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Alexandre Dumas' 'Memoiren eines Arztes: Roman-Zyklus' ist ein epischer Romanzyklus, der die aufregende Geschichte des französischen Revolutionärs Joseph Balsamo erzählt. Dumas' meisterhafter literarischer Stil zeichnet sich durch eine Kombination von historischer Genauigkeit und fesselndem Erzähltalent aus. Die detaillierte Darstellung von Balsamos Leben im 18. Jahrhundert und die politischen Intrigen der Zeit machen dieses Werk zu einem wichtigen historischen Roman. Die Charakterentwicklung und die komplexe Handlung tragen dazu bei, dass dieser Romanzyklus sowohl als literarisch anspruchsvoll als auch als fesselnde Unterhaltung angesehen wird. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine umfassende Einführung skizziert die verbindenden Merkmale, Themen oder stilistischen Entwicklungen dieser ausgewählten Werke. - Die Autorenbiografie hebt persönliche Meilensteine und literarische Einflüsse hervor, die das gesamte Schaffen prägen. - Ein Abschnitt zum historischen Kontext verortet die Werke in ihrer Epoche – soziale Strömungen, kulturelle Trends und Schlüsselerlebnisse, die ihrer Entstehung zugrunde liegen. - Eine knappe Synopsis (Auswahl) gibt einen zugänglichen Überblick über die enthaltenen Texte und hilft dabei, Handlungsverläufe und Hauptideen zu erfassen, ohne wichtige Wendepunkte zu verraten. - Eine vereinheitlichende Analyse untersucht wiederkehrende Motive und charakteristische Stilmittel in der Sammlung, verbindet die Erzählungen miteinander und beleuchtet zugleich die individuellen Stärken der einzelnen Werke. - Reflexionsfragen regen zu einer tieferen Auseinandersetzung mit der übergreifenden Botschaft des Autors an und laden dazu ein, Bezüge zwischen den verschiedenen Texten herzustellen sowie sie in einen modernen Kontext zu setzen. - Abschließend fassen unsere handverlesenen unvergesslichen Zitate zentrale Aussagen und Wendepunkte zusammen und verdeutlichen so die Kernthemen der gesamten Sammlung.
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Seitenzahl: 4141
Veröffentlichungsjahr: 2017
Diese Werksammlung vereint unter dem Titel „Memoiren eines Arztes: Roman-Zyklus“ die vier großen historischen Romane Alexandre Dumas’, die zu seinen weitgespannten Erkundungen der letzten Jahre des Ancien Régime und der Umbruchszeit gehören: Joseph Balsamo, Das Halsband der Königin, Ange Pitou und Die Gräfin Charny. Ihr gemeinsamer Abdruck folgt dem Ziel, die erzählerische Kontinuität des Zyklus sichtbar zu machen und dem Lesepublikum ein geschlossenes Panorama zu eröffnen. Die Zusammenstellung richtet den Blick auf die innere Verknüpfung der Bände und stellt die Einheit eines literarischen Projekts heraus, das in Umfang, Figurenfülle und geschichtlicher Ambition exemplarisch für Dumas’ Kunst steht.
Der Zyklus entfaltet sich über mehrere Milieus und Schauplätze, vom Hof bis zu den Gassen, von der Provinz bis zur Hauptstadt, und zeichnet die Verdichtung politischer und gesellschaftlicher Spannungen nach. Die vier Romane bilden zusammen einen Bogen, der die langsame Erosion alter Ordnungen und die Beschleunigung der Ereignisse spürbar macht. Diese Ausgabe präsentiert die Romane vollständig und in der Abfolge, die dem inneren Ablauf des Erzählkosmos entspricht. So entsteht ein narrativer Zusammenhang, in dem Motive, Figurenkonstellationen und Schauplätze wiederkehren, aufeinander antworten und sich von Buch zu Buch zu einem vielstimmigen Gesamtbild fügen.
Im Mittelpunkt dieser Zusammenstellung stehen Romane – keine Traktate, keine Briefe, keine Gedichte –, doch sind es Romane, die in ihrer Form Vielfalt zeigen. Dumas verschränkt den historischen Roman mit Elementen des Abenteuer- und Gesellschaftsromans, verbindet Intrige und psychologische Studie und lässt politische Beobachtung neben Szenen lebendiger Alltagsdarstellung stehen. Die Texte sind geprägt von dramatischer Zuspitzung und episodischer Gliederung, wie sie dem ursprünglichen Fortsetzungscharakter entspricht. So treffen wir ein Erzählen, das packt und unterhält, zugleich aber historische Konstellationen ausleuchtet, ohne den dokumentarischen Anspruch über den poetischen Rang zu stellen.
Thematisch sind die Bände durch das Interesse an Macht und Öffentlichkeit verbunden: Wer verfügt über Einfluss, in welchen Medien bildet sich Meinung, und wie werden Gerüchte zu Tatsachen? Dumas zeigt die zerbrechlichen Mechanismen von Prestige und Legitimation, die Wirksamkeit von Rhetorik und Inszenierung, aber auch die Grenzbereiche zwischen sichtbarer Politik und verborgenen Kräften. Der titelgebende ärztliche Blick des Zyklus fungiert als Metapher: So wie ein Arzt Symptome liest, tastet das Erzählen an die Oberfläche der Gesellschaft, prüft Zeichen, diagnostiziert Tendenzen. Körper, Stadt und Staat erscheinen als Organismen, deren Gleichgewicht aus der Fassung geraten kann.
Mit Joseph Balsamo betritt eine rätselhafte Figur die Bühne, in der sich Faszination für Wissenschaft, Empirie und Experiment mit der Anziehungskraft des Unausgesprochenen verschränkt. Dumas nutzt diese Figur, um das Verhältnis von Vernunft und Aberglauben, Aufklärung und Geheimnis zu variieren. Der Roman macht erfahrbar, wie Sehnsucht nach Erklärung und Bedürfnis nach Wunder sich zugleich ausschließen und gegenseitig nähren. Im Hintergrund steht die beginnende Erosion vertrauter Gewissheiten: das zunehmende Misstrauen gegenüber absoluter Autorität, die Ökonomien von Einfluss und Information sowie die Macht der persönlichen Ausstrahlung in einer verunsicherten Öffentlichkeit.
Das Halsband der Königin rückt ein Ereignis ins Zentrum, das exemplarisch ist für die Verschränkung von Bild, Ruf und politischer Brisanz. Dumas’ Darstellung zeigt, wie eine Gesellschaft, die von Etikette, Hierarchie und symbolischen Gütern lebt, an denselben Zeichen zu scheitern droht, die sie stabilisieren sollen. Die erzählerische Kraft entfaltet sich in Salons, Kanzleien und Höfen, wo Blicke, Briefe und Botenläufe fast so viel Gewicht haben wie Entscheidungen. Der Roman macht sinnfällig, wie leicht Reputation verwundet wird, wenn Netzwerke, Interessen und Zufälle einander verstärken, ohne die Folgen für Personen und Institutionen endgültig vorwegzunehmen.
Ange Pitou verschiebt die Perspektive, indem es Stimmen und Schauplätze jenseits der höfischen Sphäre in den Vordergrund rückt. Dorf, Markt, Wirtshaus und Straße werden zu Bühnen, auf denen sich Erwartungen, Ängste und Hoffnungen sammeln. Dumas erzählt von Alltagspraktiken, von neuem politischen Vokabular und von der Lust am Versammeln, Singen und Debattieren. Dadurch wird das Verhältnis von Zentrum und Peripherie neu vermessen: Was in der Hauptstadt formuliert wird, schlägt Wellen bis in abgelegene Winkel, und aus lokalen Erfahrungen entsteht eine Dynamik, die das große Ganze in Bewegung versetzt.
Die Gräfin Charny führt diese Fäden weiter und verschränkt private Schicksale mit den großen Kurven der Geschichte. Der Roman macht nachvollziehbar, wie intime Bindungen und öffentliche Rollen einander bedingen, wie Loyalität in Konflikte gerät und wie Entscheidungen in einem Klima wachsender Unsicherheit getroffen werden. Dumas hält die Waage zwischen Nähe und Distanz: Die Figuren sind greifbar, ohne dass ihre Wege vorgezeichnet erscheinen. Im Zusammenspiel der vier Bände entsteht so ein Porträt einer Epoche, das die Ambivalenzen der Zeit ehrt und die Handlungskräfte auf vielen Ebenen sichtbar macht.
Stilistisch arbeitet Dumas mit hohem Tempo, klaren Szenenschnitten und einer Vorliebe für pointierte Dialoge. Er organisiert seine Romane in starken Bildern: Feste und Versammlungen, nächtliche Wege, Begegnungen an Türen und Schwellen. Viele Kapitel enden mit Zuspitzungen, die aus der seriellen Veröffentlichung resultieren und heute als kunstvolle Spannungsbögen lesbar sind. Dieses Verfahren schärft die Aufmerksamkeit für Kausalität und Zufall zugleich: Kleine Versäumnisse haben große Wirkungen, Nebensätze werden zu Weichenstellungen. So verbindet sich erzählerische Ökonomie mit üppiger Anschaulichkeit.
Die Sprache des Zyklus ist einladend und bildkräftig, ohne auf intellektuelle Reflexion zu verzichten. Ironie mildert Pathos, Pathos adelt Ironie: Diese bewegliche Tonlage ermöglicht es, rasch zwischen Komik und Ernst zu wechseln. Dumas vertraut auf die Kraft der Szene und auf die Energie von Figuren, die in ihren Überzeugungen ernst genommen werden. Moralische Eindeutigkeiten meidet er, ohne Gewalttaten oder Unrecht zu relativieren. Dadurch bleibt der Blick beweglich: Die Romane fragen nach Motiven, Umständen und Zwängen, statt vorschnelle Urteile zu fällen.
