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Mönchengladbach wird von einer Reihe brutaler Morde erschüttert. Die Auswahl der Opfer scheint willkürlich. Die Polizei tappt im Dunkeln, bis Mick Peters, Ex-Polizist und Bruder des ersten Opfers auf eine Spur stößt, die in seine Vergangenheit führt. Ein Jugendcamp... ein verschwundener Junge... doch wie findet man jemanden, den es eigentlich gar nicht mehr gibt? Eine beinah aussichtslose Jagd beginnt.
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Seitenzahl: 689
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Martin Dolfen, Thomas Strehl
Mein ist der Schmerz
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
Kapitel 50
Kapitel 51
Kapitel 52
Impressum neobooks
Mein ist der Schmerz
Martin Dolfen & Thomas Strehl
Der Spielplatz lag versteckt hinter einer Fabrik, aus deren Schornstein schwarzer Rauch quoll. Mitten auf dem dunklen Sand stand eine alte Schaukel. Abgeplatzter Lack an einem baufälligen Gerüst, das schwer an den rostigen Ketten zu tragen hatte, deutete darauf hin, dass an diesem Ort ewig schon nichts mehr Instand gehalten wurde. Man hatte dieses Fleckchen Erde, auf dem irgendwann einmal Kinder gespielt hatten, schlichtweg vergessen. Ein Feldweg endete genau hier, vor Gestrüpp und morschen Bäumen. Geschützt vor den Augen der Gesellschaft, zwischen dem alten Fabrikgelände und dem Dickicht hatten Jugendliche einen kleinen Trampelpfad zu diesem Platz angelegt, um ungestört sein zu können.
Doch an diesem Tag, einem außergewöhnlich mildem Oktobertag, war alles anders.
Robert schaute vor sich auf den Boden. Die Steine, die vor seinen Füßen lagen, hatten eine seltsam runde und glatte Form. Sie schimmerten, angestrahlt von der Sonne, die sich hinter den rauchenden Türmen vom Tag verabschiedete, leicht rötlich.
»Ich will euch noch kurz mit den Spielregeln vertraut machen.«
Robert blickte auf und schaute wieder in dieses unheimliche Gesicht. Er kannte den Mann nicht, der gerade mit ihm und den anderen Jungen sprach, die sich in einem Kreis verteilt hatten. Dieser Kerl hatte etwas Unheimliches. Sein langer Mantel wirbelte mit jedem Schritt, den er tat, ein wenig Sand auf. Der Bart in seinem Gesicht sah völlig zerrupft und deplatziert aus, so als hätte er ihn angeklebt. Er war angsteinflößend groß und seine Augen funkelten kalt. Und doch hatte Robert ihm Folge geleistet, als dieser Typ ihn eingeladen hatte, an einem Spiel teilzunehmen. Nun stand Robert Wenger mit seinen gerade einmal zehn Jahren hier und starrte auf den Unbekannten, der ihm erklärte, was nun zu tun war.
»Ihr seht vor euch zehn Steine. Eure Aufgabe besteht darin, die Konstruktion in der Mitte des Kreises zu treffen.« Der Bärtige schlenderte gelassen an den Jungen vorbei, schaute jedem prüfend ins Gesicht und deutete auf einen Jutesack, der sich ständig hin und her bewegte.
»Eure Belohnung für jeden Treffer ist eine Dose Cola und fünf Euro.« Bedeutungsschwanger hielt er ein Bündel Geldscheine in die Höhe und ließ es mit der rechten Hand über seinem Kopf kreisen. Die Jungen nickten sich zu. Einige grinsten, wegen der verlockenden Preise, die ihnen bevorstanden. Andere rieben sich die Hände, ungeduldig, endlich den ersten Stein in Richtung Sack schmeißen zu können.
»Ich gebe vor, wer wann wirft. Nehmt jetzt einen Stein in die Hand!«
Robert bückte sich und schnappte sich einen Stein von dem Haufen, der vor ihm lag. Er wog ihn in der Hand, um die Schwere genau abschätzen zu können. Dann legte er sein Gewicht auf den Vorderfuß, den er in den Sand eingrub, um einen besseren Stand zu haben.
Als der Mann »LOS!« schrie, holte der Junge mit der rechten Hand aus und ließ den Stein mit aller Wucht, die ihm zur Verfügung stand, in Richtung Jutesack sausen. Das Geschoss verfehlte sein Ziel nur knapp. Andere Jungen verpassten die Konstruktion ebenfalls, lediglich einer hatte es geschafft das Ziel zu streifen und wurde von dem Riesen mit fünf Euro und einer Dose belohnt, die er aus dem langen Mantel holte.
»Ihr seht, es ist nicht so einfach, also strengt euch an.«
Die Stimme des Mannes hatte einen bedrohlichen Tonfall angenommen. Robert war nicht mehr sicher, ob es eine gute Entscheidung war, an diesen Ort zu kommen. Seine Mutter hatte es ihm sowieso ausdrücklich verboten, doch da er sich immer wieder hier mit vielen Freunden traf, hatte er eingewilligt. Zweifelnd schaute er diesen seltsamen Menschen vor sich an. Es ist falsch, was ich hier mache, schoss es ihm durch den Kopf, doch er wollte sich vor den anderen nicht blamieren. Er hob den nächsten Stein vom Boden auf und konzentrierte sich. »LOS!«, zischte die Stimme des Mannes erneut und Robert legte all seine Kraft in den Wurf. Krachend knallte sein Stein gegen dieses zappelnde Etwas. Sofort lief irgendeine rotbraune Brühe aus dem Sack, während andere Kinder ihr Ziel abermals verfehlten.
Robert wunderte sich. Die Flüssigkeit sah aus wie ... Nein, das konnte nicht sein. Er verwarf den Gedanken und nahm den nächsten Stein in die Hand, während der Kerl ihm lächelnd fünf Euro in seine Westentasche steckte. Dann fingerte er aus seinem Mantel eine Dose Cola und stellte sie vor Roberts Füßen ab.
»LOS!«, hallte seine Stimme durch die Luft.
Dieses Mal trafen mehrere Kinder. Die dunkle Suppe floss nun in Strömen aus dem Sack. Das Zappeln hatte aufgehört. Die Jungen schwiegen.
»LOS!«, ertönte erneut diese Stimme. Robert kam sie nur noch grausam und durchdringend vor. Trotzdem warf er wie ferngesteuert weiter auf das Ziel und landete einen Treffer nach dem anderen. Der Zehnjährige blickte in die umstehenden Gesichter. Einige von ihnen waren Freunde, andere Fremde, die er noch nie gesehen hatte. Alle waren in Roberts Alter. Und jeder schien das Gleiche zu denken: Irgendetwas läuft hier gerade völlig falsch.
»Herrje, nun ist das verdammte Ding tatsächlich kaputt gegangen«, seufzte der Mann.
»Das tut mir leid. Ich bitte euch zu gehen. Ich werde die Maschine wieder abbauen und wehe irgendjemand von euch erzählt etwas von dem, was hier heute stattgefunden hat. Habt ihr verstanden?« Eingeschüchtert nickte jedes der Kinder. Alle liefen, so schnell es ihre Beine hergaben, nach Hause. Keines drehte sich wieder um. Keiner der Jungen wollte dem Mann noch einmal in die Augen schauen. In diese eiskalten blauen Augen.
Die Sonne warf ihre letzten Strahlen über das Fabrikgelände, so als würde sie sich vor dem Geschehen verstecken. Und als sie endlich ganz verschwunden war, ließ sie einen menschenleeren Platz zurück, auf dessen Boden eine rostige alte Schaukel vor sich hin vegetierte. Etwas abseits sickerte eine Lache in den trockenen Sand. Dunkelrot, stellenweise mit einem leichten Hauch von schwarz. Und mitten in dieser Flüssigkeit ragte etwas aus dem Boden hervor, beinahe unkenntlich. Der Wahnsinn hatte begonnen.
Sarah Peters griff zitternd zum Telefon. Nur mit Mühe gelang es ihr, die Nummer einzutippen.
»Kripo Mönchengladbach.«
»Hallo«, schluchzte sie. »Hier ist Peters. Sarah Peters. Ich hatte schon einmal angerufen.«
Der Mann am anderen Ende der Leitung klang genervt. »Ach ja, die Vermisstenmeldung«, meinte er. »Ich habe Ihnen doch bereits erklärt, dass wir erst nach Ablauf von 24 Stunden eingreifen.«
»Aber er ist gestern nach der Arbeit nicht nach Hause gekommen und hat sich nicht gemeldet, die ganze Nacht nicht.«
»Vielleicht muss er länger arbeiten und hat einfach vergessen, Sie zu informieren.«
»Nein, das ist noch nie passiert. Er ruft immer direkt an. Ich habe Angst, dass ihm etwas zugestoßen ist.«
»Hören Sie, Frau Peters«, sagte der Polizist. »Ihr Mann ist ein erwachsener Mensch. Die Gründe für sein Verschwinden können ganz banal sein. Ich bin sicher, er wird wohlbehalten wieder bei Ihnen auftauchen. Schon morgen werden Sie gemeinsam mit ihm über unser Telefonat lachen.«
Sarah legte auf. Sie merkte genau, wann sie abgewimmelt wurde. Wütend warf sie den Hörer auf die Aufladestation. Tränen liefen ihr über die Wangen. Wie ein Tiger im Käfig begann sie, im Wohnzimmer auf und ab zu laufen. Diese Ungewissheit brachte sie um. Sie wusste, dass Mark sie nicht einfach so warten lassen würde. Wenn er sie nicht anrief, dann konnte er sich nicht melden, weil …
Bilder schossen durch ihren Kopf: Schreckliche Szenen von Verkehrsunfällen, von Raubüberfällen, von Entführung und Mord.
