MEMORIAM - Auch deine Stunde schlägt - Caroline Stein - E-Book

MEMORIAM - Auch deine Stunde schlägt E-Book

Caroline Stein

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Beschreibung

Sechs Jahre sind vergangen, seit der Mörder Samuel Vidal spurlos verschwunden ist.Das Leben von Sophie und Ramon scheint ruhig und harmonisch zu verlaufen. Sie ahnen nicht, dass sie längst in einem unsichtbaren Spinnennetz gefangen sind, dessen Fäden weiter reichen, als selbst die Ermittler Carlos und Maria in ihren schlimmsten Alpträumen erwartet hätten.Als eine Frauenleiche auftaucht, steht plötzlich ein Mann unter Verdacht, der nicht ins Schema passt. Ist er der Mörder?Und was passiert nachts im Labor des Wissenschaftlers Mateo Ramirez?Eine atemlose Jagd beginnt - und sie führt nicht nur durch die sommerliche Landschaft der Insel Mallorca und in die Vergangenheit, sondern weit in unsere Zukunft.

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Seitenzahl: 311

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Ähnliche


Caroline Stein

MEMORIAM

Auch deine Stunde schlägt

Mallorca Krimi

Pöllat Verlag

I. Auflage

Originalausgabe November 2020 bei Pöllat-Verlag

Copyright © Caroline Pfundstein

Cover/Design © Tobias Pfundstein

Foto © Andreas Pfundstein

Lektorat Daniela Straub, Rainer Lutz

Korrektorat Daniela Geiger, Jasmin Wagner

Vertrieb Nova MD GmbH Vachendorf

ISBN 978-3-96966-425-4

Gewidmet meiner wunderbaren Familie, die all die Farben in mein Leben bringt

Das Buch:

Sechs Jahre sind vergangen, seit der Mörder Samuel Vidal spurlos verschwunden ist.

Das Leben von Sophie und Ramon scheint ruhig und harmonisch zu verlaufen. Sie ahnen nicht, dass sie längst in einem unsichtbaren Spinnennetz gefangen sind, dessen Fäden weiter reichen, als selbst die Ermittler Carlos und Maria in ihren schlimmsten Alpträumen erwartet hätten.

Als eine Frauenleiche auftaucht, steht plötzlich ein Mann unter Verdacht, der nicht ins Schema passt. Ist er der Mörder?

Und was passiert nachts im Labor des Wissenschaftlers Mateo Ramirez?

Eine atemlose Jagd beginnt - und sie führt nicht nur durch die sommerliche Landschaft der Insel Mallorca und in die Vergangenheit, sondern weit in unsere Zukunft.

Informationen zu den wissenschaftlichen und historischen Hintergründen des Buches finden Sie im Anhang.

Inhaltsverzeichnis

Caroline Stein

MEMORIAM

Auch deine Stunde schlägt

PROLOG

Montag, 23. Juli 2018

Dienstag, 24. Juli 2018

Freitag, 27. Juli 2018

Montag, 30. Juli 2018

Dienstag, 31. Juli 2018

Montag, 2. August 2018

Freitag, 3. August 2018

I .

II .

III .

IV .

V .

VI .

VII .

VIII .

Freitag, 3. August 2018

Montag, 6. August 2018

Mittwoch, 8. August 2018

Freitag, 10. August 2018

Montag, 13. August 2018

Dienstag, 14. August 2018

Mittwoch, 15. August 2018

Donnerstag, 16. August 2018

Freitag, 17. August. 2018

Samstag, 18. August 2018

Sonntag, 19. August 2018

Montag, 20. August

Dienstag 21. August 2018

Wissenschaftliche Hintergründe:

Historische Hintergründe:

Danke

PROLOG

»Eingemauert«. Das war das Wort, das es wohl am besten traf.

Es hatte eine Weile gedauert, bis er überhaupt in der Lage war, seine Situation zu erfassen.

Anfangs war da nur Dunkelheit gewesen – Dunkelheit in ihm und um ihn – ein Zustand der Bewusstlosigkeit, in dem er aber irgendwie in der Lage war, die Geschehnisse um sich herum wahrzunehmen, jedoch so, als wären sie in einer anderen Welt – in einer Welt weit weg – in einer Welt, in der er selbst keine Rolle mehr spielte. Das ist der Anfang vom Sterben, hatte er gedacht.

Inzwischen wusste er, dass er noch lebte. Und in dem Moment, als er das erfasst hatte und sich seiner Lage halbwegs bewusst wurde, da war in ihm das Gefühl des Bedauerns darüber aufgestiegen.

Zwischen Dunkelheit und Bewusstsein hatte er dann die Schreie gehört – dumpf und aus weiter Ferne. Es waren Schreie des Schmerzes und der Todesqual gewesen. Immer wieder – verzweifelt und schrill. Und dann Stille – für eine Weile. Bis es erneut anfing.

Auf einmal hatte er sie dann deutlicher gehört, die Schreie der Frau. Qualvoll und gepeinigt hatten sie ihn in seinen Zustand der Bewusstlosigkeit verfolgt und sich ihm, wie klamme Finger, würgend um den Hals gelegt.

Und irgendwann waren es mehrere Frauen gewesen, die sich in seiner Dunkelheit um ihn herumbewegt hatten, hilfesuchend ihre Hände nach ihm ausstreckend und verzweifelt versuchten, ihn mit sich in die endlose Finsternis zu ziehen. In die Finsternis, aus der es kein Entrinnen mehr gab.

Manchmal, wenn es still war und die Finsternis um ihn herum ihren Griff lockerte, dann nahm er jemanden wahr, der ihm Wasser aus einer Flasche einflößte. Und dann spürte er, dass es das war, wonach sein ausgetrockneter Körper gelechzt hatte. Und dieser Jemand hievte ihn auch auf einen Stuhl, in den ein Loch gesägt war, damit er dort seine Notdurft verrichten konnte.

