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»Manchmal benutzt Gott das Böse in uns, um Gutes zu tun.« Ein Pastor wird zum Täter – und dadurch auch zu einem besseren Seelsorger? Ein ungewöhnlicher Kirchen-Krimi von Pastor Bernd Schwarze, der in Zusammenarbeit mit Sebastian Fitzek entstanden ist. Im Affekt schlägt Pastor Benedikt Theves einem gewalttätigen Ehemann, der ihm ausgerechnet in der Sakristei seiner Kirche ein verstörendes Video zeigt, das schwere silberne Altarkreuz über den Schädel. Tief erschüttert und gleichzeitig seltsam befreit versteckt der Pastor den reglosen Körper in der Krypta. In den nächsten Tagen wird aus dem von Selbstzweifeln geplagten und häufig überforderten Geistlichen scheinbar ein neuer Mensch: Um den Schwachen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, schwingt er ab sofort nicht nur das Kruzifix, sondern auch wirkmächtige Reden im Namen des Herrn. Doch nicht nur Hauptkommissar René Willmers macht Pastor Theves mehr und mehr zu schaffen, sondern auch das eigene Gewissen … Die Idee zu diesem Kirchen-Krimi hat Pastor Bernd Schwarze zusammen mit Sebastian Fitzek entwickelt, mit dem er seit einer Lesung in seiner Kirche befreundet ist.
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Seitenzahl: 417
Veröffentlichungsjahr: 2021
Bernd Schwarze
KriminalromanNach einer gemeinsamen Idee und mit einem Nachwort von Sebastian Fitzek
Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.
Ein erfolgloser, von Skrupeln geplagter Pastor ist plötzlich fähig, die Menschen mit seinen Predigten zu begeistern. Ursache seiner wundersamen Verwandlung: Der Kirchenmann hat eine Todsünde begangen – Mord! Ein ebenso ungewöhnlicher wie authentischer Kriminalroman, geschrieben vom pastoralen Leiter der Kultur- und Universitätskirche St. Petri zu Lübeck, Dr. theol. Bernd Schwarze.
Motto
Motto
Sonntag Judika, 22. März
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
Montag, 23. März
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
Dienstag, 24. März
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel
21. Kapitel
22. Kapitel
23. Kapitel
24. Kapitel
Mittwoch, 25. März
25. Kapitel
26. Kapitel
27. Kapitel
28. Kapitel
29. Kapitel
30. Kapitel
31. Kapitel
Donnerstag, 26. März
32. Kapitel
33. Kapitel
34. Kapitel
35. Kapitel
Freitag, 27. März
36. Kapitel
37. Kapitel
38. Kapitel
39. Kapitel
40. Kapitel
41. Kapitel
42. Kapitel
Sonnabend, 28. März
43. Kapitel
44. Kapitel
Sonntag Palmarum, 29. März
45. Kapitel
46. Kapitel
47. Kapitel
48. Kapitel
49. Kapitel
50. Kapitel
51. Kapitel
52. Kapitel
53. Kapitel
Montag, 30. März
54. Kapitel
55. Kapitel
56. Kapitel
Dienstag, 31. März
57. Kapitel
58. Kapitel
59. Kapitel
60. Kapitel
Mittwoch, 1. April
61. Kapitel
62. Kapitel
63. Kapitel
64. Kapitel
65. Kapitel
Gründonnerstag, 2. April
66. Kapitel
67. Kapitel
68. Kapitel
69. Kapitel
70. Kapitel
Karfreitag, 3. April
71. Kapitel
72. Kapitel
73. Kapitel
Karsamstag, 4. April
74. Kapitel
75. Kapitel
76. Kapitel
77. Kapitel
78. Kapitel
79. Kapitel
Ostersonntag, 5. April
80. Kapitel
81. Kapitel
82. Kapitel
83. Kapitel
84. Kapitel
85. Kapitel
86. Kapitel
87. Kapitel
88. Kapitel
Nachwort
Danksagung
Quellennachweis
Geschieht ein Unglück in der Stadt,
ohne dass der HERR es verursacht?
(Amos 3,6)
Was der Mensch sät, das wird er ernten
(Galater 6,7)
Ein klägliches Wimmern drang aus dem Lautsprecher des kleinen Geräts. Das Scheusal lehnte ganz entspannt am Altar, grinste und hieß ihn näher kommen. Vorsichtig erhob er sich, machte ein paar Schritte. Er zitterte vor Angst.
Alles, was ihm nun vor Augen kam, ließ ihn taumeln. Der gutmütige Jesus auf dem Holzrelief im warmen Kerzenschein. Der silbrige Glanz des Kruzifixes mit dem steinernen Sockel. Die Altarbibel, beim Propheten Jeremia aufgeschlagen, und das Smartphone im Falz zwischen den Seiten. Das bläulich kalte Licht des Displays, dem er sich nicht entziehen konnte. Die Bilder des Grauens, die ihn nun erwarteten.
Eine Küche, weiße Möbel, weiße Fliesen. Ein High-Angle-Shot, eine Kameraperspektive von oben nach unten. Immer noch dieses herzzerreißende Wimmern. Dann ein wackliger Zoom auf eine Gestalt, die gekrümmt, ja geradezu eingerollt vor dem Herd am Boden lag. Blutspritzer auf den Bodenfliesen. Zögernd löste sich die Gestalt aus der Schutzhaltung und wandte ihr Gesicht der Kamera zu. Eine Frau mit dunkelblonden Haaren. Ihre Nase blutete, und das rechte Auge war zugeschwollen.
»Bitte!«, jammerte sie. Aus dem Off dröhnte ein keuchendes Husten, gefolgt von einem Würgen. Dann landete eine Ladung Speichel auf dem schmerzverzerrten Gesicht der geschundenen Frau. Ein gallertartiger Faden hing an der Braue des noch unverletzten Auges. Jetzt schrie sie, markerschütternd: »Hör auf, bitte!« Und eine auffällig ruhige, tiefe Männerstimme sprach: »Wenn du meinst, jetzt laut werden zu müssen, dann hat das hier alles keinen Sinn.«
Der kleine Bildschirm wurde schwarz; das silberne Kreuz reflektierte den Kerzenschein.
Binnen Sekunden durchströmte eine unkontrollierbare Energie seinen Körper, zog vom Bauch her aufwärts in die Brust, weiter in die Schultern, und schoss wie ein Pfeil in seinen rechten Arm. Vor seinem geistigen Auge ratterten unzusammenhängende Begriffe vorbei, wie die Klappziffern auf seinem alten Radiowecker: Angst/Schmerz/Frau/Blut/Kreuz/Mutter/Tod/Laut/Wut. Er biss die Zähne aufeinander, dass es knirschte. Seine rechte Hand packte das schwere Kruzifix mit sicherem Griff. Ein Laut, einem Urschrei gleich, dröhnte aus seinem Mund. Dann schlug er zu.
Ausgestorben. Das war das Wort, das Benedikt Theves in den Sinn kam, als er am Sonntagmorgen auf seinem roten Tourenrad in Richtung Petrikirche fuhr. Kein Mensch auf der Straße, kein Verkehr. An den Fenstern der Fachwerkhäuser in der Altstadt waren alle Vorhänge zugezogen. Dabei war es schon Viertel nach neun.
»Ausgestorben«, murmelte Benedikt vor sich hin, »Dinosaurier, Mammuts, Säbelzahntiger – und meine Stadt am Tag des Herrn.«
Als Pastor – im zehnten Dienstjahr an der Alsberger Petrikirche – hatte er sich das alles anders vorgestellt. Glanzvoller, oder wenigstens befriedigender. Ein Traumberuf, hatte sein Patenonkel Karl einmal gesagt. Nur sonntags arbeiten, und die ganze Woche über frei. Obwohl Onkel Karl schon viele Jahre tot war, erinnerte sich Benedikt noch gut an dessen feuchte Schnappatmung, mit der er jede seiner vermeintlich witzigen Bemerkungen beschloss.
Ein vertrautes Ruckeln setzte ein, als Benedikt in die Kirchstraße einbog. Historisches Kopfsteinpflaster, vom Stadtrat gegen alle Modernisierungsbemühungen verteidigt. Durchgeschüttelt, sann Benedikt, während die Schutzbleche schepperten und er den gestrigen Tag, den Abend und die halbe Nacht Revue passieren ließ.
