Mein Lieblingstier heißt Winter - Ferdinand Schmalz - E-Book

Mein Lieblingstier heißt Winter E-Book

Ferdinand Schmalz

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Beschreibung

Der Debütroman des Bachmann-Preisträgers Ferdinand Schmalz - nominiert für den Deutschen Buchpreis 2021 und den Österreichischen Buchpreis 2021

Der Wiener Tiefkühlkostvertreter Franz Schlicht soll einem makabren Wunsch nachkommen. Sein Kunde Doktor Schauer ist fest entschlossen, sich zum Sterben in eine Tiefkühltruhe zu legen. Er beauftragt Franz Schlicht, den gefrorenen Körper auf eine Lichtung zu verfrachten. Zum vereinbarten Zeitpunkt ist die Tiefkühltruhe jedoch leer, und Schlicht begibt sich auf eine höchst ungewöhnliche Suche nach der gefrorenen Leiche. Dabei begegnet er der Tatortreinigerin Schimmelteufel, einem Ingenieur, der sich selbst eingemauert hat, und einem Ministerialrat, der Nazi-Weihnachtsschmuck sammelt. Ferdinand Schmalz nimmt uns in »Mein Lieblingstier heißt Winter« mit auf eine abgründige Tour quer durch die österreichische Gesellschaft, skurril, intelligent und mit großem Sprachwitz.

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Seitenzahl: 253

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Ferdinand Schmalz

Mein Lieblingstier heißt Winter

Roman

Roman

FISCHER E-Books

Inhalt

MottoDie SchimmelteufelDer SchlichtDer lange Arm einer BehördlichkeitDer Herr IngenieurDie LeichenschauTeil einer größeren ErzählungIm Jahre SchneeVon innerem ReinigungsbedarfDer Ministerialrat und das EndlosgulaschVom VerschwindenDer HitzestauAm TropfVom KopfverdrehenBei BittersFleur fatalLeg nur ins Grab dich hin!Im Bauch des TieresKein FeuerwerkDank

»Hier war offenbar jeder und alles unschuldig an dem Fehlen von allem«

Ingeborg Bachmann, Der Fall Franza

Die Schimmelteufel

Wie ausgestorben liegt er da, der Ort. Dort zwischen Buschwerk und Gestrüpp, wo auch das Gras schon meterhoch verdorrt, streckt ein Triceratops den dreibehornten Kopf empor. Das Nackenschild da in die Schultern reingepresst, das Maul zum Schrei weit aufgerissen. Doch nichts zu hören. Kein urzeitlicher Klang, der Mark und Bein zum Beben bringen würd. So harrt es still, das Ungetüm, vielleicht weil dort unter den Bäumen, hinter ihm im Schatten, schon der Fressfeind lauert. Zwischen Baumstämmen ist schon der dichtbezahnte Kiefer eines Tyrannosaurus zu entdecken. Die kleinen Händchen dicht am Leib. Den Killerblick da auf die Beute schon gerichtet, lauert er, wartet auf den Augenblick, in dem die messerscharfen Zähne er ins Fleisch des Vogelbeckensauriers dann schlagen könnt. Gräulich liegt ein Duft jetzt von Versengtem in der Luft, als wäre ein Vulkan hier in der Nähe ausgebrochen oder so ein Himmelskörper brennend da vom Himmel rausgestürzt, um sich dann in die Erde reinzugraben. Fast unscheinbar dieser Geruch, der doch erzählt vom Untergehen ganzer Welten. Ein Stückchen weiter, da am Wasserloch, ein umgekippter Stegosaurus. Die Rückenschilder teils da in den Schlamm hineingerammt, teils schon von dichtem Schimmel überzogen, weshalb auch Harald drum der Echse auf dem Bauch draufsteht, mit einem Schrubber ausgestattet. Und sich von Norbert diesen Eimer mit den Chemikalien jetzt reichen lässt, mit denen sie den Mikroorganismen auf den Makroechsen nun zu Leibe rücken wollen. Und schrubbend spricht’s aus Harald jetzt heraus, dass bei der allgemeinen Unordnung, die heutzutage herrscht, dass bei dem Chaos, das zu einem rüberschwappt, hat man den Fernseher erst mal eingeschalten, oder es, das Endgerät, dass man sich doch dann fragen muss, also dass er sich fragt: »Wo führt das alles hin?« Er sitze so zu Haus, bei sich zu Haus in seiner Wohnung drin, da auf dem Fernsehsessel, den er zwecks tieferer Entspannung sich gekauft, sitze drin im Fernsehsessel und starre tiefer rein, da in den Fernseher hinein, doch die Entspannung wolle sich beim besten Willen nicht einstellen. Ganz unrelaxt sitze er, der Harald, dann und denke da in sich, dass das doch alles lang schon nicht normal mehr sei. Und frage sich, ob das nur ihm auffalle, dass es nicht mehr normal zugehe in der Welt. Woraufhin Norbert, der am Schwanz des vorzeitlichen Riesen nun den Schrubber angesetzt, einwirft, dass ihm das alles auch ganz abnormal erscheine. Da sei er nicht allein, der Harald, sagt der Norbert jetzt. Und fühle sich derart angespannt, da im Entspannungssessel drin, fühle er, der Harald, sich nicht ganz bei sich. Das falle ihm dann auf in dem Moment, dass er nicht ganz bei sich, obwohl er doch in seiner Wohnung drin, in seinem Sessel, da in seinem Körper drinnen sitze, denkt er. Und trotzdem nicht bei sich. Und bilde sich so eine dünne Schweißschicht, da zwischen ihm und diesem Kunstleder, das seinen Fernsehsessel überziehe. Dass er ganz unmerklich zu schwitzen dann beginne, wenn dieses Chaos sich vom Fernseher heraus ergieße da auf ihn. Doch Norbert, der noch immer nicht versteht, will nun schon wieder mit der Hitzewelle anfangen und wie grad alle schweißgebadet seien. Dass das kein Zustand mehr da in der U-Bahn drinnen sei, wo all die sitzen wieder, die von einem Deodorant nichts wissen wollen. Aber Harald schneidet scharf ihm rein, dem Norbert, ins belanglose Gerede, weil gerade von größeren Zusammenhängen doch die Rede war. Und dass, seit er sich das klimatische Gerät gekauft, fast arktische Bedingungen da drin bei ihm in seiner Wohnung herrschen. Dass das, was da aus seinen Poren trete, was ihn ganz unmerklich von dem Entspannungssessel trenne, dass das was anderes sei. »Norbert, das ist was Allgemeines.« Und dass er angefangen habe, darauf zu achten, auf diese Anfälle von Abwesenheit zu achten. Dass es ihm aber nicht nur bei sich selbst auffalle. Dass er auch immer wieder andere beobachte, die nicht bei sich sind ganz. Und dass auch da in Gittis Eck, wo er, wenn es ihm dann zu unentspannt in seiner Wohnung wird, sich an die Bar hinstelle, dass unter Gittis Stammgästen er verdeckt, doch zielgerichtet Umfragen gestartet hätt, die untrüglich ihm zeigen würden, dass dieses Gefühl nicht ganz bei sich zu sein, dass das was Größeres sei. Und glaubt auch Norbert verstanden jetzt zu haben, worum es Harald grade geht, und nickt ihm zu und spricht ihm nach: »Das ist was Größeres.« Woraufhin Harald jetzt den Eimer nimmt und aus ihm raus den Schwall Putzwasser auf dem Echsenbauch verschüttet jetzt. Fließt nun der Echsenhaut entlang in Rinnsalen auf all den kachelgroßen Poren sich verästelnd, der Schwerkraft folgend, durch chaotisches Gewirr, bis endlich es den Boden nur mehr tröpfchenweis erreicht, um dort ins Erdreich dann zu sickern.