Er konnte kein Gesicht sehen, aber dem Geruch nach war es ein Mann. Und der Geruch erinnerte ihn an etwas. Doch bevor er fähig war, einen Gedanken zu fassen, ergriff die Dunkelheit wieder Besitz von ihm und nur die leise Panik, die der Geruch in ihm verursachte, warnte ihn, dass dieser Mann kein Freund war.

Und dann, irgendwann in dieser Zwischenwelt, wurde die dunkle Seite heller und ließ zu, dass er erkannte. Aber das, was er da erkannte, war noch schlimmer als die tiefste Dunkelheit.

Montag, 23. Juli 2018

Barcelona, Kongresszentrum

»Jetzt sind Sie dran.« Die Brünette mit den Grübchen und dem Headset lächelte ihm zu und deutete mit der Hand in Richtung Bühne.

Mateo fühlte, wie ihm der Schweiß ausbrach. Er hätte nicht zusagen sollen. Er wusste ja eigentlich, dass es seit seiner Entführung, damals vor sechs Jahren, immer noch Situationen gab, die Panikanfälle bei ihm auslösten. Hastig zog er ein Taschentuch aus seiner Hosentasche und tupfte sich über die Stirn. Er war der Bitte eines Kollegen gefolgt und nur deshalb, weil ihm das Thema auf der Seele brannte und das Symposium hier in Barcelona im Internationalen Kongresszentrum CCIB stattfand, hatte er eingewilligt, auf dem Kongress der Europäischen Gesellschaft für Humangenetik, ESHG, zu sprechen.

Die Brünette musterte ihn besorgt und ging dann einen Schritt auf ihn zu. »Sie machen das zum ersten Mal?«

Mateo nickte, obwohl es nicht ganz stimmte. Es war nur das erste Mal seit sechs Jahren. Aber das konnte er ihr jetzt nicht erklären.

»Das Lampenfieber davor ist ganz normal«, flüsterte sie, erneut lächelnd, und aufmunternd nickend. »Denken Sie immer daran, dass Sie viel mehr wissen als alle da draußen zusammen. Sie sind so eine Koryphäe, dass allein schon die Tatsache, dass Sie hier sind, genügen würde.«

Mateo lächelte müde. Ihre Begeisterung war für ihn eigentlich eher bitter, denn sie war nur dem geschuldet, dass er einem Team von herausragenden Wissenschaftlern angehörte. In seinen Augen war das gar nichts. Er lebte vom Ruhm des Teams, in dem er aber nur ein kleines Rädchen war. Und das war ihm viel zu wenig. Er wollte selbst Geschichte schreiben und sie alle wussten noch nicht, dass er damit bereits auf der Zielgeraden war. Doch er musste vorsichtig sein. Zu oft schon war er mit seiner Kritik an der Genmanipulation aufgefallen. Und auffallen wollte er jetzt noch nicht.

Die Brünette unterbrach seine Gedanken, als sie den Arm hob und den Vorhang zur Bühne ein wenig zur Seite schob. »Sobald Sie dort stehen, ist das Lampenfieber wie weggeblasen«, flüsterte sie noch und war dann im Dunkel der Kulissen verschwunden.

»Und nun darf ich Ihnen einen der ganz großen Wissenschaftler unserer Zeit ankündigen. Es ist uns eine Ehre, dass er sich bereit erklärt hat, uns heute über die neueste wissenschaftliche Entwicklung in der Genforschung zu berichten: die Genschere CRISPR/Cas9 und ihre ethische Problematik. Freuen Sie sich mit mir auf Professor Mateo Ramirez vom IBUB.«

Tosender Beifall erfüllte den Saal. Mateo holte noch einmal tief Luft und trat auf die Bühne. Wie in Trance schüttelte er dem Vorsitzenden die Hände.

»Meine sehr geehrten Damen und Herren.« Mateo hatte kaum die ersten Worte gesprochen, da fiel die Panik von ihm ab, als hätte er einen Umhang abgeworfen. Er fühlte sich plötzlich völlig entspannt und ganz in seinem Element. »Ich freue mich, Ihnen heute von einer wissenschaftlichen Errungenschaft erzählen zu können, die unser Leben schon jetzt verändert hat und in Zukunft noch mehr verändern wird: der sogenannten Genschere CRISPR/Cas9. Nachdem die meisten von Ihnen mehr mit der juristischen Welt als mit der wissenschaftlichen Materie vertraut sind, möchte ich Ihnen erst einmal einen kurzen Abriss der Fakten geben.

Als die Wissenschaft Anfang 2000 dabei war, die Erbsubstanz zu entschlüsseln, da dachte man, es würde einen Knall geben, eine Tür würde sich öffnen und man könnte dann den kompletten Menschen im gleißenden Licht der Wissenschaft bis ins kleinste Detail erkennen, zerlegen und verstehen.

Die Realität war jedoch, dass es hinter der Tür stockfinster war und man beschämt mit den Worten des Sokrates feststellen musste: ›Ich weiß, dass ich nichts weiß‹. Aber dank der intensiven Arbeit von so großartigen Wissenschaftlern wie Emmanuelle Charpentier stehen wir heute zumindest in einem etwas helleren Raum.«

Ramon saß mit einer kleinen Gruppe seiner Jurastudenten in der vorletzten Reihe. Sie waren durch Beziehungen an Karten für den Vortrag gekommen und Ramon hatte das Los entscheiden lassen, wer von seinen zukünftigen Juristen das Glück haben würde, dabei zu sein.

Dass er vor drei Jahren die Stelle als Dozent für Jura an der Universitat Pompeu Fabra, kurz UPF, bekommen hatte, hatte er hauptsächlich seinem früheren Doktorvater zu verdanken.

Jetzt lauschten sie alle gebannt den Ausführungen des Wissenschaftlers.

»Das, was wir heute über die menschliche DNA wissen, möchte ich Ihnen kurz aufzeigen. Und damit es nicht zu kompliziert für Sie wird, versuche ich es mit einem Bild.

In jeder einzelnen unserer Zellen tragen wir unser Erbgut: die DNA. Sie ist der Bauplan für Aussehen, Interessen, Essgewohnheiten, Krankheiten und vieles mehr, das unser ganz persönliches Leben prägt.

