Ja. Du hast recht.« Ivory schob sich ihre Brille die Nase rauf und trat entschlossen auf den Flur, wo sie sich neben Natasha stellte.

»Guten Morgen«, sagte sie mit fester Stimme.

Natasha blickte zu ihr hinunter, lächelte flüchtig und wandte sich dann wieder der Bürotür zu. Ivory schluckte eingeschüchtert. Erneut erfassten sie Selbstzweifel, ihre Gedanken überschlugen sich und sie kam nicht umhin, sich einmal mehr mit Natasha zu vergleichen, die so viel Selbstbewusstsein ausstrahlte, dass es beinahe unheimlich war. Ivory musste zugeben: Sie beide hätten nicht unterschiedlicher sein können. Unauffällig betrachtete sie Natasha weiterhin von der Seite. Dabei musste Ivory ihr Kinn anheben, um ihr gesamtes Erscheinungsbild erfassen zu können. Was ihre Einschätzung anging, so war Ivory noch unentschlossen. Entweder war Natasha überdurchschnittlich groß, oder aber sie selbst war sehr klein.

Als die Tür zum Büro der Redaktionsleitung aufging, hatte Ivory den Gedanken noch nicht zu Ende gedacht und zuckte deshalb verschreckt zusammen.

»Ah, da sind Sie ja. Kommen Sie, kommen Sie.« Callahan winkte sie herein, und Ivorys Blick blieb kurz bewundernd an seinem Outfit hängen. Über der rot-schwarz karierten Chino-Hose trug er ein weißes Hemd. Wie so oft hatte er die Ärmel bis zu den Ellenbogen hochgekrempelt, was ihm jedes Mal den Look eines stilvollen Handwerkers verlieh.

Ivory knetete nervös ihre Hände, als sie neben Natasha vor seinem Schreibtisch zum Stehen kamen. Callahan setzte sich in seinen hohen Lehnstuhl und bedeutete ihnen, davor Platz zu nehmen. Obwohl nur ein Sessel vor seinem Tisch war, in den Natasha ohne zu zögern sank, als wäre Ivory gar nicht da.

»Ich freue mich, hier zu sein«, sagte sie und fuhr sich mit einer grazilen Handbewegung durch ihr glänzendes, glattes schwarzes Haar.

»Oh … Ich werde Ms Meyer bitten, noch einen weiteren Stuhl zu bringen.« Callahan drückte eine Taste auf seinem Telefon.

»Nicht nötig«, sagte Ivory. »Es macht mir nichts aus zu stehen.«

Callahan schaute zu ihr auf, dann ließ er die Taste los.

»Ich freue mich übrigens auch.« Ivorys Worte kamen wie aus der Pistole geschossen. »Ich meine … hier zu sein.«

Natasha warf ihr einen knappen, jedoch zweifelsohne abwertenden Blick zu, ehe sie sich wieder strahlend Callahan zuwandte.

Dieser schaute abwechselnd zwischen Ivory und Natasha hin und her, dabei bildeten seine Brauen kurz eine Einheit. »Tja, nun. Wunderbar.« Er nahm einen hastigen Schluck aus seiner Tasse, anschließend verschränkte er seine Finger vor sich auf dem Tisch.

»Also … Ms Percy, Ms Lane. Ich komme gleich zur Sache. Wie Sie beide wissen, hat Simmons unser Haus verlassen, um sich neuen Aufgaben zu widmen, die ihn … nun ja … zufälligerweise zu Brycott geführt haben.« Mit verzerrter Miene stieß er laut den Atem aus. Es war kein Geheimnis, dass Callahan die Entscheidung des ehemaligen Chefredakteurs persönlich nahm. Immerhin hatte er ihn, nach eigenen Angaben, seit dem Studium aufgebaut. Simmons hingegen fühlte sich offensichtlich nicht mit ihm verbunden, andernfalls wäre er vermutlich nicht zu Perths größtem Konkurrenten gewechselt.

»Lange Rede, kurzer Sinn. Ich muss seine Stelle neu besetzen und habe vor, sie einer von Ihnen zu geben.« Er stand auf, ging um seinen Schreibtisch herum und lehnte sich ihnen zugewandt dagegen. »Damit mir die Entscheidung leichter fällt, wird mir jede von Ihnen einen Artikel vorlegen, der das Zeug für die Titelseite hat. Ein Bericht, der allen zeigen wird, welche Zeitung die beste journalistische Qualität in unserem Land besitzt. Ich will hochbrisante Neuigkeiten. Etwas nie Dagewesenes und etwas, das die Leser so brennend interessiert, dass sie sich unsere Zeitung gegenseitig aus den Händen reißen. Entschlüsseln Sie ein Geheimnis, decken Sie eine Verschwörung auf. Irgend so was. Sie haben drei Wochen Zeit.«

»Jawohl, Mr Callahan. Ich werde Sie nicht enttäuschen.« Natasha stemmte sich kerzengerade aus dem Sessel. Ihre Miene war eiskalt, als hätte sie soeben einen gefährlichen Regierungsauftrag angenommen, von dem das Schicksal der gesamten Welt abhing.