Die Predigtvorbereitung war wieder einmal die Hölle gewesen. Verzweifelte Stunden hatte er vor dem leeren Bildschirm durchlitten. In der Abenddämmerung war er gerade am Schreibtisch eingenickt, als Silke die Tür zu seinem Arbeitszimmer geräuschvoll geöffnet und ihn in einem spöttischen Tonfall angesprochen hatte: Na! Hat der Heilige Geist heute mal wieder Besseres zu tun? Seinen leeren, um Entschuldigung bemühten Blick hatte sie mit einem Kopfschütteln kommentiert und war wieder davongeeilt.
Silkes kleine Provokationen waren inzwischen schon Standardsituationen. Was am Kränkungspotenzial aber nichts änderte. Gewiss hatte es mit ihr auch einmal gute Zeiten gegeben. Aber das war lange her. Dass er sich nachts manchmal vorstellte, eine andere Frau kennenzulernen und mit ihr den Zauber des Neuen zu erleben, mochte er sich tagsüber kaum eingestehen. War er das eigentliche Problem?
Nervös war er nach Silkes Auftritt auf und ab gegangen. Dann hatte er sich vor den Türpfosten gestellt und mit dem selbstzerstörerischen Wunsch geliebäugelt, seinen Schädel gegen das harte Holz zu schlagen. In der Vergangenheit hatte er das schon getan, weil er dazu neigte, sich für sein Versagen zu bestrafen. Schließlich hatte er doch mit dem Schreiben begonnen, lustlos allerdings und ohne einen halbwegs guten Gedanken, der vielleicht nicht seine Gemeinde, aber wenigstens ihn selbst überzeugen konnte. Nachts um zwei hatte der Laserdrucker dann fünf mühevoll beschriebene Seiten ausgespien, und eine Zopiclon hatte Benedikt zu ein paar unruhigen Stunden Schlaf verholfen.
Zittrig und unscharf nahm er nun die Werbeschilder der geschlossenen Geschäfte und die Plakate am ehemaligen Kino in der Kirchstraße wahr. Lag es nur am holperigen Straßenbelag, der seinem Fahrrad zu schaffen machte? Oder auch an seiner Gemütsverfassung? Sein Kopf schmerzte.
»Wir machen den Weg frei«, versprach das Plakat im Schaufenster einer Bankfiliale, deren gläserne Fassade die historisch anmutende Häuserzeile durchbrach, und verhieß günstige Kredite. Mächtig erhob sich der Turm der Petrikirche vor Benedikts Augen, auch wenn sich die graubraune Farbe der Sandsteinquader, aus denen man die Kirche vor fast achthundert Jahren erbaut hatte, kaum vom Nebelgries des Himmels abhob. Wie immer ging der große Zeiger der Uhr, die unterhalb des kupfergedeckten Turmhelms prangte, ein paar Minuten nach.
Je näher er dem stolzen Bauwerk kam, umso kleiner und unbedeutender fühlte er sich. Das halbherzige Lächeln von Magdalena Kursow, seiner Superintendentin, erschien vor seinem geistigen Auge. Sie hatte ihm schon ein paarmal indirekt zu verstehen gegeben, dass eine so schöne zentrale Predigtstätte einen besseren Pastor verdient hätte. Superintendentin, was für ein passender Titel für eine Vorgesetzte! Benedikt musste an die britischen Krimis denken, die er manchmal vor dem Schlafengehen las. Da waren die Superintendentsmeist nervige Abteilungsleiter, die den tapferen Detectives das Leben schwer machten.
An der Einfahrt zum Kirchplatz, dessen Pflaster noch holpriger war als der Belag der Straße, stieg er ab und hielt nach einem freien Fahrradständer Ausschau. Die ersten Krokusse blühten auf dem Beet, das der Küster vor dem nüchtern-pragmatischen Nachkriegsbau angelegt hatte, der als Gemeindehaus und Pfarrbüro diente.
»Ja, hallo«, hörte er hinter sich die Stimme seines Vikars, Christian von Wagner, während er mit dem schweren Bügelschloss sein Rad sicherte. Anfangs war Benedikt stolz gewesen, dass man ihm die praktische Ausbildung eines Nachwuchstheologen anvertraut hatte. Doch dieser hoch aufgeschossene junge Mann mit den stahlblauen Augen, der dunkelblonden Tolle und der betont eleganten Kleidung hatte sich sehr bald als Besserwisser erwiesen, der seinem Mentor selten den angemessenen Respekt entgegenbrachte. Allein der kurze Gruß klang schon ein wenig selbstgefällig. Benedikt richtete sich auf und wandte sich mit Widerwillen seinem Auszubildenden zu.
»Guten Morgen«, erwiderte er tonlos. »Ich dachte, Sie hätten heute frei.«
Von Wagner schaute ihm nicht in die Augen, sondern ließ seinen Blick über den Kirchhof schweifen.
»Was heißt hier frei? Als Christ ist man doch immer in Bereitschaft. Und außerdem – wollte ich halt mal gucken.«
Was der Vikar mal gucken wollte, wurde Benedikt klar, als ein altersschwacher dunkelblauer Ford Ka mit knatterndem Auspuff in eine der Parkbuchten vor der Kirche fuhr. Ludmilla, die Kirchenmusikstudentin, die vor drei Monaten die Vertretung für die frei gewordene Organistenstelle übernommen hatte, erschien zum Dienst.
Bebenden Schrittes eilte von Wagner auf den schäbigen Kleinwagen zu. Kaum war die junge Frau mit grazilen Bewegungen ausgestiegen, da redete er auch schon aufgeregt auf sie ein. Dass er die Noten von brandneuen Lobpreisliedern aus den USA für sie ausgedruckt hätte. Und dass gegen Bach und Schütz nichts einzuwenden sei, man musikalisch aber doch mit der Zeit gehen müsste. Ludmilla sagte nichts, obwohl ihr Deutsch in den vergangenen Monaten schon erstaunlich gut geworden war. Sie lächelte nur, zuckte mit den schmalen Schultern und schüttelte immer wieder ihren weißblonden Lockenkopf. Kopfschütteln war auch so ziemlich alles, was Benedikt zu Christian von Wagner einfiel.
Als Benedikt die Mappe mit den Gottesdienstunterlagen vom Gepäckträger löste, bemerkte er, dass seine Finger schweißnasse Spuren auf dem Leder hinterließen. Auch nach gut neun Jahren Dienst in der Petrikirche überfiel sie ihn immer noch am Sonntagmorgen, die Angst. Es war nicht einfach Lampenfieber, wie es Schauspieler hatten, deren Aufregung sich zu Beginn der Aufführung meist schon minderte und beim Schlussapplaus vergessen war. Nein, Benedikt befürchtete stets bei seinen Auftritten, dass seine Gemeinde ihn irgendwann auslachen und aus der Kirche werfen würde. Die Angst vor dem Scheitern war kein Wahn. Sein Scheitern hatte längst begonnen.
Es muss etwas geschehen, dachte er, als er auf das große, mit einem Relief aus biblischen Gestalten überkrönte Hauptportal zuschritt. Ein Wunder – oder wenigstens eine richtig gute Idee. An Wunder aber konnte er seit seinen Studienjahren nicht mehr glauben. Und nach Ideen hatte er schon so lange vergeblich gesucht. Der Turm der Petrikirche reckte sich vor seinen Augen nach oben. Achtzig Meter, bis zum Wetterhahn an der Spitze – und doch immer noch unendlich weit vom märzgrauen Himmel entfernt.
»Gott, schaffe mir Recht, und führe meine Sache wider das unheilige Volk, und errette mich von den starken und bösen Leuten! Warum hast du mich verstoßen? Warum muss ich so traurig gehen, wenn mein Feind mich dränget?«
Benedikt war froh, dass ein Gottesdienst nicht allein aus einer Predigt bestand. Wenn er den Eingangspsalm vortrug, fühlte es sich so an, als wäre seine eigene Stimme in etwas Größerem geborgen. Und wie so oft sprachen ihm auch an diesem Sonntag die alten Gebetsworte aus der Seele. Traurig, von den Feinden bedrängt, verstoßen. Als die Orgel anhob, dachte er an Silke, die ihn für einen Verlierer hielt und die wohl davon träumte, an der Seite eines Bischofs in Hamburg oder Berlin zur feinen Gesellschaft zu gehören, an ihre schmal gezupften dunklen Brauen, die sie stets genervt zusammenzog, wenn er über seine Misserfolge klagte. Er dachte an Magdalena Kursow, die ihn schon zweimal darauf aufmerksam gemacht hatte, dass auf den Ostfriesischen Inseln demnächst Pfarrstellen frei würden. Und an seinen unsäglichen Vikar, der ihn nur allzu gern in Alsberg beerben würde. Und führe meine Sache wider das unheilige Volk.