Jede Zelle stirbt einmal und der Körper muss eine neue, identische Zelle herstellen, damit das Organ so bleibt, wie es sein soll. Jeden Tag werden unzählige dieser neuen Zellen in unserem Körper produziert. Und dazu braucht es eine Bauanleitung, damit die neuen Zellen exakt ihrem Vorgänger entsprechen. Um die Zelle wieder identisch herzustellen, wird der Bereich aus der DNA, auf dem die Bauanleitung steht, von einem Enzym kopiert. Daraus wird dann die neue, genau gleiche Zelle hergestellt. Das ist so, als würden Sie ein Rezept kopieren.

Und wie beim Kochen brauche ich unterschiedliche Rezepte. Für Bohnensuppe benutze ich eine andere Anleitung als für Kürbissuppe. Für Leberzellen brauche ich eine andere Anleitung als für Nierenzellen. Damit die jeweiligen Enzyme wissen, in welchen Bereichen der DNA die Bauanleitung für ihre Zelle steht, ist diese markiert. So, wie man in ein Kochbuch ein Lesezeichen legt. An der Stelle, an der das Lesezeichen steckt, beginnt dann die richtige Anleitung. Kommt das Enzym an die falsche Stelle, oder ist das Rezept zu Ende, wird das Enzym blockiert und kann nicht weiterlesen.

Hier kommt jetzt die geniale Wissenschaftlerin Frau Emmanuelle Charpentier zum Einsatz. Sie wollte die Mechanismen verstehen, die die infektionsabhängigen Prozesse steuern. Dabei hat sie spezielle Sequenzen in den Genen entdeckt, die sich wiederholen. Diese gehören zu einem System, das Bakterien dabei hilft, Viren zu zerstören.

Dazu muss man wissen, dass Viren die Feinde allen Lebens sind. Sie schmuggeln falsche Informationen in unsere Gene und unsere Enzyme haben dann falsche Bauanleitungen. So entstehen viele Krankheiten. Die Viren greifen sogar Bakterien an. Deshalb haben die Bakterien ein System entwickelt, um Viren zu zerstören. Wir können jetzt das System der Bakterien dazu benutzen, um Gensequenzen zu verändern. Es heißt CRISPR/Cas9. Da es sehr einfach und effizient Gene aus der DNA entfernt, nennt man es auch die ›Genschere‹.

Das habe ich jetzt sehr vereinfacht dargestellt. Im Grunde ist das Ganze immens komplex und kompliziert und wir stehen noch ganz am Anfang der Forschung.

Dennoch wissen wir inzwischen, dass unsere Gene weitaus mehr enthalten als nur Informationen, die unseren Körper beeinflussen. Sie speichern auch Erlebnisse unserer Vorfahren, über viele Jahrhunderte, die jetzt vielleicht wie ein Film abrufbar sein werden.«

Wie ein Blitz durchfuhr Ramon dieser Satz des Professors. Er musste sofort an Sophie denken. »Genetisch gespeicherte Erinnerungen«. Das war vielleicht die Erklärung für den »Traum« den sie vor sechs Jahren gehabt hatte. Er hätte gerne noch viel mehr über dieses Thema erfahren, aber das war zu seinem Bedauern nur eine Randbemerkung im Vortrag gewesen. Der Professor nahm bereits einen neuen Gedankenfaden auf.

»Man wird in Zukunft Großes mit der Genschere CRISPR/Cas9 erreichen. Krankheiten wie Alzheimer, Krebs und Erbkrankheiten aller Art wird man ganz unkompliziert heilen und Erbgut verändern können, so dass Kinder nicht mehr mit genetischen Schäden geboren werden. Ja man kann möglicherweise Kinder sogar so planen, wie man sie gerne möchte. Man wird das Altern aufhalten können, so dass Menschen nicht mehr mit neunzig Jahren an ihren Gebrechen sterben, sondern mit zweihundert oder dreihundert Jahren noch jugendlich aussehen und irgendwann einfach tot umfallen.

Sie werden jetzt denken: ›Dieser Wissenschaftler ist doch völlig verrückt‹. Aber erinnern Sie sich bitte einmal an Ihre Urgroßeltern und stellen sich vor, jemand hätte damals gesagt: ›Eure Enkel werden ein Foto schießen und innerhalb von zehn Sekunden rund um den Globus schicken, so dass es jeder auf der Welt sehen kann‹. Was hätten die dann dazu gesagt?

Um nun wieder zum Thema zurückzukommen. Das alles ist keine Spinnerei. Es ist Realität.

Fakt ist, dass mit Hilfe von CRISPR jede Zelle und jedes Genom, also auch die Erbsubstanz, umgeschrieben werden kann.

Diese CRISPR/Cas-Methode ermöglicht nun DNA-Manipulationen von bislang ungeahnter Präzision und Bandbreite. Denn diese Art der Genmanipulation ist viel, viel einfacher als alles Bisherige. Sie ist so simpel, dass man sie in jedem Labor vornehmen kann.

Wir leben in einer Zeit, in der das Undenkbare möglich geworden ist und wir in die Vererbung des Menschen eingreifen können.

Und an dieser Stelle treten nun Sie auf den Plan. Wir brauchen dringend eine ethische Basis für diesen neuen Bereich der Wissenschaft. Was ist erlaubt? Und wem ist es erlaubt? Wie weit dürfen wir gehen? Darf man entscheiden, welche Gene im Genom von Embryonen bleiben und welche verändert werden? Oder begnügt man sich damit, Krankheiten bei jedem Einzelnen zu heilen? Denn wenn die Gene der Erbsubstanz verändert werden, dann kommen sie in den Genpool. Das bedeutet eine Veränderung der ganzen Spezies Mensch, die nie mehr rückgängig gemacht werden kann.

Man darf nicht vergessen, dass diese Forschung noch sehr jung ist und man überhaupt noch nicht absehen kann, welche unbeabsichtigten, fatalen Veränderungen sie im Erbgut verursachen könnte.