»Gut so, Ms Percy. Das will ich hören.« Callahan kehrte zu seinem Stuhl und seinem Bildschirm zurück. Natasha rauschte hinaus. Offenbar hochmotiviert und, was das Erdrückendste für Ivory war, scheinbar mit einer genauen Vorstellung davon, was sie schreiben würde. Ivory war wie gelähmt.

»Gibt es noch Unklarheiten, Ms Lane?«, fragte Callahan, ohne von seinem Computerbildschirm aufzusehen.

»Eigentlich nicht, aber …« Ivory wagte sich einen Schritt nach vorn und bemühte sich, die Unsicherheit aus ihrer Stimme zu verbannen. »Ich frage mich: Was ist mit meinem Artikel über die Neuauflage von Sharps Debütroman, den ich verfassen soll? Stelle ich ihn nun zurück? Ich meine, drei Wochen für einen hochbrisanten Stoff … das erscheint mir sonst etwas knapp.«

»Ms Lane«, er stöhnte genervt, dann schaute er zu ihr auf, »wie Sie Ihre Zeit einteilen, ist mir völlig egal. Hauptsache, Sie liefern mir die Texte.«

Sie nickte. »In Ordnung«, murmelte sie und ging rückwärts zur Tür, als wäre sie bei einer königlichen Audienz.

»Lydia Sharp, ja?« In Callahans Augen stand eine Idee. Er starrte grübelnd neben sie ins Leere. »Mir kommt da gerade etwas in den Sinn. Was wäre, wenn Sie Ihren geplanten Artikel einfach ausweiten würden?«

»Wie genau?« Sie war ganz Ohr.

»Nun, ich habe kürzlich wieder gehört, wie sehr sich die Menschen für die wahre Person hinter den Bestsellerromanen interessieren. Unglücklicherweise hält sie sich komplett bedeckt. Die Öffentlichkeit weiß nichts über sie. Weder darüber, was sie antreibt, noch irgendetwas darüber, wie sie lebt.«

»Naja. Sharp zieht es wohl vor, anonym zu bleiben.«

Er nickte hastig. »Anscheinend. Ja. Nur … die Leser wollen wissen, wer sich hinter den Büchern verbirgt. In einer Zeit wie unserer, in der alles auf Social Media zugänglich ist, … wer ist sie, dass sie sich da raushalten kann?«

»Sie meinen, ich soll ihre Identität aufdecken?«

Er lehnte sich im Stuhl zurück und zuckte leicht die Schultern. »Was Sie mir am Ende vorlegen, Ms Lane, das bleibt ganz Ihnen überlassen, aber … Lydia Sharp ist ein Mythos. Sie ist eins dieser Geheimnisse, von denen ich gesprochen habe. Eine solche Entschlüsselung würde sämtliche Lesergruppen ansprechen. Ich meine, die aller Zeitungen in unserem Land. Ach, was rede ich? Die darüber hinaus. Weltweit würden sich die Medien mit ihrem Artikel auseinandersetzen. Es wäre ein internationaler Aufmacher. Das Marketing könnten wir uns schenken. Es wäre ein Selbstläufer. Das, genau das, ist es, was ich für die Titelseite von Perth will.«

Ivory schnappte kaum hörbar nach Luft. Er hatte recht. »Ja. Ich verstehe.«

»Gut. Und jetzt … an die Arbeit.« Er scheuchte sie mit einer knappen Kopfbewegung hinaus.

Auf dem Flur schnaufte Ivory durch. Callahan hatte ihr einen Tipp gegeben, der alles entscheiden konnte, und sie war fest entschlossen, ihn zu beherzigen.

***

»Das ist Wahnsinn!« Sam schlug die Hände über dem Kopf zusammen, als Ivory ihr einen Tag später in der Mittagspause von ihrem Entschluss erzählte.

»Lydia Sharp ist ein Mysterium. Niemand weiß, wer sie ist, geschweige denn, wo sie sich aufhält.«

»Cornwall«, sagte Ivory beiläufig.

»Was?«

»Sie soll irgendwo in Cornwall leben. Jedenfalls, wenn man dem Hinweis aus einem Fanforum glauben will, auf das ich im Internet gestoßen bin.«

Sam schaute sie perplex an. »Und du glaubst diesem Hinweis?«

Ivory zuckte die Schultern. »Ich habe keine andere Wahl. Er ist der Einzige, der mich zu ihr führen könnte.«

»Also fährst du nach … Cornwall? Einfach so?«

»Das habe ich vor. Ja.«

»Du bist noch nie rausgekommen aus London. Ich meine, du verlässt deine Wohnung in Brixton doch nur, um zur Arbeit zu gehen.«

Das klang traurig. Fast erbärmlich, so wie Sam das sagte. Aber sie hatte recht. Ivory bemühte sich, ungerührt zu bleiben. »Und?«, fragte sie.

»Naja. Dir ist schon bewusst, dass Cornwall relativ groß ist?« Sam war bereits dort gewesen. Sie hatte ihr von der weitläufigen Landschaft erzählt und auch davon, dass die Leute im Süden ihre Eigenarten hatten und lieber unter sich blieben. Was durchaus zu Sharp passen konnte, dachte Ivory.

