Meines Vaters Ehre - Judith Parker - E-Book

Meines Vaters Ehre E-Book

Judith Parker

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Beschreibung

Die Idee der sympathischen, lebensklugen Denise von Schoenecker sucht ihresgleichen. Sophienlust wurde gegründet, das Kinderheim der glücklichen Waisenkinder. Denise formt mit glücklicher Hand aus Sophienlust einen fast paradiesischen Ort der Idylle, aber immer wieder wird diese Heimat schenkende Einrichtung auf eine Zerreißprobe gestellt. Diese beliebte Romanserie der großartigen Schriftstellerin Patricia Vandenberg überzeugt durch ihr klares Konzept und seine beiden Identifikationsfiguren. Die steile Falte zwischen den Brauen ihres Mannes war für Denise von Schoenecker kein gutes Omen. Zu gut konnte sie in Alexanders Miene lesen. »Mach kein so enttäuschtes Gesicht, alter Brummbär«, schmeichelte Denise und strich ihm liebevoll über die angegrauten Schläfen. Dann schmiegte sie für einen Augenblick ihre Wange an die seine. »Frau Rennert hätte mich gewiss nicht gebeten, nach Sophienlust zu kommen, wenn es nicht wirklich wichtig wäre. Sie ist ja die Rücksicht in Person. Dieser Herr Hellmann, der mich dringend sprechen möchte, scheint nach ihren Angaben große Sorgen zu haben.« »Sonderbar, dass alle immer zu dir kommen, wenn ihnen das Wasser bis zum Hals steht.« Alexander erhob sich vom Frühstückstisch und zog seine noch immer bildschöne Frau an sich. »Du solltest auch einmal an dich denken, Denise«, meinte er besorgt. »Seit Jahren opferst du dich für andere auf. Eigentlich hättest du genügend Pflichten hier auf Schoeneich. Immerhin hast du vier Kinder und …« »Alexander, du bist unbezahlbar«, fiel sie ihm lachend ins Wort. »Andrea ist verheiratet und Sascha studiert in Heidelberg. Er kommt also nur noch in den Ferien nach Hause. Nick ist bereits fünfzehn und recht selbstständig, und unser kleiner Henrik verbringt die meiste Zeit in Sophienlust.

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Veröffentlichungsjahr: 2026

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Sophienlust – 545 –Meines Vaters Ehre

Niemand darf Böses über ihn sagen

Judith Parker

Die steile Falte zwischen den Brauen ihres Mannes war für Denise von Schoenecker kein gutes Omen. Zu gut konnte sie in Alexanders Miene lesen.

»Mach kein so enttäuschtes Gesicht, alter Brummbär«, schmeichelte Denise und strich ihm liebevoll über die angegrauten Schläfen. Dann schmiegte sie für einen Augenblick ihre Wange an die seine. »Frau Rennert hätte mich gewiss nicht gebeten, nach Sophienlust zu kommen, wenn es nicht wirklich wichtig wäre. Sie ist ja die Rücksicht in Person. Dieser Herr Hellmann, der mich dringend sprechen möchte, scheint nach ihren Angaben große Sorgen zu haben.«

»Sonderbar, dass alle immer zu dir kommen, wenn ihnen das Wasser bis zum Hals steht.« Alexander erhob sich vom Frühstückstisch und zog seine noch immer bildschöne Frau an sich. »Du solltest auch einmal an dich denken, Denise«, meinte er besorgt. »Seit Jahren opferst du dich für andere auf. Eigentlich hättest du genügend Pflichten hier auf Schoeneich. Immerhin hast du vier Kinder und …«

»Alexander, du bist unbezahlbar«, fiel sie ihm lachend ins Wort. »Andrea ist verheiratet und Sascha studiert in Heidelberg. Er kommt also nur noch in den Ferien nach Hause. Nick ist bereits fünfzehn und recht selbstständig, und unser kleiner Henrik verbringt die meiste Zeit in Sophienlust. Außerdem habe ich eine gute Köchin, eine Haushälterin und …«

»Allein, dass du hier bist, macht mich schon glücklich«, unterbrach er sie amüsiert. »Andere Frauen in deinen Verhältnissen denken in erster Linie an ihre Schönheit.«

»Andere Frauen vielleicht«, gab sie zu, dabei huschte ein wehmütiger Zug über ihr ebenmäßiges Gesicht mit den dunklen Augen. »Aber ein solches Leben würde mich niemals ausfüllen. Obwohl …«, sie zögerte und gab dann offen zu: »Obwohl ich mir manchmal wünsche, weniger Verantwortung zu haben und weniger mit dem Leid anderer Menschen konfrontiert zu werden. Aber dann würde ich bestimmt schnell altern und dick werden«, fügte sie humorvoll hinzu.

