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Unter den Sternen auf ihrem Steg am See – das ist Julias Lieblingsort auf dem Campingplatz ihrer Familie inmitten der atemberaubenden kanadischen Natur. Doch ein Bauunternehmer will ihr Zuhause in eine seelenlose Casino-Anlage umwandeln. Verzweifelt sucht Julia Rat in den Sternen – und trifft am See auf einen einfühlsamen Jungen, der ihr helfen will. Doch Nick ist der Sohn des Bauunternehmers. Kann Julia ihm das Schicksal ihrer Familie – und ihr Herz – anvertrauen?
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Seitenzahl: 350
Veröffentlichungsjahr: 2018
Als Ravensburger E-Book erschienen 2018Die Print-Ausgabe erscheint in der Ravensburger Verlag GmbH© 2018 Ravensburger Verlag GmbHDie Originalausgabe erschien 2018 unter dem Titel »Summer Constellations«First published in English under the title: Summer ConstellationsText © 2018 Alisha SevignyPublished by permission of Kids Can Press Ltd., Toronto, Ontario, Canada.All rights reserved. No part of this publication may be reproduced, stored in retrieval systems, or transmitted in any form or by any means, electronic, mechanical photocopying, sound recording, or otherwise, without the prior written permission of Ravensburger Verlag GmbH.Übersetzung: Maren IllingerLektorat: Ulrike SchuldesUmschlaggestaltung: Anna Rohner, unter Verwendung von Bildern von © Stock-Asso/Shutterstock; © Romolo Tavani/Shutterstock; © Netfalls Remy Musser/Shutterstock; © nj_music/FotoliaAlle Rechte dieses E-Books vorbehalten durch Ravensburger Verlag GmbH, Postfach 2460, D-88194 Ravensburg.ISBN 978-3-473-47901-6www.ravensburger.de
Für meine Eltern, die mit uns überall wild gecampt haben. Und für die Sterne, die Träumer, Künstler und alle, die die Welt verändern wollen, inspirieren.»Wir sind alle verbunden. Miteinander biologisch. Mit der Erde chemisch. Mit dem Rest des Universums atomar.«
Neil deGrasse Tyson
»Der Sternenhimmel berührt die Seele. Die Religion, die Philosophie, die Wissenschaft, Kunst und Literatur unserer Zivilisation haben einen ihrer Ursprünge im Anblick des Himmels. Doch genau der geht uns gerade verloren, mit schwer absehbaren Konsequenzen. Was geschieht, wenn wir uns vom nächtlichen Himmel nicht mehr inspirieren lassen können?«
Fabio Falchi (über Lichtverschmutzung)
1
»Ich kann nicht glauben, dass du mich verlässt!«
Der Wind weht durch die heruntergekurbelten Fenster des uralten Chevy Trucks und bläst mir die Haare ins Gesicht. Ich streiche die losen Strähnen zurück und binde mir einen hohen Pferdeschwanz. Die Sonne brennt auf die zerkratzte Windschutzscheibe.
Paige schaut mich an. Ihre Miene wirkt gequält und ihre Hände am Lenkrad liegen vorbildlich auf zehn vor zwei. »Mir bleibt leider nichts anderes übrig.«
»Und dann auch noch für den ganzen Sommer.« Ich drehe am Lautstärkeregler. Der alte Blaue bekommt nur noch den Oldie-Sender rein, irgendein Doo-Wop-Song dudelt blechern aus den Lautsprechern.
»Ich weiß.« Sie seufzt und schneidet eine Grimasse bei dem Gedanken, die nächsten zwei Monate mit ihrem Vater, einem notorischen Schürzenjäger, und seiner neuen Flamme zu verbringen. Das ist ihre Bezeichnung, nicht meine. »Das Ganze ist so ein entsetzliches Klischee.«
»Na ja, dafür reist du nach Japan und lernst deine Verwandten kennen. Das ist doch auch was.« Ich gebe mir Mühe, begeistert zu klingen. Es ist schrecklich, sie so deprimiert zu sehen. Der Truck schleppt sich keuchend den Berg hoch, gerade als die Sonne hinter der Kuppe verschwindet und die Wälder in mandarinenfarbenes Licht taucht.
»Hmja.« Sie verpasst dem Lenkrad einen ermunternden Klaps. »Aber Mom tut mir leid.«
»Sie wird’s überleben.« Ich lehne den Kopf an den rostigen Fensterrahmen, wobei sich Lacksplitter in meinen Haaren verfangen. »Und ich auch.« Obwohl ich keine Ahnung habe, wie ich die nächsten zwei Monate ohne meine beste Freundin überstehen soll. Aber ich will ihr schlechtes Gewissen nicht noch verstärken.
»Wenigstens kannst du dich auf Dan Schaeffer freuen«, sagt Paige, als wir den Gipfel erreichen und vor uns tief unten der glitzernde See sichtbar wird. Das Auto macht vor Erleichterung einen kleinen Satz.
»Stimmt.« Ich habe mich bemüht, meine Aufregung über das Wiedersehen mit Dan im Zaum zu halten, aber jetzt, einen Tag vorher, ist sie übermächtig und nicht mehr zu zügeln. Wir düsen abwärts und mein Herz rast im selben Tempo den steilen Hang hinunter.
»Wann kommt er an?«, fragt Paige über das Brausen hinweg.
»Morgen. Zumindest laut Reservierung.«
Paige tritt auf die Bremse, die zur Abwechslung mal funktioniert, um vor der Kurve zu verlangsamen. Wenig später taucht ein verwittertes Holzschild mit verblasster weißer Aufschrift vor uns auf: Campingplatz Charming Pines.
Zu Hause.
Die asphaltierte Straße geht in einen Schotterweg über, der unter den Reifen prasselt und knirscht, als wir durchs Tor fahren.
»Ich frage mich, ob es komisch sein wird, ihn nach so langer Zeit wiederzusehen«, sage ich. Dan Schaeffer und seine Familie kommen seit fünf Jahren jeden Sommer auf unseren Campingplatz. Schon beim ersten Mal habe ich mich in ihn verknallt, damals war ich zwölf. Letzten Juli nahm die Sache dann endlich Fahrt auf und es kam ein paarmal zu intensivem … Geknutsche. Obwohl wir damals und auch später beim Chatten nie über unseren Status gesprochen haben, hoffe ich – nein, gehe ich davon aus (Paige ermahnt mich immer, positiv zu denken) –, dass diesen Sommer mehr daraus wird als nur ein Ferienflirt.
»Diesmal schnappst du ihn dir, ja?« Sie zwinkert mir mit ihren großen braunen Augen zu. »Ich will eine Nachricht bekommen, dass Julia Ducharme offiziell vergeben ist.« Sie dreht das Lenkrad nach links. »Vielleicht während ich gerade das weltbeste Sushi esse oder mit meinen Cousinen Karaoke singe. Hoffentlich haben Shinto und Haru ein paar süße Jungs in ihrem Freundeskreis«, fügt sie hinzu.