»Ich bin nicht vollkommen hilflos, Sam. Und, ja, mir ist bewusst, dass es nicht leicht werden wird, ihre Spur aufzunehmen.« Konzentriert rührte sie Zucker in ihren Espresso und gab noch einen Löffel mehr hinzu als üblich, was Sam mit gerunzelter Stirn beobachtete.

»Okay. Gut. Klar, es wäre ein Riesending, wenn es dir wirklich gelingen würde, sie zu finden und ein Interview mit ihr zu bekommen. Sie hat noch nie ein Interview gegeben.«

»Ich weiß.«

»Und das in dreißig Jahren nicht. Ungefähr seit sie veröffentlicht. O Mann, Ivy, wahrscheinlich ist sie nicht einmal eine Frau.« Sam nippte nachdenklich an ihrem Latte Macchiato. »Ich meine, sie könnte ein übergewichtiger, glatzköpfiger Junggeselle sein, mit Krümeln in seinem langen Bart, die noch aus den Achtzigern stammen, und einem ekelhaften Dauerhusten, der von den Zigaretten herrührt, die er ohne Unterbrechung raucht, während er seine Romane auf einer alten Schreibmaschine tippt.«

Ivory lachte. »O ja. Das klingt plausibel.«

»Es wäre möglich«, sagte Sam ernst.

Ivory gab ein zustimmendes Brummen von sich. Sie hob einen Mundwinkel an, während Sams Warnung in ihr nachhallte. Callahans Vorschlag kam ihr von Minute zu Minute unrealistischer vor.

»Ich will dir keine Angst machen, aber … Sehr viele haben sich schon an Sharp die Zähne ausgebissen. Eigentlich ist es vollkommen verrückt, es auch nur zu versuchen. Hinzukommt, wenn du es in drei Wochen nicht schaffst, hast du am Ende nichts, was du Callahan vorlegen kannst.«

»Danke, dass du mich daran erinnerst.« Zweifel überrollten Ivory wie eine eiskalte Flutwelle. Plötzlich bekam sie es mit der Angst zu tun. Sie spürte, wie sich ihr gesamter Körper anspannte. Sie wollte diesen Job so sehr. Was, wenn sie versagte? Ihre Beklemmung war dabei, ins Unermessliche anzusteigen, dann spürte sie Sams Hand auf ihrer.

»Ivy, deine Chancen stehen vielleicht nicht besonders gut, aber … andererseits … ich kenne niemanden, der sich besser mit Sharps Romanen auskennt und der ein größeres Gespür für die Wahrheit hat. Wenn es jemand schaffen kann, sie zu finden, dann du.«

Ivory lächelte. Dankbar bettete sie ihre andere Hand über Sams.

»Wann wirst du aufbrechen?«, fragte diese.

»Es ist alles gebucht. Mietwagen, Hotel … Ich will keine Zeit verlieren, also fahre ich schon morgen.«

»Wenn ich könnte, würde ich dich begleiten. Cornwall ist echt wunderschön. Aber … die Arbeit stapelt sich bei mir. Du kriegst das hin, Ivy«, sagte Sam. »Ich glaub an dich.«

»Danke, Sam!«

»Kein Ding. Viel wichtiger aber wäre es noch, dass du auch an dich glaubst.«

»Ich versuch’s.«

Sam grinste. »Mach’s einfach.«

Ivory musste lächeln. Manchmal war Sam weniger eine Kollegin als eine Motivationstrainerin. Sie nahm sich vor, ihren Ratschlag ernst zu nehmen, und fühlte plötzlich eine Abenteuerlust in sich, die sie lange nicht verspürt hatte. Vielleicht, so dachte sie in diesem Moment, wartete in Cornwall noch mehr auf sie, als sie es sich erhoffte.

Kapitel 2

Ivory hatte es mit vielen ersten Malen zu tun. Nicht nur, dass sie noch nie in Cornwall gewesen war, sie hatte auch keinerlei Erfahrung mit Leihwagen – erst recht nicht mit solchen, die ihre Energie nicht an der Zapfsäule, sondern über eine Steckdose bekamen. Die Tatsache, dass der Zug sie nicht weit genug in den Süden bringen konnte, hatte sie veranlasst, selbst zu fahren. Ein gewagter Schritt, so hatte sie schnell feststellen müssen, als sie in den Tesla eingestiegen war, der, dank der Ferienzeit, als einziges Fahrzeug noch verfügbar gewesen war. Der Vermieter hatte ihn als einfach im Handling, sparsam und vor allem als überaus leise angepriesen. Ivory war jedoch noch nicht in Exeter, da wurde ihr klar, dass er ihn nur hatte loswerden wollen. Für Ivory musste ein Auto in erster Linie eins: sie zuverlässig von A nach B bringen. Die ganze Hightech-Elektronik im Innenraum verstörte sie eher, als dass sie ihr Sicherheit gab. Was das anging, nannte Sam sie nicht umsonst altmodisch – besonders, wenn es sich um technische Neuerungen handelte. Anders als ihre Freundin zog Ivory auch immer ihr Notizbuch dem Tablet vor. Ivory verschloss sich dabei nicht den Veränderungen. Sie wusste lediglich zu schätzen, womit sie vertraut war.

