Mendelssohn auf dem Dach - Jiri Weil - E-Book

Mendelssohn auf dem Dach E-Book

Jiri Weil

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Beschreibung

Der große vergessene Roman über die albtraumhafte Besatzung Prags durch die Deutschen – geschrieben von einem der wichtigsten tschechischen Autoren des 20. Jahrhunderts: Heydrich tobt. Gerade erst hat der "Reichsprotektor von Böhmen und Mähren" das ehrwürdige Konzerthaus Rudolfinum zum "Haus der deutschen Kunst" umwidmen lassen, da entdeckt er unter den Komponistenstatuen auf dem Dach einen Juden: Mendelssohn-Bartholdy. Der SS-Anwärter Julius Schlesinger erhält den Befehl, sich um dessen Beseitigung zu kümmern. Aber das ist schwieriger als gedacht. Denn erstens ist er nicht schwindelfrei und will nicht aufs Dach. Und zweitens finden die beiden mitgebrachten Tschechen, Bečvář und Stankovský, nicht heraus, wer der Fragliche ist – denn die Statuen tragen keine Namen. Da hat Schlesinger eine Idee: Eben erst hat er gelernt, dass Juden die größten Nasen hätten. Zufrieden glaubt er seine Aufgabe erfüllt zu haben, als er die beiden wieder losschickt – zu Richard Wagner. Was so komisch beginnt, wird im Laufe des Buchs ein großes, immer dunkleres und beklemmenderes Bild Prags und seiner Bewohner unter der deutschen Besatzung. Jiří Weil erzählt von der Verfolgung und Deportation der Juden, dem Wüten von SS, Gestapo und Wehrmacht, von Kollaboration und Bereicherung, aber auch von Widerstand und dem Attentat auf Heydrich. Je größer die Hoffnung auf ein Ende wird, desto mehr verengt sie sich zur Aussichtslosigkeit.

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Seitenzahl: 340

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Aus dem Tschechischen von Eckhard Thiele

Die tschechische Originalausgabe erschien 1960 unter dem Titel Na střeše je Mendelssohn bei Československý spisovatel in Prag, die deutsche Übersetzung von Eckhard Thiele erstmals 1992 bei Rowohlt in Reinbek bei Hamburg.

E-Book-Ausgabe 2019

© Jiří Weil – heirs c/o DILIA

© für die deutsche Ausgabe: 2019 Verlag Klaus Wagenbach, Emser Straße 40/41, 10719 Berlin

Covergestaltung: Julie August. Datenkonvertierung bei Zeilenwert, Rudolstadt.

Alle Rechte vorbehalten. Jede Vervielfältigung und Verwertung der Texte, auch auszugsweise, ist ohne schriftliche Zustimmung des Verlags urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt insbesondere für das Herstellen und Verbreiten von Kopien auf Papier, Datenträgern oder im Internet sowie Übersetzungen.

ISBN: 9783803142481

Auch in gedruckter Form erhältlich: 978 3 8031 3309 0

www.wagenbach.de

Als Zeus von all den Verbrechen und Lastern der Menschheit erfuhr, von Mord, Meineid, Betrug, Raub und Blutschande, beschloß er, alles Leben auf der Erde auszutilgen. Explosionen fegten die Behausungen der Menschen hinweg, Wasserfluten überschwemmten das Land, schwere Wolken säten Tod, und nur Deukalion und sein Weib Pyrrha blieben übrig. Die beiden verschonte Zeus, weil sie Gerechte waren. Auf dem Berg Parnaß im Lande Phokis ließen sie sich nieder.

Endlich zerstreuten sich die todbringenden Wolken, und am blauen Himmel schien die Sonne. Doch Deukalion und Pyrrha weinten, weil sie so einsam waren in der Wüste. Sie errichteten Themis, der Göttin der Gerechtigkeit, einen Altar und erflehten Rat, wie sie das Menschengeschlecht wieder zum Leben erwecken könnten. Denn sie waren zu alt, die Erde zu bevölkern.

Die Göttin hieß sie das Haupt verhüllen und Steine hinter sich werfen. Das taten die beiden, und als das Gestein auf der harten Erde zerschellte, kamen wieder Menschen zur Welt.

1

Antonín Bečvář und Josef Stankovský liefen über das Dach, an den Statuen vorbei. Das war ungefährlich, die Statuen standen auf einer Balustrade, das Dach hatte keine Firste, es war fast eben. Julius Schlesinger, Magistratsbeamter und Anwärter der SS, ohne Rang, traute sich nicht aufs Dach. Mit einem höheren Rang hätte er nicht hier gestanden, sondern hätte eine einträglichere Stelle bei der Gestapo, doch dafür führte man beim Magistrat ein bequemeres Leben. Wie weit könnte er es als ehemaliger Schlosser schon bringen? Sie würden ihn höchstens an die Front schicken, in den Osten, und das wäre ein schlechter Tausch. Beim Magistrat war es ihm bisher gutgegangen, Widrigkeiten begannen erst jetzt.

Er mochte nicht aufs Dach gehen. Die beiden Bediensteten grinsten hämisch: So ein Feigling, hat Angst, aus der Tür zu treten, und kommandiert bloß herum. Doch in acht nehmen mußte man sich vor den Deutschen, den Schöpsen, sie hatten so viele für nichts und wieder nichts eingesperrt oder zur Zwangsarbeit ins Reich geschickt, zum Beispiel wenn ein Befehl nicht sofort befolgt wurde.

Schlesinger konnte Tschechisch, er stammte aus der Gegend von Brüx, wo Tschechisch gesprochen wurde. Eine Zeitlang hatte er bei Ringhoffer gearbeitet, im Auftrag, vor dem fünfzehnten März. Er hatte sich mehr davon versprochen gehabt. Immerhin hatte er sich sogar als deutscher Sozialdemokrat ausgeben müssen, damit ihn die Arbeiter akzeptierten. So ein schwieriger Auftrag war das gewesen, und trotzdem wurde er nur Magistratsbeamter und Anwärter der SS.

Schuld war sein Name. Ja, wenn er Dvorzacek oder Nemetschek hieße, mit solchen Namen liefen Hunderte herum, das schadete nicht. Aber Schlesinger, und noch dazu Julius, das wirkte jüdisch und weckte überall Mißtrauen. Er trug seinen Ariernachweis, bis zum Urgroßvater und der Urgroßmutter, immer bei sich. Aber auch das war verdächtig, Dokumente konnte man fälschen. Schließlich war er bei Ringhoffer mit gefälschten Papieren eingestellt worden. Die hatte ihm der politische Leiter in Brüx gegeben.