Mach dich nicht verrückt, dachte sie. Obwohl dieser Zug schon lange abgefahren war. Komm ein bisschen runter und versuche klar zu denken!
Sie musste etwas tun. Wenn sie weiter nur abwartete, bis die Polizei etwas unternahm, würde der Nervenzusammenbruch nicht mehr lange auf sich warten lassen. Sie musste am Ball bleiben. Irgendwie auf die Situation reagieren.
Plötzlich sprang sie auf, riss eine Schublade auf und zog einen kleinen Zettel hervor. Dann nahm sie ihre Jacke von der Garderobe, schnappte sich die Autoschlüssel und verließ das Haus.
Obwohl es ihr schwer fiel sich auf den Verkehr zu konzentrieren, schaffte sie die Strecke in Rekordzeit. Heraus aus dem Villenviertel, in dem ihr Anwesen lag, hinein in die Vorstadt. Die Straßen wurden enger und waren immer schlechter beleuchtet. Die Fassaden wurden grauer, die Häuser machten den Eindruck, als kümmere sich niemand darum. Schließlich erreichte sie einen Hochhauskomplex, steuerte einen Parkplatz an und stieg aus. Vorsichtig sah sie sich um. Niemand war auf der Straße, alles war ruhig.
Wenn du jetzt selbst entführt wirst, ist niemandem gedient, dachte sie und wusste nicht einmal, warum ihr immer Dinge wie Entführung und Mord im Kopf herum spukten. Schließlich befand sie sich im idyllischen Mönchengladbach und nicht in der Bronx.
Bei diesen Gedanken musste sie, trotz der schwierigen Situation, fast schmunzeln. Denn wenn es in dieser Stadt so etwas wie die Bronx gab, dann war es sicherlich hier.
Sie steuerte auf eines der Hochhäuser zu und las die verwaschenen und beschmierten Klingelschilder unter Zuhilfenahme ihrer Handytaschenlampe. Sie hatte Glück. Der Name Peters stand noch dort.
Bevor sie der Mut verließ, legte sie schnell einen Finger auf die Klingel und drückte zu. Einmal, zweimal und dreimal.
»Ja?«, eine verschlafene raue Stimme.
»Hier ist Sarah.«
»Sarah?«
»Sarah Peters, die Frau deines Bruders.«
Ein kurzer Moment des Schweigens, dann: »Es ist vier Uhr morgens. Bist du verrückt geworden?«
»Dein Bruder ist verschwunden.« Wieder tat sich eine Zeit lang nichts, dann wurde der Türsummer betätigt und Sarah trat in ein muffiges Treppenhaus, dessen Wände mit Graffiti beschmiert waren. Der Fahrstuhl zur Rechten war defekt, das Treppengeländer klebrig und die blonde Frau verzog angewidert das Gesicht, während sie in den zweiten Stock hinauf stieg.
Als sie die letzte Ecke hinter sich ließ, sah sie, dass ihr Schwager sie bereits an der Wohnungstür erwartete.
Er lehnte lässig im Rahmen und trotz der schummrigen Beleuchtung bemerkte Sarah, dass die vier Jahre, in denen sie ihn nicht gesehen hatte, nicht eben freundlich mit ihm umgegangen waren. Er trug eine ausgebeulte kurze Trainingshose und ein ehemals weißes, jetzt grau fleckiges Shirt mit dem obligatorischen Borussia Zeichen darauf. Den Club gab es also noch in seinem Leben. Wenigstens etwas, das anscheinend beim Alten geblieben war.
Die schwarzen Haare, wild und zerzaust, waren noch voll, zeigten aber erste Ansätze von Grau. Die Augen waren rot unterlaufen, Kinn und Wangen hatten wohl gut eine Woche lang keinen Rasierapparat mehr gesehen. Sein Körper jedoch schien immer noch ganz gut in Schuss zu sein.
»Hallo Lieblingsschwägerin«, sagte er und schien nicht wirklich überrascht, sie hier zu sehen. So hatte er sie immer begrüßt, mit diesem leicht ironischen Unterton, denn sie war seine einzige Schwägerin.
»Hallo Mick.« Jetzt, da sie hier war und diesen Typen sah, schien ihr die Idee hierher zu kommen gar nicht mehr so genial.
»Was führt dich nach all den Jahren zu mir?«, fragte er schroff. »Du musst ganz schön verzweifelt sein, wenn du dich hier sehen lässt.«
Sie nickte zur Tür. »Müssen wir das hier im Flur besprechen?«, fragte sie.
Er gab augenblicklich die Tür frei und machte eine Armbewegung wie ein Torero. »Immer hinein in die gute Stube.« Er grinste. »Oder sollte ich sagen: In die Höhle des Löwen.«
Sie ignorierte den Zynismus und trat ein. Die Wohnung war winzig. Hinter einer offen stehenden Tür bemerkte sie ein höhlenartiges Bad ohne Tageslicht, außerdem gab es eine winzige Küche mit Kochzeile und ein kombiniertes Wohn-Schlafzimmer, in das er sie führte. Er zog einige Klamotten zur Seite, um ihr einen Sessel frei zu räumen, betrachtete den Kleiderstapel, den er nun in den Händen hielt und warf ihn mit einem Achselzucken auf den Boden.
Der Fernseher lief lautlos und er schaltete ihn aus. Dann nahm er auf einer Couch Platz, auf der Bettzeug lag, das schon bessere Tage gesehen hatte.
Sarah strich sich die Haare aus der Stirn und versuchte ihre Nervosität in den Griff zu bekommen. »Mark ist verschwunden!«, sagte sie dann, unfähig auch nur ein wenig Smalltalk zu kreieren.
»Wann?« Zum Glück schien ihr Gegenüber auch nicht an normaler Konversation interessiert zu sein.
»Er hätte gestern um spätestens sechs Uhr zu Hause sein müssen, aber er ist nicht erschienen. Und er hat mir keine Nachricht zukommen lassen. Kein Anruf, keine SMS, nichts …« Sie spürte Tränen aufsteigen, drängte sie aber zurück. Vor ihrem Schwager wollte sie keine Schwäche zeigen.
»Vielleicht gönnt er sich einen Wochenendtrip mit seiner Sekretärin.«
Sarah spürte heiße Wut. »Du bist ein Arschloch, Mick. Ich hätte wissen müssen, dass es ein Fehler war, hierher zu kommen.« Sie wollte aufstehen und gehen, doch er sprang auf und legte ihr eine Hand auf die Schulter.
»Immer langsam«, meinte er. »Ihr habt mich damals auch nicht gerade in Watte gepackt. Ihr habt mir Dinge an den Kopf geworfen, von denen ich mich bis heute nicht ganz erholt habe.«
»Das war etwas völlig anderes.«
»Ach ja? Meine damalige Partnerin bezichtigt mich der Vergewaltigung und meine eigene Familie stellt sich auf ihre Seite, obwohl Aussage gegen Aussage stand?«
»Mick«, schluchzte Sarah. »Wir kannten alle dein Verhalten Frauen gegenüber.«
»Und trotzdem bist du heute hier! Alleine! In meiner Wohnung! Erscheint dir das nicht etwas gefährlich?«
Sarah konnte darauf nicht antworten. »Ich brauche Hilfe!«, stotterte sie nur. »Und du warst mal ein guter Polizist.«
»Falsch«, entgegnete der Mann gereizt. »Ich war der Beste. Und genau das hat dieser kleinen, Karriere geilen Schlampe nicht gepasst. Sie wollte hoch hinaus und ich war im Weg. Und jetzt meinst du, du kannst hier einfach nach all den Jahren auftauchen und mich um einen Gefallen bitten, nachdem ihr mich fallen gelassen habt? Nachdem du und mein feiner Bruder in den letzten Jahre in Saus und Braus gelebt habt und ich mich in diesem Rattenloch mit Gelegenheitsjobs über Wasser halten musste?«
Sarah ließ den Wutausbruch über sich ergehen. »Er ist dein Bruder. Finde ihn Mick. Bitte!«
»Geh damit zur Polizei.«
»Glaubst du, dass ich das nicht schon lange getan habe?«, schrie sie ihn an.
»Oh, die 24-Stunden-Regel. Ich vergaß.«
»Hilf mir! Bitte!« Ihr Zorn war verflogen, die Tränen kamen wieder und diesmal war es ihr egal, dass er sie weinen sah. »Du kannst ihn finden.«
Er schien zu überlegen.
»Was fährst du im Moment für ein Auto?«, fragte sie plötzlich zwischen zwei Schluchzern. »Schau dich um«, meinte er und diesmal lag Resignation in seiner Stimme. Er stand auf, ging kurz in die Küche und kam mit zwei Gläsern und einer Whiskyflasche zurück.