Nach einem kilometerlangen Stau, der ihr bereits in London auf dem übergroßen Touchscreen-Bildschirm des Wagens angekündigt worden war, lagen ihre Nerven blank. Erleichterung wallte erst in ihr auf, als sich der Stau langsam auflöste und sie endlich die Straße Richtung Küste erreichte. Vor ihr lag die unberührte Natur mit Wiesen, Hügeln und Wäldern soweit das Auge reichte. Ivory spürte, wie ihre Anspannung mit jedem Kilometer nachließ und sie innerlich ruhiger wurde, je tiefer sie in den Südwesten des Landes vorstieß. Sie hatte gerade die Grenze zu Cornwall hinter sich gelassen, als der Wagen plötzlich ruckelte. Er schaffte noch ein paar Meter, dann wurde er langsamer.

»So ein Mist!« In dem erbärmlichen Versuch, das Auto wenigstens noch auf den Seitenstreifen zu manövrieren, rutschte Ivory kräftig im Sitz vor und zurück. Wenig später kam es etwas abfallend im Straßengraben zum Stehen.

»Na wunderbar.« Sie schlug so fest mit den Fäusten aufs Lenkrad, dass sie den Airbag auslöste. Kreischend floh sie aus dem Wagen, als wäre ein wütender Bienenschwarm hinter ihr her.

»Das darf doch nicht wahr sein! Dieser Elon Musk mit seinem blöden …« Ivory schnaufte wütend aus, versetzte dem Rad einen Tritt, der so ungeschickt war, dass er ihrem großen Zeh mehr schadete als dem Tesla. Zischend vor Schmerz schaffte sie humpelnd eine halbe Runde um das Auto, ehe sie auf die Straße zurückkehrte und sich grummelnd nach allen Seiten umschaute. Es war schon Nachmittag. Eigentlich wollte sie schon eingecheckt haben. Fahrig kramte sie ihr Handy aus der Tasche und wählte die Nummer des Hotels, doch: kein Netz. Wenn sie nicht bald Bescheid sagte, wäre ihr Zimmer möglicherweise nicht mehr verfügbar. Prustend stemmte sie die Hände in die Hüften und schickte ungeduldig ihren Blick die Straße Richtung Küste hinunter. Sie wirkte so verlassen, dass Ivory sich einen Moment fragte, ob sie richtig abgebogen war. Das Navi jedenfalls hatte sie genau hierher geführt. Laut ihm war es die schnellste Strecke nach Falmouth – die Stadt, die sie sich als Erstes zum Ziel gemacht hatte, weil im Internet stand, dass Fans Sharp dort gesehen haben wollten. Ivorys Plan war, sich in der Stadt umzusehen, die Menschen nach Sharp zu befragen, Hinweise auf sie zu sammeln und gegebenenfalls von dort aus tiefer nach Cornwall vorzudringen. Doch nun stand dieser Plan auf der Kippe.

»Also schön«, murrte sie, klaubte ihre Sachen aus dem Auto und machte sich zu Fuß auf den Weg.

Die Sonne brannte unerbittlich vom Himmel herab, als sie ihren Koffer hinter sich her über die schlecht asphaltierte Straße zog. Eine Weile ging sie schnurstracks geradeaus. Weit und breit war niemand zu sehen, und allmählich kam Ivory der Verdacht, dass sie auf dem falschen Weg war. Jedenfalls schien dies keine der von Touristen vielbefahrenen Hauptstraßen zur Küste zu sein, über die sie im Internet gelesen hatte. Egal in welche Richtung sie auch blickte, überall sah es gleich aus: Bäume, Wiesen, Felder, weites Land, ohne den kleinsten Hinweis auf Zivilisation. Für Ivory, die in London geboren und aufgewachsen war, war es fast unbegreiflich, wie einsam die Gegend war, in der sie nun gestrandet war. Zweifellos befand sie sich irgendwo im Nirgendwo. Von ihrem Standort aus schien das Meer unerreichbar zu sein. Obwohl sie die Ruhe auf eine ungeahnte Weise genoss, kam sie sich auch ein wenig hilflos vor. Was, wenn die Dämmerung hereinbrechen würde, bevor sie eine Ortschaft erreicht hatte?

Nach einem anderthalbstündigen Marsch legte Ivory eine Verschnaufpause ein. Am Straßenrand setzte sie sich unter eine alte Eiche auf ihren Hartschalenkoffer und hielt ihr Handy hoch, vergeblich nach Empfang suchend. Als sie schon nicht mehr damit rechnete, hörte sie das Geräusch eines sich nähernden Fahrzeugs. Ivory sprang hastig auf und wedelte wild mit beiden Armen. »Hallo? Bitte! Anhalten!« Ihre Kehle war inzwischen so trocken, dass sie Mühe hatte, laut genug zu rufen, um gehört zu werden.

Der weiße Kleintransporter stoppte vor ihr und sie atmete erleichtert aus. Eine Frau lehnte sich über den Beifahrersitz und kurbelte das Fenster runter. »Brauchen Sie vielleicht eine Mitfahrgelegenheit?«

»Das wäre wirklich sehr nett!« Ivory atmete erleichtert durch.