»Du und alt werden.« Alexander sah sie verliebt an. »Du siehst um mindestens zehn Jahre jünger aus. Und eine Figur hast du noch wie ein junges Mädchen. Davon, dass du dick wirst, kann ebenfalls nicht die Rede sein. Also gut, dann reite ich wieder einmal allein aus. Wirst du pünktlich zum Mittagessen zurück sein, Denise?«

»Natürlich, mein Lieber.« Sie küsste ihn und sagte fröhlich: »Schon wegen Martha. Ich möchte mir auf keinen Fall ihren Zorn zuziehen. Denn auf ihrem heutigen Speiseplan steht ein Auflauf.« Denises sanfte schöne Augen richteten sich noch einmal auf ihren Mann, dann verließ sie schnell den Raum, um sich umzukleiden.

Kurz darauf holte Denise ihren Wagen aus der Garage und fuhr die Schnellstraße zwischen den beiden Gütern Schoeneich und Sophienlust entlang. Seit Tagen hatte es geregnet. Nun aber zeigten sich doch einige blaue Stellen am Himmel. Als Denise in den Gutshof von Sophienlust einfuhr, lugte sogar die Sonne zwischen den Wolken hervor.

Ein reizendes kleines Mädchen und der Bernhardinerhund Barri kamen die Stufen der Freitreppe heruntergerannt. »Tante Isi, endlich kommst du!«, rief die Kleine und begrüßte Denise zärtlich. »Ein Mann wartet schon lange auf dich.«

»Ich weiß, Heidi.« Liebevoll fuhr Denise über den lichtblonden Haarschopf des kleinen Mädchens, das nach dem tragischen Tod seiner Eltern als Dauerkind auf Sophienlust lebte.

Die Heimleiterin, Frau Rennert, trat aus dem Haus. »Endlich!«, rief

sie sichtlich erleichtert. »Der Herr scheint entsetzlich nervös zu sein. Ich habe ihm ein Frühstück servieren lassen, aber er hat nur den Kaffee getrunken und raucht eine Zigarette nach der anderen. Ich habe alles getan, um ihn abzulenken, aber er hat mir nur einsilbige Antworten gegeben. Mir scheint, dass nur Sie wieder einmal erfahren werden, was los ist.«

»Ich werde mir Mühe geben«, entgegnete Denise lächelnd. Sie löste sich von Heidi, die durchaus mitkommen wollte. »Später habe ich Zeit für dich, mein Kleines«, versprach sie.

»In letzter Zeit hockt Heidi am liebsten bei Justus in der Werkstätte«, berichtete Frau Rennert.

»Ja, Tante Ma, weil Justus doch auch meine Kaninchen, Schneeweißchen und Rosenrot, so lieb hat.« Heidi lief schon aus dem Haus, um dem ehemaligen Verwalter Justus guten Morgen zu sagen und gleichzeitig ihren beiden Kaninchen einen Morgenbesuch abzustatten.

Denise ging nun zum Biedermeierzimmer, wo sie von Peter Hellmann erwartet wurde. Bei ihrem Eintritt erhob er sich sofort und begrüßte sie fast scheu.

Für Denise war es nicht schwer zu erkennen, dass dieser schlanke dunkelhaarige Mann große Sorgen hatte. In seinen blauen Augen stand ein gehetzter Ausdruck, und die Backenknochen zeichneten sich krankhaft unter der bleichen Haut ab.

»Mein Name ist Hellmann«, stellte er sich vor.

»Ich weiß. Frau Rennert hat mir Ihren Namen schon mitgeteilt. Bitte, nehmen Sie doch wieder Platz«, bat Denise und ließ sich auf dem Biedermeiersofa nieder. »Sie wollten mich sprechen?«, fragte sie nach der plötzlich eingetretenen Stille.