Denken Sie daran: Genmanipulation ist nicht erkennbar. Es ist nicht wie Strom oder Energie, die man messen kann. Genveränderungen werden weitergegeben, ohne dass wir es wissen. Möglicherweise sehen wir erst Generationen später die Auswirkungen. Und wir wissen nicht, wie diese dann aussehen.

Deshalb brauchen wir dringend Gesetze, die uns vor leichtsinnigen Laien und zu ehrgeizigen Wissenschaftlern schützen. Und wir brauchen ethische Grenzen.

Mein Kollege Baltimore hat gesagt: ›CRISPR ist wie ein Hochgeschwindigkeitszug, der den Bahnhof schon verlassen hat – keiner kann ihn mehr stoppen‹. Die Frage ist, ob wir ihn wenigstens bremsen und die Methode wirklich nur für gute Zwecke einsetzen können.

Wir müssen handeln, um uns vor uns selbst zu schützen. Und das so schnell wie möglich. Das ist die Aufgabe von Ihnen: Juristen, Ethiker und Geisteswissenschaftler sind jetzt gefragt. Wir brauchen Grenzen, die sinnvoll sind.

Wir dürfen nicht vergessen, dass es in China bereits Wissenschaftler gibt, die offiziell die ersten, mit CRISPR/Cas9 veränderten menschlichen Embryos erzeugt haben. Diese waren zwar von Anfang an nicht lebensfähig, aber die Technik schreitet rasant voran. In den USA laufen ebenfalls Versuche, bei denen Embryonen gentechnisch verändert werden.

Legen wir also Grenzen fest, bevor wir vor Tatsachen stehen, die unser Leben unwiderruflich und mit unabsehbaren Konsequenzen verändern. Es ist nicht einfach, aber wichtiger als jede andere Entscheidung – und zwar heute und nicht erst morgen.

Vielen Dank meine Damen und Herren.«

Der Beifall war tosend. Zu sehr betraf das Thema jeden Einzelnen, als dass es hätte die Zuhörer kalt lassen können.

*

Zügig stand Ramon auf. »Wir treffen uns nachher auf der Terrasse der Banketthalle.« Seine Worte an die fünf Studenten gingen im stürmischen Beifall des Publikums unter. Eilig bahnte er sich einen Weg durch die aufbrechende Zuhörerschaft Richtung Rednerpult. Es drängte ihn, mit dem Wissenschaftler Kontakt aufzunehmen. Und er hatte Glück. Vor ihm, im Gespräch mit Mateo Ramirez, stand nur ein grauhaariger Mann mit einer altmodischen Stoffhose und einem Trenchcoat. Bereits nach ein paar Minuten schüttelten sich die Männer die Hände und der Trenchcoat wandte sich zum Gehen. Im Umdrehen trafen sich ihre Augen. Ramon durchzuckte es. Die Augen. Er kannte sie – diesen Blick. Aber er wusste nicht woher. Er hatte den Mann vorher noch nie gesehen.

»Sie wollten mich sprechen?« Der Wissenschaftler riss ihn aus seinen Gedanken.

»Oh ja, entschuldigen Sie. Ich dachte nur, ich kenne diesen Mann.«

Mateo Ramirez lächelte. »Nun, dann haben Sie mir etwas voraus. Ich habe ihn eben erst kennengelernt. Er ist ein englischer Forscher.« Er drehte die Visitenkarte um und warf einen Blick darauf. »David Cambridge.«

»Entschuldigen Sie«, Ramon reichte Mateo Ramirez die Hand, »ich habe mich noch gar nicht vorgestellt. Mein Name ist Ramon Carroz und ich bin Dozent an der UPF. In Ihrem Vortrag haben Sie von genetischen Erinnerungen gesprochen und das hat mich an eine Freundin von mir erinnert. Sie hatte einen Traum, der sich nachträglich als historisch wahr herausgestellt hat. Vielleicht können Sie mir ja dazu etwas erklären. Die Frage, wie das wissenschaftlich möglich ist, beschäftigt mich schon sehr lange.«

Mateo Ramirez begann zu schwitzen. Er spürte, wie ihm schwindlig wurde. Das war genau das Puzzleteil, wovon er geträumt hatte, das Teil, das ihm in seiner geheimen Forschungsarbeit noch gefehlt hatte: ein Mensch, bei dem sich schon einmal unabhängig von einer Hypnose eine genetische Erinnerung gelöst hatte. Wenn das stimmte, dann war das die Entdeckung auf seinem Weg zum Ruhm. Er war völlig überzeugt, dass diese sogenannten Rückführungen, in denen ein Mensch im Trancezustand vermeintlich über seine vorherigen Leben erzählte, einen wissenschaftlichen Hintergrund hatten.

»War dieser Traum in Hypnose?«, erkundigte er sich. Er versuchte, gelassen zu wirken, obwohl sein Puls schon wie ein Wasserfall in den Ohren rauschte.

»Nein.« Ramon schüttelte den Kopf. »Sie hat einen Tee aus einer alten afrikanischen Wurzel zu sich genommen.«

Mateo hatte Mühe, seine Aufregung zu unterdrücken. »Das ist eine faszinierende Geschichte, die Sie mir da erzählen und ich würde mich unheimlich gerne mit Ihnen treffen und mehr darüber erfahren.« Er griff in seine Tasche und drückte Ramon seine Visitenkarte in die Hand. »Bitte melden Sie sich bei mir.«

»Sehr gerne.« Ramon hatte nicht mit einem so großen Interesse des Professors gerechnet. Er zog ebenfalls seine Visitenkarte heraus und konnte sie Mateo Ramirez gerade noch in die Hand drücken, als ein junger Mann mit einem Satz auf die Bühne sprang.

»Herr Ramirez, darf ich Sie ganz kurz stören?« Und ohne ein »Ja« oder »Nein« abzuwarten ratterte er weiter. »Ich bin ein großer Fan von Ihnen. Sie nehmen die Wissenschaft und Forschung ernst, aber ohne nur auf Gewinn zu spekulieren und vor allem ohne die Ethik aus dem Blick zu verlieren.« Er reichte Mateo die Hand und gleichzeitig mit der anderen eine Visitenkarte. »Ich bin freier Journalist und arbeite für die El Mundo.«

Ramirez hatte gar keine andere Wahl, als dem Journalisten seine Aufmerksamkeit zu schenken, aber Ramon hatte schon mehr erreicht, als er erwartet hatte. Vielleicht konnten sie sich bald einmal mit Mateo Ramirez treffen. Er betrachtete im Hinausgehen die Visitenkarte des Wissenschaftlers.