Aufs Dach würde ihn allerdings niemand kriegen, er hatte Angst, daß ihm schwindlig würde. Als frommer Katholik fürchtete er die Strafe Gottes, weil er sich einer Entheiligung schuldig gemacht hatte. Das hätte nicht passieren, das hätte er nicht tun dürfen. Vielleicht hätte er sich herauswinden, sich eine Krankheit ausdenken können. Aber die Rettung wäre das kaum gewesen, sie hätten ihn an die Front geschickt, womöglich in eine Strafkompanie. Der Befehl, die sterblichen Überreste des Unbekannten Soldaten zu beseitigen, war direkt von Frank gekommen, wie Krug ausdrücklich gesagt hatte, dem dies wiederum von Gieß aufgetragen worden war. Also war nichts weiter übriggeblieben, als zu gehorchen. Und außerdem, wer sonst als er, ein ehemaliger Schlosser, wäre für die Aufgabe in Frage gekommen?

Hier auf dem Dach ging es um etwas anderes. Um eine Statue, eine jüdische. Eine Judenstatue vom Dach zu werfen, und dann noch einen Komponisten, das war keine Sünde. Eine Statue kann sich nicht vor dem Himmelsthron beklagen. Doch wer kennt Gottes Wege, es ist schon vorgekommen, daß eine Statue eine Strafe vollstreckt hat. So eine Oper hatte Schlesinger einmal gesehen. Aber würde eine Statue das am hellichten Tag tun?

Die heutige Zeit ist merkwürdig. Gesetze gelten nicht, der Tag kann zur Nacht werden. So eine schwere Sünde wird nicht vergeben. Wer würde ihm Absolution erteilen für die Zange, die Schraubenzieher, die Blechschere und die Metallsäge? Für so eine Sünde gibt es keine Absolution. Es sei denn, er würde nach Rom pilgern, wie es früher üblich war, und den Papst um Vergebung bitten. Was würden seine Vorgesetzten sagen, der Halunke Krug oder der dicke Dr. Buch, der Gestapo-Vertrauensmann! Schließlich hatte er eine Erklärung unterschrieben, bei Todesstrafe nichts zu verraten, auch nicht der eigenen Familie. Und wenn er es dem Pfarrer beichtete, wer weiß, ob der ihn nicht denunzieren würde – die Gestapo hatte auch unter den Pfarrern ihre Spitzel. Bis zum Papst reichte ihre Macht zwar nicht, aber wie zum Papst gelangen? Vielleicht gab es irgendeine Gelegenheit, die Strafe dürfte ihn nur nicht treffen, bevor er Absolution erhalten hatte, sonst half nichts, und er müßte ewig in der Hölle schmoren.

Die beiden Bediensteten zogen ein dickes Seil mit einer Schlinge hinter sich her und gingen gleichgültig die Balustrade entlang. Dort standen viele Statuen, alles Komponisten. Sie blickten auf die Straße, die menschenleer war, ja, es war Werktag, alle arbeiteten, die Hochschulen waren geschlossen, hin und wieder schlüpfte jemand ins Kunstgewerbemuseum. Die Leute gingen ungern hier entlang, eine SS-Kaserne und jüdische Ämter waren in der Nähe, es war ein SS-Viertel. So etwas Idiotisches, mit einem Strick auf dem Dach herumlaufen und eine Statue suchen, so etwas konnte nur den Schöpsen mit ihrer Gründlichkeit einfallen. Wer weiß, ob sie mit einer so großen Statue überhaupt zu zweit fertig würden. Schlesinger wollte nicht mehr Leute hinzuziehen, damit die Sache nicht publik wurde. Sie hatten ihm geschworen, Schweigen zu bewahren, so ein Schwachsinn, als würden die Leute nicht merken, wenn eine Statue fehlt. Mit den neuen Herren war nicht zu reden. Wozu das Herumgaffen auf dem Dach, warum kam Schlesinger nicht und sagte ihnen, was und wie.

»Herr Chef, wir könnten anfangen. Aber welche Statue ist es? Sie brauchen bloß mit dem Finger darauf zu zeigen«, rief Bečvář ungeduldig.

Die Anrede »Herr Chef« mißfiel Schlesinger, die Leute wußten noch nicht einmal, wie sie ihre Vorgesetzten anzureden hatten, sie hatten keine Disziplin gelernt, niemand jagte sie zu Marschübungen wie ihn, allenfalls trieben sie Schwarzhandel und zogen Gemüse in ihren Gärten. Er herrschte sie an:

»Gehen Sie die Balustrade entlang und sehen Sie auf die Sockel, bis Sie den Namen Mendelssohn finden. Lesen können Sie doch hoffentlich.«

»Wie heißt der Jude?« fragte Stankovský. Er hielt seine Dienstmütze fest, damit der Wind sie nicht forttrug, auf seine Dienstmütze, Zeichen seiner Würde, legte er größten Wert, zur Zeit der Tschechoslowakischen Republik hatte sie etwas gegolten. Städtischer Bediensteter wurde nicht jeder, man war beim Magistrat angestellt und hatte Pensionsanspruch. Bei den Deutschen konnte man allerdings nie wissen. Aber Mütze war Mütze.

»Men – dels – sohn«, buchstabierte Schlesinger.

»Ah ja«, sagte Bečvář.

Sie gingen langsam an der Balustrade entlang und sahen auf die Sockel. Daß dort keine Inschriften waren, wußten sie längst, aber wenn Schlesinger wünschte, daß sie dort entlanggingen, warum sollten sie ihm den Gefallen nicht tun.

Schließlich verkündete Bečvář: »Herr Chef, auf den Sockeln sind keine Inschriften. Wie sollen wir den Mendelssohn erkennen?«

Das war eine schöne Bescherung. Niemand hatte ihm erklärt, wie die Statue des Juden aussah. Aber auch wenn man es ihm erklärt hätte, würde es nichts nützen, die Statuen sahen eine wie die andere aus. Er hatte sich auf die Inschriften am Sockel verlassen, Denkmäler haben gewöhnlich Inschriften. Fragen konnte und durfte er niemanden. Wie Mendelssohns Statue aussah, wußte bestimmt nur der stellvertretende Reichsprotektor, weder Frank noch Gieß oder gar Krug. Heydrich wußte es, weil er Musiker war. Aber wer würde es wagen, sich bei ihm zu erkundigen?