»Wie sind Sie hier gestrandet?« Die Frau sah sich neugierig um.

»Mein Tesla hatte eine Panne.«

Die Frau lächelte breit, als wäre es vollkommen normal für sie, eine hilflose Person am Straßenrand vorzufinden. »Haben wohl vergessen, die Karre rechtzeitig aufzuladen, was?«

Ivory zog die Brauen tief, dann presste sie die Lippen zusammen. »Vermutlich. Ja.«

»Diese modernen Dinger … Ich hab’s auch mal mit einem Elektroauto probiert. Hat sich nicht wirklich nach Autofahren angefühlt. Eher wie in einem Raumschiff zu sitzen.« Ihr unordentlich zusammengehaltener roter Pferdeschwanz schwang hin und her, als sie entschieden den Kopf schüttelte. »Hüpfen Sie rein. Ich nehme Sie mit in mein Dorf, da können wir jemanden anrufen, der die Karre abholt.« Sie öffnete Ivory die Tür und rutschte zurück hinters Steuer.

»Das ist wirklich sehr nett von Ihnen. Haben Sie vielen Dank!« Ivory schob ihren Koffer in den Fußraum und setzte sich neben sie. Wahrscheinlich wäre sie zu jedem in den Wagen gestiegen, nur um ihrer Lage zu entkommen. Trotzdem war sie erleichtert, von keinem zwielichtig aussehenden Mann aufgelesen worden zu sein.

Der Transporter holperte die Straße hinunter und Ivory kam das Wenige hoch, das sie zum Frühstück gegessen hatte. Reflexartig fasste sie nach dem Haltegriff über dem Fenster und schaute angestrengt nach vorn. Kaum waren sie losgefahren, sehnte sie das Ende dieser Fahrt herbei.

»Ah … ja … Das Problem sind die Stoßdämpfer.« Die Frau lächelte entschuldigend, während sie auf ihrem Sitz hoch und runter hopste, als säße sie auf einem Gymnastikball. »Perpetua kommt nächste Woche in die Werkstatt. Wir warten nur noch auf die Ersatzteile.«

»Perpetua?« Irritiert schaute Ivory zu ihr.

Die Frau lachte schulterzuckend. »Was denn? Jetzt erzählen Sie mir nicht, Ihr Auto hätte keinen Namen?«

»Nun ja …«

»Da haben Sie’s. Dann ist es kein Wunder, dass es nicht mehr weiterfahren wollte.«

Vergeblich wartete Ivory darauf, dass sie ihre Meinung mit einem Zusatz oder einem Augenzwinkern auflockerte. Doch die Frau blickte weiterhin todernst drein. Ivorys Muskeln verkrampften sich in der Annahme, dass sie zu einer Verrückten ins Auto gestiegen war. Sie erinnerte sich daran, dass Sam erwähnt hatte, dass die Menschen in Cornwall speziell seien. Aber … hatte sie auch so etwas damit gemeint? Unauffällig betrachtete Ivory ihre Helferin in der Not von der Seite. Sie musste ungefähr ihr Alter haben. Ihr fiel die lange bunte Perlenkette über dem Sommerkleid im Batiklook auf und die vielen Festivalarmbänder, die ihr rechtes Handgelenk schmückten. Zu ihrem außergewöhnlichen Outfit schien sie keinerlei Make-up zu tragen. Ihre helle Haut mit den Sommersprossen wirkte vollkommen natürlich. Wer auch immer sie war, sie blieb einem im Gedächtnis. Neben ihr kam sich Ivory plötzlich ziemlich langweilig vor.

»Genau genommen … gehört mir das Auto gar nicht. Es hat keinen Namen, weil … es nur ein Mietwagen ist«, sagte sie schließlich.

»Ah, das erklärt es natürlich.« Die Frau lachte.

»Haben Sie denn … auch einen Namen?«, fragte Ivory zögerlich.

»Oh, ja natürlich. Wie unhöflich von mir.« Sie schaute etwas länger als Ivory lieb war von der Straße zu ihr. »Alice Wilcox. Nenn mich einfach Alice.«

»Ivory Lane.«

»Schön, dich kennenzulernen, Ivory.«

Der Transporter kam kurz ins Straucheln und Ivorys Puls schnellte in die Höhe. Mit einer erstaunlichen Beiläufigkeit brachte Alice den Wagen wieder auf die Spur. Ivory verdrehte in einer nervösen Unruhe die Augen. Sie konnten von Glück sagen, dass ihnen kein Auto entgegengekommen war.

»Also … Ivory. Ich bin neugierig: Was führt dich nach Portloe? Du siehst nicht aus wie eine dieser Touristinnen und auch nicht wie jemand, der in unserer schönen Gegend einfach ausspannen will.«

»Wie kommst du zu dieser Annahme, Alice?«

Alice musterte sie kurz, aber intensiv, dann ließ sie ein Stöhnen hören. »Es ist deine Aura. Sie pulsiert förmlich.«

»Ach … tut sie das?« Ivory hob verdutzt die Brauen.