Ludmilla saß am Spieltisch der kleinen Truhenorgel vor den Altarstufen und blickte freundlich zu Benedikt herüber. Sie hatte ihm mit ihrem unvergleichlichen Akzent einmal gesagt, dass sie seine Predigten schätzte, nur würde sie sie leider nicht richtig verstehen. Das Präludium zu O Mensch, bewein dein Sünde groß hallte im prächtigen gotischen Gewölbe noch nach, dann fing die Gemeinde an zu singen. Kläglich hörte es sich an und dünn. Von seinem Sitzplatz im Chorgestühl ließ Benedikt seinen Blick über die Kirchenbänke schweifen. Kaum mehr als dreißig Besucher waren an diesem Morgen erschienen, saßen im Raum verteilt entweder allein oder in kleinen Grüppchen. Er hatte sich oft anhören müssen, wie voll die Kirche früher gewesen war. Zur Verabschiedung seines Vorgängers waren angeblich noch vierhundert Leute gekommen.
Die üblichen Getreuen hatten in der ersten und zweiten Reihe Platz genommen: vier Mitglieder des Kirchenvorstands, zwei Witwen aus dem Seniorenheim gleich gegenüber der Kirche, die Leiterin des Handarbeitskreises und natürlich von Wagner. Und dann fiel ihm der feiste Klaus Hambrück mit seiner grobschlächtigen Visage ins Auge. Besitzer von sieben Tankstellen in Alsberg und Umgebung und einer schicken Neureichenvilla am See. Ein Zyniker aus Leidenschaft. Getroffen hatte er ihn bisher nur ein paarmal beim städtischen Wirtschaftsrat und bei einigen öffentlichen Anlässen. Jetzt war er auf einmal in der Kirche. Warum nur? Was suchte ausgerechnet dieser Mann in einem Gottesdienst? Seine hübsche Frau begleitete ihn heute allerdings nicht. Schade, dachte Benedikt. Wenn es besonders schlecht mit Silke lief, träumte er hin und wieder davon, mit dieser Schönheit, deren Vornamen er nicht einmal kannte, durchzubrennen. Tagträume sollten doch erlaubt sein.
Schräg hinter Hambrück hatte sich Ehepaar Stern mit seiner zwölfjährigen Tochter platziert, deren weißer Parka sich von der gedeckten Kleidung ihrer Eltern deutlich abhob. Jemand hatte ihm erzählt, Clara würde nicht sprechen. Er selbst hatte sie auch noch nie ein Wort sagen gehört. Immerhin bewegte sie jetzt die Lippen, als sie das Lied im Gesangbuch verfolgte. O Menschenkind, betracht das recht, wie Gottes Zorn die Sünde schlägt, tu dich davor bewahren. Ein schönes Passionslied, wenn auch ein bisschen altertümlich. Was sollte ein so zartes Kind schon von der Sünde wissen?
Benedikt erhob sich, bemühte sich um Haltung in seinem an den Rändern schon etwas abgewetzten preußischen Talar, rückte das weiße Beffchen zurecht und stieg die acht sandsteinernen Stufen zur Kanzel hinauf. Seit etwa einem halben Jahr musste er sich dabei fest an den schmiedeeisernen Handlauf klammern, denn es wurde ihm immer schwindlig auf dem Weg zum Ort der Wahrheit.
»Gnade sei mit euch«, hob er an, als er oben unter dem mit Malereien verzierten Baldachin angekommen war, »und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus.«
Wie immer klebte er, selbst bei diesen altvertrauten Formeln, mit gesenktem Kopf an seinem Manuskript und hatte Mühe, wenigstens gelegentlich den Blickkontakt zu seinen Zuhörern aufzunehmen. »Liebe Gemeinde, es ist ein außerordentlich schwieriger Text, der uns an diesem Sonntag zur Auslegung aufgetragen ist.« Kaum hatte er dies ausgesprochen, musste er an den Rhetoriktrainer aus dem Vikariatskurs denken, der einen solchen Predigtanfang in der Luft zerrissen hätte. Das ist kein Einstieg, das ist eine Krankmeldung, hätte der gestrenge ältere Herr gesagt. So etwas will keiner hören! Ein zaghafter Blick in die Reihen verriet Benedikt, dass tatsächlich niemand an seinen Lippen hing. Manche studierten die Fresken an den gotischen Pfeilern, andere blätterten im Gesangbuch. Die beiden Witwen tuschelten sogar miteinander. Hoffentlich hatte nicht eine von den beiden seine kleine Verlegenheitslüge bemerkt. Heute wäre eigentlich ein Text aus dem Markusevangelium an der Reihe gewesen, aber dazu war ihm überhaupt nichts eingefallen. Darum hatte er sich mit schlechtem Gewissen nach zweistündiger Quälerei für den alttestamentlichen Text zum Sonntag Judika entschieden. Viel gewonnen hatte er damit allerdings nicht. Unsicher fuhr er nun fort: »Gott ist gnädig. Darauf können wir uns immer verlassen.«
Mit vielen Ausschweifungen erzählte er dann die biblische Geschichte von Abraham und Isaak, in der Gott den treuen Diener Abraham auffordert, seinen geliebten Sohn zu schlachten und als Brandopfer darzubringen. Eine Geschichte, die haarscharf an der Katastrophe vorbeischrammt. Denn der biblische Urvater hatte schon das Messer gezückt, um seinen Sohn zu töten. Da erst ließ Gott von seinem Vorhaben ab und wies auf einen Widder, der sich mit dem Gehörn in einem Gestrüpp verfangen hatte und der nun als Opfertier genügen sollte.
»Warum?«, fragte er und bemühte sich um eine kleine Kunstpause. »Warum bringt Gott seinen Knecht so in Bedrängnis?«
Lange hatte sich Benedikt bei seinen Predigtvorbereitungen mit den Aussagen dieser Erzählung abgemüht. Und es war ihm der Verdacht gekommen, dass dieser Gott möglicherweise nicht barmherzig und gnädig, sondern bösartig oder zumindest ignorant war. Was für eine Zumutung war es doch für den frommen Abraham, dass er seinen einzigen Sohn dahingeben sollte! Die Rettung im allerletzten Augenblick: War das wirklich ein Zeichen der Gnade, oder spielte hier die biblische Erzählung perfide und geschickt mit der Einsicht, dass himmlische Mächte stets mit Willkür agieren? Schlimmer noch: War Gottes Befehl eine Anstiftung zum Mord? Benedikt hatte überlegt, ob er solche Fragen offen vor der Gemeinde ansprechen sollte. Aber am Ende hatte er sich dann doch nicht getraut und es bei einem mittelmäßigen Sermon über die Glaubenstreue bewenden lassen. Dennoch blieb das ungute Gefühl in seiner Seele haften. Irgendetwas stimmte nicht mit diesem angeblich so gnädigen und barmherzigen himmlischen Vater.
»Gott prüft uns manchmal«, beschloss er seine Predigt mit kraftloser Stimme, »aber er hilft uns auch. Er ist barmherzig und hat uns lieb. Amen.«
»Amen«, echote es leise aus einer der hinteren Reihen. Eine einsame Frauenstimme, die wohl aus Gewohnheit antwortete, denn die Zustimmung klang nicht gerade emphatisch.
Als er wieder aufsah und die müden Gesichter in den Bänken bemerkte, hätte er gern sofort die Flucht ergriffen. Die Gottesdienstbesucher haben doch recht, dachte er selbstquälerisch, wenn sie sich bei meinen Predigten langweilen und wenn sie mir beim Händedruck zum Abschied meist so ein mitleidig mildes Lächeln schenken. Aber er musste noch bleiben und sein mäßiges Werk zu Ende bringen. Das Fürbittengebet, für dessen Formulierung es glücklicherweise brauchbare Vorlagen gab, das Vaterunser und den Segen. Und dann stand ihm noch der Spießrutenlauf bevor: eine zähe halbstündige Geselligkeit, die sie Kirchkaffee nannten und die der Gemeinde aus unerfindlichen Gründen heilig war.