Den Mann im Trenchcoat hatte er schon wieder vergessen.

Barcelona

Es war bis ins kleinste Detail genauso gelaufen, wie er es sich vorgestellt hatte. Seine erste Reise wieder nach Barcelona zurück war völlig unauffällig gewesen. Sein erster Versuch, nach sechs Jahren zurück nach Europa zu kommen, war damit gelungen. Er hatte den Mann getroffen und das, was der gesagt hatte, war sehr hilfreich für seine weiteren Pläne.

Aber jetzt hatte es einen Rückschlag gegeben. Er war sich zwar sicher, dass die Spuren nichts ergeben würden, denn er war sehr vorsichtig gewesen. Aber trotzdem ärgerte es ihn. Es wäre gar nichts passiert, wenn er den Schlüssel für den Eingang der Klinik gehabt hätte, aber letztendlich würde der kleine Einbruch bald in Vergessenheit geraten sein. Niemand wusste um das Kuckucksei – oder sollte man besser sagen um »die Kuckuckseier«. Ein teuflisches Grinsen zog sich über sein Gesicht.

Und morgen würde er wieder den gleichen umständlichen Weg zurück nehmen, wie er nach Barcelona gekommen war. Und dieser würde für niemanden nachvollziehbar sein. Er hatte noch eine Rechnung offen, dort, wo er die letzten Jahre hatte verbringen müssen – er und Torian. Diese Rechnung musste er noch begleichen. Dann würde er das schreckliche Land für immer hinter sich lassen, das Land, welches die letzten Jahre seine Zuflucht gewesen war.

Er hörte das leise Wimmern von Pedro. Es war selten, dass der sich noch meldete.

Eine Weile hatte es so ausgesehen, als ob Pedro sich gegen ihn und Torian auflehnen wollte. Damals hatte er die Frechheit besessen, eine der Frauen zu befreien. Er und Torian hatten geschlafen und es nicht bemerkt. Und dann war Torian wach geworden, hatte die Frau zum Glück wieder geschnappt und Pedro gezeigt, wer der Meister war. Seine Wut war grenzenlos gewesen und Samuel hatte fasziniert zugesehen, welche unvorstellbaren Ausmaße Torians Raserei annehmen konnte.

Danach hatte Pedro nie wieder aufgemuckt und nur noch ab und zu gewimmert. Torian und er hatten ihm gezeigt, wer die Herren in diesem Körper waren.

Er sah sich in dem mickrigen Zimmer des heruntergekommenen Stundenhotels um. Die zerschlissenen Tapeten erinnerten Pedro plötzlich an etwas. Er schrie auf. »Du darfst sie nicht schlagen!« Pedro war wieder der kleine Junge, der versuchte, seine Mutter vor dem gewalttätigen Vater zu beschützen. »Nein!«, schrie er, »Nein!«

Und wie damals tauchte plötzlich Samuel auf. »Halt die Klappe, Pedro«, fauchte er jedoch diesmal.

Als er damals den Vater getötet hatte, war es Pedro wie eine Befreiung erschienen.

Jetzt wusste er, dass es der Anfang der Sklaverei durch Samuel und Torian gewesen war. Und diese Sklaverei hatte ihren Höhepunkt der Grausamkeit noch lange nicht erreicht.

Dienstag, 24. Juli 2018

Barcelona

»Ramon, ich weiß nicht. Das ist doch für einen Wissenschaftler völlig belanglos.« Sophie schüttelte den Kopf und strich sich unwirsch eine Haarsträhne aus dem Gesicht.

»Professor Ramirez schien das aber anders zu sehen.« Ramon war enttäuscht, dass Sophie nicht ebenso begeistert war wie er. Sechs Jahre war es her, seit Sophie diesen »Traum« gehabt hatte. Sie hatte dabei ein Stück von der Vergangenheit der Insel Mallorca erlebt und im Nachhinein hatte es sich erwiesen, dass diese Erlebnisse historisch genauso geschehen waren. Aber keiner von ihnen konnte sich das wirklich erklären und er hatte Sophie versprechen müssen, niemandem davon zu erzählen.

»Ich will einfach nicht, dass mich jemand für übergeschnappt hält und ich will auch nicht nach Barcelona reisen, nur damit ich dann in die Psychiatrie eingeliefert werde.«

»Sophie, jetzt übertreibst du aber.« Ramon musste lachen. »Der Professor hat in seinem Vortrag erwähnt, dass sich Erlebnisse über Generationen vererben können und du bist ja verwandt mit dem Vorfahren, dessen Geschichte du im Traum erlebt hast. Es wäre vielleicht gut für dich zu wissen, dass es eine wissenschaftliche Erklärung für diesen Traum gibt.«

Sophie runzelte die Stirn.

»Und außerdem«, fügte Ramon hinzu, bevor sie wieder einen Einwand bringen konnte, »hat mein afrikanischer Freund Tajo damals gesagt, dass dieser Tee aus der Wurzel, den ich dir gegeben habe, ›manchmal eine Tür in die Vergangenheit öffnen kann‹ und das lässt sich jetzt vielleicht wissenschaftlich erklären.«

Sophie schwieg immer noch.

»Bitte, Sophie,« setzte er hinzu. »Es ist auch für mich wichtig – und für uns beide.«

Sophie sah auf und direkt in seine Augen. Eine Woge von Emotionen erfasste sie, wie jedes Mal, wenn sie ihn ansah. Emotionen, die sie vom ersten Moment an hatte. Und für einen Augenblick sah sie ihn genau so vor sich, wie er damals ausgesehen hatte: mit der Mönchskutte, bleich, die dunklen Augen tief in den Höhlen liegend und mit einer wulstigen roten Narbe, die sich quer durch sein Gesicht gezogen hatte. Man sah jetzt, fünf Jahre nach der plastischen Operation, gar nichts mehr davon, wie entstellt er gewesen war.