Alice nickte langanhaltend. »Lass mich raten.« Sie führte Zeige- und Mittelfinger an ihre Schläfe und stierte angestrengt vor sich hin.

»O mein Gott, ich weiß schon: Du reist der Liebe deines Lebens nach. Habe ich recht?«

Im ersten Moment wusste Ivory nicht, was sie sagen sollte, denn offenbar war sie tatsächlich an eine Verrückte geraten.

Alice sah sie so eindringlich und auffordernd an, dass sie kurz erwog, sie in ihrer Annahme zu bestätigen, dann aber beschloss, bei der Wahrheit zu bleiben.

»Ich bin beruflich in der Gegend.«

»Ah. Okay.« Alice klang ein wenig enttäuscht.

»Also, dein Dorf«, sagte Ivory, um auf ein Thema zu lenken, dass für sie wichtiger war. »Ist das in der Nähe von Falmouth?«

»Portloe? Nein. Jedenfalls nicht direkt.«

»Oh, Mist. Ich habe nämlich nur noch eine Stunde Zeit, um in dem Hotel einzuchecken, das ich gebucht habe.«

»Das wird knapp«, entgegnete Alice.

»Dachte ich mir fast. Wie weit ist es denn noch bis da hin?«

»Uh, lass mich kurz nachdenken.« Alice schnalzte mit der Zunge. »Also Falmouth liegt ungefähr sechzig Kilometer südlich von hier. Wird schwierig werden, es noch rechtzeitig zu erreichen.«

Ivory atmete kapitulierend aus. »Na schön. Dann … eben vorerst Portloe. Wie ist es dort so? Um ehrlich zu sein, ich habe noch nie etwas von diesem Ort gehört.«

»Wundert mich nicht. Das ist nämlich im Grunde so gewollt. Die meisten Portloer bleiben lieber unter sich. Aber … wenn du mich fragst, dann ist es mit Abstand das hübscheste Fischerdörfchen, das Cornwall zu bieten hat. Die Menschen dort sind freundlich und das Wetter, das darf ich dir schon verraten, ist auch am besten. In Portloe scheint eigentlich immer die Sonne.«

»Klingt traumhaft.«

»Ist es auch.«

Ivory lachte. »Und du sagst das nicht nur deshalb, weil du dort lebst?«

»Oh, ich lebe nicht einfach nur in Portloe, ich bin Portloe. Ich dachte, da habe ich mich deutlich ausgedrückt.«

»Schon klar«, sagte Ivory schmunzelnd.

»Wirklich! Ich bin eine feste Größe dort und da kannst du jeden fragen. Ich bin nämlich stolze Besitzerin des einzigen Buchladens der gesamten Gegend. Was immer du auch suchst, worüber auch immer du lesen möchtest oder dich informieren willst, du findest es bei mir.«

»Ein Buchladen also?«

Alice nickte stolz.

Ivory war überrascht. Sie hätte Alice alles Mögliche zugetraut – von einer Friseurin bis zu einer Gastwirtin, aber bestimmt keine Buchhändlerin. In ihrer Vorstellung waren das eher zurückhaltende und vorsichtige Charaktere mit biederem Haarschnitt und ebensolchem Auftreten. Alice fiel da vollkommen aus der Rolle. Auf ihren Buchladen jedenfalls war sie gespannt. Ob er genauso aufsehenerregend war wie Alice selbst? Nervös warf Ivory einen Blick auf ihre Uhr. Das Tageslicht war blasser geworden. Die Sonne war dabei unterzugehen. Innerlich hatte sie sich schon damit arrangiert, die Nacht über in Alice’ Dorf zu bleiben.

»Portloe hat doch bestimmt auch ein Hotel, oder?«, fragte Ivory hoffnungsvoll.

Alice presste die Lippen aufeinander, dann legte sie den Kopf schief. »Es ist nicht besonders groß.«

»Okay, dann … Eine Pension reicht auch. Die … gibt es doch sicher?«

»Na ja, also ich weiß leider nicht, ob da noch etwas frei ist. Es ist Hochsaison. Aber im Macies gibt es bestimmt jemanden, der dir weiterhelfen kann.«

Ivory runzelte die Stirn. »Und das Macies ist …?«

»Oh, das Macies ist das Café im Ort. Nirgends gibt es bessere Törtchen, Gurkensandwiches oder besseren Gin. Außerdem hat man nur da einigermaßen gutes Internet. Ach ja, und … einmal im Monat gibt es einen Karaoke-Abend. Dann ist der Laden brechend voll. Das darf man sich nicht entgehen lassen.«

»Klingt, als wäre das Macies mehr als nur ein Café.«

»So ist es.«

Ivory lächelte verunsichert. Alice sprühte förmlich vor Enthusiasmus. Es war geradezu unheimlich.

»Jetzt erzähl mal, Ivory. Du bist also geschäftlich hier. Das ist interessant! Was genau machst du, wenn ich fragen darf?«

»Ich … arbeite für die Zeitschrift Perth. Momentan recherchiere ich zu einem Thema, das mich nach Cornwall geführt hat«, antwortete Ivory.