»Ich gebe mein Bestes«, verspreche ich ihr. Paige hat mir in den letzten Monaten dabei geholfen, meine burschikose Seite etwas zurückzufahren und die Femme fatale in mir herauszukitzeln. Sie behauptet, die Reaktionen einiger Jungs von der Schule seien der Beweis dafür, dass es funktioniert hat, aber ich habe da meine Zweifel. Wahrscheinlich lag es nur an dem kurzen Rock, den sie mir geliehen hatte. Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass ihre Lektionen »Flirten für Anfänger« und »Unwiderstehlich im richtigen Leben« sich irgendwann auszahlen. Die Unwiderstehlichkeit, die man über Chats oder SMS versprühen kann, ist eben begrenzt.
Als wir unser Haus erreichen, zieht Paige die Handbremse. Mein kleiner Bruder kommt gerade die Einfahrt heraufgetrottet.
Paige beugt sich aus dem Fenster und winkt ihm zu. »Hi, Caleb!«
Er winkt schüchtern zurück, dann zieht er sich die Baseballkappe tiefer ins Gesicht und steigt langsam die Treppe hoch. Seine Bewegungen werden endlich wieder flüssiger.
»Wie geht es ihm?«, fragt Paige leise, als die Fliegengittertür hinter ihm zugefallen ist.
»Eigentlich ganz gut«, erwidere ich ebenso leise und schlüpfe in meine Sandalen. Das letzte Jahr war wirklich hart. Meine enttäuschten Hoffnungen, was Dan betrifft, waren da noch das kleinste Übel. Viel schlimmer war, dass mein kleiner Bruder krank war. Richtig krank. Er hatte eine seltene Krankheit namens Guillain-Barré-Syndrom und war monatelang gelähmt. Er konnte nicht mal mehr atmen und war an alle möglichen gruseligen Maschinen angeschlossen. Seit einem Monat geht es ihm Gott sei Dank wieder besser. »Aber das mit seinem Gesicht macht ihm zu schaffen.« An der linken Körperhälfte sind immer noch einzelne Partien gelähmt, daher auch das Hinken und das schiefe Lächeln, das momentan allerdings nur selten aufblitzt.
»Hilft ihm die Krankengymnastik?« Paige trommelt mit den Fingern aufs Lenkrad.
»Schon. Aber er hängt trotzdem die meiste Zeit allein im Keller rum und spielt auf seinem Computer.« Früher war Caleb immer den ganzen Tag draußen, ist auf Bäume geklettert, geschwommen und hat den Campingplatz unsicher gemacht. »Und er ist nicht gerade begeistert, dass er die vierte Klasse wiederholen muss.«
»Aber die Ärzte haben doch gesagt, dass er wieder ganz gesund wird, oder?«
»Ja, haben sie.« Ich bin dankbar, dass es nach diesem schwierigen Jahr endlich wieder bergauf geht. Eine leichte Brise weht durch die Bäume.
»Also dann«, sagt Paige seufzend und streicht sich die glatten schwarzen Haare zurück, die einfach immer perfekt liegen – meine dagegen erinnern an ein rotes Eichhörnchennest, mit Blättern, Zweigen und allem, was dazugehört. »Ich mach mich besser auf den Weg.«
Ich springe aus dem Wagen, laufe auf die andere Seite und steige auf das rostige Trittbrett, um meine beste Freundin fest zu umarmen. »Gute Reise!«
Sie lacht wehmütig. »Wir werden sehen. Aber was ich gerade gesagt habe, war ernst gemeint. Du musst mir unbedingt schreiben.«
»Wer weiß, was du für Nachrichten bekommst.« Ich wackle vielsagend mit den Augenbrauen.
»Was? Warum?« Paiges Stimme wird lauter. »Jules! Planst du etwa dein erstes Mal?«
Ich zucke möglichst lässig die Schultern, auch wenn mein Herz allein beim Gedanken daran heftig klopft. Ich wiederhole ihre Worte: »Wir werden sehen.« Dass Dan und ich letztes Jahr nicht bis ans Ende gegangen sind, lag jedenfalls nicht daran, dass er es nicht versucht hätte. Aber ich war nicht bereit gewesen. Noch nicht.
Sie gibt mir einen Klaps auf den Arm.
»Au!«
»Ich will jedes Detail hören! Verstanden?«
Ich springe auf den Schotter und reibe mir den Bizeps. »Klar!«, verspreche ich.
Nachdem ich den Autoreifen, den wir mitgebracht haben, von der Ladefläche des Trucks gewuchtet und Paige ein letztes Mal zugewinkt habe, rolle ich den Reifen zu dem Schuppen neben unserem Haus. Red, der so etwas wie der Hausmeister und gute Geist auf unserem Campingplatz ist, kommt herausgeschlendert. Seine mit Farbklecksen bespritzte Latzhose ist so ausgeblichen, dass ihr Jeansstoff beinahe weiß ist. Gemeinsam mit ihm halten Mom und ich den Laden hier am Laufen.
»Hi, Red«, sage ich, als er mir die Tür aufhält.
»Hallo, Julia«, antwortet er. »Danke, dass du den Reifen mitgebracht hast. Wie war der letzte Schultag?«
»Gut. Vor allem, weil es der letzte war.« Ich ducke mich unter seinem Arm durch und bugsiere den Reifen in den Schuppen. Es ist ein seltsamer Gedanke, dass die Schule jetzt vorbei ist. Fertig. Aus. Ich weiß gar nicht, wie ich mich fühlen soll. Aber ich freue mich unglaublich darauf, von jetzt an Tag und Nacht draußen verbringen zu können, unter der Sonne und den Sternen, im kristallklaren Wasser und an der frischen Bergluft.
Und natürlich, Dan zu sehen.
»Dann hast du jetzt wohl offiziell Ferien, was?« Wie er sich den grauen Bart reibt, erinnert er an einen etwas verwilderten Weihnachtsmann.
Ich ziehe die Augenbrauen zusammen. »Ja, aber komm jetzt nicht auf falsche Ideen. Ich fange hier erst morgen ›offiziell‹ in Vollzeit an.«
»Ich dachte nur, du könntest dir vielleicht kurz den Steg ansehen.« Sein Ton ist einschmeichelnd. »Einige Gäste haben gesagt, dass da ein paar Bretter locker sind.«
»Du gönnst mir aber auch nie eine Pause.« Seufzend lehne ich den Reifen an die Wand. »Heute Abend gehe ich sowieso runter zum See, dann schaue ich mal nach. Es soll einen Wahnsinnssternenregen geben.«
»Danke dir.« Red arbeitet bei uns, seit ich denken kann, und gehört quasi zur Familie. Er war ein enger Freund meines Großvaters und hat es sich zur Aufgabe gemacht, mich zum Handwerker, oder besser, zur Handwerkerin, auszubilden, nachdem mein Opa gestorben war. Sie fanden beide, dass jedes Mädchen Handgriffe wie Reifenwechseln, Hüttenbauen oder einfache Klempnerarbeiten beherrschen sollte. Auch wenn Letzteres ziemlich eklig ist. Nützlich, aber eklig. Dank Red kann ich es jedenfalls.