»Kernkeulenpilz. Sagt dir das was?«, fragt er, der Harald, dann nach längerer Pause. Und bricht kurz Norberts Stimme jetzt, dass ein Geräusch unkontrolliert seinen Stimmbändern entkommt, ein Laut, der etwas von der Angst erzählt, die da, tief drin, im Norbert sitzt, die Angst davor, dass er auf sich gestellt, allein etwas entscheiden müsst, dass er vielleicht dann eine Verantwortung ertragen müsst, die Angst, die ihn an Harald schweißt, klingt da jetzt mit in dem verschluckten Laut. Weshalb er drum versucht, so schnell wie möglich sich nun einzukriegen wieder. »Harald. Da müsst ich lügen, jetzt.« Und putzt energisch weiter er, als könnt er mehr noch wegschrubben als Schimmel da auf diesem Plastikungetüm, während Harald für den Bruchteil eines Augenblicks dort auf der Echse thronend diese Scham genießt, aus der sich härteste Loyalität doch schmieden lässt. Und fährt drum noch mal angeregter fort, aufs Putzen ganz vergessend schon. »Gibt Pilze, Kernkeulenpilze, die das Nervennetz von Ameisen befallen. Steckt erst sich eine Ameise mal an, da an den Sporen von dem Pilz, ist sie heillos verloren. Durch kleinste Risse im Insektenpanzer kriecht der Pilz der Ameise hinein ins Körperinnere und ziehen Fäden sich nun durch den infizierten Leib bis da hinein in ihren Schädel. Pflanzt sich hinein ins Ameisenhirn, der Kernkeulenpilz. Und zeigt das Kriechtier nun das anormalste Verhalten, wirkt abgelenkt, weil da der Pilz im Hirn es lenkt, es steuert schon. Hat erst der Faden da im Kopf das Ruder übernommen, regiert den Willen gänzlich er, der Pilz.« Das habe er, der Harald, alles sich im Internet zusammenrecherchiert. »Zwingt sie, die Ameise, als wären es die eigenen Gedanken, zwingt dieser Pilz sie, sich an eine ausgewählte Stelle an der Unterseite einer Pflanze zu begeben. Um ferngesteuert sich dort mit den Fresswerkzeugen dann in eine Blattader hineinzubeißen. Ist er erst angelangt an diesem für den Pilz so vorteilhaften Ort, verreckt der Wirtsleib dann elendiglich. Bedeckt wie Fell das Pilzmyzel den Exopanzer von der Ameise, aus deren Kopf nun knackend der Fruchtkörper rauswächst, um seine Sporen da am Waldboden dann zu verstreuen.« Er, Harald, der den gesamten Stegosaurus nun als Bühne sich entdeckt, vor der stumm Norbert steht und staunt, er habe eine Doku sich zu diesem Thema angesehen, darin sah man die Ameisen, vom Pilz befallen, aus der Ordnung ihres Stammes brechen, um vereinzelt und dem Tod geweiht ihre Gemeinschaft zu verlassen. Gleich Untoten wandeln sie, die pilzbefallenen Rossameisen, ihrem vorprogrammierten Ende dann entgegen, von dem sie selbst noch glauben, dass sie es auch genau so wollen. Dass er, als er das Schicksal dieser kleinen Tierchen sah, dass er seltsam gerührt im Inneren sich fühlte. Ja, dass er beim Anblick der taumelnd orientierungslosen Tierchen eine seltsame Verbundenheit mit ihrem Schicksal spürte. Als hätte dieses absurde Naturphänomen, als hätte das etwas mit dieser Situation zu tun, in der er sich im selben Augenblick da in dem Fernsehsessel drin befunden habe, ja mit der Situation, in der sich unsere Gesellschaft als Ganzes grad befinde: »Uns sitzt doch allen etwas drin im Hirn! Schau rein mal da in die Gesichter all der durch die Städte Taumelnden. Schau rein ins ausdruckslose Antlitz all der willenlosen Ameisen, die durch die Straßen ziehen. Schau rein!«, schreit Harald völlig außer sich. Von seiner eigenen Emotion nun übermannt, gerät er selbst komplett ins Taumeln. Und rutscht, rutscht plötzlich Haralds Fuß weg auf der Dinoplastikhaut, der glitschig rutschigen, woraufhin er samt seinem Körper auf die Erde stürzt, kurz reglos liegen bleibt, bis langsam er erst nur den Kopf anhebt, bis dann der Blick von ihm über den Schlamm am Boden gleitet, stößt mitten da im Schlamm auf festes Schuhwerk er, der Blick, worin zwei Beine stecken, unter deren nylonstrümpfernen Bespannung ein Geflecht aus Krampfadern und Besenreisern sich verzweigt, dem nun der Blick von ihm, dem Harald, nach oben folgt, gleitet über diesen Jeansrock, an dessen Bund das Firmenpolo reingesteckt. Auch über das karibikblaue Polo gleitet schneller nun der Blick von ihm, bis er nun endlich in das Gesicht reinblickt, das der Chefin, der Schimmelteufel ihres ist.