In ihrer Entstehungszeit erreichten diese Romane ein breites Publikum, nicht zuletzt dank der Publikationsformen des 19. Jahrhunderts, die das fortlaufende Lesen förderten. Bis heute sind sie in zahlreichen Ausgaben und Übersetzungen zugänglich und tragen dazu bei, Bilder der Epoche lebendig zu halten. Ihre anhaltende Bedeutung liegt in der Verbindung von Geschichtsinteresse und erzählerischer Verve: Dumas macht komplexe Zusammenhänge erfahrbar, ohne den Leserinnen und Lesern die Last trockener Gelehrsamkeit aufzubürden. Gleichzeitig hat der Zyklus Maßstäbe dafür gesetzt, wie populäre Literatur historische Themen ernsthaft verhandeln kann.
Diese Ausgabe folgt der inneren Ordnung des Roman-Zyklus und erlaubt sowohl die fortlaufende Lektüre als auch das Eintauchen in einzelne Bände. Wer nacheinander liest, erkennt die langfristigen Spiegelungen und Wiederaufnahmen; wer selektiv vorgeht, findet in jedem Roman eine abgeschlossene Form mit eigenen Akzenten. In beiden Fällen gilt: Die Texte laden dazu ein, Bewegungen und Begriffe, Bilder und Rituale aufmerksam zu verfolgen. Das entschiedene Wechselspiel von Privatem und Öffentlichem, von Bühne und Hinterzimmer, von Zufall und Planung bleibt der Schlüssel zum Verständnis dieses vielschichtigen Erzählentwurfs.
Alexandre Dumas (1802–1870) zählt zu den prägenden Stimmen der französischen Literatur des 19. Jahrhunderts. Er verband historische Recherche mit dramatischer Erzählkunst und erreichte ein Massenpublikum durch die damals populäre Fortsetzungsform. Seine Romane über die Umbruchszeit der Französischen Revolution zeigen, wie politische Ereignisse individuelle Schicksale formen. In seiner Schreibwerkstatt verband er Tempo, Dialogkraft und klare Figurenführung, wodurch ein mitreißender, bis heute wirksamer Ton entstand. Als chronistischer Erzähler mit Sinn für Bühne und Spektakel entwarf er breit angelegte Zyklen, in denen Geschichte anschaulich wird, ohne auf Lesbarkeit zu verzichten. Damit prägte er Genregrenzen und Erwartungen einer neuen Leserschaft nachhaltig.
Seine Ausbildung verlief nicht über eine formale literarische Schule; er erwarb vieles autodidaktisch und arbeitete früh in Paris, wo Theater und Presse seine Ambitionen schärften. Dumas’ Poetik steht im Dialog mit der europäischen Romantik, deren Sinn für starke Gefühle, historische Kulissen und moralische Konflikte er produktiv aufnahm. Die historische Romantradition, insbesondere Walter Scott, lieferte ihm Strukturmodelle für weit gespannte Erzählungen. Zugleich prägte ihn das Bühnehandwerk: Szenische Verdichtung, rascher Wechsel der Schauplätze und dialogische Zuspitzung geben seinen Kapiteln eine dramatische Signatur. Diese Einflüsse verband er mit dem Anspruch, Geschichte verständlich und unterhaltsam aufzubereiten.
Ein Meilenstein seiner erzählerischen Entwicklung ist der Revolutionszyklus, der in fortlaufender Folge erschien und historische Momente mit fiktiven Lebenswegen verknüpft. Den Auftakt bildet Joseph Balsamo, angesiedelt im späten Ancien Régime. Der Roman beleuchtet die Vorzeichen gesellschaftlicher Erschütterung und verwebt höfische Intrigen mit dunklen Bündnissen und populären Gerüchten. Stilistisch arbeitet Dumas mit Cliffhangern, klaren Szenenachsen und anschaulicher Alltagsdetailierung. In diesen Techniken zeigt sich die Serialität als Motor der Spannung, aber auch als Mittel, komplexe Hintergründe schrittweise zu entfalten. Das Publikum reagierte auf diese Mischung aus Historie und Drama mit nachhaltiger Aufmerksamkeit und anhaltendem Interesse.
Das Halsband der Königin führt die Handlung in die berüchtigte Affäre um ein Diamanthalsband, die das Ansehen der Monarchie erschütterte. Dumas nutzt den Fall, um Mechanismen von Ruf, Öffentlichkeit und Manipulation zu untersuchen, ohne den erzählerischen Fluss zu unterbrechen. Dokumentierte Ereignisse werden mit fiktionalen Perspektiven verschränkt, wodurch das politische Klima fühlbar wird. Die Recherche tritt dabei hinter die Szenenwirkung zurück: Dialoge, Auftritte und Abgänge rhythmisieren das Geschehen. Diese Balance aus Faktischem und dramatischer Zuspitzung machte den Roman auch jenseits tagespolitischer Kontexte zugänglich und zeigte, wie Geschichtsstoffe durch narrative Mittel neue Relevanz gewinnen.
Ange Pitou erweitert den Blick von der höfischen Sphäre auf die städtischen und ländlichen Milieus, in denen der revolutionäre Impuls Gestalt annimmt. Der Roman zeigt, wie Volksstimmung, Gerüchte, Mobilisierung und lokale Netzwerke Ereignisse beschleunigen. Dumas nutzt eine bodennahe Figur, um die Dynamik zwischen Alltag und politischem Umbruch erfahrbar zu machen, und steigert die Spannung durch dichte Folge von Episoden. In der Werkentstehung ist die enge Zusammenarbeit mit Auguste Maquet dokumentiert; sie strukturierte Handlung und Chronologie, während Dumas den Ton und die dramatische Wirkung prägte. So entsteht eine erzählerische Architektur, die Bewegung und Übersicht in Balance hält.
Die Gräfin Charny führt den Zyklus zu einem groß angelegten Panorama der Revolutionsjahre. Der Fokus wechselt zwischen politischer Bühne und privaten Räumen, wodurch die Spannweite der Konflikte sichtbar wird. Dumas intensiviert das Wechselspiel von Loyalität, Schuld und Verantwortung und nutzt die Möglichkeiten der Fortsetzung, um Entwicklungen aufeinander aufzubauen. Wieder erweist sich seine Fähigkeit, Figuren über lange Bögen hinweg konsistent zu führen, als Träger der historischen Darstellung. Der Roman bündelt Motive der vorausgehenden Teile und schafft eine erzählerische Klammer, die den Umbruch nicht abschließt, sondern in seiner Vieldeutigkeit erfahrbar macht, ohne auf gegenwärtige Lesarten festgelegt zu sein.
Spätere Jahre brachten wechselnde Projekte, Reisen und anhaltende Produktivität; bis zu seinem Tod 1870 blieb Dumas ein eminent präsenter Autor im literarischen Betrieb. Der Revolutionszyklus, zu dem Joseph Balsamo, Das Halsband der Königin, Ange Pitou und Die Gräfin Charny zählen, wird weiter gelesen, weil er historische Zusammenhänge erzählerisch öffnet und zugleich Spannung bewahrt. Übersetzungen und zahlreiche Adaptionen trugen zur internationalen Verbreitung bei. Sein Vermächtnis liegt in der Verbindung von historischer Anschaulichkeit, serieller Technik und bühnenhafter Wirkung. Damit beeinflusste er Formen populärer Erzählung dauerhaft und bleibt als Mittler zwischen Geschichte und Unterhaltung präsent.
Alexandre Dumas verfasste den Roman-Zyklus „Memoiren eines Arztes“ zwischen Mitte der 1840er und Mitte der 1850er Jahre, also in einer Zeit politischer Spannungen in Frankreich: späte Julimonarchie, Revolution von 1848 und frühe Phase des Zweiten Kaiserreichs. Der Zyklus verhandelt vor allem die Jahrzehnte vor und während der Französischen Revolution, von den letzten Jahren Ludwigs XV. über die Herrschaft Ludwigs XVI. bis zur Radikalisierung der 1790er. Diese doppelte Perspektive – Autor des 19. Jahrhunderts auf das 18. – verknüpft zeitgenössische Debatten über Legitimität, Gewalt und Bürgerschaft mit historischen Umbrüchen, die er literarisch verdichtet und zugänglich macht.
Der Hintergrund der späten Regierungszeit Ludwigs XV. und des Regierungsantritts Ludwigs XVI. ist geprägt von institutionellen Konflikten. Die Auseinandersetzung zwischen Krone und Parlements kulminierte in den Reformen des Kanzlers Maupeou (1771), der die Parlements auflöste, und in deren Rücknahme nach 1774. Das Hin und Her beschädigte den Eindruck königlicher Autorität. Juristische Körperschaften, die sich als Verteidiger „alter Freiheiten“ inszenierten, blockierten Steuer- und Justizreformen. Diese Konstellation bildet einen wichtigen Nährboden der Krise, aus der die Revolution entstehen sollte – eine Spannung, auf die der Zyklus immer wieder mit Blick auf Recht, Macht und öffentliche Legitimation reagiert.
Die fiskalische Not des Ancien Régime entsprang langfristigen Kriegen und strukturellen Defiziten. Der Siebenjährige Krieg (1756–1763) schwächte Finanzen und Prestige; die Unterstützung der amerikanischen Unabhängigkeit (ab 1778) vergrößerte die Schuldenlast. Reformversuche unter Turgot, Necker und Calonne zielten auf Ausgabenreduktion, Steuerumlagen und Wirtschaftsbelebung. Die Einberufung der Notablenversammlung 1787 scheiterte am Widerstand privilegierter Körperschaften. Nach weiteren Krisen führte die Sackgasse zur Einberufung der Generalstände 1789. Der Zyklus greift diese Verwerfungen auf, indem er die Erosion königlicher Handlungsfähigkeit und die Erwartungshaltung breiterer Schichten in den Mittelpunkt öffentlicher Auseinandersetzungen rückt.
Die Aufklärung lieferte intellektuelle Werkzeuge zur Kritik von Autorität, Aberglauben und ungleicher Ordnung. Salons und Lesezirkel verbreiteten Ideen von Voltaire, Diderot und Rousseau. Die Encyclopédie schuf ein Symbol für systematisches Wissen; Diskussionen über Souveränität, Naturrecht und bürgerliche Tugend prägten den Diskurs. Rousseaus Gesellschaftsvertrag und seine Erziehungsvorstellungen beeinflussten eine Generation, die Gerechtigkeit und Partizipation forderte. Dumas’ Zyklus reflektiert diese Konstellation, indem er wiederkehrend Vernunft, Gewissen und soziale Reformadressaten in Szene setzt – im Bewusstsein, dass philosophische Programme im Kontakt mit Hof, Kirche und Volk ihre Form verändern.
