Memoriam - Caroline Stein - E-Book

Memoriam E-Book

Caroline Stein

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Beschreibung

Als sie die Trümmer ihres "alten Lebens" endlich hinter sich gelassen hat, baut sich Sophie auf Mallorca, der Insel ihrer Kindheit, ein neues Leben auf. Doch der Fund eines alten Siegels, in ihrem Haus, bringt sie in höchste Gefahr und in die Hände eines machtbesessenen Psychopathen, der mehr, als nur ein Leben auf dem Gewissen hat. Herausgerissen aus der Inselidylle, befindet sie sich plötzlich auf der Flucht und muss entscheiden, wer Freund oder Feind ist. Haben die Ermittler Rodriguez, Maria und Carlos noch eine Chance, das Schlimmste zu verhindern? Und wird ihre Vergangenheit ihr helfen, oder sie völlig zerstören?

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EPUB

Seitenzahl: 478

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Das Buch

Als sie die Trümmer ihres »alten Lebens« endlich hinter sich gelassen hat, baut sich Sophie auf Mallorca, der Insel ihrer Kindheit, ein neues Leben auf.

Doch der Fund eines alten Siegels in ihrem Haus bringt sie in höchste Gefahr und in die Hände eines machtbesessenen Psychopathen, der mehr als nur ein Leben auf dem Gewissen hat.

Herausgerissen aus der Inselidylle, befindet sie sich plötzlich auf der Flucht und muss entscheiden, wer Freund oder Feind ist.

Haben die Ermittler Rodriguez, Maria und Carlos noch eine Chance, das Schlimmste zu verhindern?

Und wird ihre Vergangenheit ihr helfen, oder sie völlig zerstören?

Informationen zur Autorin und zu den Hintergründen des Buches finden Sie im Anhang.

I.Auflage

Originalausgabe August 2018 bei Pöllat Verlag

Copyright © Caroline Pfundstein 2018

Umschlaggestaltung © Tobias Pfundstein 2018

Illustration / Design © Tobias Pfundstein 2018

Lektorat Daniela Straub, Rainer Lutz

Layout-Assistenz Andrea Thiem

Bestellung & Vertrieb Nova MD GmbH Vachendorf

ISBN Druckversion 978-3-96443-288-9

Inhaltsverzeichnis

1.Kapitel 9

2.Kapitel 13

3.Kapitel 14

4.Kapitel 16

5.Kapitel 18

6.Kapitel 20

7.Kapitel 21

8.Kapitel 25

9.Kapitel 30

10.Kapitel 31

11.Kapitel 34

12.Kapitel 35

13.Kapitel 39

14.Kapitel 42

15.Kapitel 44

16.Kapitel 45

17.Kapitel 48

18.Kapitel 49

19.Kapitel 53

20.Kapitel 54

21.Kapitel 56

22.Kapitel 57

23.Kapitel 59

24.Kapitel 60

25.Kapitel 63

26.Kapitel 64

27.Kapitel 67

28.Kapitel 72

29.Kapitel 73

30.Kapitel 74

31.Kapitel 76

32.Kapitel 78

33.Kapitel 82

34.Kapitel 83

35.Kapitel 85

36.Kapitel 86

37.Kapitel 90

38.Kapitel 91

39.Kapitel 94

40.Kapitel 97

41.Kapitel 99

42.Kapitel 100

43.Kapitel 103

44. Kapitel 104

45.Kapitel 105

46.Kapitel 106

47.Kapitel 110

48.Kapitel 111

49.Kapitel 113

50.Kapitel 114

51.Kapitel 117

52.Kapitel 118

53.Kapitel 120

54.Kapitel 124

55.Kapitel 125

56.Kapitel 128

57.Kapitel 132

58.Kapitel 134

59.Kapitel 136

60.Kapitel 138

61.Kapitel 141

62.Kapitel 145

63.Kapitel 146

64.Kapitel 148

Wissenschaftlicher Hintergrund des Krimis: 152

Historischer Hintergrund des Krimis: 153

Danksagung 155

CAROLINE STEIN 156

Gewidmet meinen wunderbaren Eltern –und meiner geliebten Familie, für die mein Herz schlägt

Gene verschlüsseln keine Geheimnisse, sondern offenbaren sie. (H-J. Quadbeck-Seeger)

PROLOG

Er warf gedankenverloren einen Zweig in das langsam verlöschende Feuer, dessen ­flackernder Schein den Platz in ein warmes Licht tauchte.

»Heute sind es vier Jahre«, sagte er nachdenklich. Er musste nicht mehr sagen, denn Tajo wusste genau, was er damit ausdrücken wollte und so schwiegen sie weiter, ihren Gedanken nachhängend. Die Luft war lau und erfüllt von den nächtlichen Geräuschen des afrikanischen Buschs.

»Ich habe dir Unrecht getan, damals«, unterbrach Tajo nach einer Weile das Schweigen. Die Götter haben mir ­falsche Zeichen geschickt. Zeichen des Unheils. Aber du und deine Familie, ihr habt uns nur Glück gebracht. Jede Ernte war gut, seit damals, viele Kranke sind wieder gesund geworden und ich habe einen wahren Freund gefunden.«

Er fühlte Tajos Blick und sah auf. Schweigend sahen sie sich an und ihm war, als liefen die Erinnerungen der letzten Jahre wie ein Film vor ihm ab. Es war die Wende gewesen und der Beginn einer besonderen Freundschaft, als er Tajo das Leben gerettet hatte. Damals.

Er legte Tajo die Hand auf die Schulter und seine Stimme klang rau, als er sagte: »Mein Leben für dein Leben.«

Tajo öffnete den Mund um etwas zu erwidern, doch jäh zerriss ein Schrei die Nacht, so markerschütternd und peinvoll, dass sie beide aufgesprungen und losgerannt waren, noch bevor der Schrei verhallte. Kalter Schweiß brach ihm aus und er fühlte, wie Panik in ihm hochstieg, als er in ­Richtung der Hütten rannte.

»Micaela!«, keuchte er. Er wusste, dass es Micaela ­gewesen war. Er spürte, dass sie in Gefahr war und rannte wie um sein Leben. Zu spät sah er aus dem Augenwinkel den ­Schatten. Eine Faust schoss auf sein Gesicht zu und ein berstender Schmerz durchzuckte seinen Kopf. Er fiel zu Boden, sah über sich eine dunkle Gestalt mit erhobenem Arm. Im gleichen Moment warf Tajo sich gegen den Angreifer und ging zusammen mit ihm zu Boden. Das Messer in Tajos erhobener Hand blinkte im Licht des ­Mondes auf, bevor es auf die Gestalt niedersauste.

Ramon hatte sich aufgerappelt, da sprang ein weiterer Mann aus dem Dunkel.

»Lauf!«, schrie Tajo ihm zu. Er rannte zur Hütte, die ­Machete in der Hand, und riss die Tür auf.

In diesem Moment schien das Leben stillzustehen. Der Anblick dessen, was er da sah, war so furchtbar, dass er es nicht fassen konnte, und für den Bruchteil einer Sekunde war er starr vor Entsetzen. Da spürte er von hinten ein ­Messer an seinen Rippen. Er ließ die Machete sinken und ein Vermummter nahm sie ihm ab. Verzweifelt starrte er auf das Bild des Grauens vor ihm.

Nie würde er das in blutrünstigem Genuss verzerrte ­Gesicht des Mannes vergessen, der mit schmieriger Stimme sagte: »Pedro, schließe die Tür hinter unserem Besuch.« Und dann an ihn gewandt: »Die kleine Schlampe wollte uns nicht verraten, wo das Dokument deines Onkels versteckt ist. Sag du es uns, und du bekommst sie lebendig zurück.«

Er deutete mit dem Messer in seiner Rechten auf die ­Gestalt, die sein Arm an sich gepresst hielt – Micaela. Seine Frau.

Ihr Kopf hing leblos nach unten und ihre Augen waren geschlossen. Tiefrotes Blut hatte ihre blonden ­Locken ­verfärbt und zog eine breite Spur über ihr totenbleiches Gesicht. Aber sie schien noch zu leben, im Gegensatz zu der kleinen Gestalt, die in einer Blutlache auf dem Boden lag. Ein qualvoller Schrei der Verzweiflung entrang sich seiner Kehle.

Der Mann drückte Micaela das Messer gegen den Hals und zischte: »Wo ist das Dokument?«

Micaela hat es nicht gewusst, dachte er verzweifelt und ein grausamer Schmerz durchzuckte ihn.

Die zwei Vermummten rechts und links von ihm zückten ihre Messer.

»Das Dokument ist nicht hier«, sagte er mit tonloser Stimme.

Der Mann, der Micaela festhielt, machte eine Bewegung mit dem Kopf. »Pedro, schau im Schrank.«

Einer der Vermummten riss die Schranktüre auf und wischte mit einer verächtlichen Bewegung den ganzen ­Inhalt des oberen Faches auf den Boden. Die Kleider fielen über die leblose Gestalt, die dort lag, und verdeckten sie.

Er hatte das Gefühl vor Schmerz ohnmächtig zu werden.

