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Südafrika am Ende der vierziger Jahre des 20. Jahrhunderts: Eine Burenfamilie entschließt sich, eine deutsche Kriegswaise zu adoptieren. Freudig wird das blonde, blauäugige kleine Mädchen in die Familie aufgenommen. Als sich herausstellt, dass Sara Jüdin ist, entzieht ihr der Familienvater, ganz Patriarch und Mitglied der nationalistischen Apartheidregierung, seine Liebe. Als Studentin schließt sich Sara dem Widerstand gegen das Apartheidregime an. Sie führt damit auch ihre in der Tradition verhaftete Familie zu einer zaghaften Auseinandersetzung mit dem politischen System Südafrikas.
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Seitenzahl: 391
Veröffentlichungsjahr: 2024
Südafrika am Ende der Vierzigerjahre des 20. Jahrhunderts. Eine Burenfamilie entschließt sich, eine deutsche Kriegswaise zu adoptieren. Freudig wird das blonde, blauäugige kleine Mädchen in die Familie aufgenommen. Als ein halbes Jahr später die Papiere eintreffen, die seine Identität bescheinigen, stellt sich heraus, dass es sich um ein jüdisches Kind handelt. Der Familienvater, ganz Patriarch und einflussreiches Mitglied der nationalistischen Apartheidregierung, entzieht ihr sofort seine Zuneigung. Als Studentin schließt Sara sich dem Widerstand gegen das Regime in Südafrika an. Sie drängt damit auch ihre in der Tradition verhafteten Familie zu einer Auseinandersetzung mit dem politischen System ihres Landes.
Ruth Weiss zeichnet ein Bild der Geschichte Südafrikas und unserer eigenen deutschen Geschichte, ganz ohne erhobenen Zeigefinger.
Ruth Weiss
Roman
Für B von ABC, die mir den Anstoß dazu gab, diese Geschichte aufzuschreiben
Die Vergangenheit hat eine lange Zukunft.
Zuerst übersah ich es, das kleine Bild. Ein Familienbild wie so viele. Legte es beiseite, zu den bereits aufgehäuften Bildern und anderen Papieren, die auf dem dreibeinigen Hocker lagen. Den Hocker hatte ich damals gekauft, in den 60er-Jahren, als ich Urlaub am Karibastausee in Rhodesien machte. Pardon, das Land heißt ja schon seit über zwanzig Jahren Zimbabwe. Einem alten Mann muss man verzeihen, wenn es ihm schwer fällt, sich an Neues zu gewöhnen. Es war ein dummer Kauf gewesen, typisch für einen Touristen, der etwas ersteht, nur weil er sich in einem fremden Land befindet. Mein Haus war bereits gut eingerichtet, wie es sich gehörte für einen Professor der Biochemie, damals noch längst nicht im Ruhestand, der es nicht nötig hatte, sich mit einem Objekt zu belasten, das im Kofferraum sperrig war. Ich hätte so etwas auch zu Hause kaufen können, es gibt genug Straßenhändler zwischen Pretoria und Johannesburg, wahrscheinlich wäre deren Angebot noch preiswerter gewesen. Dennoch: Ein schön geschnitzter Hocker, ebenmäßig. Der Verkäufer, ein bärtiger Mann mit kleinen Narben im Gesicht, versicherte mir, er sei wertvoll, da er nicht für den Markt gemacht war, sondern aus einem Häuptlingskraal stammte. Doch ich bin keine Sammlernatur und hätte sicher abgelehnt, wäre Sara nicht dabei gewesen.
Ein Tonga, erklärte sie, einer aus der kleinen Minderheit in diesem Land, die schlecht behandelt wurde. Und immer noch wird. Damals, als der Fluss hier in den 50er-Jahren das veld überflutete, um den Stausee zu füllen, wurden die Tonga vertrieben; von ihren traditionellen Ackerländern und Weiden und den Gräbern ihrer Vorfahren. Das haben sie nie überwunden. Die Tonga sind noch immer Flüchtlinge im eigenen Land.
Sara: Sie kannte stets solche Einzelheiten. Deswegen kaufte ich das Ding. Oder vielleicht weil sie hinzufügte, er hat heute noch nichts verkauft, sieh doch, er hat noch dieselbe Ware wie heute Morgen, als wir das Hotel verließen … Und seine Familie muss doch auch essen.
Der Hocker war auf der Rückfahrt lästig gewesen, ich hatte ihn dann etwas ärgerlich in mein kleines Gästezimmer gestellt, ich war ohnehin aufgeregt und aufgewühlt gewesen, und so blieb er dort. Sara hätte ich ihn nicht schenken können. Sie hatte damals ja keinen Ort gehabt, wo sie ihn unterbringen konnte. Und zum Wegwerfen bin ich zu sparsam erzogen.
Da ich am Boden vor dem alten Koffer auf einem großen Kissen saß, war der Hocker gerade hoch genug, um alles darauf aufzuhäufen, was eventuell von Interesse sein könnte. Wie etwa ein altes Familienalbum. Oder Zeitungsausschnitte von 1922, dem Jahr des Bergarbeiterstreiks in den Goldminen von Transvaal, als Armee und Arbeiter sich regelrechte Schlachten geliefert hatten. Auch mehrere Akten über einen Kauf einer Farm im Westkap im Jahr 1907. Eine dicke Mappe mit Briefen und Unterlagen von Pas Onkel Gerrit Leroux, ein wenig bekannter Dichter. Eine Kochrezeptesammlung, zusammen mit Haushaltsrechnungen aus den Jahren 1910–1912, in vollendeter Schrift unterschrieben von Oma Adelaide Leroux fiel mir in die Hände. Wichtige Briefe wie die Korrespondenz des Kommandanten Eugen Leroux mit seiner Frau während des Burenkriegs, die einer der fahrenden Händler ihr ins Kap gebracht hatte, andere Unterlagen wie Pas Dissertation über Ethnizität und Nationalität oder die gesammelten Urteile seines Richterbruders Paul waren in offiziellen Archiven zu finden. Ich hatte sozusagen nur Überbleibsel in dem Koffer. Überbleibsel und persönliche Andenken, Briefe, Fotos, Zeitungsausschnitte, die ich oder einer der anderen aus der Familie irgendwann für wichtig gehalten hatte. Die älteren Aufzeichnungen waren selbstverständlich im Kap, in Blomveld, in dem Haus mit Giebel und den blendend weißen Wänden und breiter stoep, der Veranda, auf der sich so viel abgespielt hatte. Wir Leroux-Kinder aus dem Transvaal hatten während unserer Besuche mit großem Eifer auf der Weinfarm mitzuhelfen versucht, leider fehlte uns die Übung und deswegen das Geschick unserer Kap-Vettern. Nur in den großen Ferien im Dezember konnten wir die lange Fahrt unternehmen, wenn auch Pa seinen Urlaub nahm. Meistens fuhren wir einige Tage nach Dingaanstag, dem 16. Dezember, den feierten wir regelmäßig am Voortrekker-Denkmal; dort huldigten wir den tapferen Helden, die im Lauf des Großen Trecks am Anfang des 19. Jahrhunderts aus dem Kap ausgezogen waren. Damals besiegte an einem solchen Tag eine kleine Anzahl Buren den Zulukönig Dingane. Es war ein Tag, der im Lauf der Zeit stets neue Namen erhielt. Nachdem »Dingaanstag« nicht mehr politisch korrekt erschien, hieß er »Gelöbnistag«, heute ist es unser Versöhnungstag. Schön waren sie, die Weihnachtstage in Blomveld, obwohl ich es insgeheim noch schöner fand, wenn wir danach ans Meer fuhren. Nach Boomslang.