Das Glockengeläut hatte Antonius Kluge geweckt. Er streckte seine schweren Glieder und lauschte. Da um Mitternacht noch Manhattan von Woody Allen im Fernsehen gelaufen war, hatte er sich erst spät zur Ruhe begeben. Er mochte den Klang des Geläuts der Petrikirche, das bei Ostwind laut und klar zu vernehmen war, auch wenn sein Hausboot eine gute Viertelstunde Fußweg entfernt lag. Als Einladung zum Gottesdienstbesuch empfand der Altbischof diese Sonntagmorgenmusik allerdings längst nicht mehr.
Zwei Jahre vor seiner Pensionierung war seine Frau, die ihn stets unterstützt und liebevoll umsorgt hatte, nach einem Schlaganfall gestorben. Und wenig später hatte man bei ihm Lungenkrebs diagnostiziert. Ein komplizierter Eingriff und eine quälende Chemotherapie hatten ihn fast das Leben gekostet. Und während dieser Zeit der Trauer und der Krankheit war ihm irgendwie der Glaube abhandengekommen. Alle hatten eingesehen, dass er sich, geschwächt, wie er war, schon ein paar Monate vor dem eigentlichen Termin in den Ruhestand verabschiedete. Aber dass er sich nie wieder öffentlich äußern und keine Kanzel mehr betreten wollte, hatte doch viele irritiert. Selbst Benedikt Theves, sein Schützling, konnte ihn nicht überreden, noch einmal zu predigen. Nicht einmal zum Heiligen Abend.
Kaum merklich schwankte das Boot auf dem Flüsschen Merve, das er sich nach seiner Genesung als Heimstatt ausersehen hatte. Mit einem Becher Kaffee in der Hand und seiner dick umrandeten Lesebrille auf der Nase schlenderte er in seinem weinroten Morgenmantel auf und ab vor den Bücherregalen, die an fast allen Wänden seines Hausbootes festgeschraubt waren. Er musterte das farbenfrohe Mosaik aus Buchrücken, griff mal nach diesem, mal nach jenem Band, um Texte zu finden, die ihm zu seiner sehr persönlichen Art der Morgenandacht gereichen konnten.
Schopenhauer? Nein, der passte gerade nicht zur Stimmung. Dawkins’ Gotteswahn? Das Buch hatte er vor ein paar Wochen mit einigem spöttischen Vergnügen gelesen, auch wenn er manche Übertreibungen und argumentative Engführungen des kämpferischen Atheisten nicht so überzeugend fand. Selbst die Freud-Gesamtausgabe vermochte den emeritierten Geistlichen an diesem Sonntagmorgen nicht zu locken. Theologische Bücher kamen schon gar nicht infrage und waren auch gerade nicht greifbar. Denn die Dogmatiken, die Luther-Ausgabe sowie die wissenschaftlichen Bibelkommentare lagerten immer noch in Umzugskartons im Unterdeck und würden wohl auch dort bleiben. Und alle erbaulichen Glaubensschriften hatte er vor seinem Umzug einer wohltätigen Einrichtung vermacht.
Kluge stöberte weiter. Ein blassblauer Einband erregte seine Aufmerksamkeit. Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne war der Titel, in einer archaisch anmutenden Schrift in den Buchrücken graviert. Friedrich Nietzsche, wieder einmal. Er lächelte das Büchlein an, als begrüße er einen alten Freund. Dann machte er es sich gemütlich auf dem langen, der Form des Bootsrumpfes entsprechend gebogenen Ledersofa. Er blätterte die schon recht vergilbten Seiten hin und her, bis er an einem Satz hängen blieb, den er bei einer früheren Lektüre mit Bleistift unterstrichen hatte.
Wahrheiten sind Illusionen, von denen man vergessen hat, dass sie welche sind, Metaphern, die abgenutzt und sinnlich kraftlos geworden sind, Münzen, die ihr Bild verloren haben und nun als Metall, nicht mehr als Münzen in Betracht kommen.
Antonius Kluge dachte nach. Zwar hatte er nie geglaubt, im Besitz der Wahrheit zu sein, und doch war es ihm über dreißig Berufsjahre lang so vorgekommen, als hätte er sich zumindest auf sie zubewegt. Unermüdlich hatte er sie verkündigt und verteidigt, die Botschaft vom barmherzigen Gott, dessen Sohn in die Welt gekommen war, um Liebe, Heilung und Frieden zu bringen. Er hatte dafür gestritten in Fernseh-Talkshows und auf Podiumsdiskussionen, war pausenlos herumgereist zu Kirchweihfesten und Synoden, zu Gedenkveranstaltungen und Strategiekongressen und hatte seine eigenen Bedürfnisse und auch manche Zweifel an seinem Tun stets hintangestellt. Heute kam ihm sein einst so ruhmreiches Bischofsamt wie Falschmünzerei vor. Ob Nietzsche nicht recht hatte, wenn er behauptete, die Wahrheit sei nichts anderes als eine Konvention, ein Gerüst, aus Lügen erbaut, an dessen vermeintliche Glaubwürdigkeit man sich einfach nur gewöhnt hat?
Aus der Ferne hörte er den Schall einer einzigen Glocke. Jetzt war man in der Petrikirche also beim Vaterunser angekommen. Der letzte der sieben Schläge der Betglocke klang merkwürdig scheppernd und schrill. Der siebente Schlag, das Zeichen für die siebente Bitte: Erlöse uns von dem Bösen.
Wie es Benedikt wohl ergehen mochte, seinem jungen Freund, wie er ihn oft nannte? Kluge hatte ihn als Pfarramtskandidaten bei einer Ordinationsrüstzeit kennengelernt. Der junge Absolvent mit den weichen Gesichtszügen hatte ihm damals leidgetan, weil er so ungelenk und übervorsichtig gewesen war, so verdreht und verkrümmt in seinem Wesen, ein homo incurvatus in se, wie Luther das nannte. Aber er war auch fasziniert gewesen vom verzweifelten, oft quälerischen Ringen des jungen Mannes um die Einsichten des Glaubens. Zweifel waren angemeldet worden von der Personaldezernentin des Kirchenamts, ob Bruder Thevesaufgrund seines zaghaften Wesens für das Pfarramt wirklich geeignet wäre. Doch diese Zweifel hatte Kluge mit einem wohlwollenden Gutachten ausräumen können. So war ihm Benedikt zunächst ein Schützling und dann ein enger Vertrauter geworden. Zwar redeten sie, wenn sie sich trafen, fast ausschließlich über Benedikts Sorgen und Nöte, aber der Altbischof gefiel sich in seiner Rolle als Mentor, auch wenn er längst nicht mehr daran glaubte, ein geistliches Vorbild zu sein.
Kluge tastete nach seinem linken Auge. Ein kleiner Tic am oberen Lid meldete sich wieder einmal. Meistens war das ein Zeichen, dass irgendetwas nicht stimmte. Als damals das Telefon geklingelt und sein Internist ihn mit neutraler Stimme gebeten hatte, wegen der Laborwerte noch einmal vorbeizukommen, war da auch dieses unwillkürliche Zucken gewesen. Lag denn jetzt irgendetwas im Argen? Nietzsche ging ihm noch einmal durch den Kopf. Und das blecherne Geräusch der Vaterunser-Glocke. War vielleicht etwas mit Benedikt? Er würde ihn bald einmal auf ein Glas Wein einladen.
Schwer war es nicht, das Dienstgewand der lutherischen Pastoren. Dennoch hatte Benedikt Mühe, seinen Talar über den ausladenden Holzbügel zu ziehen und in den großen Eichenschrank zu wuchten, in dem auch die Superintendentin und der Vikar ihre Gewänder aufbewahrten. Wie erschöpft er sich doch fühlte! Als hätte er acht Stunden harter körperlicher Arbeit hinter sich.