Die Entstehung einer kritischen Öffentlichkeit beruhte auf Pamphleten, Zeitungen, Theater und Skandalen. Paris erlebte eine Explosion an Flugschriften, oft satirisch und polemisch. Beaumarchais’ „Figaro“ (1784) wurde zum kulturellen Ereignis, das Debatten über Standesprivilegien befeuerte. Der Markt der „libelles“ beschädigte die Aura der Monarchie, indem er intime und politisierte Erzählungen verbreitete. Diese Medienumwelt, die Erwartungen schürte und Empörung aggregierte, bildet einen zentralen Resonanzraum des Zyklus. Dumas schreibt für ein Publikum, das gelernt hat, politische Ereignisse als dramatische Folgen öffentlicher Kommunikation und symbolischer Niederlagen zu lesen.
Im späten 18. Jahrhundert faszinierten geheime Gesellschaften, esoterische Praktiken und Wissenschaftsdebatten die europäischen Eliten. Freimaurerei verbreitete sich in französischen Städten und Provinzen; Logen wurden Orte sozialer Vernetzung. Zugleich entbrannten Kontroversen um „tierischen Magnetismus“: 1784 untersuchten Kommissionen in Paris unter Beteiligung Benjamin Franklins und Antoine Lavoisiers die Phänomene und wiesen übernatürliche Erklärungen zurück. Der Zyklus verknüpft diese historisch belegte Faszination mit literarischen Motiven von Einfluss, Verführung und Erkenntnis. „Joseph Balsamo“ nimmt dabei eine Figur auf, die zeitgenössische Gerüchte um Okkultismus und Heilkünste bündelt, ohne die historische Vieldeutigkeit aufzulösen.
Das „Halsband der Königin“ verweist auf eine reale Affäre (1785–1786), in der ein kostbares Schmuckstück, der Kardinal de Rohan und Jeanne de La Motte eine zentrale Rolle spielten. Der Prozess endete mit der Freisprechung Rohans durch das Parlement von Paris, während La Motte verurteilt wurde. Obwohl die Königin nicht angeklagt war, schädigte die Affäre in der Öffentlichkeit ihr Ansehen und nährte Vorstellungen moralischer Korruption am Hof. Dumas verarbeitet dieses Ereignis als Spiegel eines Systems, in dem Intrigen, symbolische Politik und mediale Skandale die Legitimität monarchischer Repräsentation aushöhlen konnten.
Sozioökonomische Spannungen verschärften die Lage unmittelbar vor 1789. Missernten 1788, ein harter Winter und steigende Brotpreise provozierten Unruhen. In den „Cahiers de doléances“ formulierten Untertanen Beschwerdepunkte gegen Lasten, Abgaben und Privilegien. Ländliche Gemeinden klagten über Grundherrschaft und Zehnt; in Städten wuchsen Erwartungen an Preiskontrollen und Arbeit. Der Zyklus spiegelt diese breite soziale Mobilisierung, indem er nicht nur Hof und Hochpolitik, sondern auch Kommunikationskanäle zwischen Markt, Gemeinde und Hauptstadt in den Blick nimmt – Wege, auf denen Forderungen, Ängste und Gerüchte rasch zirkulierten.
Das politische Jahr 1789 markiert eine neue Souveränitätsordnung. Aus dem Dritten Stand ging die Nationalversammlung hervor; der Ballhausschwur symbolisierte den Anspruch auf Verfassung. Der Sturm auf die Bastille wurde zum Gründungsmythos. In der Nacht vom 4. August schaffte die Nationalversammlung feudale Vorrechte ab; die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte definierte universelle Prinzipien. Der Zyklus ordnet diese Etappen in eine Dramaturgie, die rechtliche Innovation und soziale Bewegung zusammenführt, und betont, wie rasch sich normative Horizonte – Freiheit, Gleichheit, Öffentlichkeit – in provisorische Institutionen und Praktiken übersetzten.
Die Oktoberereignisse 1789 verlagerten das Machtzentrum nach Paris: Die königliche Familie zog in die Tuilerien, die Nationalgarde gewann an Bedeutung. Politische Klubs – etwa die Jakobiner, aus dem Bretonischen Klub hervorgegangen, oder die Cordeliers – verstärkten die Artikulation von Forderungen und die Mobilisierung von Stadtvierteln. Der Zyklus nutzt diese urbane Topographie, um zu zeigen, wie Politik zu einer Angelegenheit von Vereinen, Zeitungen, Plätzen und Märschen wurde. Die symbolische Nähe von Hof und Volk in der Hauptstadt ließ Vermittlungskrisen sichtbar werden, die später über die Stabilität der konstitutionellen Ordnung entschieden.
Die Konstitution von 1791 schuf Departements, erneuerte Justiz und zentralisierte Verwaltung. Zugleich spaltete die Zivilverfassung des Klerus (1790) Gemeinden, da Priester den Eid teils verweigerten. Die Flucht nach Varennes (Juni 1791) beschädigte das Vertrauen in die monarchische Kooperation mit der Revolution. Diese Verdichtung von Rechtsreform, Religionskonflikt und Dynastiekrise bildet einen historischen Hintergrund, den der Zyklus in Figurenkonstellationen spiegelt: Loyalität, Gewissen und Staatsbürgerpflicht geraten in Kollision. Die Aufmerksamkeit für rechtliche und moralische Ambivalenzen entspricht dem 19. Jahrhundert, das die Revolution auch als Schule des politischen Gewissens las.
Mit dem Kriegsbeginn 1792 radikalisierte sich die Revolution. Der Konflikt mit europäischen Monarchien, das Braunschweiger Manifest und die Bedrohungslage in Paris mündeten in den Aufstand vom 10. August und in die Ausrufung der Republik. Die Septembermassaker 1792 wurden Teil des Gedächtnisses einer eskalierenden Gewaltspirale. 1793 verurteilte die Nationalkonvention den König. Der Zyklus rahmt diese Ereignisse als Spannungsfeld zwischen äußerer Gefahr und innerer Loyalität, in dem Rechtsstaat, Volkswillen und Exekutive neu austariert wurden – eine Perspektive, die spätere politische Generationen in Frankreich immer wieder beschäftigte.
Die Jahre 1793–1794 standen unter dem Zeichen außerordentlicher Maßnahmen. Der Wohlfahrtsausschuss koordinierte Krieg und innere Sicherheit; das Gesetz über die Verdächtigen erleichterte Verhaftungen. Revolutionstribunale urteilten in kurzer Frist; die Guillotine wurde zum Symbol. Gleichzeitig entfalteten sich republikanische Feste und Bildungsinitiativen, Debatten über Tugend und Terror. Der Sturz Robespierres im Thermidor (Juli 1794) beendete die Hochphase. Der Zyklus nimmt diese Kontraste auf: die Gleichzeitigkeit von Angst, Mobilisierung und moralischem Pathos – und die Frage, ob Gewalt in Krisen zur Erhaltung der politischen Ordnung oder zu deren Selbstzerstörung beiträgt.
Ein wiederkehrendes kulturhistorisches Motiv ist der Skandal als Katalysator politischer Meinungsbildung. Das „Halsband der Königin“ demonstrierte, wie juristische Entscheidungen und öffentliche Wahrnehmung auseinanderfallen konnten. Solche Affären bildeten Brücken zwischen Hof, Justiz und Straße. Sie wurden in Kaffeehäusern, Salons und über Druckerzeugnisse diskutiert. Der Zyklus nutzt diese Brücken als dramaturgische Träger: Die Affäre, der Prozess, die gedruckte Kommentierung – daraus entsteht ein Mechanismus, der Vertrauen in Institutionen prüft und untergräbt. Historisch ist dies als Vorstufe jener „öffentlichen Meinung“ relevant, die 1789 politisch wirksam wurde.
Die Form „Memoiren“ verweist auf eine 18.- und 19.-jährige Tradition der Zeugenschaft. Adelige, Beamte, Bedienstete und Revolutionäre hinterließen Berichte, die Erinnerung politisch aufluden. Im 19. Jahrhundert prägten Historiker wie Thiers und Michelet ein kraftvolles Narrativ der Revolution, das Gefühle, Symbole und Volksbewegungen betonte. Dumas’ Zyklus interagiert damit, indem er historiografische Stoffe literarisch zugänglich macht. Die Nähe zur Memoirenform betont Perspektivität und die Fragilität von Wahrheit in Zeiten des Umbruchs – eine Reflexion, die die Lektüre als dialogische Auseinandersetzung mit Quellen, Stimmen und Deutungen anlegt.
Die Produktionsbedingungen der Romane gehören zur Mediengeschichte ihrer Entstehungszeit. Feuilleton-Zeitungen, preisgünstige Abonnements und Leihbibliotheken eröffneten massenhafte Lektüren. Serienveröffentlichungen förderten Spannung, Episodik und Wiedererkennung. Dumas arbeitete mit Auguste Maquet zusammen, der Recherchen und Entwürfe beisteuerte; die Kooperation ermöglichte dichte historische Milieus. Die internationale Übersetzungspraxis vergrößerte den Wirkungskreis. Der Zyklus steht damit exemplarisch für das 19. Jahrhundert, in dem Literatur, Journalismus und Geschichte ineinandergriffen und historische Erfahrung in populäre Erzählformen überführt wurde.