Dingaanstag. Herrlich, ich liebte die alten Voortrekker-trachten der Frauen, die niedlichen Hüte der Mädchen. Man musste erst ein Band aufknüpfen, ehe man rosige Lippen erreichte, das erhöhte die Erwartung. Das lernte ich mit dreizehn, als ich zusah, wie die Erwachsenen sich den alten Volkstänzen hingaben, Reich-mir-deine-Handich-geb-dir-meine, Ich-heb-den-Fuß-dann-du-den-deinen … Sie sahen alle gut aus, Männer mit großen Schlapphüten und ledernen Hosen, Frauen in bunten, langen Kattunkleidern, die manche von ihren Großmüttern geerbt hatten. Ein Mädchen stand neben mir, ich kannte sie nicht. Sie lachte, als ein Mann ungeschickt seiner Partnerin mit seinen riesig großen veldskoene auf den weiten Rock trat. Ich grinste, irgendwie fassten wir uns sofort an den Händen und taten es den Großen nach. Schlichen bald hinter einen Granitfelsen, und ich versuchte das mit dem Band und dem Kuss. Sie schien nichts dagegen zu haben, auch wenn sie mich danach wegschubste. Wir rannten zurück zu den anderen, sangen volksliedjie umdie Wette. Eine kurze Begegnung, denn bald versammelten wir uns zum Gottesdienst vor dem Denkmal. Durften uns nicht rühren, bis der Sonnenstrahl um zwölf Uhr durch das Dach auf den steinernen Sarg traf, Symbol der Helden und Heldinnen. Auch ich trauerte um sie, obwohl ich einmal Pa ärgerte, indem ich fragte, warum Menschen durch den Tod zu Helden wurden, wo doch jeder sterben musste. Leider verlor ich durch den gesenkten Trauerblick das Mädchen aus dem Auge. Ich muss gestehen, dass ich auch irgendwie erleichtert war. Ich fürchtete Pas Wut, der einmal erklärte, wann du erwachsen bist, bestimme ich. Die Erklärung war unnötig. Pa bestimmte alles, und Punkt.
Ach, alles war aufregend und schön am Dingaanstag, wie die saftige boerewors, diePa uns vom offenen Feuer, dem braaivleis, auf die Teller häufte, der Geschmack gehörte zu meiner Jugend, genau wie jener erste Kuss.
Gebratene Wurst steht heute nicht mehr auf meiner Diätliste, und auch beim Voortrekker-Denkmal war ich seit Jahren nicht mehr gewesen.
Pas Familie, Nachfahren der Hugenotten, stammten aus dem Kap. Francois, Pas ältester Neffe und inzwischen Besitzer von Blomveld, mein Lieblingsvetter, war fast so breitschultrig wie mein Bruder Dries und dreimal so gewieft, aber im Lauf der vielen Jahre hatte sich zwischen den Muskeln viel Fett angesammelt. Er war der Begleiter meiner Jugend, der auch Sara geschätzt hatte. Blomveld. Die Farm im Kap bildete den echten Kern der Familie. Pa hatte sozusagen einen Transvaal-Zweig gegründet.
Ich trage den Namen unseresGroßonkels, Johannes Petrus Leroux, der für eine kurze Zeit in einer der ersten Regierungen stellvertretender Landwirtschaftsminister gewesen war. Man nennt und nannte mich in der Familie nur Jo. ›Johannes‹ war zu lang, und für ›Petrus‹ fehlt mir die imposante Gestalt. Für einen Leroux war ich beinahe schmächtig. Nicht einmal zwei Meter groß. Dazu schmale Schultern. Auch später ohne den würdi-gen Bart, der Dries ziert und ihn wie den Patriarch der Familie erscheinen lässt, obwohl mir diese Position zusteht.
Da ich endlich vor meinem geplanten Umzug ins Kap aufräumen wollte, saß ich nun frühmorgens nach dem Frühstück im Gästezimmer. Das war schon lange von keinem Gast mehr benutzt worden und fast zur Rumpelkammer verkommen war, und kramte in dem riesigen, abgeschabten Lederkoffer, in dem Pa so manche Papiere aufgehoben hatte und der mit anderen seiner Sachen in meinen Besitz gekommen war.
Mein Umzug in das Haus am Meer stand schon fast vor der Tür. Meine Familie hatte versucht, mich davon abzuhalten, versuchte es noch immer, aber ich war fest entschlossen, den letzten Abschnitt meines Lebens, der schließlich nicht sehr lang dauern würde, am Meer zu verbringen. Wollte lesen, spazieren gehen, Besuch empfangen, die Atmosphäre von Meerkat und dem kleinen Fischerdorf Boomslang in der Nähe von Houtbay genießen. Ich weiß, alles ist nicht mehr so wie früher, die alten Fischerboote sind durch Motorboote ersetzt, die Fischer sind nun Angestellte großer Firmen, es gibt kaum mehr selbstständige Fischer dort.
Doch das Meer, der wilde Atlantische Ozean, das ist geblieben. Es ist lange her, seit Pa Meerkat gekauft hat. Ich liebe das unscheinbare, zweistöckige Steinhäuschen, das sich malerisch an die Felsen in Boomslang schmiegt, aus denen es gebaut wurde und die es schützend umgeben. Pa erstand es billig, als er damals seinen ersten Verwaltungsposten erhalten hatte. Er wusste nicht, dass der ihn zu anderen, größeren Schreibtischen in Pretoria führen würde. Das Haus behielt er, und es wurde zu meinem Lieblingsferienaufenthalt. Im Kap habe ich mich stets sehr wohl gefühlt, obwohl ich im Transvaal geboren bin. Ich sage noch immer Transvaal, nicht Gauteng. Schließlich hieß diese Region so, als mein Pa, Zachariah Adriaan Leroux, im Jahr 1928 seinen ersten Posten antrat, als Grundschullehrer in Warmbad, fünf Jahre später Maria Letitia Myer heiratete und ich 1934 als ihr Erstgeborener auf die Welt kam.
Nach einer Stunde im Gästezimmer verspürte ich einen scharfen Stich in meiner linken Hüfte, merkte, dass mir die Knie schmerzten, obwohl ich die Beine ausgestreckt und den Rücken an die Wand gelehnt hatte. Man kann alten Knochen nicht mehr viel zumuten. Da mich keiner hören konnte, gönnte ich mir beim Aufrichten einen lauten Ächzer. Zeit zum Frühstücken. Hannah, meine schwarze Haushälterin, würde sich wundern, warum ich hier oben herumspukte.
Ehe ich schließlich aufstand, fiel mir jedoch das kleine Bild in die Hand. Diesmal betrachtete ich es näher, nahm es mit, als ich steif die Treppen hinunterhumpelte. Es war vor einer Kirche aufgenommen – ich erkannte sie nicht sofort, musste meinen Arm ausstrecken, um das Bild genauer sehen zu können, die Lesebrille hatte ich unten gelassen. Ich fand die Brille im Badezimmer und ließ mich erleichtert in meinem Lieblingsstuhl im Wohnzimmer nieder. Von dort hatte ich den besten Blick auf die Jakarandabäume, wenn sie in Blüte standen. Wie jeder Einwohner von Pretoria war ich auf unsere Jakarandapracht stolz, auch wenn diese angeblich von der in Harare, der Hauptstadt von Zimbabwe, übertroffen wird.