Sophie spürte diese tiefe Verbundenheit, die zwischen ihnen schon immer gewesen war und wie ein Film liefen die Bilder aus ihrem Traum damals ab: Die mondhelle Nacht am Saum des Meeres, das Rauschen der Wellen, die am Ufer ausrollten, ein flackerndes Feuer unter dem endlosen Sternenhimmel und zwei Freunde, die zusammen lachten und tranken und deren Freundschaft nichts trennen konnte. Ramon und sie, das war mehr als nur der Augenblick - es war Geschichte.

Sophie lächelte. Vielleicht war es ja wirklich wert, den Professor wenigstens anzuhören. »Also gut. Ich bin einverstanden. Aber ich werde dafür nicht wieder nach Barcelona fliegen. Wenn, dann muss er nach Palma kommen.«

Ramon zwinkerte verschmitzt. »Das war mir von vornherein schon klar.«

Sie legte den Kopf schief und grinste. »Du hast gar nicht damit gerechnet, dass ich ablehne, oder?«

Zärtlich lächelnd nahm er ihre Haarsträhne und kitzelte sie damit an der Nase. »Nein. Natürlich nicht.«

Ihre wenig überzeugende Entrüstung erstickte er mit einem Kuss. Erst als sie später zerzaust und lachend aus dem Schlafzimmer kamen und bei einer Tasse Eiskaffee den Blick von Ramons Dachterrasse über das sommerliche Barcelona genossen, fiel Sophie auf, dass sie sich gar nicht nach den Details des Genetikvortrags erkundigt hatte.

»Das ist schon eine Hausnummer.« Ramon nahm einen Schluck von seinem Eiskaffee. »Mit dieser sogenannten ›Genschere‹ kann man eigentlich so ziemlich alles am Menschen verändern. Man braucht nur ein wenig Grundwissen in Labortechnik und Genetik.«

»Klingt erschreckend«, Sophie schleckte nachdenklich das Vanilleeis von ihrem Löffel ab, »aber auch irgendwie spannend.«

»Das Problem ist, dass man, wie immer, Wissen nicht aufhalten kann. Wenn eine wissenschaftliche Entdeckung gemacht ist, dann wird sie genutzt - ob im Guten oder im Schlechten. Und leider gibt es immer genug Menschen, bei denen sich alles nur um Macht und Geld dreht.«

»Hm«, Sophie runzelte die Stirn, »du meinst, es wird tatsächlich im Erbgut herumgepfuscht?«

Der leichte Wind blies ihr eine Haarsträhne ins Gesicht, die sie nachdenklich hinter das Ohr schob. Unter ihnen flimmerte die Stadt in der Julihitze und der Lärm des Großstadtverkehrs drang gedämpft herauf und gab ihnen das Gefühl, am Puls des Lebens teilzuhaben.

Ramon hatte das Geld, das er von seinen Eltern geerbt hatte, in eine Penthauswohnung direkt an der Avinguda Diagonal gesteckt. Es war ein altes, klassizistisches Gebäude aus großen Sandsteinblöcken mit einem runden Turm, dessen hohe, schmale Fenster rundum Sicht auf die Stadt boten und in dem sich nichts weiter befand, als ein großes Loungebett im arabischen Stil mit bunten Kissen und einer weißen Sommerdecke.

Vom kleinen Pool der Dachterrasse konnte man direkt auf die Sagrada Familia schauen, deren filigrane Gaudi-Türme anmutig in den blauen Himmel wuchsen.

Am meisten liebte Sophie die dunkelbraunen Loungemöbel mit den weißen Kissen im Schatten der Palmen, die in riesigen Töpfen aus Terrakotta und bunten antiken Fliesen erfrischenden Schatten spendeten und leise im Sommerwind raschelten.

Nicht zu vergessen die Außenküche, in der sie fast immer irgendetwas zauberte, wenn sie Ramon besuchte.

Ramon nickte. »Das große Problem an der Sache ist, dass es noch keine rechtlichen Grundlagen gibt, weil die Forschung schneller fortschreitet, als die Rechtsprechung Gesetze verabschieden kann. Außerdem ist es eine weltweite Forschung und jeder Staat hat andere Vorstellungen von Ethik und Grenzen der Genetik. In China forscht man zum Beispiel ohne Skrupel sogar an genmanipulierten Embryonen, während in Deutschland bereits genveränderte Lebensmittel gekennzeichnet werden müssen. Wie soll man da auf einen Nenner kommen?«

Sophies Blick schweifte nachdenklich in die Ferne. Aus dem Radio ertönten die letzten Klänge von Enrique Iglesias, bevor der Nachrichtensprecher die Sommerstimmung mit den neuesten Meldungen zerriss. »... Beim Einbruch in das Institut March wurde nach derzeitigem Stand nichts entwendet. Wie die Polizei berichtet, wurde der Einbrecher gestört und drang nur in den Eingangsbereich vor. ›Wir versprechen unseren Klienten, dass wir für größtmögliche Sicherheit gesorgt haben und keiner unserer mehrfach geschützten Laborbereiche in irgendeiner Weise von Unbefugten betreten werden kann‹, so der Klinikleiter in einem Interview.

Der Eingang des Institut March wird vorläufig von der Polizei überwacht.

Madrid. Die Hauptstadt ...«

»Institut March? Ist das nicht diese Kinderwunschklinik hier ein ganzes Stück die Straße runter?«, sinnierte Sophie.

»Beim Thema Kinderwunschkliniken bin ich überfragt.« Ramon lachte. »Aber was könnte man dort denn bei einem Einbruch mitnehmen?«

»Keine Ahnung.« Sophie zuckte mit den Schultern und schlürfte an ihrem Kaffee. »Vielleicht war es gar kein Mann, sondern eine Frau, die eine Samenspende klauen wollte, weil ihr Freund durchgebrannt ist«, kicherte sie.