Und beide jetzt wie festgefroren. Versteinerte Fossilien. Der Harald aus Respekt, der sich aus ihrem Angesicht ihm hat nun eingeflößt. Doch warum sie, die Schimmelteufel, nicht wie sonst, wenn Harald etwas so verpatzt, sofortest ihn aufs übelste anherrscht, warum auch sie für einen Augenblick verharrt, liegt daran, dass auch sie jetzt runterblickt an ihr, an ihrem Körper runter, dass auch ihr Blick gerade runter fällt und auf den Harald drauf, der da im Schlamm zu ihren Füßen liegt. Fällt auf ihn drauf der Blick, oder besser: fällt durch ihn durch. Sieht da in ihm jetzt die Vergangenheit. Tritt in der Maske jetzt der Gegenwart ihr die Vergangenheit entgegen. Weshalb sie grad nicht anders kann, als sich erinnern müssen. Und muss man jetzt mal sagen, dass so ein Blick in die Vergangenheit das weitaus Kompliziertere doch ist. Weil in so eine Zukunft schauen, das kann nun wirklich jeder. Hat man die Hoffnungen und Ängste erst erspäht, die da im Menschen drinnen wohnen, dann fächern sich dazwischen all die Möglichkeiten auf, auf die der Blick der Vorsehung sich werfen kann. Auch wenn der Zufall immer noch in diese Zukunft reinpfuscht dann, wird doch die Möglichkeit, in die der Blick der Vorsehung mal reingespäht, allein durch dieses Reinspähen schon wahrscheinlicher. Und sagt man drum dazu auch Selffulfilling Prophecy. Doch in die andere Richtung blicken, da rein, in die Vergangenheit hinein, wo unter Trümmern all der Zeiten das Vergangene verschüttgegangen ist, dort in das Dickicht rein, wo keine Möglichkeiten sich mehr aufspannen, dort reinzublicken braucht es schon einen Blick, der sich durch alle Schichten wie ein Ölbohrkopf durchbohrt. Und gerade so ein Blick blickt aus der Schimmelteufel raus jetzt und durch den Harald durch, sieht nicht mehr Harald vor sich liegen, sondern ihn, Franz Schlicht, wie damals er auch ihr zu Füßen ist gelegen. Und während er versucht, der Harald, wieder aufzustehen, aus diesem Urschlamm, in den er reingestürzt, braucht auch die Schimmelteufel ein paar Augenaufschläge, um da in dieses Jetzt zurückzukehren. Und meint sie nun, der Blick noch immer bohrend wie zuvor, dass sie schon sehe, sehe, dass hier noch einiges zu tun für ihn, den Harald, und den Norbert. Sie habe sich ihr Bild gemacht, von dieser Ausgangssituation, und was es braucht, um all den Schimmel auf den Plastikungetümen zu beseitigen. Es hat nämlich ein Herr Andreas die Firma Schimmelteufel mit der Reinigung der Urzeitriesen hier in dem verlassenen Vergnügungspark unlängst beauftragt. Der Herr Andreas, ein ausgesprochener Kindernarr, hatte infolge eines unglücklichen Todesfalls in einem kinderlosen Seitenflügel der Familie sich unverdient eine beträchtlich hohe Summe ererben können, mit der er dieses ungeschliffene Juwel am Stadtrand, also in bester Lage für Freizeitangebote dieser Art, sich unter seinen Nagel reißen konnte. Dass es ein Glück im Unglück gibt, diesen Gedanken, der jedes Mal ihm ins Bewusstsein ragt, wenn er an Onkel Adalbert und dessen jähes Ende denkt, verscheucht er mit der Vorstellung, dass es, das Glück, nur über diesen Umweg all der Kinder, die in seinen Freizeitpark mal pilgern werden, dass dieses Glück dann erst zu ihm gelangen wird, wenn es erst viele Kinderseelen mal beglückt, kehrt es zu ihm zurück. Und weil der Geist von Onkel Adalbert ihm bissig immer wieder durchs Gewissen geistert, stürzt er sich drum energischer noch in die Vorbereitungen der Neueröffnung des Geländes, von Onkel Adalbert in jenen Wahn getrieben, den man von vielen Leuten in der Kinderunterhaltungsbranche kennt. Und muss drum alles hier blitzblank, von einer Tiefensauberkeit durchdrungen, wieder wie neu erstrahlen. Weshalb auch diese beiden Reinigungsexperten Harald und Norbert, Schimmelteufels treuste Untergebene, der Schimmelbeseitigungsaufgabe aufs gründlichste nachgehen, befreien all die Dinosaurier aus ihrer schimmligen Ummantelung. Und während sich nun auch der Harald aus dem Schlamm wieder hat aufgerappelt, meint sie, die Schimmelteufel, sie werde, da ihre Anwesenheit hier hoffentlich nun nicht vonnöten mehr, weil doch die beiden selbst zurecht sich fänden, werde sie erst mal zurück in ihr Büro.