»Ja, Frau von Schoenecker. Ach ja, ich vergaß Ihnen zu sagen, dass ich Buchhalter bin in der Münchener Firma Südfrüchte-Import Kugler. Ich wohne auch in München«, ergänzte er noch und zog eine Zigarettenschachtel aus der Sakkotasche. »Darf ich rauchen?«, fragte er.

Denise nickte und beobachtete, dass seine Hände so stark zitterten, dass er kaum die Zigarette anzünden konnte.

Nach einem tiefen Zug sah Peter Hellmann die hübsche schwarzhaarige Frau ihm gegenüber an. Es erging ihm wie den meisten Menschen, die mit Denise zu tun hatten. Er hatte das Gefühl, sie schon seit Langem zu kennen. Darum fiel es ihm auch nicht mehr allzu schwer, eine Frage zu stellen, die für ihn von entscheidender Bedeutung war.

»Frau von Schoenecker, nehmen Sie auch Kinder in Sophienlust auf, deren Väter straffällig geworden sind?«

»Natürlich, Herr Hellmann.« Denises Antwort kam spontan. Zugleich schoss es ihr durch den Kopf: Daher kommen also seine Schwierigkeiten. Rasch fuhr sie fort: »Sophienlust ist ein Kinderheim, das in Not geratene und einsame Kinder aufnimmt. Es ist dabei gleichgültig, aus welchen Familien die Kinder stammen. Wir tun alles, um diesen armen kleinen Geschöpfen zu helfen und dafür zu sorgen, dass sie ihr Leid und ihren Kummer vergessen.«

Denises warmherziger Blick richtete sich verstehend auf den ungefähr fünfunddreißigjährigen Mann. »Handelt es sich um das Kind eines Bekannten oder nahen Verwandten?«, fragte sie leise.

»Es handelt sich um meinen Sohn, Frau von Schoenecker.« Peter Hellmann zog seine Brieftasche heraus und reichte Denise die gut gelungene Aufnahme eines ungefähr sechsjährigen blonden Jungen mit blauen Augen. »Das ist mein Jörg. Er ist ein lieber Kerl und verdient nicht dieses Schicksal.« Peter Hellmann atmete tief ein. »Ich möchte Ihnen reinen Wein einschenken, Frau von Schoenecker. In wenigen Tagen muss ich eine einjährige Haftstrafe absitzen.« Er drückte die halbgerauchte Zigarette im Aschenbecher aus und zündete sich eine neue an.

»Das tut mir leid«, sagte Denise voller Mitgefühl.

»Aber ich bin unschuldig«, beteuerte er. »Doch Sie werden mir ebenso wenig glauben wie der Richter. Kein Mensch glaubt mir«, fügte er resignierend hinzu. »Man hat mich für etwas verurteilt, was ich nicht begangen habe. Ich soll in meiner Firma dreißigtausend Euro durch gefälschte Ausgabenbelege unterschlagen haben. Lächerlich. Hätte ich das Geld jedoch wirklich genommen, würde ich meine Verurteilung gelassen hinnehmen. Doch ich habe es nicht getan. Aber das glaubt mir keiner. Jemand hat meine Unterschrift so gut gefälscht, dass alle getäuscht wurden.« Nervös rauchte er und sprang dann abrupt auf. »Dieser Jemand scheint aber eine besondere Begabung für derartige Fälschungen zu haben.«

Denise hörte aus den Worten des erregten Mannes heraus, dass er einen bestimmten Verdacht hatte. »Haben Sie eine Ahnung, wer derjenige sein könnte, Herr Hellmann?«

Peter Hellmann nahm wieder Platz. Stumm sah er sie an.

Denise begriff, dass er nicht antworten wollte. Darum drang sie auch nicht weiter in ihn, sondern wechselte das Thema. »Erzählen Sie mir doch bitte von Ihrem Sohn«, bat sie.

Ein heller Schein fiel über das Gesicht des Mannes. Er sah nun um vieles jünger aus. »Jörg ist mein ganzer Stolz. Darum möchte ich auch alles vermeiden, was ihm Kummer bereiten könnte. Denn auch er ist sehr stolz auf mich und würde einen großen Schock erleiden, wenn er erführe, dass sein Vater im Gefängnis sitzt. Deshalb möchte ich Sie für den Fall, dass Sie Jörg im Kinderheim aufnehmen, bitten, ihm zu sagen, dass ich ein Jahr für meine Firma verreisen musste. Ich selbst sage ihm das Gleiche.«

»Aber ja, Herr Hellmann. Das ist doch selbstverständlich. Auch werde ich mit niemandem – außer mit meiner Familie – über die Angelegenheit sprechen.«

Denise nickte Peter Hellmann aufmunternd zu.