Ich musste die Augen einige Zeit schließen, hörte Hannahs Gruß. Sie fragte, ob sie das Frühstück im Wohnzimmer servieren sollte, was ich bejahte. Tee, frischer Orangensaft, zwei Stück Toast mit Hannahs selbst gemachter Marmelade. Ich führte ein angenehmes Leben. Nach einer Weile schob ich das Tablett beiseite und nahm wieder das Bildchen in die Hand.
Pa und Ma standen nicht nebeneinander, wie auf den meisten Familienbildern, sondern waren getrennt durch die Kinderschar. Ma lächelte nur leicht, doch ihre Herzlichkeit sprühte aus den großen Augen und dem breiten Mund. In der hintersten Reihe stand Frederik neben Pa, dessen Spitzbart ihn wie immer sehr würdig schmückte. Er verzog keine Miene. Die schmalen Lippen unter der geschwungenen Nase, die buschigen Augenbrauen gaben ihm einen grimmigen Ausdruck, der kaum untypisch für ihn war. Ein wuchtiger, stämmiger Mann.
Frederik hatte das Kinn über der Krawatte eingezogen, er wollte erwachsen aussehen, sicher hatte er sich auf die Zehenspitzen gestellt, um so groß wie möglich neben Andries auszusehen, an dessen Seite er stand. Frederik wollte so stark wie Andries sein, wollte wie er in der Rugby-Schulmannschaft spielen, wollte so gut wie Dries boxen können. Er hatte Dries immer als Vorbild und auch als Rivalen betrachtet, obwohl er drei Jahre jünger war. Ich zählte nicht mit, als Ältester brauchte ich nichts zu beweisen, besaß eine unumstrittene Stellung. Dabei war Dries nur elf Monate jünger als ich, wir waren im gleichen Jahr geboren, ich im Januar 1934, er im Dezember. Eine Tatsache, über die Ma nie gern etwas hören wollte. Das mit Frederiks Zehen war nicht zu erkennen, denn vor den beiden standen die Zwillinge Greta und Lisa, eng aneinandergedrückt wie immer, die langen Haare säuberlich zu Zöpfen geflochten. Fremde hatten Schwierigkeiten, sie auseinander zu halten; wir wussten es instinktiv, obwohl ich nicht genau sagen kann, wieso. Greta, die einige Minuten nach ihrer Schwester geboren wurde, hatte etwas weiter auseinander liegende Augen, die Augenbrauen waren weniger ausgeprägt, das Kinn um einiges spitzer. Neben Dries stand ich, den kleinen lachenden Nico auf dem Arm. Ma stand daneben, uns zugewandt, so dass sie seitlich aufgenommen war. Fast übersah man dadurch die kleine Gestalt vor den Zwillingen; nur der Oberkörper war zu sehen, als ob sie sich nur zufällig zu uns gestellt hatte.
Meine ganze Aufmerksamkeit richtete sich jetzt auf die kleine Gestalt. Sara! Über die Jahre hatte ich versucht, sie streng aus meinen Gedanken zu verbannen; es war mir nur zum Teil gelungen. Die Konzentration auf die Arbeit hat mir geholfen, auf meine Studenten, auf die Fachbücher, die man als Wissenschaftler zu schreiben gezwungen ist. Auf dem Bild blickte Sara trotzig in die Kamera, stirnrunzelnd, so dass die dicken Augenbrauen aussahen, als ob sie zusammengewachsen waren. Die Hände, die durch die schlanken, wunderschönen Finger so anziehend wirkten, waren hinter dem kleinen Rücken versteckt.
Es war kein Farbfoto, so dass man kaum erkennen konnte, wie Saras helle Locken von unseren dunkelbraunen Haaren abstachen. Ich strich mit der Hand über mein weißes Haar, das einmal fast schwarz gewesen war und das ich seit langem schon nicht mehr kurz geschoren wie eine Kappe trug, ganz kurz über den Ohren, wie Pa es einst forderte. Dunkle Haare. Wie unsere dunkelbraunen Augen waren sie unser hugenottisches Erbe, hatte Ma immer behauptet, deren Kopf von rötlich blonden Haaren geziert war. Keinem ihrer Kinder hatte sie die vererbt.
Wo war diese Aufnahme entstanden? Nicht in Pretoria, die Kirche war schlicht wie alle Holländisch-Reformierten Kirchen, doch der Stil gehörte zum Kap, nicht zum Transvaal. Natürlich, das war im Jahr 1950 gewesen, ein Jahr vor meinem Schulabgang. Wir waren wie so oft zu Weihnachten in Blomveld gewesen. Ein Vetter, Besitzer einer großen Obstfarm in der Nähe von Paarl, hatte Pa um die Ehre gebeten, Pate seines ersten Kindes zu sein. Die Familie war mit Recht stolz auf Dr. Zachariah Leroux, der eine steile Karriere gemacht hatte und bereits 1950 einen wichtigen Posten im Ministerium bekleidete; zum Teil dank seiner Stellung in der regierenden Nationalen Partei. Pa besaß einflussreiche, ja mächtige Männer als Freunde.
Ich erinnerte mich. Wir waren alle zur Taufe in das kleine Dorf gefahren, ja, es musste bestimmt 1950 gewe-sen sein, im Jahr darauf hatten wir meinen erfolgreichen Abschluss in Pretoria gefeiert und waren nicht nach Blomveld, auch nicht ans Meer gefahren. Als das Bild aufgenommen wurde, war ich also fast siebzehn Jahre alt, Andries hatte seinen sechzehnten Geburtstag gerade gefeiert, Frederik war dreizehn, die Zwillinge elf, Nico vier. Und Sara war schon sechs, auch wenn sie auf dem Bild eher wie eine Vierjährige aussah. Jedenfalls was ihre Größe anbetraf. Ihr Gesicht jedoch hatte den Ausdruck eines älteren Kindes.
Das war von Anfang an so gewesen.
Zwei Jahre zuvor war ich als Ältester mit Pa und Ma frühmorgens von Blomveld nach Kapstadt gefahren. Es war etwa zehn Uhr, als wir ankamen. Ich war zum ersten Mal im Hafen, erblickte bewundernd die weite Tafelbucht, von drohenden Klippen umstanden, bestaunte den Tafelberg mit seinem Wolkentischtuch, sah die weißen Wellen der Bucht, die kleinen Schiffe, die auf und ab schaukelten. Pa erzählte, dass das verräterische Blau des Meeres schon manches Boot ins Unglück gestürzt hatte, und erklärte, deswegen begleiteten Lotsen die großen Schiffe in den Hafen.
Ich fand alles aufregend, war überwältigt vom Lärm der Menschen und Maschinen, den Riesenkränen, die ihre Haken durch die Luft schwenkten, vom Heulen der Sirenen, dem Hupen von Lastwagen.
Mehrere Schiffe waren früh eingelaufen, Pa musste sich mit uns durchkämpfen, bis wir den Steg erreichten, wo bereits Passagiere von einem englischen Frachtschiff an Land gingen. Ich sah die Flagge, den Namen »Whistler«.