 

Als sich der Vormittag schön langsam auch zu Ende neigt, sitzt sie, die Schimmelteufel, wieder da drin in ihrem Firmensitz, an ihrem Schreibtisch dann und schlägt, schlägt fester noch mal jetzt die Stimmgabel gegen das Knie, das ihre, dass sie in Schwingung wird versetzt von diesem Schlag. Vibriert jetzt lautlos das Metall da in der Luft über dem Knie. Woraufhin sie die Stimmgabel nun auf dem Schreibtisch, dem Laminatholztisch, aufsetzt, da zwischen all die Rechnungsstapel, zwischen Aufträge und Anträge hinein, presst auf die Deckschicht sie, dass diese Laminatschicht nun von dem Vibrieren angesteckt auch nun in Schwingung noch gerät, und auch die Spanholzplatte drunter, ein jeder Span in ihr, der Spanholzplatte, schwingt jetzt mit in der Frequenz. Vierhundertvierzig Hertz. Leiht er, der Schreibtisch, jetzt der Stimmgabel den Klangkörper, wodurch, hat erst ein jeder Span das Seinige mal beigetragen, nun klar und deutlich der Kammerton vernehmbar wird. Und denkt in sich, den Ton im Ohr und noch den leisen Schmerz im Knie, denkt sie, die Schimmelteufel, dass so ein Schlag, dass die Gewalt, mit der sie das Metall der Stimmgabel da an ihr Kniegelenk geknallt, erst diese Harmonie ermöglicht, die sich in alle Ecken ihres Arbeitsplatzes zerkrümelt jetzt. Dass dieser Schlag nur scheinbar alles aus dem Gleichgewicht, dass der hörbar den Raum erst ausrichtet auf einen Klang, der schwebt nun in der Mitte. Und weiter denkt sie da in sich, dass auch der schönste Kammerton, dass der nicht ohne einen Schlag, der leider schmerzt, auskommt. Dass unter dem Vibrieren drunter, wie eine zweite Schwingung, tiefere Frequenz, dass da auch immer dieser Schmerz mitschwingt. Und dass halt immer jemand seinen Körper herleihen muss. Dass auch der Schmerz, so wie der Kammerton, doch einen Klangkörper auch braucht, den man ihm leihen muss. Und hebt sie jetzt den Arm über den Kopf, dass er in Streifen von dem Licht zerschnitten, das durch die Jalousie reinfällt. Holt aus. Und schlägt mit aller Kraft noch einmal sich die Stimmgabel, jetzt an ihr Knie, dass schrill der Schmerz in ihr erklingt. Lehnt sich zurück in ihren Stuhl, den ergonomischen, der nachgibt, nach hinten kippt. Und Schmerz und Denken hochfrequent jetzt da in ihr. Der ganze Körper durchquert von Wellen, die sich an ihren Innenwänden brechen. Und drückt sie nun das runde Ende von der Stimmgabel hinein sich zwischen ihre roten Lippen, auf diesen Goldzahn oben rechts, dass sich der Schall der Gabel überträgt. Und von dem Kieferknochen, in dem der Goldzahn drin verankert ist, bohrt sich der Kammerton hinein, da in die Schimmelteufel rein, bis dass sich endlich alle Schwingung tilgt. Resonanzkatastrophen, da in ihr drin.