»Ich habe kein Geld für ein Auto. Das Bisschen, das ich bekomme, reicht gerade, um die Miete für diesen Palast zu bezahlen.« Er schüttete sich zwei Finger breit ein. »Auch einen?«
Sarah schüttelte angewidert den Kopf. »Nein danke.« Dann überlegte sie sich genau ihre nächsten Worte. »Draußen steht mein Porsche«, sagte sie. »Wenn du Mark findest, gehört er dir.«
Mick nippte an seinem Getränk und sah sie über das Glas hinweg an. Er antwortete nicht und Sarah wurde nervös. »Ist dir Bargeld lieber?« Mick knallte das Glas so fest auf den Tisch, dass der Whisky überschwappte.
»Kommt dir in deiner maßlosen Arroganz eigentlich keine Sekunde lang der Gedanke, dass mir mein Bruder etwas bedeutet? Dass ich ihn genau so dringend finden will wie du? Dass ich mir Sorgen mache? Dass mir die Familie eben nicht scheißegal ist? Ich weiß, dass ihr Geld habt. Ich habe euch die letzten Jahre nämlich nicht aus den Augen verloren. Aber du kannst dir deine Bezahlung in den Arsch stecken. Wenn ich Mark suche, dann weil ich es will und nicht wegen deiner Almosen.«
Sekundenlang schwiegen sie sich an und in die Stille hinein tönte plötzlich überlaut das Klingeln eines Handys.
Sarah schrak heftig zusammen, zuckte entschuldigend die Achseln, dann klaubte sie mit zitternden Händen das Telefon aus ihrer Handtasche.
»Sarah Peters?« Angestrengt lauschte sie der Stimme am anderen Ende der Leitung. Mit jeder Sekunde wurde sie blasser und atmete schwerer. »Ja, ja. Ich komme. Nein, Sie brauchen keinen Beamten zu schicken. Mein Schwager fährt mich.«
Sie beendete den Anruf, das Handy entglitt ihren Händen und fiel in ihren Schoß.
»Das war die Polizei«, erklärte sie. »Sie haben versucht, mich zu Hause zu erreichen, aber da ich nicht dort war, haben sie mich über Handy angerufen.«
Ich weiß, dachte Mick. Ich war dabei.
»Ich soll sofort aufs Revier kommen.« Sie verbarg das Gesicht in ihren Händen. »Er ist tot, Mick«, schluchzte sie.
»Das kannst du nicht wissen.« Es sollte ein Trost sein, half jedoch weder ihr noch ihm selbst.
Mühsam rappelten sie sich auf, nur widerwillig ließ sich Sarah zur Tür schieben.
Als könne sie das Unvermeidliche aufhalten, wenn sie nur hier sitzen blieb und nichts tat.
Die Fahrt ins Revier verlief schweigend. Mick wollte und Sarah konnte nicht reden. Zu viele Dinge schossen ihr durch den Kopf. Sie versuchte, sich auf das Kommende einzustellen, obwohl sie wusste, dass dies nicht möglich war.
Wenn Mark nur einen Rausch ausschliefe oder ein Verkehrsdelikt begangen hätte, dann hätte man sie am Telefon darüber informiert. Allein der Hinweis, dass man ihr einen Beamten schicken wollte, hatte ihr alles gesagt. Mark war tot und nicht nur das, nein, er war Opfer eines Verbrechens geworden.
Selbstmord, schoss es ihr durch den Kopf, doch das war Unsinn. Ihr Leben war perfekt. Es gab keinen Grund für eine solche Tat.
Mick steuert ihren Porsche in eine Parkbucht vor dem Revier. Er stieg aus und half ihr aus dem Wagen. Verwirrt bemerkte sie, dass sie derart zu zittern begonnen hatte, dass ein selbstständiges Laufen kaum möglich war. Er schleppte sie förmlich die Stufen hoch und durch die große Eingangstür. Vor einem Tresen blieb er stehen.
»Sarah und Michael Peters«, sagte er zu dem Beamten. Es war mitten in der Nacht. Normalerweise hätte der Wachhabende müde und gelangweilt sein müssen, doch er war aufgedreht wie nach drei Litern Kaffee. Kein gutes Zeichen.
»Kommen Sie direkt durch«, sagte er, offensichtlich froh nicht selbst mit den Ankömmlingen reden zu müssen. Micks ohnehin schon schlechtes Gefühl wurde dadurch nicht besser.
Der Beamte führte sie in ein kleines Büro, in dem ein stark schwitzender, übergewichtiger Polizist hinter einem mit Papieren übersäten Schreibtisch saß. Als er sie sah, erhob er sich und kam um den Schreibtisch herum auf sie zu.
»Setzen Sie sich bitte«, sagte er.
Dann schwieg er, faltete die Hände vor dem Bauch und tanzte von einem Bein auf das andere, wie ein Bär auf einer Heizplatte.
»Sie sind Sarah Peters, die Ehefrau von Mark Peters?«
Sarah brachte nur ein schwaches Nicken zustande. Sein Blick fiel auf ihren Begleiter. »Michael Peters«, stellte er sich vor. »Der Bruder des Vermissten.«
Als Mick seinen Namen nannte, schnellte eine Braue des Polizisten nach oben. So als könne er mit dem genannten Namen etwas anfangen.
»Ich …«, stammelte er. »Also vermisst ist nicht das richtige Wort.« Er schien in Gesprächen mit Angehörigen nicht besonders geübt zu sein. »Außerdem warte ich noch auf den Beamten der Kripo«, sagte er nervös und blickte auf seine Armbanduhr.
»Raus mit der Sprache!«, wies Mick ihn an. Dieses Rumgeeiere brachte niemandem etwas.
»Es tut mir furchtbar leid«, begann der Beamte, doch die wenigen Worte reichten, um einen erneuten Tränenausbruch bei Sarah auszulösen, »…aber Ihr Mann ist tot.«
Jetzt war es raus und obwohl Mick damit gerechnet hatte, zog es ihm für einen Augenblick den Boden unter den Füßen weg. Seit dem Tod seiner Eltern war Mark sein einziger Verwandter und auch wenn sie sich in den letzten Jahren entfremdet hatten, so war es nun doch, als schlüge ihm jemand einen Hammer auf den Kopf.
»Wie ist er gestorben?«, fragte er.
»Er, also er …« Der Beamte suchte offensichtlich verzweifelt nach angemessenen Worten, obwohl ihm klar war, dass es sie nicht gab. »Er wurde ermordet«, sagte er dann leise und zog den Kopf ein, als rechne er mit persönlichen Konsequenzen.
»Ermordet?«, schluchzte Sarah. »Aber … aber … wer tut so etwas?«
Der Polizist zuckte die Schultern. »Also, es ist seltsam …«, begann er, erinnerte sich aber dann daran, dass er es hier mit Zivilisten oder sogar potentiellen Verdächtigen zu tun hatte.
»Hatte ihr Mann Feinde?«
Mick schritt ein. »Sind sie sich überhaupt sicher, dass es sich bei dem Ermordeten um meinen Bruder handelt?«, fragte er.
»Ja, also«, stotterte der Mann erneut und war mit der Situation gehörig überfordert. »Er trug doch seinen Pass bei sich.«
Die Tür zum Büro wurde aufgerissen und ein jüngerer Beamter erschien. »Sind das die Angehörigen?«, fragte er und in seiner Stimme lag so etwas wie Autorität. Der Dicke nickte.
»Ich bin Kommissar Gotthard, vom Landeskriminalamt. Darf ich Sie bitten, mich zu begleiten? Ich bringe Sie zum LKA nach Düsseldorf. Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass wir alles weitere erst vor Ort besprechen!«
Und zum zweiten Mal an diesem Tag stiegen sie gemeinsam in ein Auto. Diesmal allerdings in ein Polizeifahrzeug.
In Düsseldorf angekommen, wurde Sarah von einer jungen Polizistin in ein Büro geführt, wo man ihr einen Kaffee reichte. Mick wollte ihr folgen, doch Gotthard hielt ihn zurück. Mit einer Kopfbewegung auf die weinende Sarah erklärte er: »Jemand muss den Leichnam Ihres Mannes identifizieren. Natürlich verstehe ich, dass das für Sie in der jetzigen Situation sehr schwierig ist. Es besteht auch die Möglichkeit, dass ihr Schwager das für Sie übernimmt. Womöglich kann er mit dieser Situation besser umgehen.« Mick legte seiner Schwägerin die Hände auf die Schulter. »Er ist tot«, flüsterte sie immer wieder. »Er ist tot.«
Mick wusste nichts darauf zu antworten. Jeder Versuch eines Trostes würde misslingen.
»Ich bin gleich wieder da«, sagte er stattdessen und ließ sich von Gotthard in den Keller des Gebäudes führen.
»Wie kommen Sie darauf, dass ich besser mit der Situation umgehen kann?«, fragte er den jungen Kommissar.
»Sie waren mal einer von uns«, sagte er, als reiche dies als Erklärung. Als würde man mit der Ausübung dieses Berufes automatisch mit den Grausamkeiten der Welt besser umgehen können.
»Woher wissen Sie das?«
»Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht. Als wir den Ausweis des Toten fanden, war alles andere, dank moderner Technik, ein Kinderspiel. Dabei kam natürlich auch Ihre Akte zum Vorschein.« Er pfiff leise. »Sie waren ja fast eine Legende«, sagte Gotthard. »Bis …«
»Wissen Sie was?«, unterbrach ihn Mick. »Vergessen Sie das. Lassen Sie uns die Sache hinter uns bringen, damit ich so schnell wie möglich von hier verschwinden kann.«
Sie erreichten den Kälteraum, in dem die Leichen bis zur Freigabe gelagert wurden. In einem hatte der junge Kommissar recht. Mick kannte sich hier aus. Das, was er hier tat, war für ihn nichts Neues. Wenn man von der unwesentlichen Tatsache absah, dass der Ermordete diesmal sein Bruder war.