»Ist nichts da, Boss.«

Der ›Boss‹ nickte und schickte den Mann mit einer Kopfbewegung zur Seite. Seine Augen funkelten gehässig und sein Mund verzog sich zu einem fiesen Grinsen, als er das Messer erst ein wenig von Micaelas Kehle entfernte und dann wieder ansetzte. Er beobachtete Ramon immer noch grinsend, während er eine kleine Bewegung mit der Hand machte und eine schmale rote Blutspur hinter der Klinge sichtbar wurde. Es fühlte sich an, als würde jemand seine Eingeweide herausreißen.

»Neeein!« Er warf sich nach vorne, aber der ­Vermummte hinter ihm packte ihn und hielt ihn fest. Im gleichen ­Moment öffnete Micaela die Augen und hob ein wenig den Kopf.

»Ramon«, flüsterte sie.

Er wand sich verzweifelt im Griff des Mannes und trat nach hinten.

Der Vermummte jaulte auf und lockerte den Griff für den Bruchteil einer Sekunde. Es war genügte Ramon, um sich loszureißen, doch der zweite Mann packte ihn, bevor er Micaela erreicht hatte. Verzweifelt tobte er in seiner Umklammerung.

Irgendwoher ertönte lautes Geschrei und er hörte das Splittern von Holz. Er sah Micaelas Blick, so voller Todesangst und doch voller Liebe. Im gleichen Moment zog der Mann das Messer durch. Ihr erstickter Schrei ging in ­Gurgeln über. Er schrie wie von Sinnen, spürte einen ­berstenden Schmerz in seinem Gesicht und schmeckte Blut.

Dann wurde es schwarz um ihn.

… ein Jahr später …

1.Kapitel

Sommer 2011

Der Staub grub sich tief in die Ritzen des Hauses und lag über den Räumen wie ein dichter Novembernebel. Bei jedem Atemzug spürte sie, wie er ihre Lungen füllte und sie mit dem dauernden, quälenden Hustenreiz kämpfen ließ.

»Tonio!«, brüllte eine tiefe Stimme irgendwo im ­dichten Grau und fast gleichzeitig erbebte dumpf grollend das Haus, wie von einer riesigen Hand geschüttelt.

Sie schrie erschrocken auf und stand einen Augenblick wie erstarrt. Eine schneeweiße Gestalt tauchte plötzlich neben ihr aus dem Staubnebel auf.

»Señorita Sophia! Die Trennwand des Büros ist beim Abriss eingestürzt und hat ein Loch in den Boden gerissen. Darunter ist ein Hohlraum, vermutlich eine weitere ­Zisterne. Pedro holt gerade die Archäologen. Sie arbeiten noch unten im Keller.«

»Noch eine Zisterne!«, stöhnte Sophie. »Ich komme gleich, Tonio.«

»Señorita Sophia!« Eine Männergestalt kämpfte sich zwischen Zementsäcken, Balken, Eisenträgern und anderen Baumaterialien zu ihr durch. »Ihre Brüder sind gerade ­angekommen. Sie stehen draußen, aber ich wollte sie ohne Helm nicht reinlassen.«

»Danke, Carlos.« Sophie schnappte sich zwei von den ­gelben Helmen, die auf einem Bretterstapel lagen. »Ich geh sie begrüßen ...«

»Señorita!« Der von Zement vergraute Capo tauchte aus dem Staub auf. »Die Archäologen wollen wissen, was mit der Zisterne passieren soll. Sie sagen sie wäre aus der römischen Zeit – eine Seltenheit hier in Palma. Aber man kann nicht runter. Sie ist zu eng und zu tief.« Seine letzten Worte gingen im ohrenbetäubenden Getöse von herabfallenden Metallstangen unter.

»Sag ihnen ich komme gleich!«, schrie Sophie gegen den Lärm an. Der Mann nickte und verschwand wieder im Staub.

Mittwoch 8. August 2012

Die Wiener Jesuitenkirche lag im warmen Schein der Sommersonne. Zwei Jungen liefen über den Platz vor dem Eingang, einen Fußball hin und her kickend und in ihre Unterhaltung vertieft.

Pater Nicolas ging bedächtig durch das Kirchenschiff. Die Messe in der kleinen Kapelle war für die Jahreszeit nur mäßig besucht gewesen, aber seine Predigt hatte den Gottesdienstbesuchern wohl gut gefallen. Zufrieden lächelte er vor sich hin und seine Gedanken schweiften zum heutigen Abend. Er freute sich schon darauf. Das Plaudermeeting bei einem Glas Wein, zu dem er seine Mitbrüder eingeladen hatte, würde mit Sicherheit unterhaltsam und lustig werden und der laue Sommerabend schien perfekt dafür gemacht.

Das leise Plappern eines Kindes, das mit seiner Mutter die Kirche verließ, verhallte im Raum. Goldene Sonnenstrahlen fielen durch die Oberfenster, tauchten die Kirche in ein freundliches Licht und ließen das Altarbild mit der Himmelfahrt Mariens in bunten Farben leuchten.

Pater Nicolas lief den Mittelgang entlang und sah in die Seitenkapellen. Obwohl er immer über das Mikrofon ankündigte, dass er gleich die Kirchentür abschließen würde, ging er jeden Abend noch einmal die Runde, um sicher zu gehen, dass er niemanden einsperrte.

Gerade wollte er sich zum Gehen wenden, da nahm er aus dem Augenwinkel eine Bewegung am Seitenaltar des Hl. Joseph wahr. Er drehte sich um. Halb verdeckt von der roten Marmorsäule stand eine Gestalt in schwarzem ­Mantel, mit dem Rücken zu ihm gewandt. Und wieder mal ein Besucher, der nicht gehört hat, dass die Kirche abgesperrt wird, dachte er schmunzelnd. Aus der Statur schloss er, dass es ein Mann war. Wie kann man bei der Hitze einen schwarzen Mantel tragen, schoss es ihm durch den Kopf. Er räusperte sich, um den Besucher nicht in seiner Andacht zu erschrecken.

»Entschuldigen Sie.« Er ging auf den Mann zu. »Die ­Kirche wird jetzt geschlossen. Sie müssen leider gehen.« Der Mann schien ihn nicht zu hören, denn er bewegte sich nicht. Pater Nicolas trat neben ihn.

Draußen schob sich eine Wolke vor die Sonne und entzog dem Gottesraum alle Farben.

Der Mann wandte sich zu ihm um. Sein Gesicht war bleich. Seine Augen, die in tiefen Höhlen lagen, funkelten dunkel und sein Mund verzog sich zu einem gehässigen Grinsen. Der Pater schluckte und wich einen Schritt zurück. Ein düsteres Gefühl beschlich ihn.

»Sie müssen die Kirche jetzt bitte verlassen«, ­wiederholte er und versuchte seiner Stimme einen festen Klang zu geben.

Die Augen des Mannes verengten sich zu schmalen Schlitzen. Er sagte nichts, aber das Grinsen war aus seinem Gesicht gewichen.

»Verstehen sie mich?«, machte der Pater noch einen ­Versuch. »Do you speak English?«

Die Augen des Mannes schienen immer dunkler zu werden.

Pater Nicolas spürte wie sich sein Herzschlag beschleunigte und in seinen Ohren zu dröhnen begann. Lauf weg, schrie seine innere Stimme.

Da riss der Mann seinen Arm hoch, sprang mit einer schnellen Bewegung vor und schlug dem Pater die Faust gegen die Brust.

Pater Nikolas taumelte rückwärts und spürte einen Stich in der Herzgegend. Er rutschte an der Stufe ab und versuchte sich im Fallen an der Marmorsäule einzuhalten. Die Welt um ihn herum verschwamm, er hörte zwischen den dumpfen Herzschlägen, die in seinem Kopf dröhnten noch ein höhnisches Lachen.

Dann tauchte er ein in ein helles Licht.

Montag 13. August 2012

»Mehr Seil! Ich brauche mehr Seil!« Sophies Stimme wurde hallend von den Wänden der Zisterne zurückgeworfen und stieg wie ein dumpfes Grollen nach oben.

Oliver ließ langsam Seil nach.

»Gut! Stopp!«

Sie verhielten sich ganz ruhig, um Sophie verstehen zu können. Steffen schob sich bäuchlings noch etwas weiter mit dem Kopf über die Öffnung der alten Zisterne, die ­einmal den Römern als unterirdischer Wasserspeicher gedient hatte. Er sah Sophie auf halber Höhe an der langen, schmalen Strickleiter im Inneren des Brunnens schweben. Sie hatten ihre Schwester mit einem Bergseil gesichert und dieses um einen Balken geschlungen, der quer über der Zisternenöffnung lag. Oliver steuerte das Seil. Unter Sophie lagen jetzt noch etwa fünf Meter Schacht bis zu der Wasseroberfläche, die von einer dünnen Kalkschicht bedeckt war. Die wasserdichte Lampe, die Sophie am Körper trug, ­tauchte die Zisterne in ein geheimnisvolles Licht.

»Jetzt das Boot!«, tönte es aus dem Schacht.

Steffen quetschte das halb aufgeblasene Schlauchboot mühsam durch die schmale Öffnung und platzierte es etwa oberhalb von Sophie.

»Ich lasse jetzt los«, rief er.

Geschickt fing Sophie das herabsausende Boot auf. Dann sicherte sie ihren Brustgurt mit einem Karabiner an der Hängeleiter und begann das Boot restlich aufzublasen. Das Ganze glich einem Drahtseilakt.

»Verdammt, ist das heiß hier!« Auf Olivers Stirn glänzten Schweißperlen.