„Joseph Balsamo“, „Das Halsband der Königin“, „Ange Pitou“ und „Die Gräfin Charny“ behandeln wiederkehrende Themen: die Verletzbarkeit monarchischer Repräsentation, die Macht öffentlicher Meinung und die Beschleunigung politischer Prozesse. Ohne die Ergebnisse im Detail vorwegzunehmen, bündeln die Bände Hofleben, Provinzperspektive und Hauptstadtpolitik. So zeichnet der Zyklus kaleidoskopartig, wie unterschiedliche Milieus denselben Wandel erfahren. Historisch verweist dies auf eine Revolution, die nicht nur als Ereignisfolge, sondern als Erfahrungskette verstanden wurde – von höfischer Ritualität bis zu kommunaler Selbstorganisation, von Gerüchten bis zu Verfassungsakten. Diese Breite prägte die Rezeption nachhaltig.„Die internationale Rezeption des Zyklus speiste sich aus einem europäischen Interesse an der Französischen Revolution als Modell, Warnung und Mythos. Zeitgenössische Leserinnen und Leser erkannten in Dumas’ Darstellung bekannte Konfliktlinien: Reform versus Reaktion, Vernunft versus Aberglauben, Ordnung versus Freiheit. Kritiker bemängelten gelegentlich historische Freiheiten und melodramatische Zuspitzungen; Befürworter hoben Atmosphäre, Milieuschilderung und die Vermittlung komplexer Prozesse hervor. Übersetzungen verbreiteten diese Lektüreweisen. In Theater- und späteren Medienadaptionen lebte insbesondere der Skandal- und Prozessstoff fort – ein Indikator für die anhaltende Attraktivität exemplarischer Konflikte.„Der Zyklus kommentiert seine Entstehungszeit, indem er 18. Jahrhundert und Gegenwart verschränkt. In der Julimonarchie waren Fragen nach Bürgerrechten, Pressefreiheit und Legitimität erneut virulent; 1848 machte die Republikproblematik die Revolutionserfahrung wieder aktuell. Unter dem Zweiten Kaiserreich gewann die Auseinandersetzung mit Autorität und Ordnung zusätzliche Brisanz. Dumas’ historische Kulisse erlaubt es, zeitgenössische Debatten indirekt zu führen: über Reformtempo, soziale Integration und die Risiken politischer Polarisierung. Damit wird der Zyklus zum Medium politischer Bildung in erzählerischer Form – anschlussfähig für unterschiedliche Lager, ohne die historische Faktizität der großen Linien zu verleugnen.„Spätere Deutungen lesen den Zyklus als Teil der populären Gedächtnisbildung der Revolution. Historikerinnen und Historiker untersuchten, wie Literatur Bilder von Marie-Antoinette, Hofzeremoniell, Volksmassen und Justiz formte. Die Halsbandaffäre gilt dabei als Fallstudie über Vertrauen, Gerücht und die Grenzen gerichtlicher Wahrheitsproduktion. In kulturgeschichtlichen Perspektiven dient der Zyklus als Quelle für Wahrnehmungen des 19. Jahrhunderts über das 18. – ein Spiegel der langfristigen Aushandlung französischer Identität. Er zeigt, wie politische Ideen nur in den Medien von Alltag, Kommunikation und Symbolpolitik wirksam werden – ein Befund, der seine Aktualität behielt.
Joseph Balsamo eröffnet den Zyklus am Hof Ludwigs XV., wo ein rätselhafter Abenteurer mit Magnetismus und Intrigen die Schicksale mehrerer Familien lenkt und die Grenzen zwischen Wissenschaft, Suggestion und Macht erprobt. Das Halsband der Königin verlagert den Fokus auf den berüchtigten Schmuckskandal, in dem Täuschungen, falsche Identitäten und ein manipuliertes öffentliches Bild die Autorität der Monarchie unterminieren. Der Ton mischt Mantel-und-Degen-Spannung, höfische Satire und eine quasi-kriminalistische Rekonstruktion von Ereignissen.
Ange Pitou führt vom Dorf auf die Straßen von Paris und macht aus einem gutgläubigen Idealisten einen Zeugen der ersten revolutionären Erschütterungen, in denen Volkszusammenkünfte, Angst und Hochstimmung dicht nebeneinanderstehen. Die Gräfin Charny hält die Perspektive des Hofes und der Loyalität fest, wenn Pflicht, Gefühl und Staatsräson im Strudel der Revolution kollidieren. Der Ton weitet sich zum Panorama mit Massenszenen, moralischen Dilemmata und dem langsamen Umschlag von Hoffnung in Härte.
Der Zyklus kontrastiert aufgeklärte Vernunft und medizinischen Blick mit Suggestion, Aberglauben und dem Theater der Politik; Macht entsteht aus Wahrnehmung, Gerücht und Inszenierung. Dumas verbindet rasches Feuilleton-Tempo, Cliffhanger und verschachtelte Handlungsstränge mit der Verzahnung historischer Figuren und erfundener Biografien. Über die vier Teile verschiebt sich der Schwerpunkt von verdeckter Verschwörung zum offenen Massenereignis: Private Leidenschaften werden von den Dynamiken großer Umbrüche überrollt.
I. Der Donnersberg
Auf dem linken Rheinufer, ein paar Stunden von der kaiserlichen Stadt Worms, unfern von der Stelle, wo der Selzbach entspringt, beginnen die ersten Kettenglieder von mehreren Bergen, deren Höhen sich gegen Norden zu flüchten scheinen, wie eine Heerde erschrockener Büffel, welche im Nebel verschwinden würde.
Diese Berge beherrschen schon von ihrer Böschung an eine beinahe öde Landschaft, scheinen das Gefolge des höchsten derselben zu bilden und tragen jeder einen ausdrucksvollen Namen, der eine Form bezeichnet oder an eine Tradition erinnert: der eine ist der Königsstuhl, der andere der Rosenstein, der dritte der Falkenfels, der vierte der Schlangenkopf.
Derjenige, welcher am höchsten, seine Granitstirne mit einem Trümmerkranze umgürtend, zum Himmel emporragt, ist der Donnersberg.
Wenn der Abend den Schatten der Eichen verdichtet, wenn die letzten Sonnenstrahlen hinsterbend die hohen Gipfel dieser Riesenfamilie vergolden, so ist es, als steige allmälig die Stille von diesen erhabenen Stufen des Himmels bis zur Ebene herab und ein unsichtbarer, mächtiger Arm entwickle, um ihn über die durch das Geräusch und die Arbeiten des Tages ermüdete Welt auszubreiten, den langen, bläulichen Schleier, auf dessen Grunde die Sterne funkeln. Dann geht Alles unmerklich vom Wachen zum Schlafe über; Alles entschlummert auf der Erde und in der Luft.
Allein mitten in diesem Stillschweigen, verfolgt der bereits von uns erwähnte Selzbach, wie man ihn im Lande nennt, seinen geheimnißvollen Lauf unter den Tannen des Ufers, und obgleich ihn weder Tag noch Nacht aushalten, denn er muß sich in den Rhein werfen, der seine Ewigkeit ist, obgleich ihn nichts aufhält, sagen wir, ist doch der Sand seines Bettes so frisch, sind seine Schilfrohre so biegsam, seine Felsen so gut mit Moos und Steinbrech wattirt, daß keine seiner Wellen rauscht von Morsheim, wo er beginnt, bis Freiweinheim, wo er endigt.
Etwas oberhalb seines Ursprungs, zwischen Albisheim und Kirchheim-Bolanden, führt eine gekrümmte, zwischen zwei abschüssigen Wänden ausgehöhlte und von tiefen Geleisen durchfurchte Straße nach Dannenfels. Jenseits Dannenfels wird die Straße ein Fußpfad, dann nimmt der Fußpfad ab, verschwindet, verliert sich, und das Auge sucht vergebens auf dem Boden etwas Anderes, als den ungeheuren Abhang des Donnersbergs, dessen geheimnißvoller Gipfel, so oft vom Feuer des Herrn heimgesucht, das ihm seinen Namen gegeben hat, sich hinter einem Gürtel von grünen Bäumen wie hinter einer undurchdringlichen Mauer birgt.
Ist der Reisende einmal unter diesen Bäumen angelangt, welche so blätterreich, so buschreich sind, wie die Eichen der alten Dodona, so kann er seinen Weg fortsetzen, ohne daß man ihn, selbst am hellen Tage, von der Ebene aus gewahr wird, und wäre sein Pferd mit Schellen behängt, wie ein spanisches Maulthier, so würde man sein Geräusch doch nicht hören; wäre es mit Sammet und Gold bedeckt, wie das Roß eines Kaisers, so würde doch kein Strahl von Gold oder Purpur das Blätterwerk durchdringen, so sehr erstickt die Dichtheit des Waldes das Geräusch, so sehr tilgt die Dunkelheit seines Schattens die Farben.
Noch heute, wo die höchsten Berge einfache Beobachter geworden sind, noch heute, wo die poetischen Legenden des furchtbarsten Inhalts nur ein Lächeln des Zweifels auf den Lippen des Reisenden hervorrufen, noch heute erschreckt diese Einsamkeit und macht diesen Theil der Gegend so ehrwürdig, wo nur einzelne Häuser von gebrechlichem Aussehen, verlorene Schildwachen der benachbarten Dörfer, allein in einiger Entfernung von dem Zaubergürtel zum Vorschein kommen, um die Anwesenheit des Menschen in dieser Landschaft zu bezeugen.
Die Bewohner der in der Einsamkeit verlorenen Häuser sind Müller, welche lustig den Fluß ihr Korn zermalmen lassen, dessen Mehl sie nach Rockenhausen und Alzey bringen, oder Hirten, die ihr Vieh auf die Waide in den Bergen führen, und zuweilen sammt ihren Hunden bei dem Geräusche einer hundertjährigen Tanne beben, welche aus Altersschwäche in die unbekannten Tiefen des Waldes niederstürzt.
Denn die Erinnerungen der Gegend sind düsterer Natur und der Fußpfad, der sich jenseits Dannenfels mitten unter dem Heidekraut des Gebirges verliert, hat nicht immer, wie die Muthigsten sagen, ehrliche Christen in den Hafen des Heils geführt.
Vielleicht hat einer von den heutigen Bewohnern einst von seinem Vater oder von seinem Großvater erzählen hören, was wir jetzt selbst zu erzählen versuchen wollen.