»Kein Problem«, sage ich, wische mir die Hände an den Shorts ab und verlasse hinter ihm den Schuppen.
Ich atme den vertrauten Geruch von frisch gehacktem Holz und Lagerfeuer ein. Der Campingplatz ist seit über einem Monat geöffnet, doch jetzt, mit Beginn der Sommerferien, haben wir Hochsaison. Bisher waren hauptsächlich Rentner und Wochenendgäste da, aber bald werden wir komplett ausgebucht sein. Zum Glück. Auch wenn Mom nicht gern darüber redet, weiß ich, dass das Geld dieses Jahr nach den ganzen Arztrechnungen ziemlich knapp geworden ist. Ich gehe ins Haus, wo mir der Duft von frisch gebackenem Kuchen entgegenschlägt.
Sonderbar. Mom backt eigentlich nur, wenn einer von uns Geburtstag hat.
»Mom?«, rufe ich. »Ich bin wieder da!«
»Ich bin hier«, ruft sie aus der Küche.
Ich folge ihrer Stimme und betrete ein Schlachtfeld. Es sieht aus, als wäre der Kühlschrank explodiert.
»Was ist denn hier los?« Ich mustere erst das Chaos und dann meine Mutter, die eher eine Göttin als eine Hausfrau ist.
Auf ihrer Schürze steht Rein in die Asanas!. Meine Mutter leitet nicht nur den Campingplatz, sie gibt auch Hot Yoga-Kurse und ist eine ziemliche Yoga-Fanatikerin. Man könnte meinen, dass ein Gesundheitsfreak wie sie gern kocht, aber sie sagt, es sei besser, das frische Gemüse vom Bauernmarkt roh zu essen. Behauptet sie zumindest. »Ich wollte Caleb und dir heute mal was Besonderes kochen«, sagt sie leicht atemlos. Dafür, dass sie Mitte vierzig ist, hat Mom eine ziemlich tolle Figur, aber ich entdecke ein paar neue Fältchen um ihre Augen. Calebs Krankheit hat auch mich mitgenommen, aber Mom hat quasi im Krankenhaus gewohnt, während er dort war. »Red isst mit uns.«
Ich schnuppere. Ein weiterer ungewohnter Geruch dringt in meine Nase. »Ist das Fleisch?«
»Schmorbraten«, sagt sie, halb stolz, halb bedauernd.
»Im Ernst?« Mom ist Veganerin, aber wir anderen sind Fleischfresser.
»Frei laufend, mit Getreide gefüttert und ohne Hormone.« Sie öffnet die Ofentür und schaut hinein. »Das arme Ding.«
»Lecker.« Ich sehe sie an. »Gibt es einen besonderen Anlass?«
»Darf ich nicht mal ein schönes Essen für meine Familie kochen?«, entgegnet sie, doch ihre angespannten Schultern verraten mir, dass mehr dahintersteckt.
Ich sehe sie argwöhnisch an. »Nein, sag ehrlich, was ist los?«
»Wir sprechen beim Essen darüber.«
Okaaaay. Mein Herz rutscht mir in die Kniekehlen, und meine Gedanken wandern automatisch zu Caleb, obwohl er gut aussah, als ich ihn vorhin gesehen habe.
»Wo ist Cale?«, frage ich.
»Es geht ihm gut, Julia.« Unsere Telepathie funktioniert in beide Richtungen.
Trotzdem will ich mich selbst vergewissern. Die meisten Mädchen in meinem Alter finden ihre kleinen Brüder nervig, aber Caleb ist ein ziemlich cooles Kerlchen. Und das fand ich schon, bevor er krank wurde. Ich gehe zur Kellertreppe und überlasse Mom die letzten Vorbereitungen fürs Essen.
Unten empfängt mich Finsternis. Nur das Licht des 50-Zoll-Monitors erhellt Calebs weißes Gesicht. Er trägt ein Headset und unterhält sich mit seinen Gamer-Freunden, während sie die neueste Minecraft-Version spielen.
»Hey, Cale.«
»Hey«, sagt er, ohne den Blick vom Bildschirm zu lösen.
»Wie geht’s dir?« Ich mustere ihn eingehend.
»Gut.« Trotz seiner Blässe nach der langen Zeit im Krankenhaus und jetzt hier unten sieht es so aus, als hätte er ein paar Pfund zugenommen.
»Gewinnst du?«, frage ich und lasse mich neben ihn auf das abgewetzte Sofa fallen.
»Jep.« Was für ein brillanter Gesprächspartner.
»Ist dir an Mom irgendwas aufgefallen?« Mein rechtes Bein wippt auf und ab.
Er drückt auf Pause und sieht mich mit seinen klaren blauen Augen an, die er von Mom geerbt hat. Ich habe die algengrünen Augen meines Vaters, eins der wenigen Details, die mich an ihn erinnern. »Was?«
»Sie macht Schmorbraten. Und Kuchen!«
»Cool.« Er spielt weiter.
»Bist du gar nicht neugierig?« Geduld ist nicht gerade meine Stärke. Mein Bruder dagegen könnte es locker mit einer Horde buddhistischer Mönche aufnehmen. Ich frage mich, ob das ganze Herumliegen im Krankenhaus ihn gelehrt hat, die Dinge so zu nehmen, wie sie kommen. Auf mich hatte es die genau gegenteilige Wirkung. Ich werde jetzt noch schneller zappelig.
»Nö«, sagt er und starrt weiter auf den Bildschirm.
Ich sitze noch ein paar Minuten da und schaue zu, wie seine Finger über den Controller sausen. Dann höre ich die Fliegengittertür zufallen und springe auf die Füße.
»Red ist da«, sage ich und spüre Adrenalin in meinem Körper. Caleb geht es gut, aber ich habe irgendwie eine schlechte Vorahnung. Ich muss herausfinden, was los ist. Danach kann ich hoffentlich weiter von meinem Wiedersehen mit Dan träumen. Ich habe mir die Szene schon hundertmal ausgemalt. Ob wir uns unten am See treffen? Oder wird er zu uns hochkommen und nach mir fragen? Was soll ich anziehen? Man kann sich auf einem Campingplatz nicht wirklich schick machen. Also, man kann schon, aber dann würde man aussehen wie ein Idiot! Habe ich Paige ihren Rock eigentlich schon zurückgegeben?
»Essen ist fertig!«, ruft Mom die Treppe herunter.
Caleb murmelt etwas in sein Headset und nimmt es ab. Er erhebt sich etwas steif und schaltet das Spiel aus.