»Vielen Dank, gnädige Frau. Ist es möglich, dass ich meinen Jungen übermorgen nach Sophienlust bringe?«

»Selbstverständlich. Lebt Jörgs Mutter nicht mehr?«

»Nein, Frau von Schoenecker. Meine Frau starb vor zwei Jahren an Leukämie. Seitdem hängen Jörg und ich sehr aneinander. Ich habe mich bemüht, ihm all die Liebe zu geben, die er sonst von seiner Mutter erhalten hätte. Dass ich mich nun für so lange Zeit von meinem Jungen trennen muss, erscheint mir unerträglich. Ein guter Freund hat mir die Adresse von Sophienlust gegeben und gemeint, in diesem Kinderheim gäbe es für elternlose Kinder Liebe und Verständnis. Wenn ich Jörg hier weiß, wird für mich alles viel leichter zu ertragen sein.« Hastig wandte Peter Hellmann sich ab, weil es ihm heiß in die Augen schoss. Seit dieser entsetzlichen Geschichte war es um seine Nerven nicht mehr allzu gut bestellt. Noch immer war es für ihn unfassbar, dass man ihn für eine Tat verurteilt hatte, mit der er nicht das Geringste zu tun hatte. Zwar hegte er einen bestimmten Verdacht, doch es fehlten ihm dazu die Beweise.

Denise wartete geduldig, bis sich die starke Erregung ihres Besuchers gelegt hatte. Dann erklärte sie: »Ich glaube an Ihre Unschuld, Herr Hellmann.«

»Wirklich?« Fassungslos erwiderte er ihren gütigen Blick.

»Ja, Herr Hellmann. Haben Sie noch nicht daran gedacht, Berufung einzulegen?«

»O ja, Frau von Schoenecker, aber mein Rechtsanwalt hatte mich dahingehend informiert, dass eine Berufung ohne neues Beweismaterial wenig Aussicht auf Erfolg habe. Inzwischen ist die Berufungsfrist abgelaufen und das Urteil rechtskräftig geworden.«

Dass Frau von Schoenecker ihm glaubte, gab Peter Hellmann neuen Auftrieb. Gleich nach seiner Rückkehr nach München wollte er seinen Rechtsanwalt anrufen und ihn bitten, nichts unversucht zu lassen, um seine Unschuld zu beweisen. Ein Privatdetektiv würde vielleicht gute Dienste tun.

Wenn er sofort losfuhr, überlegte Peter Hellmann weiter, würde er am Spätnachmittag München erreichen. Deshalb erhob er sich, um sich zu verabschieden. Aber Denise hielt ihn zurück und erkundigte sich noch, ob Jörg schon zur Schule gehe.

»Nein, noch nicht. Doch im Herbst wird es so weit sein«, erwiderte er und setzte sich wieder hin, um die wichtigsten Fragen wegen Jörgs Schulbesuch noch zu erörtern

Eine gute Viertelstunde später blickte Denise dem Wagen Peter Hellmanns nach, der eben den Gutshof verließ. War es möglich, dass man Jörgs Vater unschuldig verurteilt hatte?, fragte sie sich. Vielleicht hatte er doch ... Nein, nein, das glaubte sie nicht. Bisher war ihr Instinkt stets richtig gewesen. Peter Hellmann sah nicht wie ein Verbrecher aus.

Um sich die Zeit bis zur Ankunft des einen Schulbusses, der aus Wildmoos kam und in dem Henrik sitzen würde, zu vertreiben, schlug Denise die Richtung zu der Werkstatt des alten Justus ein. Sie wusste, Heidi würde bestimmt bei dem alten Mann sein.

Justus gehörte ebenso wie die Köchin Magda und das Hausmädchen Lena zu der alten Garde, die noch der alten Sophie von Wellentin gedient hatte. Diese drei Angestellten waren für die Kinder höchst interessant, weil sie immer wieder von der »guten alten Zeit«, erzählten, die nach wie vor von einer nie wiederkehrenden Romantik durchwoben war.