Ein Mann im Kittel erschien und heftete sich an ihre Fersen. Vor einem der Fächer blieb er stehen, öffnete es und rollte eine Bahre heraus. Der Körper, der sich darauf befand, war mit einem grünen Tuch abgedeckt. »Atmen Sie noch einmal tief durch«, meinte Gotthard und tat es selbst. »Das ist kein schöner Anblick.« Dann zog der Kittelträger das Tuch vom Gesicht des Toten.
Mick hatte sich gegen alle Eventualitäten gewappnet, doch was er nun zu sehen bekam, war schwer zu ertragen.
»Wie?«, fragte er nur. Er hatte während seiner Dienstzeit viel gesehen. Kopfschüsse, Menschen, denen man den Schädel eingeschlagen hatte, doch dies …
Der Schädel war völlig deformiert, ein Auge war nicht mehr vorhanden, die Zähne, soweit nicht ausgeschlagen, waren völlig zersplittert.
»Was ist passiert?«, fragte er fassungslos. Eine kalte Wut, nur mühsam zu beherrschen, machte sich in ihm breit.
»Man hatte ihn bis zum Kopf eingegraben, mit einem Sack über dem Kopf. Und dann wurde er offensichtlich... ja, wie soll ich es am Besten ausdrücken? Es sieht so aus, als hätte man ihn gesteinigt.«
Der Kittel hatte sich in eine andere Ecke des Raumes verzogen. Gotthard schaute sich trotzdem um, ob fremde Ohren in der Nähe wären. »Das alles darf ich Ihnen eigentlich gar nicht erzählen«, meinte er. »Und das wissen Sie. Schließlich könnten Sie ein Verdächtiger sein.« Er lächelte schief. »Allerdings sind wir uns alle einig, dass dies kein normaler Mord ist. Jemand, der nur seinen Tod wollte, hätte sich etwas Leichteres ausgedacht. Nein, ich fürchte, wir haben es hier mit einem Irren zu tun.«
»Und warum?«
»Unsere Spurensicherung hat rund um den Toten nur Abdrücke von Kinderschuhen gefunden. Als ob ein Rudel Schüler Ihren Bruder erschlagen hätte. Aber so klein wie die Schuhe sind, hätten die ihren Bruder niemals überwältigen, geschweige denn eingraben können.«
Wieder schaute er sich verschwörerisch um. »Aber das haben Sie alles nicht von mir.«
Plötzlich wurde die Tür zum großen Raum aufgerissen, der Kittelträger nahm Haltung an und auch Gotthard schien zu erschrecken. Eine schlanke Frau mit rotem Pagenkopf und einem grauen Hosenanzug kam auf sie zu. Ihr Gesichtsausdruck verriet deutlich ihre Gefühle.
»Habe ich nicht eindeutig angeordnet, dass Sie auf mich warten sollen?«, sagte sie im Näherkommen leise, aber mit drohendem Unterton, zischend wie eine Schlange.
Wenn Mick gedacht hatte, der Tod seines Bruders sei wahrhaftig genug Elend für einen Tag, so wurde er nun eines Besseren belehrt.
»Hallo Daggi«, sagte er, nachdem er seine Stimme wiedergefunden und seine Überraschung überwunden hatte. »Ich freue mich auch dich zu sehen.«
»Für Sie Kriminalhauptkommissar Keller«, sagte sie. »Und eigentlich dürften wir uns nicht einmal im selben Raum befinden.«
»Oh, dass ich nicht in deine Nähe kommen darf, galt nur für zwei Jahre«, sagte Mick. »Die sind mittlerweile längst vorbei.«
»Und es kostet mich nur einen Anruf beim Staatsanwalt, um die alte Abmachung wieder geltend zu machen.«
»Du wirst doch nicht so nachtragend sein. Nachdem du mich aus dem Weg geräumt hattest, hast du dich doch weiter hochschlafen können. Da zählen doch so kleine Lichter wie ich gar nicht mehr.«
Gotthard hatte sich während ihres Gesprächs immer weiter aus der Schusslinie geschlichen. In einigem Abstand hielt er dennoch den Atem an und versuchte, sich unsichtbar zu machen. Es gelang nicht.
»Wir sprechen uns noch, Gotthardt«, fuhr seine Chefin ihn an.
Dann wandte sie sich wieder Mick zu. »Ist das Ihr Bruder?«
»Unzweifelhaft.«
»Dann sind Sie hier fertig. Sie können gehen. Aber halten Sie sich für weitere Fragen bereit.«
Sie kam ganz nah an Mick heran. »Im Moment bist du nichts weiter als ein Verdächtiger«, zischte sie. »Auch wenn ich weiß, dass das wahrscheinlich albern ist. Aber ich sage Dir eins, Mick und das unmissverständlich.« Er lächelte beinahe, als ihre Maske fiel und sie ihn wieder zu duzen begann. »Wenn du dich irgendwie einmischst, wenn du meinen Ermittlungen im Weg stehst, dann mach ich dich platt. Dann buchte ich dich schneller ein, als du »Amen« sagen kannst.« Sie zitterte leicht und das verursachte ihm Genugtuung.
»Und jetzt raus. Verschwinde!«
Gotthard nutzte seine Chance, zog ihn mit sich und beide entfernten sich schleunigst aus Kellers Nähe.
Mick hatte sich immer noch nicht beruhigt, als der Polizeiwagen Sarah und ihn bei ihrem Porsche in Mönchengladbach absetzte. Seine Schwägerin war völlig fertig, sie weinte nicht mehr, sondern saß einfach nur da und starrte aus dem fahrenden Wagen. Sie war völlig lethargisch und er musste sich eingestehen, dass ihm die in Tränen aufgelöste Frau von vorhin beinahe besser gefallen hatte. Jetzt schien sie einem Nervenzusammenbruch näher denn je.
»Kannst du heute Nacht bei mir bleiben?«, fragte Sarah, als sie vor ihrer Villa standen, die nun kalt und leer erschien
Er zuckte nur die Achseln, parkte den Wagen ein, führte seine Schwägerin ins Haus und bettete sie auf die Couch. Seltsamerweise schaffte sie es, irgendwann einzuschlafen und Mick deckte sie zu.
Dann begab er sich auf die Suche nach etwas Alkoholischem, fand eine gut bestückte Bar und genehmigte sich einen Whisky.
Lange starrte er durch das riesige Fenster, das einen Ausblick auf den parkähnlichen Garten bot und überdachte die Situation. Sein Bruder war tot, dem Anschein nach von einer Horde kleiner Kinder gesteinigt und die Sonderkommission, die man aufgrund der Schwere des Verbrechens gegründet hatte, wurde von seiner Intimfeindin angeführt.
Dagmar Keller, die Frau, die ihm alles genommen hatte.
»Ich finde deinen Mörder Mark!«, flüsterte er, nicht ahnend, dass es ein Tanz mit dem Teufel werden sollte.
Braungelbe Herbstblätter wurden vom Wind aufgewirbelt und flogen Werner Meurers entgegen. Eben erst hatte er das Laub zu einem riesigen Haufen zusammengerecht und jetzt war es schon wieder überall verteilt. Sein Ärger über dieses kleine Missgeschick verflog jedoch schnell. Er nahm den Rechen und begann erneut damit, dem bunten Sammelsurium zu Leibe zu rücken.
Er war Rentner, wohnhaft im südlichsten Stadtteil von Mönchengladbach, in Wanlo. Hier hatte er sein ganzes Leben verbracht, ein Haus gebaut und zwei Kinder alleine groß gezogen, nachdem seine Frau im Alter von 41 Jahren an Krebs gestorben war.
Er hielt inne und umklammerte den Stiel des Rechens. Gedankenverloren ließ er die viel zu kurzen Jahre mit seiner Frau Revue passieren. Ihre gemeinsame Zeit: Eine Geschichte über die nie etwas geschrieben werden würde. Eine Liebe, die mit einem Schwur begonnen und selbst den Tod überdauert hatte.
Ja, er war Anna treu geblieben. Und er hatte kämpfen müssen. Werner hatte gelernt, die Einsamkeit zu ertragen, gelernt, wie man Kinder groß zieht, nebenbei arbeiten geht und sich um den Haushalt kümmert.
Das Geld war immer knapp gewesen und nun, da er Rentner war, wurde es noch schwieriger, mit dem wenigen Geld auszukommen, auch wenn seine Kinder schon seit einigen Jahren ausgezogen waren.
Beherzt begann er wieder, den Rechen zu schwingen und das Laub zu kehren.
»So, da bin ich wieder.«
Ein junger Mann von etwa dreißig Jahren kam auf den Rentner zu und stellte sich vor ihn.
»Herr Meurers, ich muss schon sagen, Sie sind ein fleißiger Mann, so wie Sie die Dinge hier in Schuss halten. Hut ab, Hut ab, mein Freund.«
Anerkennend klopfte er dem mindestens einen Kopf kleineren Meurers auf die Schulter und grinste.
Werner betrachte den Mann. Dessen langen Bart, der wie angeklebt aussah, der muffige alte lange Mantel und die enorme Größe ließen ihn bedrohlich wirken, was allerdings im kompletten Gegensatz zu seinem Verhalten stand.