Der Schimmel kam erst mit der Zeit, der Teufel war schon vorher da. Auch wenn sie heute jeder nur als Schimmelteufel kennt, weil halt das Schild da an der Zufahrt zu der Firma, ihrer, steht. Prangt an der Einfahrt zu dem kleinen Grundstück hinterm Bahndamm, nachts in Neonlicht getaucht, das Schild, drauf steht geschrieben: Schimmelteufel. Reinigungen aller Art. Von hier bricht täglich eine kleine Flotte Putztrupps auf, die sie sich über die Jahre hat aufgebaut. Blickt raus jetzt sie, in der noch immer gedankenlose Stille herrscht, blickt raus auf diesen Vorplatz, wo drei Firmenfahrzeuge geparkt. Und kurz befällt ein Stolz sie jetzt, den sie schon fast nicht mehr erkannt hätt. Sieht noch mal ihn, den Schlicht, vor ihrem Auge, diesem inneren. Sabine Teufel hat, wie man so sagt, klein angefangen, geputzt alleine, stundenlang. Bei Ärzten, Anwälten, in Kindergärten und Bordellen. Doch als das Schicksal ihr hat unverhofft eine Gelegenheit zum Aufschwung zu der Unternehmerin, die sie jetzt ist, als es ihr diese Chance achtlos hat hingeworfen, da hat die Teufel zugepackt, hat sie mit aller Härte das Schicksal selbst dann in die Hand genommen und keinen Schmerz, sei er auch noch so laut, gescheut. Hat sich den Schimmel umgehängt und ist von da an unternehmerisch geworden. Damals noch mit keinem Firmenschild, doch einer kleinen Anzeige in einer Gratiszeitung drin.

Und noch mal ein Vibrieren. Gefolgt von keinem Kammerton vibriert es auf dem Schreibtisch jetzt. Und greift sie sich, die Schimmelteufel, an die Schläfen, weil dieser Schmerz durch ihren Körperinnenraum jetzt wieder hallt. Und noch mal bohrender, noch dringlicher vibriert, fast wie ein Schlagbohrer ihr Handy auf dem Laminatholztisch. Und leuchtet da auf dem Display ein Name auf. In großen Lettern steht dort Kerninger. Und greift nur widerwillig nach dem Ding, klappt auf es und spricht ein kurzes, atemloses »Was gibt’s?« hinein in diesen Apparat. Um reinzuhören dann, da in die Leitung rein, die keine Leitung ist in Wirklichkeit, das weiß sie schon, dass das nur Wellen, hochfrequente Schwingungen, die jetzt von draußen durch die Luft herein und in ihr Handy diese Klänge tragen, die sie nun deutlich als die Stimme von dem Kerninger vernommen hat. Massiert die Schläfe sich in Kreisen, wo sich die Resonanz von all den Schwingungen grad bündelt. Hört ihm da auf der einen Seite zu und kreist mit ihren Fingerspitzen auf der anderen, bis endlich keine Schwingung mehr die Stimme von dem Kerninger da durch die Luft ans Ohr ihr trägt und sie nun kurz und bündig meint: »Nichts anfassen. Ich komm vorbei. Alles stehen und liegen lassen, wie es nun mal ist. Wir kriegen das schon wieder sauber, sauberer als wie zuvor.« Am kleinen Waschbecken schmeißt sie zwei Schmerztabletten da in sich hinein. Dann geht es raus ins Flirren dieser Hitzewelle.