Die Sakristei, der stille Raum, den er vor und nach den Gottesdiensten jeweils für ein paar Minuten ganz für sich allein hatte. Er mochte diesen Ort mit seiner nüchternen Einrichtung: ein großer Tisch und zwei bestimmt hundert Jahre alte Stühle, ein kleiner Wandaltar, ein versilbertes Kreuz mit einem steinernen Fuß und zwei verschnörkelte silberne Kerzenleuchter auf einem zierlichen Tischchen davor. Vor dem Kreuz lag eine Bibel in alter Schrift, auf der Seite des Evangeliums für den Sonntag Judika aufgeblättert. Gemalte Porträts von Geistlichen, die vor langer Zeit ihren Dienst an der Petrikirche versehen hatten, hingen an den Wänden. Benedikt hatte ihre Namen und Lebensgeschichten vor Jahren nachgeschlagen, aber längst wieder vergessen. Ob jene auch einmal an ihren pastoralen Pflichten und an sich selbst verzweifelt waren?
Gern hätte er sich an diesem ruhigen Ort noch eine Weile verkrochen, doch er musste sich stellen. Mich stellen, dachte er, als gälte es, sich für ein Verbrechen zu verantworten. Benedikt verließ die Sakristei mit einem tiefen Seufzer. Als er an der modernen Petrusskulptur vorbeiging, die seit einigen Jahren der Stolz der Kulturbeflissenen in der Gemeinde war, fiel ihm ein, dass auch dieser biblische Gefolgsmann Jesu die Spannung zwischen Bekenntnis und Verleugnung hatte aushalten müssen. Er erreichte das südliche Seitenschiff, wo der Küster einige Stehtische für den Kirchkaffee aufgestellt hatte. Nur ein schaler Duft des von ihm sonst so geschätzten Heißgetränks wehte ihm entgegen. Der Kaffee musste aufgrund eines Synodenbeschlusses aus fairem Anbau sein, und weil die Bohnen ziemlich teuer waren, sparten sie am Pulver und gaben reichlich Wasser hinzu. Die dänischen Butterkekse, die auf kleinen Tellern angerichtet waren, wanderten meist unangetastet wieder in die Blechdose zurück.
Nur an drei Tischen standen kleine Gruppen zusammen. Die anderen Gottesdienstbesucher waren offenbar nach dem Segen nach Hause gegangen.
»War doch gar nicht mal so schlecht«, sagte jemand, dessen geübte Stimme sich über das allgemeine Gemurmel legte. Es war Schmiedemann, Anwalt für Familienrecht und Vorsitzender des Kirchenvorstands. In seinem schlichten, aber sicher nicht billigen grauen Anzug stand er mit einem älteren Ehepaar, das Benedikt nur vom Sehen kannte, und dem unsäglichen Klaus Hambrück zusammen. Mit gar nicht mal so schlecht hatte Schmiedemann wohl seine Predigt gemeint. Jedenfalls wirkte er peinlich berührt, als er Benedikt bemerkte.
»Ach, Herr Pastor Theves!«, rief er nun und winkte Benedikt an seinen Tisch heran. »Wir sprachen gerade von Ihnen. Äh, vielen Dank für diesen Gottesdienst.«
Es erfolgte das in kirchlichen Kreisen unvermeidliche Händeschütteln.
Benedikt wusste, dass der Vorsitzende es eigentlich immer gut mit ihm meinte. Gleichwohl war er gekränkt, dass sich Schmiedemann in seinen Äußerungen gegenüber anderen offenbar nicht als uneingeschränkt loyal erwies.
Hambrück grinste und nahm in einer ziemlich unmusikalischen Udo-Jürgens-Imitation den Faden wieder auf. »Vielen Dank für die Blu-men«, sang er, blickte Beifall heischend in die Runde, als hätte er gerade den besten Witz aller Zeiten gerissen.
Seine Stimme klang grob und kehlig, wie nach einer Flasche Wodka und fünfzig Zigaretten, und er roch auch danach.
Dann legte er nach: »Also, wenn Sie mich fragen, ich fand’s nicht so prickelnd.«
Benedikt war kurz davor, seinem eingeübten Drang, sich zu rechtfertigen, nachzugeben. Fast hätte er mit seiner Entschuldigungslitanei begonnen: die harte Arbeitswoche, die anstrengende Sitzung des Bauausschusses am Freitag, der viel zu anspruchsvolle Bibeltext … Da spürte er einen Luftzug hinter sich. Es war nur ein zarter Hauch. Benedikt wandte sich um. Vor ihm stand Clara Stern in ihrem weißen Parka; die langen schwarzen Haare umrahmten ihr blasses, geheimnisvolles Mädchengesicht. Wortlos, wie immer, schaute sie Benedikt direkt an und wandte ihren Blick nicht ab, als sie ein DIN-A4-Blatt entfaltete.
Auch an den anderen Tischen wurde es still. Alle Augen waren auf das Mädchen gerichtet.
Kalligrafisch und elegant mutete an, was nun zum Vorschein kam, offenbar mit einem feinen Pinsel in anthrazitfarbener Tinte mit allerlei Verzierungen auf das Papier gebracht. Doch es war kein Gemälde. Es war ein einziger Satz, der da zu lesen war: Ich möchte beichten.
»Beichten!«, platzte es aus Hambrück heraus, »beichten will die Kleine.«
Sein massiger Körper wogte. Er lachte dreckig, trat an Benedikt vorbei einen Schritt auf Clara zu und wischte mit seinem dicken Zeigefinger über das Blatt Papier, das sie immer noch aufgefaltet in den Händen hielt. So als wollte er durchstreichen, was da zu lesen war.
»So einen Quatsch gibt’s bei uns gar nicht.«
»Doch!«, entfuhr es Benedikt leise, aber erstaunlich selbstbewusst.
Bevor Hambrück wieder lospoltern konnte, hob Schmiedemann beschwichtigend die Hände. Schon oft hatte der Kirchenvorstandsvorsitzende diplomatisch einspringen müssen, wenn Streitigkeiten in der Gemeinde zu eskalieren drohten. Aber auch ihm war offenbar nicht wohl bei der Sache.
»Nun mal ruhig«, sagte er, »aber, Herr Pastor Theves, eine Beichte in der evangelischen Kirche, die haben wir ja wohl wirklich nicht.«
Benedikt nahm allen Mut zusammen und versuchte, Hambrücks Grinsen zu ignorieren. »Die Beichte gab es immer und gibt es immer noch.«
»Aber Luther hat doch …«, begann Schmiedemann einzuwenden.
»Nein. Martin Luther hat die Beichte geschätzt und nicht abgeschafft. Er hatte sogar einen Beichtvater, den alten Johann von Staupitz, dem er alle seine seelischen und geistlichen Nöte anvertraute und dessen Beistand von unschätzbarem Wert für seinen Werdegang als Theologe war. Die lutherische Kirche hat jedenfalls in den Bekenntnisschriften die Buße dann als drittes Sakrament neben der Taufe und dem Abendmahl anerkannt. Den Zwang zur Beichte und die auferlegten Bußübungen hat Luther abgelehnt, aber nicht die Beichte selbst.«
»Finsteres Mittelalter«, schimpfte Hambrück.
»Im Gegenteil«, gab Benedikt zurück, »hochaktuell.«
Jetzt hob sogar Vikar von Wagner, der am Nebentisch stand und Ludmilla gerade etwas zugeflüstert hatte, den Kopf. Aber er traute sich wohl nicht, sich einzumischen, denn wenn es um tiefsinnigere theologische Debatten ging, hatte er nicht viel anzubieten.
»Sünde, Schuld und Scham sind nach wie vor Themen«, fuhr Benedikt fort, »und zwar für jeden von uns. Für mich und für Sie alle. Was tragen wir nicht alles mit uns herum? Wir lassen uns verführen von Dingen, von Menschen, von Süchten. Wir verfehlen unser Leben, unsere Bestimmung. Aber tief in uns flüstert die Stimme des Gewissens: Bekenne! Beichte! Kehre um!«
Die Umstehenden starrten ihn an. Für einen Moment traute sich niemand, etwas zu sagen. Dann wagte sich eine ältere, gebückte Frau hervor, die zum Urgestein der Gemeinde gehörte:
»Also, hier in Alsberg hat es so etwas noch nie gegeben.«
»Dann wird es höchste Zeit, damit anzufangen.« Benedikt neigte den Kopf und sammelte sich einen Augenblick, dann richtete er sich auf und verkündete: »Mit sofortiger Wirkung führe ich in unserer Petri-Gemeinde die Beichte ein. Sonntags nach dem Gottesdienst und jederzeit nach telefonischer Vereinbarung. Und wir fangen gleich damit an.«
Freundlich wandte er sich dem Mädchen zu. »Clara?«
Clara faltete ihr Papier zusammen und schaute ihn erwartungsvoll an. Benedikt hielt nach den Eltern des Mädchens Ausschau, um sich zu vergewissern, ob sie einverstanden waren. Sie standen am Rande der kleinen Versammlung, beide mit leicht gesenktem Kopf, als ob ihnen die Sache peinlich war. Der Vater zuckte mit den Schultern, die Mutter aber nickte.