»Halt bloß das Seil fest!« Steffens gepresste Stimme verriet deutlich seine Anspannung. Er hatte Sophie gar nicht hinunterlassen wollen.

Jetzt ließ Sophie das Boot fallen und mit einem dumpfen Knall landete es auf dem Wasser. Sie löste den Brustgurt und hangelte sich weiter abwärts, die wasserdichte Lampe im Schlepptau. Die Leiter war zu kurz und sie musste die letzten eineinhalb Meter mit einem Sprung überbrücken. Oliver sah sie noch abspringen. Dann erlosch das Licht und es folgte ein lauter Knall.

»Sophie!« Die Brüder riefen es gleichzeitig. Die folgende Stille war wie eine Ewigkeit. Dann ertönte ein lautes Platschen.

Sophie wünschte die verdammte Lampe zum Teufel. Das Licht war genau in dem Moment erloschen, als sie abgesprungen war. Sie konnte nur hoffen, dass ihre letzte Orientierung stimmte und sie im Boot landen würde. Im gleichen Augenblick spürte sie, wie sie aufkam. Das knallende Geräusch hallte laut in dem Brunnen wider und das Boot begann gefährlich zu kippen. Sophie ruderte verzweifelt mit den Armen, verhedderte sich im Bergseil und fiel über den Rand in das eiskalte Wasser.

Zitternd hangelte sie sich zurück ins Boot. Das Wasser hatte die Temperatur eines Bergsees und sie hatte gemeint, ihr Herz würde stehen bleiben. Sie fror erbärmlich und ihr Oberschenkel brannte höllisch von einer Schürfwunde. Mit klammen Händen fingerte sie an der Lampe, um endlich wieder Orientierung zu haben. »Sophie!«

»Bin in Ordnung!« Sie hatte ihre Brüder dort oben ganz vergessen.

Endlich flammte das Licht wieder auf. Erleichtert ­atmete sie auf und begann ihre Umgebung abzuleuchten. Die ­Zisterne war quadratisch und maß etwa drei auf drei Meter. Die glatt gemauerten Wände erhoben sich geschätzte dreizehn Meter über ihr und vereinigten sich zu einem Tonnengewölbe, in dessen Mitte ein Loch von etwa einem Meter Durchmesser war. Von dort aus führte ein kurzer Brunnenschacht nach oben in ihr Büro. Sie leuchtete um sich und entdeckte einen schmalen dunklen Gang. Er führte ­Richtung Süden aus der Zisterne heraus.

Nachdem sie sich aus den Schlingen des Bergseils herausgeschält hatte, ruderte sie mit den Händen in Richtung des Ganges. Vorsichtig leuchtete sie hinein. Er war so eng, dass sie vielleicht mit einem schmäleren Boot hätte hinein rudern können, und machte nach wenigen Metern einen scharfen Linksknick. Der Boden erschien uneben und war ebenso von Schlamm bedeckt, wie der Zisternenboden. Sophie zitterte vor Kälte in ihrem Badeanzug. Er war ihr vor dem Abstieg noch als das passende Kleidungsstück erschienen, doch ihre Überzeugung hatte inzwischen unter der Temperatur deutlich abgenommen. Es hatte höchstens zehn Grad hier unten.

Sie paddelte ein Stück zurück, als sie unter sich im Schlamm eine Erhebung sah. Vorsichtig ließ sie die Lampe am Seil ins Wasser. Die Erhebung hatte einen Henkel.

Sophies Herz klopfte schneller und sie vergaß für einen Moment die Kälte.

»Ich brauche eine Stange mit Haken! Ich hab da was gesehen, das wie ein Gefäß mit Henkel aussieht«, rief sie nach oben und das Gewölbe warf ihre Stimme wie ein hohles Echo zurück.

Rasch schätzte sie die Wassertiefe ab und ergänzte dann, mit gedämpfter Stimme rufend: »Die Stange muss etwa drei Meter lang sein.«

Sie wusste, dass es jetzt etwas dauern würde, bis ihre Brüder in dem Nebenraum, in dem hunderte von Überbleibseln aus der Bauphase ihr Dasein fristeten, das Richtige finden würden. So überbrückte sie die Zeit damit, den Zisternenboden abzuleuchten. Es gab da einige Unebenheiten im Schlamm und Sophies Gedanken begannen zu kreisen. Sie erinnerte sich an die Worte der Archäologin Louisa, die das Haus nach mallorquinischem Recht eingehend auf ­historische Relikte untersucht hatte: ›Das ist einer der seltenen Brunnen aus römischer Zeit, die in Palma bekannt sind.‹

Sie wusste eigentlich gar nicht so genau, warum sie so versessen darauf gewesen war, hier herunter zu steigen, denn die anderen Zisternen des Hauses waren völlig unspektakulär gewesen. Man hatte sie leer gepumpt, den Schlamm beseitigt und Kellerräume daraus gemacht. Die herrlichen Deckengewölbe machten diese nun zu einer echten Besonderheit des Hauses. Gut, die anderen Zisternen waren ›nur‹ aus dem 18. Jahrhundert gewesen. Da die Zisterne aus ­römischer Zeit, in der sie jetzt paddelte, historisch gesehen eine Rarität war, hatte Sophie sich entschieden, sie original zu belassen und mit einem Gitter und später einmal mit einer Panzerglasscheibe abzudecken.

Die Kalkschicht auf der Wasseroberfläche hatte verhindert, dass man von oben her auf den Grund sehen konnte. Immer mehr war dann in ihr die Neugier gewachsen.

»Wenn das ein Brunnen war, dann ist in den letzten 2000 Jahren bestimmt auch mal was hineingefallen«, hatte sie zu ihren Brüdern gesagt und kaum war der Gedanke ausgesprochen, hatte sie schon begonnen zu überlegen, wie sie in den Brunnenschacht hinuntersteigen könnte.

»Achtung, Sophie! Die Stange kommt!« Sie sah eine lange Metallstange mit Haken langsam an einem Seil herabschweben.

»Hab sie!« Sophie ließ den Stab langsam ins Wasser gleiten und versuchte den Haken in den Henkel einzufädeln. Das gestaltete sich schwieriger, als erwartet. Ständig driftete das Boot im entscheidenden Moment ab und das dauernde Stochern mit dem Haken wirbelte so viel Schlick auf, dass Sophie kaum mehr etwas sehen konnte. Langsam begannen ihre Arme schmerzhaft starr zu werden von der Arbeit im eiskalten Wasser. Zitternd, mit steifen Fingern drehte sie die Stange. Noch einen letzten Versuch, dachte sie bei sich. Vorsichtig fuhr sie mit dem Haken Richtung Henkel. Noch zehn Zentimeter, noch fünf ...Da! Sie hatte den Haken eingefädelt. Vorsichtig zog sie an der Stange. Das Boot begann zu kippen. Das Gefäß war schwerer, als sie gedacht hatte und steckte fest im Schlick.

Nur millimeterweise schob sie sich auf dem Boot etwas seitlich, immer darauf bedacht, den Henkel nicht vom Haken zu lassen. Ein neuer Versuch. Sie musste ihre ganze Kraft aufwenden, um genug Zug auf das Gefäß zu bringen und trotzdem das Boot am Kippen zu hindern. Das Behältnis gab keinen Millimeter nach und sie hatte Bedenken, den Henkel abzubrechen, der sicher weich war von der langen Zeit im Wasser. Dann wäre das Gefäß verloren gewesen.

Plötzlich gab es einen Ruck und Schlamm wirbelte auf. Sophie balancierte das Boot aus. Jeder Muskel in ihrem ­Körper war angespannt. Sie fühlte, wie die Last am Haken leichter wurde und begann vorsichtig daran zu ziehen. Gleich musste er an der Wasseroberfläche sein. Behutsam zog sie den Stab weiter aus dem Wasser. Ein Gefäß in der Form eines Kruges kam in Sicht. Sophie griff danach und nahm ihn noch unter Wasser vorsichtig vom Haken. Er musste voller Schlamm sein und Sophie wollte unter keinen Umständen riskieren, dass er brach. Deshalb hielt sie ihn ­weiterhin unter der Wasseroberfläche und ließ nur langsam Luft in die Öffnung. Eine Schlammwoge wallte aus dem Krug und verschleierte das Wasser. Da sah Sophie im Licht der Lampe etwas Helles inmitten des trüben Wassers aufleuchten. Blitzschnell griff sie danach, verlor das Gleichgewicht, das Boot kippte und Sophie fiel kopfüber ins ­Wasser.

Langsam sank der Krug auf den Grund der Zisterne zurück.

2.Kapitel

Der spanische Cognac – Magno caliente – und das heiße Bad brachten ganz langsam die Wärme wieder in ihren Körper zurück und vertrieben die kalten Schauer, die sie immer noch erzittern ließen. Sie schloss die Augen und genoss die wohltuende Wärme und Entspannung.

Sie war so starr vor Kälte gewesen, dass sie kaum mehr imstande gewesen war, die Strickleiter hinaufzuklettern und nur mit Hilfe ihrer Brüder hatte sie es überhaupt geschafft. Jetzt war sie froh, dass ihre Arme und Beine ihr wieder gehorchten und sie spürte, wie ihre Lebensgeister zurückkehrten.