»Na, wenn das kein Zufall ist. Mit Recherchen kenne ich mich bestens aus. Vielleicht kann ich dir weiterhelfen. Nenn mir dein Thema!«

Ivory dachte nach, kam dann zu dem Schluss, dass eine Buchhändlerin wahrscheinlich genau die richtige Ansprechpartnerin war.

»Ich recherchiere über Lydia Sharp.«

Alice’ Miene wurde ernst, sie stierte nach vorn und räusperte sich.

»Was denn?«, hakte Ivory nach.

»Nun ja, es kommen viele nach Cornwall wegen ihr. Das geht schon seit Jahren so.«

»Aber?« Ivory glaubte, die Antwort bereits herausgehört zu haben.

»Niemand hat Erfolg«, antwortete Alice in einem Ausatmen.

»Schade. Ich hatte eigentlich gehofft, du als Buchhändlerin könntest mir vielleicht einen Hinweis geben.«

»Leider nicht.« Mit einem Mal schien Alice’ gute Laune verflogen.

»Dann hast du nie irgendwas gehört? Nicht einmal ein Gerücht darüber, wer sie ist oder wo sie lebt?«

»Nope.«

Ivory ließ enttäuscht die Schultern nach vorn fallen.

»Ich weiß nur das, was allgemein bekannt ist«, sagte Alice nach einer Pause. »Sie wendet viel Kraft dafür auf, um nicht gefunden zu werden. Deshalb denke ich auch nicht, dass überhaupt jemand weiß, wer sie ist. Meiner Meinung nach sollten wir das einfach akzeptieren.«

»Interessiert es dich als Buchhändlerin denn nicht auch brennend, wer sie wirklich ist?«

Alice schielte flüchtig zu ihr. »Nun ja, ich … denke, wir sollten ihr ihre Ruhe lassen. Sie wird ihre Gründe haben, warum sie anonym bleiben möchte.«

»Vermutlich. Ja.« Ivory atmete resigniert aus. Auf einmal überkamen sie wieder diese Zweifel. War es richtig gewesen herzukommen? Oder vergeudete sie nur ihre Zeit?

»Schreib doch über etwas anderes«, schlug Alice vor.

»Wenn das nur so einfach wäre. Dummerweise geht es hierbei um meine berufliche Zukunft.«

Kurz wurde es still im Auto, dann seufzte Alice leise auf.

»Es … gäbe da vielleicht jemanden, der dir weiterhelfen kann. Preston – ihm gehört das Macies, deswegen kennt er viele Leute. Ich kann euch bekannt machen, wenn du das möchtest?«

Ivory fühlte eine Hoffnung in sich wieder aufwallen, die sie bereits begraben hatte. »Das wäre wirklich toll!«

Alice nickte leicht.

Es war schon spät am Abend, als endlich das Ende der Landstraße in Sicht kam. Der Himmel hatte sich inzwischen zugezogen. Grau-schwarze Wolken verhüllten den Mond und kündeten von Regen, während sie das Ortsschild Portloe passierten. Nach und nach tauchten die Schatten von Gebäuden auf, erst kleinere Gehöfte, dann reihten sich die Häuser aneinander. Ivory reckte den Kopf aus dem geöffneten Fenster und sog die salzige Luft tief ein. In dem Moment war es, als könnte sie das Rauschen des Meeres bereits hören. Dabei hatte sie überhaupt nicht gemerkt, dass sie sich der Küste genähert hatten. Ivory stieg aus dem Wagen, und mit einem Mal war es, als wäre sie in einer anderen Welt. Bruchsteinhäuser reihten sich idyllisch entlang der gepflasterten Küstenstraße aneinander, von der aus Ivory die Andeutung schmaler, geschlungener Pfade sah, die die steilen Klippen zum Strand hinunterführten. Über dem Meer war die Wolkendecke ein wenig aufgebrochen und der Mond schien hell und silbrig auf das Wasser hinab. Ein lauer Wind wirbelte Ivory das Haar um die Schultern und sie nahm einen weiteren tiefen Atemzug. Die Luft war so klar und rein. Endlich war sie angekommen, und schon jetzt hatte sie das Gefühl, dass sich die Reise gelohnt hatte.

Kapitel 3

»Ich habe nicht zu viel versprochen, oder?« Alice’ Stimme holte Ivory zurück in den Moment.

Sie lächelte ertappt, dann räusperte sie sich. Auf einen solchen Anblick war sie nicht vorbereitet gewesen. Nun spürte sie eine Art Demut in sich, weil sie bei all ihren Ambitionen, ihren Artikel zu schreiben, nicht näher darüber nachgedacht hatte, was sie abgesehen von ihrer Arbeit in Cornwall erwarten würde. Etwas widerwillig wandte sie dem Meer den Rücken zu und sah zu Alice. »Also. Wo ist das Macies?«, fragte sie aufgedreht.

»Zeige ich dir sofort. Vorher machen wir noch einen kurzen Zwischenstopp.« Alice wedelte mit dem Schlüsselbund in ihrer Hand. Erst da nahm Ivory das Geschäft wahr, vor dem sie geparkt hatten.