Während Magda und Lena noch immer fleißig ihren Pflichten nachgingen, verbrachte Justus bereits einen geruhsamen Lebensabend in Sophienlust. Allerdings machte er sich überall nützlich und wurde von allen verehrt. Für die Kinder war er ein guter Freund, zu dem sie mit all ihren kleinen Sorgen kamen.

Denise fand den alten Mann mit Heidi zusammen auf der Bank vor der Werkstatt. Das kleine Mädchen fütterte seine beiden Kaninchen mit Löwenzahnblättern.

Justus erhob sich sofort, als er Denise erblickte. Heidi aber lief der lieben Tante Isi entgegen und fasste sie selig bei der Hand. »Fein, dass du kommst. Justus hat mir gerade das Märchen von der verwunschenen Prinzessin erzählt. Früher war Sophienlust einmal ein altes Schloss, in dem ein böser König wohnte, der …«

Lächelnd hörte Denise dem Kind zu und blinzelte Justus dabei mehrmals an. Sie kannte die Fantasie des alten Mannes, der zur Freude der Kleinen immer wieder neue Märchen erfand.

Barri hatte in der Sonne gelegen. Träge erhob er sich nun zu seiner ganzen Größe und wedelte freundlich mit seiner buschigen Rute. Dann kam er angetrottet.

»Sie sollten die Märchen aufschreiben«, schlug Denise Justus vor. »Ich bin überzeugt, Sie fänden Abnehmer«, scherzte sie.

»Das hat die gute Magda auch schon gesagt, aber ich erzähle die Märchen lieber«, erklärte Justus ver-gnügt.

Eine halbe Stunde später kamen die beiden Schulbusse kurz hintereinander in Sophienlust an. Nick, der sogleich den Wagen seiner Mutter erspäht hatte, suchte nach ihr. Er wusste genau, meist war irgendetwas los, wenn seine Mutter am Vormittag nach Sophienlust kam.

Als er sie fand, begrüßte er sie vol-ler Freude und fragte: »Ist etwas los, Mutti?«

»Was soll denn los sein, Nick?« Denise lachte ihn an. »Ach ja, übermorgen bekommen wir einen Jungen. Er ist sechs Jahre alt und wird voraussichtlich ein Jahr bei uns bleiben.«

»Sechs Jahre!«, rief Henrik, der aufmerksam zugehört hatte. »Dann ist er ja fast im gleichen Alter wie ich. Wie sieht er aus?«

»Er ist blond und hat blaue Augen. Ich habe nur sein Bild gesehen. Henrik, bitte beeil dich. Ich nehme dich mit nach Schoeneich. Nick, wie ich dich kenne, bleibst du zum Mittagessen hier?«

»Nein, Mutti, heute fahre ich mal nach Schoeneich. Du musst mir noch mehr von dem neuen Jungen erzählen. Wie heißt er? Wo kommt er her? Wo …«

»Erst einmal Ruhe«, entgegnete Denise lachend. »Ich werde deine Fragen auf dem Weg nach Schoeneich nach bestem Wissen beantworten«, scherzte sie.

Bevor Denise mit ihren beiden Söhnen Sophienlust verließ, wurde sie noch von den Kindern begrüßt. Nur Udo Sommer, ein achtjähriger verschlossener Junge, der erst seit Kurzem in Sophienlust lebte, schien ihr aus dem Weg zu gehen. Im Augenblick war er das Sorgenkind von Sophienlust

»Willst du mir denn nicht guten Tag sagen?«, fragte Denise freundlich.

»Guten Tag«, brummte der Junge. Dabei funkelten seine dunklen Augen trotzig.

»Wie ist es dir in der Schule ergangen?«, wollte Denise noch wissen.

»Ich mag die Schule nicht«, bekam sie zur Antwort. Noch einmal blitzte sie der Junge aufsässig an, dann lief er davon.