Wir beobachteten das Schiff, bis eine Gruppe von Kindern den Steg herunterkam. Pa und Ma richteten sich sofort auf, traten etwas näher. Ein Steward schritt bedächtig voran, gefolgt von vierzehn Kindern unterschiedlichen Alters, ich schätzte zwischen sieben und zwölf Jahren. Zuerst die Jungen, dann kamen die Mädchen, jeder und jedes mit einem Beutel um den Hals und einem Koffer in der Hand. Zuletzt kam eine junge, dickliche Frau in blauer Schwesternuniform, die ein kleines Kind an der Hand hielt, einen Koffer in der anderen trug. An Land angekommen, hielten sie an, auf Befehl der breithüftigen Frau in Uniform, die sich vor ihnen aufstellte. Die Kinder standen reglos, ohne sich umzusehen, gehorsam, schweigend, in Reih und Glied. Die Begleiterin der Kindergruppe werde auch hier bleiben, flüsterte Ma mir zu. Ich sah, dass auch sie aufgeregt war, ihr kräftiger Hals war rötlich angelaufen. Ich hätte am liebsten ihre Hand genommen, doch Pa hätte es nicht gern gesehen. Ich war schließlich der Älteste und fast schon ein Mann.
Ma besaß ein Herz so groß wie ihre starke Gestalt. Ich konnte daran, wie sie die Kinder anblickte, sehen, dass sie am liebsten die ganze Gruppe mitgenommen hätte, wenn das möglich gewesen wäre.
Der ›Kapdoktor‹ blies an jenem Vormittag, ein scharfer Wind, der in die Knochen drang und dem keine Sommerkleidung standhielt. Die Kinder zitterten, keins sagte ein Wort. Pa zog seinen Schlapphut tiefer ins Gesicht, er trug ihn immer, wenn wir auf der Farm waren, genau wie seine kurzen Khakihosen und langen Kniestrümpfe. Der Wind wirbelte das Hütchen der Erzieherin von ihren braunen Locken in die Luft, raffte es vom Boden auf, zusammen mit Staub und alten Zeitungen, und ließ es um die Ecke eines Schuppens flattern. Ich rannte dem Hut nach, doch sobald ich dachte, nun hätte ich ihn, kam ein neuer Windstoß, so dass ich weiterrennen musste. Dadurch versäumte ich die Ankunft der anderen Familien, die wie wir wegen der Kinder gekommen waren und sich nun um die Erzieherin scharten. Diese hielt eine Liste in den Händen, und während ich linkisch neben ihr stand, ihren Hut in der Hand haltend, verlas sie Namen: van Wyk … Biljoen … Borchardt … Van Niekerk … Dutoit … Verster … Bekannte Namen. Bekannte Gesichter. Man begrüßte sich, unterhielt sich, war erfreut, sich zu sehen. Gesehen zu werden. Schließlich war man hier, um eine gute Tat zu verrichten.
Ich hörte das Gemurmel. »Wie brav sie sind.« Ja, die Deutschen hatten gewusst, was es hieß, eine Nation zu erziehen. Schlimm, dass es so gekommen war. Ihr Führer hatte die richtigen Ideen gehabt, er war genial gewesen, auch als Kriegsführer, aber was konnte er tun gegen die verdomde engelse, die sich die mächtigen Amis als Verbündete geholt hatten. Dieser Roosevelt, war der nicht sogar Jude?
Keiner von uns hatte den Krieg gegen die Deutschen unterstützt, den britischen Krieg, denn so hatten wir ihn empfunden. Unseren hatten wir ja endlich gewonnen. Seit mehreren Monaten war unsere Partei, die Nationale Partei, die NP, an der Macht. Die Briten – die englischsprachigen Landsleute – hatten ausgespielt. Hatten nun doch nach 46 Jahren den Burenkrieg verloren. Ihr Freund, der Verräter Premier Jan Smuts, einstiger Burengeneral, war in der Wahl besiegt worden. Nun waren wir und die NP dran. Konnten unseren deutschen Freunden helfen.
Je einer aus den genannten Familien trat zu der Frau, die auf ein Kind wies, das sofort aus der Reihe trat, sich verbeugte oder knickste, je nach Geschlecht. Die Erzieherin stellte sie vor, ich hörte Namen wie Ulrich, Hagen, Adolf, Wolfgang, Siegfried, Hassel, Ulrike, Gerlinde, Herta, Gudrun, Hilde … Ich vernahm keinen aus der Bibel, wie bei uns.
Nach und nach waren sie aufgeteilt, war jedes Kind von Erwachsenen umgeben, waren alle in einem eckigen Gebäude verschwunden, wo Formalitäten erledigt werden sollten. Ich übergab der Erzieherin den Hut, sie bedankte sich mit einem freundlichen Lächeln, dann eilte auch sie in das Haus.
Nur Pa und Ma standen noch auf dem Platz. Ma trug den Koffer, den die uniformierte Frau zuvor in der Hand gehalten hatte. In einiger Entfernung vor ihnen das kleine Kind. Es stand auf wackligen Beinen, blickte nicht zu Boden, sah auch nicht auf die Hand, die Pa ausstreckte, als er sagte, sie gehöre nun zu uns. Ma hauchte ein leises Willkommen, wartete wie immer auf Pas Anweisungen.
Der Wind wählte diesen Augenblick, sich zu einer Spirale zu winden, das Kind zu umhüllen, als ob er es von uns wegziehen wollte. Ich sah, wie es ängstlich seinen Kopf in die Höhe reckte, den rechten Arm ausstreckte, sah es wanken, konnte zufassen, ehe es umfiel, meine Hände um den kleinen Körper legen und fest an mich ziehen. Dann nahm ich das Mädchen, denn es war ein Mädchen, auf meinen Arm und trug es zu Ma.
Pa nickte, kehrte sich von uns ab und ging mit seinen festen Schritten auf das Gebäude zu, die Kleine uns überlassend. Es ist zu schnell gegangen, beschwerte sich Ma, die Erzieherin sprach zu schnell, frag, wie sie heißt, ich hab’s nicht richtig verstanden. Sie hatten mich mitgenommen, weil ich in der Schule Deutsch lernte. Blickte zum ersten Mal in die großen dunkelblauen Augen, deren Tiefe mich verblüffte, sah ein schmales, ovales Gesicht, umrahmt von zerzausten, hellen Locken. Die Haut war blass, sie schien fast durchsichtig. Es schien mir, als ob sie nicht von dieser Welt sei, war erschrocken über meine dummen Gedanken, lenkte mich ab, indem ich überlegte, ob auch sie einen dieser harten Namen wie Brunhilde trug. Das würde kaum zu ihr passen, vielleicht würde man einen Kosenamen erfinden müssen, entschied ich. War sie hübsch? Ich war mir nicht sicher. Anziehend. Faszinierend. Aber hübsch, das waren meine Schwestern, mit ihren lebhaften Augen und pausbäckigen Gesichtern, ihren langen Zöpfen.
Ich stellte dem Kind die mir aufgetragene Frage. Es antwortete nicht. Nur die Augen schienen zu sprechen. Ich konnte den Ausdruck seines Gesichts nicht deuten, ob es ängstlich oder erfreut war, es hatte die Lippen fest zusammengepresst, schien lächeln zu wollen. Ich wiederholte die Frage mit anderen Worten. »Wie hat dich deine Mama gerufen?«
Diesmal senkte es den Kopf, auf dem es eine rote Kappe trug, die unter dem Kinn mit einem Band festgehalten war, ich spürte, wie sein Körper unerwartet zitterte, da ich noch seine schmalen Schultern umklammerte. Die Kleine blieb stumm. Ihr Gesichtsausdruck änderte sich nicht, es war, als ob sie eine Maske aufgesetzt hatte. War sie den Tränen nah? Ich schüttelte den Kopf, als Ma nochmals nach dem Namen drängte. Dachte, wie dumm von mir, sie ist etwa drei Jahre alt, der Krieg ist seit drei Jahren vorbei, sie kann ihre Mutter nicht gekannt haben. Außerdem ist sie vielleicht irgendwie behindert, sie sieht nicht sehr kräftig aus.