»Bookwall?« Irritiert hob sie die Brauen.

Alice lächelte stolz, dann zuckte sie leicht die Schultern. »Genau. Das ist das gute Stück. Mein Laden. Mein Leben.« Sie öffnete die Tür und bedeutete Ivory, vor ihr hineinzugehen. Das Glockenspiel über dem Türrahmen bimmelte, als Ivory das Geschäft betrat. Es war klein, aber urgemütlich eingerichtet. Die Regale reichten bis unter die Decke. Zwei runde Tische befanden sich in der Mitte, darauf waren Bücher ansprechend drapiert. Zwischen den unterschiedlichsten Lektüren gab es allerlei Schnick-Schnack: Postkarten, Buddelschiffe, Porzellanengel, Teddybären, handgemachte Kerzen und Edelsteinketten. Alice betätigte den Lichtschalter und ein Leuchter aus buntem Glas erhellte den Raum und sorgte für eine noch stimmungsvollere Atmosphäre. Der knarrende Holzboden verlieh dem Laden zudem einen Hauch von Nostalgie.

»Und? Was sagst du?« Alice schaute sie erwartungsvoll an.

Ivory nickte anerkennend. »Du hast einen ausgesprochen schönen Laden.«

»Freut mich, dass er dir gefällt.« Alice strahlte über das ganze Gesicht. »Warte kurz. Ich bin gleich wieder da.« Sie verschwand durch einen raschelnden Vorhang, der sich hinter der Verkaufstheke befand. Ivory sah sich in aller Ruhe um. Einer der Tische im Laden zog sie magisch an. Er war bestückt mit Lydia-Sharp-Romanen. Die Schmuckausgabe ihres Lieblingsbuches stand, ansprechend präsentiert, auf türkisblauem Stoff, daneben allerlei Strandfunde: Muscheln, Möwenfedern und vom Meer fein geschliffenes Glas. Ivory nahm das Buch in die Hand und schlug es auf. Sie stockte, denn es war signiert. Keine dieser gedruckten Unterschriften, die viele Sharp-Romane enthielten, sondern handgeschrieben. Das erkannte sie am Schimmern der Tinte, als sie das Buch gegen das Licht hielt. Ihr war sofort klar, dass es sich dabei um einen seltenen Schatz handelte.

Das Rascheln des Vorhangs ließ sie kurz zusammenzucken. Schnell stellte sie den Roman zurück auf den Tisch.

»So. Wir können dann los.« Alice hielt drei Flaschen mit durchsichtigem Inhalt in Händen, zwei weitere trug sie zwischen Arme und Brust geklemmt.

»Soll ich … soll ich dir beim Tragen helfen?«, fragte Ivory verunsichert.

»Nicht nötig. Schnapp du dir deinen Koffer. Das Macies ist gleich um die Ecke.«

Ivory sah verwundert zu, wie Alice die Ladentür mit einer akrobatisch anmutenden Fußbewegung hinter ihnen zuzog.

»Du willst nicht abschließen?«

»Och, nein. Ich bin ja gleich wieder da«, entgegnete Alice und gab die Richtung vor. Ivory trottete ihr hinterher, die menschenleere Straße hinunter.

»Was ist in den Flaschen?«, fragte sie vorsichtig.

»Oh … das ist Gin. Mein selbstgebrannter«, verriet Alice kichernd.

»Du bist also Buchhändlerin und Gin-Brennerin?« Ivory war sich sicher: Dem einen oder anderen ihrer Kollegen wäre diese Kombination einen Zeitungsartikel wert.

»Was soll ich sagen? Ich bin nun mal vielseitig begabt«, sagte Alice. »Den hier hat übrigens Preston bestellt. Für den nächsten Karaoke-Abend. Dafür solltest du unbedingt einen Platz reservieren. Beim letzten Mal war das Café so überfüllt, dass wir noch Stühle aus der Nachbarschaft heranschaffen mussten.«

Ivory hob kurz verwirrt die Brauen. War so etwas überhaupt erlaubt? Doch die viel wichtigere Frage, die sich ihr aufdrängte, war: Wie konnten Gin und Kaffee zusammenpassen?

Sie sah davon ab, Alice um eine Erklärung zu bitten. Stattdessen hakte sie in einer anderen Sache nach. »Hör mal, die signierte Ausgabe von Lydia Sharp …«

»Ist dir nicht entgangen, was?« Alice grinste verschmitzt und Ivory witterte Informationen.

»Warst du dabei … ich meine, hat Lydia Sharp sie bei dir im Laden signiert?«

Alice schüttelte den Kopf. »Die Ausgabe wurde mir vom Verlag gesponsert. Ich kann dir nichts anderes sagen. Tut mir leid.«

»Schade. Das wäre auch zu einfach gewesen, vermute ich.« Ivory schnaubte.

Alice verzog ihren Mund zu einem schiefen Lächeln.

Sie bogen in eine Seitengasse ein. Vor einem der schmalen Reihenhäuser standen runde Bistrotische. Stimmengewirr und das Aneinanderklirren von Gläsern drang aus der offen stehenden Tür, über der ein Blechschild mit der Aufschrift Macies angebracht war.