»Es hat bestimmt nur was mit dem Campingplatz zu tun«, sagt er, als wir zur Treppe gehen. Süß, dass mein kleiner Bruder versucht, mich zu beruhigen. »Vielleicht brauchen wir neue Feuerstellen am Strand und wir sollen dabei helfen oder so.«
Seine kleinen Hände umgreifen das Geländer. Sein rechtes Bein hebt sich, senkt sich, und das schwache linke wird nachgezogen. Das rechte führt wieder, gefolgt vom linken.
»Vielleicht.« Ich beobachte seine Bewegungen.
»Oder vielleicht wird Wakestock dieses Jahr abgesagt«, fügt er hinzu, dreht den Kopf zu mir und zeigt sein seltenes Lächeln.
»Mach bloß keine Witze!« Ich trainiere schon seit Monaten meinen 360 für das jährliche Wakeboard-Turnier, trotz der nahezu arktischen Wassertemperaturen. Ich kann es kaum erwarten, Dan damit zu beeindrucken.
»Kinder!«, ruft Mom wieder bemüht fröhlich, als wir in die Küche kommen.
»Wie geht’s dir, Kleiner?« Red verstrubbelt Caleb die Haare. Ich frage mich, warum er vorhin im Schuppen gar nicht erwähnt hat, dass wir uns zum Essen sehen.
»Freust du dich, dass die Schule vorbei ist, Jules?«, fragt Mom. »Ich bin so stolz auf dich.« Dann, ohne auf eine Antwort zu warten, fügt sie mit einem Zwinkern hinzu: »Morgen kommen die Schaeffers!« Ich werde rot. Alle wissen, dass zwischen Dan und mir was läuft. Seine Eltern sind gut mit Mom befreundet, und ich bin sicher, dass sie über uns geredet haben. Echt peinlich.
Mom hat den Gartentisch gedeckt und wir gehen nach draußen. Das gute Porzellan steht arglos auf Omas feiner Tischdecke.
»Gibt es was zu feiern?«, frage ich, falte die Hände und lege das Kinn darauf. Vielleicht trügt mich mein Instinkt ja auch.
Mom und Red wechseln einen Blick. »Morgen kommt jemand, um den Wert des Grundstücks zu schätzen«, sagt Mom dann in einem Rutsch.
Was? »Warum?«
»Na ja.« Sie räuspert sich. »Ich denke darüber nach, es zu verkaufen.«
Ich nehme das Besteck und betrachte es eingehend. »Du meinst, einen Teil des Grundstücks?« Der Campingplatz liegt direkt am Ufer des Sees mit einer Menge Wald drum herum.
»Ich meine den ganzen Platz.« Moms Stimme ist ruhig. Sie sieht Red an, der nichts dazu sagt, und blickt dann von meinem Bruder zu mir.
Peng.
2
Ich sitze wie versteinert da.
Caleb starrt auf seinen leeren Teller.
»Warum?«, bringe ich krächzend hervor und umklammere meine Gabel.
»Na ja, ich denke, dass es gut wäre, etwas zu verändern.« Red – der offensichtlich zur moralischen Unterstützung hier ist – nickt ihr zu. Sie fährt fort: »So ein Campingplatz kostet eine Menge Geld, mein Schatz. Die Instandhaltung, die Renovierungsarbeiten …«
»Es ist wegen mir.« Calebs Stimme bebt wie eine 7,5 auf der Richterskala. »Weil ich krank war.«
»Nein, mein Süßer«, sagt Mom schnell. »Es ist einfach sehr viel Arbeit.«
»Wir hatten doch sonst auch kein Problem mit der Arbeit.« Meine Stimme zittert genau wie Calebs. Das kann nicht ihr Ernst sein. Unser Zuhause verkaufen? Das ist doch völlig absurd!
»Es ist wegen dem Geld«, krächzt Caleb. Ein paar Tränen laufen ihm übers Gesicht und er wischt sie wütend weg. »Wir haben so viel fürs Krankenhaus ausgegeben, dass wir uns den Campingplatz nicht mehr leisten können. Stimmt’s?«
»Sei nicht albern, Cale.«
Vermutlich hat er recht, aber ich will nicht, dass er sich noch schlechter fühlt. Mom auch nicht. Sie will uns nicht anlügen, aber ihr Gesicht verrät mir, dass wir nicht mal die Hälfte unserer Geldsorgen kennen. Weil es unser eigenes Unternehmen ist, übernimmt die Krankenversicherung nicht alle Kosten. Ich habe Mom am Telefon mit Tante Cheryl darüber sprechen hören, als sie dachte, dass ich es nicht mitbekomme. Nach den Kosten für den monatelangen Aufenthalt im Krankenhaus, die Medikamente, die Krankengymnastik und die ausgefallene Arbeit ist es vielleicht einfach zu viel geworden.
Ich lege das Besteck auf den Tisch. »Kann ich aufstehen?«
»Julia«, setzt Mom an, aber ich warte ihre Antwort nicht ab.
Ich laufe los. Ums Haus herum, die Einfahrt hinunter, die Wege entlang, immer einen Fuß vor den anderen setzend. Meine Wangen sind nass. Unser Campingplatz darf nicht verkauft werden. Ich laufe an mehreren Stellplätzen vorbei, wie auf Autopilot, ohne ein bestimmtes Ziel vor Augen. Es ist Freitag und viele neue Gäste sind angekommen. Zelte werden aufgebaut, Wohnmobile geparkt, Feuerholz gesammelt, Sonnensegel aufgespannt. Musik tönt aus Lautsprechern. Die ausgelassene Stimmung passt nicht zu meinem Kummer. Das kann doch nicht Moms Ernst sein. Der Campingplatz ist unser Zuhause! Wo sollen wir denn hin? Was sollen wir machen? Mich überkommt ein heftiger Brechreiz. Eine gefühlte Ewigkeit laufe ich weiter, die Zeltreihen hoch und runter. Als ich schließlich in meiner Benommenheit aufblicke, nähere ich mich dem Stellplatz 33.
Es ist Dans Platz. Seine Familie reserviert ihn jedes Jahr, wenn sie zu ihrem vierwöchigen Aufenthalt hierherkommt. Die Drei ist Dans Lieblingszahl, das hat er mir in unserem ersten Sommer erklärt, eine Doppel-Drei ist also gleich doppelt gut. Aber auf dem Platz steht ein riesiges Wohnmobil, das so aussieht, als könnten zwanzig Leute bequem darin schlafen. Dieses Riesending gehört doch nicht den Schaeffers.
Idioten,denke ich. Haben die das Reserviert-Schild nicht gesehen? Ich steuere auf das Wohnmobil zu, wische mir die Tränen ab und hole tief Luft, bereit, meinen Frust an den ahnungslosen Campern auszulassen. Die Wohnmobiltür schwingt auf und ein hübsches blondes Mädchen kommt lachend heraus. Ein großer Typ mit blonden, zur Seite frisierten Haaren folgt ihr.