Dieser Typ war freundlich ohne Wenn und Aber.
»Ich danke Ihnen«, sagte der Rentner.
»Fünfhundert Euro für die Laube und das für nur eine Woche«, fuhr er fort. »Das ist für mich jede Menge Geld, auch wenn ich nicht sicher bin, ob das rechtens ist, was Sie hier vorhaben. Ein wenig Angst habe ich schon, dass ich Ärger bekomme.«
»Wie ich schon sagte, Herr Meurers, ich habe nur nach einem Platz gesucht, an dem ich meine Pflanzen für die Dauer meiner Abwesenheit sozusagen parken kann und wo sich jemand Zuverlässiges darum kümmert. Hier sind die Bedingungen in jeder Hinsicht ideal.«
Gestern hatte sich eben dieser Mann auf ein Inserat gemeldet, das Werner kürzlich in die Zeitung gesetzt hatte: Laube (auch als Gewächshaus verwendbar) mit ausgebautem Dachboden günstig zu vermieten.
Ein kurzer Moment in der Laube und ein Blick auf den Dachboden hatten ihm ausgereicht und er hatte Werner fünfhundert Euro in die Hand gedrückt. Fünfhundert Euro für eine Woche! Werner argwöhnte zwar, dass es sich dabei womöglich um verbotene Produkte handelte, aber das verdammte Geld trieb ihn dazu zuzusagen. Da der Mann absolute Diskretion forderte, ließ Meurers ihn gewähren und händigte ihm einen Zweitschlüssel aus. Stunden später kam der Kerl mit einer ganzen Wagenladung exotischer Pflanzen zurück.
Früher hatte Werner diese Laube selber als Gewächshaus genutzt. Unten war das Häuschen komplett verglast. Das Giebeldach war mit Reed gedeckt, so dass es den Anschein hatte, als wäre die Laube ein kleines Haus an der Küste. Oben auf dem Giebeldreieck thronte ein Wetterhahn. Innen war das Dach mit einer wasserabweisenden Schutzfolie, mit Glaswolle und dicken Rigipsplatten ausgestattet. Ein großes doppelt verglastes Dachfenster sorgte für ausreichendes Licht
In der Mitte des Dachbodens befand sich eine mit einem Griff versehene Klappe, an der ein Zugseil befestigt war. Durch das Ziehen des Seiles entriegelte sich der Griff, die Klappe öffnete sich und eine Leiter wurde nach unten gelassen. Neben dem Griff gab es ein etwa fünf Zentimeter großes Loch, welches dem Dachboden wenigstens ein geringes Maß an Luftzufuhr gewährleistete.
Nun standen im gesamten unteren Bereich Pflanzen und Werner erhielt den Auftrag sie täglich zu gießen. Der Lange hatte scheinbar einen Hang zu sehr ausgefallenen Pflanzen und Behältnissen. Nichts davon kam Werner bekannt vor.
Doch vor allem eine Konstruktion machte den Rentner stutzig. In der Mitte des Raumes stand ein kleiner Motor auf dessen Vorderseite eine Schale mit einem Schlauch befestigt war. Goss man Wasser in die Schale pumpte der Motor das Wasser durch den Schlauch auf den Dachboden. Das Loch in der Klapptür war zugeklebt, so dass man nur noch sehen konnte wie der Schlauch in der Decke verschwand. Den Griff für die Leiter hatte der Mann mit einem Schloss versehen. »Dort oben verwahre ich das seltenste Exemplar meiner Sammlung«, erklärte der junge Mann auf Meurers fragenden Blick hin. »Es ist eine Pflanze, die äußerst empfindlich auf Zugluft reagiert. Deshalb habe ich dafür gesorgt, dass Sie sie von hier aus tränken können ohne sie zu gefährden. Noch einmal, Herr Meurers, fast alle meine exotischen Pflanzen sind äußerst selten und wertvoll. Hier sind, wie schon gesagt, die Bedingungen ideal, deswegen kann ich Ihnen auch verhältnismäßig viel Geld anbieten Bitte achten sie jedoch darauf, dass Sie die Pflanze auf dem Dachboden immer besonders behandeln und zweimal am Tag gießen. Und versuchen Sie nie, die Klappe zu öffnen, das würde alles kaputt machen. Entschuldigen Sie das Schloss, aber ich hielt es für sicherer, da ich nicht weiß, ob hier vielleicht Fremde ihr Unwesen treiben.«
»Nein, hier ist noch nie eingebrochen worden. Seit ich hier lebe ist so etwas noch nie vorgekommen.« Werner kramte einen Zettel aus seiner Hosentasche, hielt ihn vor seine Nase und begann, einen Namen zu stottern: »Herr Esgemdan.«
Der junge Mann nickte freundlich.
»Ich vertraue Ihnen voll und ganz. Bei Ihnen sind meine Pflanzen bestimmt gut aufgehoben. Den Plan, wann Sie welche Pflanze gießen müssen, haben Sie ja bekommen. Wenn Sie sich genau an meine Anweisungen halten, kann eigentlich gar nichts schiefgehen.« Der Lange streckte Werner Meurers die Hand hin und der Rentner schüttelte sie kräftig.
»Ich bin für fünf Tage auf Geschäftsreise, danach hole ich die Pflanzen wieder ab, vielen Dank noch mal für Ihre Hilfe.«
»Ich habe zu danken«, strahlte Werner den Bartträger an und sah zu wie er durch das Gartentor verschwand.
Wieder kramte er in seiner Hosentasche und holte einen gelben Zettel hervor.
»So, dann machen wir uns doch gleich mal an die Arbeit.«
Laube, Tag 2, Dachboden
Karsten Altgott fror. Er saß nackt auf einem Stuhl, der mit dicken Bolzen am Boden befestigt war. Stricke und Klebebänder machten ihm fast jede Bewegung unmöglich, lediglich den Kopf konnte er ein wenig zur Seite drehen. Voller Panik bemerkte er, dass sogar sein Mund zugeklebt war. Nur eine kleine Öffnung war frei geblieben. Mit der Zunge ertastete er etwas wie einen dünnen Schlauch, aus dem ihm ständig Flüssigkeit in den Mund tropfte.
Verdammt noch mal!, dachte er. Was ist passiert? Wie bin ich hierher gekommen und wo zum Teufel bin ich überhaupt? Verzweifelt versuchte er sich zu erinnern, aber alles was ihm einfiel, war, wie er nach einem stressigen Arbeitstag in sein Auto gestiegen war und sich auf eine Dusche, ein kaltes Bier und sein Sofa gefreut hatte. Danach … Filmriss!
Er hatte nicht einmal eine Ahnung, wie lange er schon hier saß. Nach den Schmerzen in seinen Muskeln und Gelenken zu schließen musste es aber schon ziemlich lange sein.
Soweit es ihm möglich war, drehte er den Kopf, um einen Blick auf seine Umgebung zu werfen. Zunächst sah er ein Dachfenster und einen, zumindest innerhalb seines Blickwinkels, leeren Raum.
Damit war die Bestandsaufnahme auch schon abgeschlossen und erst jetzt fiel ihm auf, dass sein Hintern schmerzte. Es kam ihm vor, als würde er eine Hämorrhoidenverödung beim Gastroenterologen vornehmen lassen. Eine Erfahrung, die er zu seinem Leidwesen, bereits einmal hinter sich gebracht hatte und die er keinesfalls wiederholen wollte. Da war irgendetwas in seinem After. Es drückte und pochte unaufhörlich, aber er konnte sich keine Vorstellung davon machen, was dieses Gefühl verursachte.
Laube, Tag 2, unten
Werner goss, wie es ihm der Zettel vorgab. Als Letztes schüttete er Wasser in das Schälchen und beobachtete, wie es augenblicklich auf den Dachboden gepumpt wurde. Die Pumpe surrte, bis das ganze Wasser durch den Schlauch seinen Weg nach oben gefunden hatte. Dann stellte der Motor sich von selbst ab.
Interessant, dachte Werner. Er hoffte darauf, die Pflanze auf dem Dachboden sehen zu können, wenn der junge Mann von seiner Geschäftsreise wiederkam. Zufrieden schloss er die Laube ab und ging hinüber ins Haus.
Laube, Tag 3, Dachboden
Schmerzen! Unerträgliche grelle Schmerzen! Karsten Altgott schrie. Doch seine Schreie blieben stumm. Das Klebeband über seinem Mund hinderte ihn daran, seine Qual laut herauszubrüllen. Vor einigen Stunden hatte er noch überlegt, wie er überhaupt hier her gekommen war, aber diese wahnsinnigen Schmerzen machten jeden klaren Gedanken zunichte. Etwas bahnte sich einen Weg durch seinen Darm. Tränen schossen ihm in die Augen. Verzweifelt versuchte er, wenigstens einen Teil seiner Fesseln zu lösen oder zumindest etwas zu lockern, umsonst. Wut überkam ihn. Auch der Schlauch in seinem Mund machte ihn verrückt, zumal der Nachschub an Flüssigkeit deutlich geringer geworden war. Schon jetzt spürte Karsten ein immer stärker werdendes Hunger- und Durstgefühl.
Viel kommt da auch nicht mehr, dachte er kurz. Dann kam der nächste Schmerzschub und ihm quollen beinahe die Augen aus dem Kopf. Noch wünschte er sich zwar nicht den Tod, aber zumindest eine gnädige Ohnmacht, doch beides ließ noch auf sich warten.