Ich erinnerte mich schaudernd an einen Film, den wir in der Schule gesehen hatten. Häuser, die in Flammen standen, Menschen, die versuchten, sich zu retten, andere Menschen, die in dem Schutt unter geborstenen Mauern ihre Angehörigen suchten. Wie muss das gewesen sein, als Baby in einem Keller zu sein, wenn es Bomben regnete? Oder war sie als Säugling von der Mutter bei einer der Vertreibungen mitgetragen worden, als sie vor den Barbaren, von denen Pa erzählte, den Siegern aus dem Osten flüchteten? Wie waren ihre Eltern gestorben?
Ich versuchte erneut, das Kind zu befragen, neigte meinen Kopf über das zarte Gesicht. »Was sagen die Erwachsenen im Waisenhaus, wenn sie über dich sprechen? Wie nennen sie dich dann?«
Die langen Wimpern hoben sich. Erstaunlich, wie dunkel sie waren im Vergleich zu den hellen Haaren. Zum ersten Mal hörte ich die helle Kinderstimme. »Kind«, sagte sie und wiederholte: »Sie sagen Kind.«
Diesmal war ich es, der zusammenzuckte: Kind! Ein Objekt ohne Individualität. Kein Wunder, dass sie verwirrt war. Ich drückte sie fest an mich.
Später meinte jeder, ich sei es gewesen, der auf die ganze Idee mit der Adoption gekommen war. Doch das stimmte nicht. Es war Andries gewesen. Er sprach es zuerst aus. Auch wenn es ihm danach nur recht war, dass man es mir zuschob. Dries stand am liebsten auf der Seite der Mehrheit. Ich erinnere mich genau, wie wir an einem rauen Junitag nach Magaliesberg gefahren waren, um Versters auf ihrer Maisfarm zu besuchen. Onkel Verster, der mit einer von Mas Schwestern, Tante Emma, verheiratet war, wollte uns Gisela vorstellen. Wir nannten Paul Verster ›Oom Verster‹, nicht Oom Paul, da Pas jüngster Bruder denselben Namen trug. Oom Verster war irgendwie mit unserem Premierminister verwandt; die Familienzweige von Burenfamilien reichten stets über alle Provinzen.
Oom Versters älteste Tochter brachte das deutsche Mädchen auf die stoep, die Veranda, als es Kaffee für die Erwachsenen gab, Limonade für uns Kinder. Gisela, ein elfjähriges Kind mit hellblauen Augen und dicken blonden Zöpfen, die über die Schultern baumelten, interessierte mich wenig. Ich konnte nicht verstehen, warum wir den langen Weg nach Magaliesberg gefahren waren, nur um ein blödes Mädchen zu sehen.
Doch war ich wie immer gern auf einer Farm, allerdings durften wir zuerst nicht umherstreifen wie sonst, wir sollten uns vor allem um dieses Mädchen kümmern. Mir war es peinlich, wie alle über Gisela redeten, als ob sie eine Puppe war, die man gekauft hatte. Und als ob sie gar nicht da war. Ag man, is sy nie mooi nie! Ach, ist sie nicht hübsch! Nur gut, dachte ich, dass sie nicht Afrikaans sprechen kann, sonst würde sie denken, sie sei die zukünftige Schönheitskönigin von Südafrika.
Oom Verster erklärte ernst: »Nachdem wir beim Premierminister die kleine Marijke gesehen haben, wollten wir das unsere tun! Er hat das Kind sofort nach Kriegsende adoptiert … Damals war’s für uns nicht möglich gewesen, aber jetzt, da können wir auch einem deutschen Waisenkind eine neue Heimat geben. Andere sollten dasselbe machen. Werden sie sicher auch. Diese furchtbare Bombardierung der deutschen Städte! Und wie die Russen gehaust haben, grauenhaft, genau wie die engelse bei uns damals, alles haben die abgegrast, wie Heuschrecken sind die über unser Land hergefallen.«
Die Erwachsenen rückten dabei auf ihren Stühlen, nickten zustimmend, ich hörte leises Fluchen, das war immer so, wenn sie auf den Krieg zu sprechen kamen. Unserem Krieg, den die engelse aus Gier gegen uns angezettelt hatten und den niemand wollte, niemand vergaß, auch wenn er bereits 1902 zu Ende gegangen war. Wir haben nun mal ein gutes Gedächtnis für alles Unrecht, das man uns angetan hat.
Oom sprach noch immer über Gisela. »Es gibt noch viele deutsche Kriegswaisen, die in Heimen leben. Den armen Kindern wenigstens werden wir helfen. Der Kaiser war auf unserer Seite, damals, in unserem Krieg.« Wir vergaßen nichts. Weder Feind noch Freund.
Pa nahm seine Pfeife aus dem Mund und sagte salbungsvoll: »Auch uns wird es helfen. Reines deutsches Blut wird unserem Volk zugute kommen.« Pa überragte alle Anwesenden, nicht nur was seine Körpergröße anbetraf, sondern auch als Persönlichkeit. Ich verehrte Pa. Jeder respektierte ihn.
»Unsere ermordeten Kinder und Frauen können sie nicht ersetzen!« Oom Verster klang verbittert, wie immer, wenn vom Krieg die Rede war. Ich wusste, keine von den Leroux-Frauen war in einem der engelse-Lager gewesen. Pa verzog keine Miene, sog weiter an seiner Pfeife. Er brauchte sich nicht zu schämen. Er war bekannt als einer der harten Männer der Partei, auch wenn er als Kapbürger geboren war.
Tante Susanna, eine entfernte Verwandte aus Mas Familie, die seit ihrer Jugend bei Versters lebte, wiegte sich in ihrem alten Stuhl und sagte plötzlich mit ihrer hohen Stimme: »Kalt, es war kalt, so schrecklich kalt! Ich lag neben Ma, und die war auch kalt, sie rührte sich nicht. Sie haben Ma weggetragen.«
Keiner antwortete. Tante Susanna war in ihrer Welt eingeschlossen, in grauenvolle Erinnerungen jener längst vergangenen Zeit. Als Kleinkind war mir Tante Susanna mit ihren starren Augen unheimlich gewesen. Obwohl – oder weil? – ich wusste, dass sie mit ihren sechs Geschwistern und der Mutter in einem Lager gewesen war. Dass sie als Einzige ihrer Familie im April 1902 überlebt hatte, die anderen waren an Typhus gestorben. Tante Susanna war nie darüber hinweggekommen. Das Erlebnis hatte sie traumatisiert. Sie fing an, mit zitternder Stimme eins der Lagerlieder zu singen, das mich stets an den Rand der Tränen brachte. So viel Leid lag in diesen Worten, in der Melodie.
Düster war der Tag,
die Wolken versteckten
die Sonne,
bedeckten
das veld,
als ich dich trug
zu deinem Grab.
Die anderen stimmten ein. Keiner hatte mehr das Herz, weiter zu diskutieren. Die Toten waren begraben. Ihr Ruhm und unser Hass lebte. Stand Pate für einen neuen Krieg.