Am 6. Mai 1770, in der Stunde, wo die Wasser des großen Flusses sich mit einem rosig weißen Reflexe färben, das heißt in dem Augenblick, wo für das ganze Rheingau die Sonne hinter der Thurmspitze des Münsters von Straßburg untergeht, das sie in zwei feurige Hemisphären zerschneidet, erschien ein Mann, nachdem er durch Alzey und Kirchheim-Bolanden geritten war, jenseits des Dorfes Dannenfels, folgte dem Fußpfade, so lange derselbe sichtbar blieb, stieg sodann, als jede Spur des Weges verschwand, von seinem Pferde, nahm es beim Zügel und band es ohne Zögern an die erste Tanne des furchtbaren Waldes.
Das Thier wieherte sehr unruhig und der Wald schien bei diesem ungewohnten Geräusch zu beben.
„Gut! gut!“ murmelte der Reisende; „beruhige dich, mein guter Dscherid; wir haben zwölf Stunden zurückgelegt und du bist wenigstens am Ziele deines Laufes angelangt.“
Und der Reisende suchte mit dem Blicke die Tiefe des Blätterwerks zu ergründen; aber die Schatten waren bereits so undurchsichtig, daß man nur die schwarzen Massen unterschied, welche sich von andern, noch dichter schwarzen Massen abhoben. Nach dieser unfruchtbaren Forschung wandte sich der Reisende zu dem Thiere um, dessen arabischer Name zugleich seinen Ursprung und seine Schnelligkeit bezeichnete, nahm es mit beiden Händen unten am Kopfe, näherte die rauchenden Nüstern desselben seinem Munde und sprach:
„Lebe wohl, mein braves Pferd; wenn ich dich nicht wiedersehe, lebe wohl.“
Diese Worte waren von einem raschen Rundblicke begleitet, als hätte der Reisende gehört zu werden befürchtet oder gewünscht.
Das Pferd schüttelte seine seidene Mähne, stampfte mit dem Fuße auf den Boden, und wieherte mit jenem Wiehern, wie es dieses Thier bei Annäherung des Löwen in der Wüste hören lassen mußte.
Der Reisende bewegte diesmal nur den Kopf von oben nach unten, mit einem Lächeln, als wollte er sagen:
„Du täuschest dich nicht, Dscherid, die Gefahr ist hier.“
Ohne Zweifel zum Voraus entschlossen, die Gefahr nicht zu bekämpfen, nahm der abenteuerliche Unbekannte aus seinem Sattelbogen zwei schöne Pistolen mit ciselirten Läufen und mit Kolben von Vermeil, zog mit dem Krätzer die Ladung heraus, warf den Pfropf und die Kugel weg und schüttete das Pulver auf den Boden
Als dies bewerkstelligt war, steckte er die Pistolen in die Holfter.
Das ist noch nicht Alles.
Der Reisende trug an seinem Gürtel einen Säbel mit stählernem Griffe; er schnallte die Kuppel los, wickelte sie um den Säbel, schob das Ganze unter den Sattel und befestigte es mit dem Steigriemen so, daß die Spitze des Säbels nach der Weiche des Pferdes und der Griff nach der Schulter sah.
Nachdem diese seltsamen Förmlichkeiten erfüllt waren, schüttelte der Reisende seine staubigen Stiefeln, zog seine Handschuhe aus, suchte in seinen Taschen, fand darin eine Scheere und ein Federmesser mit einem Schildkrothefte, und warf Beides über seine Schulter, ohne nur zu schauen, wohin es fiel.
Sobald dies geschehen war, fuhr der Reisende zum letzten Male über das Kreuz von Dscherid, athmete, als wollte er seiner Brust den vollen Grad der Ausdehnung geben, den sie erlangen konnte, suchte dann vergebens irgend einen Fußpfad und trat, als er keinen sah, auf Zufall in den Wald.
Es ist unserer Ansicht nach der Augenblick, unsern Lesern einen genauen Begriff von dem Reisenden zu geben, den wir ihnen vor Augen gestellt haben, und der eine wichtige Rolle im Verlauf unserer Geschichte zu spielen bestimmt ist.
Derjenige, welcher, nachdem er vom Pferde gestiegen, sich so kühn in den Wald wagte, war ein Mann von etwa dreißig bis zwei und dreißig Jahren, von mehr als mittlerem Wuchse, aber so bewunderungswürdig gebaut, daß man zugleich die Kraft und die Gewandtheit in seinen geschmeidigen, nervigen Gliedern kreisen fühlte. Er trug eine Art von Reiserock von schwarzem Sammet mit goldenen Knopflöchern. Die zwei Enden einer gestickten Jacke erschienen unterhalb der letzten Knöpfe dieses Rockes, und eine anliegende Lederhose hob Beine hervor, die als Modell für einen Bildhauer hätten dienen können, und deren zierliche Formen man durch die gefirnißten Stiefeln errieth.
Sein Gesicht hatte die ganze Beweglichkeit der südlichen Typen und war eine seltsame Mischung von Kraft und Feinheit: sein Blick vermochte alle Gefühle auszudrücken und schien, wenn er sich auf Jemand heftete, zwei Lichtstrahlen in denjenigen zu tauchen, welchem er galt, um die tiefste Tiefe seiner Seele zu erleuchten. Seine braunen Wangen waren, wie man dies sogleich sah, von einer heißeren Sonne als die unsrige verbrannt Ein großer, aber schön geformter Mund endlich öffnete sich, um eine doppelte Reihe herrlicher Zähne sehen zu lassen, welche die Wärme der Gesichtshaut noch weißer erscheinen ließ. Der Fuß war lang, aber fein, die Hand klein, aber nervig.
Der Mann, dessen Portrait wir entworfen, hatte kaum zehn Schritte unter den schwarzen Tannen gemacht, als er ein rasches Stampfen an der Stelle hörte, wo er sein Pferd gelassen.
Seine erste Bewegung, eine Bewegung, über deren Absicht man sich nicht täuschen konnte, war, zurückzukehren: aber er bemeisterte sich, konnte jedoch dem Verlangen, zu sehen, was aus Dscherid geworden, nicht widerstehen, erhob sich auf den Fußspitzen und schoß einen Blick durch die Lichtung: fortgezogen durch eine unsichtbare Hand, welche den Zaum losgemacht, war Dscherid bereits verschwunden.
Die Stirne des Unbekannten faltete sich leicht und etwas wie ein Lächeln zog seine vollen Wangen und seine Lippen mit den seinen Rändern zusammen.
Dann setzte er seinen Weg gegen den Mittelpunkt des Waldes fort.
Noch einige Schritte leitete ihn die durch die Bäume dringende düstere Abenddämmerung in seinem Marsche; aber bald hörte dieser schwache Reflex auf, und er befand sich in einer so dichten Nacht, daß er nicht mehr sah, wohin er den Fuß setzte, und ohne Zweifel aus Furcht, sich zu verirren, stehen blieb.
„Ich bin nach Dannenfels gekommen,“ sagte er laut, „denn von Mainz nach Dannenfels führt eine Landstraße; ich bin von Dannenfels auf die Schwarzheide gelangt, weil sich von Dannenfels nach der Schwarzheide ein Fußpfad findet; ich bin von der Schwarzheide hierher gekommen, obgleich es dann weder mehr eine Landstraße noch einen Fußpfad gab, denn ich gewahrte den Wald; aber hier bin ich genöthigt, stille zu stehen; ich sehe nichts mehr.“
Kaum waren diese Worte in einem halb französischen, halb sicilianischen Dialecte gesprochen, als ein Licht ungefähr fünfzig Schritte vor dem Reisenden hervorsprang.
„Ich danke,“ sagte er, „das Licht mag nun gehen, ich werde ihm folgen.“
Sogleich ging das Licht ohne Schwankung, ohne Erschütterung, gleichmäßig sich fortbewegend, wie auf unsern Theatern jene phantastischen Flammen hingleiten, deren Gang durch den Maschinisten und den Scenisten geordnet ist.
Der Reisende machte noch ungefähr hundert Schritte, dann glaubte er etwas wie einen Hauch an seinem Ohr zu vernehmen.
Er schauerte.
„Wende Dich nicht um, oder Du bist todt,“ sagte eine Stimme rechts.
„Gut,“ erwiederte der unempfindliche Reisende ohne eine Miene zu verziehen.
„Sprich nicht, oder Du bist todt!“ sagte eine Stimme links.
Der Reisende verbeugte sich ohne zu sprechen.
„Aber wenn Du Furcht hast“, sagte eine dritte Stimme, welche, wie die von Hamlets Vater aus den Eingeweiden der Erde zu kommen schien, „wenn Du Furcht hast, so kehre zurück, Du wirst dadurch bezeichnen, daß Du Verzicht leistest, und man läßt Dich zurückkehren, wohin Du willst.“
Der Reisende beschränkte sich darauf, eine Geberde mit der Hand zu machen, und setzte seinen Weg fort.
Die Nacht war so finster und der Wald so dicht, daß der Reisende trotz des Scheines, der ihn leitete, nur strauchelnd vorrückte. Die Flamme marschirte ungefähr eine Stunde, und der Reisende folgte ihr, ohne ein Murren hören zu lassen, ohne ein Zeichen der Furcht von sich zu geben.
Plötzlich verschwand sie.
Der Reisende war außerhalb des Waldes. Er schlug die Augen auf; durch das düstere Azur des Himmels funkelten einige Sterne.
Er marschirte in der Richtung weiter, in der das Licht verschwunden war; aber bald sah er, daß sich eine Ruine, das Gespenst eines alten Schlosses, vor ihm erhob.
Zu gleicher Zeit stieß sein Fuß an Trümmer.
Alsbald klebte sich ein eisiger Gegenstand an seine Schläfe und vermauerte seine Augen. Von da an sah er nicht einmal mehr die Finsterniß.
Eine Binde von benetzter Leinwand umschloß seinen Kopf. Es war ohne Zweifel eine verabredete Sache, wenigstens war es eine Sache, die er erwartete, denn er versuchte es nicht, die Binde aufzuheben; er streckte nur schweigend die Hand aus, wie es ein Blinder thut, der nach einem Führer verlangt.