Schlesinger sah aus der Tür, überlegte fieberhaft, starrte auf die Statuen. Selbst wenn er sich überwand und aufs Dach hinaustrat, würde er unter so vielen Statuen ebensowenig wie die Bediensteten den Juden herausfinden. Die beiden standen gemütlich da und warteten auf seinen Befehl. Wahrscheinlich grinsten sie sich eins, aber merken ließen sie sich nichts, ihre Gesichter waren stumpf, ausdruckslos, bestimmt sagten sie sich: Dann warten wir eben, uns läuft nichts weg. Doch er, Schlesinger, mußte den Befehl ausführen. Der kam direkt vom stellvertretenden Reichsprotektor, und der war unerbittlicher als Frank. Einem Befehl nicht Folge zu leisten – jeder wußte, was das bedeutete. Krug hatte ihm vor jener Expedition zum Altstädter Rathaus erläutert, daß im Hinterland dieselben Gesetze galten wie an der Front. Die Front war überall, zumal in diesem Land, wo sie alle damit betraut waren, die Untermenschen den Gesetzen des Reiches zu unterstellen, zumal in diesem Land galten militärische Gesetze. Einem Befehl nicht zu gehorchen, bedeutete den Tod. Auch wenn der Befehl unverständlich war.

»Ah ja«, sagte Bečvář.

»Das Seil ist nicht stark genug, es wird reißen. Man müßte es erst probieren, na ja, immer diese Eile«, brummte Stankovský. Er wollte noch hinzufügen: Wir stehen ganz umsonst herum; aber er ließ es lieber. Schlesinger zerbrach sich über irgend etwas den Kopf und war wütend. Die Deutschen, diese Schöpse, waren allesamt verrückt. Bald würde Mittag sein, und wenn sie nicht binnen einer Stunde fertig wären, kriegten sie in der Kantine kein Essen mehr.

Endlich hatte Schlesinger einen Einfall: »Geht noch einmal an den Statuen entlang und guckt euch genau die Nasen an. Wer die größte Nase hat, ist der Jude.«

Schlesinger hatte einen Weltanschauungslehrgang besucht, dort waren Vorträge über Rassenlehre gehalten und Diapositive gezeigt worden. Auf ihnen hatte man Nasen und daneben ein Zentimetermaß gesehen, jede Nase war sorgfältig gemessen. Es war eine sehr tiefe, schwierige Wissenschaft, jedoch mit einfachen Ergebnissen. Die besagten, daß die Juden die größten Nasen hätten.

Die Bediensteten liefen die Statuen entlang. So eine idiotische Arbeit: die Statue mit der größten Nase suchen. Bečvář zog den Zollstock aus der Tasche, den er immer bei sich hatte. Er hatte Tischler gelernt, bevor er beim Magistrat zu arbeiten begann, und jetzt baute er nach der Arbeit Kaninchenställe. Davon konnte man gut leben, die Leute rissen sich darum, Kaninchen waren in Mode.

»Mach keinen Quatsch«, Stankovský schob ihn beiseite, »mit Messen halten wir uns nicht auf. Jetzt wird’s ernst, jetzt geht’s ums Mittagessen. Wer die größte Nase hat, das sehen wir doch mit einem Blick – oder nicht?«

»Schau dir den mit dem Barett an«, rief Bečvář. »So eine Nase hat keine andere Statue. Pepík, dem lege ich das Seil um den Hals.«

»Prima«, Stankovský war einverstanden, »na los.«

Sie zogen am Seil, die Statue begann schon zu wackeln. Schlesinger sah aus der Tür.

Plötzlich schrie er: »Jesus Maria, hört auf, hört auf!«

Bečvář und Stankovský ließen das Seil los. Der übergeschnappte Schöps, sollte er doch selbst nachsehen, welche Statue die größte Nase hat.

Schlesinger brach Angstschweiß aus. Von all den Statuen kannte er außer dieser keine einzige. Diese stellte Richard Wagner dar, den größten deutschen Komponisten, kein gewöhnlicher Musiker, sondern einer von denen, die die Grundlagen des Dritten Reiches geschaffen hatten. Porträts und Gipsbüsten von ihm gab es in fast jeder Wohnung, und bei den Lehrgängen wurden Vorträge über ihn gehalten.

Die Bediensteten ließen ratlos das Seil los, die Schlinge baumelte um Richard Wagners Hals.

Schlesinger schwieg und überlegte angestrengt. Dann fragte er: »Hat diese Statue wirklich die größte Nase?«

»Na klar, Herr Chef«, sagte Bečvář, »die anderen haben ganz normale.«

»Packt das Werkzeug zusammen«, befahl Schlesinger, »wir gehen zum Rathaus.«

Bečvář und Stankovský nahmen die Schlinge von Wagners Hals ab und stiegen herunter.

Schlesinger schritt die Treppe hinunter, ohne sich nach ihnen umzusehen. Also war es doch eine Statue, die die Strafe an ihm vollstreckte. Anders als in der Oper, aber ausgeführt wurde die Rache von einer Statue. Überdies am hellichten Tag.

Die Todsünde damals hatte er nachts begangen. Sie waren mit dem Auto abends um zehn Uhr angekommen und hatten vor dem Altstädter Rathaus gehalten. Im Wagen waren zwei von der Gestapo. Er hatte Zange, Schraubenzieher, Feile, Blechschere und Metallsäge mit. Das Auto fuhr auf den Hof. Durch den Hintereingang gelangten sie ins Rathaus. Dort erwartete sie Krug. Die beiden von der Gestapo kicherten, offenbar waren sie betrunken, aber sie verhielten sich leise, sie konnten sich trotz ihrer Trunkenheit beherrschen. Zwischen ihnen wankte er mit seinem Werkzeug, als sei auch er betrunken, dabei hatte er keinen Tropfen zu sich genommen und noch nicht einmal etwas gegessen, seit Krug ihn zu sich gerufen hatte. Er hatte ihn in die Aufgabe eingeweiht, die ihn erwartete, und die Verpflichtung unterschreiben lassen. Sie gingen hinunter in die Kapelle. Die Gestapoleute hatten es eilig, »los, los, schnell, schnell«, zischten sie immerzu, mechanisch, das waren die eintrainierten Worte. Zuerst entfernten sie die Kranzschleifen, dazu brauchten sie ihn nicht, das erledigten sie selbst, sie hatten vorsorglich Kartons mitgebracht. Sie grinsten bei der Arbeit, im matten Licht der abgeschirmten Glühbirnen in der Krypta sahen ihre Gesichter wie Teufelsfratzen aus. Ja, namenlose Teufel, deren Stimmen wie aus einem Grammophontrichter schallten, standen links und rechts von ihm. Dann begann seine Arbeit. Er schraubte den Sargdeckel los, riß die Verzierungen ab, schnitt den Sarg mit dem Blechschneider auf und rollte das Blech zu mehreren Rollen zusammen. Er arbeitete wie eine Maschine. Dann nahm er den Holzkasten aus dem Sarg, in dem sich die Knochen des Unbekannten Soldaten befanden und Erde. Das alles trug er ins Auto. Die Gestapoleute halfen ihm nicht dabei. Auf dem Hof wartete Krug, er sah auf seine Uhr mit dem Leuchtzifferblatt, eine von denen, wie sie die Offiziere an der Front bekommen, und sagte: »Jetzt ist es zwei Uhr. Gute und schnelle Arbeit. Ich werde Sie für das Eiserne Kreuz zweiter Klasse vorschlagen. Davon mache ich Herrn Primator Pfitzner Meldung.«