Der Schlicht

Er, Franz Schlicht, sieht sich in seinem Innersten, in seiner tiefsten Prägung als, wie man so sagt, wüsten Charakter. Sieht allerdings darin sich als Gewordenen. Genauer gesagt, denkt er sein Schicksal als von einem Moment, einem Augenblick ausgegangenes. An diesem Punkt, Sekundenbruchteil, an dieser Gabelung seines Lebens, stellten sich die Weichen. Da fuhr er ab, dieser Charakterzug mit ihm. Da nahmen sie, diese Entwicklungen, die schicksalhaften, ihren Ausgangspunkt, an deren Endpunkt er nun steht, oder besser der schwache Charakter, als den er sich heut sieht. Und obwohl die Welt in so einfachen Bahnen sich nicht denken lässt, obwohl sich jeder jederzeit auch anders, also gegen sein Schicksal entscheiden kann, würden ihn keine zehn Seelsorger davon überzeugen können, sich nicht als das Produkt dieses einen schicksalhaften Augenblicks zu sehen. Und gerade weil sich in ihm diese Gewissheit eingenistet hat, dass seinem Schicksal und Charakter nicht zu entkommen sei, dass er sich selbst, wie man so sagt, nicht entkommen könne, egal in welchen Zug er steigt, dass keiner ihn auch einen Meter nur von seinem Charakter entfernen könnt, darum begann er nun sich seiner Prägung, dieser ungewollten Schuld, nicht mehr zu schämen. Im Gegenteil, insgeheim hat er sich damit abgefunden, keiner von den sogenannten guten Jungs zu sein. Zwar bekennt er sich nicht in aller Öffentlichkeit, doch da in seinem innerst Inneren zu seiner charakterlichen Schwäche. Der Schlicht lässt sich jedoch von außen nichts ankennen von seiner inneren Gewissheit. Im Gegenteil, er straft noch jeden Lügen, der meint, dass so ein tieferer Charakterzug auch nur an kleinsten äußeren Merkmalen sich ablesen ließe. Keine innere Verschlagenheit hat auf seinem Gesicht auch nur unscheinbare Spuren hinterlassen. Kein Anzeichen von Listigkeit, das da in seinen Augen aufscheinend ihn kurzerhand verraten würd. So wirkt er nun, ganz seinem Namen treu, geradewegs die Schlichtheit in Person.

Am Rand der Stadt. Halbwildnis, die er wieder mal durchstreift. Brachland, durchzogen von vereinzelt hingestreuten Siedlungen. Reihenhäuser wie Gefängnisblocks. Dahinter sterile Vorgärten, in denen Plastikkinderrutschen erodieren. Dann wieder Schrottplätze und Autobahnverteiler. Dickflüssig liegt die Luft hier in den Straßen, die müde von dem Tag. Die Reifen schmatzen am glühenden Asphalt, der flimmernd sich schon aufzulösen scheint. Als würde er, der flüssige Asphalt, am Ende dieser Straße Wellen in die Luft schon schlagen. So gräbt sich Schlicht nun seinen Weg, schiebt sich durch das Gallert der Hitzewelle, die andauert, schonungslos, kein Ende kennt. Und bringt doch surrend er auch ein Versprechen mit, auf Abkühlung in dieser Stadtsteppe. Es sind die Hundstage nun mal die umsatzstärksten nach der Weihnachtszeit. Weil hat man erst die Ware durch den Hochofen der Parkplätze gebracht. Hat man erst unaufgetaut in seiner Thermotasche das Tiefgefrorene die Treppen raufgetragen. Hat sie, die Auswahl bunter Eis am Stiel, es erst mal in die Tiefkühltruhen treuer Kundinnen und Kunden dann geschafft, kann sich der Endverbraucher oder sie, die Endverbraucherin, auch daran abkühlen. Und von den Lippen, Zungen, Mägen all der überhitzten Körper macht sich vorübergehend eine Abkühlung nun wieder breit. Macht es für kurze Zeit erträglich, dieses ungewöhnlich heiße Wetter. Seit mittlerweile sieben Jahren fährt er in seiner Firmenuniform, die er mitsamt dem Lkw von der Gesellschaft sich geliehen hat, die Tiefkühlware hier heraußen aus. Doch so ein Jahr war ihm, dem Klimawandelleugner, noch nicht untergekommen. Und leise sagt er sich, als er die Türe öffnet und diese feuchte Schwüle in die Fahrerzelle schwappt, dass es sein Jahr. »Das ist das Jahr des Eismanns«, sagt er sich, der Schlicht.

Und steht in der vom Schweiß durchnässten Eismannuniform jetzt vor der Tür des nächsten Kunden: Herr Doktor Schauer. Und blättert nach in seinen Unterlagen, in dem Kalender in der abgenutzten Hülle drin aus Kunstleder, wo vorne drauf das Firmenlogo prangt. Unter dem Namen Doktor Schauer steht dort doppelt unterstrichen: Rehragout.

Und weiß sofort, was ihm das Stichwort jetzt zu sagen hat. Es ist gerade diese Kenntnis persönlicher Vorlieben, die für so einen fahrenden Vertreter von äußerstem Interesse sind. Man muss die heimlichen Schwächen der Kundschaft kennen. Zum Beispiel im Sahnetortensegment: Weiß man erst die Geschmacksrichtung, für die der Kunde oder sie, die Kundin, ihre Schwächen hegt, dann hat man leichtes Spiel. Auch wenn, wie eben bei Frau Übelbacher, Lehrerin, alleinstehend und kurz vor ihrem Ruhestand, ein »Heute nichts!« jegliche Anbahnung, geschäftlicher Natur, zu unterbinden sucht, kann so ein beiläufiges »Der Bienenstich wär heut im Angebot« oft ungeahnte Wirkung tun. Ist man jedoch in dem Moment nicht absolut geschmackssicher, ist jede Chance dahin.