»Hallo«, sage ich. »Tut mir leid, der Stellplatz ist reserviert. Ihr müsst leider …«
»Jules?«, unterbricht mich der Typ.
Ich sperre den Mund auf. »Dan?«
Ich renne die letzten Meter zu ihm, falle ihm um den Hals und vergrabe das Gesicht an seiner Brust. Er riecht so gut. Er legt die Arme um mich und sie fühlen sich so vertraut an, dass mir schon wieder die Tränen kommen. »Es tut so gut, dich zu sehen«, platzt es aus mir heraus. »Wie schön, dass du da bist. Ich muss dir so viel erzählen …« So habe ich mir das große Wiedersehen zwar nicht vorgestellt, aber ich bin zu aufgewühlt, als dass es mich stören würde.
»Äh, Jules …« Dan windet sich unbeholfen aus meiner Umklammerung. »Ich möchte dir jemanden vorstellen.«
Das blonde Model neben uns habe ich völlig vergessen. Ich kann mir einen Großteil des Schnodders gerade noch aus dem Gesicht wischen, bevor ich mich zu ihr drehe.
»Hi«, zwitschert sie, perfekt und rotzfrei.
»Hi.« Meine Stimme ist unsicher.
»Jules, das ist Taylor.«
Ich blicke verwirrt von Taylor zu Dan.
»Meine Freundin.«
Wow, er stellt mich als seine Freundin vor. Also, darauf hatte ich ja gehofft, aber wir haben nie darüber gesprochen … Dann erst merke ich, dass er ihr den Arm um die Schulter gelegt hat.
Oh.
Taylor ist Dans Freundin.
Ich ringe mir ein Lächeln ab. »Schön, dich kennenzulernen.«
»Julias Familie gehört dieser Campingplatz«, erklärt Dan Taylor.
Sie nickt höflich. Unbehagliches Schweigen macht sich breit.
»Ihr … habt ein neues Wohnmobil, hm?« Mein gezwungenes Lächeln fühlt sich zunehmend irrsinnig an.
»Ja«, sagt Dan. »Möchtest du eine Führung?«
Äh, nein.
»Ein andermal. Ich hab Red versprochen, unten am Steg was zu reparieren.« Ich muss hier weg. »Grüß deine Eltern von mir.« Mein Blick fällt auf zwei dunkle Schatten, die sich im Wohnmobil bewegen.
»Mach ich«, sagt er zögernd. »Jules …«
»Bis dann!« Ich drehe mich um und düse davon, wobei ich fast über die Feuerstelle stolpere, die ich gestern extra erneuert habe, damit bei seiner Ankunft alles bereit ist.
»Hat mich gefreut!«, flötet Taylor mir nach.
»Mich auch.« Ich winke über die Schulter. Ich kann nicht denken. Ich kann nicht atmen. Ich kann nur laufen.
Dan hat eine Freundin. Und er hat sie mit hierhergebracht. Warum hat er mir nichts davon gesagt?
Zehn Minuten später bin ich unten am See. Die Sonne ist weg und die ersten Sterne funkeln. Ich steuere auf den Schuppen hinterm Waschhaus zu, wo wir Toilettenpapier, Seife und andere Vorräte lagern. Ich öffne das Vorhängeschloss, bahne mir einen Weg durch zweihundert Rollen Papierhandtücher und wuchte mir eine lange schwarze Tasche über die Schulter. Der Meteoritenschauer wird erst in ein paar Stunden seinen Höhepunkt erreichen, aber ich gehe trotzdem jetzt schon rüber zum Steg. Aus irgendeinem Grund beruhigt mich der Gedanke, zum Nachthimmel hochzuschauen und mir die unermesslichen Weiten des Weltraums und unsere eigene Bedeutungslosigkeit vor Augen zu führen. Vielleicht ist es so – wenn nichts eine Rolle spielt, spielt auch das hier keine Rolle. Mein Herz hat eine Erholung von diesem Doppelschlag jedenfalls bitter nötig.
Der Wind trägt leise Gitarrenklänge zu mir herüber. So ein Mist. Irgendjemand ist schon da. Ich nähere mich dem Bootsanleger. Wenigstens singt er nicht. Aber wer es auch ist, immerhin klingt er gut. Ich kann einen schwachen Umriss am Ende des Stegs erkennen und trete auf die Bohlen, die sich leise ächzend nach unten senken. Die Musik setzt kurz aus, dann fährt sie fort. Auf halber Strecke bleibt mein Fuß an einem der losen Bretter hängen, die Red erwähnt hat. Ich stolpere und lande mit der Nase voran auf dem rissigen Holz. Im Fallen drücke ich das Teleskop an mich, damit es nicht im Wasser landet.
Die Gitarre verstummt. Ich höre, dass sie auf den Steg gelegt wird, während ihr Besitzer aufspringt und zu mir läuft.
»Alles in Ordnung?«, fragt eine Stimme.
»Alles okay«, grummele ich und stemme mich auf die Knie.
Der Tag wird ja immer besser.
Eine Hand kommt mir entgegen. Das Teleskop an mich gedrückt ergreife ich sie, richte mich auf und frage mich augenblicklich, wie dieser Pirat auf meinem Steg gelandet ist. Augen wie Mitternacht, pechschwarze Haare und olivbraune Haut: der Inbegriff von groß, dunkelhaarig und schön. Wie die Typen vorn auf Moms Liebesromanen. Natürlich ist sein Oberkörper nackt. Meine Hand glüht in seiner.
»Das Brett da sollte mal jemand reparieren«, sagt er grinsend und lässt meine Hand los. Ich sehe eine Reihe blendend weißer Zähne.
»Es ist schon jemand unterwegs«, erwidere ich mit trockenem Mund. Was hat dieser halb nackte Kerl auf meinem Steg zu suchen? Ich kann mir vorstellen, wie ich gerade aussehe. Aber ich lasse es lieber. »Danke«, füge ich hinzu.
Dan kreuzt mit seiner Freundin hier auf, und ich lande zu Füßen eines fremden Adonis? Paiges Worte kommen mir in den Sinn: »Was für ein entsetzliches Klischee.« Ich muss mir das Lachen verkneifen.
»Kein Problem.« Er lässt noch einmal sein strahlendes Lächeln aufblitzen und geht dann zu seiner Gitarre zurück. Er hängt seine Füße ins Wasser und klimpert weiter, während ich dastehe und überlege, was ich jetzt machen soll. Sexy Pirat hin oder her, das ist mein Steg. Ich halte an meinem Plan fest und baue mein Teleskop auf.
»Schöner Abend zum Sternegucken«, sagt er, ohne mit dem Geklimper aufzuhören.
»Ja«, erwidere ich und stelle die Höhe ein.
»Wer wird denn den Steg reparieren?«, fragt er.