Diese Geberde wurde begriffen, denn in demselben Augenblick klammerte sich eine kalte, trockene, knochige Hand an die Finger des Reisenden an.
Er erkannte, daß es die fleischlose Hand eines Skelettes war; wäre aber diese Hand mit Gefühl begabt gewesen, so würde sie erkannt haben, daß die seinige nicht zitterte.
Dann fühlte sich der Reisende rasch durch einen Raum von ungefähr hundert Klaftern fortgezogen.
Plötzlich verließ die Hand die seinige, die Binde flog von seiner Stirne, und der Unbekannte blieb stehen: er war auf dem Gipfel des Donnersbergs angelangt.
II. Ich bin, der ich bin
Mitten in einer Lichtung, welche durch das Alter kahl gewordene Birken bildeten, erhob sich das Erdgeschoß von einem jener in Trümmer liegenden Schlösser, welche die Feudalherren einst in Europa umher bei der Rückkehr von den Kreuzzügen ausstreuten.
Die Vorhallen mit ihren schönen Zierrathen von gediegener Bildhauerarbeit, welche in jeder Höhlung, statt der verstümmelten und an den Fuß der Mauer gestürzten Statue, ein Buschwerk von Heidekraut oder wilden Blumen verbargen, hoben von einem bleichen Himmel ihre durch den Einsturz ausgezackten Gewölbe ab.
Als der Reisende die Augen öffnete, sah er sich vor den feuchten, moosigen Stufen des Hauptsäulenganges; auf der ersten von diesen Stufen stand aufrecht das Gespenst mit der knochigen Hand, das ihn hierher geführt hatte.
Ein langes Schweißtuch umhüllte dasselbe vom Kopf bis zu den Füßen; unter den Falten des Tuches funkelten seine Augenhöhlen ohne Blick, seine fleischlose Hand war gegen das Innere der Ruine ausgestreckt und schien dem Reisenden als Ziel seines Ganges einen Saal anzudeuten, dessen Erhöhung über dem Boden die inneren Theile verbarg, während man in seinen eingesunkenen Gewölben ein dumpfes, geheimnißvolles Licht zittern sah.
Der Reisende neigte sein Haupt als Zeichen der Einwilligung. Das Gespenst stieg langsam, eine Stufe nach der andern und ohne Geräusch in die Ruine; der Unbekannte folgte ihm mit demselben ruhigen, feierlichen Schritte, nach dem er stets seinen Gang geregelt hatte, stieg ebenfalls eine nach der andern die eilf Stufen hinauf, auf denen ihm das Gespenst vorangegangen war, und trat ein.
Hinter ihm schloß sich so geräuschvoll als eine von Erz vibrirende Mauer die Thüre der Haupthalle.
Am Eingang eines kreisförmigen, von drei Lampen mit grünlichem Wiederscheine beleuchteten Saales blieb das Gespenst stehen.
Zehn Schritte von ihm blieb der Reisende ebenfalls stehen.
„Oeffne die Augen,“ sagte das Gespenst.
„Ich sehe,“ antwortete der Unbekannte.
Sodann mit einer steifen, stolzen Gcberde ein zweischneidiges Schwert unter seinem Leichentuche hervorziehend, schlug das Gespenst an eine eherne Säule, welche den Schlag durch ein metallisches Brüllen erwiederte.
Sogleich erhoben sich rings im Saale umher Platten, und zahllose Gespenster, dem ersten ähnlich, erschienen, jedes mit einem zweischneidigen Schwerte bewaffnet, und nahmen Platz auf kreisförmigen Stufen, wo besonders der grünliche Schimmer der drei Lampen wiederstrahlte, und wo sie, durch ihre Kälte und ihre Unbeweglichkeit mit dem Steine vermischt, Bildsäulen auf ihren Piedestalen zu sein schienen.
Jede von diesen Bildsäulen hob sich seltsam auf der schwarzen Draperie hervor, welche die Wände bedeckte.
Sieben Stühle waren vor die erste Stufe gestellt; auf diesen Stühlen saßen sechs Gespenster, welche Häupter zu sein schienen, während der siebente Stuhl leer war.
Derjenige, welcher auf dem Stuhle in der Mitte saß, stand auf und sprach, indem er sich gegen die Versammlung wandte:
„Wie viel sind wir hier, meine Brüder?“
„Dreihundert,“ antworteten die Gespenster mit einer Stimme, welche im Saale donnerte und sich beinahe in demselben Augenblick an dem Leichenbehänge der Wände brach.
„Dreihundert, von denen jeder zehntausend Verbündete vertritt,“ sagte der Präsident, „dreihundert Schwerter, welche so viel werth sind, als drei Millionen Dolche.“
Dann sich an den Reisenden wendend fragte er:
„Was verlangst Du?“
„Das Licht zu sehen,“ antwortete dieser.
„Die Pfade, welche auf den Feuerberg führen, sind rauh und hart; fürchtest Du Dich nicht, dieselben zu betreten?“
„Ich fürchte nichts.“
„Hast Du einmal einen Schritt vorwärts gemacht, so ist es Dir nicht mehr gestattet, umzukehren Bedenke dies.“
„Ich werde nur stille stehen, wenn ich das Ziel berührt habe.“
„Bist Du bereit, zu schwören?“
„Sprecht mir den Schwur vor und ich werde ihn wiederholen.“
Der Präsident erhob die Hand und sprach mit langsamem, feierlichem Tone folgende Worte:
„Im Namen des gekreuzigten Sohnes schwöret, die fleischlichen Bande zu brechen, welche Euch noch an Vater, Mutter, Brüder, Schwestern, Frau, Verwandte, Freunde, Geliebtinnen, Könige, Wohlthäter und an irgend ein Wesen binden, dem Ihr Treue, Gehorsam, Dankbarkeit oder Dienstbarkeit gelobt habt.“
Der Reisende wiederholte mit fester Stimme die Worte, die ihm von dem Präsidenten vorgesprochen wurden, welcher zum zweiten Paragraphen des Schwures überging und gleich langsam und feierlich fortfuhr:
„Von diesem Augenblicke an seid Ihr von dem dem Vaterlande und den Gesetzen geleisteten angeblichen Eide frei; schwöret also dem neuen Haupte, das Ihr anerkennt, zu enthüllen, was Ihr gesehen oder gethan, gelesen oder gehört, erfahren oder errathen habt, und sogar das, was sich Euren Augen nicht bieten würde, zu erforschen und zu erspähen.“
Der Präsident schwieg und der Unbekannte wiederholte die Worte, die er gehört hatte.
Dann fuhr der Präsident, ohne den Ton zu verändern, fort:
„Ehret und achtet die Aqua Tosana als ein rasches, sicheres, nothwendiges Mittel, um die Erde durch den Tod oder durch die Verblödung derjenigen zu reinigen, welche die Wahrheit zu erniedrigen oder unsern Händen zu entreißen suchen.“
Ein Echo hätte nicht getreuer diese Worte wiedergegeben, als es der Unbekannte that; der Präsident fuhr fort:
„Flieht Spanien, flieht Neapel, flieht jedes verfluchte Land, flieht die Versuchung, irgend etwas von dem, was Ihr hören oder sehen werdet, zu enthüllen, denn der Blitz trifft nicht rascher, als Euch, wo Ihr auch immer sein möget, das unsichtbare und unvermeidliche Messer erreichen wird.“
„Lebet im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes.“
Trotz der Drohung, welche diese letzten Zeilen enthielten, war es unmöglich, eine Bewegung auf dem Antlitz des Unbekannten wahrzunehmen, der das Ende des Schwures und die Anrufung, die ihm folgte, mit eben so ruhigem Tone aussprach, als er den Ansang gesprochen hatte.
„Und nun umhüllt die Stirne des Aufzunehmenden mit der heiligen Binde,“ sagte der Präsident.
Zwei Gespenster näherten sich dem Unbekannten; dieser neigte das Haupt, und eines von ihnen legte auf seine Stirne ein aurorfarbiges Band, das mit silbernen Charakteren beladen war, unter denen das Bild von Unserer Lieben Frau von Loretto sichtbar wurde; das andere Gespenst knüpfte hinter ihm die zwei Enden unten am Halse.
Dann entfernten sie sich und ließen den Unbekannten abermals allein.
„Was verlangst Du?“ sprach der Präsident zu ihm.
„Drei Dinge,“ antwortete der Candidat.
„Welche Dinge?“
„Die eiserne Hand, das feurige Schwert, die diamantene Wage.“
„Warum wünschest Du die eiserne Hand?“
„Um die Tyrannen zu ersticken.“
„Warum wünschest Du das feurige Schwert?“
„Um den Unreinen von der Erde zu verjagen.“
„Warum wünschest Du die diamantene Wage?“
„Um die Geschicke der Menschheit abzuwägen.“
„Bist Du für die Proben vorbereitet?“
„Der Starke ist zu Allem vorbereitet.“
„Die Proben! die Proben!“ riefen mehrere Stimmen.
„Kehre Dich um,“ sagte der Präsident.
Der Unbekannte gehorchte und sah sich gegenüber einen Menschen, der bleich wie der Tod, geknebelt und gebunden war.
„Was siehst Du?“ fragte der Präsident.
„Einen Verbrecher oder ein Opfer.“
„Es ist ein Verräther, der, nachdem er den Eid geleistet, den Du geleistet hast, das Geheimniß des Ordens offenbarte.“
„Es ist also ein Verbrecher.“
„Ja; welche Strafe hat er verdient?“
„Den Tod.“
Die dreihundert Gespenster wiederholten: „Den Tod!“
In demselben Augenblick wurde der Verurtheilte trotz übermenschlicher Gegenwehr in die Tiefen des Saales fortgezogen; der Reisende sah, wie er sich in den Händen seiner Henker krümmte und sträubte; er hörte seine pfeifende Stimme durch das Hinderniß des Knebels, Ein Dolch funkelte und wiederstrahlte wie ein Blitz im Schimmer der Lampen; dann hörte man einen matten Stoß, und das Geräusch eines schwerfällig aus den Boden fallenden Körpers erscholl dumpf und schauervoll.