Schlesinger hatte nicht geantwortet, er schleppte den Kasten. Sie konnten denken, er sei müde, sie konnten sich alles mögliche denken. Schweigend stiegen sie ins Auto, nahmen ihn in die Mitte auf dem Rücksitz, den Kasten stellten sie neben den Fahrer. Sie fuhren durch die tote, verdunkelte Stadt und über die Brücke auf die andere Seite der Moldau. Der Fluß aber lebte, er allein war zu erkennen, an seinem Glänzen inmitten der dunklen Leere. Schlesinger hatte keine rechte Vorstellung, wohin sie fuhren, dachte zunächst, sie würden zur Gestapo fahren und dort alles übergeben. Doch sie rasten in der schwarzen Limousine ganz woandershin, schrecklich weit weg. Im stillen betete er. Die Gestapoleute schliefen. Sie überquerten noch eine Brücke, Schlesinger erkannte, daß sie auf der Rokoska waren. Wollten sie etwa über die Rumburger Straße ins Reich fahren? Oder zu Heydrich, damit er sich persönlich vom Inhalt der Holzkiste überzeugte? Nein, sie bogen nach links, fuhren am Trojaer Ufer entlang. Der Fahrer hatte offenbar Instruktionen. Der Wagen hielt dicht am Fluß. Die Gestapoleute erwachten und stiegen mit ihm zusammen taumelnd aus dem Auto. Der Fahrer zog einen großen Sack unter dem Sitz hervor. Die Gestapoleute sammelten Steine und befahlen ihm wortlos mitzusammeln. Alles geschah leise, beim bläulichen Tarnlicht der Taschenlampen. Die Holzkiste, das Blech und die Steine warfen sie in den Sack. Alle packten an, holten Schwung und warfen den Sack in hohem Bogen ins Wasser. Dann erst sprach einer der Gestapoleute:

»Fertig.«

Sie hatten ihn dort abgesetzt, wo sie losgefahren waren, am Altstädter Rathaus, nahe seiner Wohnung in einem neuen Haus in der Langen Straße. So hatte die Nacht seiner Todsünde geendet. Und als Rache kam jetzt ein Gespenst, die Statue eines jüdischen Komponisten, um ihn dafür zu bestrafen, daß er mitgeholfen hatte, die sterblichen Reste des Unbekannten Soldaten zu beseitigen. Seit jener Nacht lebte er ständig in Angst, mußte er sich das schreckliche Verbrechen der Schändung und Entweihung ständig vergegenwärtigen, aber hätte er denn anders handeln, hätte er sich herauswinden können, da Krug ihm gedroht hatte und die beiden Gestapoleute ihn auf Schritt und Tritt bewachten?

Einem Befehl nicht zu gehorchen, bedeutet den Tod, hatte Krug damals gesagt, und das galt, solange Krieg war und womöglich auch danach.

Es hatte keinen Sinn, sich mit Vorwürfen den Kopf zu zermartern. Schweigend gab er den Dachbodenschlüssel dem Pförtner, der fragte nicht weiter, wie hätte er das auch wagen können.

Er trat auf die Straße. Die Dienstleute wagten nicht, neben ihm zu gehen, aber sie hefteten sich an seine Fersen, als freuten sie sich über sein Unglück, als warteten sie darauf, daß ihn die Gestapo abholte.

»Was wollt ihr?« herrschte er sie an.

»Weiter nichts, Herr Chef«, begann Bečvář harmlos, »weil es mit der Statue doch nichts wird, möchten wir gern Mittag essen gehen. Danach sind wir selbstverständlich wieder zur Stelle.«

»Verschwindet!« brüllte Schlesinger. »Wenn ich euch brauche, finde ich euch schon. Und sei es beim Essen.«

Die Dienstleute gingen in die Kantine, Schlesinger ins Rathaus.

»Na ja«, sagte Bečvář.

»Idiotischer Schöps. Zu Mittag gibt’s wieder bloß Kartoffeln und Soße«, seufzte Stankovský.

Schlesinger erkundigte sich gar nicht erst, ob Krug in seinem Büro war.

Krug saß am Tisch und knurrte nur, ohne sich zu rühren, als er grüßte. Aber an seinem Gesicht erkannte Schlesinger, daß etwas im Schwange war. Krug ist gerissen, dem entgeht nichts, er weiß alles.

»Na«, fragte Krug streng, »Befehl ausgeführt? Gieß hat schon nachgefragt.«

»Nein«, erwiderte Schlesinger leise.

»Wieso nicht?« schrie Krug. »Haben die beiden Kerle die dämliche Arbeit etwa nicht geschafft? Dann schicke ich sie heute noch zum Totaleinsatz. Schlagen sich hier im Protektorat den Wanst voll und können nicht mal eine gewöhnliche Statue runterreißen. Sie hätten ihnen helfen sollen, Schlesinger, oder sie antreiben, das ist ein sträfliches Versäumnis. Ihnen wird wohl nichts anderes übrigbleiben, als sich das Eiserne Kreuz an der Front zu verdienen.«

Schlesinger stand stumm, er zitterte am ganzen Leib. Mühsam stammelte er: »Die Statuen sind nicht mit Namen gekennzeichnet. Ich konnte den Juden nicht erkennen.«

Krug warf ihm ein ordinäres Schimpfwort an den Kopf. Dann verstummte er. Sie schwiegen beide, Schlesinger die Hände an der Hosennaht, Krug mit übereinandergeschlagenen Beinen am Tisch.

Jesus Maria, Jungfrau Maria, himmlische Fürbitterin, vielleicht würde es nicht so schlimm, da Krug ihn nicht sofort abführen ließ. Er brauchte bloß zum Telefonhörer zu greifen, im Nu wären sie hier. Aber Krug schwieg, er steckte auch in der Klemme. Natürlich, Krug war Gieß verantwortlich und dieser Frank und der Heydrich, und wenn der Befehl nicht ausgeführt wurde, würden Heydrich und Frank sie allesamt einsperren lassen, allenfalls Gieß verschonen und ihm irgendwie eine andere Strafe verpassen, Heydrich brauchte ihn, doch Krug käme bestimmt zu Fall. Ihm würden weder seine Verdienste aus der Vorkriegszeit noch die Teilnahme am Polenfeldzug helfen.