»Ich.« Mein Ton ist kurz angebunden. »Warum fragst du?« Wenn du ihn nicht anschaust, wird er dich schon in Ruhe lassen. Ich bin nicht in Stimmung für Smalltalk mit einem Piraten.
Ich spüre seinen Blick. »Brauchst du Hilfe?«
»Danke, ich krieg das schon hin.« Ich spähe durch das Teleskop und stelle die Linse ein. »Der Campingplatz gehört meiner Familie.«
Auch wenn ich nicht weiß, wie lange noch.
Das Geklimper bricht ab. »Echt?« Er dreht sich auf dem Hintern zu mir um, sodass Wassertropfen von seinen Füßen spritzen.
»He!«, sage ich. »Vorsicht mit dem Teleskop!« Ich schaue nach, ob Astra was abgekriegt hat. Glücklicherweise ist sie trocken.
»Tut mir leid.« Seine Stimme ist aufrichtig, und ich vergesse, dass ich ihn nicht anschauen wollte. Seine dunklen Haare sind zerzaust, als wäre er gerade von einem langen, stürmischen Segeltörn zurückgekehrt. »Was schaust du dir an?«
»Den Himmel«, entgegne ich.
»Schon klar«, gibt er zurück. »Aber was genau?«
Meine Wangen werden heiß. »Heute Nacht gibt es einen Meteoritenschauer.«
»Cool. Kann man den auch mit nacktem Auge sehen?«
Bei dem Wort »nackt« wird auch der Rest meines Körpers heiß. Ein Glück, dass es dunkel ist.
»Wenn die Wolken mitspielen.« Ich drehe mich um und beschäftige mich weiter mit dem Teleskop.
Er scheint den Wink nicht zu verstehen. »Ihr habt hier echt ein schönes Fleckchen Erde«, sagt er.
»Danke.« Meine Stimme stockt und mit einem Mal kommen ein paar restliche Tränen hoch. Oh Gott, ich kann gar nicht glauben, dass Mom wirklich übers Verkaufen nachdenkt. Das ist unser Zuhause. Mein Zuhause. Sollen wir etwa in irgendein Nullachtfünfzehnhaus mit einem winzigen Garten ziehen? Ich brauche die Luft, die Bäume, den See, die Freiheit, die Weite und alles andere, wovon Moms geliebte Dixie Chicks singen.
»Alles okay?«, fragt er.
Na toll. Jetzt heule ich schon vor Fremden.
»Ja.« Ich schniefe. Leider macht Mitgefühl das Heulen immer noch Millionen Mal schlimmer. Es ist, als wollte man mit Kerosin ein Feuer löschen. Die Tränen laufen mir schneller über die Wangen, als ich sie wegwischen kann. Unglaublich, dass überhaupt noch welche da sind. »Alles okay«, versichere ich wieder. Ich hocke mich an den Rand des Stegs und spritze mir kühles Wasser ins Gesicht. »Ich wünschte nur, das Leben wäre nicht so … ungerecht.« Die Worte sprudeln aus mir heraus, als ich an Caleb, den Campingplatz und Dan und Taylor denke.
Der Pirat hockt sich neben mich. »Wünsch dir doch was von einer Sternschnuppe.« Seine Stimme ist sanft.
Ich spule einen alten Astronomenwitz ab: »Wenn du dir von einer Sternschnuppe was wünschst, kommst du ein paar Millionen Jahre zu spät. Der Stern ist tot, genau wie deine Träume.« Der Spruch ist blöd und stimmt auch nicht ganz, aber er passt zu meiner Laune.
Er prustet los. »Na, das ist ja erbaulich!«
Ich streife meine Flipflops ab und tauche die Füße in den See. Das kühle Wasser umspielt meine Waden.
Der Typ sieht mich an. »Willst du darüber reden?«
»Äh, nimm’s mir nicht übel, aber ich kenne dich doch gar nicht«, sage ich. Ich schütte mein Herz bestimmt keinem wildfremden Mann aus. Einem Wildfremden ohne T-Shirt. Und mit ziemlich muskulösen Beinen. Eigentlich müsste ich an den Anblick nackter Männerhaut ja gewöhnt sein, aber es sind bei Weitem nicht alle Typen hier so, äh … wohlgeformt? Waschbrettbauchgesegnet? Perfekt? … wie dieser.
»Manchmal hilft es, sich bei einem Fremden auszusprechen«, sagt er. »Wie bei einer Beichte. Betrachte es als eine Gratistherapiesitzung.«
»Und du bist der Therapeut?« Ich werfe ihm einen Seitenblick zu. Der Priester ist er jedenfalls nicht. »Welche Qualifikationen hast du?«
»Also, jemand hat mir mal gesagt, dass ich ein guter Zuhörer bin.« Sein Lächeln ist das einzige Licht in der Dunkelheit. »Außerdem hätte ich zufällig gerade einen Termin frei.« Etwas an seinem Ton dringt zu mir durch. Er gibt sich wirklich Mühe, mich zu überzeugen.
Ich zögere. »Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll.« Aber das stimmt nicht. Ich weiß es sehr wohl.
3
Vor uns springt ein Fisch aus dem Wasser. Ein leises Platschen, dann breiten sich Kreise auf der Oberfläche aus. »Mein kleiner Bruder war in den letzten Monaten schwer krank«, beginne ich schließlich, als mein Mitteilungsbedürfnis über die Zurückhaltung siegt. »Er lag lange im Krankenhaus und es haben sich ein paar ziemlich hohe Rechnungen angesammelt.«
Der Typ sagt nichts, also rede ich weiter, den Blick aufs Wasser gerichtet.
»Meinem Bruder geht es zum Glück wieder besser, aber jetzt hat unsere Mom uns eröffnet, dass sie vorhat, alles zu verkaufen.« Ich zeige mit der Hand auf den See und den Campingplatz. »Unser Zuhause.« Bei dem letzten Wort stockt meine Stimme wieder.
Er verlagert das Gewicht und sagt immer noch nichts.
»Außerdem hat der Typ, mit dem ich letzten Sommer, äh … rumgehangen habe und von dem ich dachte, dass wir, na ja, vielleicht ein Paar werden würden …« Ich verziehe das Gesicht und spüre die Demütigung so deutlich wie die frische Nachtluft. »Also … ich habe mich das ganze Jahr darauf gefreut, ihn wiederzusehen, und jetzt kommt er mit seiner modelmäßigen Freundin hier an.« Mittlerweile bin ich so richtig auf dem Selbstmitleidstrip. »Und dann fährt auch noch meine beste Freundin morgen weg und lässt mich den ganzen Sommer allein.«
Er räuspert sich. »Es war also alles in allem kein berauschender Tag, was?«
»Das ist untertrieben.«
Ich habe diesem Fremden komplett mein Herz ausgeschüttet und weiß noch nicht mal, wie er heißt.
Er scheint meine Gedanken zu lesen. »Ich bin Nick.« Er dreht sich zu mir und gibt mir die Hand.