Tante Susanna war lebende Zeugin der Grausamkeit der überheblichen engelse. Die Generäle waren nicht mit der Kommandostrategie der Buren fertig geworden. Seit eh und je waren Buren im Kap zusammen auf Kommando geritten, um entlaufene Sklaven und Buschmänner zu jagen oder aufsässige schwarze Krieger der Khosa an der Grenze der Kapprovinz zu bekämpfen. Dieselbe Taktik benutzten sie im Anglo-Burenkrieg.
Als die Bürger der Burenrepubliken den Kanonen der Feindesarmee mit ihren Gewehren nicht standhalten konnten und die Regierung unseres Präsidenten, Oom Paul Kruger, aus Pretoria flüchten musste, zogen sich die Farmer zurück, organisierten sich neu und benutzten ihre Farmen als Stützpunkte, kämpften von dort aus wie in alten Zeiten mit Gruppen berittener Kommandos und griffen den Feind von den felsigen Höhen unserer Heimat aus an. Danach setzten die englischen Generäle ihre grausame Strategie der verbrannten Erde ein, zündeten die Ernten und Farmhäuser an und trieben die Kinder und Frauen in Konzentrationslager.
Tante Susanna sang noch immer. Oom Verster sagte leise: »Mein Pa kam aus Bermuda zurück, aus der Gefangenschaft, er treckte zurück in die ou Transvaal – alles, was er fand, waren die Gräber seiner Frau und seiner fünf Kinder und die abgebrannten Mauern seines kleinen Farmhauses. Er stand vor dem Nichts. Gott strafe England!«
Auch das hatte jeder oft gehört. Oom Versters Mutter, damals sechzehn Jahre alt, hatte auch als Einzige ihrer Familie das Lager überlebt, sie hatte den verschlossenen, älteren Mann geheiratet, und nur ihr Lebenswille hatte ihn gezwungen, neu anzufangen, eine neue Familie zu gründen.
O ja, jeder hatte eine Geschichte zu erzählen aus jenen drei furchtbaren Jahren, die unserem Volk unser Land, unsere Freiheit raubten, unsere Politik prägte. Wie oft sagte Pa, es sei unsere Pflicht, für unser Volk zu kämpfen, nichts sei so wichtig wie die Erhaltung der Volksgemeinschaft durch unseren gemeinsamen Glauben. Unser Vertrauen auf Gott würde uns zum Sieg verhelfen. Wir seien das auserwählte Volk. Hatte Er es nicht bewiesen? Durch den Wahlsieg der Nationalen Partei über die verdomde engelse?
Ich bin Pas Sohn. Deswegen glaubte auch ich an baaskap, an unsere Pflicht, die Gott uns aufgegeben hatte, für die schwächere Rasse der Eingeborenen zu sorgen. Das war Teil unserer Geschichte, von der ich, dank Pa, viel wusste. Ich wusste von den Leiden unseres Volkes, von dem Streit mit England über fast einhundert Jahre. Ich kannte jede Statistik des Anglo-Burenkrieges, konnte alle zitieren, genaue Auskunft geben über Tote und Verletzte. Ich wusste, dass Bantu auf beiden Seiten gekämpft hatten, sie waren auch in den Lagern, wurden als Arbeiter eingesetzt. Einmal erregte ich Pas Ärger, als ich fragte, ob Schwarze ebenfalls Kriegsgefangene waren. »Nicht bei uns«, hatte er scharf geantwortet, »ein Kaffer mit Gewehr und britischer Uniform war ein toter Kaffer. Die engelse«,fuhr er dann unwirsch fort, »haben auch Schwarze in Lager gesteckt, wenn sie auf unserer Seite waren.« Kein Südafrikaner war unberührt geblieben von diesem Krieg. Auch wenn die Briten ungern daran erinnert werden. Die Bantu gehen erst jetzt auf die Suche nach ihren Gräbern und ihrer Geschichte.
Auf der Verster-Farm blieb Dries mit uns Jungen zusammen, er muss jedoch einen langen Blick auf Gisela geworfen haben. Im Auto brummte er, es wäre nett, eine neue Schwester wie das Mädchen zu haben. Am liebsten eine, die etwa zwölf oder dreizehn Jahre alt war.
Pa antwortete nicht. Es war anmaßend von einem Kind, ein derartig wichtiges Thema anzusprechen. Aber dann hörte ich, wie Ma einige Wochen später mit Oubaas Myer, unserem zweiten Opa, ihrem Vater, sprach und sagte, unser Pa wünsche sich eine Tochter, ein blondes, blauäugiges Mädchen. Oubaas – AmosMyer – war weder so reich oder so vornehm wie Opa Leroux, der darauf bestand, dass wir uns zum Abendessen stets umzogen, noch war er so gebildet wie Pa, doch wir Leroux-Enkel liebten ihn innigst, er hatte immer Zeit für uns, hörte zu, fand alles ernst und wichtig, was man ihm berichtete.
Oubaas war wegen einer ärztlichen Untersuchung nach Pretoria gekommen, er war während der Jahre seiner Arbeit als shift-boss in einem Goldbergwerk schwer ver-letzt worden, beim Einsturz einer Felswand. Er hatte seine schwarzen Arbeiter gerettet, hatte die überlebenden Kaffern durch einen anderen Schacht in Sicherheit gebracht. Wir bewunderten seine Stärke und seinen Mut, waren stolz, dass er als Fünfzehnjähriger im Burenkrieg gekämpft hatte. Das Schlimmste für ihn war, sein Gewehr abzugeben, nach dem Waffenstillstand und dem Frieden. Er erzählte, sie hätten mit ihren Gewehren Tag und Nacht geschlafen. »Selbst beim Essen war das Gewehr dabei … und dann … Ich weinte fast, als ich es unter den Augen eines dieser Schotten mit seinem roten Rock auf den Haufen Waffen legte.«
Oubaas und Oma Myer lebten in Randfontein auf dem Witwatersrand, den Felsvorsprüngen, unter denen das viele Gold verborgen war, das unser Land reich und die engelse eifersüchtig gemacht hatte. Alle Myer-Kinder waren verheiratet, sie lebten schon lange nicht mehr in der kleinen Bergarbeiterstadt.
Ma kam auf dem Minengelände zur Welt. Pa lernte sie bei einem Kirchen-nagmaal in Knysna kennen, als sie fünfzehn war, damals war sie mit anderen armen weißen Kindern von dem Afrikaaner-Hilfswerk Helpmekaar auf eine Ferienfarm verschickt worden. Doch es gab ein Problem: Ein Leroux heiratete niemand aus einer Trekboer-Familie. Vor allem nicht die Tochter eines armen Weißen, eines Bergarbeiters. Opa Leroux schrieb einen steifen Brief an Pa. »Es ist nicht ziemlich, dass ein Leroux die Tochter ei-nes verarmten Weißen zur Ehefrau nimmt, jemand, deren Großvater ein kleiner Farmer war, der seine Existenz durch den Burenkrieg verlor, auch wenn er keine Schuld daran gehabt hat. Du bürdest dir eine moralische Pflicht auf, für die anderen Kinder dieses armen Weißen zu sorgen. Das ist eine Zukunft, die ich dir nicht wünsche.«
Pa antwortete entschlossen. »Die armen Weißen werden nicht immer arm bleiben. Es wird für sie bereits gesorgt, jetzt durch die afrikaanse Wohlfahrtsorganisationen, die neuen Genossenschaften wie Banken oder Versicherungsgesellschaften und später, wenn unsere Nationale Partei die Regierung bildet, durch Maßnahmen, die ihnen Posten als ungelernte Beamte bei der Post, Eisenbahn und ähnlichen Stellen reservieren werden. Juffrou Maria Myer und ich stehen seit drei Jahren in brieflichem Kontakt. Sie ist so tugendhaft, wie sie intelligent und liebenswert ist. Ich werde keine andere zur Frau nehmen.«
Pa hatte wegen dieser Juffrou seinen ersten Job als Lehrer in Warmbad im Transvaal angenommen. Eigentlich erstaunlich, Ma war das Gegenteil von Pas verschlossener Art, sie hatte eine sonnige Natur, offenherzig und großzügig, ich liebte ihre ruhige Stimme, die selten zornig klang, im Gegensatz zu Pa, der so leicht ungeduldig wurde. Ma. Liebe Ma. Sie muss schon als junges Mädchen eine große Anziehungskraft gehabt haben, um Pa zu verleiten, seiner Familie zu trotzen. Er hielt viel von Herkunft und Familientreue.