Werner schlief schlecht.
Auch der Morgen machte alles nicht besser. Beim Einkaufen traf er die üblichen Verdächtigen. Rentner, die dazu verdammt schienen, sich an jedem Tag ihres restlichen Lebens irgendwo zu treffen und sich gegenseitig ihr Leid zu klagen. Darüber hinaus wurde über dieses und jenen gelästert bis keiner mehr etwas zu sagen hatte und sich jeder auf den Heimweg machte.
Diese Eintönigkeit macht mir manchmal schwer zu schaffen, dachte Werner, wohl wissend, dass heute Abend seine Tochter zu Besuch kommen würde, was auch das Einzige war, was diesen Tag noch retten konnte.
Laube, Tag 3, unten (17:00 Uhr)
»Hier ist die Sammlung. Schau mal hier, Jenny.«
Werner hatte seine achtundzwanzigjährige Tochter mit in die Laube genommen und präsentierte ihr die exotischen Pflanzen. Er goss Wasser in das Schälchen und die Pumpe begann augenblicklich ihre Arbeit.
»Was soll denn der Blödsinn?« Jenny war pragmatisch. Sie mochte keine Umwege.
»Das ist doch totaler Müll. Wieso stellt der Typ, von dem du mir erzählt hast, die Pflanze denn nicht hier unten hin?«
»Na, vielleicht braucht sie ganz spezielle Bedingungen«, antwortete Werner. »Zumindest darf sie auf keinen Fall Zugluft bekommen, wurde mir gesagt.«
»Mumpitz!« Jenny begann, an dem Schloss zu rütteln.
Laube Tag 3, Dachboden
Karsten musste kurz eingeschlafen sein oder war er doch schon ohnmächtig geworden?
Plötzlich hörte er ein Geräusch. Etwas rappelte unter ihm.
Er nahm alle Kraft, die ihm noch geblieben war, zusammen, drückte verzweifelt mit der Zunge gegen diesen widerlichen Schlauch und schaffte es tatsächlich, ihn herauszuschieben, so dass eine kleine Öffnung im Klebeband entstand. Wie wild begann er zu schreien, getrieben von Wut, Schmerz und Verzweiflung.
Laube Tag 3, unten (17:01 Uhr)
»Was soll denn das?«, fragte Jenny.
»Was meinst du?«
»Na, das Schloss da.«
Werner zuckte mit den Schultern.
»Der Mann hat gesagt, dass ich die Luke auf keinen Fall öffnen darf und ich würde das auch nie tun. Fünfhundert Euro… Wenn die Pflanze kaputt ginge, würde er das vielleicht alles wieder zurück haben wollen. Ich nehme an, er wollte nur sicher gehen.«
»Was für ein…« begann Jenny und hielt plötzlich inne.
»Komisch«, flüsterte sie, »ich hätte schwören können, da oben irgendetwas gehört zu haben.«
»Jetzt komm aber, ich will hier nicht die Nacht verbringen.«
Werner ging hinaus und mit einem auffordernden Nicken bedeutet er Jenny, es ihm gleich zu tun. Sie ging einen Schritt in Richtung ihres Vaters, dann blickte sie noch einmal zurück auf die Luke. Sie zögerte.
»Das ist irgendwie gruselig. Am besten rufst du die Polizei an.«
Werner schaute seine Tochter entgeistert an, so als hätte sie ihm erzählt, dass der Mond gerade vom Himmel gefallen wäre.
»Was soll ich denn deiner Meinung nach der Polizei sagen? Hallo, hier sind gemeine Pflanzen, die mich um den Verstand bringen? Ich wusste nicht, dass du deinen Alten unbedingt in der Psychiatrie besuchen willst.«
Jenny lachte.
»Okay, vielleicht hast du ja Recht. Aber du musst zugeben, dass das hier schon eine sehr seltsame Konstruktion ist.«
»Nun komm!« Werner ließ Jenny an sich vorbei ins Haus gehen und schloss die Laubentür, nicht ohne nachdenklich geworden zu sein.
Laube Tag 4, Dachboden
Karsten Altgott wachte wieder auf, weil der Schmerz so unerträglich war. Dann fiel er in Ohnmacht, nur um kurze Zeit später durch die Nadelstiche in seinem Unterleib wieder wach zu werden. Dieses Prozedere wiederholte sich andauernd. Sein Mund wurde immer trockener, da der Schlauch nicht mehr da war. Plötzlich: Ein Messerstich in seinen Eingeweiden. Karsten wurde mit einem Mal übel. Er musste sich übergeben. Ein wenig von seinem Erbrochenen quoll durch das kleine Loch, das durch den abgerissenen Schlauch entstanden war. Der Rest verstopfte ihm den Mund, so dass ihm das Zeug aus der Nase trat. Er rang nach Luft, atmete jedoch nur seine eigene Kotze immer wieder ein. Sein Todeskampf dauerte nur wenige Minuten. Karsten Altgott war erstickt.
Die volle Gießkanne in der Hand betrat Werner Meurers wieder die Laube. Es war der sechste Tag, nachdem er den großen jungen Mann zum ersten Mal gesehen hatte. Die Pflanzen gediehen prächtig. Auch der Motor funktionierte weiterhin einwandfrei, doch es hatte sich ein übler Gestank in dem kleinen Haus ausgebreitet, der kaum noch zu ertragen war.
Nur noch mit Widerwillen betrat der Rentner seine zum Gewächshaus umfunktionierte Laube. Er musste an die Worte seiner Tochter denken: »Das ist gruselig.«
Der Geruch kam eindeutig vom Dachboden. Die Neugierde und das Verlangen nach einer Lösung dieses Problems ließen dem Rentner keine Ruhe.
Kurz entschlossen schnitt er das Klebeband durch, welches das Loch in der Türklappe verschloss und durch das der Wasserschlauch nach oben führte. Ein süßlich fauliger Geruch, vermischt mit etwas, das wie Erbrochenes roch, stieg Werner in die Nase. Angewidert schnappte er nach Luft.
Noch konnte er wenig erkennen, weil grelles Licht durch das Loch schien.
»Verdammt!«, schimpfte er.
Er ging zurück ins Haus und kam, bewaffnet mit einem Bolzenschneider, wieder zurück. Damit durchtrennte er das Schloss, griff in das Loch und zog die Leiter zu sich auf den Boden. Der Gestank wurde so bestialisch, dass Werner nicht einmal bis auf die erste Sprosse der Leiter kam.
Wieder ging er ins Haus und kam kurze Zeit später mit einer Wäscheklammer auf der Nase zurück.
Hoffentlich kommt jetzt keiner, dachte er.
Werner Meurers erklomm die ersten zwei Sprossen und hielt den Atem an. Er sah Füße, Beine, da saß jemand auf einem Stuhl. Unter dieser Person wuchs eine Pflanze scheinbar in das Holz des Sitzes hinein. Die Pflanze wurde durch den Schlauch, der unten am Motor befestigt war, mit Wasser versorgt.
Werner hielt den Atem an und ging noch eine Sprosse höher, bis er seinen Kopf komplett durch die Luke stecken konnte.
Sein Herz setzte aus. Er konnte unmöglich glauben, was er da sah. Zu bizarr war die Vorstellung, dass dies hier Wirklichkeit sein sollte. Ein Mann, komplett mit Stricken umwickelt und auf einem Stuhl gefesselt, schaute mit weit aufgerissenen Augen ins Nichts. Sein Blick spiegelte das ganze Entsetzen dessen wider, was er in den letzten Tagen hatte durchmachen müssen. Aus einem kleinen Loch in seinem zugeklebten Mund und aus seiner Nase quoll getrocknetes Erbrochenes.
Doch dann kam der eigentliche Wahnsinn. Durch das Klebeband um seinen Bauch stachen kleine, wie Zahnstocher aussehende, Hölzchen. Werner wurde schwindelig als er begriff, was er da sah. Die Pflanze, die er getränkt hatte, war in den Mann eingedrungen und hatte ihn von innen aufgespießt. Die Verästelungen begannen nun damit, sich ihren Weg aus dem Körper zu bahnen.
Die Luft blieb dem Rentner nun völlig weg. Er taumelte. Der Schock hatte ihm übel zugesetzt. Sein Herz begann zu flattern. Alles drehte sich und eine bedrohliche Schwärze umgab ihn, hüllte ihn ein. Er verlor den Halt und fiel die Leiter hinab.
Noch ein kurzes Zucken, dann starb er …
Als Sarah Peters erwachte, brauchte sie ein paar Sekunden um sich zu orientieren. Sie befand sich nicht in ihrem Bett, sondern lag auf der Couch im Wohnzimmer.
Schlaftrunken setzte sie sich auf, rieb sich die schmerzenden verweinten Augen und dann überfielen sie mit einem Schlag die Ereignisse des gestrigen Tages.
Mark war tot, ermordet und Mick, ihr Schwager…
Ihr Blick schweifte durch den Raum und sie sah, dass der Schwarzhaarige auf einem Stuhl saß und durch das Fenster in den Garten starrte. Als er das Rascheln hinter sich hörte, drehte er sich um. Er sah furchtbar aus. Die Falten in seinem Gesicht schienen über Nacht tiefer geworden zu sein, selbst der Ansatz von Grau in seinen Haaren hatte sich verstärkt. Wenn Sarah je einen gebrochenen Mann gesehen hatte, dann jetzt und hier.