Ich schüttele sie und mustere ihn und seine beeindruckenden Brustmuskeln. »Julia.«
»Also, Julia. Das mit dem Typen ist echt blöd, aber er ist offensichtlich ein Idiot. Und was den Campingplatz angeht – ist es ganz sicher, dass er verkauft wird?«
»Ich weiß es nicht.« Ich blicke wieder aufs Wasser. »Meine Mom hat gesagt, dass morgen jemand vorbeikommt, um ihn sich anzuschauen.«
»Hm.« Nick überlegt. »Und was, wenn ihm nicht gefällt, was er sieht?«
»Wie meinst du das?«
»Ich meine, wenn du ihn davon überzeugen könntest, dass es keine gute Investition ist?«
»Wie soll ich das machen?«
Nick zuckt die Schultern. »Uns wird schon was einfallen.«
»Uns?«
»Ja. Lass uns mal überlegen. Hat der Platz irgendwelche Mängel?« Er schlägt sich auf den Oberschenkel. »Abgesehen von den Moskitos?«
»Keinen einzigen«, entgegne ich düster.
»Ach komm, das kannst du doch besser«, sagt er. »Ist hier nicht vor einigen Jahren jemand ertrunken?«
»Nein!«, erwidere ich entsetzt. »Wir haben, was die Sicherheit betrifft, einen absolut guten Ruf. Wovon redest du …?«
»Da habe ich aber was anderes gehört«, unterbricht er mich mit gesenkter Stimme. »Außerdem wurde mir gesagt, dass hier in Vollmondnächten ein Geist herumspukt.« Ich rutsche unauffällig ein Stück zur Seite. Da hat wohl jemand vergessen, seine Tabletten zu nehmen. Er fährt fort: »Und es gibt hier doch ziemlich viele Bären, oder?«
»Na ja, schon, aber auf den Campingplatz kommen sie nur, wenn die Leute Essen herumliegen lassen. Oder eine offene Zahnpastatube …«
Er unterbricht mich wieder. »Was ist mit dem wilden Grizzly, hinter dem sie schon seit Jahren her sind?«
Ich sehe ihn verwirrt an, bis mir endlich dämmert, dass er das nicht ernst meint. Ein zögerndes Lächeln breitet sich auf meinem Gesicht aus. Seine Vorschläge sind lächerlich, trotzdem bin ich ihm dankbar.
»Ach, den meinst du. Alte Klaue.« Ich nicke. »Zwei Camper hat er dieses Jahr schon verputzt.«
»Na, siehst du.« Nick klopft mir auf die Schulter. Ich spüre die Wärme seiner Hand durch mein T-Shirt. »Du musst nur ein bisschen kreativ werden.«
»Das wird nicht funktionieren.« Ich schüttele den Kopf.
»Die meisten Geschäftsleute wollen einen wasserdichten Deal«, sagt er. »Ein paar Gerüchte reichen da schon, um Zweifel zu säen. Vielleicht tut es auch ein gutes altes Schlundloch.«
Ich lache und der Tag wirkt nicht mehr ganz so düster.
»Siehst du«, sagt er. »Schon besser.« Er schaut zum Himmel. »Wann soll dieser Schauer denn kommen?«
»Er fängt gerade an.« Ich zeige hoch. »Schau.« Seine Augen folgen meinem Finger. Ein Lichtstrahl gleitet über den Himmel. Nick streckt sich auf dem Steg aus und verschränkt die Hände hinter dem Kopf.
»Zum Glück ist der Mond noch nicht voll«, sage ich. »Sonst wäre die Sicht nicht so gut.« Ich zeige wieder zum Himmel. »Da.«
Er reckt den Hals. »Woher weißt du, wo man hinschauen muss?«
Irgendwie hat meine Beichte bewirkt, dass ich mich in Nicks Gesellschaft völlig unbefangen fühle – ganz anders als bei den meisten Jungs –, deshalb lege ich mich neben ihn und stelle die nackten Füße auf den Steg.
»Du musst dich auf den Radianten konzentrieren«, erkläre ich, während ich es mir bequem mache.
»Radiant?« Ich spüre, dass er zu mir sieht, und drehe mich in seine Richtung.
Unsere Gesichter sind nur wenige Zentimeter voneinander entfernt.
Schnell schaue ich wieder zum Himmel. »Der Bereich, von dem die Sternschnuppen ausgehen. Das Sternbild, in dem sich der Radiant befindet, gibt dem Meteoritenschauer seinen Namen.«
»Und wie heißt dieser hier?«, fragt er. Plötzlich wird mir klar, dass ich neben einem extrem gut aussehenden, halb nackten Typen liege, der garantiert ein paar Jahre älter ist als ich. Im Dunkeln. Allein.
»Man nennt sie die Camelopardaliden«, sage ich. Vermutlich hält er mich jetzt für den totalen Nerd. Ganz ehrlich – Astronomie ist nicht gerade das erotischste Hobby. Ich werde ihm auf keinen Fall verraten, dass ich meinem Teleskop einen Namen gegeben habe.
»Die Meteoriten kommen also aus dieser Camelo-Dingsda-Konstellation?«
»Ja.« Ich lächle. »Die meisten Meteoritenschauer tauchen jedes Jahr um die gleiche Zeit auf, so wie die Perseiden im August oder die Geminiden Mitte Dezember. Aber dieser hier ist ganz neu. Es ist das erste Mal, dass man ihn von der Erde aus sehen kann.«
»Das ist cool«, sagt er und ich spüre wieder seinen Blick auf mir. »Etwas Schönes zum ersten Mal zu sehen.« Wir blicken schweigend zum Himmel und seine Worte gehen mir durch den Kopf.
»Der Höhepunkt ist zwischen zwölf und zwei«, sage ich.
»Sind ja nur noch ein paar Stunden.« Der Steg knarrt, als Nick das Gewicht verlagert und in seiner Tasche kramt. Er zieht eine zerknitterte Tüte M&M’s hervor und schüttelt sie. »Zum Glück habe ich Proviant dabei. Willst du auch welche?«
Ich habe nichts zu Abend gegessen und das Mittagessen scheint schon Ewigkeiten zurückzuliegen.
»Gerne.« Ich strecke die Hand aus. Er dreht sich auf die Seite und schüttet sie mir in die offene Hand. »Danke.« Wir kauen einträchtig, bis ich ihn frage: »Weißt du, wie spät es ist?« Bei meinem überstürzten Abgang habe ich mein Handy vergessen, aber der Empfang ist hier unten ohnehin nicht sehr gut.
»Gegen zehn, denke ich«, sagt er. »Wann schicken deine Leute den Suchtrupp los?«
Ich zucke die Schultern. Normalerweise kann ich kommen und gehen, wie ich will, aber bei meinem aufgewühlten Zustand von vorhin macht sich Mom vermutlich Sorgen. Geschieht ihr recht, denke ich, und Bitterkeit steigt in mir hoch.