Neben der Wanne lag ihr Badeanzug. Sie streckte die Hand aus und griff danach. Ungeduldig suchten ihre Finger nach dem kleinen eingenähten Schlüsseltäschchen. Sie zog den Klettverschluss auf, fuhr mit zwei Fingern hinein und zog etwas Flaches, Rundes heraus. Ihr Herz begann heftig zu klopfen und ein leiser Pfiff entfuhr ihr. Sie hielt etwas in der Hand, was im ersten Moment wie eine kleine Goldmünze aussah und etwa die Größe eines 20-Cent-­Stückes hatte. Es war jedoch doppelt so dick wie eine Münze und hatte auf beiden Seiten keine erhabene Prägung, sondern ein Negativ. Von oben nach unten war ein Loch durch das münzartige Teil gebohrt. Sie hielt es gegen das Licht. Man konnte hindurchsehen.

Sophie war einen Moment lang völlig überwältigt. Sie fühlte, wie ihr Herz noch heftiger zu klopfen begann und in ihren Ohren dröhnte. Aufgeregt betrachtete sie die Prägungen genauer. Auf der einen Seite befand sich ein ­kuppelartiges Gebäude, ähnlich einer Moschee. Auf der ­anderen waren im Zentrum Figuren dargestellt – zwei Gestalten mit Schwertern, die auf einem Pferd saßen. Am Rand entlang war eine Inschrift zu sehen. Die Prägung war abgegriffen und schwer zu erkennen. Angestrengt versuchte sie diese zu entziffern. »S … I … G … I … LL … das erste Wort könnte Sigillum heißen«, murmelte sie vor sich hin. »Also Zeichen oder Siegel. Dann M … I … L … I ...«

Sie war so vertieft, dass sie heftig zusammenzuckte, als es klopfte.

»Sophie, ist alles in Ordnung?« Steffens Stimme klang besorgt.

»Ja«, rief sie. »Ich bin schon fast wieder aus der Wanne!« Sie sah noch einmal auf die Inschrift. »Militum – Sigillum Militum also. Hm, könnte irgendein Militärsiegel sein«, murmelte sie weiter vor sich hin, als sie aus dem Wasser stieg.

»Das gibt es ja nicht!« Steffen starrte auf das goldene Siegel.

»Irgendwas blitzte im Wasser auf, als ich den Krug leerte. In dem Moment, wo ich danach gegriffen habe, hab ich das Gleichgewicht verloren und dummerweise auch noch den Krug losgelassen, als ich ins Wasser gefallen bin«, beendete Sophie ihre Erzählung aus der Zisterne. Steffen drehte das Siegel prüfend im Licht hin und her und kniff die Augen zusammen.

»Es ist bestimmt aus Gold, denn es ist ziemlich schwer. Und vermutlich hast du damit Recht, dass es ein Siegel ist. Vielleicht war es durch die Bohrung an irgendetwas befestigt, an einem Ring, oder einem Petschaft. Wie hätte man es sonst als Siegel benützen können. Aber wieso die Doppelprägung? Das macht ja eigentlich keinen Sinn bei einem Siegel.« Er gab es Oliver. »Kannst du die Inschrift lesen?«

Sophie zeigte auf das erste Wort. »Ich habe die ersten beiden Wörter mit Sigillum Militum entziffert. Leider kann ich das dritte nicht lesen.«

Oliver hielt es ins Licht und drehte es ein wenig hin und her. »XPISTI! Es heißt XPISTI, was auch immer das bedeuten mag. Zusammen mit den zwei Soldaten auf dem Pferd würde ich es für irgendein Militärsiegel halten.«

»Genau das habe ich auch vermutet«, nickte Sophie. »Vielleicht war es von irgendeinem Kommandanten.«

Steffen zuckte die Schultern. »Schon möglich. Auf jeden Fall wird es nicht einfach sein, das rauszubekommen. Vielleicht sollte man es mal den Archäologen zeigen?«

»Genau!« Oliver grinste. »Eine ausgezeichnete Idee. Wir sagen ihnen: ›Schaut mal. Das haben wir in unserer Zisterne gefunden‹. Sie sagen ›Danke!‹ und dann graben sie hier in den nächsten zwei Jahren den Keller um und Sophie darf sie bezahlen.«

Sophie nickte. »Du hast Recht. Es gibt nur eine ­Möglichkeit: wir müssen selber versuchen was darüber herauszufinden.« Sie griff nach dem Siegel. »Ich werde es abzeichnen und morgen versuchen in der Stadt was darüber zu erfragen. Vielleicht habe ich ja Glück.«

3.Kapitel

Das ›Caracoll‹ war laut und voll. Es lag versteckt in einem Keller einer Nachbarstraße.

Die drei Geschwister gingen die Steinstufen hinunter in den gepflasterten Raum. Er wurde von einem großen, offenen Grill beherrscht, auf dem bereits einige saftige Lammkeulen vor sich hin brutzelten und ein unwiderstehlicher Duft nach Grillfleisch und frischen Wildkräutern zog durch das Restaurant. Die schweren Holztische vor den grob gemauerten Sandsteinwänden gaben dem Raum eine mittelalterliche Stimmung. Die drei erwischten den letzten freien Tisch und Antonio brachte schon Brot und Oliven, bevor sie richtig saßen.

»Hola, Señores, Señorita, wie geht es?«

»Danke Antonio, gut, und Ihnen?«

»Gut, gut, viele Leute, gutes Geschäft.« Der Chef strahlte. »Heute kann ich frisches Lamm mit Rosmarin empfehlen und dazu einen wunderbaren Rioja.«

Er zwinkerte Sophie zu und verschwand in der Küche. Eine Weile sahen sie stumm in die Speisekarten. Dann unterbrach Sophie das Schweigen.

»Glaubt ihr, dass das Siegel alt ist?«

Steffen nickte. »Überleg doch mal. Die Archäologen haben gesagt, dass der Bodenbelag im Büro, der die Zisternenöffnung verdeckt hatte, mindestens 200 Jahre alt ist. Der Brunnen ist 2000 Jahre alt. Irgendwann in der Zeit dazwischen ist das Ding da reingefallen. Es sieht auf jeden Fall älter aus als 200 Jahre.«

Sophie spießte eine Olive auf einen Zahnstocher. »Ich würde zu gerne wissen, wie das Siegel dort hingekommen ist, warum es keine Fassung hat und was damals passierte. Es ärgert mich zum Verrücktwerden, dass ich den Krug habe fallenlassen. Vielleicht hätte er uns weitergeholfen.«

»Du könntest dich ja mal im Internet informieren«, schlug Steffen vor.

»Ja«, Sophie verdrehte die Augen, »wenn in den ­nächsten hundert Jahren mal ein Handwerker Zeit hat, mir das WLAN zu installieren.«

Steffen grinste. »Das war doch der Grund warum du wieder hierher zurückwolltest. Du liebst die Gelassenheit der Mallorquiner, denen es nie eilt. Also beschwer dich nicht.« Dann wurde er wieder ernst. »Aber Sophie, du musst uns hoch und heilig versprechen, dass du niemals ohne uns da runter in die Zisterne gehst. Auch nicht mit Hilfe von ­jemand anderem.«

»Hmm.« Sophie kaute besonders intensiv an einer Olive.

»Sophie!« Steffen klang gereizt. »Ich will ein eindeutiges Versprechen von dir. Ich habe keine Lust dich irgendwann einmal als Wasserleiche dort rauszufischen.«

»Mach dir keine Sorgen.« Sophie legte den Kopf schief und lächelte ihn an. »Ich mache schon nichts Unüberlegtes.«

Steffen griff sie unsanft am Handgelenk. »Sophie, du versprichst mir jetzt auf der Stelle, dass du nicht da runter gehst, ohne dass Oliver oder ich dabei sind.«

In seiner Stimme schwang Zorn, aber Sophie hörte seine Angst heraus. Sie kannte ihren Bruder gut genug, um zu wissen, dass sie jetzt nicht einmal mit weiblichem Charme weiterkommen würde.

»Ist ja schon gut«, nickte sie seufzend. »Ich warte auf euch, obwohl ich darauf brenne, den Boden genauer ­abzusuchen und außerdem würde ich zu gerne wissen, wo der Gang hinführt.«

Oliver zog die Brauen zusammen. »Der Gang? Was für ein Gang?«

»Oh!« Sophie rieb sich verlegen die Nase. »Das habe ich in der Aufregung total vergessen zu erzählen. Unten in der Zisterne zweigt ein Gang ab. Er führt etwa in Richtung Südwest. Er ist genauso hoch wie die Zisterne. Ich habe hineingeleuchtet, aber man sieht nur ein Stück weit, dann macht er einen scharfen Linksknick. Er ist so schmal, dass ich mit dem Boot nicht reinfahren konnte, also höchstens sechzig Zentimeter breit. Die einzige Möglichkeit wäre, mit einem schmäleren Boot hinein zu paddeln oder mit einem Neoprenanzug hinein zu schwimmen. Das Wasser in der Zisterne ist etwa dreieinhalb Meter tief und hat höchstens acht Grad. Allerdings ist es kristallklar. Man kann also gut auf den Grund sehen, solange man keinen Schlamm aufwirbelt. Interessanterweise schmeckt es auch wie frisches Wasser, nur ganz leicht säuerlich.«

Steffen kniff die Augen zu einem schmalen Spalt zusammen. »Wenn das Wasser 2000 Jahre alt ist, wie kann es da noch frisch sein? Und woher wurde oder wird die Zisterne gespeist?«

»Vielleicht irgendwo aus dem Gang«, überlegte Sophie. »Zu dumm, dass ihr heute Abend wieder zurück nach Deutschland müsst. Sicher ist in der Zisterne noch viel mehr zu finden.«

»Auf jeden Fall braucht man sowieso erst einmal nicht mehr runter klettern, solange das Wasser so trüb von dem aufgewühlten Schlamm ist und man nicht mehr auf den Grund sieht«, stellte Oliver nüchtern fest.