Mühsam rappelte sie sich auf, registrierte die Decke, die er wohl gestern über sie gebreitet hatte und ging zu ihm.
»Hast du gar nicht geschlafen?« Es war weniger eine Frage als eine Feststellung.
Er starrte wieder geradeaus, sein Blick fiel auf die Vögel, die die kleine Tränke benutzten, doch Sarah merkte, dass er zwar hinschaute, sie aber nicht sah.
»Ich werde dieses Schwein zu fassen bekommen!«, murmelte er. Kein »Guten Morgen«, kein »Wie geht es dir?«. Aber was hätten diese Fragen auch gebracht? Wie sollte es ihr schon gehen?
Gestern war ihre Welt noch in Ordnung gewesen. Sie und Mark waren gesund, wohlhabend, hatten alles gehabt, was man sich für Geld kaufen konnte und nun das.
So etwas gehörte doch ins Fernsehen oder in ein Boulevardblatt, aber nicht ins reale Leben ganz normaler Leute. Schlagartig wurde ihr bewusst, dass sie ihr Leben ab jetzt ohne Mark würde bewältigen müssen. Dass er nicht auf einer Geschäftsreise war, sondern dass er nie wieder kommen würde. Sie spürte wie sich ein Schluchzen den Weg durch ihre Kehle bahnte, aber Tränen hatte sie keine mehr. Sie war leer. Und der einzige Mensch, der ihr Elend mit ihr teilte war jemand, den sie in den letzten Jahren verachtet hatte.
»Ich mache uns einen Kaffee«, sagte sie und ging in die Küche, lief vor dem Mann davon, der einen Gesichtsausdruck hatte, der sie das Fürchten lehrte. So sah jemand aus, der zu allem bereit, dem nichts mehr heilig war, ja, der wahrscheinlich sogar bereit wäre zu töten.
Sie schüttelte sich und versuchte den nächsten Gedanken zu verdrängen. Vielleicht war das alles nur Schauspielerei. Vielleicht hatte er seinen Bruder auf dem Gewissen. Hatte ihn umgebracht aus Wut oder aus Neid.
Sie schlug sich gegen die Stirn. Wenn sie so anfing, dann würde sie zweifellos bald verrückt werden. Nein, die Polizei schien ihn nicht zu verdächtigen, also warum sollte sie es tun.
Mit zitternden Händen bediente sie den Kaffeeautomaten und schaffte es irgendwie, völlig mechanisch, zwei Tassen zu füllen. Sie brachte sie zurück ins Wohnzimmer und drückte ihrem Schwager eine davon in die Hand.
»Danke«, flüsterte er.
»Ich danke dir«, sagte sie. »Danke, dass du dich gestern um mich gekümmert hast. Danke, dass du mir hilfst, all dies durchzustehen.«
»Danke mir, wenn ich diesen Irren erwischt habe«, sagte er rau.
Sie sah ihn an, sein Blick machte ihr immer noch Angst.
»Glaubst du nicht, dass das Sache der Polizei ist?«, fragte sie.
Die Wut in seinem Blick nahm weiter zu. »Hast du nicht mitbekommen, wer die Sonderkommission leitet?«, fragte er scharf. »Dieser Schlampe soll ich zutrauen den Mörder meines Bruders zu finden?« Er schüttelte aufgebracht den Kopf.
»Nein. Ich war immer besser als sie und ich werde es beweisen.«
Sarah wusste nicht, ob ihr die letzten Worte gefielen. Ob es richtig war, die Aufklärung des Mordes an ihrem Mann zu einem Wettbewerb zu erklären. Sie setzte sich wieder auf die Couch und hüllte sich in die Decke. Ihr war kalt, obwohl es trotz des frühen Morgens schon fast zwanzig Grad warm war. Doch die Kälte, die sie spürte, kam von innen. Jemand hatte ihr die Liebe ihres Lebens genommen und dieser Verlust stahl ihr die Wärme aus dem Herz.
»Wenn ich irgendetwas tun kann...«, begann sie. Mick kam zu ihr, stellte die Tasse auf den Tisch, kniete sich vor sie und nahm ihre Hände in seine.
»Du musst jetzt stark sein«, sagte er. »Musst dich hier um alles kümmern. Es gibt jetzt nach Marks Tod...«, er schluckte und es fiel ihm deutlich schwer weiter zu reden. »Es gibt hier jetzt so viel zu tun. Du musst dich um die Beerdigung kümmern, den Nachlass regeln und …«
Er verstummte kurz.
»Hast du Freunde, die dir dabei helfen können?«
Sarah überlegte lange und nickte dann schließlich.
»Ich kann dir bei diesen Dingen nicht beistehen«, sagte er. »Ich werde andere Sachen zu tun haben.«
Sie brauchte nicht zu fragen, was er im Einzelnen meinte.
»Brauchst du etwas?«, fragte Sarah dann. Mick sah seine Schwägerin an. Er hatte sie immer für eine Schickimicki-Trulla gehalten. Für Jemanden, dem shoppen, schicke Klamotten, die »richtigen« Leute zu kennen und ähnliche Oberflächlichkeiten das Wichtigste im Leben waren. In diesen Augenblicken belehrte sie ihn eines Besseren. Sie war stark und hielt sich verdammt gut.
»Ich werde etwas Geld brauchen«, sagte er. »Und die Schlüssel zu Marks Büro. Ich weiß, du sagst, er hätte keine Feinde gehabt, doch ich werde mir seine letzten Geschäfte und die Kunden mal ein wenig genauer anschauen.«
Er sah in ihrem Blick, dass es ihr nicht gefiel. »Ich muss irgendwo anfangen«, meinte er. »Irgendwer hatte einen riesigen Hass auf Mark. Einen solchen Groll, dass ihm ein normaler Mord zu gnädig erschien. Und ich werde herausfinden wer.«
Sie kramte in ihrer Handtasche und reichte Mick eine Kreditkarte. »Heb so viel ab, wie du brauchst«, sagte sie. »Am Geld soll es nicht liegen.« Nun rollte doch wieder eine Träne über ihr Gesicht. Geld, das ihr immer so wichtig gewesen war, hatte mit einem Mal seine Bedeutung verloren. Das, was ihr wirklich etwas bedeutet hatte, würde all ihr Reichtum ihr nicht mehr zurückbringen können.
»Kann ich dich alleine lassen und darf ich mir den Porsche noch einmal ausleihen?«, fragte ihr Schwager und Sarah nickte, obwohl sie im Moment nichts weniger wollte als allein gelassen zu werden. Ohne ein weiteres Wort machte sich Mick auf den Weg. Seiner Rache entgegen …
»Hallo Kurt. Hier ist Mick.«
»Mick? Mick Peters?« Die Stimme am anderen Ende der Leitung klang echt überrascht. »Ich hab ja Monate nichts mehr von dir gehört.«
»War im Urlaub.«
»Ist klar.« Kurt Schneider zählte eins und eins zusammen. Er war nicht umsonst einer der besten Reporter bei der NGZ, aber jetzt hätte auch ein weniger begabter Mann gewusst was anlag.
»Das mit deinem Bruder tut mir wahnsinnig leid«, meinte er.
Die Zeitungen hatten über den Fall berichtet. Sensationsheischend zwar, aber trotzdem sachlich richtig im Rahmen ihrer Möglichkeiten. Es war erwähnt worden, dass der erfolgreiche Immobilienmakler Mark Peters ermordet worden war, einige hatten sogar eine Steinigung angedeutet, doch die Presse hatte die beteiligten Kinder nicht erwähnt. Diesmal schien es so etwas wie Opferschutz zu geben.
»Ich brauche Informationen«, sagte Mick gepresst.
»Warum?«
»Stellst du dich absichtlich blöd?«
Kurt Schneider atmete hörbar aus. »Ich weiß nichts, was die Polizei nicht auch weiß«, sagte der Reporter. »Wende dich an deine Ex-Kollegen.«
»Das kann ich nicht und das weißt du. Also sag mir alles, was in deiner Redaktion über den Fall bekannt ist.«
»Und was ist dabei für mich drin?« Micks Hände wollten unbedingt durch die Leitung diesem Kerl an den Hals. Ging aber nicht. »Ich halte dich auf dem Laufenden mit allem, was ich heraus bekomme.«
»Dann ermittelst du auf eigene Faust?« Das Interesse des Reporters war geweckt.
»Ich werde den Mörder meines Bruders finden und du erhältst die Exklusivrechte.« Damit hatte er Kurt am Haken.
»Du weißt sicherlich, dass Kinder am Tatort anwesend waren?«, fragte er.
»Ja, ein junger unvorsichtiger Kommissar hat sich verplappert.«
»Die Polizei wollte, dass dies nicht an die Öffentlichkeit kommt. Was nur allzu verständlich ist. Und meine Kollegen und ich haben uns daran gehalten. Trotzdem gibt es Eltern, die mit genau dieser Sache Kohle machen wollen. Eine Mutter hat in der Redaktion angerufen und wollte uns ein Interview mit ihrem Sohnemann verkaufen. Für eine horrende Summe.«
Mick wunderte sich, dass kein Zeitungsmensch darauf eingegangen war. Kurt schien seine Gedanken zu erraten. »Der Junge würde seines Lebens nicht mehr froh werden«, sagte er. »Kinder können grausam sein. Er würde sicherlich von anderen als Mörder beschimpft. Selbst Reporter sind Menschen, manche sogar Väter. Nein, mit so einer Story will keiner was zu tun haben.«
»Ich brauche trotzdem den Namen«, sagte Mick. Und nach einer kurzen Verhandlung in der Kurts Kontonummer, die Zusage einer zeitnah erfolgenden Überweisung und das Versprechen sich wieder zu melden eine entscheidende Rolle spielten, bekam er genau das, was er haben wollte. Mick legte auf.