Frau Rennert, die das kleine Intermezzo beobachtet hatte, meinte: »Udo ist ein besonders schwieriges Kind, Frau von Schoenecker. Selbst Schwester Regine, die sonst mit allen Kindern spielend leicht fertig wird, hat Schwierigkeiten mit ihm.«

»Wir müssen Geduld mit dem Jungen haben. Wir kennen ja seine Geschichte. Es ist die Geschichte vieler Kinder, die unehelich geboren sind. Zudem hat sich seine Mutter nie um ihn gekümmert. Seine ganze Liebe galt deshalb der Großmutter, bei der Udo aufwuchs. Doch diese hat, wie bei Großmüttern meist üblich, den Jungen verhätschelt und ihm alles durchgehen lassen. Ihr plötzlicher Tod vor wenigen Wochen hat Udo aus seiner Bahn geworfen. Im Grunde ist er ein einsames, unglückliches Kind, das viel Liebe braucht.«

»Dasselbe sagen wir uns ja auch. Trotzdem ist sein Einfluss nicht gut. Er hetzt die Kinder auf. Zumindest versucht er es.«

»Er will sich dadurch nur in den Mittelpunkt spielen, Frau Rennert. Vielleicht wäre es gut, wenn wir ihm einen Schlafgenossen geben würden. Ja, wir werden Jörg Hellmann und ihn zusammen in einem Zimmer unterbringen. Vielleicht wird das Udo helfen.«

»Gut, Frau von Schoenecker.« Ganz einverstanden war Frau Rennert zwar nicht damit, aber aus jahrelanger Erfahrung wusste sie, dass Frau von Schoenecker mit derartigen Experimenten meist Erfolg und auch Glück hatte.

Denise freute sich, dass Nick und Henrik mit ihr zusammen nach Schoeneich fuhren. Nick war in letzter Zeit recht selten daheim. Immer wieder gab es für ihn einen besonderen Anlass, die Tage und auch sehr oft die Nächte in Sophienlust zu verbringen. Dadurch war es, seitdem Andrea den Tierarzt Hans-Joachim von Lehn geheiratet hatte und Sascha in Heidelberg studierte, sehr still geworden in Schoeneich. Das schien auch ihr Jüngster zu finden, der ebenfalls jede Gelegenheit wahrnahm, in Sophienlust zu bleiben. Alexander von

Schoenecker wartete bereits ungeduldig auf seine Familie. Als er das Auto seiner Frau erblickte, atmete er auf. Die gute Marie, die früher Henriks Kinderfrau gewesen war und nun einen Teil der Haushaltsführung übernommen hatte, eilte auf seinen Wink in die Küche, um Martha, der Köchin, Bescheid zu sagen, die wiederum rief: »Gott sei Dank! Viel länger hätte ich nicht mehr warten können. Dann wäre der Auflauf in sich zusammengefallen.«

Die Jungen liefen sofort nach oben, um sich die Hände zu waschen, sodass Denise ihrem Mann schnell das Wichtigste erzählen konnte. »Und ich bin fest überzeugt, dass Herr Hellmann unschuldig ist«, fügte sie lebhaft hinzu.

»Wirklich?« Skeptisch schaute Alexander seine Frau an. »Man verurteilt doch nicht einen Menschen zu einem Jahr Gefängnis, wenn man ihm die Schuld nicht nachweisen kann. Schließlich gibt es Experten, die mit Sicherheit feststellen können, von wem eine Handschrift stammt.«

»Ist es denn nicht möglich, dass sich ein Graphologe auch einmal irrt?« Denises kunstvoll aufgerichtetes Kartenhaus um Peter Hellmanns Unschuld schien plötzlich zusammenzufallen.

»Ich glaube kaum. Aber was solls! Unschuldig oder schuldig, das Kind kann nichts dafür.«

»Ja, Alexander. Der kleine Jörg soll auf keinen Fall mit diesen Dingen belastet werden.«

»Mit was für Dingen?«, fragte Nick, der die letzten Worte noch mitbekommen hatte. Unbemerkt von seinen Eltern war er die Treppe heruntergekommen.

»Nick, gib dir keine Mühe«, erwiderte seine Mutter. »Ich darf dir diesmal wirklich nichts erzählen. Ich habe mein Wort gegeben.«

»Ach so.« Nick schien sich mit ihrer Antwort zufriedenzugeben. Aber der Schein trog. Immer dann, wenn er ein Geheimnis witterte, kam die jungenhafte Art seiner Neugierde zum Durchbruch. Auch diesmal war er sicher, dass den neuen kleinen Jungen Jörg Hellmann ein Geheimnis umgab. Aber er hielt es im Moment für klüger, sich das nicht anmerken zu lassen.