„Es ist Gerechtigkeit geschehen,“ sprach der Unbekannte, sich gegen den furchtbaren Kreis umwendend, der mit gierigen Blicken durch die Schweißtücher dieses Schauspiel verschlungen hatte.
„Du billigst also die Hinrichtung, welche so eben stattgefunden hat?“ sagte der Präsident.
„Ja, wenn derjenige, welcher den Streich erhalten, wirklich schuldig war.“
„Und Du würdest auf den Tod jedes Menschen trinken, der, wie er, die Geheimnisse der heiligen Verbindung verriethe?“
„Ich würde trinken.“
„Was für ein Getränke es auch sein möchte?“
„Was für eines es auch sein möchte.“
„Bringt die Schale,“ sprach der Präsident.
Einer von den zwei Henkern näherte sich dem Aufzunehmenden und reichte ihm einen rothen, lauen Saft in einem Menschenschädel, der auf einem bronzenen Fuße befestigt war.
Der Unbekannte nahm die Schale aus den Händen des Henkers, erhob sie über seinen Kopf und sprach:
„Ich trinke auf den Tod jedes Menschen, der die Geheimnisse der heiligen Verbindung verräth.“
Dann senkte er die Schale zur Höhe seiner Lippen, leerte sie bis auf den letzten Tropfen und gab sie kalt demjenigen zurück, welcher sie ihm gereicht hatte.
Ein Gemurmel des Erstaunens durchlief die Versammlung, und die Gespenster schienen sich einander durch ihre Leichentücher anzuschauen.
„Es ist gut,“ sprach der Präsident. „Die Pistole!“
Ein Gespenst näherte sich dem Präsidenten, in einer Hand eine Pistole, in der andern eine bleierne Kugel und eine Ladung Pulver haltend.
Der Aufzunehmende wandte kaum seine Augen nach dem Gespenste.
„Du gelobst also der heiligen Versammlung leidenden Gehorsam?“ fragte der Präsident.
„Ja“
„Sogar wenn dieser Gehorsam an Dir selbst geübt werden müßte?“
„Derjenige, welcher hier eintritt, gehört nicht sich, sondern Allen.“
„Du wirst also gehorchen, welcher Befehl Dir auch von mir gegeben werden mag?“
„Ich werde gehorchen.“
„Auf der Stelle?“
„Auf der Stelle.“
„Ohne Zögern?“
„Ohne Zögern.“
„Nimm die Pistole und lade sie.“
Der Unbekannte nahm die Pistole, goß das Pulver in den Lauf, setzte einen Pfropf darauf und ließ dann die Kugel hineinfallen, die er mit einem zweiten Pfropf befestigte, wonach er Pulver auf die Pfanne schüttete.
Alle die dunkeln Bewohner dieses seltsamen Ortes schauten ihn mit einem düsteren Stillschweigen an, das nur durch das Geräusch des an die Bogen der Gewölbe anprallenden Windes unterbrochen wurde.
„Die Pistole ist geladen,“ sprach kalt der Unbekannte.
„Bist Du dessen sicher?“ fragte der Präsident.
Ein Lächeln zog über die Lippen des Aufzunehmenden, und dieser nahm den Ladstock und ließ ihn in den Lauf des Gewehres fallen, aus dem er zwei Zoll hervorragte.
Der Präsident bedeutete durch ein Zeichen, daß er überzeugt sei.
„Ja,“ sagte er, „sie ist in der That geladen, und gut geladen.“
„Was soll ich thun?“ fragte der Unbekannte.
„Spanne.“
Der Unbekannte spannte die Pistole, und man hörte unter dem tiefen Stillschweigen, das die Zwischenräume des Zwiegespräches begleitete, das Krachen des Hahnen.
„Nun halte die Mündung der Pistole an Deine Stirne,“ fuhr der Präsident fort.
Der Unbekannte gehorchte, ohne zu zögern.
Ein tieferes Stillschweigen als je lagerte sich über der Versammlung; die Lampen schienen zu erbleichen; diese Gespenster waren wirklich Gespenster, denn keines von ihnen hatte Athem.
„Feuer!“ sagte der Präsident.
Der Drücker rührte sich, der Stein funkelte auf der Batterie; aber nur das Pulver der Pfanne entzündete sich und kein Geräusch begleitete seine ephemere Flamme.
Ein Schrei der Bewunderung entströmte beinahe jeder Brust, und der Präsident streckte mit einer instinktartigen Bewegung die Hand gegen den Unbekannten aus.
Doch zwei Proben genügten ohne Zweifel den Anspruchsvollsten nicht, und einige Stimmen riefen:
„Den Dolch! den Dolch!“
„Ihr verlangt ihn?“ fragte der Präsident.
„Ja, den Dolch! den Dolch!“ wiederholten dieselben Stimmen.
„Bringt den Dolch,“ sprach der Präsident.
„Es ist unnöthig,“ sagte der Unbekannte, verächtlich den Kopf schüttelnd.
„Wie, unnöthig!“ rief die Versammlung.
„Ja, unnöthig!“ entgegnete der Auszunehmende mit einer Stimme, welche alle andere Stimmen bedeckte; „ich wiederhole es Euch, denn Ihr verliert eine kostbare Zeit.“
„Was sagst Du da?“ rief der Präsident.
,,Ich sage, daß ich alle Eure Geheimnisse kenne, daß die Proben, denen Ihr mich unterwerft, Kinderspiele sind, unwürdig, einen Augenblick ernste Wesen zu beschäftigen. Ich sage, daß dieser ermordete Mensch nicht todt ist, ich sage, daß das Blut, das ich getrunken, in einem aus seiner Brust liegenden und unter seinen Kleidern verborgenen Schlauche enthaltener Wein war, ich sage, daß das Pulver und die Kugeln in dem Augenblick, wo ich den Hahnen spannte, in den Kolben gefallen sind. Nehmt also Eure ohnmächtige Waffe zurück, denn sie taugt nur dazu, Feige zu erschrecken. Stehe auf, lügnerischer Leichnam, denn Du wirst die Starken nicht einschüchtern.“
Ein furchtbarer Schrei erhob sich und machte die Gewölbe schallen.
„Du kennst unsere Geheimnisse,“ rief der Präsident; „Du bist also ein Seher oder ein Verräther?“
„Wer bist Du?“ fragten dreihundert Stimmen, während zu gleicher Zeit zwanzig Schwerter in den Händen der nächsten Gespenster funkelten und durch eine regelmäßige Bewegung, wie es die einer eingeübten Phalanx gewesen wäre, sich senkten und auf der Brust des Unbekannten vereinigten.
Aber lächelnd, ruhig, das Haupt erhebend und seine Haare schüttelnd, welche nur durch das Band gehalten wurden, das man um seine Stirne gewickelt hatte, sprach er:
,,Ego sum qui sum, ich bin, der ich bin[1q].“
Dann ließ er seine Augen auf der menschlichen Mauer, welche ihn enge umschloß, umherlaufen; bei seinem gebieterischen Blicke sanken die Schwerter durch ungleiche Bewegungen nieder, je nachdem diejenigen, welche der Unbekannte mit diesem Blicke traf, sogleich seinem Einflusse wichen, oder ihn zu bekämpfen suchten.
„Du hass ein unkluges Wort ausgesprochen,“ sagte der Präsident; „ohne Zweifel sprachst Du es nur, weil Du das Gewicht desselben nicht kennst.“
Der Fremde schüttelte lächelnd den Kopf und erwiederte:
„Ich habe geantwortet, was ich antworten muß.“
„Woher kommst Du denn?“ fragte der Präsident.
„Ich komme von dem Lande, von dem das Licht kommt.“
„Unsere Instructionen melden uns, Du kommest von Schweden.“
„Wer von Schweden kommt, kann vom Orient kommen,“ antwortete der Fremde.
„Zum zweiten Male, wir kennen Dich nicht. Wer bist Du?“
„Wer ich bin? ...“ versetzte der Unbekannte; „ich werde es Euch sogleich sagen, da Ihr Euch stellt, als begriffet Ihr mich nicht; zuvor aber will ich Euch sagen, wer Ihr selbst seid.“
Die Gespenster bebten und ihre Schwerter schlugen an einander, während sie von ihrer linken Hand in ihre rechte übergingen und sich bis zu der Höhe der Brust des Unbekannten erhoben.
„Vor Allem Du,“ fuhr der Unbekannte, die Hand gegen den Präsidenten ausstreckend, fort, „Du, der Du zu mir sprichst, und der Du Dich für einen Gott hältst und nur ein Vorläufer bist, Du, der Präsident der schwedischen Kreise ... ich werde Dir Deinen. Namen sagen, damit ich nicht nöthig habe, Dir die der Andern zu nennen: Swedenborg, haben Dir die Engel, welche vertraulichen Umgang mit Dir pflegen, nicht geoffenbart, daß derjenige, welchen Du erwartetest, sich auf den Weg begeben?“
„Das ist wahr,“ antwortete der Präsident, sein Leichentuch erhebend, um den Sprechenden besser zu sehen, „sie haben es mir gesagt.“
Und derjenige, welcher gegen alle Gebräuche der Gesellschaft sein Leichentuch erhob, zeigte hiedurch das ehrwürdige Gesicht und den weißen Bart eines achtzigjährigen Greises.
„Gut,“ sprach der Fremde; „zu Deiner Linken ist der Vertreter des englischen Kreises, welcher in der Loge Caledonia präsidirt. Heil, Mylord! wenn das Blut Eures Ahnen in Euch fortlebt, darf England hoffen, daß sich das erloschene Licht wieder entzünden wird.“
Die Schwerter senkten sich; der Zorn fing an dem Erstaunen Platz zu machen.