Antonio brachte die Tapas. Steffen angelte nach einer Dattel in Speck und verspeiste sie nachdenklich. Er war sich nicht ganz sicher, ob Sophies Zusage jetzt ein Versprechen gewesen war, oder ob sie, wie schon so oft ihren Dickkopf durchsetzte und tat, was sie für richtig hielt.

Steffen seufzte und sah seine Schwester von der Seite an. Sie war nicht das, was man unter einer schönen Frau verstand, aber sie hatte eine Ausstrahlung, die viele Männer dazu brachte, sich ein zweites Mal nach ihr umzudrehen. Vielleicht war es der Kontrast ihrer meerblauen Augen zu dem dunkelbraunen, langen Haar, das ihr glatt und glänzend über die Schultern fiel. Oder es war die ungezwungene Anmut ihrer Bewegungen und ihre ansteckende Fröhlichkeit. Ihr Gesicht war ansonsten eher unauffällig: oval, die Nase etwas zu gerade, die Lippen eher schmal. Aber die Augen, die waren es, die einen gewissen Zauber ausübten.

»Vielleicht ist dort unten ein Schatz versteckt?« Sophie sprach diese Frage, die ihr die ganze Zeit im Kopf herum ging zum ersten Mal laut aus.

Oliver schüttelte den Kopf. »Was für einen Schatz denn? Und wieso sollte jemand einen Schatz im Wasser verstecken?«

»Oh, das machen viele«, erwiderte Sophie und nickte zur Verstärkung mit dem Kopf.

Oliver verzog das Gesicht. »Ja, klar doch. Ich kenne eine Menge Leute, die ihre Schätze im Wasser verstecken. Sophie komm auf den Boden. Das was du da hast ist nichts weiter als ein alter Brunnen …«

»..., in dem goldene Siegel liegen«, ergänzte Sophie.

»Hört auf damit«, unterbrach sie Steffen. »Sophie kann sich ja mal über das Siegel und die Geschichte des Hauses informieren und dann sehen wir weiter. Vielleicht hat jemand das Siegel aus Versehen da hineingeworfen oder es ist nur eine Kopie.«

Sophie spießte energisch eine Olive auf einen Zahnstocher. »Warum sollte jemand eine Kopie von einem Siegel in Gold machen lassen und dann versehentlich oder absichtlich in eine Zisterne werfen? Ich habe das sichere Gefühl, dass das Haus ein Geheimnis hat und das werde ich herausfinden.«

»Sicher wirst du ganze römische Heere dort unten finden, oder Cäsar wird eines Tages aus den Fluten auftauchen und dich in deinem Büro heimsuchen«, spöttelte Oliver.

Steffen stöhnte innerlich auf. Die beiden konnten immer noch sein wie die kleinen Kinder. Schon früher hatten sie ständig gezankt und Steffen erinnerte sich an eine der Szenen noch besonders gut: Oliver war immer der Meinung gewesen, der Vater würde die damals achtjährige Sophie viel zu sehr verwöhnen und er hatte sich an diesem Tag wieder einmal wegen irgendeiner Sache zurückgesetzt gefühlt. Voller Zorn hatte er zu Sophie gesagt, sie gehöre eigentlich gar nicht zur Familie, weil sie als einzige dunkelhaarig sei und alle anderen blond.

Sophie hatte ihn angefunkelt und gesagt, er, Oliver würde nicht zur Familie gehören, weil er als Einziger ein Ekelpaket sei. Beim Abendessen hatte sie dann verkündet, Oliver sei von nun ab nicht mehr ihr Bruder, weil er behauptet hatte, sie gehöre nicht zur Familie. Oliver hatte Ärger und Sophie ein Foto bekommen, auf dem man ihre Oma sah, die auch schwarze Haare gehabt hatte.

Man konnte zwar wegen des riesigen Hutes, den sie trug,

ihre Haare nicht sehen, aber Sophie war zufrieden und Oliver hielt sich eine Zeit lang mit seinen eifersüchtigen Streitereien zurück.

»Bruderherz, du hast einfach keine Ahnung von historischen Zusammenhängen«, erwiderte Sophie gelassen. »Ich bin sicher, dass das Haus eine interessante Geschichte hat. Du wirst schon sehen.«

Oliver holte Luft für eine Erwiderung, aber Steffen bedeutete ihm hinter Sophies Rücken, er solle das Thema wechseln, denn er wusste, dass Sophie das, was sie sich in den Kopf gesetzt hatte, mit einer beinahe beängstigenden Hartnäckigkeit verfolgte. Und je mehr man versuchte sie von ihrer Idee abzubringen, desto intensiver ging sie der Sache nach. Steffen liebte seine Schwester sehr und er war glücklich, dass sie wieder nach Mallorca zurückgegangen war, wo sie geboren worden war, einen neuen Anfang gewagt und die Scherben ihres ›alten‹ Lebens hinter sich gelassen hatte. Sie war jetzt dreißig und das war nicht mehr zu früh, um neu anzufangen. Der Tod ihrer Mutter hatte sie sehr mitgenommen. Zu frisch waren die Wunden der vorhergehenden Katastrophe noch gewesen.

So froh, wie er war, dass sie sich langsam wieder in die lebenslustige junge Frau von früher verwandelte, so wenig wollte er, dass Sophie sich zu sehr auf die Idee mit dem ›Geheimnis des Hauses‹ versteifte. Er hatte irgendwie ein ungutes Gefühl dabei und erfahrungsgemäß täuschte ihn sein Gefühl nur selten.

»Wo ist eigentlich Juan?«, wechselte Oliver auch prompt das Thema.

»Er hat eine wichtige Konferenz im Verlag, aber er kommt heute Abend zum Flughafen, um euch zu verabschieden. Wir wollen dann noch ins Kino gehen.

4.Kapitel

Das Flugzeug ihrer Brüder hatte Verspätung gehabt und sie und Juan hatten deshalb die Kinovorstellung verpasst.

Sophie schlug vor, den Abend im ›Abaco‹ ausklingen zu lassen und so schlenderten sie Arm in Arm an der Llonja vorbei und die ›Carrer de Sant Joan‹ hinauf.

Juan war ein richtiger Mallorquiner: dunkelhaarig, mit kaffeebraunem Teint und funkelnden Augen, charmant, temperamentvoll und ein bisschen Macho. Bei ihrem ersten Zusammentreffen hatte Sophie spontan gemeint, er würde Enrique Iglesias ähneln.

Die Luft war warm und der Schein unzähliger Lampen erhellte die Straßen. Alle Restaurants waren brechend voll und von überall her klang Musik aus den Lokalen, vermischte sich mit dem Plaudern der Menschen, dem Klirren der Bestecke auf den Tellern und dem Klingen der Gläser zu einem maritimen Stimmungscocktail überschäumender Lebensfreude.

Das ›Abaco‹ war wie immer üppig geschmückt mit frischen Früchten aus aller Herren Länder. Saftige Trauben quollen aus glänzenden Silberschalen, die von geflügelten Bronzeamoretten balanciert wurden. Seitlich der Treppe, deren roter Plüschteppich das dunkle Holz tief schwarz erscheinen ließ, ergoss sich eine gigantische Kaskade tropischer Früchte aus einem Füllhorn scheinbar ins Leere und leise plätschernde Springbrunnen untermalten das dahinperlende Plaudern der Gäste.

Sie fanden einen Platz im Innenhof, dessen grasdurchwachsene Steinmauern von Fackeln beleuchtet wurden. Der mit Sternen übersäte Nachthimmel wölbte sich wie schwarzer Samt über ihnen und das Licht der Fackeln ließ die Wassertropfen des sanft rauschenden Springbrunnens wie tausende von Diamanten glitzern. Die riesigen Wedel der Palmen ragten in die Sterne, leise rauschend in der warmen, salzigen Meeresbrise und spielende Steinamoretten spitzelten zwischen grün rankenden Blattpflanzen hervor.

Sophie liebte diese Orte der Geselligkeit und fühlte sich dort immer von einer Leichtigkeit beflügelt, die in ihr eine prickelnde Lebenslust auslöste und die Sehnsucht, noch vieles erleben zu wollen.

Juan entschuldigte sich kurz und Sophie hing weiter ihren Gedanken nach.

Sie dachte an ihre Kindheit hier auf der Insel, die angefüllt war mit unbeschwerter Heiterkeit und Lebensfreude.

Ihr Vater war als Chef der Flugsicherheit nach Mallorca geschickt worden und so hatte ihre Familie sich damals in einer gerade entstehenden Urbanisation, einem kleinen Ort hinter Arenal, niedergelassen. Ihre Brüder waren damals zwei und vier Jahre alt gewesen, und zwei Jahre später war noch sie, Sophie, geboren worden. Seit sie denken konnte erinnerte sie sich an den würzigen Duft, der über der Insel lag, an Sonne, Wärme und gelassene Behaglichkeit.