Es war wirklich nicht die beste Wohngegend in die Micks Weg führte. Heruntergekommene Drei- oder Vierfamilienhäuser oder Reihenhäuser mit abplatzender Fassade und vermüllten Gärten prägten das Straßenbild. Er hielt den teuren Porsche, der so gar nicht hierher passen wollte, kurz an und verglich die Hausnummern mit der Adresse auf seinem Zettel. Als er das richtige Haus gefunden hatte, parkte er den Wagen und stieg aus.
Es war gegen Mittag, das Wetter war schön, der Himmel wolkenlos, noch dazu war Wochenende. Die Straße hätte voller spielender Kinder sein müssen, doch über der ganzen Siedlung lag eine beinahe gespenstische Ruhe.
Mick atmete noch einmal durch, dann ging er auf ein schmales, mittleres Reihenhaus zu, bahnte sich den Weg an achtlos hingeworfenen Kinderfahrrädern und Bobby Cars vorbei und klingelte an der Eingangstür, deren ursprüngliche Farbe nicht mehr zu erkennen war.
Sekunden später wurde die Tür aufgerissen und ein etwa sechzehnjähriges, sehr stark geschminktes Mädchen starrte ihn an.
»Ja?«, fragte sie und knatschte mit ihrem Kaugummi.
»Mein Name ist Peters«, stellte Mick sich vor. »Bin ich hier richtig bei Familie…«, er blickte auf seinen Zettel, »… bei Familie Matthies?«
»Sind Sie ein Bulle oder einer vom Amt?«, fragte das Mädchen. Sie trug ein bauchfreies, neonfarbenes Top und Hotpants, die unwesentlich breiter waren als ein Gürtel. »Wenn Sie ein Kuckuckskleber sind, dann ham Sie ein Problem. Hier is schon lange nix mehr zu holen.«
Sie grinste und Mick bemerkte, dass ihre Zähne auch etwas von dem übermäßig aufgetragenen Lippenstift abbekommen hatten.
»Ist deine Mutter zu Hause?« Mick hatte keine Lust mehr auf diese Aushilfslolita.
Die Wasserstoffblonde drehte sich um. »Mum!«, schrie sie so laut, dass die Gläser in den Schränken klirrten. »Is für dich. Irgend so ein Typ.«
Ein Knirschen und Knarzen erklang, übertönt von Babygeschrei, dann erschien Frau Matthies auf der Bildfläche. Sie schien sich mit ihrer Tochter die monatliche Wasserstoffperoxid-Flasche zu teilen und ihr Gesicht war eine ältere verbrauchtere Version von dem ihrer Tochter. Zum Glück hatten die beiden nicht den gleichen Klamottengeschmack. Wobei es allerdings auch schwer gefallen wäre, diese Massen in ein Top und Shorts zu zwängen.
»Wat issen?«, fragte die Frau breit und Mick bemerkte beinahe amüsiert, dass auch in diesem grellrot geschminkten Mund ein Kaugummi vorhanden war.
»Mein Name ist Peters«, stellte er sich noch einmal vor.
»Endlich ein Schreiberling, der sich traut, eine ordentliche Story zu bringen?«, fragte die Dicke und Mick sah beinahe die Eurozeichen in den Augen der Frau.
»Der Ermordete war mein Bruder«, sagte er, um seine Gesprächspartnerin direkt einzunorden.
»Oh!« Frau Matthies musste diese Information erst verarbeiten. »Mein Sohn konnte das nicht wissen«, sagte sie. »Keiner der Jungs konnte das wissen. Er hat sich nicht strafbar gemacht, das hat die Polizei gesagt. Und verklagen lohnt sich auch nicht, hier is nix zu holen.«
Ja, das hatte Mick gerade schon einmal gehört. Die Frau trat einen Schritt zurück und er befürchtete, dass sie kurz davor war, ihm die Tür vor der Nase zuzuschlagen.
»Ich will Ihnen nichts«, sagte er beschwichtigend. »Und ich bin Ihrem Sohn nicht böse. Ich würde mich nur gerne einmal mit ihm unterhalten.«
»Die Bullen haben das schon getan.« Mick nickte. »Ich weiß«, sagte er. »Trotzdem…«
»Über diese Sache zu reden, regt ihn fürchterlich auf.«
Klar und deshalb wollten Sie Ihrem Sohn auch ein paar Reporter auf den Hals hetzen, dachte Mick. Laut meinte er: »Es soll nicht zu Ihrem Schaden sein« und zog einen Hundert-Euro-Schein aus der Tasche. »Nur für Ihre Mühe. Und vielleicht können Sie Ihrem Sohn davon etwas kaufen, was ihn von dieser schlimmen Geschichte ein wenig ablenkt.«
Sie nickte so schnell, dass ihr Doppelkinn in Wallung geriet. Und Mick wusste im selben Moment, dass der Kleine von der Kohle nichts sehen würde. Das Geld würde todsicher für einen hunderter Pack Kaugummis und einen Eimer Haarfarbe draufgehen.
»Aber nur ganz kurz«, meinte sie und Mick wollte schon eintreten, doch die Dicke versperrte weiter den Weg. »Kevin?«, schrie sie und auch ihre Stimme war ähnlich lieblich wie die ihrer Tochter. »Kevin? Komm ma runter!«
Sie warteten und Mick dachte schon, dass der Kleine nicht erscheinen würde, doch dann kam ein verschüchterter Junge mit gelocktem blondem Haar an die Tür. Im Gegensatz zu seiner weiblichen Sippschaft war bei ihm das Blond allerdings echt.
»Der Mann hat ein paar Fragen an dich«, sagte sie und schob den Jungen durch die Tür.
»Hallo Kevin«, sagte Mick und begann, sich unwohl zu fühlen. Der Umgang mit Kindern war ihm nicht wirklich vertraut und doch musste er es irgendwie schaffen, den Jungen auf seine Seite zu ziehen. Er sollte sich ihm öffnen, sollte möglichst keine Angst vor ihm haben.
Frau Matthies schien jetzt, nachdem sie hundert Euro erhalten hatte, das Interesse an dem Gespräch zu verlieren, denn sie zog sich ins Haus zurück und ließ Mick mit ihrem Sohn allein.
Allein mit einem wildfremden Mann und das nach den Geschehnissen der letzten Stunden.
Mick spürte, dass er wütend wurde, doch dieses Gefühl konnte ihm jetzt nicht helfen, stand ihm eher im Weg.
Kevin trat von einem Fuß auf den anderen und traute sich nicht, Mick in die Augen zu sehen.
Seine Hände umklammerten sein T-Shirt auf dem Spiderman zu erkennen war.
»Der Typ ist cool, oder?«, fragte Mick und deutete auf das Bild.
Kevin brauchte einen Moment, um zu verstehen. »Sie kennen Spiderman?«, fragte er erstaunt.
»Klar. Als ich in deinem Alter war, habe ich die Comics gefressen und die Filme schaue ich mir heute noch gerne an.«
»Die Filme hab ich auf DVD«, sagte der Junge stolz. »Auch den ganz Neuen schon.«
»Den finde ich auch super. Aber vor der Echse hab ich ein bisschen Angst gehabt.«
»Sie haben Angst?« Kevin bekam große Augen. »Aber Sie sind erwachsen.«
»Auch Erwachsene haben Angst«, sagte Mick und setzte sich auf die Treppe vor dem Haus. »Das hört nie auf. Und böse Dinge passieren immer.« Der Junge setzte sich neben Mick.
»Sie meinen den bösen Mann, der uns die schlimmen Dinge hat tun lassen?«
Mick nickte. »Ihr konntet nichts dafür«, sagte er. Kevin sah stur geradeaus.
»Er hat gesagt, es wäre ein Spiel«, meinte er dann und die Geschehnisse der letzten Stunden schienen in ihm wieder hochzukommen. Mick tat der Junge leid, doch er brauchte Informationen.
»Er hatte Cola-Dosen dabei und Geld... und er hat gesagt, es wäre ein Apparat in diesem Sack, der es uns schwer machen würde, ihn zu treffen. Und so war es dann auch. Der Sack zuckte hin und her. Jedenfalls am Anfang.« Grauen packte Mick als ihm klar wurde, wie die letzten Sekunden seines Bruders ausgesehen hatten. »Ich hab nicht gut getroffen«, sagte Kevin. »Ich kann nicht so gut werfen.« Ob es stimmte oder ob er seine kleine Seele damit reinwaschen wollte, wusste Mick nicht. Ihm tat der Kleine nur aufrichtig leid.
»Wenn ich Spiderman wäre, dann würde ich diesen bösen Mann jagen«, sagte er plötzlich. »So wie Peter Parker den Mann fangen wollte, der seinen Onkel umgebracht hat.«
Mick sah den Jungen an. »Ich bin kein Superheld«, sagte er. »Aber ich will diesen Mann bekommen.«