»Rehragout«, und weiß sofort, dass es bei Doktor Schauer nicht viel zu holen gibt, seit mittlerweile sieben Jahren macht der Schlicht hier jeden zweiten Mittwoch halt, um Doktor Schauer eine Portion tiefgefrorenes Rehragout ins Haus zu liefern. Er hat versucht, ihm schon das ganze Sortiment schmackhaft zu machen. Hat alle Mittel seiner Kunst hier aufgeboten. Doch nichts, der Schauer will nur Rehragout. Drückt jetzt ein bissl länger als gewöhnlich das Klingelschild mit seinem Namen dran. Gibt solche Kunden, die wollen einfach »Rehragout«, da hilft die ausgefeilteste Taktik auch nichts.

Und geht die Tür jetzt auf, dahinter er, der Doktor Schauer, oder besser nur der Schatten seiner selbst. Wirkt nun sogar in dieser Hitze noch, als würde es ihn frösteln. Das war dem Schlicht beim letzten Mal schon aufgefallen, fällt’s ihm jetzt ein, dass der Herr Doktor Schauer nicht ganz auf der Höhe war, dass er nicht mehr den frischesten Eindruck vermitteln konnt. Und hat sich vor zwei Wochen schon gedacht, auch das fällt wieder ihm jetzt ein, dass er sich damals schon gedacht, ob das vom vielen »Rehragout« nicht kommen könnt. Weil man doch immer wieder hört, dass so viel Wildfleisch essen, also wegen Tschernobyl und auch hier Vogelgrippe, Schweinepest. Also rein gesundheitlich hat er, als er den Doktor Schauer hat gesehen letztes Mal, schon durchaus seine Bedenken da gehegt. Doch nun gibt’s keinen Zweifel mehr, dass der Gesundheitszustand von dem Doktor Schauer, dass der wirklich bedenklich ist. Und drum auch nun peinlichstes Schweigen zwischen ihnen. Und hat man manchmal das Gefühl, dass mit der Temperatur, der steigenden, auch so ein Schweigen zwischen Menschen schlimmer wird. Drum wird auch da in diesen Cowboyfilmen in der Hitze der Prärie das Schweigen gern mal unerträglich, bis einer von den Cowboys den andren abknallt dann. Und auch jetzt, als dieser Schweißtropfen schon über Schlichts Nasenrücken rollt, wird es, das Schweigen, unerträglich. Und anstatt ihn jetzt zu fragen, ob ihm das Rehragout vielleicht nicht ganz bekomme oder ob er in seinem Zustand überhaupt noch Lust hätte auf eine weitre Packung von dem tiefgefrorenen Fertigessen, stattdessen fragt der Schlicht, als dieser Schweißtropfen schon an der Nasenspitze baumelt, nur: »Wie immer?«