Endlich sagte Krug friedfertig: »Der Befehl muß ausgeführt werden, der Herr General duldet keine Ausflüchte.« (Mit Bedacht benutzte er Heydrichs militärischen Rang, um die Bedeutung des Befehls zu betonen.) »Was gedenken Sie jetzt zu unternehmen?«

Schlesinger wollte der Kopf platzen. Schnell etwas finden, sich etwas ausdenken, um Zeit zu gewinnen. Doch ihm fiel nichts ein. Gieß fragen, wenn er wieder anriefe? Das bedeutete einzugestehen, daß der Befehl nicht ausgeführt war, außerdem konnte Gieß ihnen keinen Rat geben, er wußte sowieso nicht, wie die Statue aussah, das wußte nur Heydrich. Gleich würde Krug wieder losbrüllen, die Angst saß auch ihm im Nacken, er würde seine Haut um jeden Preis retten wollen, und vor ihm auf dem Tisch stand das Telefon. Noch einen Moment, und er würde zum Hörer greifen.

»Ich denke«, schlug Schlesinger vor, »wir sollten aus den SS-Kasernen Hilfe anfordern. Die sind in der Nähe des Rudolfinums, dort wird man schon einen Sachkundigen zu finden wissen. Wir haben den Befehl direkt vom stellvertretenden Reichsprotektor, deshalb wird man uns das nicht abschlagen.«

Krug überlegte. Schlesinger war zwar ein Idiot, aber die Idee war nicht schlecht. Noch vorteilhafter wäre es, sich an die Gestapo zu wenden, die hatte Experten für alles, da fänden sich auch Musiker, doch es war gefährlich, sich mit der Gestapo einzulassen. Die konnte es dem Protektorat melden, und noch bevor die Statue vom Dach herunter wäre, hätte Heydrich Bescheid gewußt, was Krug für eine Null war. Dann würde er der Strafe nicht entgehen, Heydrich kannte keinen Pardon. Das SS-Kommando würde sich dagegen kein Kopfzerbrechen machen. Die waren gewöhnt, Befehle auszuführen, ohne weiter zu fragen. Sie würden sich nicht erst beim Protektorat erkundigen, ihnen genügte es zu hören, daß Krug Scharführer und Schlesinger Anwärter waren.

»Versuchen Sie es«, stimmte er gnädig zu, »und erstatten Sie mir Meldung.«

Das Telefon schrillte. Gieß, dachte Schlesinger. Krug antwortete: »Noch nicht, aber heute bestimmt, eine kleine Verzögerung, technische Schwierigkeiten, ja, ich verstehe, Befehl von höchster Stelle, wird gemacht, Sie können sich darauf verlassen.«

Krug legte den Hörer auf und befahl Schlesinger zornig: »Und jetzt aber los, ich will Sie erst wiedersehen, wenn die Statue entfernt ist. Verstanden?«

Schlesinger schlug die Hacken zusammen und empfahl sich mit dem vorgeschriebenen Gruß. Krug erwiderte ihn nicht einmal.

2

Die Ouvertüre zu »Don Giovanni« war verklungen. Im Saal brauste der Beifall. Die Musik war nicht gerade nach seinem Geschmack, Mozart war zu süß, zu fein, zu beruhigend. Doch Mozart gehörte zu Prag, und mit keiner anderen Musik konnte man im Rudolfinum beginnen. Mozarts Musik war zum ersten Mal in dieser Stadt erklungen, als sie noch im österreichischen Sumpf schlief, jetzt schlief sie auch, jedoch den Schlaf einer Leiche unterm Fuß des Siegers. Eines Tages aber würde sie als deutsche Stadt erwachen, und dann würde auch hier andere Musik erklingen. In seiner Jugend in Halle hatte er Mozart geliebt. Damals hatten sie ihn zu Hause im Quartett gespielt, und ihm war es beschieden gewesen, die zweite Geige zu spielen. Die zweite Geige, das würde nie mehr vorkommen, er runzelte die Stirn. »Don Giovanni« war auch Vaters Lieblingsoper gewesen, von Kind an hatte er ihn dorthin mitgenommen; die Statue des Komturs rächt ein Verbrechen, wie lächerlich das war, wie dumm das klang, wenn ganze Ströme von Blut flossen, nicht nur Blut unterworfener Untermenschen, sondern auch der Besten, reines deutsches Blut. Man würde noch sehen, von wem das meiste Blut flösse. Die Statue des Komturs, die Unrecht ahndet, gehörte nur in die Oper.

Mozart, das war sowieso deutsche Musik, auch wenn das Freimaurertum und weiß der Teufel was darin steckte, dies war schließlich ein deutscher Konzertsaal, und allezeit würde hier deutsche Musik erklingen. Nie mehr tschechische Politikaster ihre dreckigen Mäuler aufreißen, ihm war gelungen, was sich der feige Laffe Neurath nicht getraut hatte, der, um das Ausland zu beruhigen, Protektor von Führers Gnaden geworden war und doch nur alles vermasselt hatte. Was würde er noch alles für Schweinereien ausräumen müssen, es wartete eine Menge Arbeit auf ihn. Doch es mußte gelingen, alle hatten sofort erkannt, was für ein Mann er war. Fett geworden waren sie hier im Protektoratssumpf wie die Ferkel, er würde ihnen das Laufen jetzt beibringen. Und diese Arbeit hier, die Erneuerung des »Hauses der deutschen Kunst«, hatte er gut ausgeführt. So etwas hatte die gleiche Bedeutung wie Todesurteile des Standgerichts. Allerdings verstanden wenige der hiesigen Leute etwas davon. Der Führer würde bestimmt begreifen, warum dies zu den ersten Aufgaben gehörte, der Führer wußte von der Bedeutung der Kunst für das Leben des Reiches.

Er hatte es allen, die jetzt im Saal Beifall klatschten, vor Beginn des Konzerts gesagt. Am Dirigentenpult auf dem Podium war er sich zwischen den Musikern eigenartig vorgekommen, in der Uniform zwischen den Männern im Smoking. Die waren die einzigen in schwarzen Anzügen, abgesehen vom Konsularischen Korps, das mit Vorbedacht eingeladen worden war, damit es sah, wie das Reich mit dem Parlament Schluß gemacht hatte, damit es sah, wie das Reich hier im deutschen Prag nicht nur Kanonen, Panzer, Minenwerfer und Flugzeuge sprechen ließ, sondern auch Musik, deutsche Musik. Nie mehr würden in diesem Saal Kompositionen jüdischer Komponisten erklingen, nie mehr auf dem Podium ein jüdischer Dirigent stehen. Die Rasse und die Musik, das Blut und das Großdeutsche Reich, der Führer und der zum Reich zurückgekehrte Raum Böhmen und Mähren – das alles war ein heiliges, für alle Ewigkeit gültiges Symbol. Er hatte auch über den heiligen Wenzel gesprochen, über ihn mußte er sprechen, noch lebten ja Tschechen in diesem deutschen Land, sprach über den Irrsinn eines selbständigen Staates, zu etwas war der heilige Wenzel doch gut, solange der Krieg dauerte. Dann hatte er in der ersten Reihe Platz genommen, während das Publikum im Saal noch mit erhobenen Armen dastand, sich nach der Anstrengung erschöpft niedergelassen, denn es ermüdete ihn, Reden zu halten. Er mochte das Reden nicht, lieber war ihm das Rattern einer Maschinenpistole, die Maschinenpistole war die richtige deutsche Sprache, und alle unterworfenen Staaten von den Pyrenäen bis Rostow am Don verstanden sie. Doch hier war er unter den eigenen Leuten und hatte die Ansprache halten müssen, er war hier als Vertreter des Führers und des Reichs, war »der Feind aller ihrer Feinde«, wie die hiesigen Zeitungen über ihn schrieben. Eine zutreffende Bezeichnung.