Oma Leroux, die ebenfalls aus einer alten Kapfamilie stammte – sie war eine de Greven –, überredete Opa, der Ehe zuzustimmen. Ma meinte einmal etwas scherzhaft, dass Oma vielleicht gedacht hatte, das derbe rote Blut des Transvaals könnte dem dünnen aristokratischen Blut der Kapburen nicht schaden. Ob das der Grund gewesen sein könnte für Pas Interesse an Rassenfragen? Pa meinte, Menschen hätten stets eine Art Selektion durchgeführt, durch Eheschließungen innerhalb einer Klasse oder eines Standes. Und stets wäre die Erneuerung durch die Mobilität einiger Individuen aus unteren Klassen oder Ständen geschehen. Natürlich innerhalb einer selben Rasse und einem selben Volk. Alles andere wäre gegen Gottes Gesetz gewesen.
»Du siehst, was wird, wenn man einen Esel mit einem Pferd paart, dann kommt ein Maulesel heraus, der sich nicht fortpflanzen kann.« Das brachte mir als Achtjähriger eine Ohrfeige ein: Ich fragte, wieso im Kap, auch auf der Leroux-Farm, so viele Farbige lebten, die waren Mischlinge, oder? Hatten sie nicht weiße und schwarze Opas gehabt? Eine Weisheit, die ich von Tronk, dem Vorarbeiter auf Blomveld, hatte. Pa war zornig gewesen. Ich müsse lernen, ihm nicht zu widersprechen. Wenn in der Vergangenheit Menschen gefrevelt hätten, so müsse man das verzeihen, aber nicht erlauben, den Frevel weiter zu betreiben. Gott in Seiner Weisheit hatte den Turm von Babel zerstört. Die Rassen, die Er erschaffen hatte, mussten rein erhalten werden.
Derartige Ansichten vertrat Pa selbstverständlich auch schriftlich, vor allem in seinen Arbeiten über christlich- nationale Erziehung, er war dafür Experte und deswegen von seinen Parteifreunden hoch geschätzt. Er war davon überzeugt, weiße Kinder müssten im Sinn der Eltern erzogen werden. Das bedeutete auch getrennte Schulen für afrikaans- und englischsprachige Kinder. Afrikaanssprachige Kinder sollten eine christlich-nationale Erziehung genießen in Schulen, in denen sie auf Afrikaans unterrichtet wurden, wodurch der Geist des Burentums erhalten und erneuert werden konnte. Er lehnte jede Art von Anglisierung ab. Und jede Art von Vermischung.
Derartiges lernte ich früh von ihm. Einzelheiten der Liebesgeschichte von Pa und Ma erfuhr ich allerdings sehr viel später, da lebte Pa schon nicht mehr, als Ma mir manches erzählte, wie etwa die Geschichte über Oma Leroux.
Als Oubaas Myer damals wegen seiner Gesundheit zu Besuch gekommen war, hatte mich Ma ins Gästezimmer geschickt, um nachzusehen, ob die kaffermeid ihre Arbeit gut verrichtet hatte, so dass alles für Oubaas bereitstand. In anderen Familien wären es die Mädchen gewesen, die im Zimmer nachgesehen hätten, aber Ma traute den Zwillingen wenig zu. Sie wusste, ich half ihr gern.
Mein Status war unantastbar, die anderen hätten es nicht gewagt, sich über mich lustig zu machen. Ich hatte meine Männlichkeit schon längst dadurch bewiesen, dass ich der beste Schütze des Kadettenkorps der Schule war. Das Rugbyspielen konnte ich also ruhig Dries und Frederik überlassen. Mein Sport war Schwimmen. Und Segeln. Das lernte ich von einem Meister-Seemann: Klaas, ein Farbiger, der beste Fischer an der Küste, mit dessen Kutter ich zum ersten Mal in See stach. Ich schätzte ihn sehr, den alten Klaas Visser, von seinen Freunden Klaasie genannt. Das Fischerdorf, in dem unser Haus Meerkat stand, war meine seelische Heimat, dort kritzelte ich meine ersten Zeichnungen auf Papier, vergebliche Versuche, die zerfurchten Gesichtszüge von Klaas und den anderen farbigen Fischern festzuhalten, die so geübt ihre Boote führten, ihren Fang geschickt an Land zogen. Klaas faszinierte mich, seine winzige, fast verkrüppelte Gestalt, die doch so stark war. Ich sehe ihn vor mir, das Gesicht mit seinen breiten Backenknochen, die unvermeidliche Seemannsmütze, die er stets trug. Er war die Verkörperung eines kräftigen Gartenzwergs. Ein junger Klaas war für mich unvorstellbar.
Pa schüttelte über mein Zeichnen genauso den Kopf wie über manche meiner anderen Interessen. Auch für Dries und Fred war das unbegreiflich, genau wie meine spätere Angewohnheit, Bücher zu lesen, die nicht zum Unterricht gehörten. Wobei ich selbstverständlich aufpasste, mehr deutsche als englische Bücher zu lesen. Deutsch war ein Schulfach, ich wusste, Pa würde jeden Anflug einer Anglisierung seines Sohnes streng verurteilen. Obwohl ihn nachher andere Dinge an mir mehr störten als meine Lektüre. Jedenfalls wurde ich in der Familie damals akzeptiert, so wie ich war. Ich war nun mal nicht so gesund wie Freddie und nicht so stark wie Dries. Jo ist eben Jo, hieß es, und dabei ist es geblieben.
Ich stand noch auf dem Flur vor dem Zimmer, als Ma mit Oubaas die Treppe heraufgekommen war und ich Mas Worte hörte über das blauäugige, blonde Mädchen, das Pa bestellt hatte. Bestellt, genau dieses Wort benutzte sie. »Verster und andere haben eine Initiative unter den Parteifreunden in Gang gesetzt. Sie wollen deutsche Waisenkinder adoptieren. Zach wünscht sich eine kleine Tochter und hat ein blondes, blauäugiges Mädchen bestellt!«
Ich weiß nicht mehr, was Oubaas antwortete, meine Gedanken waren bei Gisela und ihren schweren Zöpfen. Ich fand Greta und Lisa langweilig, auch wenn sie Ma ähnlich sahen, abgesehen von ihren dunklen Haaren, sie hatten identische geschwungene Nasen und schön gewölbte Lippen, kicherten zu viel miteinander, kümmerten sich nicht einmal sehr um boetie, unseren kleinen Nico. Eine ältere Schwester wäre vielleicht nicht schlecht gewesen; sie hätte sicher Freundinnen gehabt wie das Mädchen am Voortrekker-Denkmal. Die Zwillinge interessierten sich nicht für andere Mädchen.