»Als Profilerin wärst du eine Katastrophe«, konstatierte Ramon trocken.

Sophie lehnte sich entspannt in ihrem Sessel zurück und schloss die Augen. »Wäre mir auch viel zu stressig.«

Ramons Handy piepste.

»Neuigkeiten?«, erkundigte sich Sophie und sah ihn an.

»Nein, nichts Wichtiges.«

Aber Sophie meinte, einen gestressten Unterton in seiner Stimme gehört zu haben.

Die Sonne war längst am Horizont untergegangen und die Dämmerung begann in die Nacht überzugehen.

Mateo schaltete das Licht im Labor an.

Lorena war ein paar Tage zu ihrer Mutter gefahren und das war wieder einmal eine Gelegenheit, die chemischen Experimente für sein Projekt weit in die Nacht auszudehnen. Im Gebäude wurde es stiller und nach und nach erloschen in allen Büros die Lichter. Mateo verriegelte die Türe seines Labors von innen und schaltete auf Nachtlicht um. Es war inzwischen schon fast Mitternacht und er wusste, dass er nun bestimmt alleine im Gebäude war, nur mit dem Nachtwächter Mauro, der seine Vorliebe für nächtliche Arbeit kannte und sich nicht groß um ihn kümmerte.

Die neue Putzfrau hatte vor einer Stunde schon sein Labor verlassen und ihm eine gute Nacht gewünscht. Mateo war irgendwann aufgefallen, dass sie eine Schwäche für ihn hatte, denn sie verbrachte mehr Zeit als nötig damit, den Raum zu säubern, und lächelte ihn immer wieder an. Und er bemühte sich, ihr keine Hoffnungen zu machen, ohne deshalb abweisend zu wirken. Öfter mal fand er ein kleines Schokoladentäfelchen auf seinem Tisch und vermutete, dass es von ihr war. Und jedes Mal legte er ein Post-it-Zettelchen an die Stelle, auf das er einfach »Danke« schrieb. Früher wäre er niemals darauf gekommen, so etwas zu tun, aber als er vor einigen Jahren bei einer Entführung beinahe umgebracht worden wäre, da hatte er manches in seinem Leben überdacht und geändert. Seitdem war er ein zufriedenerer Mensch geworden und, so wie er es empfand, auch ein besserer.

Ein Lächeln glitt über sein Gesicht, denn er musste unwillkürlich an Lorena denken. Seit zwei Jahren waren sie jetzt ein Paar und erst, seit er sie kannte, war sein Leben wieder voller unbeschwerter und glücklicher Momente. Sie war eines Tages beim Petanca, dem spanischen Boule, aufgetaucht und ihre Lebensfreude hatte ihn sofort eingefangen. Er liebte sie und sobald seine Forschung abgeschlossen war, wollte er ihr einen Heiratsantrag machen.

Mateo warf kurz einen Blick über die Schulter auf das Fenster hinter sich, dessen heruntergelassener Rollo den Blick aus dem Flur in sein Büro hinein versperrte. Obwohl er wusste, dass es unnötig war, kontrollierte er das stets. Er ließ das Rollo jedes Mal am Abend herunter. Und trotzdem sicherte er sich immer ab. Immer.

Er zog seine Halskette aus dem Hemd und ein schmaler rechteckiger Anhänger, auf dem der Name Lorena mit einem Herzen darunter eingraviert war, kam zum Vorschein. Mateo nahm eine Stecknadel und stach in die Herzspitze. Der Anhänger schnappte auf und Mateo holte einen kleinen Schlüssel heraus, der darin lag. Dann verstaute er den Anhänger wieder unter seinem Hemd und ging hinüber zum Bücherregal. Er entnahm den Anatomieatlas, strich mit der flachen Hand über die Rückseite des Regales, löste mit den Fingern eine winzige Abdeckung und steckte den Schlüssel in das kaum sichtbare Schloss, das dahinter zum Vorschein kam. Auch hier sprang ein Deckel auf und Mateo griff nach links hinter die Wand und zog den dort verborgenen Ordner heraus.

Lächelnd legte er ihn vor sich auf den Schreibtisch. »Memoriam Prodere« stand in großen Buchstaben auf dem Deckel. »Erinnerung weitergeben«.

Er lächelte immer noch, als er den Ordner aufschlug. Seine Arbeit an dem Projekt war fast fertig. Und es würde einschlagen wie eine Bombe, wenn er es veröffentlichte. Er würde in einem Atemzug mit großen Wissenschaftlern wie Pierre und Marie Curie genannt werden und er würde von da an der Stephen Hawking der Genforschung sein. Er brauchte nur noch das Treffen mit der Freundin von Ramon Carroz. Den Flug nach Palma, am 1. August, hatte er schon gebucht. Und er hoffte, gleich nach dem Gespräch auch die Untersuchung von Sophie anschließen zu können. Dann würde seiner Karriere nichts mehr im Weg stehen.

Freitag, 27. Juli 2018

Barcelona

Die untergehende Sonne zog einen gelborangen Streifen zwischen das azurblaue Meer und den Horizont. Ein paar Wolken, die sich an den Abendhimmel verirrt hatten, waren wie zartorange Schleier in den hellblauen Himmel gewebt, zwischen denen anmutig ein paar Möwen kreisten. Sogar die Brandung rauschte leiser und vermischte sich mit den Stimmen der letzten Besucher, die mit ihren Badesachen den Strand verließen. Der Peix d’Or, der goldene Fisch, funkelte im Licht der letzten Sonnenstrahlen und die Hitze des Tages wandelte sich nach und nach in eine milde Wärme.

Sophie stand am Strand. Der sanfte Wind spielte mit dem Chiffonrock ihres türkisfarbenen Kleides und fuhr durch ihre Haare. Ramon dachte, dass sie noch nie so bezaubernd ausgesehen hatte wie heute.

Er fasste ihre Hand und zog sie lachend bis an den Saum des Meeres, an dem die Wellen langsam und orange glitzernd ausrollten. Es roch nach Salz und Sonne, nach Freiheit und nach Sehnsucht.