Das Orchester spielte die Prager Sinfonie, er konnte behaglich die Beine ausstrecken und nach dem anstrengenden Tag ausruhen. Und er konnte nachdenken und weitere Pläne schmieden, schließlich war er nur vorläufig hier, bis ihm der Führer eine andere Aufgabe übertragen würde. Er mußte alles daransetzen, seine Befehle in kürzester Frist auszuführen – das Land unterwerfen, die Bewohner einschüchtern, sie in willenlose Leibeigene des Reiches verwandeln, alle Feinde ausrotten, das Land judenfrei machen. Ja, judenfrei, auch diese Aufgabe hatte der bequeme Herr von Neurath verabsäumt.

Er rief sich die Ereignisse des heutigen Tages in Erinnerung. Jetzt hatte er ein wenig Zeit, solange die Musik erklang. Sie störte ihn nicht, sie sagte ihm allerdings auch nichts mehr, sie erinnerte ihn lediglich an die Kindheit.

Der Tag auf der Burg hatte wie gewöhnlich begonnen. Er war aus Panenské Břežany losgefahren, an den noch stillen Häusern vorbei, jetzt im Herbst zeigte sich kein Mensch auf der Straße. Sicher weil er dem Dorf Disziplin beigebracht hatte: kein Herumlungern mehr auf dem Anger, keine Hühner und Gänse auf der Straße, keine Musik zu Jahrmärkten und Kirchweihfesten, ab zehn Uhr herrscht Ruhe und sind alle Lichter gelöscht, bis zum Morgengrauen. So lebte das Dorf, dem er die Ehre erwies, dort sein Domizil zu haben. Zwar hätte er lieber Deutsche um sich gehabt, doch das war während des Krieges nicht zu machen. So ordnete er wenigstens an, daß die Bauern in ihren Katen zu bleiben hatten, damit er im Vorbeifahren nicht ihre hölzernen Gesichter sehen und ihre Sprache hören mußte. Der Mercedes flog über die Straße durch das ausgestorbene Land, erst als er sich der Stadt näherte, kam er an Menschen aus den Vorstädten vorbei. Wenn sein Wagen mit flatternden Standarten vorüberraste, sprangen sie zur Seite. Sie wußten, wer zu dieser Stunde in die Stadt fuhr. Dann rollte der Wagen mit abgeschaltetem Motor bergab, vorbei an neuen Villen, in denen immer noch eine Menge Tschechen wohnten, doch an einigen hingen schon die Fahnen seiner Heimat, die Fahnen flatterten im Wind, entboten ihm den Gruß des Reiches, nicht mehr lange, dann würden sie den ganzen Weg säumen, doch man mußte sich gedulden, denn jetzt war Krieg.

Als der Wagen die Arbeitervorstadt erreichte, die Häuser mit dem abblätternden Putz und die Fabrikgebäude, preßte er die Lippen zusammen und bemühte sich, nicht aus dem Fenster zu blicken, hier war schlechte Luft, sie drang sogar durch die geschlossenen Fenster, es roch nach Schwefel, Rauch und Schweiß. Vorerst brauchte man die Untermenschen noch, also sollten sie nur schuften in den Fabriken und sich fortpflanzen in ihren Höhlen, damit das Reich mehr Arbeitskräfte hatte, eines Tages würde auch diese Vorstadt gesäubert sein, und dann würden große Plätze entstehen, von Bäumen gesäumte schnurgerade Straßen, die Leibeigenen aber würden in Reservate getrieben, mit Stacheldrahtumzäunung, mit Maschinengewehren auf den Wachtürmen, dort könnten sie in ihrem Dreck leben, solange das Reich sie brauchte. Und dann … aber das würde wahrscheinlich nicht mehr seine Arbeit sein, dafür würden sich genug Leute finden, die aus dem Krieg zurückkehrten, ihn dagegen würde der Führer wieder mit wichtigeren Aufgaben betrauen.

In der Stadt erweckte sein Auto keine Aufmerksamkeit mehr, dort fuhren viele ähnliche schwarze Limousinen. Doch einige Leute verschwanden rasch in Hauseingängen oder Geschäften, und manche Autos wichen zur Seite aus. Sie wußten, seine Standarte war das Symbol des Herrn über dieses Land.

Wenn der Wagen in den zweiten Burghof eingefahren war, schritt er die breite Treppe hinauf; die Beamten grüßten mit emporgestrecktem Oberarm, wenn er durch seine Kanzlei schritt, um endlich an dem langen Tisch Platz zu nehmen, auf dem mehrere Telefone standen. Lieber würde er in einem nüchternen Büro mit kahlen Wänden sitzen, wo statt der Gobelins mit Kriegsszenen und Schäferinnen nur ein Führerbild hing, doch die Kanzlei war von den vormaligen Besitzern eingerichtet worden, die jetzt irgendwo in London um Hilfe bettelten. Das Büro war ihm zugefallen wie ein Erbteil, das er nicht ausschlagen konnte, denn auch dies war ein Symbol der Macht, daß es mitsamt den widerlichen Gobelins und dem Spielzeugmobiliar das Eigentum der Sieger geworden war. Trotzdem hatte es sein Gutes, das Luxuskabinett, das war ihm heute bewußt geworden, als Frank ihm irgendwelche dem Reich treuen Troglodyten vorgestellt hatte, mit Schafpelzen und bestickten Blusen bekleidet, am Gürtel Metallplättchen. Frank sagte, es handele sich um eine Bauerndelegation, die ihm ihre Ehrerbietung erweisen wolle. Bauern waren sie vielleicht, doch möglicherweise hatte Frank sie in Theaterkostüme gesteckt. Sie schwitzten in ihren Pelzen und verbreiteten einen ekelhaften Geruch. Ganz verwirrt von der Pracht, starrten sie entsetzt auf die nackten Schäferinnen auf den Gobelins. Ihn amüsierte es, in ihren Gesichtern Angst und Staunen zu lesen. Manchmal wußte Frank wirklich die beschränktesten und stumpfsinnigsten Leute zu finden. Über einen Dolmetscher richtete er das Wort an sie, Deutsch verstanden sie nicht. Frank hatte ihnen den vorschriftsmäßigen Gruß beigebracht, die Pfoten heben konnten sie also, doch mehr war von ihnen vermutlich nicht zu erwarten. Frank sprach in ihrem Namen, denn vor lauter Angst brachten sie kein Wort über die Lippen. Daraufhin sagte er ein paar Sätze, Frank übersetzte, etwas über den heiligen Wenzel, das war wohl das einzige, was sie begriffen. Dann führte Frank sie hinaus, und die Kanzlei mußte gründlich gelüftet werden. Es war ganz amüsant, wenn bei ihm plötzlich solche Höhlenmenschen auftauchten, obwohl es ihn ziemlich viel Zeit kostete und er obendrein den Gestank ertragen mußte. Doch er erfüllte seine Pflicht als Herrscher und Verweser des Landes.