Doch daran dachte ich nicht mehr an jenem Tag im Hafen, als ich die Arme schützend um das kleine Mädchen schlang. Ma hatte die Antwort mit dem »Kind« verstanden, nickte und meinte, na ja, sicher war sie eine der Jüngsten im Heim, da hat man sie vielleicht nur mit Kosenamen wie Liebling angesprochen. Pa wird uns sagen, wie sie heißt. Ma streckte ihre Hände aus, um mir die Bürde abzunehmen, aber der Koffer stieß gegen den Rücken der Kleinen, worauf sie sich fester an mich klammerte und ihren Kopf an meinen Hals lehnte. Ma stieß behutsame Laute aus, so, wie wenn sie Nico beruhigen wollte, der sich mit seinen zwei Jahren noch wie ein Baby benahm, wahrscheinlich, weil er dadurch mehr Aufmerksamkeit erhielt.
»Ich wusste nicht, dass sie so klein sein würde, das ist ganz gut, wir brauchen keine neue meid, Anni kann auf die beiden Kleinen aufpassen.« Mas Augen blickten das Mädchen freundlich an. Sie sagte meid, wie wir alle, Eingeborenenfrauen nannte man eben Mädchen, das Alter spielte keine Rolle. Genau wie ein Eingeborener lebenslang ein jong, ein Junge blieb. Nur selten benutzte man in unserer Familie den Begriff kaffer, Pa zog Eingeborene, später Bantu, vor.
Noch ehe ich Ma antworten konnte, kam Pa auf uns zu. Er schien ärgerlich zu sein, sein Spitzbart stand nach vorn, ein schlechtes Zeichen. Wir folgten ihm, als er mit schnellen Schritten zum Jeep lief, den er am Straßenrand stehen gelassen hatte. Als wir den Wagen erreichten, hatte Pa bereits die Türen aufgeschlossen. Er drehte sich zu mir um, nahm mir das Kind ab und betrachtete es.
Dann hob Pa die Kleine hoch über seinen Kopf, stemmte sie gegen den Wind, ich konnte seine breiten Handgelenke mit den dichten Haaren sehen. Ein Wirbel blähte ihren kleinen Mantel auf, so dass er um ihre Schultern flatterte. Pa lächelte und sagte: »Wie niedlich sie ist! Wie ein kleiner Engel. Seht mal, sie hat sogar kleine Flügelchen!«
Ich weiß nicht, ob sie verstand, was er sagte, den freundlichen Tonfall jedenfalls hatte sie begriffen, außerdem machte es ihr Spaß, in die Luft gehoben zu werden. Ihr ernster Ausdruck verschwand, plötzlich lächelte sie über das ganze Gesicht, als sie auf Pa herabblickte.
Er schwang sie noch einmal in die Höhe, und diesmal jauchzte sie laut auf. Pa war offensichtlich zufrieden, seine Laune besserte sich sofort. Als er das Kind Ma übergab und den Koffer verstaute, sagte er: »Passt gut auf sie auf!«, und bedeutete mir, mich neben ihn zu setzen, so dass die beiden es sich hinter uns bequem machen konnten.
Im Auto erzählte er grollend, warum er als Erster weggegangen war. »Sie haben ihre Akte verschlampt! Die Papiere werden nachgeschickt. Wir können mit der Adoption beginnen, aber es wird alles erst später erledigt werden, als wir dachten.«
»Es eilt nicht«, beschwichtigte Ma. »Wir haben sie. Das ist die Hauptsache. Wie heißt sie denn nun?«
»Sara«, antwortete Pa, und ich sah, wie seine Stirn sich in Falten legte. »Ihr Nachname ist Lehmann.«
»Ein schöner biblischer Vorname«, lobte Ma und beugte sich über den kleinen Körper, der auf ihrem Schoß saß, strich über die wirren Locken und sagte: »Sara, eine Ahnin der Menschheit.« Dann fügte sie hinzu: »Sara Leroux. Hört sich gut an.«
Pa runzelte noch immer die Stirn. Eigentlich hätte ich nichts sagen dürfen, doch ich war aufgeregt und freute mich, so dass ich mich traute zu fragen: »Gefällt Pa der Name nicht?« Wir sprachen Pa nur in der dritten Person an.
Er räusperte sich. »Doch, doch, Junge! Sara. Sara Leroux! Wie Ma sagt, ein guter biblischer Name.«
Da ertönte dieselbe helle Stimme, die vorhin gesprochen hatte. »Sara … Sara Leroux.« Zögernd, halb Frage, halb Ausruf.
Pa war erfreut. »Sie ist erst vier … und schon so klug! Ich glaube, Sara Leroux wird Pa viel Freude machen.«
Das tat sie auch in den nächsten Wochen und Monaten. Ma brauchte wirklich keine neue meid anzustellen, das Mädchen, das sich um Nico kümmerte, konnte ohne Probleme auch Sara versorgen, sie war erstaunlich selbstständig und vernünftig, beobachtete viel. Die Zwillinge halfen, sie spielten mit Sara wie mit einer Puppe, zogen sie aus und an, badeten sie und brachten sie zu Bett, wenn es ihre Schlafenszeit war, lasen ihr abwechselnd jeden Abend vor. Keiner von uns wusste, was sie verstand, sie sprach zuerst nicht, nur mit mir wechselte sie ab und zu einige deutsche Sätze. Zu Dries sagte sie nichts, ließ den Kopf hängen, wenn er sie anredete, obwohl auch er Deutsch lernte und selbst er sie zierlich und nett fand.
Zu unserem Erstaunen und Frederiks Eifersucht nahm Pa Sara öfter mit, wenn er Besuche bei Parteifreunden machte, vor allem bei denen, die ebenfalls ein Waisenkind aufgenommen hatten. Dadurch erfuhren wir, dass die anderen Kinder, selbst die Erzieherin, Sara zuvor nicht gekannt hatten. Sie war in dem Wiesbadener Waisenhaus, in dem die anderen untergebracht waren, erst kurz vor der Abfahrt aufgenommen worden, aus einem anderen Heim, das aufgelöst wurde. Und da sie blond, blauäugig und ein Mädchen war, hatte man sie auf die Liste gesetzt für Herrn Dr. Leroux, der ausdrücklich ein blondes, blauäugiges Mädchen haben wollte. Es gab eben noch immer viele Heimatund Obdachlose, die vom UNHCR betreut wurden, dem Hilfswerk für Flüchtlinge der Vereinten Nationen. Ich hörte Ma von DP-Lagern sprechen, displaced persons. Menschen, die durch den langen Krieg ihre Heimat verloren hatten. So, wie viele Buren in unserem Krieg. Deswegen gab es nun viele arme Weiße in den Städten.
Der Volltreffer, den Sara landete und der Pas Herz vollständig eroberte, geschah am ersten Sonntag nach der Rückkehr in unsere Villa in Pretoria. Wir durften am Sonntag nie herumtollen, auch Ballspiele waren verboten. Pa und Ma saßen auf der stoep, woNico in seinem Stall spielte und Dries und ich unsere Hausaufgaben machten. Die Mädchen hatten es sich mit Sara auf dem Rasen bequem gemacht, sie hatten ihr eine ihrer Puppen geschenkt und nun spielten sie »Krankenhaus« zusammen. Ich sah, wie Sara ihre Adoptivschwestern beobachtete und ihnen alles nachmachte. Das tat sie immer. Als ob sie nie gespielt hatte und nun das Spielen lernen musste.