„Ah! Ihr seid es, Kapitän,“ fuhr der Unbekannte, sich an das letzte Haupt zur Linken des Präsidenten wendend, fort; „in welchem Hafen habt Ihr Euer schönes Schiff gelassen, dem Ihr zugethan seid, wie einer Geliebten? Es ist eine brave Fregatte, nicht wahr, die Providence und ein Name, der Amerika Glück bringen wird?“
Dann sich an denjenigen wendend, welcher rechts vom Präsidenten stand:
„Nun ist es an Dir, Prophet von Zürich, schau' mir in's Antlitz, Du, der, Du die physiognomische Wissenschaft bis zur Divination getrieben hast, und sage laut, ob Du nicht in meinem Gesichte den Beweis meiner Sendung erkennst?“
Derjenige, an welchen er sich wandte, wich einen Schritt zurück.
,,Auf,“ sprach er weiter, indem er sich an seinen Nachbar wandte, „auf, Abkömmling von Pelagius, es handelt sich darum, zum zweiten Male die Mauren aus Spanien zu vertreiben. Das wird etwas Leichtes sein, wenn die Castilier nicht für immer das Schwert des Cid verloren haben.“
Das fünfte Haupt blieb stumm und unbeweglich; es war, als hätte es die Stimme des Unbekannten in Stein verwandelt.
„Und mir,“ versetzte das sechste Haupt, den Worten des Unbekannten, der es zu vergessen schien, entgegenkommend, „und mir hast Du nichts zu sagen?“
„Doch,“ antwortete der Reisende, indem er einen von jenen durchdringenden Blicken, welche die Herzen ergründen, auf ihn heftete, „doch, ich habe Dir zu sagen, was Jesus zu Judas gesagt hat, und werde es Dir auch sogleich sagen.“
Derjenige, zu welchem er sprach, wurde weißer als sein Leichentuch, während ein die ganze Versammlung durchlaufendes Gemurmel von dem Fremden Rechenschaft über diese sonderbare Anschuldigung zu fordern schien.
„Du vergißt den Vertreter von Frankreich,“ sagte der Präsident.
„Dieser ist nicht unter uns,“ antwortete stolz der Fremde, „und Du weißt es wohl, Du, der Du sprichst, da sein Sitz hier leer ist. Erinnere Dich nun, daß die Fallen denjenigen lächeln machen, welcher in der Finsterniß sieht, welcher trotz der Elemente handelt und trotz des Todes lebt.“
„Du bist jung,“ entgegnete der Präsident, „und Du sprichst mit dem Ansehen eines Gottes. Bedenke ebenfalls, die Kühnheit betäubt nur die unentschlossenen oder unwissenden Menschen.“
Ein Lächeln erhabener Verachtung trat auf die Lippen des Fremden und er sprach:
„Ihr seid insgesammt unentschlossen, da Ihr nicht auf mich zu wirken vermöget; Ihr seit insgesammt unwissend, da Ihr nicht wißt, wer ich bin, während ich weiß, wer Ihr seid; ich werde also bei Euch mit der Kühnheit allein siegen; doch wozu dient die Kühnheit demjenigen, welcher allmächtig ist?“
„Die Probe dieser Macht,“ rief der Präsident; „gebt uns die Probe.“
„Wer hat Euch zusammenberufen?“ sprach der Unbekannte, von der Rolle des Befragten zu der des Fragenden übergehend.
„Nicht ohne Zweck,“ sagte der Fremde, sich an den Präsidenten und die fünf Häupter wendend, „nicht ohne Zweck seid Ihr gekommen, Ihr von Schweden, Ihr von London, Ihr von New-York, Ihr von Zürich, Ihr von Madrid, Ihr Alle endlich,“ fuhr er sich an die Menge wendend fort, „nicht ohne Zweck seid Ihr von den vier Welttheilen gekommen, um Euch in dem Allerheiligsten des furchtbaren Glaubens zu versammeln.“
„Allerdings nicht,“ antwortete der Präsident, „wir kommen demjenigen entgegen, welcher ein geheimnißvolles Reich im Orient gegründet, die zwei Hemisphären in einer Gemeinschaft des Glaubens vereinigt und die brüderlichen Hände des Menschengeschlechts mit einander verschlungen hat.“
„Gibt es ein gewisses Zeichen, an welchem Ihr ihn zu erkennen im Stande seid?“
„Ja,“ sprach der Präsident, „und Gott hat die Gnade gehabt, es mir durch die Vermittelung seiner Engel zu enthüllen.“
„Also kennt Ihr allein dieses Zeichen?“
„Ich allein kenne es.“
„Ihr habt dieses Zeichen Niemand enthüllt?“
„Niemand in der Welt.“
„Nennt es ganz laut.“
Der Präsident zögerte.
„Nennt es,“ wiederholte der Fremde mit befehlendem Tone, „nennt es, denn der Augenblick der Offenbarung ist gekommen.“
Der Präsident antwortete:
„Er wird auf seiner Brust einen diamantenen Stern tragen, und auf diesem Stern werden die drei ersten Buchstaben eines nur ihm allein bekannten Wahlspruches funkeln.“
„Wie heißen diese drei Buchstaben?“
„L. P. D.“
Der Fremde schob mit einer raschen Bewegung seinen Rock und seine Weste auf die Seite, und auf seinem Hemde von seinem Batist erschien glänzend wie ein flammendes Gestirn der diamantene Stern und auf diesem funkelten die drei Buchstaben in Rubin.
„Er!!“ rief der Präsident erschrocken; „sollte er es sein?“
„Derjenige, welchen die Welt erwartet?“ fragten ängstlich die Häupter.
„Der Großkophta?“ murmelten dreihundert Stimmen.
„Nun!“ rief der Fremde mit dem Ausdrucke des Triumphes, „werdet Ihr mir nun glauben, wenn ich Euch zum zweiten Male wiederhole: Ich bin, der ich bin.“
„Ja,“ sagten die Gespenster sich niederwerfend.
„Sprecht, Meister,“ riefen der Präsident und die fünf Häupter; „sprecht, und wir werden gehorchen.“
III. L. P. D.
Es trat ein Stillschweigen von einigen Sekunden ein; der Unbekannte schien mittlerweile seine Gedanken zu sammeln und sprach sodann:
„Meine edle Herren, Ihr könnt die Schwerter ablegen, welche Eure Arme unnöthig ermüden, und mir ein aufmerksames Ohr schenken, denn Ihr werdet viel in den wenigen Worten zu lernen haben, die ich an Euch richte.“
Die Aufmerksamkeit verdoppelte sich.
„Die Quelle der großen Flüsse ist beinahe immer göttlich und deshalb unbekannt; wie der Nil, wie der Ganges, wie der Amazonenfluß, weiß ich, wohin ich gehe, aber ich weiß nicht woher ich komme! Ich erinnere mich nur, daß ich mich an dem Tage, wo sich die Augen meiner Seele der Auffassung äußerer Gegenstände erschlossen, in Medina, der heiligen Stadt, befand und in den Gärten des Mufti Salaaym umher lief. Dies war ein ehrwürdiger Greis, den ich wie meinen Vater liebte, der jedoch nicht mein Vater war; denn wenn er mich voll Zärtlichkeit anschaute, so sprach er doch nur mit Ehrfurcht zu mir; dreimal des Tags entfernte er sich, um einen andern Greis zu mir gelangen zu lassen, dessen Namen ich nie anders als mit einer Ehrfurcht ausspreche, in welche sich Dankbarkeit mischt.
Dieser ehrwürdige Greis, ein erhabener Behälter aller menschlichen Wissenschaften, unterrichtet durch die sieben höchsten Geister in Allem, was die Engel lernen, um Gott zu begreifen, heißt Althotas; er wurde mein Erzieher, mein Lehrer; er ist noch mein Freund, ein ehrwürdiger Freund, denn er hat zweimal das Alter des Aeltesten unter Euch.“
Diese feierliche Sprache, diese majestätischen Geberden, dieser salbungsreiche und zugleich strenge Ton brachten auf die Versammlung einen von jenen Eindrücken hervor, welche sich in langen Schauern der Beklemmung auflösen.
„Als ich mein fünfzehntes Jahr erreichte, war ich bereits in die bedeutendsten Geheimnisse der Natur eingeweiht. Ich kannte die Botanik, nicht die enge Wissenschaft, welche jeder Gelehrte auf das Studium des Winkels der Welt, den er bewohnt, beschränkt, sondern ich kannte die sechzigtausend Pflanzenfamilien, welche auf der ganzen Welt vegetiren. Ich wußte, wenn mich mein Lehrer dazu zwang, indem er mir die Hände auf die Stirne legte und in meine geschlossenen Augen einen Strahl des himmlischen Lichtes fallen ließ, ich wußte durch eine, beinahe übernatürliche Betrachtung meinen Blick unter die Wellen des Meeres zu tauchen und die ungestalten, unbeschreibbaren Vegetationen zu klassificiren, welche zwischen den zwei Lagern schlammigen Wassers dumpf schwimmen und sich schaukeln und mit ihren riesigen Zweigen die Wiege aller der häßlichen und beinahe formlosen Ungeheuer bedecken, welche das Gesicht des Menschen nie erschaut hat und die Gott seit dem Tage, wo aufrührerische Engel seine einen Augenblick besiegte Macht sie zu schaffen zwangen, vergessen haben muß.
Ich hatte mich überdies den todten und den lebendigen Sprachen gewidmet. Ich kenne alle Idiome, welche man von der, Meerenge der Dardanellen bis zur Meerenge von Magelhaens spricht. Ich las die geheimnißvollen Hieroglyphen geschrieben auf jene Granitbücher, die man die Pyramiden nennt. Ich umfaßte alle menschliche Wissenschaften von Sanchuniathon bis Sokrates, von Moses bis auf den heiligen Hieronymus, von Zoroaster bis Agrippa.
Ich studirte die Medicin, nicht allein im Hippokrates, im Galien, im Averrhoes, sondern auch in dem großen Meister, den man die Natur nennt. Ich erlauschte die Geheimnisse der Kophten und Drusen Ich sammelte den unheilvollen und den glücklichen Samen. Ich konnte, wenn der Samum und der Orkan über mein Haupt hinzogen, ihrem Hauche unbekannte Körner anvertrauen, welche fern von mir den Tod oder das Leben trugen, je nachdem ich die Gegend, nach welcher ich mein zorniges oder lächelndes Gesicht wandte, gesegnet oder verflucht hatte.