Die Zeitung hatte er bereits gelesen, ein Kradfahrer brachte sie ihm jeden Morgen in seine Residenz. Auf dem Tisch lag eine Menge Post, die schon im Sekretariat durchgesehen worden war, darunter auch einige Kuverts, die an ihn persönlich adressiert und sorgfältig versiegelt waren, mit der Aufschrift »Vertraulich«. Eigentlich hätte er sich zunächst die amtlichen Schreiben und die Vorschläge des Sekretariats ansehen und auch die versiegelten vertraulichen Schreiben öffnen müssen, doch zuallererst wollte er sich von Gieß anhören, welche Arbeit ihn heute erwartete. Er drückte auf die Klingel. Sofort erschien Gieß und nahm Haltung an. Er ließ ihn eine ganze Weile schweigend stehen. Das war eine vortreffliche Schule für Sekretäre, so lernen sie Disziplin.

Endlich sagte er: »Was für Arbeit erwartet mich heute? Fassen Sie sich kurz wie bei einer militärischen Meldung.«

Gieß stieß hervor: »Referat des Herrn Staatssekretärs über die politische und wirtschaftliche Lage im Protektorat. Für drei Uhr ist ein Gespräch mit Berlin angemeldet. Besuch beim Militärkommando mit Besichtigung neuer Waffen, die im Protektorat hergestellt worden sind. Zusammenkunft mit Industriellen aus dem Reich, die hier Betriebe ihrer Konzerne inspizieren. Dann ein kleines Abendessen, danach das Festkonzert. Im Warteraum sitzt seit einer Stunde ein Dichter, er ist für zehn Uhr bestellt.«

»Ein Dichter? Sind Sie verrückt geworden? Wer hat den herbestellt? Sie wissen doch, ich habe so viel Arbeit, daß ich erst nachts dazu komme, die Post zu erledigen, und Sie schicken mir irgendeinen Vagabunden her. Kann ihn denn nicht einer der Beamten empfangen?«

Gieß erklärte, es gehe um den Staatspreis des Reichsprotektorats, der anläßlich der Eröffnung des »Hauses der deutschen Kunst« an einen Künstler verliehen werden solle. Der Herr stellvertretende Reichsprotektor habe persönlich vorgeschlagen, die Preisverleihung nicht in feierlichem Rahmen, sondern in seinem Kabinett vorzunehmen, im Kriege müsse man Zeit sparen. Die Kommission habe den Preis dem Dichter Mally zuerkannt, für einen dem Führer gewidmeten Gedichtzyklus über Prag. Der Dichter warte in Begleitung des Rektors der Universität, zweier Jurymitglieder und des Staatssekretärs, um den Preis aus der Hand des stellvertretenden Reichsprotektors entgegenzunehmen.

»Mally? Das ist kein deutscher Name.«

Gieß erwiderte, der Dichter stamme aus den Sudeten, dort gebe es eine Unmenge solcher Namen. Sein Ahnenbrief beweise, daß er ein Dichter rein deutscher Herkunft sei.

»Ja«, er grinste, »aus den Sudeten.« Dort hatte sich alles vermischt, eine Schweinerei war das. Die Tschechen trugen deutsche Namen und die Deutschen tschechische, aber nach dem Krieg würde das alles in Ordnung gebracht werden. Jetzt blieb ihm nichts anderes übrig, als den Schreiberling mit dem dämlichen Namen zu empfangen.

Der uniformierte Adjutant machte die Tür weit auf. Den Amtsraum betrat langsam und würdevoll Staatssekretär Karl Hermann Frank in Uniform, gefolgt von Herren in schwarzem Anzug. Er erkannte den Rektor, mit ihm hatte er schon einmal gesprochen, für Gesichter hatte er ein trainiertes Gedächtnis. Damals hatte er ihn zu sich bestellt und ihm gesagt, die Prager Deutsche Universität, die in diesem Land eine Bastion des Reiches sein müsse, sei ein Saustall. Während der Republik war sie verjudet. Die Juden waren weg, aber ihr Geist war geblieben, die Studenten wollten Wissenschaft betreiben und drückten sich vor militärischen Übungen, wo solle das Reich dann Offiziere hernehmen! Der Rektor wagte nichts einzuwenden, er wußte genau, was ihn sonst erwartete. Von den drei Männern neben dem Rektor mußte einer der Dichter sein. Im Polizeidienst hatte er gelernt, in Gesichtern zu lesen, bestimmt würde er ihn herausfinden, obwohl es ziemlich schwierig war, da alle drei aus den Sudeten stammten. Wahrscheinlich war es der mit dem dämlichsten Gesicht. Im übrigen erledigte Frank eigentlich alles. Er lobte den Dichter, zählte seine Verdienste als Kämpfer für die Sache des Reiches auf, der Dichter hatte sich schon an der Universität für die nationalen Rechte geschlagen und bei den Demonstrationen gegen den jüdischen Rektor Steinherz einem Polizisten den Helm vom Kopf gerissen, wofür er verprügelt worden war. Während der großen Tage vor der Besetzung des Sudetenlandes war er ins Reich geflohen, um sich den Stoßtrupps anzuschließen, obwohl seine Gesundheit zu wünschen übrig ließ, er war herzkrank. Über alles mögliche sprach Frank, nur nicht über den Inhalt der Gedichte, obwohl sich das gehört hätte, er war schließlich Buchhändler. Anscheinend hatte Frank keine Zeit, Bücher zu lesen. Egal, was in den Gedichten stand, der Preis mußte verliehen werden, also gut, sollte Mally ihn erhalten. Nach Frank sprach der Rektor als Vorsitzender der Jury. Er hatte die Ergüsse des sudetendeutschen Schreiberlings gelesen, zitierte Verse über die hunderttürmige Goldene Stadt, deren Statuen und Paläste von der berühmten deutschen Vergangenheit zeugen, dann Verse über den Führer, der aus der Prager Burg hinausblickt, aus dem Sitz der dem Reich lehnspflichtigen böhmischen Könige, und mit Adleraugen all das Herrliche mustert, das nach tausend Jahren zurückkehrt in die harten und zugleich liebevollen deutschen Hände.