»Komm«, sagte Benedikt dann, wandte sich um, und Clara folgte ihm. Kaum waren sie ein paar Schritte gegangen, setzte ein Gemurmel ein, dem er ein paar Fetzen entnehmen konnte wie »… katholisch werden«.
»Fünf Ave Maria und zehn Lieber guter Weihnachts…«, rief ihm Hambrück hinterher, bevor ihm ein Hustenanfall die Pointe vermasselte.
Trübes, mattes Licht verlor sich in den hohen Bleiglasfenstern des ehrwürdigen Raumes. Kerzen brannten, zwei vor dem kleinen Altar und eine auf dem großen Tisch. Kühl war es in der Sakristei. Clara hatte ihren weißen Parka anbehalten und ihre Hände in die gefütterten Seitentaschen gesteckt. Sie starrte in den flackernden Kerzenschein in der Mitte des schweren Eichentischs und schwieg.
Benedikt hatte auch nichts anderes erwartet. Einen Zettel und einen Bleistift hatte er ihr hingelegt, weil er davon ausging, dass sie wahrscheinlich nicht sprechen, aber ihre Seelenpein vielleicht aufschreiben wollte. Doch sie nahm keine Notiz von den Schreibutensilien.
Er saß ruhig auf seinem Stuhl, dem Mädchen gegenüber. Das Schweigen auszuhalten, war das große Geheimnis der Seelsorge. Er wusste das aus vielen früheren Begegnungen mit leidgeplagten Menschen. In den vergangenen Jahren waren es allerdings immer weniger geworden, die sich ihm anvertrauen wollten. Kein Wunder, fühlte er sich doch selbst so zerrissen und hilfsbedürftig. Sensible Gemüter spürten so etwas offenbar.
Ein wenig Genugtuung empfand er, dass dieses zarte Kind bei ihm saß, dessen blasses Gesicht sich im Kerzenschein von den schwarzen Haaren leuchtend abhob. Dass er sich diesmal von den Spöttern nicht hatte einschüchtern lassen, tat gut.
Clara gab ein leises Seufzen von sich.
Benedikt merkte auf, doch dann war sie wieder still. Ein wenig Kerzenwachs war auf den Leuchter hinabgetropft, und das Mädchen schob seine rechte Hand hervor und betastete die weißliche Masse und knetete sie mit Daumen und Zeigefinger. Clara schien keinen Schmerz zu empfinden, obwohl das Wachs noch ziemlich heiß sein musste. Benedikt war es wichtig, dass zur Beichte Kerzen brannten, denn in einem Kirchenraum entzündet waren sie ein Zeichen für ein gottesdienstliches Geschehen. Und darum hatte er auch, bevor sie auf den Stühlen Platz genommen hatten, am kleinen Altar ein kurzes Gebet gesprochen.
Eine Beichte war etwas ganz Besonderes. Ein normales seelsorgerliches Gespräch konnte einfach in seinem Dienstzimmer im Gemeindehaus stattfinden. Das wäre dann auch vertraulich, aber der heilige Ernst einer Beichte verlangte einem Geistlichen mehr ab. Unverbrüchlich, absolut verbindlich, sei das Beichtgeheimnis, hatte Benedikt einst gelernt. Der pastorale Zuspruch der Befreiung von der Schuld wurde auch in der evangelischen Kirche beinahe so hochgeschätzt wie die Zueignung des Glaubens in der Taufe und die Vereinigung mit Gott im Abendmahl.
Wieder seufzte Clara. Dann schürzte sie kurz die schmalen Lippen und entspannte sie wieder. Und noch einmal. Zuerst war es nur wie ein Ausatmen, dann formte sich allmählich ein Ton zu einem langen »Oh«.
Benedikt bemühte sich, äußerlich ruhig zu bleiben, obwohl sich sein Puls merklich beschleunigte.
»So …«, hörte er Clara nun sagen, mit einer überraschend tiefen Stimme. »So weh.«
Benedikt atmete einmal tief durch, um nicht unbedacht zu reagieren, dann fragte er ganz vorsichtig und sanft: »Was tut dir denn so weh?«
»Ich habe Angst«, stöhnte das Mädchen, und seine Stimme brach.
»Ist gut«, beschwichtigte Benedikt Clara, »ist ja gut.«
Tränen strömten über das blasse Mädchengesicht.
»Nein. Alles … meine Schuld. Es tut so weh.«
Ein schlimmer Verdacht schoss Benedikt in den Sinn. Ein Kind klagte über Angst und Schmerzen und glaubte, selbst daran schuld zu sein. Er beugte sich nach vorn, stützte seine Arme auf die Tischkante und fragte, nun spürbar beunruhigt: »Clara, hat dir jemand etwas angetan?«
Clara nickte schwach, dann aber schüttelte sie umso heftiger den Kopf, griff in ihre Manteltasche, zog ein Taschentuch hervor und schnäuzte sich.
»Clara?«
Keine Antwort. Sie beugte sich vor, und ihre langen schwarzen Haare schlossen sich vor ihrem Gesicht wie ein Vorhang.
Sie schwiegen eine Weile, und Benedikt merkte, dass es keinen Sinn ergab, jetzt noch mehr zu erwarten.
»Das hat dich sicher sehr viel Kraft gekostet, Clara«, sagte Benedikt einfühlsam. »Möchtest du, dass ich zum Abschluss ein Gebet spreche?«
Er erschrak, als das Mädchen auf einmal aufsprang, zum Ausgang lief und die Tür aufriss. Hatte er einen Fehler gemacht? Da hielt Clara plötzlich inne, wandte sich langsam um, kam auf ihn zu mit ernstem Blick und legte für einen Moment ihre warme kleine Hand in seine.
»Asslieh, dreimal Deputat, aber zack, zack!«
Den kleinen Abstecher zu seiner Tankstelle im Gewerbegebiet am östlichen Stadtrand ließ sich Hambrück nach diesem Kirchenerlebnis nicht entgehen. Dass Aslı gerade noch mit einem Kunden beschäftigt war, dessen Bankkarte das Lesegerät an der Kasse nicht akzeptierte, kümmerte ihn nicht weiter. Ebenso wenig interessierte es ihn, dass die Abiturientin, die immer am Wochenende etwas zum Familieneinkommen beisteuerte, ihm einmal gesagt hatte, wie man ihren Namen richtig ausspricht. Allein, dass sie für wenig Geld arbeitete, war für ihn von Belang. Der Kunde hatte inzwischen in bar bezahlt und verließ den Kassenraum.
»Asslieh, mach schon!«
Immerhin spurte sie jetzt und hatte wohl allmählich auch begriffen, was Deputat bedeutete. Doppelkorn in kleinen Flaschen. Beherzt griff sie ins Spirituosenregal und gab ihm, was er gefordert hatte. Hambrück ließ den ersten Schraubverschluss knacken und fragte: »Na, auch ’n Schluck?«
Die junge Frau schüttelte sich.
»Ach komm, ein kleiner Absacker. Als du vorhin allein warst, hast du doch bestimmt wieder Bockwürste gefuttert.«
Aslı schüttelte heftig den Kopf, errötete aber. Hatte er sie etwa ertappt?
»Wusst ich’s doch«, sagte Hambrück, »wenn keiner guckt und wenn’s umsonst ist, schmeckt es euch, das Schweinefleisch. Ihr Moslems seid mir schon komische Heilige.«
Aslı schien mit sich zu ringen, ob sie widersprechen sollte, wandte sich dann aber wortlos ab. Eine Kundin war hereingekommen und wollte eine Chipkarte für eine Autowäsche kaufen. Hambrück musterte Aslıs Gestalt, während sie die ältere Frau bediente. Appetitliche Kurven zeichneten sich unter dem azurblauen Polohemd ab, aber alles war ein bisschen zu rund für seinen Geschmack. Und diese dunklen Haare, von denen sich sogar ein kleiner bartartiger Schatten auf den Wangen zeigte. Nein, da hatte er heute schon Besseres gesehen. Und zwar ausgerechnet in der Kirche!