Das Bild ihrer Kindertage war die kleine spanische Straße, die Calle, die still in der glühenden Hitze des Nachmittags lag. Nur das eintönige Lied der Zikaden durchbrach von Zeit zu Zeit die Stille. Dann war wieder Ruhe, so als müssten auch sie sich in der glühenden Sommerhitze ab und zu eine Pause gönnen. Ein paar dürre Straßenkatzen, mit einem Fell wie löchrige Lumpen, dösten im Schatten der Pinien, die die kiesbestreuten Gehwege rechts und links der Straße säumten.

Das zweite Haus der Straße lag inmitten eines riesigen Gartens. Dunkelviolette Bougainvilla ergossen sich wie Wasserfälle über die Hausfassade und umrankten die Sandsteinbögen der Terrasse. Palmen, Pinien und Eukalyptusbäume ragten in den Himmel und an der Mauer zur Straße hin, blühten Hibiskus und Oleander in üppigem Rot, Purpur und Weiß. Ein heißer Sommerhauch ließ die Blätter der Eukalyptusbäume leise flüstern und der Duft ihrer Blätter vermischte sich mit dem von Pinien, Thuja, Rosmarin, Zistrosen und Thymian.

Im Schatten eines der Bäume saß ein achtjähriges Mädchen über einen Tisch gebeugt. Ihre langen, schwarzen Haare waren zu einem Pferdeschwanz gebunden. Sie schrieb ein paar Worte in das Heft, das vor ihr lag, seufzte und legte den Stift zur Seite. Dann faltete sie die Hände im Nacken und blickte träumerisch hinauf in den Eukalyptusbaum, dessen dichte, silbergrüne Blätter im heißen Hauch des mallorquinischen Windes tanzten und nur dann und wann ein Fleckchen des tiefblauen Sommerhimmels freigaben.

»Sophie!«

Das Mädchen drehte sich herum zu der Thujahecke, aus der das leise Flüstern gekommen war. Dort tauchte gerade eine sommersprossige Nase auf, über der zwei wasserblaue Augen strahlten.

Die Nase kam etwas weiter aus der Hecke heraus und zog einen blonden Haarschopf mit zwei Rattenschwänzen hinter sich her.

»Ist die Luft rein?«, fragte das bezopfte Gesichtchen und als Sophie grinsend nickte, kletterte ein schlankes Mädchen aus der Hecke, zupfte sich ein paar Thujazweige aus Haar und Kleidung, hüpfte auf einem Bein auf Sophie zu und ließ sich neben ihr auf den leeren Stuhl fallen.

Kitty war gleich alt wie Sophie, genauso schlank und hatte das gleiche strahlende Blau in ihren Augen. Sie beugte sich über das Heft, das auf dem Tisch lag und rümpfte die Nase.

»Musst du immer solche langweiligen Sachen schreiben?«

Sophie seufzte: »Ja, leider. Meine Mutter möchte, dass ich gut vorbereitet bin, wenn die Schule wieder losgeht. Aber für heute bin ich fertig. Puh!« Energisch schlug sie das Heft zu.

»Mensch prima!« Kitty machte einen kleinen Hopser. »Ich muss dir unbedingt was Wichtiges erzählen. Komm, wir gehen zu unserem Geheimplatz.«

Sophie ließ ihren Tisch im Stich und beide sprangen zu der kleinen, etwas erhöht liegenden, zweiten Terrasse, hüpften auf die Umfassung und kletterten von dort aus in den großen Eukalyptusbaum, der seine Zweige schattenspendend über die südliche Hausfront breitete. Hier saßen sie inmitten eines grünen Baldachins duftender Blätter und tuschelten.

Sophie schien es im Rückblick, als habe ihre ganze Kindheit nur aus dieser heiteren Ausgelassenheit bestanden, nur aus Mädchengeheimnissen, Sandburgen am damals noch fast menschenleeren Strand von Es Trenc, wo man noch Seesterne mit der Hand aus dem knietiefen Wasser fischen konnte, aus Wasserplantschereien und Schnorcheln im kristallklaren Meer, aus Bootsfahrten, Eis essen, aus Glück und Seligkeit.

Die Eltern von Tom und Kitty wohnten im Haus ­nebenan. Sie waren auch Deutsche und der Vater der Kinder war Pilot.

Kein Tag verging, an dem die Kinder nicht miteinander spielten. In den Sommermonaten gesellten sich oft noch die mallorquinischen Kinder dazu, die während der ­Trockenperiode und den Ferien mit ihren Familien aus der ­hitzeglühenden Stadt auf das ›Land‹ umsiedelten.

Als sie zwölf war, verliebte sie sich unsterblich in Tom. Da sie sowieso immer miteinander spielten und sich neckten, fiel es nicht weiter auf und Sophie traute sich nicht, ihre Gefühle irgendwie zu zeigen. Nicht einmal Kitty, die sonst jede ihrer Seelenregungen erfuhr, vertraute sie sich an. Aber die Momente, in denen er irgendwo in ihrer Nähe war, genoss sie besonders.

So hatte zwölf Jahre lang kein Wölkchen den Himmel ihres Kinderlebens getrübt, bis eines Tages eine Nachricht dieser sonnigen Zeit ein Ende bereitete. Ihr Vater bekam eine Führungsstelle in Deutschland und das Angebot war so verlockend, dass ihre Eltern beschlossen, wieder in ihre alte Heimat zurückzukehren.

Für Sophie war es wie das Ende der Welt. Der Abschied von ihrer geliebten Insel und von Tom war so schrecklich, dass sie meinte, nie wieder glücklich werden zu können.

Heute noch konnte sie bei der Erinnerung an diesen Abschied den Schmerz spüren, der ihr wie ein Messer ins Herz geschnitten hatte, als sie im Taxi vom Haus zum Flughafen abfuhr: Sie drehte sich um, damit sie ihre Heimat und Tom bis zum letzten Moment sehen konnte. Er winkte, eisern die Tränen zurückhaltend, während Kitty neben ihm schluchzte.

Noch einmal sah sie das Haus, in dem sie so glücklich gewesen war, noch einmal die Straße mit den hohen Pinien, noch einmal ihre Freunde, die sie bisher durch ihr Leben begleitet hatten. Noch ein letztes, leises Winken und dann war alles hinter der Straßenbiegung verschwunden.

Sie hatte lange gebraucht, um diesen Verlust zu verwinden. Anfangs hatte sie täglich Briefe an Tom und Kitty geschrieben und jede Nacht von der Insel geträumt. Aber mit der Zeit heilten die Wunden. Sie lebte ein anderes Leben und weil es so anders war, als auf der Insel, war es leichter neu zu beginnen. Denn in dieser so anderen Welt wurde sie nicht immer an ihr geliebtes Mallorca erinnert.

Mit den Jahren wurden die Briefe, die sie sich mit Tom und Kitty schrieb, weniger. Dann schrieben sie sich nur noch an den Geburtstagen und zu Weihnachten und irgendwann brach der Kontakt, im Fluss der Zeit, ganz ab.

Sie wurde erwachsen, hatte ihren ersten Freund, später ein paar kurze Beziehungen, aber nie eine wirklich ernsthafte Liebe.

Sie studierte Biologie und Chemie, mit dem Ziel Lehrerin zu werden. Eines Tages fuhr sie zu einem Kongress über Biochemie. Sie hatte eigentlich nie mit dem Gedanken gespielt dorthin zu fahren, aber eine Freundin und Kommilitonin war krank geworden und hatte Sophie gebeten, für sie einzuspringen und ihr darüber zu berichten.

Dort traf sie Tom wieder. Ihren Tom aus den glücklichen Kindertagen. Er sah nicht nur verdammt gut aus, sondern war auch ein anerkannter Biochemiker geworden, der einen der Vorträge auf dem Kongress hielt.

Für beide war die Freude über das unverhoffte Wiedersehen groß und sie gingen am Abend zusammen aus, um über die alten Zeiten zu plaudern.

Sophie war es, als hätte sie nur auf das Wiedersehen mit diesem Mann gewartet, um ihre wirkliche, große Liebe zu finden und Tom gestand ihr später, dass es ihm genauso gegangen war.

Ein Jahr später heirateten sie. Drei unbeschwerte Jahre voller Glück begannen. Sophie stieg als Assistentin mit in die Forschungsarbeiten ihres Mannes ein ...

Juan kam zurück und riss sie aus ihren Gedanken.

»Cariña, ich habe gerade meine Schwester mit ihren Freunden hier getroffen. Sie sitzen alle oben im Alkoven und schauen zu uns runter. Komm lass uns auch hochgehen, bevor sie uns in den Drink spucken.«

Sophie nickte erleichtert. Sie war froh über die Aussicht auf eine lustige Runde, denn ihre nun folgenden, düsteren Gedanken wären keine geeignete Stimmungsgrundlage für einen zweisamen Abend gewesen.

5.Kapitel

Dienstag 14. August 2012

Es war schon nach Mitternacht, als sie nach Hause kam und todmüde in ihr Bett fiel.

Erschreckt fuhr sie hoch, als das Handy schrillte und sah, dass die Sonne bereits hoch am blauen, mallorquinischen Himmel stand.

»Ah, ich habe dich geweckt. Tut mir leid.« In der Stimme am anderen Ende des Telefons schwang eine unüberhörbare Zufriedenheit.

»Juan?« Sophie kämpfte sich noch aus dem Zustand ­zwischen Tag und Traum.