Im Keller. Die Wände voller Jagdtrophäen. Geweihe aller Art. Sogar ein Zwölfender. Sonst nichts. Nur dieser Eiskasten, vor dem der Doktor Schauer steht. Der Schlicht ist hier zum ersten Mal. Sonst liefert er die Ware für gewöhnlich an die Türe. Doch nun steht er, die Packung Rehragout in seinen Händen, da im Keller drin. Und öffnet nun der Schauer diesen Tiefkühlschrank, dass ein Schwall kalter Luft rausstürzt und auf dem Fliesenboden nebelnd sich verteilt. Randvoll ist er, der Schrank, schon mit der tiefgefrorenen Wildspezialität. Jahrelange Liefertätigkeit liegt hier auf Eis. Die untersten Packungen gezeichnet schon von übelstem Gefrierbrand. »Umgerechnet fast ein ganzes Reh«, spricht’s aus dem Schauer jetzt heraus. Im Schlicht hat sich eine Erleichterung nun breitgemacht, weil diese Schuld an Schauers Gesundheitszustand offensichtlich nicht mehr auf den übermäßigen Konsum der Tiefkühlkost zurückzuführen ist. Und deutet Doktor Schauer aufs Hirschgeweih, da an der Wand über dem Eiskasten, jetzt hin. »Er wollt nicht mehr.« Da spürt der Schlicht, wie ihm die Kälte von dem Rehragout, das er noch immer da in seinen Händen hält, wie sie, die Kälte, ihm nun in die Finger kriecht. »Hat sich von mir erschießen lassen. Der wusste ganz genau, dass ich auf dieser Lichtung steh. Hat das Gewehr in meiner Hand gesehen. Der Hirsch ist auf mich zu, die Brust herausgestreckt, bis ich hab abgedrückt. Bis sich die Kugel da in seinen Leib hineingedrückt hat dann. Der wollt nicht mehr.« Während der Schauer ihm nun von dem Krebs erzählt, der sich in seine Lunge frisst, während das Kühlgerät zu piepsen schon beginnt, weil ja die Tür noch immer offen steht, während das Päckchen leicht zu tauen schon beginnt, während draußen die Hitze ihren frühnachmittäglichen Höchststand nunmehr erreicht, wird auch dem Schlicht schön langsam klar, dass es sich hierbei nicht um eine ganz normale Tiefkühllieferung mehr handeln kann. Ohne Umschweife teilt Doktor Schauer ihm nun mit, dass er sich heute noch das Leben nehmen wird. Dass er drei Schlaftabletten schlucken wird, um sich dann in den Eisschrank reinzulegen. Weil das Erfrieren bei langsam schwindendem Bewusstsein doch die angenehmste Weise sei zu sterben. Hinüber in die ewigen Jagdgründe zu wechseln. Dass ihm jedoch der Gedanke, auf ewig hier im Keller in dem Eisschrank drin zu liegen, um von irgendjemand, womöglich noch von seiner Tochter, gefunden dann zu werden, dass ihm dieser Gedanke unerträglich sei. Dass man vielleicht dann glauben könnte, dass es die Hitzewelle war, die ihn da in den Eiskasten hineingetrieben. Dass er doch auch, wie er, der Hirsch, so eine erhabene Entschlossenheit auch da im Freitod noch ausstrahlen wolle. Und dass an diesem Punkt jetzt er, der Schlicht, in diesem Plan auftauche. Dass mit den Möglichkeiten, mit seinen tiefkühlunternehmerischen Möglichkeiten, man einen Transport seines Leichnams doch in Angriff nehmen könnte. Um ihn an einem wohl gewählten Ort, da auf der Hubertuswarte, dann bei Nacht und Nebel auszusetzen. Wenn dann die ersten Sonnenstrahlen ihn erwischen würden, würd er ganz langsam wieder auftauen. Was des Weiteren mit ihm passiere, das wäre für ihn, wisse er sich mal an diesem für ihn so wichtigen Ort, wäre für ihn dann von nachrangigem Interesse. Es würd wohl irgendein Passant ihn dann entdecken und die Behörden auch verständigen. Natürlich würde dabei eine nicht kleine Summe, die er angespart, für ihn, den Schlicht, rausspringen.

Und spürt noch immer diese Kälte in den Fingern, er, der Schlicht, als er schon wieder da in seinem Kühltransporter sitzt. Morgen Abend, sobald es dunkelt, soll er ihn abholen dann, hat er gesagt, der Doktor Schauer. Greift mit den halbgefrorenen Fingern jetzt da in die Tasche rein von seiner Uniform, wo noch mal kälter dieser Kellerschlüssel drinnen liegt. In seinem Kopf Gefrierbrand jetzt. Was wohl mit all dem Rehragout passieren wird?

 

»Es muss das Natürliche, muss nicht das Gute sein auch«, spricht’s zwischen diesen Zähnen, den silbern regulierten, spricht es heraus jetzt. Und kramen sich die Hände durch die Kisten voller Feuerwerk, schiebt sich sein Feuerwerkerkörper langsam tiefer in den Raum, der spärlich nur von Licht durchflutet. Fällt scheibchenweise hier herein, das Licht durchs Schaufenster, das von dem Ruß der Kraftfahrzeuge trüb, und durch Lamellen einer staubbedeckten Jalousie, fällt so gefiltert hier herein. »Weil das Natürliche kann doch das Schrecklichste auch sein. Natürlich kann sich das Natürliche von seiner schlimmsten Seite zeigen auch. Nur weil die Leute sich ihre Natur verklären wollen, weil ihre Vorstellung einer Natur nicht über die Hecken ihrer Kleingärten hinaus noch reicht, heißt’s nicht, dass automatisch das Natürliche das Bessere sein muss.« Und tasten sich die Finger durchs Geäst der Feuerwerksraketen. Stöbern durchs Gehölz der Stiele auf der Suche nach dem rotfaktorigen Gefieder, das dem Kanarienvögelchen seines ist. Der Schlicht hat es zwar bisher noch nicht zu Gesicht bekommen, doch irgendwo im Unterholz des Ladens soll es hausen, dieses Federvieh. Und um nun den Beweis zu bringen für die Vogelexistenz, stellt vor Schlichts Augen der Feuerwerker Fabian den Laden auf den Kopf. »Und muss darum, was man gemeinhin einen natürlichen Tod nennt, nicht von vornherein das Bessere auch sein. Wenn man mich fragt, so wär ein unnatürlicher Tod das weitaus Liebere mir. Je unnatürlicher so ein Tod«, spricht er, der Fabian, »umso verständlicher wäre er mir.« Weil, dass der Tod etwas Natürliches, etwas Gewachsenes sei, könnt er beim besten Willen nicht verstehen. »Und ist darum dieser Begriff, natürlicher Tod