Hambrück nahm einen großen Schluck, knallte die leere Flasche auf den Verkaufstresen und öffnete die zweite. Dann ging er ein paar Schritte zur Fensterfront neben dem Zeitschriftenregal, von dort konnte er das gesamte Tankstellengelände überblicken. Er erinnerte sich noch gut an die Begegnung am vergangenen Dienstag.
Bei einem Betriebsrundgang hatte er zuerst den Werkstattleiter wegen einiger herumliegender Schraubenschlüssel zusammengestaucht und dann im Shop die Kassenstände überprüft. Schließlich war er einmal den Hof abgegangen, um zu kontrollieren, ob seine Mitarbeiter überall den Müll aufgesammelt hatten. Das mussten sie jedes Mal nach Schichtende tun. Hambrück nannte dies die »soziale Überstunde«, denn den zeitlichen Mehraufwand bezahlte er selbstverständlich nicht. Auf einem Stellplatz am Rande des Geländes hatte er dann eine leere Coladose gefunden. Wutschnaubend hatte er sich überlegt, wen er für diese Schlamperei zur Rechenschaft ziehen konnte. Da war ihm ein dunkelblauer Ford Ka aufgefallen, der mit einem gurgelnden Motorgeräusch, das dann verstummte, am Straßenrand zum Stehen gekommen war. Keine zehn Meter vor der Zufahrt zur Tankstelle. Hambrück hatte laut losgelacht, als dann die Warnblinker aufleuchteten. Kein Wunder, wenn man solch eine Dreckskarre fuhr. Bestimmt saß eine Frau am Steuer.
In der Tat war dann eine Frau ausgestiegen, die sich anschickte, den rostigen Kleinwagen wieder in Bewegung zu bringen. Und was für eine Frau! Hellblonde Locken, die bei jeder Bewegung des schlanken Körpers bebten, und soweit er es auf diese Entfernung beurteilen konnte, ein bildhübsches Gesicht mit hohen Wangenknochen. Mit geöffneter Tür und einer Hand am Lenkrad hatte diese Wahnsinnsbraut versucht, den Wagen vorwärts zu schieben, was ihr natürlich nicht gelang. Normalerweise wäre Hambrück stehen geblieben und hätte mit den Händen in den Hosentaschen und hämischen Grimassen das hilflose Treiben verfolgt. Dann aber hatte er seine Chance gewittert und auf Charmeur und Beschützer umgeschaltet.
Wieder knackte ein Schraubverschluss. Noch immer schaute Hambrück versonnen aus dem Fenster und setzte das dritte Kornfläschchen an. Ein Prosit auf seine Heldentat und seine Geschicklichkeit als Verführer. Er glaubte, sich noch an jedes Wort und jede Geste aus der Begegnung mit Ludmilla zu erinnern.
»Na, schöne Frau. Probleme?«, fragte er sie und streichelte mit gespielter Sanftheit das Dach des alten Autos.
»Ach, Tank ist leer. Ich gedacht, ich schaffe noch.«
Normalerweise stand er nicht auf ausländisch klingende Akzente, aber wie diese blonde Schönheit nun die Worte dehnte und osteuropäisch anmutende Laute erklingen ließ, das machte ihn richtig an.
»Heute ist Ihr Glückstag, schöne Frau. Denn hier kommt der Fachmann. Diese wunderbare Tankstelle da drüben ist meine. Ich bin übrigens der Klaus.«
»Ludmilla. Sie mir helfen schieben?«
»Aber klar. Steig mal ein, schöne Frau. Gang raus, Handbremse lösen und lenken!«
Hambrück war schon ein wenig außer Atem, als er den Wagen an der Tanksäule losließ, aber das durfte er sich natürlich nicht anmerken lassen. Mit einer flinken, fast tänzerischen Bewegung stieg Ludmilla aus.
»Tankschlüssel, bitte. Wie viel darf’s denn sein?«
»Zehn Euro, bitte. Ich bin Studentin. Nicht viel Geld.«
»Was studierst du denn?«
»Kirchenmusik. Orgel, Chor und Posaune.«
Vielsagend zwinkerte er der jungen Frau zu, packte die Zapfpistole mit einer kraftvollen Bewegung und versenkte dann den Schaft ganz langsam in der Tanköffnung.
»Aufhören. Ist zu viel«, jammerte sie, als die Anzeige auf der Zapfsäule auf zwanzig Liter sprang.
»Hab ich dir nicht gesagt, dass heute dein Glückstag ist? Für dich gibt es heute alles umsonst.«
Das typische Knarren der Zapfanlage war schon zu hören gewesen. Der Tank war voll. Aber Hambrück spritzte mit mehrfachem Ruckeln immer wieder noch ein paar letzte Tropfen hinein.
»Bitte sehr, schöne Frau.«
Ludmilla strahlte ihn an und zeigte zwei Reihen perfekter weißer Zähne.
»Vielleicht kannst du dich ja irgendwann mal revanchieren? Wo soll es nun hingehen, meine Hübsche?«
»In Petrikirche. Ich muss Orgel üben. Ich mache Sonntag Vertretung in Gottesdienst, weil Organist weg. Nicht viel Geld, aber macht Spaß.«
Dann war sie davongefahren und hatte noch lange durch das geöffnete Seitenfenster gewinkt. Und Klaus Hambrück hatte sich vorgenommen, fünf Jahre nach der Hochzeit mit Nicole doch einmal wieder einen Gottesdienst zu besuchen.
»Chef! Chef!«, weckte ihn nun eine Stimme, die definitiv nicht Ludmillas Stimme war, aus seinem Tagtraum.
»Chef, brauchen Sie noch was?«, fragte Aslı. »Ich würde sonst jetzt Kasse machen und an Orhan übergeben.«
»Ja, mach«, sagte Hambrück deutlich milder als zuvor. »Ich fahr nach Hause. Ist Ohr-Hahn denn schon da?«
Ohne eine Antwort abzuwarten, warf er die letzte leere Flasche in den Papierkorb und ging schnurstracks nach draußen, um in seinen heiß geliebten schwarzen 7er-BMW zu steigen. »Versteh einer die Weiber«, grummelte er vor sich hin.
Asslieh, die türkische Wurstdiebin. Ludmilla, die an der Orgel so schön mit dem Hintern gewackelt, sich danach aber mit einem tuntig gekleideten jungen Schnösel herumgedrückt hatte. Und dann dieses schreckliche Mädchen, Carla oder Clara, das der schwachsinnige Pastor zur Beichte mitgenommen hatte. Und Nicole, seine Frau? Einigermaßen knackig fand er sie ja immer noch. Blond war sie immerhin auch. Aber langweilig. Und wenn er ihr sagte, wo es langging, kapierte sie es einfach nicht. Er ließ den Motor an und trat kräftig aufs Gaspedal.
»Benedikt, ich verstehe dich nicht«, sagte Silke und blickte konzentriert auf ihr paniertes Hähnchenschnitzel. Betont elegant führte sie Messer und Gabel, als könnten gute Umgangsformen sie davor bewahren, ihrem Zorn allzu freien Lauf zu lassen.
»Was verstehst du nicht?«, gab Benedikt leise, beinahe flüsternd zurück.
»Also, entschuldige bitte«, entrüstete sich Silke und legte ihr Besteck beiseite. »Was du da tust, das ist, wie soll ich sagen – scheiße!«
Benedikt fiel offenbar immer wieder etwas Neues ein, um sich zu blamieren. Sie ärgerte sich dermaßen über ihn, dass sie sich sogar in ihrem Vokabular gehen ließ. Sie versuchte sich zusammenzureißen, schließlich stammte sie aus gutem Hause, und ihre schöngeistigen Eltern hatten immer viel Wert auf eine gepflegte Sprache gelegt. Schrei, wenn du willst, und schimpfe wie ein Rohrspatz, hatte ihre Mutter ihr eingebläut, aber benutze bitte keine ekligen Kraftausdrücke. Als einzige Tochter sollte sie gut vorbereitet sein für ein Leben in kultivierten Kreisen. Ballett- und Geigenunterricht, Sprachreisen nach Frankreich und Italien sowie das Studium der Kunstgeschichte hätten ein gutes Rüstzeug werden können. Aber dann war sie ja ihrem mittelmäßigen Gatten in diese Gegend gefolgt, wo es schon als Kunst galt, wenn ein pensionierter Finanzbeamter seine Landschaftsaquarelle im Rathaus ausstellte.