»Ja, genau. Du erinnerst dich noch an mich?«, spöttelte Juan. »Also, ich gehe jetzt ins ›Colonial‹ zum Frühstück. Falls du gelegentlich wach bist, kannst du ja nachkommen.«

Sophie blinzelte verschlafen nach der Uhr und war mit einem Schlag hellwach. Es war elf Uhr.

»Oh Gott!« entfuhr es ihr.

»Du darfst ruhig weiter Juan zu mir sagen.« Sie konnte sein Grinsen förmlich hören.

»Ich bin in zehn Minuten da!« rief sie und warf das Handy auf den Sessel.

Das ›Colonial‹ war die perfekte Kombination aus einem südamerikanischen Kaffeelager und einer chromblitzenden Frühstücksbar, mit Kellnern in schwarz-weiß und dem Duft nach frischem Kaffee und warmen Croissants. An die rotbraunen Backsteinwände lehnten sich südländisch bedruckte Jutesäcke beschirmt von Palmen, die aus alten Fässern wuchsen. Die Tische aus Holzbrettern alter, mit Städtenamen bedruckter Transportkisten, streckten ihre modernen Chromfüße auf den weißen Marmorboden.

Einer der Ober begrüßte sie herzlich: »Hola, Señorita ­Sophia, wie immer? Café con leche und ein Ensaimada!«

Sophie nickte freundlich: »Hola, Pepe! Si, wie immer!«

Sie liebte die Ensaimadas, das typisch mallorquinische Schmalzgebäck, von dem schon der Dichter Santiago ­Russignol geschwärmt hatte, sie wären die ›teigige Form der aufgehenden Sonne‹ und behauptet, wenn es die Ägypter gewesen wären, die sie erfunden hätten, dann hätten die Pyramiden eine andere Form bekommen.

Juan saß schon im oberen Stock am üblichen Tisch und las in der Tageszeitung. Sie begrüßten sich und Sophie quetschte sich auf ihren Stuhl.

Sie angelte sich eine Zeitung vom Nebentisch. Es war die Süddeutsche Zeitung vom Vortag. Irgendein Tourist hatte sie wohl liegen gelassen. Zügig blätterte sie durch die Seiten: USA und NATO erwarten Sieg der Rebellen in Syrien, Bundeswehr entsendet Kampfhubschrauber nach Afghanistan, EON verdreifacht Gewinn trotz Atomausstiegs, Abschied von den Olympischen Spielen in London, in der Wiener Jesuitenkirche wurde ein Pater ermordet und eine Reliquie, das Mantelstück des Heiligen Joseph, gestohlen

Wie konnte man für eine Reliquie einen Mord begehen, fragte sich Sophie. Was fing man mit so was an? Mit einem Fetzen aus einem alten Mantel?

Pepe kam mit dem Café con leche und Sophie schob die Zeitung auf den Nebentisch.

»Juan, ich muss dir was zeigen.«

Sie zog ein zerknittertes Blatt heraus und strich es auf dem Tisch glatt. »Sagt dir das was?«

Juan sah es einen Moment an, bevor er antwortete: »Ja, es ist das Zeichen der Templer.«

»Templer?« Sophie sah ihn fragend an. »Wer ist das?«

»Also ...«, Juan runzelte die Stirn. »Das war früher mal so ein Orden. Was Genaues weiß ich auch nicht, aber sie waren wohl sehr reich und aus irgendeinem Grund sucht man heute noch ihren Schatz, wenn es einen gibt.«

Sophie spürte, wie ihr Puls schneller schlug. Das war mehr an Information, als sie erwartet hatte. Sie schluckte. »Bist du ganz sicher, dass es wirklich das Zeichen dieser Templer ist?«

Juan beugte sich noch einmal flüchtig über die Zeichnung. »Ja, ganz sicher. Ich habe es mal in einer Zeitung gesehen. Aber wieso interessiert dich das eigentlich?«

»Ach« Sophie zuckte die Schultern. »Es war an einem Haus angebracht und ich fand es ganz interessant. Ich dachte, es könnte ein Familienwappen sein, oder so was.« Sie steckte den Zettel ein, als sie Pepe mit dem Frühstück kommen sah. »Wo könnte man denn mehr über diese Templer erfahren?«

Juan kaute genüsslich an seinem Croissant und erwiderte mit gelangweilter Stimme: »Vielleicht im Stadtarchiv, oder im Kloster von Randa.«

Sophie nippte an ihrem Café con leche und war irgendwie enttäuscht, dass Juan das Ganze so wenig interessant fand, dass er ein Gespräch darüber für überflüssig hielt. Es kam häufig vor, dass Juan kein Interesse an den Themen zeigte, die sie beschäftigten und manchmal störte sich Sophie wirklich daran.

Irgendwann hatte sie ihn einmal darauf angesprochen, aber er hatte nur geantwortet, dass es ihn langweile über Dinge zu reden, die mit seinem Leben nichts zu tun hätten.

›Sie würden etwas damit zu tun haben, wenn du dich damit beschäftigen würdest‹, hatte sie geantwortet, aber er hatte nur gelangweilt mit den Schultern gezuckt und gemeint, er würde einfach leben und der Genuss dieses Lebens würde ihn genug beschäftigen, so dass er sich nicht noch mit irgendwelchen absurden Themen konfrontieren müsste.

»Wollen wir heute Abend die verpasste Kinovorstellung nachholen?«, wechselte Juan auch prompt das Thema.

Sophie zupfte ein Stück von ihrem Ensaimada ab und nickte.

6.Kapitel

Er ging die belebte Via Laietana hinunter.

Trotz des tosenden Verkehrs während der Rushhour in Barcelona, nahm er weder von den hupenden Autos noch den vielen Menschen etwas wahr. Auch nicht von den Blicken, die ihm die ein oder andere Frau zuwarf.

Samuel war groß und schlank und unter seiner Kleidung konnte man einen athletischen Körper erahnen. Sein ovales Gesicht wirkte durch den feinen, geraden Mund und die nahezu horizontal stehenden Augen fast jungenhaft weich. Trotzdem strahlte er Stärke und Selbstbewusstsein aus. Sein mittelblondes Haar, das durch seine leichte Naturwelle den jugendlichen Ausdruck seines Gesichtes verstärkte, trug er kurz mit Seitenscheitel. Das Markanteste an seinem Gesicht jedoch waren seine Augen. Sie lagen dicht unter den fein geschwungenen Brauen. Der goldbraune Ton seiner Iris und das Glänzen, das er hineinzaubern konnte, ließ Frauen dahinschmelzen und suggerierte seinem Gegenüber, er könne ihm bedingungslos vertrauen. Verstärkt wurde dies durch sein selbstbewusstes Auftreten, das ihm die Aura eines Managers verlieh, ihn seriös und glaubwürdig erscheinen ließ, selbst mit dem kurzen Vollbart, den er sich als ein Anführer der Salafisten hatte wachsen lassen müssen. Kurz gesagt, er war ein charismatischer Mann.

Keiner wusste, wer er in Wirklichkeit war und das gab ihm die Macht, andere zu manipulieren.

In Gedanken war er noch bei dem Erfolg, den seine heutige Predigt hinterlassen hatte. Es hatte schon gut angefangen. Weitaus mehr als erwartet waren gekommen um ihn zu hören.

»Du bist schon richtig berühmt geworden«, hatte Fatima stolz gesagt. »Sie wollen dich alle hören.«

Fatima war eine junge Islamistin. Auf der Flucht nach Deutschland hatte sie ihre Eltern verloren. Der Rest der Familie war in Syrien bei einem Bombenangriff ums Leben gekommen. Eigentlich war Fatima nur seine Nachbarin gewesen, aber sie hatte sich in ihn verliebt, als sie ihn zum ersten Mal predigen hörte, und Samuel hatte sofort erkannt, dass ihre Kenntnis des islamischen Lebens für ihn von großem Nutzen sein könnte. Und zudem genoss er ihre Schmeicheleien, selbst wenn er auch ohne diese wusste, dass er sehr, sehr gut war.

Heute hatte er wieder einmal all die jungen Menschen mitgerissen, die anscheinend so haltlos in diesem Land lebten. Er hatte ihnen beschrieben, wie wunderbar es sei, dass sie jetzt alle da wären, denn sie seien die Auserwählten. Gott würde ihre Brust weiten, dass sie Ruhe und Glück fänden. Ihr Dasein wäre erfüllt mit einem Ziel und einem Sinn. Er hatte ihnen das Leben mit dem Islam in den wunderbarsten Farben beschrieben: Die Gemeinschaft unter Brüdern, das Gefühl eine große Familie zu sein, in der es nur Gerechtigkeit gäbe. Er hatte ihnen aufgezeigt, dass der Staat, in dem sie jetzt lebten, nur aus Lügnern, Verbrechern und machtgierigen Oberen bestehe.

»Aber im Islam ist jeder Mensch wichtig und bedeutend.« Er hatte seiner Stimme das gerührte Beben verliehen, das seine Emotionalität vortäuschte und das Leuchten in ihren Augen gesehen, als er ihnen versprach, sie dürften in seiner Gruppe und mit ihm zusammen den Glauben leben und den mutigen Kampf gegen die Ungläubigen führen.

Alle neuen Zuhörer waren danach zu ihm gekommen und hatten vor den Anderen mit ihm das neue Glaubensbekenntnis des Islam gesprochen.