»Julia?«, ruft eine zaghafte Stimme vom Strand.
»Da ist der Suchtrupp schon«, sage ich, setze mich auf und winke. »Hier drüben, Cale.« Er humpelt zum Steg.
»Vorsicht, da sind ein paar lose Bretter«, sagt Nick.
»Ach ja?« Caleb mustert Nick neugierig. »Wie ist der Schauer?«
»Der geht erst in ein paar Stunden richtig los«, sage ich.
»Kommst du nach Hause?« Er schaut mich bittend an und ich habe plötzlich ein schlechtes Gewissen. Egal, wie mies ich mich fühle, Caleb fühlt sich garantiert noch schlechter.
»Ja. Ich muss nur kurz zusammenpacken«, sage ich, nehme Astra von ihrem Gestell und stecke sie in die Tasche.
»Soll ich euch begleiten?«, fragt Nick. »Nur für den Fall, dass Alte Klaue euch über den Weg läuft?«
»Wer?«, fragt Caleb.
»Der menschenfressende Bär aus dem Wald.« Ein Grinsen stiehlt sich auf mein Gesicht. »Nick hatte eine super Idee. Er meint, wir sollten uns ein paar Schauergeschichten einfallen lassen, damit der Campingplatz für Käufer weniger interessant wirkt«, erkläre ich meinem Bruder.
»Oh. Verstehe.« Caleb starrt aufs Wasser.
»Cale.« Meine Stimme ist sanft. Ich werfe mir Astra über die Schulter. »Es ist nicht deine Schuld.«
Er schluckt mühsam und starrt weiter. Ich seufze und drehe mich zu Nick, der vom Sternenlicht erhellt wird und mich beobachtet. Mein Magen macht einen Hüpfer.
»Also, hat mich gefreut, dich kennenzulernen.« Ich bin unsicher, ob ich ihm die Hand schütteln oder ihn umarmen soll. Schließlich tue ich nichts davon.
»Mich auch.« Er steckt die Hände in die Taschen. »Seid ihr sicher, dass ihr allein gehen wollt?«
»Ist schon in Ordnung.« Ich folge Caleb den Steg hinunter auf den weichen Sand. »Wir wohnen hier, schon vergessen?«
»Okay«, ruft er uns nach, »aber fallt nicht in das Schlundloch!«
Ich werfe dem Piraten über die Schulter einen letzten Blick zu und habe das Gefühl, ich stecke schon drin.
Ich spucke Zahnpasta ins Waschbecken und drehe den Wasserhahn auf. Caleb und ich teilen uns das Bad im ersten Stock. Er ist schon fertig im Bett und ich strecke den Kopf durch seine Zimmertür.
»Cale?«
»Ja?« Er blickt von seinem Buch auf. Ohne die Baseballkappe, die er sonst immer trägt, steht ihm seine hellbraune Tolle ungebändigt vom Kopf ab. Er sieht so unglaublich jung aus.
»Kann ich kurz mit dir reden?«
Er seufzt. »Ich hab schon genug mit Mom geredet.«
»Tut mir leid, dass ich dich mit ihr allein gelassen habe.«
Sie wollte mit mir sprechen, als ich nach Hause kam, aber ich habe gesagt, dass ich müde bin, und sie gebeten, die Diskussion auf morgen zu verschieben. Das schien ihr auch lieber zu sein, denn als ich nach oben ging, hat sie mich nicht aufgehalten.
»Schon okay.«
Ich gehe ins Zimmer und setze mich auf seine Bettkante. »Wirklich? Und wie geht’s dir?«
»Mir geht’s gut.« Er hebt sein Buch und liest weiter. Ich nehme es ihm aus der Hand und werfe es auf die blaue Bettdecke.
»He!«, ruft er.
»Ich weiß ganz genau, wann du lügst.«
»Ach ja?«
»Mach dir keine Sorgen. Wir werden den Campingplatz nicht verkaufen.« Ich habe beschlossen, alles zu tun, was in meiner Macht steht, um unser Zuhause zu retten.
Caleb schiebt sein kleines Kinn vor. »Hast du etwa ein geheimes Bankkonto, von dem wir nichts wissen?« Dafür, dass er erst neun ist, kann er ganz schön schnippisch sein. Muss an den ganzen Büchern liegen, die er liest. Die Computerspiele können es jedenfalls nicht sein.
»Nein«, erwidere ich. »Aber das Gespräch mit diesem Nick hat mich auf ein paar Ideen gebracht.« In vielerlei Hinsicht.
»Ach komm«, schnaubt er. »Glaubst du wirklich, dass ein paar alberne Geschichten irgendjemanden davon abhalten werden, den Platz zu kaufen?«
»Okay, vielleicht nicht.« Wir sitzen eine Weile schweigend da. Caleb sieht schrecklich niedergeschlagen aus. Ich zerbreche mir den Kopf, wie ich ihn aufheitern kann. Im Krankenhaus, als er wegen der Lähmung nicht einmal ein Buch halten konnte, habe ich ihm immer vorgelesen. Er liebt Abenteuergeschichten. »Kannst du dich noch erinnern, was Grandpa immer erzählt hat?«
»Was meinst du?« Da Caleb noch klein war, als unser Großvater gestorben ist, liebt er es, wenn ich von ihm rede. Er war ein großer Mann mit blitzenden blauen Augen, der viel gelächelt hat und immer eine Geschichte parat hatte. Er hat den Campingplatz selbst angelegt, auf dem Land, das er von seinem Vater geerbt hatte.
Ich senke die Stimme und werfe meinen Köder aus. »Er hat behauptet, dass auf dem Grundstück etwas Wertvolles versteckt ist.«
Caleb ist skeptisch. »Ein Schatz oder was?«
»Ich weiß es nicht«, gebe ich zu. »Ich weiß nur, dass er immer gesagt hat, hier auf dem Grundstück sei irgendetwas vergraben oder versteckt.«
Caleb zupft an der Bettdecke. »Echt?« Angebissen.
»Ja. Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, aber wir könnten uns ja mal die alte Hütte vornehmen und nachsehen, ob wir was finden.« Die Hütte, in der mein Großvater gewohnt hat, während er den Campingplatz angelegt hat, eine wacklige Bruchbude. Es sind immer noch einige seiner Sachen darin. Als er meine Großmutter kennenlernte, hat er ihr ein richtiges Haus gebaut – das Haus, in dem wir jetzt wohnen. In der Hütte haben Paige und ich gespielt, als wir klein waren. Bis Paige in einen rostigen Nagel trat und eine Tetanusspritze bekommen musste. Da erklärten Mom und Dad die Hütte für tabu, bis sie gereinigt und aufgeräumt sei, doch dazu ist es nie gekommen. Nachdem Dad weg war, ist es zu vielen Sachen nicht mehr gekommen.