Nur ein einziges Mal hatte sie mit ihren Begabungen und Kontakten hier glänzen können, als sie im Auftrag des Kirchenvorstands den Düsseldorfer Bildhauer Marius Diepholz gewonnen hatte, eine moderne Petrusstatue zu schaffen, die nun seit acht Jahren den Kirchenraum zu einem Geheimtipp für Kunsttouristen hatte werden lassen. Noch viele weitere Ideen hatte sie gehabt, um die Stadt Alsberg und ihre kulturhistorisch wertvolle Petrikirche voranzubringen, aber immer war sie an Benedikts Zaghaftigkeit und Willensschwäche gescheitert. Und nun war er eine halbe Stunde zu spät zum Mittagessen gekommen, um ihr mit völlig unangemessenem Stolz seine neue Idee zu präsentieren. Eine Idee, die einfach nur lächerlich war.
»Die Beichte willst du wieder einführen. Mann, wo lebst du denn?« Silke zeigte auf den Kunstkalender, der über der Anrichte hing. »Da. Lies mal! Wir befinden uns im einundzwanzigsten Jahrhundert! Willst du dich zum Gespött der Leute machen?«
»Antonius hat mal gesagt …«
Ihr Ehemann stocherte lustlos in seinem Brokkoli herum.
»Antonius! Antonius! Ja, was sagt er denn, der kluge Herr Bischof Kluge? Der Mann ist über siebzig!«
Benedikt atmete einmal tief durch. »Antonius hat gesagt, dass die Menschen heute Begriffe wie Sünde und Vergebung nicht mehr verstehen, weil sich das Weltbild gewandelt hat. Aber das Gefühl von Schuld und den Wunsch, davon loszukommen, gibt es immer noch. Vielleicht mehr denn je.«
Silke verzog das Gesicht. »Das ist doch seniles Geplapper.«
»Nein«, widersprach Benedikt, ein wenig lauter als sonst bei ihm üblich.
»Benedikt!«, sagte sie warnend.
»Nein!«, wiederholte er, umklammerte sein Messer und schlug mit der Faust auf den Tisch. Ein Klecks Sauce hollandaise landete auf Silkes Lieblingstischdecke.
»Okay, Benedikt«, sagte Silke leise und mit einem herablassenden Schmunzeln. »Wenn du jetzt meinst, wieder laut werden zu müssen, können wir das hier sofort beenden. Mit deinen Aggressionen solltest du besser deine Ärztin behelligen.« Sie nahm ihren noch halb vollen Teller, stand auf, ging hinüber zur Küchenzeile und schabte die Essensreste geräuschvoll in den Mülleimer. »Choleriker«, fauchte sie und knallte die Tür hinter sich zu.
Benedikt sackte in sich zusammen. Das Messer fiel ihm aus der Hand und hinterließ einen weiteren cremigen Fleck auf der Tischdecke. Müde starrte er auf den Wandkalender. Einundzwanzigstes Jahrhundert – damit hatte Silke ja recht. Aber sonst? Das Bildmotiv des Monats März war eine Großaufnahme eines rostigen Nagels, der in einer Cocktailkirsche steckte. Das Werk Penetration 21eines berühmten ostdeutschen Künstlers hatte vor einem Jahr für angeblich 1,5 Millionen Dollar den Besitzer gewechselt. Benedikt fand es ärgerlich, dass seine Frau immer so tat, als sei sie in allen Dingen intellektuell auf der Höhe der Zeit. Dabei glaubte sie an Homöopathie und Horoskope, hatte sogar einmal eine gemeinsame Esoterikreise zu den Wunderheilern auf den Philippinen vorgeschlagen.
War sie jemals stolz auf ihn gewesen? Hatte sie ihn jemals für seine Arbeit gelobt? Nun, vielleicht gab es nichts, was des Lobes wert war. Manche Pastorinnen und Pastoren hatten in ihren Partnern echte Schicksalsgenossen gefunden, Begleiter im Glauben wie im Zweifel. In guten und in schlechten Zeiten, wie es die Trauungsliturgie so schön zu sagen wusste. Bis, dass der Tod … Wie kam er jetzt darauf?
Von einer Kollegin, die er seit dem Vikariat kannte – es hatte einmal ein wenig gefunkt zwischen ihnen beiden –, wusste er, dass deren Ehemann an jedem Sonntag in der ersten Reihe unter der Kanzel saß, obwohl er sich selbst als Atheisten bezeichnete. Jedes Mal, so hatte sie Benedikt bei einem Pfarrkonvent erzählt, würde er ihr Komplimente machen für eine originelle Predigtidee oder eine gelungene Formulierung. Manchmal sei es ihr peinlich, wenn Philipp ihr nach dem Gottesdienst am Kirchenausgang einen herzhaften Kuss aufdrückte vor den Augen der ganzen Gemeinde. Benedikt hatte seine Kollegin nur ungläubig angestarrt. Was hätte er antworten sollen? Dass Silke ihm schon nach seinem ersten Gottesdienst in Alsberg die sonntägliche Begleitung aufgekündigt hatte? Obwohl Schmiedemann sie so herzlich begrüßt und ihr einen Blumenstrauß im Namen des Kirchenvorstands überreicht hatte. Ich hoffe, wir sehen Sie jetzt öfter, hatte sie auf dem Heimweg den Vorsitzenden nachgeäfft. Provinzhansel, hatte sie geschimpft. Und mit den Worten Gerbera! Nicht zu fassen! das Gebinde in der Biomülltonne beim Gartentor versenkt. Er hatte versucht, ihr zu erklären, dass in ländlichen Regionen traditionsgemäß erwartet wurde, dass sich die Ehefrau des Pastors wenigstens ab und an im Gottesdienst blicken ließ. Spöttisch hatte sie dann nachgefragt, ob sie auch noch Kuchen für den Altenkreis backen sollte. Wie vorhin, so hatte sie ihm auch damals schon vorgeworfen, er sei noch nicht im einundzwanzigsten Jahrhundert angekommen.
Silke. Es hatte sich einmal wie Liebe angefühlt, aber das war schon lange her. Immer diese Zwistigkeiten, bei denen er stets das Nachsehen hatte.
Als er sich erhob, um das Geschirr abzuräumen und in die Küche zu bringen, fühlte er sich erschöpft wie ein Greis.
Wie oft sich die Szenen wiederholten! Dass er, ob er sich nun wehrte oder klein beigab, immer als Unterlegener aus den Auseinandersetzungen hervorging. War es nicht immer schon so gewesen? Auch schon viele Jahre vor seiner Ehe? Erinnerungen tauchten auf. Eine alte Geschichte. Er schloss die Augen und sah die Bilder, wie sie unscharf und überbelichtet vorüberzogen. Wie ein Filmabend im Super-8-Format auf der ausziehbaren Leinwand, damals, im Hobbykeller seines Vaters. Nur dass die Personen ihm merkwürdig fremd vorkamen und er der einzige Zuschauer war.
Weh euch, die ihr jetzt lacht
(Lukas 6,25)
Es war nur ein Freudenschrei gewesen. Spitz und laut. Ganz ohne Absicht. Aber trotzdem verboten, streng verboten. Der kleine Junge zuckte zusammen. Auf einmal war ihm ganz heiß. Und das kam nicht vom Spielen und Toben. Sein Mund fühlte sich trocken an, und ein Echo dröhnte in seinem Kopf: verboten, streng verboten. Der Widerhall von Mamas Stimme, ernst, sehr ernst. Du weißt, wie es um Papa steht.
Papa, sein Papa. Im Sommer hatte er noch die tolle Schaukel im Garten aufgebaut. Fußball hatten sie gespielt, und Papa hatte die ganze Zeit so aufgeregt geschrien wie der unsichtbare Mann im Fernsehen: Elfmeter in der letzten Spielminute! Was für eine Chance für den jungen Stürmer! Und dann hatten sie Tor! gebrüllt und gelacht, und Papa hatte ihn gepackt und in die Luft geworfen. Theodor, seinen großen Bruder, auch, aber der war bei Papa immer erst als Zweiter dran. Anders als bei Mama, die Theodor immer ihren Sonnenschein nannte.