Seine Schlussworte waren in tosendem Beifall untergegangen: »Wir müssen der Höllenbrut endlich Einhalt gebieten!«, hatte er gerufen. »Diese Welt muss endlich dem einen Gott gehören und alle werden sich ihm unterordnen. Wir werden ihnen beweisen, dass es ihren Propheten Jesus nicht gibt!«

Ja, er wusste, er würde es ganz nach oben bringen. Er war schon ziemlich weit. Er konnte überzeugend sein, hatte die Fähigkeit ihnen allen zu suggerieren, dass sie ganz wichtig wären. Die Menschen bewunderten ihn und er konnte sie dazu bringen das zu tun, was er wollte. Sie folgten ihm begeistert und völlig blind. Denn er selbst glaubte weder an Gott noch an Mohammed, noch an irgendeine andere Macht. Die einzige Macht, an die er glaubte, war seine eigene Macht. Seine Anhänger hatten keine Ahnung davon. Und das war gut so. Denn er war fast am Ziel und er hatte sie alle im Griff. Alle.

Nur Torian nicht ...

... nicht immer.

Inzwischen war Samuel vor seiner Wohnung angekommen. Erst jetzt bemerkte er, dass die Sonne schon tief am Himmel stand. Die letzten Strahlen fielen in die Blätter der Platanen und umhüllten sie mit einem goldenen Schimmer. Aber für die Schönheit des Abends hatte Samuel keine Augen. Er war in Gedanken bei Amir. Dieser hatte endlich den Mann mit den Dokumenten gefunden. Auf Mallorca. Es hatte fast zu lange gedauert. Er hätte es Torian machen lassen sollen. So wie die Sache mit dem Mantelstoff. Er, Samuel hatte sich im richtigen Moment zurückgezogen und Torian vorgelassen. Torian hatte schon lange keine ­Gelegenheit mehr gehabt sich auszutoben. Es hatte reibungslos funktioniert, die Sache in Wien. Und was war schon ein Menschenleben. Er hatte jetzt das Stück Mantel mit dem Blutfleck.

Und Amir würde es nun auch endlich schaffen, die Dokumente zu bekommen.

7.Kapitel

Mittwoch 15. August 2012

Es war angenehm kühl im Büro. Die weiße Leinenmarkise, die Sophie über den Balkon gehängt hatte, tauchte den Raum in ein weiches, gedämpftes Licht. Es war still und nur das eintönige Brummen einer Fliege und das Klappern der Computertastatur waren zu hören.

Sophie saß über ihre Übersetzungsarbeit gebeugt, bemüht, ihre ständig abschweifenden Gedanken zu zentrieren. Immer wieder kreisten sie um den gestrigen Nachmittag und die Zisterne. Sie hätte gerne etwas mehr über diese Templer erfahren und sie überlegte, wie ihr Haus wohl zu der damaligen Zeit ausgesehen hatte. Ich müsste Louisa fragen. Sie hat sicher den archäologischen Abschlussbericht über das Haus schon fertig. Schnell kritzelte Sophie eine Notiz in Ihren Terminkalender und ermahnte sich, ihre Gedanken mehr auf die Übersetzung zu konzentrieren. Morgen musste sie die Arbeit ihrem Chef vorlegen und heute Abend wollte sie mit Juan ins Kino gehen. Sie seufzte und begann weiterzuschreiben.

Eine lange Zeit war es wieder still. Selbst die Fliege hatte ihre unermüdliche Attacke auf die Fensterscheibe eingestellt.

Plötzlich hob Sophie den Kopf. Ein merkwürdiger Geruch hatte sie irritiert. Sie schnupperte. Es roch eigenartig, irgendwie ganz zart nach Rauch. Etwas beunruhigt ging sie in die Vorhalle um nachzusehen. Es war nichts Auffälliges zu sehen und auch der Geruch war nicht mehr wahrnehmbar. Sie lief das ganze Erdgeschoß ab – nichts. Vielleicht hatte sie sich getäuscht. Wenn es wirklich brennen würde, wären ja auch die Rauchmelder angegangen.

Sie ging zurück ins Büro und da war es wieder. Ganz deutlich wahrnehmbar. Ein Geruch von … ja, jetzt konnte sie es deutlich identifizieren, ein Geruch, so ähnlich wie Weihrauch. Kalter Weihrauch. Aber wo kam er her? Vielleicht von einer Prozession, überlegte Sophie.

Sie warf einen Blick auf ihren Kalender. Maria Himmelfahrt. Das passte. Wahrscheinlich war eine Prozession in den Straßen unterwegs.

Sie betrat den Balkon. Eine frische salzige Meeresbrise wehte ihr entgegen. Sophie runzelte die Stirn. Irgendwas musste doch diesen Geruch verursachen.

Sie ging wieder ins Büro und schloss die Balkontüre hinter sich. Immer deutlicher war der Geruch von kaltem Weihrauch wahrzunehmen.

Bedächtig schritt sie den Raum ab und schnüffelte. Am deutlichsten roch es an ihrem Schreibtisch. Sie sah umher, erstarrte plötzlich in der Bewegung und ein verrückter Gedanke schoss ihr durch den Kopf. Sie legte sich flach auf den Boden und schnupperte über dem Gitter der Zisterne. Erschüttert setzte sie sich auf. Das war es. Der Geruch kam aus der Zisterne.

Sie brauchte einen Moment, um die Konsequenz dieser Entdeckung zu erfassen. Die Zisterne musste eine Verbindung haben. Eine Verbindung zu ...

»…unten in der Zisterne zweigt ein Gang ab. Er führt etwa in Richtung Südwest …« Das waren ihre Worte gewesen, als sie ihren Brüdern von der Zisterne erzählt hatte. Angenommen, der Gang würde in die gleiche Richtung weiterführen, dann würde er … auf die Kathedrale stoßen.

Sie hielt einen Moment die Luft an. Das würde bedeuten, dass ihr Haus eine unterirdische Verbindung zu der Kathedrale hatte.

Sie warf einen Blick auf die Uhr. Sie zeigte kurz vor elf Uhr an. Sophie schnappte ihren Hausschlüssel und rannte los.

Atemlos erreichte sie das Hauptportal der Kathedrale, das heute, wie an allen hohen Festtagen geöffnet war. Sie holte noch einmal tief Atem.

Eine Woge von Weihrauch wallte ihr entgegen, als sie in das gewaltige Bauwerk eintrat. Das Licht der Sonne ließ die bunten Gläser der gigantischen Rosette in brillierenden Farben erstrahlen, ergoss sich in einer Kaskade aus Rot, Blau und Gelb über die unendlich scheinenden Wandpfeiler, auf den Boden und tauchte das Innere der Kathedrale in eine bunt-dämmrige Farbenpracht. Der tiefe, melodische Gesang des Priesters schwang sich hinauf in das gotische Gewölbe und senkte sich über die Gemeinde, die das Hochamt mitfeierte. Die Ministranten schwenkten prunkvoll verzierte Weihrauchfässer, aus denen die grauen Schwaden mit dem Gebetsgesang zu den prächtigen Spitzbögen aufstiegen.

Selbst das ständige Kommen und Gehen der Messebesucher konnte die feierlich-erhabene Stimmung nicht stören und Sophie drückte sich auf einen der Stühle, der eben frei geworden war. Sie ließ sich mittragen von den festlichen Emotionen, die das Innere der Kirche ausfüllten und spürte, wie eine tiefe Ruhe ihren angespannten Körper durchströmte. Eine undefinierbare Sehnsucht und Wehmut ergriff sie und sie ließ sich von diesem Gefühl erfassen und treiben.

Der Priester hob würdevoll und feierlich eine goldene, reich mit Edelsteinen und Perlen verzierte Monstranz in die Höhe. Die Ministranten schwenkten noch heftiger ihre Weihrauchgefäße und der Wechselgesang zwischen Priester und Gemeinde wurde lauter und intensiver. Sophie war wie benommen von dem Duft des Weihrauchs und schloss für einen Moment die Augen.

Sie wusste nicht, wie lange sie so, mit geschlossenen Augen dagesessen und gelauscht hatte. Sie hatte einfach nur das Gefühl der völligen Zeitlosigkeit gehabt, so als ob sie zwischen Raum und Zeit schweben würde. Irgendwann öffnete sie die Augen wieder. Die Strahlen der Sonne, die durch die Rosetten fielen, ließen den aufsteigenden Weihrauch wie eine blaue Wolke schimmern und mitten in dieser Wolke stand der Priester in gleißendes Licht getaucht, wie aus einer anderen Welt. Sophie erschauerte. Es war ein Bild, so unwirklich und so erhebend zugleich. Der Priester setzte sich in Bewegung und schritt langsam den Gang hinunter, gefolgt von den Ministranten.

Sophie stand jetzt auf und ging ebenfalls langsam Richtung Portal. Der Gesang war noch lauter geworden und sie hörte wie von Ferne neben sich eine Stimme sagen: »Der König!«

Sophie blinzelte, geblendet von der plötzlichen Helligkeit, die durch das sich weit öffnende Portal einströmte. Verschwommen sah sie einen Reiter, der im gleißenden Licht der Sonne stand. Sein Helm war mit einem Drachenkopf und Flügeln gekrönt und darunter wallte sein blondes Haar hervor, das beinahe unwirklich in der Sonne glänzte.