Sie standen sich einen Moment gegenüber, ihre Augen versanken ineinander und Sophie fühlte, wie eine Gänsehaut über ihren Körper lief. Wie immer, wenn ihr Blick in seinen tauchte, spürte sie eine tiefe Verbundenheit, deren Flut an Emotionen sie nicht beschreiben konnte. Es war, als würden sie beide schwebend treiben in einer anderen Welt.

Ramon kniete sich vor sie hin. »Sophie, du bist das Beste, das ich auf dieser Welt jemals getroffen habe. Ich bin nie so glücklich wie in deiner Gegenwart. Möchtest du meine Frau werden?«

Sophie war, als würde sich die Welt vor ihr drehen. Tränen schossen in ihre Augen und ihre Stimme klang rau. »Ja, Ramon, das möchte ich. Ich liebe dich.«

Ramon stand auf, zog eine verschlossene Jakobsmuschel aus der Tasche und öffnete sie. Sie war mit Sand gefüllt und in der Mitte glitzerte ein goldener Ring mit einem Saphir.

Als Ramon Sophie den Ring an den Finger steckte und sie zärtlich küsste, versank die Sonne orangerot im Meer.

Montag, 30. Juli 2018

Kairo

Der kleine Friseurladen im hintersten Winkel der Millionenstadt Kairo wäre im Vorbeigehen niemandem aufgefallen. Vermutlich wäre angesichts der windschiefen Holztür mit dem verblichenen Lamellenrollo auch niemand auf die Idee gekommen, dass sich dahinter ein Friseurladen befinden würde. Außer man hätte genauer hingeschaut und die dralle, dunkelhäutige Besitzerin beim Haareschneiden gesehen. Aber es kamen selten Fremde in den abgelegenen Winkel der Stadt und so waren die Kunden von Mama Neilah fast ausschließlich ihre Nachbarn und die anderen Leute aus dem Viertel. Jeder dort kannte Mama Neilah und jeder mochte sie, weil sie diese warme Mütterlichkeit ausstrahlte, die man so selten fand und weil sie immer ein offenes Ohr für alle hatte. Mama Neilah sah so aus, wie ihr Name vermuten ließ: klein und rund mit kaffeebrauner Haut und einem stets freundlichen Lächeln in ihren großen dunklen Augen. Die krausen Haare waren zu einem Dutt gesteckt, der unter ihrem Haartuch verschwand, welches genauso fröhlich bunt gemustert war, wie ihre Kittelschürze, ohne die man sie nie sah.

Außer ein paar Einzelnen, die zufällig von Mama Neilah's Perückenkunst gehört hatten, verirrte sich normalerweise niemand in das schäbige Viertel am Rande der Stadt und in ihren kleinen Laden. Daher hatte sie sich auch gewundert, dass dieser Mann mit der Glatze damals zu ihr gefunden hatte. Er kam eines Tages wie aus dem Nichts und brachte ihr ein Büschel Haare.

»Ich habe gehört, Sie machen die besten Perücken.«

Es war so. Mama Neilah machte tatsächlich die besten Perücken in der ganzen Stadt. Aber das wussten nicht viele.

Sie hatte nur genickt. Der Mann war freundlich, aber er flößte ihr auf irgendeine Art Angst ein.

»Sie sollen kaum von echten Haaren zu unterscheiden sein.«

Mama Neilah hatte wieder genickt. Als sie das Geschäft eröffnet hatte, hatte sie jahrelang getüftelt und schließlich aus einer Kautschukmischung und einem Geflecht von Baumwollfäden eine Basis geschaffen, die so elastisch und dünn war, dass sich ihre Perücken von echtem Haarwuchs tatsächlich kaum unterscheiden ließen. Das Haar knüpfte sie dann Strähne für Strähne ganz eng auf. Zum Schluss verpasste sie dem Haar noch den letzten Schliff mit einem pfiffigen Schnitt.

»Ich möchte davon eine Kurzhaar-Perücke mit Mittelscheitel.«

Er hatte auf eines der verblichenen Zeitungsbilder mit einem männlichen Frisurmodel gedeutet, die Mama Neilah als Haarschnitt-Ideen mit Reißzwecken an die Wand gepinnt hatte. »Ziemlich genau so. Und ich zahle gut, wenn ich zufrieden bin.«

Er hatte gut gezahlt. Mehr als gut.

Und er war immer wieder gekommen.

Mama Neilah hatte nie gefragt, woher er die Haare hatte. Es waren immer lange Frauenhaare. Weich, kräftig, glänzend und von schöner Farbe. Und sie hatte auch nie gefragt, wofür er die vielen Perücken brauchte. Inzwischen mussten es an die zwanzig sein. Anfangs hatte er sich immer Männerperücken machen lassen. Sie hatte gedacht, er sei sehr krank gewesen und habe deshalb die Glatze. Aber er machte einen stabilen und gesunden Eindruck all die Jahre, in denen er immer und immer wieder und in immer kürzeren Abständen zu ihr kam. Und irgendwann wollte er dann nur noch Frauenperücken haben.

Es war schon dämmrig, als Mama Neilah ruhig und bedächtig die restlichen Haare auf dem fleckigen Linoleumboden zusammenkehrte. Sie hob kurz den Kopf und sah mit liebevollem Blick zu dem Jungen hinüber, der konzentriert dabei war, die Einnahmen des Tages zusammenzurechnen. Er hatte sich gut rausgemacht, seit sie ihn damals von der Straße geholt hatte.

Eigentlich hatte sie keine Kinder mehr haben wollen. Sie war noch jung gewesen, als sie schwanger wurde. Erst empfand sie es als großes Glück, dass der Kindsvater sie heiratete, denn sie kannten sich erst wenige Wochen. Aber nach den ersten Schlägen von ihm änderte sie ihre Ansicht von Glück.

Nachdem er sie zum dritten Mal geschwängert hatte, war er dann bei Nacht und Nebel verschwunden.

Sie hatte ihn nicht als vermisst gemeldet, denn sie vermisste ihn nicht. Und sie hatte auch nie das Bedürfnis verspürt nachzuforschen, wo er geblieben war.