Er hörte die Phrasen des Rektors mit halbem Ohr und wollte ihm schon mit einer ungeduldigen Bewegung Schweigen gebieten, doch zu den Pflichten des Landesherrn zählt es, auch solches Geschwätz über sich ergehen zu lassen. Glücklicherweise bedeutete Frank dem Rektor unauffällig, er müsse zum Ende kommen. Auf Frank war Verlaß, er war ein guter Diener. Nun stellte der Rektor den Dichter vor. Er hatte sich nicht getäuscht, der Dichter hatte wirklich das dämlichste Gesicht. Er winkte ihn zu sich, um ihm das Kuvert mit dem Geld und die Urkunde zu überreichen. Doch er mußte auch noch ein paar Worte sagen.

»Hier war von den Palästen und Statuen die Rede. Ja, die Statuen waren immer treue Wächter und Beschützer dieser deutschen Stadt. Der Roland, Symbol des deutschen Rechts, das im Land herrschte, hält das Schwert in den Händen. Wir, die wir gekommen sind, diese Stadt zu befreien und aufs neue deutsches Recht und deutsche Ordnung einzuführen, halten das Schwert in den Händen: Gewähr dafür, daß keine Macht uns zwingen kann, dieses dem Feind entrissene Land wieder herzugeben, und daß wir es gegen alle Feinde verteidigen werden. Wo wir stehen, ist Deutschland, und was durch deutsches Blut erobert wurde, bleibt für alle Zeiten in deutschen Händen.«

Danach begleitete Frank den Rektor, die Jurymitglieder und den Dichter hinaus. Er blieb einen Moment allein. Ja, was er über den Roland und sein Schwert gesagt hatte, war gut. Schade, daß er die Worte vor dieser nichtswürdigen Zuhörerschaft sudetendeutscher Bastarde verschwendet hatte! Das Standbild erhob sich über der Moldau, das Gesicht der Brücke zugewandt, der Fluß strömte unter der Brücke hindurch und trug sein Wasser ins Reich. Früher stand es einsam in der Gesellschaft von Heiligen, die sich in Krämpfen wanden und deren Augen hervorquollen, nun aber, da Panzer und Geschütze über die Brücke rollten, nun, da Regimenter mit klingendem Spiel über die Karlsbrücke marschierten, stand es nicht mehr allein, es war umgeben von all den Lebenden, denen es von der Vorsehung bestimmt war, in deutschen Landen zu herrschen. Sah Rolands Helm denn nicht den Stahlhelmen der deutschen Wehrmacht ähnlich, die diese Stadt besetzt hatte? Hielt er nicht das Wappen der Stadt, das ihr Symbol war, fest in seiner Hand?

Frank kehrte zurück, und ein normaler Arbeitstag begann. Franks Rapport war umfangreich, er begann mit der Wirtschaft im Protektorat, erläuterte die politische Lage, die Stimmung der Bevölkerung, die Wirkung der roten Anschlagzettel, auf denen die Hingerichteten aufgezählt wurden. Er hörte Frank zu, alle diese Angaben kannte er, sie kamen von verschiedenen Behörden und auch von der Gestapo, einige Informationen aber teilte die Gestapo auch Frank nicht mit, die kannte nur er. Frank hatte auf der Grundlage der ihm zugänglichen Angaben ein übersichtliches Referat ausgearbeitet, keine schlechte Arbeit, doch Neues enthielt es nicht.

»Und die Juden?«

Das war die wichtigste Aufgabe. Nicht einmal Frank wußte, daß er, Reinhard Heydrich, vom Führer persönlich mit der Liquidierung der jüdischen Bevölkerung im gesamten Reich und in den unterworfenen Ländern betraut worden war, nicht einmal Frank wußte, daß ihm, Heydrich, sämtliche Dienststellen für Judenangelegenheiten in ganz Europa unterstanden. Und er wußte auch nicht von der Konferenz, auf der die Richtlinien für die Ausrottung aller Juden festgelegt, Fristen und Pläne für den Bau von Gaskammern und Krematorien erarbeitet worden waren. Es war noch genug Zeit, Frank davon in Kenntnis zu setzen, erst einmal hatte er ihn beauftragt, einen Ort in Böhmen zu finden, an dem ein provisorisches Getto eingerichtet werden konnte. Gettos einzurichten war auf der Konferenz beschlossen worden, sie sollten Fallen, Sammelpunkte sein, aber zugleich zur Tarnung dienen, um das neutrale Ausland hinters Licht zu führen.

»Theresienstadt«, sagte Frank.

Ja, die Stadt hatte er gesehen. Ein verschlafenes Kasernenstädtchen in lieblicher Landschaft, dicht an der Reichsgrenze. Tschechische Bevölkerung, in den Kasernen deutsche Truppen. In der Kleinen Festung eine Zweigstelle eines Gestapogefängnisses, also gute Nachbarschaft. Festungswälle, die sich gut bewachen ließen. Allerdings eine kleine Stadt, aber auch das bot Vorteile, es handelte sich ja nur um eine Zwischenstation auf dem Weg zur Endlösung. Ein gutes Wort: Endlösung. Die Wahl war trefflich, allerdings erübrigte sich Lob für Frank, ausgewählt hatte die Stadt sowieso jemand vom Sicherheitsdienst und nicht er.

»Gut. Also können die Transporte in nächster Zeit beginnen.«

»Jawohl.« Frank schlug die Hacken zusammen.

Nachdem Frank fort war, war es nach dem Terminplan weitergegangen, den Gieß in seinem Notizbuch hatte. Es war ein schwerer, langer Arbeitstag geworden. Erst jetzt, bei Mozarts Musik, konnte er sich entspannen. Es schadete nichts, daß es angenehm beruhigende Musik war. Nach dem Konzert erwartete ihn noch die anstrengende Pflicht, im Palais Černín einen Empfang für das Konsularische Korps zu geben, so daß er heute nacht gar nicht nach Hause kam.

Das Konzert endete mit stürmischem Applaus, das erste Konzert deutscher Musik im wiedergewonnenen »Haus der deutschen Kunst«.